Medien als Mittäter, TikTok bei 1Live, Politikerphrasen statt Klartext

1. Medien machen sich zu Mittätern
(deutschlandfunk.de, Stefan Fries)
„Die Medien, die sich auf die Logik des Attentäters von Christchurch eingelassen haben, waren Komplizen bei seiner Tat. Denn sie haben das vollendet, was er begonnen hat“, findet Stefan Fries zur Berichterstattung über das Attentat.
Weitere Informationen und Lesehinweise: Der DJV kritisiert die Veröffentlichung des Täter-Videos (deutschlandfunk.de).
Bei der „Hannoverschen Allgemeinen“ geht es um die Frage „Ist es strafbar, die Aufnahmen des Christchurch-Attentäters zu teilen?“
Und Carolina Schwarz freut sich in der „taz“, dass keiner ihrer Twitter- und Facebook-Kontakte das Täter-Video oder das sogenannte „Manifest“ teilte: „Zum Glück gibt es eine Vielzahl von Nutzer*innen die klüger sind als Algorithmen und Julian Reichelt.“

2. Facebook, was machst du mit uns?
(zeit.de, Caroline Lindekamp)
Wie wirkt sich Facebook auf die Stimmung seiner Nutzerinnen und Nutzer aus? Wie machen sich die damit einhergehenden Filterblasen und Echokammern bemerkbar? Wird dort Meinung manipuliert? Gibt es eine „Facebook-Depression“? Caroline Lindekamp berichtet in ihrer Analyse von den verschiedenen Untersuchungen zum Thema und den Unterschieden zwischen Deutschland und den USA.

3. Journalismus bei TikTok: 1Live wagt die ersten Experimente
(socialmediawatchblog.de, Martin Fehrensen)
Viele Menschen haben noch nie von der Video-App TikTok gehört, dabei soll sie hierzulande von etwas mehr als vier Millionen Menschen genutzt werden. Im „Social Media Watchblog“ wurde bereits ausführlich über die gehypte Software berichtet (in einem Grundlagenartikel in der Ausgabe 524 und in den Tech Trends der Ausgabe 531). Nun konnte das „Social Media Watchblog“ den 1Live-Verantwortlichen Robert Rack für ein Werkstattgespräch über die dort stattfindende TikTok-Pilotphase gewinnen.

4. Das Problem Verfassungsschutz hat eine lange Geschichte
(netzpolitik.org, Sebastian Wehrhahn & Martina Renner)
Sebastian Wehrhahn und Martina Renner erkennen beim Verfassungsschutz eine „lange Traditionslinie des Vertuschens und Verharmlosens rechter Gewalt“. In ihrem Gastbeitrag berichten sie von den Anfangszeiten des Bundesamts in den 50er-Jahren bis zur Jetzt-Zeit mit der Causa Maaßen. Das Problem beim Verfassungsschutz seien nicht die vielen Skandale, sondern der Verfassungsschutz selbst: „Er dient nicht dem Schutz der Demokratie, sondern der Überwachung politischer Gegner, der Steuerung von antidemokratischen Szenen und dem Erhalt und Ausbau des eigenen Einflusses.“ Der Verfassungsschutz arbeite aktiv gegen die Demokratisierung der Gesellschaft und müsse deshalb aufgelöst werden.

5. Warum guter Journalismus Empathie braucht
(de.ejo-online.eu, Antje Glück)
„Gute Berichterstattung hängt nicht allein von der reinen Informationsbeschaffung ab, sondern grundsätzlich auch davon, wie Journalisten eine Situation emotional wahrnehmen, verstehen und behandeln“, findet Antje Glück. Im Journalismus gehe es zuallererst um Menschen, so die Journalistin, die an der Universität Teesside im Nordosten Englands lehrt. Der Umgang mit Menschen erfordere vor allem eines: emotionale Intelligenz. Glücks Credo: „Empathie als journalistische Arbeitsressource prägt die professionelle und ethische Entscheidungsfindung in viel stärkerem Maße als bisher angenommen.“

6. Viel reden, wenig sagen
(faz.net, Oliver Georgi)
Die „FAZ“ veröffentlicht einen Auszug aus Oliver Georgis Buch „Und täglich grüßt das Phrasenschwein: Warum Politiker keinen Klartext reden — und wieso das auch an uns liegt“. Es geht unter anderem um die „kleinen Leute“, um Menschen, deren „Sorgen man ernst nehmen müsse“, um das „vollste Vertrauen“, „politische Verantwortung“ und alles, was in irgendeiner Form „nachhaltig“ ist.

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Wie „Bild“ den Terroristen hilft

Alle Täter haben sich an anderen orientiert, besonders an den Amokläufern der Columbine Highschool. Die Tat war medial besonders inszeniert — einer der Täter hatte eine Homepage, über die er seinen Hass verbreitet hat. Außerdem ist ein Video eines Teils dieser Tat ins Internet gelangt. Das ist Nachahmungsmaterial für Pubertierende, die Vorbilder suchen: Sie sehen die Klamotten der Täter, sehen, wie sie herumstolzieren.

sagt die Kriminologin Britta Bannenberg auf die Frage, welche Rolle Vorbilder für Amoktäter spielen.

Schulamokläufer und Terroristen sichern sich durch das kalkulierte Ausüben von Gewalt einen Platz in den Schlagzeilen der Weltpresse. Sie folgen damit einer bewährten Kommunikationsstrategie, die ebenso menschenverachtend wie durchschaubar ist. Dieses Kalkül der Täter geht insbesondere dann auf, wenn Medien die destruktiven Botschaften der Täter ungefiltert weitertragen. Sie verbreiten auf diese Weise Angst in der Gesellschaft, belasten die Opfer und liefern im schlimmsten Fall eine Inspiration für Nachahmer.

schreiben die Wissenschaftler Frank J. Robertz und Robert Kahr zu ihrem Sammelband „Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus“.

Die Identifikation mit früheren Tätern, die durch die extensive Berichterstattung berühmt geworden sind, einschließlich der Veröffentlichung ihrer Namen, Gesichter, Lebensgeschichten und Hintergründe, löst einen mächtigeren Schub in Richtung Gewalt aus als psychische Erkrankungen oder der Zugang zu Waffen.

schreiben Jennifer Johnston und Andrew Joy von der Western New Mexiko University in einer Studie.

Wie viel und vor allem welche Berichterstattung ist angemessen? Wo verläuft die Grenze zwischen richtiger und notwendiger Information der Öffentlichkeit und einer Berichterstattung, die den Terroristen in die Hände spielt?

Beim Terrorismus geht es nicht in erster Linie ums Töten. Es geht vielmehr um das „Terrorisieren“, es ist eine spezielle Form der Provokation. Eine Tat, die keine Verbreitung findet, ist daher nutzlos.

schreibt Wissenschaftler Peter R. Neumann zusammen mit Georg Mascolo.

Wir zeigen diese Bilder ganz bewusst. Wir glauben, dass wir diese Bilder zeigen müssen.

… schreibt „Bild“-Chef Julian Reichelt. Er meint damit die „Bilder und Sequenzen aus dem Video, das der rechtsextreme Terrorist von Christchurch während seiner abstoßenden Tat anfertigte.“ Am vergangenen Freitag erschoss ein Mann in der neuseeländischen Stadt offenbar gezielt Muslime in zwei Moscheen. 50 Menschen starben.

Schon kurz nach den ersten Meldungen über Schüsse in Christchurch veröffentlichte Bild.de einen Zusammenschnitt der Aufnahmen des Attentäters, die dieser auf seiner Facebook-Seite live streamte. Die Redaktion warb auf ihrer Startseite mit dem Hinweis „MIT VIDEO“ um Klicks:

Screenshot Bild.de - Terror-Angriff auf zwei Moscheen in Christchruch (Neuseeland) - 49 Menschen tot - 17 Minuten Mord-Feldzug - Killer filmte, wie er Männer, Frauen, Kinder erschießt. Lasst die Party beginnen, sagt er am Anfang der Aufzeichnung - Mit Video
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Zu dieser Zeit bat die neuseeländische Polizei bei Twitter darum, das Video nicht zu verbreiten. Bild.de zeigt es trotzdem. Die Redaktion hat jene Videosequenzen rausgeschnitten, in denen Menschen erschossen werden; sie zeigt stattdessen Standbilder daraus. Darauf sind Leichen und Blut zu sehen, auch ein Opfer, das direkt vor dem Täter steht, kurz bevor es erschossen wird. Schüsse sind zu hören.

