Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“

Der „Spiegel“ berichtet in seinem aktuellen Heft über den Trend zu native advertising: Werbung, die gestaltet wird wie ein redaktioneller Artikel und nur durch einen — mehr oder weniger deutlichen — Hinweis als Anzeige gekennzeichnet ist. Das Stück referiert die aktuellen Diskussionen in den Vereinigten Staaten und Deutschland und zeigt, wie heikel solche Formen für die Glaubwürdigkeit seriöser Medien ist.

Mit „native advertising“ erreicht die bewusste Irreführung der Leser eine neue Qualität: Sie wird zu einem gängigen Stilmittel der Werbung, vor allem im Netz. Dort lassen sich Inhalt und Reklame deutlich einfacher und billiger verbinden als in gedruckten Medien.

Das Nachrichtenmagazin zitiert den „Guardian“-Kolumnisten Bob Garfield:

„Der Journalismus verkauft damit seine Seele.“

Der „Spiegel“ zieht darin für sich selbst eine klare Grenze:

Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.

In einem Video zum Heft erklärt Medienredakteur Martin U. Müller, einer der beiden Autoren des Textes, dass man Anzeigen bei „Spiegel Online“ selbstverständlich klar von redaktionellen Inhalten unterscheiden könne, durch Gestaltung, Schriftart, Farbgebung und so weiter. Andere Seiten sähen das nicht so eng, sagt er, und führt den Zuschauer durch verschiedene Beispiele, bei „Werben & Verkaufen“ und der „Huffington Post“, wo nur ein leicht zu überlesener Hinweis wie „Sponsored Post“ über dem Text deutlich mache, dass die Inhalte gekauft wurden.

Nun.

Dann sagen Sie doch mal spontan, wonach diese regelmäßige Kolumne über das Glück auf „Spiegel Online“ aussieht:

Die Schriftart ist die Standard-Schriftart von „Spiegel Online“. Die Farben sind die des Panorama-Ressorts. Und oben in der Brotkrumen-Navigation ist der Text säuberlich in die redaktionelle Hierarchie einsortiert: Nachrichten > Panorama > Eurojackpot

Der Autor Oliver Schönfeld schaut aus einem Guckloch wie die anderen Kolumnisten von „Spiegel Online“. Und er wird ausdrücklich als „Journalist“ vorgestellt. Dabei nennt sich seine Firma „Schönfeld PR“, und er ist eher nicht journalistisch tätig, sondern werblich. Die Artikel sind anscheinend von WestLotto bezahlt. Das lässt die Formulierung „Ein Service von WestLotto“ auch erahnen, aber eben doch nur: erahnen.

Um den „Spiegel“ selbst zu zitieren:

Die verbalen Verrenkungen, mit denen sich viele Verlage um das Wort „Werbung“ herumdrücken, lässt an ihrem Bemühen um Transparenz zumindest zweifeln.

Unter der vermeintlichen Glücks-Kolumne steht zwar auch als Kleingedrucktes der Satz:

SPIEGEL ONLINE ist weder für den Inhalt noch für ggf. angebotene Produkte verantwortlich.

Aber das ändert nichts daran, dass die Gestaltung der Anzeige erkennbar auf die Möglichkeit einer Verwechslung mit redaktionellen Inhalten abzielt.

Das Wort „Anzeige“ oder „Werbung“ vermeidet „Spiegel Online“ auch bei dem Kasten, der am Fuß jeder Seite steht:

Ein „Serviceangebot“ von einem „Spiegel Online“-„Partner“, was mag das sein? Unter dieser Überschrift sind munter redaktionelle und werbliche Inhalte sowie Kooperationen, bei denen völlig unklar ist, ob und wie „Spiegel Online“ daran verdient, gemischt. Vor dem Klick hat der Leser keine Chance, es zu erraten. Oder hätten Sie gedacht, dass der „Kreditvergleich“-Link ein Werbelink ist, der „Versicherungen“-Link aber ein redaktioneller?

Ich halte das an sich schon für eine schlechte Idee von „Spiegel Online“. Besonders schlecht ist aber, wenn der „Spiegel“ den Eindruck erweckt, „Seelen-Verkäufer“, das sind nur die anderen.

Nachtrag, 22. April. Es gibt doch eine Möglichkeit, vor dem Klick auf einen der Links in dem „Serviceangebot“-Kasten zu wissen, ob er zu Werbung oder einem redaktionellen Inhalt führt: Wenn man den Mauszeiger über dem jeweiligen Stichwort schweben lässt, erscheint nach etwa einer Sekunde das Wort „Anzeige“ (oder nicht).

Nachtrag, 12:30 Uhr. „Spiegel Online“ hat die Werbe-Kolumne als „Fehler“ bezeichnet. Barbara Hans, die stellvertretende Chefredakteurin, sagte gegenüber „Meedia“, die Anzeige unterscheide sich „nicht eindeutig und klar genug von redaktionellen Inhalten. Insbesondere sind Begriffe wie ‚Kolumne‘ und ‚Journalist‘ sowie die optische Anmutung im Kolumnen-Layout dem redaktionellen Bereich von Spiegel Online vorbehalten.“

Der Link zur „Eurojackpot“-Unterseite ist im „Service“-Mischkasten und im „Panorama“-Menu nun verschwunden.

Unter Schafen

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Endloser Regen, twitternde Schäfer und die „passiv-subversivsten Tiere diesseits des Esels“: Wie die Herdwicks den Lake District im Nordwesten von England prägen.

Der Schäfer drückt mir das Lamm in die Hand, damit ich den Unterschied fühlen kann. Es ist mit einem dunklen, dicken, dichten Lockenmantel auf die Welt gekommen. Robust fühlt es sich an. Kein Vergleich zu dem hellen, dünnen, weichen Flaum auf der Haut des Standard-Lämmchens, das er daneben hält.

Das wenige Tage alte Schaf, das ich auf dem Arm habe, ist ein Herdwick, ausgestattet mit dem vielleicht besten Wetterschutz, den die Natur für kleine Lämmer zu bieten hat, gemacht für eine Umgebung, in der es im Zweifel immer gerade regnet.

Lake District heißt diese Gegend ganz im Nordwesten von England. Sie könnte auch Rain District heißen. In einem ihrer Täler liegt der regenreichste Ort Englands. Vor einem Pub dort hängt eine Gedenktafel: „In liebender Erinnerung an einen sonnigen Tag in Borrowdale.“ Im Süßigkeitenladen in Keswick bieten sie neben Schokoladenhasen und Schokoladenküken Schokoladenregenschirme an. Und die Verkäuferin im Fish-and-Chips-Geschäft in Windermere erzählt, dass es eigentlich immer regnet, nur manchmal woanders auch, dann verteilt sich das schlechte Wetter etwas mehr, so dass es hier nicht ganz so schlimm ist.

Es hat etwas merkwürdig angemessenes, hier im Nieselregen an den weißgetünchten alten Höfen vorbeizulaufen, Weiden, die zu Sumpflandschaften geworden sind, zu durchqueren, tosende Wasserströme zu kreuzen und über moosbewachsene Steinmauern zu klettern. Es ist kein Ort für Schönwetterwanderer, überall sind auch im Regen Menschen unter zugezurrten Kapuzen unterwegs. Doch dann pustet der Wind plötzlich die Wolken weg und mit einem Mal ist im Sonnenschein alles tiefgesättigte Farbe: das Blau der Seen, das Grün der Wiesen, erstaunliches Rot, Braun, Gelb, Ocker auf den baumlosen Berghängen.

