RT-Beschwerde, Digital Services Act, Stellenabbau in Stuttgart

1. Streit um Auslandsberichterstattung in Deutschland und Russland
(deutschlandfunk.de, Antje Allroggen, Audio: 7:18 Minuten)
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow beklagte sich eine Reporterin von RT DE (ehemals Russia Today Deutschland): Nirgendwo auf der Welt habe es ihr Sender angeblich so schwer wie in Deutschland. Dem widersprach Baerbock. RT habe für die journalistische Tätigkeit jederzeit ungehinderten Zugang, beispielsweise zu den Bundespressekonferenzen: “Dass es staatliche Einmischung gibt, ist nicht der Fall”.

2. Pressefreiheit achten
(djv.de, Paul Eschenhagen)
Der Deutsche Journalisten-Verband und die Europäische Journalisten-Föderation begrüßen den heute im Europaparlament zur Abstimmung stehenden Änderungsantrag zum Digital Services Act. Dieser sehe vor, dass die Geschäftsbedingungen der Internetplattformen wie beispielsweise Facebook, Twitter oder Youtube an die Grundrechte und die Presse- und Meinungsfreiheit gebunden werden müssen.

3. Erweiterung der Farbskala der Corona-Karte der tagesschau
(blog.tagesschau.de)
Die Redaktion der “Tagesschau” sieht sich gezwungen, die Farbskala ihrer Corona-Karte anzupassen. Die Ausbreitung der Omikron-Variante erreiche hinsichtlich der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz neue Höchstwerte, die vor einem Jahr noch undenkbar waren: “Wir brauchen für die Darstellung höherer Inzidenzwerte eine höhergehende Skala und eine in Teilen geänderte Farbgebung.”

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4. Computerspiel-Fachpresse – vom Testmagazin zur kulturkritischen Publikation?
(fachjournalist.de, Rudolf Thomas Inderst)
In seinem Beitrag im “Fachjournalist” skizziert Rudolf Thomas Inderst, Professor für Game Design, die Entwicklung der Computerspiel-Berichterstattung – von den ersten Anfängen über die Hochphase bis zum jetzigen Stand. Zum Schluss hat er noch einen Tipp für den Nachwuchs parat: “Statt auf die Festanstellung als Spielejournalist:in zu spekulieren, scheint es ratsam, einen der benannten thematischen Anknüpfungspunkte der Spielekultur zu nutzen, um sich ein Portfolio aufzubauen bzw. dieses anzubieten.”

5. Massiver Stellenabbau in Stuttgart geplant
(spiegel.de)
“Stuttgarter Nachrichten” und “Stuttgarter Zeitung” wollen bis zum Jahresende etwa 20 Prozent der gesamten Redaktion abbauen. Das betreffe rund 50 redaktionelle Stellen. Bei einer Betriebsversammlung am gestrigen Mittwoch sei die Redaktion über die Pläne informiert worden.

6. Sensationsjubel sorgt für Jubelsensation bei Markus Söder
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Wir geben Ihnen eine Nachricht, und Sie versuchen zu erraten, welche irre Schlagzeile die Profis daraus gemacht haben. Auf die Plätze – los!”

Sachsen-Anhalts ARD-Abschalter, Telegram-Diskussion, Hammer

1. ARD abschalten? Warum die CDU-Forderung aus Sachsen-Anhalt reiner Populismus ist
(rnd.de, Imre Grimm)
Die CDU in Sachsen-Anhalt hat für ihre Forderung, das ARD-Hauptprogramm “Das Erste” abzuschaffen, viel Aufmerksamkeit bekommen. Natürlich stehe es jedem frei, über eine Reform der Öffentlich-Rechtlichen zu debattieren, so Imre Grimm, die sachsen-anhaltinische CDU agiere jedoch populistisch und spiele mit den Grundfesten der Meinungsfreiheit: “Gewiss ist nicht jeder radikale Kritiker von ARD und ZDF ein rechtstendenziöser Populist. Dass sich aber auch die CDU klar AfD-Positionen zu eigen macht und dabei auch noch Einfluss auf die Inhalte der Sender nehmen möchte, ist ein Tabubruch, den der designierte CDU-Chef Friedrich Merz schnellstens einhegen muss.”

2. Was tun gegen die App der Corona-Leugner:Innen
(belltower.news, Simone Rafael)
Die Diskussion über Telegram ist in vollem Gange. Der Dienst ist nicht nur Messenger, sondern durch seine Gruppenfunktion eine Art Soziales Netzwerk, in dem Hass und Hetze gedeihen. Was tun? Die App verbieten oder sie mit Anfragen bombardieren, wie das Bundeskriminalamt es vorschlägt? Simone Rafael, Leiterin des Digitalteams der Amadeu Antonio Stiftung, antwortet auf diese und die damit im Zusammenhang stehenden Fragen.

3. Wer berichtet noch aus dem Landtag?
(flurfunk-dresden.de, Christine Keilholz)
“Die Landespolitik hat als journalistischer Centercourt abgedankt. Das hat auch zu tun mit einem Wandel in der Presselandschaft.” Christine Keilholz beschreibt am Beispiel Sachsens, wie schwer es regionaler Parlamentsjournalismus und landespolitische Berichterstattung heutzutage haben.

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4. Aufmärsche sind keine Spaziergänge!
(migazin.de, Clara Herdeanu)
“Haben Sie in den letzten Tagen eine Einladung zu einem Spaziergang ausgesprochen – und dann schnell erschrocken eine Erklärung hinterhergeschickt, dass Sie kein Querdenker seien und nicht der Meinung seien, wir lebten in einer Diktatur. Willkommen im aktuellen Corona-Diskurs!” Die Linguistin Clara Herdeanu erklärt aus sprachwissenschaftlicher Sicht, warum bestimmte Wörter ihre Unschuld verloren haben und andere banalisiert werden.

5. Auf wen kommt es noch an?
(faz.net)
Vor etwa zwei Jahren hat die “FAZ” 30 seinerzeit vielversprechende Youtuberinnen und Youtuber vorgestellt. Nun verrät die Redaktion, wie es bei den jeweiligen Personen weitergegangen ist: “Wenn wir uns diese individuellen Biografien anschauen, erzählen diese nicht nur etwas über einzelne Personen, sondern zeigen uns auch die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre.”

6. Analyse-Hammer: Häufigste “Bild”-Phrase aufgedeckt
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Hammer, was Uwe Mantel da gelungen ist: In seinem Analyse-Hammer deckt er die meistbenutzte Hammer-Phrase der “Bild”-Redaktion auf. Es ist im wahrsten Sinne ein Hammer-Beitrag.

Nordkoreanische Burrito-Ente, warm serviert

Nordkorea, einst von vielen gefürchtet, taucht in der Berichterstattung heutzutage vor allem in einer Rolle auf: als Lachnummer.

Womit wir auch gleich beim “Stern” wären.

Der macht nicht nur eine ähnliche Entwicklung durch, sondern trägt auch immer wieder dazu bei, dass das niederträchtige Regime Nordkoreas eben nicht gefürchtet oder verachtet wird, sondern belächelt. Mit Geschichten wie dieser:

Nordkorea - Diktator Kim Jong-il wird posthum für eine Erfindung bejubelt: den Burrito

So steht es seit gut einer Woche bei Stern.de. Im Artikel feixt die Autorin:

Neues aus Pjöngjang: Nach sagenumwobenen Einhörnern, die man in einer Höhle gefunden haben will, der Erzählung, dass Kim Jong-il niemals auf Toilette musste und ein perfekter Golfspieler gewesen sein soll (gleich bei seinem ersten Versuch sollen ihm elf “Hole in One” gelungen sein), hat die Propagandamaschine nun eine neue Geschichte in Petto. Der Vater von Nordkoreas Oberstem Führer Kim Jong-un soll eine Leckerei erfunden haben, deren Ursprung eigentlich in der mexikanischen Küche liegt und liebend gerne von den feindlichen US-Amerikanern verspeist wird – den Burrito.

Denn die nordkoreanische Propagandazeitung “Rodong Sinmun” habe laut Stern.de behauptet, der Burrito sei ursprünglich im Jahr 2011 von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-il erfunden worden. Auch dessen Sohn, der amtierende Diktator Kim Jong-un, habe ein ausgeprägtes Interesse an der Spezialität.

Als Quellen für die Story gibt Stern.de die Boulevardblätter “New York Post” und “The Sun” an.

Tatsächlich waren es zunächst englischsprachige Medien, die behaupteten, nordkoreanische Medien hätten behauptet, der Burrito sei eine Erfindung ihres geliebten Führers:

North Korea is claiming that Kim Jong-il invented the burrito
North Koreans enjoy burritos after paper bizarrely claims Kim Jong-il'invented dish in 2011'
North Korea claims Kim Jong Un's dad invented the burrito
GUAC-POT THEORY - Kim Jong-un's dad 'invented BURRITOS' North Korea bizarrely claims as sales of Western dish 'boom'

Sie alle berufen sich auf das Propagandablatt “Rodong Sinmun”:

The Rodong Sinmun newspaper, seen as a government mouthpiece, reported that the burrito was thought up in 2011 by Kim Jong-il – the father of current supreme leader Kim Jong-un.

Die Geschichte zog sofort große Kreise und landete schnell auch in deutschen Medien, etwa bei Stern.de oder News.de. Die “Südwest Presse” und ihre regionalen Ableger widmeten ihr sogar einen Platz auf der Titelseite:

Inzwischen steht es, unter Berufung auf Stern.de und “Metro”, auch im Burrito-Wikipediaartikel:

Die nordkoreanische Zeitung Rodong Sinmun behauptete 2022, das Gericht sei im Jahre 2011 von Kim Jong-il kurz vor seinem Tod erfunden worden.

Aber was ist dran an der Sache? Nun, auf der Internetseite von “Rodong Sinmun” findet man schnell den Originalartikel, auf den sich alle beziehen. Dort abgebildet: Ein nordkoreanischer Burrito-Stand im Winter, vor dem mehrere Menschen stehen (alle tragen eine Maske und scheinen darunter zu lächeln). Dazu heißt es:

An einem Stand kann man Menschen sehen, die mit Fleisch gefüllte Weizenkuchen essen, und Verkäuferinnen, die die Kunden freundlich über den Nährwert aufklären.

Diese harmonische Szene fügt ihrer Popularität Glanz hinzu.

Wann immer wir Zeuge solcher Szenen werden, erinnern wir uns mit tiefer Ergriffenheit an das Bild des Vorsitzenden Kim Jong Il, der sich bei seiner Führung durch die neu errichtete Werkstatt der Kumsong-Lebensmittelfabrik freute.

Als der Vorsitzende an einem mobilen Servicestand vorbeikam, wies er an, dass die Leute die gefüllten Weizenkuchen aufgewärmt servieren sollten.

Wir erinnern uns noch gut an seine Worte, dass es für unser Volk angenehmer wäre, im Sommer Mineralwasser und im Winter heißen Tee mit Weizenkuchen an den Ständen zu bekommen.