Als gäbe es keine Abstufungen zwischen dem Zeigen dieses ganzen Materials auf der einen Seite des Spektrums und Trauer auf der anderen, schreibt „Bild“-Chef Reichelt:

Aber Trauer allein reicht im Journalismus nicht. Trauer ist keine journalistische Disziplin. Journalismus muss zeigen, was geschehen ist. Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen.

Nur findet man diese Einordnung im Zusammenschnitt von Bild.de nicht. Die Redaktion blendet ein paar Sätze ein, in denen steht, was man gerade sieht. Das war’s. Ansonsten ist es das bloße Abspulen der vom Täter erstellten und von Bild.de gekürzten Aufnahme. Reichelt und sein Team reichen die „Propaganda und Selbstdarstellung“ lediglich weiter. Worin soll hier ein Informationswert stecken? Welche Erkenntnis liefern die Bilder, die man nicht durch das einfache Beschreiben erreichen könnte? Worin steckt der aufklärerische Wert? Bild.de verbreitet die Aufnahmen, die der Attentäter verbreiten wollte. Die Redaktion hilft ihm beim Versuch, Aufmerksamkeit zu generieren, Angst zu machen und sich zu inszenieren, wie sie es schon bei früheren Attentaten und Amokläufen getan hat. Reichelt schreibt in seinem Kommentar, durch Journalismus werde „aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: kein Kämpfer, kein Soldat.“ Nein, bei Bild.de bleibt das Ego-Shooter-Video ein Ego-Shooter-Video. Auch wenn Reichelt die Entscheidung weiter rechtfertigt:

Das Video des Massakers ist online überall genauso verfügbar, wie der Täter es wollte. Journalismus darf solche Bilder aber nicht Social Media überlassen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass es hauptsächlich darum geht, Social Media nicht die Klicks zu überlassen.

Schaut man sich die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung vom Samstag an, wird noch einmal klar, wie fadenscheinig Reichelts Argumentation mit dem Einordnen ist. „Bild“ bietet dem Täter, seinem Anschlag und seinem Manifest die Öffentlichkeit, die er sich gewünscht haben dürfte: die Titel- und fast eine komplette Doppelseite (die Opfer bekommen nur die untere rechte Ecke ab):

Ausriss Bild-Zeitung - Massenmord live im Internet - Das Protokoll des 17-Minuten-Massakers

Die journalistische Einordnung, von der Julian Reichelt spricht, sieht dann etwa so aus: Ein eigener Artikel dazu, welche Waffen der Täter dabeihatte. Es ist ein bloßes Runterrattern: Der hatte das dabei und das und das und davon zwei. Am Ende noch ein Hinweis, dass das eine Gewehr auch schon mal von einem anderen Attentäter eingesetzt wurde. Das soll die Einordnung sein, die alles ändert? Und welche einordnende Wirkung soll ein „Protokoll“, versehen mit reichlich Standbildern aus dem Video des Terroristen, haben?

Ähnlich schlimm wie „Bild“ macht es die „B.Z.“:

Ausriss BZ-Titelseite - Auf der Waffe des Massenmörders steht for Berlin - Er tötete Unschuldige aus Rache für den Terror am Breitscheidplatz

Diese Titelseite, vermutlich das Ergebnis eines hirnrissigen Zwangs, alles möglichst aufs Lokale runterzubrechen, ist das Gegenteil von Einordnung. Sie verklärt. Sie übernimmt die Erzählung des Attentäters, dass es sich um Rache handelt — als könnte das Morden an Muslimen in Neuseeland tatsächlich irgendwie das Morden eines Islamisten in Deutschland rächen. „B.Z.“-Chrefredakteurin Miriam Krekel stellt es so dar, als wäre der rechtsextreme Terror in Christchurch eine zu erwartene Reaktion auf den Anschlag am Breitscheidplatz, wenn sie schreibt:

„Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Unschuldige Gläubige sollen sterben, weil ein krankhaft „Gläubiger“ am Breitscheidplatz unschuldige Menschen tötete. Die Tat zeigt einmal mehr, dass Rache und Hass mehr Rache und Hass hervorrufen.

Die Kritik an der Berichterstattung von Bild.de, „Bild“ und „B.Z.“ bedeutet natürlich nicht, dass Redaktionen das Attentat in Christchurch verschweigen sollten, so, wie sie kein Attentat verschweigen sollten. Sie sollten aber auch nicht zum medialen Handlangern eines rechtsextremen Terroristen werden. Eigentlich hat „Bild“-Briefonkel Franz Josef Wagner, den man nun wahrlich nicht oft als Positivbeispiel anführen kann, bereits 2011 alles gesagt, als er zum rechtsextremen Terror in Norwegen schrieb:

Wie geht man mit so einem Massenmörder um?

Zigarette? Kaffee, Wasser?

Galgen, Todesspritze?

Ich glaube, die höchste Strafe für den Attentäter wäre die Bedeutungslosigkeit. Nicht mehr über ihn zu berichten, seine Fotos nicht mehr zu zeigen, seine wirren Ideen nicht mehr im Internet zu lesen.

Dieser Typ will ja, dass alle Welt über seine Morde berichtet. Die Höchststrafe für diesen Psycho ist, dass er ein kleines Arschloch ist.

Dazu auch:

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Christchurch, „Künstlerische Freiheit“, Tragödienjournalismus

1. Der Troll-Terrorist
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Der Terroranschlag auf Moscheebesucher im neuseeländischen Christchurch wurde vom Täter in Echtzeit bei Facebook gestreamt. Dazu veröffentlichte der Mann eine Art Manifest. Er verknüpfe „seine faschistische Ideologie mit der Netzkultur“, schreibt Sascha Lobo: „Die mediale Verbreitung der Tat ist Teil des Terrors — wir müssen uns hüten, unabsichtlich mitzumachen.“
Weitere Lesehinweise: Auch Simon Hurtz warnt in seinem Beitrag davor, Attentätern eine Bühne zu geben: „Wer nicht will, dass Terroristen Aufmerksamkeit für ihre Verbrechen bekommen, sollte ihre Selbstinszenierung nicht verbreiten: keine Links auf ihre Manifeste, keine Ausschnitte aus ihren Videos, keine Bilder, am besten nicht einmal ihre Namen nennen.“
Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen kritisiert Medien wie „Bild“, deren Verhalten er „grotesk“ nennt (deutschlandfunkkultur.de, Gesa Ufer).
Außerdem lesenswert der Bericht über das Bemühen von Polizei und sozialen Medien, das Video aus dem Netz zu entfernen: Polizei will Anschlag-Videos aus dem Netz tilgen (spiegel.de, Sonja Peteranderl).
Und Stefan Fries erklärt noch einmal gründlich, „warum es falsch ist, die Namen der Täter und ihr Manifest zu veröffentlichen“.
In einem Twitter-Thread hinterlässt Journalist Georg Diez „ein paar Worte zu dem Tweet von AKK, die ja doch die nächste Bundeskanzlerin werden will“.

2. Wenn dem Sprecher schlecht wird
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Vergangenen Donnerstag erlitt „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer vor laufenden Kameras einen Schwächeanfall. Vor allem die Boulevardmedien weideten das Geschehen verkaufsorientiert und klickheischend aus. ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke berichtet, wie es Jan Hofer mittlerweile geht (deutlich besser), und erklärt, wie hoch die Belastung als „Tagesschau“-Sprecher ist, ob es ein Krisenszenario für solche Fälle gibt und warum die Kamera so lang auf Hofer stehen blieb.