Ein Traum, der das Schroffe schottischer Gebirge mit der Lieblichkeit südenglischer Hügellandschaften aufs Romantischste kombiniert.

Es ist eine Landschaft, die von den Schafen geprägt wurde, und es sind Schafe, die von der Landschaft geprägt wurden. Seit Jahrhunderten grasen Herdwicks hier auf den Bergkuppen, harren in Wind und Regen aus. Sie sind unabhängig und hart im Nehmen, und auch wenn die Theorie, dass die Wikinger sie vor tausend Jahren in diese Gegend gebracht haben, unbewiesen ist, will man das sofort glauben: Dass es legendär furchtlose Krieger waren, die solch toughen Haustiere mitbrachten. Es gibt Geschichten von Herdwicks, die wochenlang unter Schnee überlebten. Als man sie fand, sollen sie blind gewesen sein und ihre eigene Wolle gefressen haben – aber sie erholten sich.

Sie sind, andererseits, sehr niedlich, und es ist kein Wunder, dass sich die Kinderbuchautorin Beatrix Potter in sie verliebte. Sie wirken wie Schafe in Reinform, reduziert auf das Wesentliche und als wären sie von oder für Kinderbuchillustratoren entwickelt worden: Zwei Knopfaugen im glatten, hellen Gesicht; Mund und Nase wie genäht; eine großer, rechteckiger Flauschkörper in vielfältig grauen Marmorfarben auf stämmigen Beinstummeln. Kopf und Beine sollen im Idealfall die Farbe von Raureif haben.

Sie sehen so sympathisch und perfekt schafhaft aus, wenn sie ihre weißen Köpfe aus dem Gras nehmen und für einen Moment aufhören zu kauen: Stoisch schauen sie einen an, nicht unfreundlich, aber nur mit gerade so viel Interesse, wie unbedingt nötig ist, um abzuschätzen, ob es ratsam sein könnte, ein paar Meter weiterzuschlurfen, um ungestört weiter an der dünnen Grasnarbe knabbern zu können. Ihre Gesichter leuchten hell in der Landschaft, was es zu einem besonderen Erlebnis macht, wenn der Wanderweg durch eine Wiese führt und man plötzlich Dutzende Herdwick-Köpfe auf einen gerichtet sieht.

Sie waren eigentlich aus der Mode gekommen, keine Rasse für einen modernen Schäfer, und auch der Mann, der heute als „Herdwick Shepherd“ über sie twittert, hätte sich vor gut zehn Jahren noch nicht vorstellen können, ausgerechnet Herdwicks zu züchten. Aber dann kam die Maul- und Klauenseuche, die im Lake District besonders verheerend war. Und Schäfer-Familien wie seine stellten sich nach dieser Apokalypse die Frage, unter welchen Bedingungen es sich überhaupt lohnen könnte, noch Schafe zu halten.

Die Herdwicks boten eine Antwort, weil sie so verhältnismäßig wenig menschliche Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen. Aber wenn der Herdy Shepherd – der nicht möchte, dass man seinen richtigen Namen nennt – heute von seinen Herdwicks erzählt, tut er das mit einer Leidenschaft für genau diese Tiere, die nichts mit wirtschaftlicher Notwendigkeit zu tun hat.

Er bekommt ein Leuchten in den Augen, wenn man ihn anspricht auf das eine Schaf unten im Feld vor seinem Hof, das schon zwei Lämmer bei sich hat. Es ist eins von denen, die er seine „Schönheitsköniginnen“ nennt. Sie hat schon Routine im jährlichen Lauf der Dinge hier und weiß, dass um die Ecke eine Wiese ist, die in den vergangenen Wochen schaffrei gehalten wurde, damit sie und die anderen Mütter dort reichlich Gras finden würden.

In ein paar Wochen wird sie dann über uralte Wege mit den anderen dorthin gehen, wo sie eigentlich zuhause sind. Der Schäfer zeigt in die Ferne auf eine der Bergkuppen, die hier „fell“ heißen und auf denen man Mitte April noch größere Schneeflecken sieht. Die ersten Tiere, die ohne Nachwuchs, sind jetzt schon da, es folgen dann Mütter mit nur einem Lamm und schließlich die Familien mit Zwillingen.

Dort oben auf den Bergen ist traditionell offenes Gemeinschaftsland, Commons, Allmende – die größte Fläche in Europa. Die Herdwicks können sich weit ausbreiten, was sie weniger anfällig für Krankheiten macht. Und sie wissen, wo sie hingehören. Sie haben einen Flecken Erde, an den sie sich gebunden fühlen; die Muttertiere geben das Wissen an ihren Nachwuchs weiter.

Traditionell gehören die Schafe hier deshalb zu den Höfen: Wenn dessen Mieter wechselt, übernimmt er die Tiere. Herdwicks sind die Brieftauben unter den Schafen: Sie haben einen besonders ausgeprägten Heimfindeinstinkt – und einen Drang, zu „ihrem“ Berg zurückzukehren. Zu den Geschichten des Lake Districts gehören die von kleinen Schaftrupps, die beim Durchqueren von Ortschaften angetroffen werden, nachdem sie sich eigenmächtig auf dem Weg dahin zurück gemacht haben, wo sie ihrer Meinung nach hingehören. Manche sollen ein halbes Jahr, nachdem sie verkauft wurden, auf ihrem Ursprungs-Hang wieder aufgetaucht sein, Dutzende Kilometer entfernt.

Philip Walling, der in dem Buch „Counting Sheep“ die Hirten-Kultur Großbritanniens würdigt, nennt die Herdwicks „die passiv-subversivsten halb-domestizierten Tiere diesseits des Esels“: „Wenn sie in einem Feld glücklich sind, bleiben sie da, aber immer nur aus freien Stücken. Ihr Ur-Drang nach Freiheit ist nie weit unter der Oberfläche. Wie Kriegsgefangene lauern sie auf die kleinste Gelegenheit zum Ausbruch und behalten beim Grasen das Gatter im Auge, für den Fall, dass es jemand offen lässt.“

In diesen Tagen sind sie aber überwiegend damit beschäftigt, Lämmer zur Welt zu bringen. 500 Tiere hat der Herdy Shepherd; für Problemfälle hat er eine kleine Entbindungsstation in seinem Stall eingerichtet. Die besten Lämmer sind pechschwarz, mit etwas weißem Flaum an den Ohrenspitzen sowie im Nacken, als erste Andeutung dessen, was später einmal eine eindrucksvolle Mähne sein soll.

Stolz zeigt der Herdy Shepherd Fotos von seinen preisgekrönten Böcken und erzählt, wie wichtig es ihm ist, den Respekt der alten Schäfer zu erwerben, deren Tradition er fortzuführen versucht. Solche Vorzeige-Zuchttiere lassen sich auch deutlich teurer verkaufen, was hilft, das mühsame Geschäft ein bisschen wirtschaftlicher zu machen.