Der verehrte Generalsekretär Kim Jong Un, der die Geschichte der edlen Liebe des Vorsitzenden zum Volk weiterführt, hat ein ausgeprägtes Interesse für die Weizenkuchen, von der Herstellung bis zum Service, und ergriff entsprechende Maßnahmen.

In der Tat: Ein kleiner Stand für gefüllte Weizenkuchen ist mit der mütterlichen Liebe unserer Partei verbunden.

Allem Geschwurbel zum Trotz: Das Blatt behauptet nicht, dass Kim Jong-il 2011 den Burrito erfunden hat. Sondern dass er beim Besuch einer Lebensmittelfabrik (der 2011 stattfand) anwies, den Weizenkuchen lieber aufgewärmt zu servieren, vor allem im Winter.

Dass die amerikanischen und englischen Journalisten daraus etwas völlig anderes machen, und dass deutsche Journalisten den Quatsch einfach abschreiben und sogar auf die Titelseite packen, statt zwei Minuten zu recherchieren, ist aber keine Ausnahme, sondern eine liebgewonnene Tradition. Schauen wir nochmal in den einleitenden Absatz bei Stern.de:

Neues aus Pjöngjang: Nach sagenumwobenen Einhörnern, die man in einer Höhle gefunden haben will, der Erzählung, dass Kim Jong-il niemals auf Toilette musste und ein perfekter Golfspieler gewesen sein soll (gleich bei seinem ersten Versuch sollen ihm elf “Hole in One” gelungen sein), hat die Propagandamaschine nun eine neue Geschichte in Petto. (…)

Nehmen wir die Einhörner, die das Regime laut Stern.de gefunden haben wolle. Eine Geschichte, die seit zehn Jahren immer wieder höhnisch erzählt wird. Dabei steckt dahinter, wie das Wissenschaftsblog “io9” bereits vor zehn Jahren berichtete, wohl schlicht ein Übersetzungsfehler:

Nein, die nordkoreanische Regierung hat nicht behauptet, Beweise für das Einhorn gefunden zu haben. (…) Die Behauptung bezieht sich stattdessen auf einen Ort namens Kiringul [der in Nordkoreas Mythologie eine bedeutende Rolle spielt]. Nordkorea hatte die Entdeckung bereits 2011 verkündet, aber erst vor Kurzem eine Meldung auf Englisch veröffentlicht. In dieser englischen Version wurde der Name des historischen Ortes, Kiringul, irrtümlich als “Einhorn-Höhle” übersetzt – ein sehr anregender Name für Leute aus dem Westen.

Ebenso anregend wie die “Erzählung, dass Kim Jong-il niemals auf Toilette musste”, die es bei News.de aktuell auch wieder in die Überschrift geschafft hat:

Kim Jong-un: Vater von Nordkorea-Diktator erfand Burrito und hatte KEINEN Stuhlgang

Im Artikel heißt es:

Bei seiner ersten Golfrunde soll Kim Jong-il, der verstorbene Vater des amtierenden Herrschers, gleich elf Hole-in-ones geschlagen haben. Eine wirklich besch***ene Idee war es wohl, zu behaupten, die Führer des Landes hätten keinen Stuhlgang. Dagegen ist die angebliche Entdeckung von Einhörnern doch direkt süß.

Ok. Also.

Zunächst der (Nicht-)Stuhlgang. Auch diese Behauptung hält sich seit vielen Jahren (nicht erst seit dem Film “The Interview”) hartnäckig in den Medien. Der älteste Artikel, den wir dazu finden konnten, erschien 2008 auf einer amerikanischen Listicle-Website, die sich auf Kim Jong-ils Wikipedia-Artikel berief. Dort fand sich tatsächlich mal eine (mittlerweile gelöschte) Passage, die lautete:

Überläufer werden mit der Aussage zitiert, dass nordkoreanische Schulen sowohl Vater als auch Sohn vergöttern, und lehren, dass sie nicht wie sterbliche Menschen urinieren oder defäkieren.

Als Quelle dafür wurde wiederum ein Buch angegeben, “The Aquariums of Pyongyang: Ten Years in the North Korean Gulag”, in dem ein nordkoreanischer Journalist sein Leben in einem Internierungslager beschreibt. Wirft man einen Blick in das Buch, stellt sich die Sache aber schnell ganz anders dar. Denn der Autor schreibt:

In meinen kindlichen Augen und denen aller meiner Freunde waren Kim Il-sung und Kim Jong-il perfekte Wesen, unbefleckt von jeder niederen menschlichen Funktion. Ich war wie wir alle davon überzeugt, dass keiner von ihnen urinierte oder defäkierte. Wer könnte sich so etwas bei Göttern vorstellen?

Das mit dem Stuhlgang ist also nicht wörtlich zu verstehen, sondern als Umschreibung dafür, wie der Autor die scheinbare Göttlichkeit der Machthaber als Kind empfunden hat.

Dann die Geschichte mit dem perfekten Golfspiel, die Journalisten seit nunmehr fast 30 Jahren supergern erzählen, aber superungern überprüfen. Zurückzuführen ist sie auf einen 1994 im “International Herald Tribune” veröffentlichten Artikel. Dort schrieb der australische Reporter Eric Ellis über seine Reise nach Nordkorea und berichtete unter anderem von seiner (eigentlich eher nebensächlichen) Begegnung mit einem nordkoreanischen Golfer:

Mr. Park, der zugab, noch nie etwas von Arnold Palmer gehört zu haben, erklärte, dass der “Geliebte Führer” über 18 Löcher eine 34 spielte, darunter fünf Hole-in-Ones. “Er ist ein hervorragender Golfer”, sagte Mr. Park.

Im Laufe der Jahre wurde dieser Nebensatz von Journalisten immer weiter aufgeblasen – aus den fünf Hole-in-Ones wurden elf, irgendwann kamen noch 17 Bodyguards dazu, die dabeigewesen seien und alles bezeugen könnten, und vor allem wurden diese Aussagen nicht mehr irgendeinem Golfer zugeschrieben, sondern zu einer offiziellen Verlautbarung der nordkoreanischen Regierung erklärt.

“Ich bin verwirrt darüber, wie sich diese Geschichte verselbstständigt hat”, sagte Eric Ellis, der australische Reporter, im vergangenen Jahr in einem Interview. Eigentlich sei es ein “völlig unschuldiger, entwaffnender Moment” gewesen: Der nordkoreanische Golfer habe einfach Angst gehabt, etwas Falsches zu sagen, darum habe er sich die absurde Geschichte mit den Hole-in-Ones ausgedacht.

Und knapp drei Jahrzehnte später wird sie immer noch erzählt – von kichernden Journalisten, die glauben, sie würden damit die Lachhaftigkeit der Nordkoreaner belegen, ohne zu merken, wen sie damit eigentlich entlarven.

Insbesondere bei Stern.de erscheinen immer wieder solche Geschichten. So behauptete das Portal 2014 zum Beispiel (neben vielen anderen Medien), dass männliche Studenten in Nordkorea laut staatlicher Verordnung nur noch eine einzige Frisur tragen dürften: die von Kim Jong-un (BILDblog berichtete). 2017 reisten zwei australische Studenten nach Nordkorea, um die Geschichte zu überprüfen. Sie kamen zum gleichen Ergebnis wie wir: völliger Quatsch. Doch bei Stern.de steht die Behauptung bis heute unverändert online.

Im Jahr darauf behauptete Stern.de, Nordkorea wolle den USA den Krieg erklären, sobald Windows 10 auf den Markt komme. Als wir die Redaktion fragten, ob es dafür irgendwelche Belege gebe, antwortete sie nicht. Aus gutem Grund: es gab keine. Denn auch diese Geschichte war völliger Quatsch.

Bei einer Sache hat der “Stern” aber Recht: Tatsächlich wird die Propagandamaschine weiterhin fleißig von Medien betrieben. Allerdings nicht nur von nordkoreanischen.

Nachtrag, 11.10 Uhr: Im Burrito-Wikipediaartikel wurde die Passage gelöscht.

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“Spiegel” behauptet sich gegen Reichelt, “Stern TV”, Astrologie

1. “Das OLG Hamburg hat heute …”
(twitter.com, Der Spiegel)
Wie der “Spiegel” auf Twitter mitteilt, hat das Oberlandesgericht Hamburg in einem Rechtsstreit mit dem früheren “Bild”-Chef Julian Reichelt zugunsten des “Spiegel” entschieden. Der Artikel “Vögeln, fördern, feuern” sei aus diesem Grund ab sofort wieder online verfügbar.
Weiterer Lesehinweis: Wie sich Julian Reichelt verteidigt: “Der geschasste “Bild”-Chefredakteur spricht bei Servus TV über seinen Rausschmiss und seine beruflichen Pläne. Über einen, der versucht, seine Haut zu retten.” (sueddeutsche.de, Aurelie von Blazekovic)

2. Ein schlechtes Magazin für Leute, die wissen, dass sie die Guten sind
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier hat erhöhten Puls: “Am Sonntag lief eine Sonderausgabe von ‘Stern TV’ auf RTL, und nachdem ich sie gesehen habe, bin ich jetzt kurz davor, zum Impfskeptiker, ‘Querdenker’ und Corona-Leugner zu werden – aus reinem Trotz und kindischem Protest und weil es beinahe wie eine angemessene Reaktion wirkt auf eine Sendung, die so unfassbar und umfassend dumm war in der Art, wie sie mit dem Thema umging und überhaupt: mit allem.” Ein lesenswerter Verriss, weil Niggemeier ein ganzes Bündel an Denk- und Konstruktionsfehlern der Sonderausgabe offenlegt.

3. Pressefreiheit in Gefahr?
(luhze.de, Adefunmi Olanigan)
Die Immobilienfirma United Capital geht juristisch gegen die ehrenamtliche Hochschulzeitung “luhze” aus Leipzig vor. Die Studierendenzeitung hatte zuvor die Methoden des Unternehmens kritisiert und dabei auch betroffene Mieterinnen und Mieter zitiert. Das Unternehmen argumentiere, “luhze” habe sich deren Vorwürfe zu eigen gemacht. Die Redaktion entgegnet: “Dass United Capital die Vorwürfe der Mieter*innen als solche darstellt, die unsere Zeitung selbst erhoben hat, können wir uns nur damit erklären, dass unliebsame Berichterstattung mit allen Mitteln verhindert werden soll.”

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4. Warum moderieren so wenige Frauen große Unterhaltungsshows?
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader beschäftigt sich in seiner neuen Kolumne mit dem Geschlechterungleichgewicht im deutschen Fernsehen: “Moderatorinnen großer Unterhaltungsshows sind im deutschen Fernsehen irgendwie immer noch – gesondert erwähnungsbedürftig. Und für die allermeisten lautet die Antwort auf die Frage ‘Wer stiehlt mir die Show?’: Bommes und Pflaume, Silbereisen und Kerner, Lanz und Gätjen, Opdenhövel und Hartwich usw.”