3. „Tragödienjournalismus außer Rand und Band“: Medienethikerin über den Fall Rebecca und Reporter im Jagdfieber
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
„Meedia“ hat sich mit der Medienethikerin Marlis Prinzing unter anderem über die Frage unterhalten, warum sich die Familie der verschwundenen 15-jährigen Rebecca eine Reporterin der „Bunte“ ins Haus holte: „Es ist nachvollziehbar, dass eine Familie auch emotional völlig durcheinander ist, wenn eine 15-jährige über Wochen hinweg verschwunden bleibt und mit allem zu rechnen ist. Nachvollziehbar ist ferner, dass Menschen in solchen Extremsituationen überfordert und wenig rational reagieren. Nicht nachvollziehbar ist hingegen, wenn manche Medien diesen emotionalen Ausnahmezustand als Freibrief und als Einfallstor nutzen, um eine reichweitenträchtige Schicksalsstory rund um ein mutmaßliches Verbrechen aus dem Esszimmer der Betroffenen zu erzählen und jedem, dem das gefällt, ermöglichen, sich aus der Nähe am Leid der anderen zu vergnügen.“

4. Nach Relotius: Die Kunst der wahren Erfindung
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Wie weit darf die künstlerische Freiheit in der Reportage gehen? Darüber scheinen die Meinungen immer noch auseinanderzugehen. Hochkarätige Journalisten und Verfasser von Journalismus-Lehrbüchern vertreten beziehungsweise vertraten den Standpunkt, man könne Aussagen von verschiedenen Personen auf eine Figur „zusammenziehen“. Doch mit dieser Methode begebe man sich auf eine Gratwanderung, wie Rainer Stadler in seiner Kolumne ausführt. Entscheidend sei Transparenz: „Entsprechend sollte man am Ende einer verdichteten Erzählung darlegen, mit welchen und wie vielen Personen gesprochen wurde. Erklärungsbedürftig sind ferner die in Reportagen beliebten filmreifen Szenen, welche die Illusion einer Augenzeugenschaft des Autors schaffen. Wer sein Tun offenlegt, stärkt seine Glaubwürdigkeit. Das ist nötiger denn je.“

5. Post aus Washington
(getrevue.co, Fabian Reinbold)
Fabian Reinbold berichtet für t-online.de aus Washington. Einmal die Woche schickt er seinen Newsletter-Abonnenten „Post aus Washington“. Diesmal hat sich Reinbold für seine Leserschaft aufgeopfert und eine Woche Donald Trumps Lieblingssendung „Fox & Friends“ angeschaut. Das liest sich nicht nur unterhaltsam, sondern trägt auch zum tieferen Verständnis des Systems Trump bei.

6. Frank A. Meyer über Moral und Manipulation in den Medien
(blick.ch, Frank A. Meyer, Video: 6:13 Minuten)
Der Schweizer Journalist und Ringier-Berater Frank A. Meyer klagt in einer Wutrede die Medienbranche samt ihrer Mitglieder an: „Das sind heute Cliquen, Cliquen und Claquere! (…) Die applaudieren sich längst selbst, diese Journalistinnen und Journalisten. Es ist peinlich. Es gibt keinen einzigen Preis für Journalismus, der sich kritisch mit Journalismus auseinandersetzt.“

„Bild“ führt Jan Hofer vor

Sollte Nikolaus Blome, was wir wirklich nicht hoffen, mal während seiner Moderation des „Bild“-Polit-Talks einen Schwächeanfall haben, dann dürften er und seine Redaktion damit einverstanden sein, wenn alle anderen Medien die Sache so richtig ausschlachten: Hochaufgelöste Standbilder auf Titelseiten drucken, die zeigen, wie Blome offenbar nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Ein Video veröffentlichen, in dem zu sehen ist, wie der „Bild“-Politik-Chef nach vorne und nach hinten wankt und sich gerade noch so am Pult festhalten kann. Die Sequenz auch mehrfach zeigen und dabei an den taumelnden Blome heranzoomen. Ein Wortlaut-Protokoll seiner ganzen Versprecher veröffentlichen. Kurzum: Den Vorfall ausnutzen und damit ordentlich Klicks einsammeln.

Warum wir uns so sicher sind, dass Nikolaus Blome und die „Bild“-Redaktion da keine Einwände hätten? Sie machen es gerade selbst — mit „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer.

Hofer ging es gestern Abend während der „Tagesschau“ gesundheitlich nicht gut (inzwischen geht es ihm wieder besser). Er verhaspelte sich immer wieder und konnte die Sendung nicht mehr abmoderieren. Im TV sah man ihn stattdessen einige Sekunden wanken. Die ARD hat diese Szene in der Mediathek rausgeschnitten.

Elf Sekunden hält die Kamera drauf — dann wird der Bildschirm schwarz! Die Tagesschau wird abgebrochen!

Kurz darauf werden die besorgniserregenden Szenen aus der ARD-Mediathek im Netz gelöscht.

… schreibt Bild.de und veröffentlicht im selben Beitrag ein Video mit den „besorgniserregenden Szenen“:

Screenshot Bild.de - Erschütternde Szenen live im TV - Tagesschau abgebrochen - Drama um Tagesschau-Sprecher Jan Hofer - Rettungswagen gerufen - Ärztliche Behandlung - Tagesschau twittert: Jan Hofer geht es wieder deutlich besser
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Die Redaktion zeigt, wie Hofer sich ans Pult klammert, zoomt an ihn heran, zoomt wieder raus, zeigt die ganze Szene noch mal komplett.

Die „Bild“-Zeitung druckt heute auf ihrer Titelseite ein großes Standbild, das Hofer in dessen apathischem Zustand zeigt:

Ausriss Bild-Titelseite - Tagesschau abgebrochen - Drama um Jan Hofer - Stockende Stimme und Versprecher - Um 20:20 Uhr wurde Rettungswagen zum Studio gerufen

Im Blatt ist die Aufnahme noch einmal zu sehen:

Ausriss Bild-Zeitung - Dramatische Szenen live im TV! Tagesschau abgebrochen! Nach dem Wetter konnte Jan Hofer nicht mehr sprechen

Und als hätte es irgendeinen Zipfel Mehrwert, veröffentlicht Bild.de dann auch noch diesen Beitrag:

Screenshot Bild.de - Tagesschau-Sprecher Jan Hofer - Die Aussetzer der Moderation im Wortlaut

In einem weiteren Artikel fragt Bild.de:

Aber wie konnte es dazu kommen, dass die ARD nach dem Wetterbericht überhaupt weiter live die „Tagesschau“ mit dem sichtlich angeschlagenen Sprecher im Bild übertrug?

Wie es dazu kommen konnte (oder noch besser: ob es überhaupt dazu kommen sollte), dass sie selbst Jan Hofer so vorführen — das hat sich bei den „Bild“-Medien offenbar niemand gefragt.

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Impf-Lügen und Homöopathie-Unsinn, Wikimedias Replik, Geburtstagsfeier

1. Toxische Atmosphäre
(sueddeutsche.de, Bastian Obermayer)
Eine neue Medienallianz namens „One-Free-Press-Coalition“ setzt sich für Journalistinnen und Journalisten ein, deren Freiheit oder gar Leben akut in Gefahr sind oder deren Fälle aktuell Gerechtigkeit verlangen. Zu dem Bündnis zählen internationale Medien wie „Time Magazine“, „Forbes“, „Financial Times“, Nachrichtenagenturen und weitere Medienhäuser, darunter auch die „Süddeutsche Zeitung“.

2. In der Krone waren Ausländer 2017 viel krimineller als in der Realität
(kobuk.at, Veronika Hribernik)
Die österreichische „Kronen Zeitung“ berichtet deutlich häufiger über ausländische als über österreichische Täter. Das geht aus einer Analyse des Medienwatchblogs „Kobuk“ hervor, in der die Berichterstattung mit Beispielen verdeutlicht und mit der offiziellen Kriminalstatistik verglichen wird. Man hätte gern die Begründung der „Kronen Zeitung“ erfahren, doch eine entsprechende Anfrage sei unbeantwortet geblieben.

3. Facebook, Google, Pinterest: Plattformen wollen auch bei deutschsprachigen Impf-Lügen einschreiten
(medwatch.de, Hinnerk Feldwisch-Drentrup)
Facebook, Google, YouTube und Pinterest haben bislang relativ wenig gegen Falschinformationen zu Impfungen unternommen. Nicht freiwillig und nur unter teils erheblichem Druck soll sich dies nun, zumindest teilweise, ändern.
Weiterer Lesehinweis: Homöopathie-Unsinn auf morgenpost.de: Das stimmt wirklich (uebermedien.de, Feldwisch-Drentrup).

4. Filterblase an Filterblase: Eine Replik auf Michael Hanfelds Beitrag bei FAZ.net
(blog.wikimedia.de, John Weitzmann)
„FAZ“-Redakteur Michael Hanfeld hat vergangene Woche den Widerstand der Wikipedia gegen die Urheberrechtsreform der EU kritisiert. Die dabei vorgebrachten Argumente seien anmaßend, falsch und würden der Demokratie schaden. Mit den Worten „Das kann nicht unwidersprochen bleiben“, antwortet John Weitzmann für die Wikipedia-Community mit einer ausführlichen Replik. Der aktuelle Reformtext sei in zentralen Punkten weiterhin problematisch fürs freie Netz und fürs freie Wissen.

