Scripted-WDReality, Veganer Unsinn, Youtube verbietet #BirdBoxChallenge

1. Scripted-Reality-Methoden bei WDR-Vorzeige-Dokus?
(uebermedien.de, Ralf Heimann)
Bei den Reality-Soaps der Privatsender wie Vox, Kabel eins, Pro Sieben oder RTL 2 erwarten wohl die Wenigsten Wahrhaftigkeit und Akkuratesse. Schließlich weiß man, dass derlei Trash-Formate gescriptet und relativ lieblos mit Schauspielern runtergedreht werden. Dokumentationen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben in dieser Hinsicht einen anderen Anspruch. Umso schlimmer, wenn sich nun herausstellt, dass dort mit denselben Methoden gearbeitet wurde. Ralf Heimann berichtet von den verstörenden Seltsamkeiten bei der preisgekrönten WDR-Reihe „Menschen hautnah“.

2. Wie die Leute vom Stern Unsinn in eine britische Studie hineininterpretierten
(graslutscher.de)
Gemäß einer britischen Studie sollen Veganer in Großbritannien doppelt so oft krank sein wie ihre nicht-veganen Kollegen. Das behauptet jedenfalls der „Stern“ in seiner Onlineausgabe. Der Blogger „Graslutscher“ hält das Ganze für eine Räuberpistole, die dicht an „Fake News“ rankäme. Das Ganze hat, wie so oft, mit einer Verwechslung von Kausalität und Korrelation zu tun: „Ebenso gut hätte man also festhalten können, welche Probanden dritte Zähne haben und dann zum Schluss kommen, dass die Menschen ohne dritte Zähne öfter erkältet sind. Ich warne dennoch dringend davor, sich die ganze Kauleiste überarbeiten zu lassen, weil man keinen Schnupfen bekommen möchte. Es wäre nämlich genau so falsch gewesen, hätte der Stern getitelt: „Menschen ohne Zahnprothesen sind doppelt so oft krank wie Menschen mit Zahnprothesen“.“

3. Recherchen und Forschungsergebnisse
(djv.de)
Am 11. Januar hat der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) in einer Pressemitteilung die Landesmedienanstalten davor gewarnt, RT Deutsch eine Rundfunklizenz zu erteilen, und bekam dafür in den sozialen Medien einigen Gegenwind. Die Position des DJV, dass es sich bei RT um ein Propagandainstrument des Kreml und nicht um ein journalistisches Informationsmedium handele, sei jedoch gut begründet und durch mehrere externe Quellen belegt (im Beitrag verlinkt).

4. Afrika, sprich
(sueddeutsche.de, Stefan Fischer)
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert berichtet die freie Journalistin und Hörfunkkorrespondentin Bettina Rühl vom afrikanischen Kontinent, ob „über Kindersoldaten und Warlords, über Drogenhandel in Mali, das Foltersystem in Eritrea, über Elfenbeinschmuggel, die Geschäftemacherei reicher Kenianer mit den Slums im Land und die Terrorfinanzierung in Westafrika“, aber auch über positive, aufmunternde Geschichten. Die „SZ“ stellt die vielbeschäftigte und preisgekrönte Autorin vor.
Der passende Hörtipp dazu: „Der Blinde hilft dem Lahmen“, „Deutschlandfunk Kultur“, diesen Sonntag um 12:30 Uhr; „Hightech in Afrika“, SWR 2, 25. Januar um 8:30 Uhr.

5. Weshalb wollen Menschen nach schlaflosen Nächten mehr essen?
(meta-magazin.org)
Im „Wochenrückblick des Science Media Center“ geht es um die Forschungsergebnisse, über die in letzter Zeit besonders häufig in den Medien berichtet wurde. Dieses mal dabei: Die Studie „Schlafmangel erhöht nicht via Hormonspiegel, sondern via Hirnaktivität die Lust auf fettiges Essen“ aus dem „Journal of Neuroscience“.