5. Gabor Steingart lässt zweites Medienschiff bauen – mit Ballsaal
(meedia.de)
Der Publizist Gabor Steingart hat mit seinem Redaktionsschiff “Pioneer One” für einige Aufmerksamkeit im Medienbetrieb gesorgt. Nun wolle er expandieren: Die “Pioneer Two” soll 52 Meter lang werden und zwei Studios sowie einen Ballsaal beherbergen. Außerdem wolle Steingarts Unternehmen Media Pioneer 25 neue Leute einstellen.

6. Astrologie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Der ORF hat ein Problem
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich habe ein Problem mit der Astrologie, findet der Astronom Florian Freistetter. Immer wieder werde dort völlig unkritisch damit umgegangen: “Es geht hier nicht um Boulevardzeitungen und Privatsender. Sondern um einen gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender mit einem Bildungsauftrag. Es steht dem ORF nicht gut zu Gesicht, die Astrologie immer wieder so unkritisch zu präsentieren.”

*Namen von der Redaktion genannt

An Silvester gab es auf dem Mailänder Domplatz mehrere Angriffe auf Frauen, die italienische Polizei ermittelt wegen sexueller Nötigung, elf Anzeigen gibt es bisher. Unter den Opfern sind auch zwei Frauen aus Deutschland.

Vergangenen Dienstag berichtete die “Süddeutsche Zeitung” online über sie (nur mit Abo lesbar). Die zwei Studentinnen sprechen in dem Artikel über die Silvesternacht:

“Überall waren Hände”, sagt die eine. “Ich habe versucht, einem von denen ins Gesicht zu schlagen, der hat einfach nur gelacht”, sagt die andere. Die Freundinnen sind beide zwanzig Jahre alt, Studentinnen aus Mannheim, sie waren an Silvester nach Mailand gefahren. Zum Feiern. Sie standen auf der Piazza del Duomo, es gab Musik, Feuerwerk und trotz Pandemie doch recht viele Menschen. Dann wurden sie plötzlich aus einer Gruppe heraus angegriffen. Zehn Tage später erzählen die beiden Frauen gemeinsam im Video-Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung davon. Ihre Namen möchten sie nicht in der Zeitung lesen.

Später am selben Tag berichtete auch Bild.de:

Screenshot Bild.de - Übergriffe in Mailand erinnern an Horror-Nacht von Köln - Silvester-Mob attackiert deutsche Studentinnen
(Zu sehen ist eine Szene des Angriffs. Unkenntlichmachung der Gesichter der Frauen durch Bild.de, weitere Unkenntlichmachung durch uns.)

In der aktuellen Version des Textes steht unter anderem:

Die beiden Studentinnen Monika E.* und Sabine G.* (*Namen von der Redaktion geändert) kommen aus Mannheim, berichten in der “Süddeutschen Zeitung” und in italienischen Medien, was ihnen mitten in Mailand passierte

Es stimmt, dass Bild.de die Namen der beiden Frauen geändert hat – allerdings erst, nachdem diese sich bei der Redaktion beschwert hatten. Sie mussten sich gegen die “Bild”-Berichterstattung wehren: In der Ursprungsversion des Artikels standen ihre tatsächlichen Namen (jeweils kompletter Vor- und abgekürzter Nachname). Genauso im großen Artikel, der am vergangenen Mittwoch in der gedruckten “Bild” erschienen ist:

Ausriss Bild-Zeitung - Übergriffe in Mailand erinnern an Horror-Nacht von Köln - Silvester-Mob attackiert deutsche Studentinnen
(Unekenntlichmachungen: siehe oben)

Das E-Paper mit den Namen der zwei Frauen ist bis heute unverändert online.

Ganz am Ende ihres Artikels schreibt die “Bild”-Autorin:

“Die beiden Frauen aus Deutschland sind noch immer völlig aufgelöst, mit den Nerven am Ende”, so ein Ermittler zu BILD.

Und in so einer Situation müssen sie sich auch noch darum kümmern, dass eine Boulevardredaktion ihrer Bitte nachkommt, nicht namentlich genannt zu werden.

“Bild” sinnentstellend, Bedrohte BBC, Werbung im Zwielicht

1. Presserat: Bild-Schlagzeile zu Klimaschutz und Arbeitsplätzen war sinnentstellend
(riffreporter.de, Daniela Becker)
Im September haben wir hier im BILDblog über die verzerrte Wiedergabe eines Interviews mit dem Gewerkschaftschef Jörg Hofmann berichtet (“Bild”-Verzerrung kostet richtige Klimaschutz-Aussage), in der die “Bild”-Redaktion eine Aussage Hofmanns nahezu ins Gegenteil verkehrt hatte. Nun hat der Presserat “Bild” dafür eine Rüge erteilt. Daniela Becker von den “RiffReportern” ordnet den Vorgang ein, erklärt die Hintergründe und weist darauf hin, dass der gerügte Beitrag bei Bild.de bis heute unverändert online stehe – ohne dass dort die Entscheidung des Presserats auch nur mit einer Silbe erwähnt werde.

2. BBC soll ab 2027 keine Gebühren mehr fordern dürfen
(zeit.de)
Die britische Regierung will laut Medienberichten die Gebührenfinanzierung der BBC abschaffen. Sie plane in einem ersten Schritt, die BBC-Finanzen für zwei Jahre einzufrieren und das bisherige Finanzierungsmodell anschließend ganz zu beenden. Der Sender solle sich künftig durch Abos und eine Teilprivatisierung finanzieren. Die BBC und andere Kritiker der geplanten Maßnahme sehen die Qualität des Programms bedroht und befürchten als Folge einen großen Personalabbau.

3. Hedwig Bollhagen trägt Breitbart
(taz.de, Steffen Grimberg)
Viele Unternehmen sind sich gar nicht im Klaren darüber, dass ihre onine geschaltete Werbung dank automatisierter Prozesse auch auf fragwürdigen Websites ausgespielt wird – darunter rechtsradikale Seiten voller Hass, Verschwörung und Desinformation. Die Initiative “Stop. ­Funding. Hate. Now!” macht die Firmen regelmäßig auf das Problem aufmerksam und führt Buch über die betreffenden Medien.

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4. Was ist Hassrede?
(sebastianmeineck.wordpress.com)
Wenn von “Hassrede” gesprochen wird, ist nicht immer das Gleiche gemeint. Ein genauer Blick auf das Wort und dessen Bedeutungen könne helfen, die gemeinten Probleme besser zu verstehen, findet der Journalist Sebastian Meineck: “Wer von Hassrede spricht und dabei ganz sicher auch auf Diskriminierung aufmerksam machen möchte, muss das wohl dazu sagen – ansonsten könnte das durch den inzwischen diffundierten Begriff von Hassrede übersehen werden.”

5. Erfolg für Verleger Holger Friedrich: Die Zeit muss Gegendarstellung drucken
(kress.de, Markus Wiegand)
Holger Friedrich, Eigner des Berliner Verlags (unter anderem “Berliner Zeitung”), ist gerichtlich gegen die “Zeit” vorgegangen. Diese hatte im November über die Stimmung beim Berliner Verlag berichtet und sich zur dortigen wirtschaftlichen Situation geäußert. Mit zwei seiner ursprünglich vier Gegendarstellungspunkten sei Friedrich erfolgreich gewesen, berichtet kress.de. Das gerichtliche Nachspiel sei damit noch nicht beendet.

6. Selbstironie zum Geburtstag: Wie die “Apotheken Umschau” sich als “Rentner-Bravo” feiert
(rnd.de, Imre Grimm)
Die “Apotheken Umschau”, Deutschlands reichweitenstärkstes Gesundheitsmagazin, wird scherzhaft oft als “Rentner-Bravo” bezeichnet. Zum 66. Geburtstag des Hefts hat sich die Redaktion einen besonderen Spaß erlaubt: Auf zehn Seiten gibt es Medizinthemen in “Rentner-Bravo”-Optik. Imre Grimm hat sich das Experiment im Rahmen einer kleinen Stilkritik angeschaut.

KW 02/22: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

***

1. Wie war das Medien-Jahr 2021, Hajo Schumacher?
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 1:35:21 Stunden)
Bei “Was mit Medien” gibt es den traditionellen Jahresrückblick mit Hajo Schumacher. Wer oder was hat den Medienprofi in diesem Jahr kalt erwischt, weil extrem positiv aufgefallen, aber überhaupt nicht erwartet? Wie haben Medien in Bezug auf Corona agiert? Und was haben wir 2021 über Medien, Journalismus und das Publikum gelernt?
Weiterer Hörtipp: Wie verändert sich die Social-Media-Welt 2022, Franziska Bluhm?

2. Ferngespräche: USA
(radioeins.de, Holger Klein, Audio: 55:52 Minuten)
Holger Klein hat die USA-Korrespondentin Nicole Markwald zu Gast, und die erzählt in einer überaus erfrischenden und fröhlichen Art von den Besonderheiten des US-amerikanischen Medienbetriebs sowie vom Leben mit Familie jenseits des Atlantiks.

3. Welche Wirkmacht hat noch der SPIEGEL? | Wer hat 2021 im TV abgedankt?
(ardaudiothek.de, Daniel Bouhs & Jörg Wagner, Audio: 1:24:06 Stunden)
“Welche Wirkmacht hat noch der SPIEGEL? Wer hat 2021 im TV abgedankt?” Das sind die beiden beherrschenden Themen im “Medienmagazin” von radioeins. Daniel Bouhs und Jörg Wagner lassen den “Spiegel”-Chef Steffen Klusmann, den Politik-Beobachter Albrecht von Lucke und Melanie Amann zu Wort kommen, die das Hauptstadtbüro des “Spiegel” leitet.

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4. Wie deutsche Medien über Taiwan berichten – und warum
(intaiwan.net, Klaus Bardenhagen, Audio: 36:58 Minuten)
Der Auslandskorrespondent Klaus Bardenhagen berichtet seit mehr als zehn Jahren aus Taiwan. Im Gespräch mit der Radiojournalistin Carina Rother geht es um die Frage, wie deutsche Medien auf den Inselstaat blicken, und das Wechselspiel von Politik und Medien.

5. Trimedialität und digitaler Journalismus am Beispiel von BILD
(journalistik.blogs.uni-hamburg.de, Jonathan Deupmann & Volker Lilienthal, Audio: 33:30 Minuten)
In der aktuellen Folge des “JKW”-Podcasts (“Journalistik und Kommunikationswissenschaft”) spricht der Hamburger Medienwissenschaftler Volker Lilienthal über mögliche Folgen der Technisierung, neue Anforderungen an Medienschaffende und seine Beobachtungen bei “Bild”. Die Folien zum Vortrag gibt es hier (PDF).

6. Inside Medien: Yelda Türkmen – Chefin von “Kanakfilm”
(anchor.fm, Lisabell Shewafera, Audio: 44:22 Minuten)
“Inside Medien” versteht sich als “Interview-Podcast mit deutschen Medienmenschen mit interkulturellem Background”. Dieses Mal zu Gast: Yelda Türkmen, die als Redaktionsleiterin bei “Five Souls” arbeitet, einer Talkshow des SWR. Außerdem ist Türkmen Gründerin der Produktionsfirma Kanakfilm Berlin, die unter anderem für Netflix, den rbb und den SWR produziert. Davor war sie unter anderem Leiterin bei “Joko und Klaas”, “DSDS” und “Jäger und Sammler”. Ein spannender Blick hinter die Kulissen einer Produktionsfirma.