5. Wenn das Internet ver­gisst
(lto.de, Roland Schimmel)
Einige juristische Aufsätze und Urteile verschwinden irgendwann nach ihrer Veröffentlichung aus Datenbanken und Archiven. Im Fachjargon: Sie werden „depubliziert“. Warum das so ist und wie man mit solchen verschwundenen Quellen zum Beispiel in der Jura-Hausarbeit umgeht, zeigt Roland Schimmel.

6. Kontaktschuld
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
„Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer war auf der Geburtstagsfeier des mit ihm befreundeten rechtsdrehenden und verwirrten Bierkastenredners Matthias Matussek, bei dem auch viele Mitglieder der rechten Szene und ein Neonazi zugegen waren. An diesem Besuch gab es Kritik. Bei „Spiegel Online“ rechtfertigt sich Fleischhauer und holt zum Gegenschlag aus. Das liest sich teilweise etwas komisch. Zum Beispiel, wenn es in der Einleitung heißt: „Darf man als SPIEGEL-Redakteur an einer Geburtstagsfeier teilnehmen, zu der auch Menschen mit rechter oder sogar rechtsradikaler Gesinnung eingeladen sind?“, als gehöre Fleischhauer nicht zu ersterer Gesinnungsgruppe. Lustig sind auch Fleischhauers Vorwürfe an Reinhold Beckmann, der sich nachträglich distanziert habe. Etwas, das Fleischhauer in gewisser Weise auch tut, wenn er Matussek in seiner Kolumne als nicht ernst zu nehmenden „Wirrkopf“ bezeichnet und sagt, dieser sei „bestenfalls ein Bajazzo, im schlimmsten Fall ist er reif für die Klapsmühle.“

B.Z.  

Das sind keine „Sex-Vorwürfe“

In einer Berliner Kita gibt es einen Verdacht auf sexuelle Gewalt: Ein Erzieher soll eines der Kinder sexuell missbraucht haben. Der Mann wurde suspendiert, gegen ihn wurde Anzeige erstattet.

Die „B.Z.“ berichtet heute über den Fall:

Ausriss BZ - Nach Sex-Vorwürfen! Kita-Mitarbeiter suspendiert

Die evangelische Kita Martin Luther King hat einen Mitarbeiter nach Sex-Vorwürfen suspendiert.

Schon bei erwachsenen Opfern von sexueller Gewalt ist es völlig daneben, von „Sex-Skandal“ oder „Sex-Vorwürfen“ zu sprechen. Solche Begriffe bagatellisieren die Tat, indem sie einen entscheidenden Teil von sexueller Gewalt einfach weglassen: den gewalttätigen. Spätestens, wenn das Opfer ein Kind sein soll, müsste doch jeder Redaktion klar werden, dass der Vorwurf nicht im Entferntesten etwas mit Sex zu tun hat.

Zur Verdeutlichung ein anderes Szenario: Hätte der Erzieher mit einer volljährigen Kollegin während der Arbeitszeit in der Kita einvernehmlichen Sex gehabt — dann wäre die „B.Z.“-Überschrift möglicherweise angemessen. Aber noch mal: Es geht hier um eine Gewalttat an einem Kind.

Gesehen bei @LauHofmann.

Nachtrag, 15. März: In einer ersten Version hatten wir selbst mehrfach von „sexualisierter Gewalt“ geschrieben. Diese Stellen haben wir inzwischen in „sexuelle Gewalt“ geändert. Ein Text bei „Spiegel Online“, den wir selbst mal in unseren „6 vor 9“ verlinkt haben, erklärt, warum das eine gute Idee ist.

Mit Dank an andré und @spontifixus für die Hinweise!

„Bild“ spielt Luther und nagelt an die falsche Tür

Mutig, mutig!

Ausriss Bild-Zeitung - Bild-Reporter Felix Seifert befestigt die zwölf Bild-Thesen an der St.-Bonifatius-Kirch in Lingen - Bei Bischofskonferenz! Reporter hängt zwölf Bild-Thesen an die Kirchen-Tür - Dazu ein Foto, das zeigt, wie der Bild-Reporter die Bild-Thesen an der Kirchentür befestigt

Seifert schreibt in „Bild“ zu seiner eigenen Aktion:

Auf der Bischofskonferenz in Lingen (Niedersachsen) tagen die Bischöfe hinter verschlossenen Türen.

BILD nutzte die Chance und heftete zwölf Thesen für einen Neuanfang in der katholischen Kirche (Ausgabe vom 26. Februar) an den Eingang der St.-Bonifatius-Kirche.

Diese „12 BILD-Thesen“ mit dem Titel „ÄNDERT EUCH!“ sind sogar ganz gut. Darunter zum Beispiel: „Öffnet die Akten und Archive“ zu Tausenden Missbrauchsfällen. Und: „Frauen zulassen“ bei der Priesterwürde. Selbst den einstigen „Wir sind Papst“-Liebling Joseph Ratzinger, auch bekannt als Benedikt XVI., knöpft sich „Bild“ vor: „Benedikt, sprich zu den Gläubigen“ über „die dunkelsten Geheimnisse der jüngsten Kirchengeschichte“.

Ärgerlich nur, dass diese an die Lingener Kirchentür angehefteten Forderungen die Teilnehmer der Bischofskonferenz kaum erreichen dürften. „Bild“-Reporter Seifert hat gestern beim Thesenaufhängen nämlich blöderweise die falsche Tür gewählt: In St. Bonifatius fand zwar der Eröffnungsgottesdienst der Vollversammlung statt. Der war aber schon am Montag. Seitdem tagt die Bischofskonferenz im gut sechs Kilometer entfernten Ludwig-Windthorst-Haus. Dort gibt es auch eine eigene Kapelle, in der die allmorgendlichen Predigten stattfinden.

Die Angabe „Bei Bischofskonferenz!“ aus der „Bild“-Überschrift stimmt also nicht wirklich. Aber Hauptsache die Leserinnen und Leser bekommen das Gefühl, dass die „Bild“-Leute sich mal so richtig was trauen.

Mit Dank an Brigitte K. und @moaxislaven für die Hinweise!

Herr Grindel Herr Grindel, Rape Day auf „Steam“, Dialog für Störer?

1. DFB-Präsident Grindel sorgt mit Interview-Abbruch für Wirbel
(dw.com, Joscha Weber)
DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht im „Deutsche Welle“-Interview über die Zukunft des Weltfußballs und mögliche neue Wettbewerbe. Doch plötzlich findet das Gespräch ein jähes Ende: Anscheinend verärgert wegen der Nachfragen zu einer 25-Milliarden-Dollar-Offerte für die FIFA, knöpft sich Grindel das Mikro ab und stürmt davon … Im Netz hagelt es Kritik und Spott.
Weiterer Lesehinweis: Das Interview in voller Länge gibt es hier: DFB-Präsident Reinhard Grindel: „Wenn wir die Klub-WM nicht veranstalten, machen es kommerzielle Anbieter“ (dw.com, Florian Bauer).

2. „Dieses Urteil ist für mich ein Signal“
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein, Audio: 9:15 Minuten)
Im „Deutschlandfunk“ geht es um die Aufhebung des Urteils gegen die österreichische grüne Ex-Abgeordnete Sigi Maurer, die mit obszönen Privatbotschaften via Facebook belästigt worden und trotz vorliegender Beweise vom Inhaber des Accounts unter anderem wegen übler Nachrede verklagt worden war. Der für den „Spiegel“ arbeitende Korrespondent Hasnain Kazim begrüßt die Entscheidung. Kazim hat im Laufe seiner Karriere schon unzählige Hassmails bekommen. Einige davon hat er in seinem Buch „Post von Karlheinz“ verarbeitet. Kazim kündigte auf Twitter an, verstärkt gegen die Verfasser von Hassbriefen vorgehen zu wollen. Auch wenn er vor Gericht nicht unbedingt mit einem Erfolg rechnen könne. Außerdem kommt Christian-Oliver Moser, Anwalt für Presserecht, zu Wort, der Noah Becker, den Sohn von Boris Becker, bei seiner Klage gegen den AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier vertreten hatte.