Seit kurzem wird viel daran gearbeitet, die Wertschätzung für die Herdwicks und die mit ihnen verbundene landwirtschaftliche Kultur zu steigern. Es gibt Herdy-Tassen, Schlüsselanhänger und Eierbecher. Prinz Charles hat vor zwei Wochen die erste Versteigerung von Herdwick-Schafen mit einem eigenen Qualitäts-Markenzeichen besucht.

Twitter hilft vielleicht auch. Über 25.000 Menschen folgen @herdyshepherd1 auf Twitter. Er teilt mit ihnen Fotos von Lämmern, erzählt Geschichten von schweren Geburten und Schäferhund-Lehrlingen und beantwortet Fragen wie: „Habt ihr ein Problem mit Wölfen?“ („Nicht seit 1750, seit jemand den letzten in Großbritannien erschossen hat.“)

Medien auf der ganzen Welt haben über ihn berichtet. In einem Gastbeitrag für den „Atlantic“ schrieb er: „Twittern ist so etwas wie ein Akt des Widerstandes und des Trotzes, eine Möglichkeit, der manchmal desinteressierten Welt entgegenzurufen, dass man dickköpfig ist und stolz und nicht nachgibt, während überall sonst in eine Kopie von überall sonst verwandelt wird.“ Die Leute aus der Landwirtschaft seien traditionell schlecht darin, der Öffentlichkeit ihre Sicht der Dinge zu vermitteln, erzählt er, was sich oft räche.

Vergangene Woche postete er Bilder von der ersten Runde Herdwicks, die in diesem Jahr zurück auf ihre angestammten Berge geführt wurden. Und dann ein Foto von Floss, der Schäferhündin, nach der Arbeit auf dem Quad-Bike, mit weitem Blick über die Hügel. „Floss mag die Landschaft“, twitterte er. „Oder vielleicht sieht sie in der Ferne irgendwelche entkommenden Schafe, die ich nicht sehe.“

Nicht jedem wird bei diesem Anblick warm ums Herz. Der Umweltschützer und „Guardian“-Kolumnist George Monbiot findet die Landschaft „eine der deprimierendsten in Europa“ und nennt sie „sheepwrecked“ – zerstört von der „weißen Plage“ der Schafe, die die Berge nackt halten, „jede essbare Pflanze, die ihren Kopf hebt, abmähen, und Tiere ihres Lebensraumes berauben“.

Monbiot kämpft dafür, die Landschaft zu „renaturieren“ und sie in einen Zustand zu versetzen, in dem sie seit Jahrhunderten nicht war. Vermutlich muss man es vor dem Hintergrund solcher Kritiker lesen, wenn der Herdy Shepherd zwischendurch vier Tweets lang aufzählt, welcher Artenvielfalt von Tieren er bei der Arbeit begegnet ist.

Die britische Regierung hat beschlossen, den Lake District 2016 für die Unesco-Welterbe-Liste vorzuschlagen – als herausragende Kulturlandschaft. Das soll natürlich dem Tourismus dienen. Aber es wäre auch eine besondere Anerkennung für die besonderen kulturellen und landwirtschaftlichen Traditionen, die diese Landschaft geformt haben. Also auch und vor allem: für die Herdwicks.

Man sagt über sie, sie lebten „von frischer Luft, sauberem Wasser und guter Aussicht“. Aber ein bisschen Liebe kann vermutlich nicht schaden.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Flausch am Sonntag (62)




Im Lake District, ganz im Nordwesten Englands, leben die tollsten Schafe: Herdwicks. Sie sind außerordentlich selbstständig, robust und hart im Nehmen, so dass man sofort die These glauben will, dass die Wikinger sie vor tausend Jahren hierhin mitgebracht haben. Und andererseits sind sie hinreißend niedlich mit ihren Knopfaugen im glatten, raureiffarbenen Gesicht und dem zotteligen marmorfarbenen Flauschkörper — als wären sie von oder für Kinderbuchillustratoren entwickelt worden.

Ich war vor zehn Tagen dort und habe es auch geschafft, den @HerdyShepherd1 zu treffen. Mein Bericht (und eine Art Liebeserklärung an diese Schafe) steht heute in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Der Fotograf Ian Lawson hat ein Buch gemacht mit grandiosen Bildern von der Landschaft und den Tieren, die sie geprägt haben (und umgekehrt). Durch viele Seiten kann man sich hier blättern:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Flauschige Ostern!

Über Kai Diekmann

Kai Diekmann, der von Fachmedien seit einiger Zeit als lustiger, selbstironischer und eloquenter Mensch mit Bart behandelte Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, hat mit einer Wortmeldung auf Twitter auf meinen Spott über die Ukraine-Berichterstattung seiner Zeitung reagiert:

… bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert

Mittwoch, 16. April. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, schreibt in der „FAZ“ an den Verwaltungsratsvorsitzenden von Google, Eric Schmidt:

Ein anderer Weg wäre die freiwillige Selbstbeschränkung des Siegers. Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert?

Donnerstag, 17. April. Rainer Brüderle, der frühere Bundeswirtschaftsminister (FDP), fordert im „Handelsblatt“:

Zerschlagt Google!

Na, da scheint Google ja noch ein bisschen Zeit zu haben.

Wie „Focus Online“ die Kritik der Schumacher-Managerin fälscht

Da waren die Menschen, die im Schutze der Anonymität bei „Focus Online“ seit Wochen den Michael-Schumacher-Live-Ticker befüllen, vielleicht doch für einen Moment ins Schwitzen gekommen. Denn natürlich live-tickerten sie auch die Sendung „Günther Jauch“, in der es um Michael Schumacher und vor allem den Umgang der Medien mit seinem Unfall ging.

Und dann, es war 22:04 Uhr, nannte Sabine Kehm als Negativ-Beispiel für die Berichterstattung vermeintlich seriöser Medien ausgerechnet: „Focus Online“.

Kehm: Es gibt in der Tat auch die sogenannten seriösen Medien, wo man vielleicht sagen muss… Gerade deren Online-Ableger, die leben dann von dem Ruf, den das Mutterblatt hat.

Jauch: Können Sie mal ein Beispiel nennen?

Kehm: In unserem konkreten Fall kann ich natürlich konkret das Beispiel „Focus Online“ nennen. Die haben, seit der Unfall passiert ist, einen sogenannten… anfangs nannte es sich Live-Ticker, jetzt nennt es sich, glaube ich, mittlerweile News-Ticker. Der jeden Tag, ähm, ja, „Fakten“ in Anführungsstrichen liefert. Die „Fakten“ sehen dann teilweise so aus, dass es an manchen Tagen einfach nichts zu berichten gibt. Und dann wird irgendwas ausgegraben, was teilweise, muss ich leider sagen, sehr hanebüchen ist. Was dann aber auch immer wieder die anderen Medien, die Print-Medien… Und was sehr oft mich dann dazu bringt, dass ich jeden Tag mit Sachen konfrontiert werde, die da ein bisschen ausgegraben wurden, aus tiefen Tiefen.