Tönnies vs. Sat.1, Tesla mauert, Rechts-Rock auf Spotify

1. Sat.1 will Unterlassungserklärung nicht abgeben
(dwdl.de, Manuel Weis)
Der Groß-Schlachter Tönnies will offenbar mit einer Unterlassungserklärung erreichen, dass Sat.1 eine Investgativreportage über die Arbeits- und Wohnbedingungen beim und rund ums Unternehmen nicht mehr ausstrahlt. Der TV-Sender zeigt sich davon unbeeindruckt: Man wolle alle rechtlichen Mittel ausschöpfen und sehe einer “juristischen Klärung des Sachverhalts durch ein ordentliches Gericht sehr gelassen entgegen”.

2. Tesla und Elon Musk: Keine Antwort auf kritische Fragen
(ndr.de, Fritz Lüders & Kim Kristin Mauch, Video: 19:24 Minuten)
Im Ortsteil Freienbrink der märkischen Gemeinde Grünheide plant der wertvollste Autokonzern der Welt Tesla das größte Autowerk Europas. Rund um das Projekt gibt es zahlreiche Fragen, doch der Milliarden-Konzern schottet sich ab. Presseanfragen werden nicht beantwortet, Pressezuständige gibt es erst gar nicht. Das Medienmagazin “Zapp” hat sich einen Tesla gemietet und ist nach Brandenburg gefahren, um die Fragen vor Ort loszuwerden.

3. Auf Spotify sind Rechts-Rock-Bands weiterhin aktiv
(belltower.news, Nicholas Potter)
Der nach eigenen Angaben weltgrößte Audiostreamingdienst Spotify hat anscheinend ein Problem mit der Kontrolle seiner Inhalte: Die Plattform biete auch Neonazi-Bands und rechtsextremen Podcasts eine Bühne und reagiere bislang wenig konsequent, selbst wenn er darauf hingewiesen werde.

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4. 25 Jahre Kinderkanal KIKA: Qualitätsfernsehen, das Kinder ernst nimmt
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers, Audio: 5:59 Minuten)
Seit 25 Jahren versorgt KiKA, der Kinderkanal von ARD und ZDF, Kinder mit einem eigenen Fernsehprogramm. Michael Borgers schaut auf ein Vierteljahrhundert Kinderfernsehen zurück und lässt Verantwortliche und Experten zu Wort kommen. Außerdem hat er mit MDR-Intendantin Karola Wille über die Zukunft des Kanals gesprochen, die je nach Mediennutzungsverhalten linear oder digital im Internet aussehen könne.

5. Physische Attacken deutlich zugenommen
(mmm.verdi.de)
Nach Angaben der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union habe die Zahl der Attacken auf Medienschaffende in Deutschland im vergangenem Jahr massiv zugenommen. Bis Ende 2021 habe es 119 Meldungen zu Bedrohungen, Angriffen, Beleidigungen, Behinderungen bei der Arbeit und juristische Attacken gegeben. 2020 seien es 72 solcher Vorfälle gewesen.

6. Funkes Photoshop-Philip
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Man kann es nur als erbärmlich empfinden, mit welchen Fotomontagen die Klatschzeitschrift “die aktuelle” ihre Leserinnen und Leser hinters Licht führt. Medienkritiker Stefan Niggemeier berichtet von einer herzzerreißenden Geschichte um die Queen, deren Mann Prinz Philip und einsame Stunden im Park – zusammenfantasiert und -gephotoshopt von der Regenbogenredaktion.

Appell der Faktenprüfer, Unwort “Pushback”, Ausgeschlagene Zähne

1. Offener Brief an die CEO von YouTube von Faktenprüfern aus der ganzen Welt
(correctiv.org)
Mehr als 80 professionelle Faktencheck-Organisationen aus über 40 Ländern wenden sich in einem offenen Brief an Youtube: “Als internationales Netzwerk von Faktencheck-Organisationen beobachten wir, wie sich Lügen im Internet verbreiten – und wir sehen jeden Tag, dass YouTube einer der wichtigsten Kanäle für Online-Desinformation und Fehlinformationen weltweit ist.” Sie belassen es jedoch nicht bei ihren Vorwürfen, sondern machen konkrete Vorschläge zur Beseitigung des Missstands und bieten Youtube ihre Mitarbeit an.

2. “Pushback” ist Unwort des Jahres 2021
(tagesschau.de)
Die Jury der “Sprachkritischen Aktion” kürt jedes Jahr das “Unwort des Jahres”. Dieses Jahr hat sie sich für den Ausdruck “Pushback” entschieden. Der Begriff beschönige einen Prozess der Abschiebung, der Menschen die Möglichkeit verwehre, das Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen: “Den Flüchtenden wird somit ein faires Asylverfahren vorenthalten. Der Einsatz des Fremdwortes trägt zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Mit dem Gebrauch des Ausdrucks werden zudem die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Akt des Zurückdrängens von Migrant:innen verbunden sein können, verschwiegen.”
Weiterer Lesehinweis: Bei Twitter erklärt Europaparlamentarier Erik Marquardt, warum er die Wahl “sehr gut” finde, die Begründung der Jury aus seiner Sicht jedoch den Kern des Problems verfehle.

3. Warum Gegenrede nicht immer funktioniert
(netzpolitik.org, Olaf Pallaske)
Ein Forscherteam einer Schweizer Hochschule habe nachgewiesen, dass Hassrede durch Gegenrede reduziert werden kann. Dies gelte jedoch nicht uneingeschränkt und es bleibe offen, ob Gegenrede auch zu einer tatsächlichen Meinungsänderung führen kann. Zudem drohe der sogenannte Backfire-Effekt, eine emotionale Abwehrreaktion, die selbst dann auftrete, wenn die Informationen auf anerkannten Fakten basieren.

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4. Zusammenführung: RTL und Gruner + Jahr starten gemeinsam mit 7500 Mitarbeitenden
(rnd.de)
Nachdem im Sommer 2021 bekannt wurde, dass RTL weite Teile des Medienkonzerns Gruner + Jahr erworben hatte, ist nun die Zusammenführung der zwei Unternehmen erfolgt. Bei dem erweiterten Unternehmen RTL Deutschland würden nun in Köln, Hamburg, Berlin und an 14 weiteren deutschen Standorten 7.500 Personen arbeiten.
Weiterer Lesehinweis: Bei “DWDL” analysiert Chefredakteur Thomas Lückerath den Zusammenschluss: Gewinner und Verliererinnen der großen RTL-Rochade.

5. Voraussetzung für Rundfunk-Demokratie
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
“Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird 2022 ein wegweisendes Jahr. Erst soll die Senderverfassung, sprich Auftrag und Struktur, überarbeitet werden, im zweiten Schritt steht die Reform der Finanzierung von ARD, ZDF und Deutschlandradio an.” Joachim Huber erklärt, was da im Einzelnen auf die Verantwortlichen zukommt.

6. Alle Kosten selbst tragen
(taz.de, David Muschenich)
Als Teil eines Filmteams wollte die Journalistin Lea Remmert 2020 die Demonstrationen zum 1. Mai begleiten, als sie von einem Polizeitrupp überrannt und verletzt wurde. Das Resultat: zwei ausgeschlagene Zähne und eine hohe Zahnarztrechnung. Verantwortung dafür wolle jedoch niemand übernehmen, auf den Kosten werde sie wohl sitzen bleiben.

Strafverfahren-Lawine, Feindbild Presse, Twitter nicht nur Rattenloch

1. Bundeskriminalamt erwartet 150.000 neue Strafverfahren pro Jahr
(zeit.de)
Das Bundeskriminalamt (BKA) bereitet sich wegen der Neufassung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) gegen Hass in Sozialen Netzwerken auf Zehntausende zusätzliche Strafverfahren im Jahr vor. “Nach derzeitiger Schätzung ist jährlich mit rund 250.000 NetzDG-Meldungen zu rechnen, die etwa 150.000 neue Strafverfahren nach sich ziehen werden”, so ein BKA-Sprecher. Zum Hintergrund: Laut der neuen Regelung müssen Betreiber Sozialer Netzwerke ab dem 1. Februar den Behörden sämtliche strafbaren Inhalte melden.

2. Feind­bild Presse: Bedrohungen von Journalisten durch “Querdenker” nehmen zu
(rnd.de, Imre Grimm)
Mit einem neuen Flyer (PDF) will der Deutsche Journalisten-Verband die Polizei dabei unterstützen, falsche Journalistinnen und Journalisten von echten unterscheiden zu können, und stellt dafür eine digitalen Schnellcheckliste bereit. Imre Grimm erklärt, warum die Initiative derzeit besonders notwendig ist.
Weiterer Lesetipp: Nur mit Bodyguards: “Die Stimmung gegen Jour­na­lis­t:in­nen wird rauer. Dabei werden sie von Quer­den­ke­r:in­nen an ihrer Arbeit gehindert. Aber auch von der Polizei.” (taz.de, Volkan Ağar)

3. Ippen Media kramt veraltete ADAC-Studie raus, um E-Autos schlechtzureden
(volksverpetzer.de, Jan Hegenberg)
Jan Hegenberg ärgert sich über die negative Berichterstattung der Ippen-Medien (unter anderem “HNA”, “Münchner Merkur”) über E-Autos. Die Artikel seien in Überschrift und Anreißer irreführend, würden auf einer veralteten ADAC-Studie beruhen und sich bei näherer Betrachtung als billiges Clickbaiting herausstellen: “Dass der Ippen-Verlag derartig alte und umstrittene Studien wie diese ADAC-Studie immer wieder bringt, um Menschen an einer alten Technologie festhalten zu lassen, wird tragischerweise auch am ehesten diesen Menschen schaden. Sie werden so im Glauben gelassen, E-Autos seien nur ein vorübergehender Trend und bekommen mutmaßlich in ein paar Jahren zunehmend Probleme, wenn ihr Vehikel auf dem Gebrauchtmarkt ähnlich beliebt ist wie heute ein Röhrenmonitor oder eine Schreibmaschine.”

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4. Gettr – Die neue Rechtsaußen-Filterblase
(belltower.news, Stefan Lauer & Veronika Kracher)
Seit die großen Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter verstärkt gegen Hass, Hetze und Desinformation vorgehen, weichen viele Rechtsradikale und “Querdenker” auf Gettr aus. Dieses Netzwerk spiele vor allen in den USA eine große Rolle, werde aber auch zunehmend von den entsprechenden Kreisen in Deutschland genutzt.

5. “Gerade auch über Missstände berichten”
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers & Bettina Schmieding, Audio: 7:01 Minuten)
Der Sportjournalismus befindet sich im Wandel. Konzentrierten sich viele Medien früher nahezu ausschließlich auf die sportlichen Aspekte und blendeten alles Negative aus, wird heutzutage zunehmend auch über Missstände und die politischen und gesellschaftlichen Aspekte berichtet. Eine Herausforderung für den Sportjournalismus, wie beim Hören des Deutschlandfunk-Gesprächs klar wird.