3. Lasst sie ihre Arbeit machen!
(taz.de, Finn Holitzka)
Im ZDF-„Morgenmagazin“ ist gestern eine zeternde Zuschauerin vor laufenden Kameras aus dem Publikum aufgestanden und hat sich rabiat zwischen die Moderatoren gedrängt. Das „Morgenmagazin“-Moderatorenduo ist ruhig geblieben. Die Moderatorin Dunja Hayali hat der pöbelnden Störerin sogar ein Gespräch angeboten. „taz“-Autor Finn Holitzka lobt in seinem Kommentar die „souveräne und deeskalierende Coolness der Moderatoren“, gibt jedoch zu bedenken: „Dialogbereitschaft gegenüber Personen, die drängeln, pöbeln, blaffen, dürfte als Einladung gesehen werden: Wer laut genug krächzt, kriegt ein Mikro hingehalten.“

4. «Alle meine heiklen Artikel werden im Ausland publiziert»
(medienwoche.ch, Benjamin von Wyl)
Der afghanische Investigativjournalist und Menschenrechtsaktivist Hassan Hakimy schreibt zu Themen wie Korruption, Vergewaltigung und Zwangsverheiratung von Kindern. Während einer Europareise hat er sich mit der „Medienwoche“ unterhalten. Es geht um Medienfreiheit in Afghanistan, die afghanischen Flüchtlinge in Europa und Drohungen gegen ihn: „Wenn ich in Afghanistan bin, habe ich konstant Angst: Vielleicht sterbe ich jetzt; vielleicht bringt mich in einer Stunde jemand um.“
Weiterer Lesetipp: Soziale Medien im Nahen Osten: Tipps für Journalisten (de.ejo-online.eu, Damian Radcliffe & Payton Bruni).

5. Die Diskussion um diese Autorinnen-Liste zeigt, wie unsichtbar Frauen auf Wikipedia sind
(vice.com, Lisa Ludwig)
Die Autorin Theresa Hannig wollte auf Wikipedia eine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen anlegen. Das Normalste auf der Welt, möchte man meinen, aber weit gefehlt: Ein wahrscheinlich männlicher Wikipedia-Editor reichte umgehend einen Löschantrag ein. Lisa Ludwig erklärt den Vorgang, der nicht nur konkrete, sondern grundsätzliche Fragen aufwirft.

Update: In ihrem Blog schreibt Theresa Hannig in einem Nachtrag: „Nach der überwältigenden Unterstützung vieler, vieler Leute auf Twitter und in der Löschdiskussion, wurde der Löschantrag heute Nachmittag zurückgezogen.“

6. Aus Spaß belästigen, vergewaltigen und töten
(zeit.de, Thomas Lindemann)
Kulturjournalist Thomas Lindemann schreibt über die Vorankündigung eines „Vergewaltigungsspiels“ auf der Spieleplattform Steam und deren ungenügende Abgrenzung gegenüber gewaltverherrlichendem Digitalschund: „Am Ende scheitert also auch die weltgrößte Spieleplattform daran, klare Grenzen zwischen Sex, Sexualität, Sexismus und Gewalt zu definieren. Dabei ist Rape Day nur ein Teil eines größeren Problems. Seit vergangenem Sommer können Entwickler und Entwicklerinnen ihre Spiele auf Steam veröffentlichen, ohne dass diese vorher geprüft werden. Seitdem finden sich dort Nazi-Spiele, Pornos aller Art, auch Fakes, die gar nicht spielbar sind. Überall wird derzeit gegen Uploadfilter gewettert — hier würde man sich welche wünschen.“

Tollstes Onlinemedium schreibt beste Überschrift

Bei „Bild“ brauchen sie Superlative. Und was ist besser als ein Superlativ? Richtig: zwei Superlative.

Screenshot Bild.de - Sensations-Transfer - Größter NFL-Star geht zu schlechtestem Team

Es geht um Footballer Odell Beckham Jr., der sein bisheriges Team, die New York Giants, verlässt und zu den Cleveland Browns wechselt.

Superlativ Nummer 1 — OBJ als „größter NFL-Star“ — ist schon ziemlich gewagt. Man denke zum Beispiel an Tom Brady, den Quarterback der New England Patriots, der von vielen als der „GOAT“, der „Greatest of all Time“, bezeichnet wird (wobei Brady es gar nicht mag, so genannt zu werden). Oder an Patrick Mahomes, den Quarterback der Kansas City Chiefs, der in der abgelaufenen Saison als MVP, also als sportlich wertvollster Spieler der Liga, ausgezeichnet wurde. Odell Beckham Jr. hat weder den einen noch den anderen Titel. Er mag ein Superstar der NFL sein — aber der größte? Am Ende des Bild.de-Artikels ist er dann auch nur noch der „schillerndste Star der Liga“, was es eher treffen mag.

Schlagzeilen-Superlativ Nummer 2 — die Cleveland Browns als „schlechtestes Team“ — ist schlicht falsch. Das steht sogar im Bild.de-Artikel:

Die Browns hatten zwar in der letzten Saison die Playoffs nur knapp verpasst — die Spielzeiten vorher waren sie jedoch das schlechteste Team der NFL.

Jaja, die Bild.de-Redaktion kommt mit ihrer Überschrift nur ein Jahr zu spät. Tatsächlich hatten in der vergangene NFL-Saison etliche Teams eine schlechtere Bilanz als die Cleveland Browns. In den zwei Jahren zuvor waren die Browns in der Tat das schlechteste Team der Liga. 2015 teilten sie sich diesen Platz mit den Tennessee Titans. In den Jahren davor waren die Browns hingegen nie das schlechteste Team.

Statt „Größter NFL-Star geht zu schlechtestem Team“ hätte Bild.de auch schreiben können: „Tollstes Onlinemedium schreibt beste Überschrift“ — das wäre dann genauso falsch gewesen.

Mit Dank an Christian P., Patrick und @VM_83 für die Hinweise!

Die Unfug-Sprachwächter, Rechtes Netzwerk visualisiert, Lobbyarbeit

1. Der Schwachpunkt der selbsternannten Sprachwächter
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Till Raether)
Medienkritiker Stefan Niggemeier hat den „Verein Deutsche Sprache“ („VDS“) einmal als „eine Art Sprach-Pegida“ bezeichnet. Aktuell fordert der VDS in einem Manifest „Schluss mit dem Gender-Unfug“. Ein Manifest, das nicht nur entsetzlich schlecht geschrieben sei, sondern auch zahlreiche Argumentationsmängel aufweise, wie Till Raether ausführt: „Der Versuch, Sprache davor zu schützen, dass sie sich verändert, entspringt nicht der Liebe zur Sprache, wie ihre Vereinsmeier*innen glauben machen wollen, sondern der Liebe zum Hergebrachten, zum Immer-so-Gewesenen.“
Weiterer Lesetipp: Bei „Spiegel Online“ setzt sich Margarete Stokowski ebenfalls mit den Argumenten gegen eine gendergerechte Sprache auseinander. Bezugnehmend auf eine Passage in einem aktuellen „Welt“-Text von Sibylle Lewitscharoff schreibt sie: „Ich weiß nicht, ob es je ein größeres Missverständnis über den Feminismus gab als die Idee, irgendwer würde Untenrumuntersuchungen durch Sibylle Lewitscharoff fordern, aber man sollte sich davon nicht abschrecken lassen, denn ihr Text ist so voller Perlen der Widersprüchlichkeit, dass es lohnt, ihn ganz zu lesen.“
Lohnenswert ist auch Mit Genderstern in den Weltuntergang (belltower.news, Stefan Lauer). Dort hat man sich den Unterstützerkreis der Petition angeschaut und wirft einen Blick auf die teilweise problematischen Verbindungen zur Rechtspopulismus-, Antifeminismus- und Männerrechteszene.

2. Das Netzwerk der neuen Rechten
(neuerechte.org, Christian Fuchs & Paul Middelhoff)
Als „patriotische Parallelgesellschaft“ bezeichnen die Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff das von ihnen identifizierte und analysierte neurechte Netzwerk aus über 150 Stiftungen, Vereinen, Medien und Kampagnen. Eine Deutschlandkarte zeigt alle Standorte und Verbindungen und liefert auf Mausklick weitere Informationen.