Es wurde 22:05 Uhr, 22:08 Uhr, 22:10 Uhr, aber im „Focus Online“-Live-Ticker, in dem sonst minutiös das Nichts protokolliert wird, tauchte dieser Teil der Diskussion nicht auf.

Erst mit dem Zeitstempel 22:16 Uhr erschien dann die folgende Burda-Version der Wirklichkeit:

22.16 Uhr: Sabine Kehm kritisiert die Rolle der Medien in diesem Fall, den ständigen Durst nach Berichterstattung. „FOCUS Online hat beispielsweise einen News-Ticker, der jeden Tag mit Informationen gefüllt wird.“ Da gebe es auch Tage mit weniger Informationsgehalt. Und durch den dauernden Run auf Neuigkeiten, die dann wieder von anderen Medien übernommen würden, entstünden auch Gerüchte, die eher hanebüchener Natur sind.

Man muss das würdigen: In nur zwölf Minuten hatten es die „Focus Online“-Leute geschafft, eine Version aufzuschreiben, die nicht ganz falsch ist und sogar einen Hauch von Kritik an „Focus Online“ enthält, und doch den Kern des Vorwurfs dramatisch reduziert und weiterschiebt. Das Hanebüchene entsteht nun zum Beispiel in irgendeinem gemeinsamen „Run“ in Zusammenarbeit mit anderen Medien, nicht schon in den Live-Ticker-Stuben von „Focus Online“.

Ich habe Daniel Steil, den Chefredakteur von „Focus Online“, angesichts der Verspätung auf Twitter gefragt:

Klingt plausibel, ist aber gelogen. Denn in der Zeit, in der der Live-Ticker nicht über die Kritik von Kehm an „Focus Online“ berichtete, berichtete er schon über andere Dinge, die erst später passiert sind. Bei den Einträgen um 22:09 Uhr, 22:12 Uhr und 22:13 Uhr ist der Zeitstempel im Ticker korrekt. Die Kritik von Kehm hat „Focus Online“ hingegen vordatiert. Mit den normalen Verzögerungen („schreiben, Seite brennen, veröffentlichen“) hat das nichts zu tun.

Vermutlich brauchte man einfach eine Zeit, bis man sich entschieden hatte, die Sache nicht komplett unter den Tisch fallen zu lassen, sondern nur halb.

Nachtrag, 14. April, 2:00 Uhr. Mit Zeitstempel 01:34 Uhr hat „Focus Online“ die Kritik von Kehm im Wortlaut im Ticker nachgereicht.

Der Grimme-Preis als Trost-Preis: Dominik Grafs Nachruf auf das Fernsehen

Dominik Graf hat dem Grimme-Preis zum 50. Geburtstag einen Film geschenkt. Es ist ein Nachruf geworden. Ein Nachruf auf das Fernsehen. Und auf all die Träume und Versprechungen, die sich einst mit diesem Medium verbanden, seine Experimentierlust und seine Neugier, seinen Ehrgeiz und seinen Anspruch. Ein Nachruf auf all die Hoffnungen, die das Fernsehen und seine Zuschauer längst begraben haben.

Es ist ein trauriger Film geworden, aber das Traurigste sind nicht die sentimentalen Rückblicke in alte Fernsehzeiten, die nostalgischen Erinnerungen und Beschwörungen einer untergegangenen Zeit, die natürlich, und zu Recht, im Verdacht stehen, etwas zu verklären und zu idealisieren; wohlfeil zu sein in ihrer Kritik an der Gegenwart.

Das Traurigste sind die Sätze, die Fernsehmacher und Fernsehverantwortliche von heute über die Gegenwart des Fernsehmachens sagen.

Barbara Buhl sitzt da, die aktuelle Leiterin der Programmgruppe Fernsehfilm im WDR, und sie strahlt eine solche Resignation aus, dass man sich fragt, wie sie es schafft, morgens ins Büro zu gehen. Sie sind so bitter, ihre Sätze, und dabei so verblüffend offenherzig — so reden Fernsehverantwortliche sonst nicht öffentlich.

Sie sagt zum Beispiel:

Ich glaube, wir können uns gar nicht mehr so viel selber helfen. Ich glaube, man muss uns von außen dazu zwingen. Ich glaube, die Struktur ist so hierarchisch — und so komplex andererseits auch wieder, durch diese föderalen Sender- und Konkurrenzen-Gefechte um Sendeplatz und Präsenz.

Über den Jubilar formuliert sie:

Der Grimme-Preis gilt als Schutzschild, wenn man jetzt quotenmäßig, sagen wir mal, relativ wenig Erfolg hatte, dann hat man aber wenigstens einen Grimme-Preis, und man kann sich sozusagen mit den Preisen am Schluss des Jahres noch ein wenig schmücken. Aber medienpolitisch geht das nur bis zu einer ganz bestimmten Ebene, das kommt nicht in die obersten Etagen überhaupt ins Bewusstsein, glaube ich.

Der Grimme-Preis, er ist in dieser öffentlich-rechtlichen Logik eine Art Trostpreis. Die Währung, die einzige harte Währung, ist die Quote. Aber wer die nicht hat, hat mit einem Grimme-Preis wenigstens einen kleinen Zauber, mit dem er sich mit etwas Glück den Rücken freihalten kann.

Bettina Reitz, die Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks, formuliert es ähnlich:

Wenn der Film auch noch eine schlechte Quote hatte, dann konntest du nur noch auf einen Preis hoffen. Wenn du wenigstens sagen konntest: Die Quote war nicht so gut, aber der Film hat einen Grimme-Preis bekommen, dann wurdest du wieder, sozusagen, in Ruhe gelassen.

Erst wenn man die Quote weiß, kann man beurteilen, ob eine Sendung Qualität hat. Eine Beurteilung nach anderen Kriterien ist so schwer geworden, dass der Freiraum dafür mit größerer Anstrengung geschaffen werden muss, wie Reitz berichtet:

Du brauchtest irgendwo auch ein Rückgrat, indem du sagtest, jetzt müssen wir erstmal über den Inhalt diskutieren, in der Redaktion zu einer Einschätzung eines Filmes finden, und zwar unabhängig, wie die Quote sein wird. Das heißt, im Vorfeld der Ausstrahlung. Das war die einzige Rettung, die du in dieser Zeit hattest, dass man sich mit dem künstlerischen Team und den Kolleginnen und Kollegen einig war, wie wir einen Film einschätzen und auch bewerten.

Vielleicht ist es noch eine Untertreibung, wenn man sagt, dass die Quote in diesem System alles ist.

Und dann sitzt da die Produzentin Katja Herzog und sagt über ausländisches Fernsehen:

Ich bin 38, ich möchte Filme machen oder auch Serien, und mein Zuschauer, unser Zuschauer, ist eben gute 60 Jahre alt. Das heißt im Prinzip: Ich muss meinen Eltern Geschichten erzählen. Das bringt mich auch als Macher in eine gewisse Schizophrenie, weil ich ja abends nach Hause gehe, und mir Dinge anschaue, die ich liebe und von denen ich lerne und die ich auch gerne analyisere, aber am Morgen sozusagen in mein Büro marschiere und weiß, das ich das alles hinter mir lassen muss, weil: Nichts von dem, was ich toll finde, kann ich wirklich unterbringen, in dem Rahmen, der mir momentan gesteckt ist.