6. Youtube verbietet „Bird Box“-Clips
(faz.net)
Der Netflix-Thriller „Bird Box“ mit Sandra Bullock führte zu dem Internetphänomen #BirdBoxChallenge, in dem Menschen mit verbundenen Augen Alltagssituationen bewältigen, sich dabei filmen lassen und die Videos ins Netz stellen. Dabei ist es schon zu Unfällen und Verletzungen gekommen. Nun zieht Youtube die Reißleine und verbietet derartige Filme: „Auch wenn es unfair erscheint, das Posten von bestimmten Inhalten nicht zu gestatten, weil dies Zuschauer zu bestimmten Aktionen verleiten könnte, ziehen wir doch eine Grenze bei Inhalten, die Gewalt provozieren oder zu gefährlichen oder illegalen Handlungen aufrufen, bei denen ein Risiko für Leib und Leben besteht.“

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Bringt Julian Reichelt Handballer-Familien in Gefahr?

Die Spieler der deutschen Handballnationalmannschaft sind bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark derzeit ziemlich erfolgreich — und ihre Familien möglicherweise in Gefahr. Jedenfalls dann, wenn man der Logik von Julian Reichelt folgt.

Der „Bild“-Chef wollte bekanntermaßen nicht, dass der Branchendienst „kress“ sein Gehalt öffentlich schätzt, da das seine Familie in Gefahr bringe, so Reichelt.

Entweder sind ihm die Familien anderer Menschen herzlich egal oder er hat bei seiner Begründung damals Unfug erzählt — jedenfalls bringt Julian Reichelts Portal Bild.de heute diese Geschichte:

Screenshot Bild.de - Was verdienen die eigentlich? Die Gehaltsliste unserer Handball-Stars

Hinter der „Bild plus“-Paywall (schließlich will Bild.de auch noch ein bisschen was daran verdienen) fein säuberlich aufgelistet: die Gehälter der Nationalspieler Uwe Gensheimer, Silvio Heinevetter, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek, Finn Lemke, Hendrik Pekeler, Steffen Fäth, Paul Drux, Fabian Wiede, Jannik Kohlbacher, Patrick Groetzki, Andreas Wolff, Matthias Musche, Fabian Böhm, Martin Strobel und Franz Semper.

Und da ist noch lange nicht Schluss. Zum Vergleich nennt Bild.de auch noch die Monatsgehälter „anderer deutscher Sport-Stars“. Mit dabei: Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel, Fußballer Mesut Özil, Basketballer Dennis Schröder, Eishockeyspieler Leon Draisaitl, Golfer Martin Kaymer, Volleyballer Georg Grozer sowie Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov.

Auch für deren Familien heißt es laut Julian Reichelt nun: Gefahr!

Wen Julian Reichelt nach Julian-Reichelt-Logik sonst noch in Gefahr gebracht haben könnte:

Mit Dank an Stefan N. für den Hinweis!

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Neues armes Deutschland, Sein Name: Yannic Hendricks, Netflix-Codes

1. So kann es nicht weitergehen
(spiegel.de, Sascha Lobo)
„Spiegel Online“-Kolumnist Sascha Lobo macht es wütend, auf welche Weise viele Medien über Themen wie Brexit, Donald Trump oder die AfD berichteten: „Der Aufstieg der autoritären Kräfte weltweit wäre ohne Medien nicht möglich gewesen, und zwar sowohl sozialer wie redaktioneller Medien. Die Verantwortung für eine weitere Stärkung der Rechten, Rechtsextremen, Autoritären liegt zum guten Teil bei ebendiesen Medien.“ Diese tappten in immer die gleichen Fallen: False Balance, Agenda Cutting und strukturelle Verharmlosung.

2. Armes Deutschland
(taz.de, Anne Fromm)
Um die linke Tageszeitung „neues deutschland“ steht es bereits seit vielen Jahren schlecht, doch jetzt scheint die Lage ernst wie nie zuvor. Anne Fromm nimmt sich in der „taz“ Raum und Zeit, um etwas von der Geschichte und der komplizierte Struktur des „nd“ zu erzählen und die aktuellen Schwierigkeiten zu erklären.