3. Was wir aus dem Fall Relotius für den Journalismus lernen können
(journalist-magazin.de, Georg Löwisch)
Der Betrugsfall Relotius sei eine Chance für den Journalismus, so „taz“-Chefredakteur Georg Löwisch. In seinem „Handwerksmerkzettel“ geht es um sechs Punkte: 1) Quellen nennen, 2) Recherchewege zeigen, 3) Zitieren, 4) Anonymisieren, 5) Rekonstruieren und 6) Zweifeln.
Weiterer Lesehinweis: So arbeiten wir mit anonymen Quellen aus dem „Welt“-Reportage-und-Investigativ-Ressort (investigativ.welt.de, Manuel Bewarder).

4. Die sieben Anti-EU-Kampagnen der Krone des Jahres 2018
(kobuk.at, Ida Woltran)
Ida Woltran hat sich die sieben Ant-EU-Kampagnen der österreichischen „Krone“ angesehen und analysiert: „Vor allem im Zusammenhang mit neuen Regulierungsvorhaben ist es laut Krone meist die EU, die uns etwas wegnehmen, verbieten oder streichen will. Eine Differenzierung, wer eigentlich die EU ist, unterbleibt meist. Die Krone framed die EU negativ und geht kaum auf konkreten Vorgänge in den EU-Organen ein. Die jeweilige Gegenseite kommt nicht zu Wort.“

5. Lobbyarbeit pur: 228 Kreativ-Verbände für EU-Urheberrechtsreform
(tarnkappe.info, Lars Sobiraj)
228 europäische Kreativ-Verbände haben in einem gemeinsamen Schreiben (PDF) dazu aufgerufen, den umstrittenen geplanten Änderungen des EU-Urheberrechts zuzustimmen. Auch der Deutsche Journalisten-Verband befürwortet die Regelung, was Lars Sobiraj zu der Frage führt: „Warum fordert der DJV den Untergang der eigenen Branche?“
Weiterer Lesehinweis: Bei „Infosperber“ kommentiert Matthias Zender den Kampf der Schweizer Verleger um ein Leistungsschutzrecht mit den Worten: „Das wäre, wie wenn die Landwirtschaft zur Käseunion zurückkehren würde.“
Und einen Hörtipp gibt es auch noch: Beim „Deutschlandfunk“ besprechen Experten das Für und Wider von Uploadfiltern. Die Technik weise deutliche Grenzen auf: Warum Kritiker Angst vor Zensur haben (deutschlandfunk.de, Audio: 9:15 Minuten).

6. Nachdenkliche Töne zum Geburtstag
(tagesschau.de, Marcus Schuler)
Vor 30 Jahren legte der Physiker Tim Berners-Lee den Grundstein für das World Wide Web. Der damals 34-Jährige entwickelte HTML, programmierte einen Webserver und einen Browser — die Grundlagen für unser heutiges Web. 30 Jahre nach seiner Erfindung warnt Berners-Lee vor Datenmissbrauch, Desinformation, Hassreden und Zensur. Seine Forderung: „Unternehmen müssen mehr tun, um sicherzustellen, dass ihr Gewinnstreben nicht auf Kosten von Menschenrechten, Demokratie, wissenschaftlichen Fakten und öffentlicher Sicherheit geht.“

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BILDblog-Klassiker

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„Auf der Straße ziehen Eltern ihre Kinder zur Seite“

Mimoun Azaouagh war zehn Jahre lang Profifußballer, spielte unter anderem für den VfL Bochum, Schalke 04 und die deutsche U-21-Nationalmannschaft.

Im vergangenen Sommer war er noch in der zweiten Bundesliga unter Vertrag, doch kurze Zeit später kam eine Schlagzeile, die sein Leben veränderte.

So berichtete „Bild“ (auch in der Bundesausgabe) im Februar dieses Jahres über den Fußballer. Seitdem machen Leute auf der Straße einen Bogen um ihn, Bekannte distanzieren sich, Vereine wollen ihn nicht mehr – alles wegen dieser „Bild“-Geschichte, sagt er. Dabei sei sie „absoluter Quatsch“.

Ron Ulrich hat für die aktuelle Ausgabe der „11FREUNDE“ ein Interview mit Azaouagh geführt, aus dem wir mit freundlicher Genehmigung einen Auszug veröffentlichen.

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Mimoun Azaouagh, im Februar berichtete die „Bild“-Zeitung auf ihrer Titelseite, dass Sie im Visier der Staatsanwaltschaft stünden. Die Schlagzeile lautete: „Ex-Schalke-Star jetzt Salafist?“ Sind Sie einer?
Ich bin kein Salafist, ich bin Muslim. Aus Überzeugung. Ich respektiere jeden, egal welche Hautfarbe oder Religion. Ich habe Freunde, der eine ist Christ, der andere Atheist. Ich lebe hier in Deutschland, bin im multikulturellen Frankfurt aufgewachsen. Hier interessiert es keinen, wo man herkommt, woran man glaubt. Diese Toleranz habe ich von klein auf mitbekommen. Dieser Bericht hat mich geschockt.

Darin ist die Rede davon, dass Sie Ihr Leben radikal geändert, sich von Ihrer Freundin und Freunden getrennt hätten. Stimmt das?
Absoluter Quatsch. Ich bin aus einer Firma ausgestiegen, ja, aber ich denke, das ist ein normaler Vorgang. Mein Freundeskreis ist gleich geblieben, die Leute kenne ich allesamt schon seit meinen Kindertagen. Da stand auch, ich wäre bei meinen Eltern ausgezogen. Ich wohne seit meinem 17. Lebensjahr nicht mehr bei ihnen. Und überhaupt: Was soll das alles beweisen?

Üben Sie Ihren Glauben anders aus als vorher?
Kein Stück. Es ist nie mehr oder weniger geworden als zu meiner aktiven Zeit als Profi. Ich bin schon während meiner Stationen in der ersten und zweiten Liga regelmäßig in die Moschee gegangen, habe auch gefastet und fünf Mal am Tag gebetet. Ich bin aber tolerant gegenüber anderen Religionen: Im Islam gibt es keinen Glaubenszwang. Jeder soll das ausüben, was er für richtig hält. Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Menschen nur eine Religion haben, dann hätte er nicht jedem den freien Willen gelassen.

Wurden Sie denn jemals von Salafisten angesprochen?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass die sich trauen, mich anzusprechen. Ich habe eine ganz andere Denkweise. Für mich sind das keine Muslime, das sind Verbrecher. Jürgen Todenhöfer hat es richtig gesagt: „Der Terrorismus hat genauso wenig mit Islam zu tun wie Vergewaltigung mit Liebe.“ Genauso sehe ich es.

Sind Sie überhaupt schon Salafisten begegnet?
Man muss wissen, wer Salafist ist. Wenn Sie mir sagen, wer Salafist ist, dann kann ich sagen: Okay, gut zu wissen, von denen halte ich mich fern. Wenn ich aber in eine Moschee gehe, kann es vorkommen, dass Leute mich ansprechen, ein Foto mit mir machen wollen. Da kenne ich nicht jeden einzelnen und seine Vergangenheit.

Was sagen Sie zu den Behauptungen, Sie hätten an Koran-Verteilungen teilgenommen?
Ich habe noch nie Korane verteilt. Noch nie! Und auch noch nie versucht, jemanden zu bekehren. Da können Sie auch jeden einzelnen meiner Mitspieler fragen. Ich habe immer mein Ding gemacht und andere machen lassen. Auch hier weiß ich nicht, wie so etwas zustandekommt. Glauben die Leute, ich stelle mich auf die Frankfurter Zeil und verteile den Koran? Unter dem Bericht war ein Foto von einer Koran-Verteilung, aber dort war irgendjemand anderer abgebildet und nicht ich.

Hat sich die Polizei bei Ihnen gemeldet?
Nach dem Bericht bin ich selbst zur Dienststelle gegangen, weil ich wissen wollte, was da angeblich gegen mich vorliegt. Die Polizei hat mir mündlich und schriftlich bestätigt, dass an den Vorwürfen nichts dran ist.

Welche Folgen hatte die Berichterstattung für Sie?
Ich persönlich bin schmerzfrei, was das angeht. Aber die Leute begegnen mir anders als vorher: Sogenannte Bekannte haben mich vor dem Bericht herzlich umarmt und mit mir gequatscht, jetzt sind alle distanziert. Das merke ich allein an der Art und Weise, wie sie mir die Hand geben. Auf der Straße ziehen Eltern ihre Kinder zur Seite, weil sie im Kopf haben: Das ist Azaouagh, der Salafist.