Ist das nicht zum Heulen?

Dominik Grafs Film macht nicht nur traurig, er macht auch wütend. Auf die ganzen selbstgemachten Zwänge, die eierlosen Entscheider, die Verhinderer.

Der Film hat mich wieder erinnert an eine Diskussion beim „Netzwerk Recherche“. Vor vier Jahren saßen Volker Herres, Programmdirektor Das Erste, und Thomas Bellut, damals noch ZDF-Programmdirektor, heute -Intendant, auf dem Podium. Markus Brauck vom „Spiegel“ moderierte, und er dachte, er versucht mal, die beiden gegeneinander aufzuhetzen. Sie dazu zu bringen, mit Leidenschaft für ihr Programm zu kämpfen und das des Konkurrenten anzugreifen. Was für ein grandioser Irrtum.

Da saßen keine zwei unterschiedlichen Personen. Da saß ein doppelter Technokrat, dessen Leidenschaft nicht irgendwelchen Programmen galt, sondern dem Audience Flow. Der versuchten, irgendwelche Teile mit irgendwelchen Inhalten so ineinanderzupuzzeln, dass da möglichst wenig ruckelte. Dass da keine Lücken oder Huckel entstanden, bei denen Zuschauer verloren gehen konnten. Es ging diesen Leuten nicht um Inhalte, sondern um Logistik. Sie hätten — so jedenfalls mein Eindruck — genauso gut Container mit Dosenthunfisch sortieren können wie Sendungen im Programmschema.

Es sind diese Leute, die konfektionieren, industrialisieren und schematisieren, auf die Dominik Grafs Film mich wieder frisch wütend macht, ihre Anspruchslosigkeit, ihre Leidenschaftslosigkeit, ihre Mutlosigkeit.

Dominik Graf erzählt Aufstieg und Verfall des Fernsehens parallel zu Aufstieg und Verfall der Stadt Marl, die auch vor noch nicht so vielen Jahrzehnten große Hoffnungen und kühne Träume hatte. Ich habe zum ersten Mal verstanden, was die Besonderheit dieser Stadt ist, über die sich so leicht lästern lässt, wenn man in irgendeinem Zusammenhang mit Grimme da zu Besuch ist und zwischen dem Beton friert.

Der schönste Teil des Films ist ein bittersüßes Märchen, das Graf von einer Fernseh-Ansagerin erzählt, Inger Stoltz (Judith Bohle), träumerisch authentisch in Szene gesetzt. Graf setzt mit der kleinen Geschichte der Ansagerin an sich ein Denkmal, und er zeigt sie als Symbol für ein Fernsehen, das noch eine persönliche Beziehung zu dem einzelnen Zuschauer aufzubauen versuchte und ihn nicht auf den Bestandteil einer unter dubiosen Umständen gemessenen Quote reduzierte. Schon für diese Geschichte lohnt sich das Einschalten.

Der Film endet mit einer wunderbaren kleinen Szene, die man gesehen haben muss, und großem, verwegenem Pathos:

„Es geht beim Fernsehen um Freiheit, um Offenheit, um das Niederlegen von Denkzäunen. Es geht um die Vernichtung von Bürokratie. Es geht um die Vermischung von Avantgarde und Popularität. Es geht schlicht und einfach um die Verbesserung der Welt.

Haltet Euch ran, Freunde.

Wir.
Waren.
Schon.
Mal.
Mit.
Allem.
Wesentlich.
Weiter.

Der Film „Es werde Stadt“ von Dominik Graf und Martin Farkas zum Zustand des Fernsehens in Deutschland aus Anlass des 50. Grimme-Preises wurde von vier Rundfunkanstalten der ARD koproduziert. Er hat deshalb das Privileg, in den nächsten Wochen gleich viermal zu sehen zu sein: WDR, heute, 23:15 Uhr; NDR, Dienstag auf Mittwoch, 0:00 Uhr; SWR, Mittwoch, 23:30 Uhr; BR, 3. Juni, 22:45 Uhr.

Dass die ARD diesen Film auf einem ihrer 3000 Kanäle zu einer Zeit zeigen könnte, bei der der Zuschauer nicht bis nach Mitternacht aufbleiben muss, ist natürlich unvorstellbar.

„Es werde Stadt“ in der WDR-Mediathek ansehen

„Hammerharte Zensur“: ZDF geht Hassprediger Pirinçci auf den Leim

Es ist gestern also wieder zu einem schlimmen Fall von Zensur gekommen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, zu einem Rückfall in finsterste Zeiten, beziehungsweise einem Vorgeschmack auf die totalitäre Zukunft dieses Landes. Das ZDF lieferte den endgültigen Beweis, dass „das Staatsfernsehen von diesen grün-rot versifften Wichsern beherrscht wird“ und dort inzwischen „hammerharte, primitive Zensur“ herrscht.

Der das sagt, muss es wissen, denn er wurde ihr vermeintliches Opfer: Akif Pirinçci.

Der aus der Türkei stammende Katzenkrimi-Schriftsteller veröffentlicht seit einiger Zeit wortgewordene Hassausbrüche; Texte für Leute, denen verbale Auseinandersetzungen, die nicht einer besinnungslosen blutigen Straßenschlacht gleichen, zu intellektuell sind.

Vor einem Jahr hat er unter dem Titel „Das Schlachten hat begonnen“ von einem „schleichenden Genozid“ geschrieben: Banden mordender junger Muslime zögen durch Deutschland, um die deutschen Männer auszurotten und die deutschen Frauen zu vergewaltigen. Und dass es dafür keine Beweise gebe, sei der beste Beweis: Behörden und Medien hätten sich verschworen, diesen Bürgerkrieg und Völkermord zu verschweigen.

Selbst auf der brachial-liberalen Internetplattform „Die Achse des Guten“, wo der Gastbeitrag erschien, gab es dafür heftigen Widerspruch: Tobias Kaufmann schrieb, er sei „zutiefst erschüttert“, dass ein solcher Text hier erscheinen konnte. Pirinçci habe „samt und sonders Standardrhetorik der NPD und anderer Neonazis“ benutzt.

Nun hat der Schriftsteller seine Wut als Buch veröffentlicht. Es heißt „Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ und führt die Amazon-Bestsellerliste an. Und beim fröhlichen „Mittagsmagazin“ des ZDF dachte man sich: Hey, laden wir den lustigen Mann doch mal ein.

Was dann passierte, hat nichts mit Zensur zu tun. Es war vielmehr eine erschütternde Demonstration, wie unfähig das öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist, mit einem Hassprediger wie Pirinçci umzugehen. Wie überfordert die Verantwortlichen sind. Wie sehr sie solchen Leuten auf den Leim gehen. Und wie sie es schaffen, ihnen immer noch neue Munition zu liefern.

Vorgestellt wird er in einem Filmbeitrag, der mit den Worten endet: „So schonungslos hat noch keiner über Türken in Deutschland geschrieben.“ Damit hat man schon den Ton gesetzt: Pirinçci schreibt „schonungslos“. Das suggeriert, dass er Dinge sagt, die schmerzhaft sind, aber wahr. „Bild“ und andere sprechen da gern ähnlich affirmativ von „Klartext“.