6. Twitter ist nicht nur ein Rattenloch
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
“Ich hasse Twitter und Instagram auch manchmal. Aber stellen Sie sich mal vor, es wäre Pandemie und wir hätten das alles nicht. Das wäre wirklich die Hölle.” Margarete Stokowski freut sich in ihrer Kolumne, dass die Sozialen Netze nicht nur aus Hass, Hetze und schlechten Menschen bestehen, wie man manchmal vielleicht denken könnte.

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BILDblog-Klassiker

Kanarienvogel Böhmermann, Elstner & Lorenzo, Schleichwerbung-Streaming

1. Nur Satirikern ist der kalkulierte Grenzübertritt gestattet
(tagesspiegel.de, Paul Dalg)
Vergangene Woche bezeichnete Medienjournalist Joachim Huber in einer Kritik Jan Böhmermann als “Twitter-Zombie” und “Satire-Trump” (“Wo er früher den Nerv, die Nerven der Zeit getroffen hat, nervt der von sich selbst berauschte Na-ja-Satiriker nur noch.”) Dem tritt nun Paul Dalg mit einer Verteidigungsrede entgegen: “Statt zu sagen: “Er nervt”, sollte man sagen: Jan Böhmermann nimmt seinen Job ernst. Als gesellschaftlich relevantes Juckpulver. Es ist wie mit den Kanarienvögeln im Bergbau — solange sie zwitschern, ist die Luft rein. Sollte vom Satiriker Böhmermann einmal nichts mehr zu hören sein, sollten wir uns in Deutschland gehörig in Acht nehmen.”
Weiterer Lesetipp: “Acht Millionen Debile”: Jan Böhmermann angezeigt (dwdl.de, Timo Niemeier).

2. Einstiger Chefredaktor des «Guardian»: «Nur wer phantastischen Journalismus bietet, wird überleben»
(nzz.ch, Felix Simon)
Wer Lesehungrige durch eine Paywall vom Lesen abhält, schaufele am eigenen Grab. So lautet das Credo von Alan Rusbridger, dem erfolgreichen Medienmacher und Ex-Chefredakteur des “Guardian”. Im Interview mit der “NZZ” spricht Rusbridger über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, die Zukunft des Qualitätsjournalismus und seine Ratschläge an jüngere Kolleginnen und Kollegen.

3. Wetten, das war’s..? Frank Elstner trifft Giovanni di Lorenzo
(youtube.com, Frank Elstner, Video: 41:06 Minuten)
In der zweiten Ausgabe von “Wetten, das war’s..?” interviewt Frank Elstner den “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo (ebenfalls empfehlenswert: das Gespräch mit Jan Böhmermann). Dabei geht es unter anderem um die Kunst des guten Interviews, persönliche Fehltritte und historische Fehler, den Fall Relotius und die “Lügenpresse” sowie Lorenzos Lieblingsgäste und Nicht-Lieblingsgäste.

4. Werbebotschaft angekommen?
(sueddeutsche.de, Nicolas Freund)
Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime Video zeigen keine Werbeblöcke, sondern bauen in ihre Filme Produktplatzierungen ein und das in erschreckendem Ausmaß. Bei Netflix soll dies bei etwa drei Viertel der Pruduktionen der Fall sein, bei Amazon bei fast allen, so “SZ”-Redakteur Nicolas Freund.

5. Ex-Bamf-Chefin unzulässig vorverurteilt
(taz.de, Benno Schirrmeister)
Nun hat es auch das Bremer Verwaltungsgericht bestätigt: Die ehemalige Chefin der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Ulrike B., wurde von der Staatsanwaltschaft unzulässig in den Medien vorverurteilt. Zum Hintergrund des Bamf-Skandals, der keiner war, siehe auch den Artikel von Strafrechtsprofessor Henning Ernst Müller: Einmal Skandal und zurück? Recherche­verbund in der Kritik (uebermedien.de).

6. Erinnert ihr euch an die dramatisierende @DerSPIEGEL -Titelgeschichte zum Fall #Relotius?
(twitter.com/WolfgangMichal)
Wieder einmal kommt beim “Spiegel” ein “perfekter Sturm” auf. Wolfgang Michals lakonischer Kommentar: “Beim Spiegel wird eben viel gesegelt.”

Overblocked by Twitter, Stunk um “SZ”-Chefin, Disney und Lenin

1. Twitter sperrt jüdische Wochenzeitung
(sueddeutsche.de)
Twitter scheint derzeit ein extremes Overblocking zu fahren. In den vergangenen Tagen wurden immer wieder Accounts wegen unproblematischer Tweets gesperrt, unter anderem auch das Konto der Wochenzeitung “Jüdische Allgemeine”.
Weiterer Lesetipp: Twitter kippt nach rechts, ein Beitrag des Juristen Christian Säfken, der für einen alten Witz über die AfD gesperrt wurde und sich dies nicht gefallen lassen will.

2. Stunk im Turm
(taz.de, Anne Fromm)
“SZ”-Chefredakteurin Julia Bönisch veröffentlichte vor einigen Tagen im Branchenblatt “journalist” ihren persönlichen Blick auf den Journalismus. Dort hieß es: “Frau, Onlinerin, noch keine 40 — damit stehe ich für fast alles, was unbequem und lästig ist: für Veränderung, für Digitalisierung, für einen Generationenwechsel, der auch Frauen an die Spitze bringt.” Und in der Tat: Bönisch hat mit dem Text einen Großteil der Redaktion und sogar den Betriebsrat gegen sich aufgebracht.

3. re:publica 2019: Einige sagen Festival
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer schreibt über den Weg der re:publica von der Konferenz zum Festival, benennt die Höhe- und Tiefpunkte der Veranstaltung und das Comeback des “Handreichungs-Journalisten”. Sein Fazit mit Blick auf die Kritiker: “Sie wird es wohl niemand recht machen können, die rp, der sich nicht auf sie einlässt. Der sich vor allem nicht einlässt auf diesen wundervollen, bunten Haufen Mensch, der redet über Thesen der Politikwissenschaften, den Einsatz von Internet im Roten Kreuz, New Work, das Run DMC-Logo als Meme, gutes und schlechtes im Essen oder die Faszination von Raumfahrt. Ich kenne keinen Ort, an dem ich so viele, unterschiedliche Personen treffe, Anzugträger und aktivistische Programmierer und Schüler und Studenten und Kleinkinder und Youtuber und Politiker und Podcaster und Afrikaner und Amerikaner und Europäer und Rollstuhlfahrer und Astronauten.”

4. Zahlenkosmetik
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 6:21 Minuten)
Für Fernsehquoten und Zeitungsauflagen gibt es seit Jahren standardisierte Messmethoden. Bei Podcasts gibt es keine einheitliche Zählweise, was Vergleiche erschwert. Auch die Zahlen des “Morning Briefing”-Podcasts von Gabor Steingart sind äußerst umstritten. Podcastredakteur Marc Krüger (t-online.de) erläutert die technischen Schwierigkeiten beim Erfassen und Auswerten der Zahlen.

5. 49 der 100 erfolgreichsten Facebook-Posts zur Europawahl sind von der AfD
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
“BuzzFeed News” hat Facebook-Posts zur Europa-Wahl ausgewertet und ist dabei zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: Allein 49 der 100 erfolgreichsten Facebook-Beiträge zur Europawahl kämen von der AfD. Die Partei habe damit 250.000 Interaktionen ausgelöst und sei fast zehnmal so erfolgreich wie alle restlichen im deutschen Bundestag vertretenen Parteien zusammengenommen.

6. Auf dem Weg zum Monopol: DISNEY – Ein Filmanalyse-Spezial
(youtube.com, Wolfgang M. Schmitt, Video: 12:56 Minuten)
Nicht zuletzt durch strategische Zukäufe wird der Disney-Konzern immer mächtiger. Es sei erschreckend, wie sehr Marvel-, Pixar-, Star-Wars- und Avatar-Filme, aber auch Realverfilmungen von Disney-Klassikern das Kino beherrschen, findet Wolfgang M. Schmitt in seiner Filmanalyse. Lenin habe diese Art der Monopolentwicklung bereits vor 100 Jahr beschrieben.

Informieren wegen Paywall abgesagt

Bei Bild.de stellen sie ihre, nun ja, besonders guten Artikel gern hinter die Paywall, weil sie damit Geld verdienen wollen, und daran ist erstmal auch nichts auszusetzen. Es gibt dann aber solche Fälle:

Screenshot Bild.de - Schulfest wegen Ramadan abgesagt - Warum dieser deutsche Rektor Angst hat

Dieser Artikel ist heute erschienen, und die dazugehörige Teaser-Grafik, die auf der Startseite zu sehen war, ist ziemlich übler, schlechter Journalismus. Genauso in der “Bild”-Zeitung von heute:

Ausriss Bild-Zeitung - Schulfest abgesagt Ramadan Ramadan - Warum dieser deutsche Rektor Angst hat

Schon die Dachzeile “Schulfest wegen Ramadan abgesagt” stimmt schlicht nicht. Denn abgesagt wurde an der Schule in Aschaffenburg, um die es hier geht, nichts, sondern nur verschoben. Und das auch nicht aus Angst, wie man aufgrund der Kombination von Dachzeile und Überschrift denken könnte, sondern aus Rücksichtnahme — auf die 53 der 160 Schülerinnen und Schüler, die Muslime sein sollen, und deren Eltern. Angst hatte der Rektor also nicht vor Muslimen, die sauer sein könnten, dass ein Schulfest im Ramadan stattfinden soll. Angst hat er jetzt, nach der rücksichtsvollen Verschiebung, vor pöbelnden Islamfeinden.

All das können auch Bild.de-Leserinnen und -Leser erfahren, aber nur, wenn sie ein “Bild plus”-Abo haben. Schließlich stehen die entscheidenden Informationen hinter der hochgezogenen Paywall. Zur vermeintlichen Absage etwa ganz am Ende des Textes:

Das Fest soll im Herbst nachgeholt werden.

Und zur Angst des Rektors:

Schulleiter (…) möchte sein Gesicht nicht zeigen: Nach den Anfeindungen und Beleidigungen hat er Angst, dass “diese Angelegenheit auch in meinen privaten Bereich getragen wird”

Sowie:

Der Rektor wollte Rücksicht auf alle Schüler nehmen. Jetzt hat er Riesenärger: Er wird beschimpft, beleidigt und bedroht, weil er ein Schulfest absagte. Aus Rücksicht auf muslimische Kinder, die mitten in der Fastenzeit sind. (…)

53 der 160 Schulkinder sind Moslems. Statt auf sie zu verzichten, verschob man das Fest kurzerhand. Der Schulleiter ist über die Reaktionen enttäuscht: “Den Hetzern geht es nur darum, ihre islamfeindlichen Parolen los zu werden.”

Die vielen Leute, die Bild.de ohne “Bild plus”-Abo besuchen, bekommen diese nicht ganz unwesentlichen Details nicht mit. Sie werden mal wieder schlecht und irreführend informiert.