Wie ging Ihre Familie damit um?
Für sie war es viel schlimmer. Nur ein Beispiel: Mein Bruder leitet seit fünf Jahren in einer internationalen Schule ein Fußballtraining, am Wochenende die Spiele. Einen Monat nach der Veröffentlichung hat er einen Anruf der Direktorin bekommen, die auf einmal ein Führungszeugnis von ihm sehen wollte. Sie erklärte lediglich, es sei damals vergessen worden. Doch im Endeffekt kann man ja eins und eins zusammenzählen.

Warum sind Sie nicht ihrerseits in die Öffentlichkeit gegangen?
Der „Bild“-Reporter hat mir einen Tag nach der Veröffentlichung eine SMS geschrieben, vorher nicht. Ich habe damals nicht eingesehen, auf so einen Schwachsinn einzugehen. Und auch später habe ich mich nicht geäußert. Zum einen haben die Leute sowieso ihre vorgefertigte Meinung, zum anderen bin ich auch nicht der geborene Redner. Ich habe zu meiner aktiven Zeit nie viele Interviews gegeben. Ich hatte Angst, dass ich mich verhaspele. Es war wie Lampenfieber. Andere Fußballer sprechen ganz locker, als wären sie mit dem Mikrofon geboren, ich nicht.

Inwieweit hatten die Berichte Einfluss auf Ihre Karriere?
Viele Vereine, die mich auf dem Zettel hatten, haben mich deswegen gestrichen. Da bin ich sicher.

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Das vollständige Interview gibt’s in der aktuellen Ausgabe der „11 FREUNDE“.
Mit Dank an Marcel B.

Für Sie geklickt (6)

Wir haben unsere Clickbait-Taskforce wieder für Sie losgeschickt, um herauszufinden, was hinter den großen Ankündigungen in Titel und Teaser wirklich steckt. So sparen Sie Lebenszeit und Gehirnzellen.

Heute: das vergangene Wochenende auf der Facebookseite der „Huffington Post“.

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Einen Hund.

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Weil sie und ihre Familie die Giraffe zuvor erschossen hatten.

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Dass ihre Kinder sie oft angucken.

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Die Supermarktkette hat Weinflaschen mit Plastikbechern ins Sortiment aufgenommen.

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Ihre Halskette.

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Rhabarber, Kartoffeln, Rote Beete, zu viel Muskatnuss, zu viele Keimlinge, Auberginen, Holunder, Bohnen, Wildpilze, grüne Tomaten.

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„Ich liebe Dich, Batman!“

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Die „11 Marken“ sind dann doch nur vier:
1. „Amazon“
2. „Kölner Zoo“
3. „Tour de France“
4. „Toblerone“

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Sie hat weniger Augenringe und weniger Falten.

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Das Foto geriet in die falschen Hände und tauchte auf einer Website für Leute auf, die es scharf finden, sich Fotos von Schwangeren anzuschauen.

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Das Wort „Fatty“.

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Salz, Thymian, Basilikum, Oregano, Selleriesalz, schwarzer Pfeffer, getrockneter Senf, Paprikapulver, Knoblauchsalz, gemahlener Ingwer und weißer Pfeffer.

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Bikini.

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Weil auch auf dem Toilettenpapier Keime sein können.

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Etwa 226.000 Euro im Jahr.

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Ignorieren, zurechtweisen, genervt reagieren.

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Sie machen ein Selfie auf Bahngleisen. Dann kommt ein Zug angerast. Ist aber nur ein Video der „Deutschen Bahn“ zur Abschreckung.

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1. Sie wissen, was sie wollen.
2. Sie klammern nicht.
3. Sie kriegen alles hin.
4. Sie haben Verständnis.
5. Sie sind sexy.
6. Sie lieben.
7. Sie spielen keine Spielchen.

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Pornos.

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Die Frage war eigentlich eine Aufgabe: Die Tochter sollte eine Tube Zahnpasta auf einen Teller ausdrücken und es dann schaffen, die Zahnpasta wieder zurück in die Tube zu bekommen. Klappte natürlich nicht. Das sollte symbolisieren, wie wichtig es ist, vorher über seine Worte und Taten nachzudenken. Oder so.

Bitte. Keine Ursache.

Disruptions-Baustelle BR, TV-Duell-Millionäre, How to Strunz

1. Baustelle Liebeskummer
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky & Katharina Riehl)
Der Bayerische Rundfunk (BR) befindet sich inmitten großer Veränderungen, vielleicht ist es sogar der größte Umbruch, den der Sender verkraften musste: Riesige Defizite wurden angehäuft, bis 2025 sollen 450 Stellen in der Produktion abgebaut werden. Für 2017 bis 2020 droht ein Minus von 328 Millionen, aber trotzdem baut der „BR“ in Freimann eine neue Senderzentrale. Die SZ-Autorinnen Tieschky und Riehl zweifeln an der Geordnetheit der Umstrukturierungen: „Bleibt die Frage, ob das so sein muss. Alles gleichzeitig – hätte man nicht entzerren können, das Sparen, die Reform, den Umzug?“

2. Sofortige Freilassung von Deniz Yücel gefordert
(deutschlandfunkkultur.de, Katrin Heise)
Der Journalist Deniz Yücel („Welt“) befindet sich seit nunmehr über 200 Tagen in türkischer Haft. Lea Deuber von „journalists.networks“ hat einen offenen Brief an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gestartet, den 14 Journalistenorganisationen unterstützen. Im Interview mit dem Deutschlandfunk spricht Deuber über ihre Beweggründe und Hoffnungen.
Weiterer Lesetipp: „Moralische Appelle reichen nicht mehr aus“ auf Welt.de.

3. Neues aus dem Fernsehrat (15): Zehn Thesen zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Leonhard Dobusch stellt ein Thesenpapier zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien vor, das Vertreter aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft in einem Gesprächskreis mit Politik und öffentlich-rechtlichen Sendern entwickelt haben.

4. Marcel H. zeigt keine Emotionen und gibt Taten zu
(wdr.de, Sebastian Wehner)
Der WDR hat sich entschieden, einen 19-Jährigen, dem der Mord an zwei Menschen vorgeworfen wird und der die Tat eingeräumt hat, nur verpixelt zu zeigen. Das ist insofern bemerkenswert, da der Angeklagte vor Gericht den ausdrücklichen Wunsch geäußert hat, er wolle nicht unkenntlich gemacht werden. „Der Grund für unsere Entscheidung: Wir wollen niemandem eine Bühne bieten, der schockierende Fotos seiner Opfer ins Netz gestellt und mit seinen Taten geprahlt haben soll.“

5. Wenn Millionäre fragen
(freitag.de, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal ist aufgefallen, wie wenig es beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz um das Thema der sozialen Gerechtigkeit ging. Womöglich hängt das mit den prominenten und gut situierten Fragestellern Klöppel (RTL), Maischberger (ARD), Illner (ZDF) und Strunz (Sat1) zusammen: „Alle vier sind erfolgreiche Unternehmer in eigener Sache. Das ist auch gar nicht zu kritisieren. Bei ihren Vorgängern Stefan Raab und Anne Will war es 2013 nicht anders. Aber fragen wird man schon dürfen, ob es thematisch nicht zu extremen Verzerrungen kommt, wenn sich die Fragesteller biographisch kaum unterscheiden, wenn sie alle den gleichen sozialen Status und das gleiche Alter aufweisen und mehr verdienen als Kanzlerin und Herausforderer zusammen.“

6. Strunz in fünf Minuten
(zdf.de)
Sie wollen unbedingt werden wie Fremdschäm-Ikone und Rechtsaußen-Talker Claus Strunz (Sat1)? Ein 5-Minuten-Coaching durch Carolin Kebekus macht’s möglich.