Susanne Conrad, die Moderatorin, hat sich als Gesprächstaktik offenbar vorgenommen, ihn wie ein etwas lärmendes und gelegentlich zu Flatulenzen neigendes possierliches Tier zu behandeln. Man trifft sich in der entspannten Plauderposition in der absurden virtuellen Studiohölle. Sie fragt ihn, was ihm so sehr an Deutschland gefalle, und Pirinçci nutzt die erstbeste Gelegenheit, die kuschelige Atmosphäre aufzubrechen:

Pirinçci: Diese Wälder. Das ist so ein grünes Land. Wahnsinn. Leider wird ja durch diese grüne Ideologie die Wälder nach und nach wieder abgeholzt, damit man da Windmühlen hinstellen kann oder sowas. Also, diese Quatschenergie, dieser erneuerbare oder verteuerbare Energie-Mist.

Oh, hoppla. Hoppla? Nein, Frau Conrad entscheidet sich, das als kleinen Provokationsrülpser zu ignorieren und fährt lächelnd fort.

Conrad: Bleiben wir aber doch nochmal bei der Erfahrung, die Türken hier in Deutschland machen. Bei Ihnen ist das offenbar alles gut gelaufen …

(Lustig, ich habe gerade den gegenteiligen Eindruck, aber gut.)

Conrad: … aber es gibt, gerade oft in der dritten Generation, junge Menschen, die fühlen sich zerrissen. Die haben das Gefühl, sie sitzen kulturell, aber auch sprachlich zwischen allen Stühlen. Was ist denn da schief gelaufen?

Pirinçci: Da ist gar nichts schief gelaufen, die fühlen sich auch nicht zerrissen, sowas gibt’s in Wirklichkeit gar nicht. Das reden sie den Deutschen nur ein, damit sie von hinten bis vorne bedient werden, ja? (…) Das sind eigentlich Quatschbehauptungen von Soziologen, dass sie sich innerlich zerrissen fühlen würden, dass wenn sie über die Straße gehen, sich fragen würden: Bin ich ein Türke oder ein Araber oder ein Deutscher, oder sowas.“

Pirinçci entwickelt dann die These, dass Soziologieinstitute sich den „ganzen Blödsinn“ nur ausdenken, weil sie dafür ja Geld vom Staat bekommen und das den Politikern dann wiederum einreden.

Pirinçci: Sowas gibt’s gar nicht, wie eine Identität. Man ist da, wo man lebt halt.

(Bitte einmal kurz innehalten und die intellektuelle Brillanz dieses Mannes würdigen. Danke.)

Pirinçci: Abgesehen davon — wenn sie sich so zerrissen fühlen, dann können sie abhauen zu ihrer Heimat wieder, ganz einfach.

Immerhin wirft Frau Conrad hier kurz ein, dass das ja der Spruch sei, mit denen man früher Kritiker gen DDR verwünschte, aber das stört weder sie noch ihn ernsthaft. Pirinçci ist jetzt in Fahrt:

Pirinçci: Als wir [aus der Türkei nach Deutschland] kamen, waren wir für die Deutschen da. Man wollte von meinen Eltern die Arbeitskraft. Das hat sich durch die grün-versiffte Politik, grün-rot-versiffte Politik alles umgedreht. Das Einwanderungsland ist jetzt für die Einwanderer da. Die nächste Stufe wird sein, dass man sie zu Heiligen oder sowas erklärt.

Dies wäre eine gute Gelegenheit gewesen für Frau Conrad, die Provokationen ihres Gastes nicht einfach nur wegzulächeln, sondern mal nachzufragen: Was das denn sein soll, „grün-versiffte“ Politik, aus welchen rechtsradikalen Foren er diesen Ausdruck übernommen hat, warum er glaubt, dass es hilfreich ist, auf dieser Ebene zu diskutieren. Aber sie sitzt ja in der kuscheligen Plaudersituation neben Pirinçci, und sie traut sich nicht einmal, ihn direkt herauszufordern, sondern flüchtet sich in den rhetorischen Trick, anzunehmen, dass irgendwelche Leute das womöglich, aus nicht näher zu benennenden Gründen, gar nicht so gut finden könnten, was er da sagt. Wörtlich:

Conrad: Was Sie hier natürlich machen, das sind Ihre Ansichten und Überzeugungen, politisch sehr unkorrekt, ja? Also, da kann ich mir vorstellen, stehen viele jetzt schon auf den Barrikaden und sagen: Wie kann der sowas von sich geben? Insgesamt geht es in Ihrem Buch ja jetzt nicht nur um Migranten, sondern überhaupt um diese Gutmenschen und diese Politisch Korrekten. Sind das die Deutschen, die da besonders …

Wirkt, wenn man nicht genau hinhört, als habe Conrad ein Stück journalistischer Distanz bewiesen. In Wahrheit fragt sie ihn aber nicht, warum er so ist, sondern, warum die anderen so sind, diese [sic!] „Gutmenschen“.

Pirinçci: Das ist vor allem, wie gesagt, die grün-rot versiffte Politik, die mittlerweile auch die CDU, die sogenannte konservative Partei, absolut unkenntlich gemacht hat. Sie werden in der CDU keinen einzigen mehr finden, der über diese Abtreibungssache noch ein Wort verliert. Ich glaube, letztens hat mal einer mal aufgemuckt oder so und gesagt, ich bin damit nicht einverstanden, den haben sie sofort wieder zusammengeknüppelt. Und, ja, man kann sagen, die Kindersexpartei, die Grünen, haben dieses Land kaputtgemacht.

Die Grünen, die Kindersexpartei. Was macht die Moderatorin? Ihn zur Ordnung rufen, um Mäßigung bitten, wenigstens mal nachfragen, was er damit meint? Nein. Das Äußerste, wozu Sie sich durchringen kann, ist, seine Possierlichkeit festzustellen:

Conrad: Also, man merkt, wenn wir uns hier unterhalten, da ist sehr viel Aggression und Wut. Ich glaub‘, Thilo Sarrazin wirkt wie ein Weichei gegen sie. (Lacht.)

Sie schafft es nicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen, seinen Thesen, seiner Rhetorik. Sie ist ihm nicht nur nicht gewachsen, sie kapituliert schon vor dem Versuch.

Immerhin schafft sie es später, noch sachte nachzufragen, ob das „alte Deutschland“, das er wiederhaben will, das „Deutschland der sechziger Jahre“ sei, was eine vergleichsweise berechtigte und hilfreiche Frage ist. Aber er biegt dann sofort wieder ab und erzählt verschmitzt, dass sein Buch auch von öffentlich-rechtlichen Sendern handele:

Pirinçci: Das Kapitel heißt: Mit dem Arschloch sieht an besser.

Jahahaha, das ist lustig. Frau Conrad hat dazu nichts zu sagen.

Conrad: Akif Pirinçci, jedenfalls war es interessant, Ihre Thesen hier zu hören. „Deutschland von Sinnen“ heißt das wahrscheinlich politisch unkorrekteste Buch des Jahres hier in Deutschland. Ich bedanke mich, dass Sie heute da waren, und wir werden das weiter im Auge behalten.