3. BuzzFeed News darf den Namen von Abtreibungsgegner Yannic Hendricks weiterhin nennen
(buzzfeed.com, Juliane Loeffler)
Das Landgericht Düsseldorf hat eine Klage des Abtreibungsgegners Yannic Hendricks gegen „BuzzFeed News Deutschland“ zurückgewiesen. Das Internetportal hatte den Namen des Mannes genannt, der viele Ärztinnen und Ärzte angezeigt hat, die auf ihrer Website angeben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Hendricks wollte anonym bleiben und ging mit einer Unterlassungserklärung gegen die Namensnennung vor. Nun wurde der Antrag abgelehnt. „BuzzFeed News“ hat die gesamte Urteilsbegründung in den Beitrag eingebettet. Ob es zu einem Berufungsverfahren kommt, sei derzeit noch offen.

4. Facebook investiert 300 Millionen Dollar in Journalismus
(heise.de, Andreas Wilkens)
300 Millionen US-Dollar will Facebook in den kommenden drei Jahren in Nachrichtenprogramme, Partnerschaften und Inhalte investieren, „mit einem großen Schwerpunkt auf Lokalnachrichten“. Dazu werde man mit Nachrichtenorganisationen zusammenarbeiten und diese mit Produkt- und Technikteams vernetzen, um bereits in einer frühen Phase der Produktentwicklung „den Bedürfnissen der Menschen auf Facebook besser gerecht zu werden“. Schließlich wolle man Verleger „nicht von uns abhängig machen, sondern unterstützen“.

5. Islamismus-Experte auf Abwegen
(faktenfinder.tagesschau.de, Volker Siefert)
Hat der Frankfurter Journalist Shams Ul-Haq, wie von ihm behauptet, undercover in mehr als 100 Moscheen die Radikalisierung von Muslimen aufgedeckt? Der ARD-„Faktenfinder“ ist skeptisch und verweist auf die Widersprüche, in die sich Shams Ul-Haq verstrickt habe.

6. Ich will doch nur einen Film sehen!
(faz.net, Julia Bähr)
Die „FAZ“-Redakteurin Julia Bähr spricht vielen Netflix-Zuschauern aus dem Herzen, wenn sie die Nutzerführung des Streamingportals als „katastrophal“ bezeichnet. Doch sie hat ein Gegenmittel parat: Die im Internet kursierenden Listen, mit deren Hilfe man das System überlisten kann.

Bild.de bringt veraltetes Zeug in Umlauf

Achtung, Gefahr!

Screenshot Bild.de - Jugendliche in Gefahr - Schon ein paar Joints verändern das Gehirn

Cannabis ist eine der beliebtesten, illegalen Drogen in Deutschland. Oft verharmlost, ist sie viel gefährlicher, als die meisten denken.

… schrieb Bild.de gestern. Denn:

Schon ein oder zwei Joints verändern das Gehirn eines Jugendlichen merkbar, hat jetzt eine internationale Forschergruppe mit deutscher Beteiligung herausgefunden und ihre Ergebnisse im „Journal of Neuroscience“ veröffentlicht.

Das „jetzt“ ist an dieser Stelle recht großzügig ausgelegt: Die Studie, auf die sich Bild.de bezieht und die das Portal im Artikel verlinkt*, ist bereits am 28. Januar 2015 im „Journal of Neuroscience“ erschienen — und damit geschmeidige vier Jahre alt. Noch interessanter aber ist die Überschrift, die die „internationale Forschergruppe mit deutscher Beteiligung“ ihrer Untersuchung damals gab:

Screenshot der Überschrift der Studie - Daily marijuana use is not associated with brain morphometric measures in adolescents or adults

„Is Not Associated“.

Schon im „Abstract“ steht:

No statistically significant differences were found between daily users and nonusers on volume or shape in the regions of interest. Effect sizes suggest that the failure to find differences was not due to a lack of statistical power, but rather was due to the lack of even a modest effect. In sum, the results indicate that, when carefully controlling for alcohol use, gender, age, and other variables, there is no association between marijuana use and standard volumetric or shape measurements of subcortical structures.

Das übersetzt Bild.de ins Gegenteil:

Die Wissenschaftler beobachteten bei 14-Jährigen, die nur ein- oder zweimal Cannabis konsumiert hatten, mithilfe eines modernen Bildgebungsverfahrens, der sogenannten Voxel-basierten Morphometrie, eine Zunahme der grauen Hirnsubstanz. Bedeutet: Ein Ungleichgewicht zwischen weißer und grauer Hirnsubstanz entsteht.