Die Bild.de-Redaktion hat ihre Teaser-Grafik inzwischen immerhin der Realität angepasst:

Screenshot Bild.de - Schulfest aus Rücksicht auf Ramadan verschoben - Warum dieser deutsche Rektor jetzt Angst hat

Mit Dank an @goldi für den Hinweis!

Mopo-“Strategie”, Monetarisierter “Checkpoint”, Europa-Spot der NPD

1. DuMonts Mopo ändert Print-Strategie: Boulevardblatt folgt bei Zeitungsthemen den Leserinteressen im Netz
(meedia.de, Gregory Lipinski)
Beim Lesen kann man fast die uninspirierte Verzweiflung spüren, mit der das Haus DuMont die gedruckte Hauptausgabe der “Hamburger Morgenpost” “stärken” will: Um den Auflagenschwund der gedruckten Zeitung zu stoppen, sollen klickstarke Geschichten aus dem Netz gefischt und für die Zeitung aufbereitet werden. Wobei sich DuMont wohl komplett aus dem Zeitungsgeschäft zurückziehen will: Seit einigen Tagen wird in Medien über den Verkauf der DuMont-Zeitungstitel spekuliert.

2. 1000 durchgeschriebene Nächte
(tagesspiegel.de, Lorenz Maroldt)
2014 gründeten Stefanie Golla und Lorenz Maroldt vom “Tagesspiegel” einen täglichen Morgennewsletter aus Berlin: den “Checkpoint”. Tausend Ausgaben später kommt nun der nächste Schritt: die Vermarktung. Ein Abo des Newsletters kostet künftig monatlich 6,99 Euro, ein Jahresabo 5 Euro im Monat. Eine gekürzte Version des Newsletters soll jedoch weiterhin kostenlos erhältlich sein. Lorenz Maroldt nutzt die Gelegenheit, auf “1000 durchgeschriebene Nächte” zurückzublicken.

3. Auf Immer­wiedersehen!
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Dorothea Wagner)
Es gibt wenig Tröstlicheres, als sich stets ­dieselben Filme und ­Serien ­anzuschauen, findet Dorothea Wagner in ihrem Artikel über das sogenannte “Comfort Bingen”. Wagner fragt: “Verlieren mit dem Comfort Binge die Serien und Filme nicht ihren Sinn? Sind Witze nicht darauf ausgelegt, dass mich ihre Pointe überrascht, und lebt Spannung nicht davon, dass ich das Ende der Geschichte nicht kenne? Jein. Der US-Autor Steven Johnson beschreibt im Buch Neue Intelligenz, dass Unterhaltungsserien so kompliziert geworden sind, dass sie einen dafür belohnen, wenn man sie sich mehrmals anschaut, weil man erst dann alle Anspielungen verstehen und die Eleganz der verschiedenen verknüpften Handlungsstränge würdigen kann.”

4. Wirken sich Antibiotika auf Herz-Kreislauf-Risiken aus? Science Media Newsreel No. 47
(meta-magazin.org)
Im Wochenrückblick des “Science Media Center” geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Dieses mal: “Längere Einnahme von Antibiotika erhöht Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung” (“European Heart Journal”), aufgegriffen unter anderem von “Stern”, “Focus” und “Deutschlandfunk”.

5. VGH Hessen: Hessischer Rundfunk muss Wahlwerbespot der NPD senden
(urheberrecht.org)
Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH Hessen) hat entschieden, dass der Hessische Rundfunk (hr) einen Europawahl-Wahlwerbespot der NPD im Hörfunk senden muss. Der hr hatte die Ausstrahlung abgelehnt, weil der Werbespot den Straftatbestand der Volksverhetzung erfülle. Das Gericht sah dies anders: Die Zuschreibung krimineller Neigungen stelle noch kein “Absprechen des Achtungsanspruchs als Mensch” dar.

6. Die Freiheiten des Äthers
(deutschlandfunk.de, Kerstin Schweighöfer)
In den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mögen Piratensender noch ein Thema gewesen sein. Heutzutage kann jeder einen “Radiosender” im Netz hochziehen oder sich per Podcast an die Welt wenden. Kerstin Schweighöfer erzählt in einem kurzen Abriss von den Anfängen der niederländischen Piratensender bis zur Jetztzeit.

Wer den Schaden hat, braucht für die “Bild”-Erfindung nicht zu sorgen

Screenshot Bild.de - Nach KSC-Aufstieg in Münster - 100.000 Euro Schaden durch Platzsturm

titelte Bild.de am Samstagabend, nachdem die Drittliga-Fußballer des Karlsruher SC 4:1 beim SC Preußen Münster gewonnen und damit den Aufstieg in die 2. Bundesliga klargemacht hatten. Joachim Schuth, bei “Bild” stellvertretender Sportchef für Nordrhein-Westfalen, beschreibt das Ganze hinter der “Bild plus”-Paywall so:

Über 3000 mitgereiste Karlsruher Fans feierten nach dem 4:1-Erfolg bei Preußen Münster die geglückte Zweitliga-Rückkehr. Mit dem Abpfiff von Schiri Lasse Koslowski (Berlin) gab’s kein Halten mehr, kletterten die freudetrunkenen Anhänger der Badener über die Barrikaden. (…)

Dabei ging im alten Stadion an der Hammer Straße einiges zu Bruch. Kaputte Zäune, LED-Anzeigen und auch die Trainerbänke mussten dran glauben.

Erste Schätzung der Schadenshöhe: über 100.000 Euro. Doch der KSC hat bereits angekündigt, die Kosten zu übernehmen.

Und auch in der Stuttgart-Ausgabe der “Bild”-Zeitung steht zu den Vorkommnissen in Münster:

Wilde Szenen nach Abpfiff: Gäste-Fans stürmen den Rasen, zerstören Zäune, LED-Bildschirme und Trainerbänke. Es soll ein Schaden von mehr als 100 000 Euro entstanden sein.

Auf eine Nachfrage der Fanhilfe Karlsruhe, woher denn diese Summe stamme, antwortet Preußen Münster:

Screenshot eine Antwort von Preußen Münster bei Twitter - Frage: Wie hoch ist der Sachschaden im Innenbereich? Wirklich 100.000 Euro wie die Bild berichtet? Woher hat die Bild diese Zahl? - Antwort: Eine finale Schadenserhebung liegt noch nicht vor, da insbesondere die überrannten LED-Banden noch ausgiebigen Funktionstests unterzogen werden müssen. Woher die 100.000 Euro stammen, wissen wir nicht.

Und Bernhard Niewöhner, Geschäftsführer bei Preußen Münster, sagt, die Summe von 100.000 Euro sei frei erfunden.

Bei Bild.de stehen die angeblichen Kosten von 100.000 Euro unverändert in Überschrift und Artikel.

Mit Dank an Sebastian F. und Nicolaj Z. für die Hinweise!

Prahlheinz Strache, Mathematischer Clusterfuck, Vergifteter Tee

1. “Prahlerisch wie ein Teenager” – Jetzt erst recht!
(arminwolf.at)
Der österreichische Journalist und Moderator Armin Wolf kennt den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache bereits seit dem August 2005. In dieser Zeit führte er mit Strache das sogenannte Sommergespräch, das zu Straches erstem großen medialen Auftritt wurde. In Vorbereitung auf die Sendung schaute sich Wolf die Homepage seines Interviewpartners an und stolperte dort über eine Kurzrezension eines Ernst-Jünger-Bandes. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei Straches angeblicher Jünger-Rezension um eine gekürzte Version eines Textes einer rechtsextremen “Heimatseite”. Dies ist nur eine der vielen interessanten Aspekte des lesenswerten Berichts über den Menschen und Politiker Strache.

2. Wenn Journalisten angegriffen werden, sind wir alle das Ziel
(fr.de, Bascha Mika)
Bei einer Gedenkfeier von kroatischen Nationalisten im österreichischen Bleiburg wurde Danijel Majic, Reporter bei der “Frankfurter Rundschau”, beschimpft, bespuckt, geschlagen und getreten. “FR”-Chefredakteurin Bascha Mika kommentiert: “In wenigen Tagen ist die Europa Wahl. Wenn, was sich abzeichnet, die Nationalisten und Rechtsextremen stärker werden, können wir uns ausrechnen, was daraus folgt. Nicht nur für den kritischen Journalismus.”
Zum Hintergrund: Angriff von rechtsextremem Moderator — Keine Anzeige gegen FR-Reporter (fr.de).

3. Seltsamer “Tagesschau”-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet?
(vice.com, Sebastian Meineck)
Als “mathematischen Clusterfuck” bezeichnet Sebastian Meineck die Berichterstattung der “Tagesschau” über die angebliche AfD-Dominanz in den Sozialen Medien (war hier auch bei uns in den “6 vor 9” verlinkt). Die Schlussfolgerungen seien stark vereinfacht und würden ein irreführendes Bild zeichnen. Sein Resümee, nachdem er mit dem Team der Analyse-Firma gesprochen hat, auf deren Daten der “Tagesschau”-Bericht basiert: “[W]as Alto Data Analytics herausgefunden hat, ist einfach zu speziell, um es im Stil der Tagesschau zu vereinfachen. Das Kuchendiagramm der Tagesschau erweckt den Anschein, als würde in sozialen Medien jede zweite politische Äußerung über die AfD getätigt werden — eine zu stark vereinfachte Nachricht, über die sich vor allem die AfD freuen dürfte.”

4. “Das Urheberrecht verteilt Vermögen von den Lebenden zu den Toten”
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Martin Kretschmer leitet an der Universität Glasgow das Forschungszentrum CREATe für Urheberrecht und Kreativwirtschaft und ist ein profunder Kenner der EU-Urheberrechtsreform. Im Interview spricht er über Spielräume bei der Umsetzung, die berühmt-berüchtigten Upload-Filter und den Einfluss von Unternehmen auf das Gesetz. So richtig optimistisch ist der Experte nicht, was die Zukunft angeht. Doch eine Sache könne Mut machen: “Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass öffentlicher Druck hilft. Die SPD hat nachweislich anders verhandelt, weil der Widerstand in Deutschland so laut und deutlich wurde. Der Koalitionsvertrag schließt verpflichtende Upload-Filter aus. Es ist wichtig, die Parteien beim Wort zu nehmen. Es ist noch so viel Spielraum bei der Umsetzung vorhanden, dass sich die Mühe lohnt.”

5. 23 Milliarden für Flüchtlinge? Die Geschichte einer Zahl
(zdf.de, Florian Neuhann)
Alice Weidel (AfD) ließ ihrer Empörung freien Lauf: Im Jahr 2018 seien 23 Milliarden Euro Asylkosten aufgelaufen. Auch die “Bild”-Zeitung schrieb von einem Rekord: “Flüchtlingskosten 2018 hoch wie nie”. Das Problem: Die Zahl stammt zwar aus dem Finanzministerium, fasse jedoch Positionen zusammen, die nicht dorthin gehören würden, so Florian Neuhann. Für das ZDF hat er näher hingeschaut und siehe da: “Bei genauerem Betrachten schrumpft die ursprüngliche Rekordzahl immer weiter in sich zusammen.”