Das ist das Tolle an dem Kampfbegriff der „Political Correctness“. Frau Conrad kann so tun, als habe sie den Superlativ als Warnung und Distanzierung von dem Werk gebraucht. In Wahrheit ist er für die Zielgruppe die beste Werbung.

Schon bis hierher war es ein trauriges und eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks unwürdiges Spektakel. Die Verweigerung einer Auseinandersetzung. Wenn man meint, dass es sich lohnt, über die Aussagen Pirinçcis zu streiten, trotz des übelsten Tonfalls, in dem er sie vorträgt, muss man eben auch in diesen Streit gehen.

Aber das ist natürlich Alltag in dieser Art des besinngslosen Fernsehens: Da wird irgendwer eingeladen, man redet irgendwas, vorher war der Sportblock, danach kommen noch ein paar bunte Beiträge, und dazwischen sitzt da wer, mit dem man das Führen eines Gespräches simuliert, egal, es geht um nichts, war was?

Nun ist aber offenbar jemandem beim ZDF aufgefallen, dass da was war. Dass es dann doch keine ganz normale Gesprächssimulation war, und dass vielleicht doch ein Grenze überschritten wurde, ab der Frau Conrad das vielleicht nicht alles nur hätte weglächeln sollen.

Und so nahm der Sender das Gespräch aus der Mediathek. Und all die Leute, die ohnehin glauben, dass es ein Meinungsdiktat gibt in Deutschland und einen Tugendterror, fühlten sich bestätigt und schrien: Zensur! Das ZDF veröffentlichte dann den Gesprächsteil einzeln wieder, aber gekürzt um eine Stelle: Den vermutlich justiziablen Satz von den Grünen als „Kindersexpartei“, die dieses Land kaputt gemacht hat.

Beruhigen konnte das niemanden mehr, im Gegenteil. Und Pirinçci durfte also nicht nur seinen Hass im deutschen Fernsehen unwidersprochen und kaum hinterfragt ausbreiten, sondern auch den scheinbaren Beweis führen, dass man sowas im deutschen Fernsehen nicht sagen darf.

Dem ZDF sei Dank.

Nachtrag, 15:50 Uhr. Auf Nachfrage teilt mir das ZDF mit:

Mit brisanten Themen kritisch umzugehen und hart nachzufragen gehört zu den Grundprinzipien der politischen Berichterstattung im ZDF. Unter dieser Maßgabe hat sich die Redaktion im Nachgang mit dem Interview selbstkritisch auseinandergesetzt und die Defizite offen diskutiert.

Die rechtliche Bewertung des Interviews hat gezeigt, dass die vollständige Einstellung des Gesprächs in die ZDF-Mediathek zu rechtlichen Risiken für das ZDF führen würde. Grund dafür ist, dass die Rechtsprechung an Aussagen in Live-Interviews einen großzügigeren Maßstab anlegt als an zeitversetzt ausgestrahlte oder zum Abruf bereitgehaltene Sendungen. Die Kürzung erfolgte also in Wahrnehmung unserer redaktionellen Verantwortung und ist selbstverständlich keine Zensur. Bis auf den fraglichen Halbsatz steht das Interview seit gestern, 17:30 Uhr, in der Mediathek.

Die Anschuldigungen von Herrn Pirincci weisen wir zurück. Die Standardlänge von Autorengesprächen im „ZDF-Mittagsmagazin“ sind 5 bis 7 Minuten. Herrn Pirincci wurden keine 15 Minuten zugesagt.

Fragen von mir, ob man den Umgang mit dem Schriftsteller und seinen Thesen angemessen fand, ließ das ZDF unbeantwortet. Womöglich darf oder soll man in die ersten beiden Sätze der Stellungnahme interpretieren, dass auch nach Auffassung der Redaktion die „Grundprinzipien der politischen Berichterstattung im ZDF“ nicht vollumfänglich erfüllt wurden. Aber wer weiß es, es ist halt das ZDF.

Gedruckt weniger streng als online: Der Ethik-Kodex der „Zeit“

Man ahnt sowas ja nicht, aber auch die gedruckte „Zeit“ hat einen Ethik-Kodex. Es gibt ihn noch nicht so lange wie bei der Online-Schwester, nämlich erst seit Januar 2013, und er ist weniger umfangreich. Er lautet so:

CODE OF ETHICS
für DIE ZEIT

1. JOURNALISTISCHE UNABHÄNGIGKEIT

a. Redakteure der ZEIT legen mögliche Interessenkonflikte gegenüber ihrem direkten Vorgesetzten offen. Ein möglicher Interessenkonflikt liegt vor, wenn durch Mitgliedschaft, Bekleiden eines Amtes oder durch ein Mandat in Vereinen, Parteien, Verbänden und sonstigen Institutionen einschließlich Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, durch Beteiligung an Unternehmen, durch gestattete Nebentätigkeit oder durch Beziehungen zu Personen oder Institutionen der Anschein entstehen kann, dass dadurch die Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit/Objektivität der Berichterstattung über diese Vereine, Parteien, Verbände, Unternehmen, Personen und sonstigen Institutionen beeinträchtigt werden könnten. Der direkte Vorgesetzte entscheidet, ob der Auftrag aufrechterhalten wird, und ggf., ob der Umstand, der den möglichen Interessenkonflikt begründet, mit Zustimmung des Redakteurs in dem Artikel offengelegt wird.

b. Aktienbesitz wird innerhalb des Wirtschaftsressorts offengelegt.

c. Die Redaktion der ZEIT nimmt keine Journalistenrabatte in Anspruch. Auch von der privaten, außerdienstlichen Nutzung von Journalistenrabatten wird abgeraten. Insbesondere ist es nicht gestattet, bei privater Beantragung von Journalistenrabatten auf DIE ZEIT als Arbeitgeber zu verweisen.

d. Alle Arten von Geschenken werden sozialisiert, soweit sie einen Wert von 40 Euro überschreiten. Redakteure liefern Geschenke bei einer zentralen Stelle ab. Am Ende des Jahres werden sie zugunsten eines wohltätigen Zwecks versteigert.

e. Bücher oder andere Produkte von Redakteuren werden nicht redaktionell bewertet. Bei eventuellen Vorabveröffentlichungen solcher Werke wird die Befangenheit für den Leser deutlich gemacht.

f. Jede Nebentätigkeit von Redakteuren muss der Chefredaktion zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Prüfung erfolgt unter Berücksichtigung einer möglichen Beeinflussung der Berichterstattung, einer möglichen Beschädigung der Marke ZEIT sowie unter arbeitsökonomischen Gesichtspunkten der Redakteure. Der Chefredakteur muss seine Nebentätigkeiten dem Verleger mitteilen.

g. Freie Mitarbeiter müssen Tätigkeiten in den journalismusnahen Bereichen Marketing, PR offenlegen. Eine Tätigkeit in einem dieser Bereiche schließt in der Regel die redaktionelle Bearbeitung inhaltlich verwandter Themen bei der ZEIT für den Zeitraum eines Jahres aus, wenn nicht in beiderseitigem Einvernehmen eine Regelung getroffen werden konnte, die eine Einflussnahme auf die Berichterstattung ausschließt.