Dazu steht in der „Discussion“ der Studie:

The lack of significant differences between marijuana users and control subjects in the present study is consistent with the observation that the mean effect size across previously published studies suggests no clear effect of marijuana on gray matter volumes.

Bei Twitter haben einige User die „Bild“-Redaktion auf den Fehler hingewiesen. Die juckt das aber ganz offensichtlich nicht.

Mit Dank an @Goettergattin42 für den Hinweis!

*Nachtrag, 19:13 Uhr: Bei FAZ.net ist ein Artikel zum selben Thema mit recht ähnlicher Überschrift erschienen. Im Gegensatz zu Bild.de verlinkt Autor Joachim Müller-Jung dort auf eine aktuelle Studie aus dem „Journal of Neuroscience“ (erschienen am 14. Januar 2019). Es gibt die aktuellen Erkenntnisse, von denen Bild.de berichtet, also tatsächlich. Allerdings nennt und verlinkt die Bild.de-Redaktion die falsche, veraltete Studie.

Wir haben daher unsere Überschrift von „Bild.de bringt falsches Zeug in Umlauf“ in „Bild.de bringt veraltetes Zeug in Umlauf“ geändert.

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Einer schrieb über die Sexualität

Zum Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ soll es bei Netflix bald ein Pre­quel geben, also eine Fortsetzung, die zeitlich allerdings vor den Ereignissen des Films spielt. Nun ist die Besetzung dafür bekannt gegeben worden, und Bild.de schreibt dazu:

Screenshot Bild.de - Vorgeschichte zum Kultfilm - Mega-Besetzung für neue Netflix-Serie

Und wer ist so alles dabei?

Auch die heterosexuelle Judy Davis (63, „Feud“), der heterosexuelle Finn Wittrock (34, „American Horror Story“) , die heterosexuelle Amanda Plummer (61, „Pulp Fiction“) und der heterosexuelle Corey Stoll (42, „House of Cards“) stehen für die neue Netflix-Serie vor der Kamera.

Ja, gut, so steht das nicht bei Bild.de. Die merkwürdigen, unerheblichen Zusätze zur Sexualität der Schauspielerinnen und Schauspieler haben wir eingefügt. Am folgenden Absatz aber haben wir nicht herumgedoktert — der steht eins zu eins so im Artikel von Bild.de-Autor Roman Scheck:

Mit dabei sind Stars, die so manchen Fan begeistern dürften: Die offen lesbische Schauspielerin Cynthia Nixon (52, „Sex and the City“), die bekennende bisexuelle Kult-Schauspielerin Sharon Stone (60, „Basic Instinct“) und der offen schwule Schauspieler Charlie Carver (30, „Desperate Housewives“).

Mal abgesehen davon, dass das alles völlig unwichtig ist: Die sind also nicht nur lesbisch, bisexuell und schwul, sondern das auch noch „offen“, „bekennend“ und „offen“.

Mit Dank an @WayneSchlegel_ für den Hinweis!

Nachtrag, 15:36 Uhr: „Bild“-Redakteur Timo Lokoschat weist bei Twitter darauf hin, dass der Artikel „im LGBT-Bereich von Bild.de“ erschienen ist. So ganz verstehen wir aber nicht, warum aufgrund der Sexualität einiger beteiligter Schauspielerinnen und Schauspieler über die neue Serie im LGBT-Bereich berichtet wird (und warum deshalb die Sexualität eine solche Rolle spielt, dass sie genannt werden muss). Inhaltlich hat „Einer flog über das Kuckucksnest“ nichts mit LGBT zu tun.

Das Wort „bekennend“ findet auch Lokoschat unangebracht.