6. Journalistische Verantwortung am Beispiel Bubble Tea
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer führt drei Beispiele für schlampige bis verantwortungslose Berichterstattung an: die Berichte über Angela Merkels angeblichen Wechsel auf eine EU-Position, die bereits etwas zurückliegende Berichterstattung zu angeblich giftigem Bubble-Tea und die mindestens irreführende Überschrift über ein angebliches Aufeinandertreffen von Verena Bahlsen und Kevin Kühnert. Knüwers Kommentar: “Früher waren solche Halb- und Unwahrheiten dem Boulevard und den Klatschblättern vorbehalten — heute darf jeder mal, weil er glaubt, dass sich alles versendet.”

Der Klick heiligt die Mittel

Herzlich Willkommen zu unserer spannenden Entdeckungsreise durch die Rotlichtmilieus der deutschen Klick-Industrie! Wir gehen an die Orte, an denen für Klicks alles gemacht wird. Nach einigen Abstechern in den Westen verschlägt es uns heute mal in den Süden. Genauer: nach München.

Merkur.de, die Online-Seite des “Münchner Merkur”, ist eines der erfolgreichsten News-Portale des Landes. Gut 70 Millionen Visits verzeichnet die Seite pro Monat, damit gehört sie zu den Top 10 der besucherstärksten Nachrichtenportale, liegt oft sogar vor Seiten wie Süddeutsche.de, Stern.de, RTL.de oder FAZ.net:

Medium Visits im April 2019
1. Bild.de 427.691.776
2. Spiegel Online 251.339.088
3. Upday 190.994.183
4. Focus Online 184.522.143
5. n-tv.de 142.683.268
6. Welt 120.681.764
7. Funke Medien NRW 72.311.095
8. Zeit Online 68.332.153
9. Merkur.de 67.354.570
10. DuMont Newsnet 65.558.438
11. Stern.de 63.872.828
12. RTL.de 59.734.317
13. Süddeutsche.de 58.826.504
14. FAZ.net 57.227.517
15. tz 49.835.599

(Quelle: IVW via “Meedia”; in den Monaten davor sah es ähnlich aus.)

Wie Merkur.de das schafft, wollen wir an zwei Beispielen vom Wochenende zeigen. (Wir haben sie willkürlich rausgepickt, man könnte auch so gut wie jeden anderen Artikel nehmen.)

Am Samstag, genau drei Monate nach dem Verschwinden der 15-jährigen Rebecca aus Berlin, lockte Merkur.de mit einer “Sensation” auf die Seite:

Rebecca Reusch vermisst: Eltern veröffentlichen trauriges Statement - Was für eine Sensation

Im Artikel geht es um einen Brief der Eltern, den RTL.de veröffentlicht hatte. Merkur.de schreibt:

Seit genau drei Monaten fehlt von der 15-jährigen Rebecca aus Berlin jede Spur. Nun veröffentlichte ihre Familie einen bewegenden Brief über RTL. Darin beschreiben die Eltern ihren unvorstellbaren Schmerz. “Wir sind verloren in unserer Angst und jeden Tag schwindet die Hoffnung, dich jemals wiederzusehen. Wir sind erstarrt in unserer Trauer, alles verhärtet sich innerlich in uns und doch funktionieren wir jeden Tag”, zitiert der TV-Sender die Eltern des vermissten Mädchens. Obwohl Bernd und Brigitte Reusch von Anfang an die Öffentlichkeit nutzten, um die Suche nach ihrer Tochter am Leben zu erhalten, berichten sie nun von dramatische Erlebnissen mit Unbekannten.

“Wir stehen am Fenster starren hinaus und denken jetzt… jetzt musst du doch kommen, doch stattdessen fahren die Autos ganz langsam an unserem Haus vorbei und schauen zu uns rüber… rüber zu Eltern, die trauern. Was für eine Sensation!”

Die Eltern schreiben also, dass ihnen die Sensationalisierung ihrer Trauer zu viel wird. Und daraus — daraus — wird die Überschrift:

Eltern veröffentlichen trauriges Statement – “Was für eine Sensation”

Das ist auf so vielen Ebenen gemein, da hätte selbst “Bild” Mühe mitzuhalten.

Bemerkenswert ist auch die schiere Masse. Der Rebecca-Artikel ist nur einer von etlichen; seit Monaten führt Merkur.de zu dem Fall einen “Nachrichten”-Ticker, für den jeder Instagram-Post von Angehörigen, jedes Gerücht und jede Spekulation mit einem eigenen Beitrag gewürdigt wird. Kleiner Auszug der vergangenen Wochen:




















Fast täglich lockt Merkur.de so mit neuen Sensationsüberschriften auf seinen Rebecca-“News”-Ticker, und oft gehören die Artikel dann tagelang zu den meistgeklickten des Ressorts.

Zum Thema Clickbaiting sagte der Chefredakteur von Merkur.de vor einigen Monaten auf Nachfrage von “Übermedien”:

Ich finde ‘Clickbait’-Überschriften super. Journalisten, die es schaffen, mit guten Zeilen Leser in ihre Texte zu ziehen, beherrschen ihr Handwerk. Was aber nie passieren darf, ist eine Produktenttäuschung: Die Erwartung, die ich in Überschriften wecke, muss im Text auch erfüllt werden. Wird die Erwartungshaltung erfüllt, spricht nichts dagegen, dass Autoren einen Spannungsbogen aufbauen, der im Leser das Gefühl weckt, unbedingt diesen Text lesen zu müssen.

Okay, schauen wir uns einen anderen Artikel an, ebenfalls am Wochenende erschienen:

Wahnsinn in Hamburg - Drama bei illegalem Autorennen: Für Mercedes-Fahrer endet Raserei verheerend

Verheerend. Drama. Wahnsinn. Welche Erwartung wird da geweckt? Verletzte? Tote? Explosionen? Vielleicht werden wir aus dem Teaser schlauer:

Zwei Autofahrer halten an einer roten Ampel in Hamburg. Dann geben sie im Mercedes und Peugeot Gas. Das illegale Autorennen nimmt jedoch ein verheerendes Ende.  - Zwei Autofahrer lieferten sich im Mercedes und Peugeot ein illegales Rennen in Hamburg - Es kam zu wilden Szenen auf Hamburgs Straßen - Für einen der bedien Duellanten endete das illegale Rennen im Unglück

“Für einen” der beiden endete es also “im Unglück”. Also ein Toter? Schwerverletzter? Lesen wir weiter:

Zwei Autos halten an einer roten Ampel. Die beiden Fahrer blicken sich an, dann sind sie sich einig - und geben Vollgas. Für einen der beiden endet die Raserei im Unglück. Am Mittwoch (15. Mai) lieferten sich zwei Autofahrer in Hamburg-Ottensen nach Angaben der Polizei mutmaßlich ein illegales Autorennen zwischen einem Mercedes und einem Peugeot. Schon in der Behringstraße in Hamburg fuhren die beiden Autofahrer, ein 65-Jähriger und ein 28-jähriger Mann stadteinwärts nebeneinander her. Währenddessen müssen sie die Entscheidung getroffen haben, sich zu duellieren - bei höchster Geschwindigkeit. Als dann beide Autofahrer an einer roten Ampel an der Kreuzung Friedensallee in Hamburg halten mussten, bereiteten sich die Fahrer vom Mercedes und Peugeot auf ihr Duell vor. Das illegale Rennen startete bei Grün, beide Fahrer beschleunigten stark. Dem 28-jährigen Peugeot-Fahrer gelang es, sich an einer Fahrbahnverengung mit seinem Auto vor der Mercedes C-Klasse des 65-Jährigen einzufädeln, wie die Polizei Hamburg mitteilt. Der Mercedes-Fahrer versuchte dann den vor ihm fahrenden 28-Jährigen zu überholen - mit Erfolg. Nach mehreren Versuchen zog er am Peugeot vorbei. Dann der Schock! Beim Wiedereinscheren schnitt der 65-jährige Mann mit seinem Mercedes den Peugeot, es kam zur Berührung - mit verheerenden Folgen.

Uh, jetzt aber! Ach nee, zuerst noch ein Link zum Schwesterportal:

... es kam zur Berührung - mit verheerenden Folgen.  Auch ein Unfall auf der Autobahn A2 bei Braunschweig hatte schreckliche Folgen für einen Lkw-Fahrer, wie nordbuzz.de berichtet. [Zwischenüberschrift: Hamburg: Unfall bei illegalem Rennen - Mercedes kracht in Auto]  Durch die Kollision drehte sich der Mercedes auf der Straße in Hamburg und stieß gegen ein am Fahrbahnrand geparktes Auto. An allen beteiligten Fahrzeugen entstand nach Angaben der Polizei ein Sachschaden.  Durch den Unfall wurde immerhin niemand verletzt. Die beiden Unfallbeteiligten aus dem Mercedes und Peugeot konnten nach erfolgter Unfallaufnahme durch die Polizei Hamburg ihren Weg mit ihren Autos fortsetzen. Die weiteren Ermittlungen übernahm der Verkehrsermittlungsdienst West (VD 22) in Hamburg.  Vor Gericht muss sich derzeit ein Mann verantworten, der seiner Nachbarin in Hamburg die Kehle durchgeschnitten hat. Das berichtet nordbuzz.de.

Verheerend. Drama. Weil sich das Auto drehte und gegen ein anderes Auto stieß. Wahnsinn. Und am Ende einfach noch den Kehle-Durchschneider rein, ist ja eh alles egal.

Und damit beenden wir unsere kleine Reise in den klickgeilen Süden, schaut auch nächstes Mal wieder rein, wenn es heißt: Es sah aus wie Journalismus, aber was dann geschah, hat uns tief getroffen.

CDU-Zerstörung, AfD-Medien-Treff im Bundestag, Mein Heft und ich

1. Die Zerstörung der CDU durch einen Youtuber
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
“Die Zerstörung der CDU” heißt das 55-minütige Video des Youtubers Rezo, das innerhalb weniger Tage mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen wurde. Thomas Knüwer kommentiert: “Ich habe das Gefühl, dass hier eine neue Generation von Journalismus entsteht. Er ist genauso emotional, kommentierend und subjektiv wie der aktuelle Journalismus älterer Generationen — und dies kann ich nicht gut finden. Doch haben Youtuber wie Rezo eine Fähigkeit, die den Redaktionen klassischer Medien abhanden gekommen ist: Sie sprechen die Sprache ihrer Zielgruppe. Und deshalb sind sie in der Lage, diese für sich zu gewinnen.”
Weitere Lesetipps: Das Interview mit Rezo, dem Macher des Videos: Wie der Youtuber Rezo in einer Stunde die Logik der CDU zerlegt (jetzt.de, Sophie Aschenbrenner & Nicolas Freund). Sowie Fridtjof Küchemann bei FAZ.net: Kommt damit klar!

2. “Erste Konferenz der freien Medien”: Wie die AfD rechte Blogger und Identitäre in den Bundestag einlud
(correctiv.org, Till Eckert)
Die AfD hat ein größeres Treffen mit Vertretern alternativer, rechter Medien im Bundestag organisiert. “Die größten Netzwerker der rechten Szene tauschten dort mit Abgeordneten Nummern aus”, schreibt Till Eckert, der für “Correctiv” ebenfalls vor Ort war und seine Eindrücke von der “1. Konferenz der freien Medien” schildert.