Gekränktes „Bild“-Ego, Untragbare Tragbar-Abstimmung, Söderbesuch

1. Kleine Geschichte am Rande
(facebook.com, Nora Hespers)
Die freie Journalistin Nora Hespers berichtet von einem bemerkenswerten Erlebnis im Zusammenhang mit dem Videodreh der Band „Erdmöbel“ mit Judith Holofernes in Köln. Holofernes, von der man spätestens seit ihrem offenen Brief „Ich glaub, es hackt“ weiß, wie sie zu „Bild“ steht, wollte — wenig überraschend — nicht mit einem „Bild“-Reporter sprechen. Daraus entwickelte sich eine seltsame Eigendynamik, die dazu führte, dass der „Bild“-Reporter bei der bereits anwesenden Polizei nachfragte, ob es stimme, dass keine Drehgenehmigung vorliege. Wahrscheinlich, um wenigstens mit einer Aufreger-Story in die Redaktion kommen zu können, so Nora Hespers. Sie fasst das Verhalten zusammen, dass sie symptomatisch für unsere Gesellschaft hält: „Erstens: Nicht kommunizieren und dafür grundsätzlich erst mal das Negativste vom Gegenüber annehmen, statt Fragen zu stellen oder sich zu informieren. Zweitens: Den Fokus auf das möglicherweise Negative an der Geschichte legen, statt sich eine differenzierte Betrachtung des Geschehens zur Aufgabe zu machen. Drittens: Es laufen zu viele beleidigte und gekränkte Egos durch die Gegend.“

2. Ist Schutzbach noch tragbar?
(franziskaschutzbach.wordpress.com)
Die an der Universität Basel lehrende Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach ist ins Visier der „Basler Zeitung“ geraten: Angeblich sei sie gegen die Meinungsfreiheit und wolle ihre politischen Gegner aus dem Alltag verdrängen. Der „BaZ“-Beitrag endet mit einer fragwürdigen Abstimmung, in der die Leser gefragt werden, ob Schutzbach für die Universität Basel noch „tragbar“ sei. In ihrem Blog wehrt sich Schutzbach gegen den Artikel. Nicht nur der „BaZ“-Text, sondern auch das Vorgehen der Zeitung sei ein Lehrstück für Kampagnen-Journalismus und unsaubere journalistische Arbeit.

3. Fleet Street verliert letzte Bastion des britischen Journalismus
(kontakter.de, Franz Scheele)
Einst galt die Londoner Fleet Street als das Zentrum der britischen Zeitungsbranche, doch das ist nun wohl für alle Zeiten vorbei: Nachdem die Zeitungsverlage längst abgewandert sind, schließt Ende des Jahres auch die Journalisten-Gewerkschaft „British Association of Journalists“ ihr Büro. Dennoch sei die Geschichte des britischen Zeitungsjournalismus in London auch heute noch erlebbar: Franz Scheele verweist in seinem Artikel auf einen Onlineführer, mit dessen Hilfe man alle wichtigen Örtlichkeiten auffinden könne. Dort soll es auch Empfehlungen für Pubs geben, die lange als Hauptumschlagplatz für Informationen (und ein gutes Bier) galten.

4. Kritisierte Kooperation – NDR, WDR und SZ
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Seit vier Jahren kooperieren NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“, wenn es um größere Recherche-Projekte geht. Die Mitbewerber aus der Medienbranche sehen die Zusammenarbeit der Konkurrenz kritisch. Von einem „Zitier-Kartell“ ist da die Rede, von Quersubventionierung und Bevorzugung in der „Tagesschau“. Daniel Bouhs hat ein Stimmungsbild eingeholt und auch die Kritiker des Rechercheverbunds zu Wort kommen lassen.

5. Ausverkauf: Die Süddeutsche Zeitung und ihre chinesischen Propagandaanzeigen
(savetibet.de, Kai Müller)
Der Geschäftsführer der Berliner Dependance der „International Campaign for Tibet“, Kai Müller, kritisiert die „Süddeutsche Zeitung“. Diese habe am 10. November mit ihrer Deutschlandausgabe eine Sonderbeilage des chinesischen Staats- und Parteiblatts „China Daily“ verbreitet. Kai Müller kommentiert die Beilage des „Pamphlets“, wie er es nennt: „Die Süddeutsche Zeitung, will sie wirklich ihrem Anspruch als Qualitätszeitung gerecht werden und will sie ihre Glaubwürdigkeit als unabhängiges Medium wahren, darf keine Propaganda autoritärer Staaten verbreiten, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben.“

6. Eine Facebook-Real-Satire: Wir haben drei Wochen auf dem Facebook-Profil von Söder verbracht, damit ihr es nicht tun müsst
(zuendfunk-netzteil.br.de, Sebastian Spallek)
Sebastian Spallek hat in einem Akt der Selbstaufopferung drei Wochen auf dem Facebookprofil des bayerischen Finanzministers Markus Söder verbracht, der als Anwärter auf die Seehofer-Nachfolge gehandelt wird. Dies blieb nicht ohne Folgen: „Der hat 1live! Und er ist viele. Zumindest im fränkischen Fasching ist er Punker! Drag Queen!!! Shrek und Mahatma Ghandi!!!! Edmund Stoiber!! Wowwww! Dr. Söder mag Fasching, trägt Trachtenjanker und hat ein uneheliches Kind. Herrgottsakra und ja mei, so modern ist halt die CSU.“

Bild.de versetzt Tochter an Tatort

In Offenburg soll gestern ein Mann einen Arzt in dessen Praxis mit einem Messer erstochen haben. Bei Bild.de erzählten sie auf der Startseite diese falsche Geschichte dazu:

Screenshot Bild.de - 26-Jähriger tötet Hausarzt mit Messer - Tochter (10) war dabei, als ihr Vater in der Praxis starb

Der vermeintliche Umstand, dass die Tochter vor Ort gewesen ist, macht den ohnehin schon dramatischen Fall noch dramatischer. Das findet auch Bild.de-Autorin Stephanie Keber:

Am Donnerstagmorgen stürmte ein Mann (26) in eine Hausarztpraxis in Offenburg (Baden-Württemberg), tötete einen Mediziner und dessen Assistentin mit einem Messer. Schrecklich: Die Tochter (10) des Arztes war dabei, als ihr Vater in den Räumen der Praxis starb.

Dass auch die Assistentin getötet wurde, stimmt nicht — sie wurde verletzt und musste ins Krankenhaus. Diese Stelle hat Bild.de inzwischen korrigiert.

Doch zurück zu der Tochter. Dass die ebenfalls in der Praxis gewesen sein soll, berichteten auch anderen Medien. Darunter „Focus Online“:

Screenshot Focus Online - Sie rief noch Papa! Mann ersticht Arzt in Offenburger Praxis - zehnjährige Tochter sieht Drama mit an

HNA.de:

Screenshot HNA.de - Angriff ohne Vorwarnung - Messerattacke in Offenburg: Arzt vor seiner Tochter (10) getötet - Haftbefehl erlassen

Merkur.de:

Screenshot Merkur.de - Messerattacke in Offenburg: Arzt vor seiner Tochter (10) getötet - Haftbefehl erlassen

Sie alle beziehen sich dabei auf die „Bild“-Medien.

Da der mutmaßliche Täter aus dem Ausland stammt, interessiert sich auch die AfD für den Fall. Ein Landtagsabgeordneter der Partei startete noch gestern einen Demo-Aufruf, unter anderem mit der Behauptung:

Anlass ist der feige Mord […] an einem deutschen Arzt vor den Augen seiner 10-jährigen Tochter

Woher die Partei die Information mit der Tochter hat, wird nicht direkt klar. Da aber nur Bild.de und die von Bild.de abschreibenden Redaktionen dieses Detail erwähnten, dürfte auch die AfD es von dort haben.

Das Portal „Baden online“ berichtet heute* von der Pressekonferenz der zuständigen Staatsanwaltschaft. Dort ging es auch um die angebliche Anwesenheit der Tochter:

Entgegen diverser Berichte hat die Staatsanwaltschaft keine Hinweise darauf, dass sich Familienangehörige während der Tat in der Praxis aufgehalten haben, sagte [Staatsanwaltschaftsleiter] Schäfer. Unter anderem die AfD Ortenau behauptet auf einem Flyer, dass der Arzt vor den Augen seiner Tochter getötet worden sein soll. Das war den Ermittlern zufolge nicht so.

Mit Dank an Fabian für den Hinweis!

*Nachtrag, 18. August: „Baden online“ hat den verlinkten Beitrag in der Zwischenzeit überarbeitet. Daher findet man die oben zitierte Passage nicht mehr in dem Artikel. Stattdessen heißt es dort nun:

Falsch waren Medienberichte und Kommentare in den sozialen Medien, denen zufolge die zehnjährige Tochter des Hausarztes die Tat beobachtet haben soll. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die Tat unter den Augen eines Angehörigen stattgefunden habe, betonte Schäfer. Tatsächlich scheint sich das Kind aber in unmittelbarer Nähe des Tatorts befunden zu haben.