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Ende der Drohbriefe, AfD-Maier muss zahlen, Reporter gegen die Mafia

1. Keine Drohbriefe mehr
(faz.net, Constantin von Lijnden)
Medienrechtsanwälte haben eine pfiffige Strategie entwickelt, um ihre prominenten Mandanten vor Erwähnungen in der Presse zu schützen: Vorauseilende Drohbriefe, die sie euphemistisch als „presserechtliche Informationsschreiben“ bezeichnen. Allein bei der „FAZ“ seien von der bekannten Medienrechtskanzlei Schertz Bergmann zwischen Ende 2012 und Mitte 2016 mehrere Dutzend solcher Schreiben eingegangen, ungefragt und zuletzt ausdrücklich unerwünscht. Die „FAZ“ hat sich gegen diese Praxis juristisch gewehrt — bis zum Bundesgerichtshof (BGH), der die „Informationsschreiben“ grundsätzlich für zulässig hält. Anders sieht es der BGH, wenn ein solches Schreiben „keine Informationen enthält, die dem Presseunternehmen die Beurteilung erlauben, ob Persönlichkeitsrechte durch eine etwaige Berichterstattung verletzt werden.“ Das Faxen derartiger Schreiben ist mit dem Urteil des BGH nun untersagt.

2. AfD-Rechtsaußen muss Noah Becker Schmerzensgeld zahlen
(spiegel.de, Ansgar Siemens)
Vor einem Jahr erschien auf dem Twitter-Profil des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier ein Tweet, in dem der Künstler Noah Becker wegen dessen dunkler Hautfarbe rassistisch beleidigt wurde. Maier, selbst gelernter Richter, gab sich unschuldig: Ein Mitarbeiter habe den Tweet ohne Absprache veröffentlicht, was der Mitarbeiter auch offiziell zugab. Becker verklagte den AfD-Politiker daraufhin auf 15.000 Euro Schmerzensgeld. Sein vorheriges Angebot, 7.500 Euro an eine karitative Organisation zu spenden und den Streit damit zu beenden, hatte Maier abgelehnt. Nun hat das Landgericht Berlin Becker Recht gegeben und Maier zur Zahlung der vollen 15.000 Euro plus Zinsen verurteilt.

3. Re: Der Tod im Auge – Reporter gegen die Mafia
(arte.tv, Chiara Sambuchi, Video: 30 Minuten)
Wer in Italien über die Mafia berichtet, muss sehr mutig sein und setzt unter Umständen sein Leben aufs Spiel. Die Arte-Reportage „Re: Der Tod im Auge“ begleitet den unter permanenter Bewachung stehenden Journalisten Paolo Borrometi bei dessen Arbeit für den Fernsehsender TV2000, bei dem er mit Staatsanwälten, Richtern und Kronzeugen Interviews über die Mafia führt.

4. „Politik setzt gezielt auf Framing“
(fr.de, Ruth Herberg)
Die „Frankfurter Rundschau“ hat sich mit den beiden „Floskelwolke“-Betreibern Sebastian Pertsch und Udo Stiehl über Wortmacht, Medienkompetenz und politisches Framing unterhalten.

5. Hoher Anspruch, rote Zahlen
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio: 5:32 Minuten)
Unglaubliche 3,5 Millionen Franken sammelten der Journalist Constantin Seibt und seine Kollegen an Spendengeldern ein, um vor etwa einem Jahr mit dem Schweizer Online-Magazin „Republik“ starten zu können. Die Medienjournalistin Brigitte Baetz gibt dem Startup durchwegs gute Noten. Allein finanziell laufe es nicht so gut: Laut Geschäftsbericht sei das Online-Magazin im ersten Jahr auf ein Minus von rund 2,5 Millionen Euro gekommen.

6. Wann Ihr einen Blogbeitrag als Werbung kennzeichnen müsst
(fitfuerjournalismus.de, Bettina Blaß)
Viele Youtuber, Instagrammer, Facebooker und Blogger sind verunsichert, ob sie ihre Beiträge als Werbung kennzeichnen müssen, wenn sie dort zum Beispiel mit Markenware zu sehen sind oder ein Produkt empfehlen. Zum Glück gibt es die Kennzeichnungsmatrix der Landesmedienanstalten und Bettina Blaß, die Licht ins Kennzeichnungsdunkel bringen.

Bild  

Heiligabend im Wandel der Zeit

2003, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten!