3. Facebook hat offenbar Mitglieder einer EU-Expertengruppe unter Druck gesetzt, die Desinformation bekämpfen sollten
(buzzfeed.com, Nico Schmidt & Daphné Dupont-Nivet)
Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die Mitglieder einer EU-Expertengruppe gegen Facebook erheben: Das Netzwerk habe ihnen bei zu harter Regulierung mit dem Entzug von Fördergeldern für journalistische und akademische Projekte gedroht. Offenbar nutze Facebook die finanziellen Unterstützungen für Journalismus (für die nächsten drei Jahre 300 Millionen Euro) als Druckmittel.

4. Was ist in unseren journalistischen Beiträgen erlaubt, was nicht?
(blog.zeit.de)
Bei “Zeit” und “Zeit Online” hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe “Standards und Regeln” formuliert und mit den Redaktionen diskutiert. Anschließend wurden die Regeln im Sinne der Transparenz im sogenannten “Glashaus-Blog” veröffentlicht.

5. Forscher halten Falschmeldungen für überschätztes Problem
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Gemäß einer Untersuchung der Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers geht die Mehrheit der Deutschen davon aus, dass auf Facebook und Twitter vor der Europawahl massiv mit Falschmeldungen Stimmung gemacht und so die Wahl beeinflusst wird. Zu einem anderen Ergebnis kommt das Oxford Internet Institute: Derartige Falschmeldungen seien ein überschätztes Problem. Patrick Beuth stellt de Ergebnisse der Oxford-Studie vor.
Weiterer Lesetipp: EU-Wahl: Gehen Facebook, Google und Twitter ausreichend gegen Desinformation vor? (sciencemediacenter.de).

6. Mein Heft und ich
(taz.de)
Personality-Titel sind im Zeitschriftenmarkt gerade schwer angesagt, ob Barbara Schönebergers “Barbara”, Joko Winterscheidts “JWD”, Guido Maria Kretschmers “Guido” oder Eckhard von Hirschhausens “Stern Gesund leben”. Die “taz” hat ein paar Ideen für weitere Personality-Magazine und sogar schon die passenden Cover dafür parat. Mit dabei: Die Magazine “Verena” von Keks-Erbin Verena Bahlsen und das Wutbürger-Magazin “Hans-Georg”.

Drei Verdächtige, zwei anonym, eine Vorlage für rechte Scharfmacher

An einer Gesamtschule in Dortmund sollen drei Schüler geplant haben, einen Lehrer zu töten. Bild.de berichtete am vergangenen Dienstag erstmals über den Fall:

Screenshot Bild.de - In Hinterhalt gelockt - Schüler wollten Lehrer mit einem Hammer töten

Ein weiteres Mal am vergangenen Mittwoch:

Screenshot Bild.de - Schüler wollten Lehrer mit Hammer erschlagen - Darum sind die Täter auf freiem Fuß!

Und vorgestern dann noch einmal:

Screenshot Bild.de - Erster Anlauf mit Hämmern war gescheitert - Dortmunder Schüler planten Lehrer-Mord ein zweites Mal

Der Plan der Schüler ging nicht auf. Beim ersten Versuch wurde der Lehrer misstrauisch, als zwei der Schüler ihn an einen abgelegenen Ort lockten, wo der dritte Schüler einen Kreislaufkollaps vortäuschte. Der Lehrer drehte den Schülern laut Staatsanwaltschaft zu keinem Zeitpunkt den Rücken zu und rief einen Krankenwagen. Die Schüler setzten die Hämmer, die sie dabei gehabt haben sollen, daraufhin nicht ein. Bevor es zum zweiten Versuch kommen konnte, hatte die Polizei die drei Tatverdächtigen bereits festgenommen.

Und obwohl es drei Verdächtige sind, nennen “Bild” und Bild.de wiederholt nur den Vornamen eines Verdächtigen:

Haupttäter Serkan wollte sich offenbar rächen, gewann zwei Mitschüler (17, 18) als Komplizen.

Im Verhör gaben zwei Schüler zu, dass der Lehrer an einer abseits gelegenen Raucherecke mit einem Hammer erschlagen werden sollte. Haupttäter Serkan (16) stritt dagegen alles ab.

Seit mehr als einer Woche ermittelt die Polizei gegen Serkan (16), einen Mitschüler (17) und einen Bekannten (18).

Dieses partielle Desinteresse der “Bild”-Mitarbeiter an Namen von Tatverdächtigen und Tätern ist bemerkenswert. Es kann nichts damit zu tun haben, dass sie Serkan für den Haupttäter halten und die anderen Namen damit nicht für nennenswert — in anderen Fällen nennen sie durchaus die Namen von Haupttätern und deren Komplizen. Wir haben bei “Bild”-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum in den “Bild”-Medien nur der Name eines Tatverdächtigen genannt wurde. Bisher haben wir keine Antwort von ihm erhalten.

Nun weist ein Name nicht automatisch auf eine Staatsangehörigkeit hin. Wir wollten aber gern wissen, ob die Vornamen der beiden anderen, von “Bild” und Bild.de nicht genannten Verdächtigen ebenfalls türkischstämmig oder arabisch klingen. Und siehe da: Wie uns der Sprecher der Dortmunder Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitgeteilt hat, trägt der eine Tatverdächtige einen “urdeutschen Namen”, der andere einen, der nicht auf eine türkische oder muslimische Herkunft hindeute.

Dass die “Bild”-Medien nur den einen Namen nennen — und nicht etwa auch den “urdeutschen” –, ist ein gefundenes Fressen für alle rechten und noch rechteren Scharfmacher. Die Bild.de-Artikel drehen in den entsprechenden Kreisen derzeit die ganz große Runde: Neben Seiten wie “Widerstand für Deutschland”, “Patriotische Vernetzung – Wir wollen unser Land zurück” und “Meine Heimat Deutschland” haben auch die Accounts “AfD Nürnberg”, “AfD Chemnitz”, “AfD Freunde Kinzigtal”, “AfD Kyffhäuser-Sömmerda-Weimarer Land”, “AfD Weiden in der Oberpfalz”, “AfD Hannover Stadt”, “AfD Kreisverband Ravensburg”, “AfD Freunde Landkreis Hildesheim”, “AfD Kreisverband Augsburg-Stadt”, “AfD Cloppenburg/Vechta”, “AfD Südliche Ortenau – Kinzigtal”, “AfD Regionalgruppe Hoyerswerda”, “AfD OV Unteres Jagsttal”, “AFD-FANCLUB DEUTSCHLAND”, “AfD Wolfsburg”, “AfD Kreisverband Wittmund”, “AfD Freunde Ortenau”, “AFD Freunde Berlin”, “AfD – Kreisverband Weserbergland”, “AfD Gemeindeverband Großrosseln”, “AfD Waiblingen-Fellbach”, “AfD Burscheid” und “AfD Kreisverband Dachau” die Texte bei Facebook und Twitter geteilt. Hinzu kommen zahlreiche AfD-Freunde wie Erika Steinbach und AfD-Mitglieder wie Guido Reil. Und auch AfD-Fraktionschefin Alice Weidel verbreitete den Bild.de-Artikel von vergangenem Dienstag. Dazu schrieb sie bei Facebook:

Wie weit die Verrohung in Deutschland fortschreitet, beweist NRW. (…) Hauptbeschuldigter ist ein Schüler namens Serkan (16), der mit seiner Benotung in den Fächern Chemie und Deutsch offenbar nicht einverstanden war.

Ihm zu Hand gehen sollten zwei Bekannte (17 und 18 Jahre). (…) Die Martin-Luther-King-Gesamtschule ist für ihre Anti-Mobbing-Projekte bekannt. Gegen bestimmte Sozialisierungen kommen wohl auch die besten Präventivmaßnahmen nicht an.

Fast 3000-mal geliket, fast 1000-mal kommentiert, über 1500-mal geteilt.

Und auch in den Kommentaren auf der “Bild”-Facebookseite stürzten sich die Leserinnen und Leser vor allem auf einen Aspekt der Geschichte:

Collage mit Kommentaren von der Bild-Facebookseite - Viele Beispiel von Leserinnen und Lesern, die den Namen Serkan thematisieren

Mit Dank an Clemens für den Hinweis!

Nachtrag, 24. Mai: Der Lehrer hat sich in einem lesenswerten Facebook-Post zu der Sache geäußert. Und die “Bild”-Medien bleiben dabei, nur den Namen eines Tatverdächtigen zu nennen.

Bild  

Ganz Deutschland findet noch immer: “Bild” tut nichts für das Gemeinwohl

Nach dem ersten “GemeinwohlAtlas” der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2015 gibt es nun, in Kooperation mit der HHL Leipzig Graduate School of Management, die zweite Ausgabe. Dieser “Atlas” soll den “gesellschaftlichen Nutzen von deutschen sowie internationalen Organisationen und Institutionen” systematisch untersuchen und transparent abbilden:

Im Jahr 2019 nahmen insgesamt 11.769 Personen im Alter zwischen 18 und 93 Jahren an der Befragung teil.

Kannten die Befragten mindestens eine der aufgelisteten Organisationen, wurden sie aufgefordert, für einzelne, randomisiert ausgewählte Organisationen den Beitrag zum Gemeinwohl in den vier Dimensionen Lebensqualität, Aufgabenerfüllung, Zusammenhalt und Moral zu bewerten.

Dieses Mal wurden 137 Unternehmen, Marken, Organisationen und Institutionen bewertet. Dabei ganz vorne: Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz und der Weiße Ring. Auf dem letzten Platz landete Marlboro. Auf dem vorletzten die FIFA. Und auf dem drittletzten:

Screenshot des GemeinwohlAtlas - auf dem Drittletzten Platz dabei Bild

… noch hinter solch ausgesprochenen Sympathieträgern wie Deutsche Bank, UEFA, Facebook, Twitter und Nestlé.

Beim ersten “GemeinwohlAltas” landete “Bild” noch auf dem letzten von 127 Plätzen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich der Ruf des Blattes seit 2015 verbessert hat — im Gegenteil: Marlboro und FIFA waren damals schlicht noch nicht dabei; die “Gemeinwohl”-Werte von “Bild” sind im Vergleich zu vor vier Jahren noch einmal gesunken (Durchschnitt 2015: 2,37 – Durchschnitt 2019: 2,26 – die Skala geht von 1 bis 6, der Median lag 2019 bei 3,79).

Andere Medien schnitten deutlich besser ab: Die Dritten der ARD liegen auf Platz 16, die ARD auf Platz 18, das ZDF auf Platz 21, die “Süddeutsche Zeitung” auf Platz 32, die “FAZ” auf Platz 36, die “Welt” auf Platz 65 und der “Spiegel” auf Platz 67. Nur die TV-Sender Vox (120), Sat.1 (122) und RTL (128) können einigermaßen mit dem schlechten “Bild”-Ergebnis mithalten.