2. QUALITÄTSSICHERUNG

a. Jeder in der Printausgabe der ZEIT erscheinende Text wird in aller Regel außer von dem Autor noch von mindestens zwei Personen auf sachliche und stilistische Korrektheit überprüft. Zusätzlich überprüft das Korrektorat jeden Text auf Orthografie, Interpunktion und Grammatik. Die Verantwortung für die Richtigkeit von Daten und Fakten verbleibt beim Autor bzw. beim im Impressum als „verantwortlich“ Genannten.

b. Werden in Printartikeln Fakten (insbesondere zur Stützung eigener Argumente) wiedergegeben, die sich im Nachhinein als falsch erweisen, ist dies, nach Möglichkeit vom Autor selbst, im Blatt zu korrigieren.

c. Sofern zeitnah möglich, werden auch Fehler in bei ZEIT ONLINE veröffentlichten Texten aus der Printredaktion nach Rücksprache mit dem Autor online korrigiert.

3. SELBSTVERPFLICHTUNG

Etwaige Verstöße gegen den Code of Ethics ziehen keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen nach sich. Davon ausgenommen sind Verstöße gegen Pflichten, die sich bereits aus dem Arbeitsverhältnis der jeweiligen Kollegin/des jeweiligen Kollegen ergeben.

Texte müssen also bei der gedruckten „Zeit“ von mindestens zwei zusätzlichen Personen „auf sachliche und stilistische Korrektheit überprüft“ werden, online genügt es, wenn ein Kollege redigiert.

Das ist allerdings der einzige Punkt, bei dem der Kodex für das gedruckte Produkt strengere Regeln vorsieht als für den Internet-Ableger. Eine Reihe anderer Vorgaben, die für „Zeit Online“ gelten, fehlen hingegen bei der Print-„Zeit“, darunter der komplette Block, der sich den heiklen „Beziehungen zu Anzeigenkunden“ widmet. Aus der „Zeit“ heißt es zur Erklärung: Der Gedanke, dass ein Werbekunde Einfluss auf die redaktionellen Inhalte des Wochenblattes nehmen könnte, sei für dessen Leser so abwegig, dass sie es schon zweifelhaft fänden, wenn ihre Zeitung glaubte, es ausdrücklich in einem Kodex ausschließen zu müssen.

Nun ja. Andererseits hatte die „Zeit“ ihren Kodex ohnehin bisher nicht selbst veröffentlicht. (Sie hat ihn mir allerdings auf Nachfrage ohne größere Umstände zur Verfügung gestellt.)

Erstaunlicherweise verzichtet die gedruckte „Zeit“ — anders als „Zeit Online“ — in ihrem Kodex auch vollständig auf Richtlinien, unter welchen Umständen Reisekosten für ihre Journalisten von denen übernommen werden dürfen, die ein Interesse an der Berichterstattung haben. Dabei ist gerade das ein Feld, bei dem ein Versuch hilfreich wäre, klare Vorgaben zu definieren.

Anders als ihren Online-Kollegen ist „Zeit“-Journalisten jedenfalls nicht untersagt, Politiker auf deren Kosten auf Reisen zu begleiten. Auch für den Reiseteil gibt es keine Vorgaben. „Zeit Online“ nimmt dieses Ressort von den strengen Bezahl-Regeln aus und fordert nur, die Finanzierung durch Dritte transparent zu machen. In der gedruckten „Zeit“ fehlt eine solche Kennzeichnung im Einzelnen. Stattdessen gibt es nur einen allgemeinen Hinweis in dieser Form:

Hinweis der Redaktion: Bei unseren Recherchen nutzen wir gelegentlich die Unterstützung von Fremdenverkehrsämtern, Tourismusagenturen, Veranstaltern, Fluglinien oder Hotelunternehmen. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Berichterstattung.

Die gedruckte „Zeit“ sieht, anders als „Zeit Online“, offenbar auch keine Notwendigkeit, Werbung für kommerzielle Produkte des eigenen Verlages im Kodex zu reglementieren.

Die Vorgabe, dass Autoren, die für Corporate-Publishing-Medien (wie sie auch die „Zeit“-Schwester Tempus Corporate GmbH herstellt), nicht über ähnliche Themen für die „Zeit“ schreiben dürfen, fehlt im Print-Kodex, ist aber Teil einer separaten Vereinbarung.

Die Ethik-Regeln haben eine Sollbruchstelle. Sie hört auf den Namen Josef Joffe. Für den „Zeit“-Herausgeber gilt der Kodex offenbar bestenfalls nur bedingt. Obwohl er in einer unüberschaubaren Zahl von Vereinen, Verbänden und Gremien engagiert ist, insbesondere solchen mit engen Verbindungen zu den USA, habe ich bislang keinen Transparenzhinweis unter seinen „Zeit“-Artikeln gefunden. Auch die Pflicht, Fakten („insbesondere zur Stützung eigener Argumente“), die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, im Blatt zu korrigieren, scheint für ihn nicht uneingeschränkt zu gelten.

Bei Fehlern, die Nicht-Joffes passieren, sollen Korrekturen aber in Zukunft auch bei den Online-Veröffentlichungen der Print-Artikel eingepflegt werden — vor einem Jahr war das anscheinend noch nicht umgesetzt, weshalb der „Zeit“-Irrtum über die Existenz einer „Shitstorm-Agentur“ online offenbar für alle Zeit ohne Korrektur bleiben muss.

Merkwürdig sind auch die Umstände eines Artikels, den die Redakteure Jochen Bittner und Matthias Nass in der „Zeit“ 7/2014 veröffentlichten. Sie berichteten darin über die außenpolitische Neuorientierung Deutschlands und ein dabei entscheidendes Papier namens „Neue Macht, neue Verantwortung“. Entwickelt wurde es von einer Arbeitsgruppe, in der ein Jahr lang „Beamte aus dem Kanzleramt und dem Auswärtigen Amt ebenso mit[diskutierten] wie Vertreter von Denkfabriken, Völkerrechtsprofessoren, Journalisten sowie die führenden Außenpolitiker aller Bundestagsfraktionen“. Einer der „mitdiskutierenden“ Journalisten: Jochen Bittner.

Ein „Zeit“-Autor schreibt über ein Projekt, bei dem eine neue Außenpolitik verhandelt wird, woran er selbst beteiligt war, ohne das zu erwähnen — ein klarer Verstoß gegen den Kodex. Angeblich handelte es sich nur um eine Panne: Versehentlich habe der eigentlich vorgesehene Transparenz-Hinweis gefehlt. In der folgenden Woche veröffentlichte die gedruckte „Zeit“ eine dezente „Klarstellung“ ohne Entschuldigung. Unter der Online-Fassung des Artikels fehlt bis heute jeder entsprechende Hinweis.

Es scheint mühsam zu sein. Trotz Kodex.

Angeblich gibt es trotzdem tatsächlich eine zunehmende Sensibilisierung für Fragen von Transparenz und Distanz in der Redaktion. Eine Folge davon ist, dass die „Zeit“ ihren Platz in der berüchtigten Bilderberg-Konferenz aufgegeben hat, den sie über viele Jahrzehnte inne hatte — „unwiderruflich“, wie es heißt. Dieser Sitz wird nun von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner besetzt.