2005, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten

2008, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Bild schenkt Ihnen nur gute Nachrichten!

2009, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute gibt es nur gute Nachrichten

2011, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute gibt es nur gute Nachrichten

2012, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten

2015, Heiligabend unter Kai Diekmann:

Ausriss Bild-Titelseite - Heute nur gute Nachrichten

2018, Heiligabend unter Julian Reichelt:

Ausriss Bild-Titelseite - Vorwurf versuchter Totschlag - DSDS-Star prügelt Fan in Klinik

Identitäre Plakate, Erfolgsfaktor Niveaumangel, Marktplatz Instagram

1. taz-Mitarbeiterin bei Aktion von Identitären angegriffen
(blogs.taz.de)
Die rechtsgerichtete „Identitäre Bewegung“ hat gestern Aktionen bei unterschiedlichen Redaktionen und Organisationen in verschiedenen Städten Deutschlands durchgeführt, unter anderem bei der „Frankfurter Rundschau“, am ARD-Hauptstadtstudio und bei den Grünen. Auch das „taz“-Verlagsgebäude war Ziel der Aktion. Als eine Gruppe von etwa sechs Personen der „Identitären Bewegung“ mit Pflastersteinen, Plakaten und Flugblättern anrückte, kam es zu Tätlichkeiten gegen eine couragierte „taz“-Mitarbeiterin.

2. Wenn Männer über Männer schreiben
(deutschlandfunk.de, Anne Baier)
Beim Medienforum des Journalistinnenbundes wurde auch nach Abschluss der Veranstaltung fleißig weiterdiskutiert. Dabei ging es vorwiegend um das Ungleichgewicht der Geschlechter im Politikjournalismus, Denkfallen, typische Stereotype und Rollenzuschreibungen sowie das sich daraus entwickelnde Framing.

3. Journalisten im Visier
(djv.de, Hendrik Zörner)
Hendrik Zörner kommentiert die Wut der französischen Gelbwesten gegen Journalistinnen und Journalisten, die angeblich nicht im Sinne der Protestbewegung berichten würden: „Ach, wirklich? Französische Zeitungen und Rundfunksender als verlängerter Arm von Emmanuel Macron? Wahrscheinlicher dürfte sein, dass im Zuge der Radikalisierung der Gelbwesten jegliches Verständnis für Ausgewogenheit in den Medien auf der Strecke geblieben ist. In Deutschland kennen wir das von Pegida.“

4. Die Kommentare sind tot, lang leben eure inhaltlichen Ergänzungen!
(netzpolitik.org)
netzpolitik.org steht vor einem Problem, vor dem auch viele Nachrichtenseiten stehen: Wie der wachsenden Zahl von beleidigenden und unsachlichen Kommentaren Herr werden? Mit gewaltigem Aufwand moderieren oder den Kommentarbereich ganz abschalten? Man hat sich für einen Mittelweg entschieden: In Zukunft werden nur noch Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltliche Ergänzungen zu den Artikeln stehen gelassen.

5. Blaulicht, Flutlicht, Rotlicht: Mit Niveaumangel zum Online-Spitzenplatz
(journalismus.online, Hektor Haarkötter)
Der Online-Chef der Münchner Tageszeitungen „tz“ und „Merkur“ hat Grund zum Feiern: Die Zugriffszahlen steigen beständig. Wenig feierlich ist jedoch die Methode, die auf Niveaumangel und Stillosigkeit beruht. Hektor Haarkötter hat einige typische Clickbaiting-Beispiele herausgesucht, bei denen man sich fragt, wie diese Masche immer noch so gut ziehen kann.

6. Wie sich Instagram zum Marktplatz wandelt – und wer schon jetzt auf der Plattform verkauft
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Viele sehen in Instagram nur die Bilder-Abwurfhalde der Generation Selfie, doch die Plattform wird zunehmend für Verkaufszwecke genutzt. Instagram könnte sich gar zur echten Handelsplattform entwickeln. Roland Eisenbrand in seiner spannenden Analyse: „Weil die Plattform durch ihren visuellen Charakter deutlich produktfixierter ist als Facebook selbst, ist es durchaus vorstellbar, dass eine Erweiterung um einen Marktplatz von Erfolg gekrönt sein könnte. Facebook würde mit diesem Schritt eine komplett neue Erlösquelle erschließen. Als potenzieller „Man in the Middle“ bei allen Käufen könnte das Unternehmen dann nicht nur wie bisher durch Werbeeinnahmen einen Anteil am gesamten Business, dass über die Plattform läuft, für sich abzuzwacken, sondern auch durch Provisionen.“

Das „meistzitierte Medium Deutschlands“ zitiert nicht

Bescheidenheit ist nicht gerade die Sache der „Bild“-Redaktion. Am vergangenen Montag schlagzeilte sie auf der eigenen Titelseite:

Ausriss Bild-Titelseite - Bild ist das meistzitierte Medium Deutschlands!

Das Korkenknallen ging im Text weiter:

Es ist die härteste Währung im politischen Journalismus: mit Exklusiv-Nachrichten von der Konkurrenz zitiert zu werden. Niemandem gelang dies 2018 so häufig wie BILD.

1203-mal wurde BILD laut des angesehenen Zitate-Rankings von „Media Tenor“ im vergangenen Jahr mit Nachrichten, Berichten, Interviews etc. von anderen Medien zitiert. Eine klare Meinungsführerschaft: vor „Spiegel“ (1098), „New York Times“ (907) und BILD am SONNTAG (895 Zitate). „Süddeutsche Zeitung“ und „Handelsblatt“ belegten die Plätze 5 und 6.

In der „taz“ wies Steffen Grimberg darauf hin, dass es „schon mehr als etwas verräterisch“ sei, „wenn man die Quelle des Freudentaumels selbst mit Attributen wie ‚angesehen‘ aufpeppen muss. Denn bei Media Tenor handelt es sich um einen Laden, der mit der Kneifzange anzufassen ist.“ Aber das nur nebenbei.

Schauen wir doch mal, wie „Bild“ und Bild.de selbst so mit dem Zitieren umgehen. Am Dienstag, da war der „Bild“-Jubel in eigener Sache gerade mal einen Tag alt, erschien dieser Artikel:

Screenshot Bild.de - Facebook-Fotos entlarvten ihn als Betrüger - Motz-Urlauber muss TUI 22000 Euro zahlen

Ein Brite forderte von TUI Schadensersatz, da er bei seinem Urlaub auf den Kapverdischen Inseln wegen der vermeintlich mangelnden Hygiene und des vermeintlich schlechten Essens vermeintlich krank geworden sei. Allerdings zeigten Facebook-Posts des Mannes, was für eine gute Zeit er in dem Fünf-Sterne-Hotel hatte und wie begeistert er vom angebotenen Essen war. TUI ging gegen ihn wegen Betrugs vor, der Mann soll dem Reiseveranstalter nun 20.000 Pfund zahlen.

Mirror.co.uk hatte die Geschichte exklusiv. Doch von dieser Quelle ist bei Bild.de, wo sie so stolz aufs Zitiertwerden sind, kein Wort zu lesen (anders als zum Beispiel bei „Focus Online“). Zugegeben, die Story vom betrügenden Briten ist kein politischer Journalismus. Aber nur weil die Politik fehlt, wird „die härteste Währung“ doch nicht dramatisch an Wert verlieren.

Autorin des Bild.de-Artikels ist Silke Hümmer, die bereits im vergangenen September im BILDblog auftauchte, nachdem sie, ohne Nennung der Quelle, bei einem anderen Portal abgeschrieben hatte.

Mit Dank an anonym für den Hinweis!

Ziemlich billig, Bild.de

Bild.de gestern auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Brasilien, Schweden, Sri Lanka - Billig reisen dank Wechselkurs - dazu ein Foto, das zwei Frauen, vermutlich brasilianische Samba-Tänzerinnen, von hinten zeigt

Wie, wenn nicht mit zwei Frauen-Hintern, sollte man das Thema „Billig reisen dank Wechselkurs“ auch sonst bebildern?

Blättern: 1 2 3 4 ... 927

BILDblog-Klassiker

Voll für’n Eimer

„Bild“-Sommerloch-Regel Nummer 1: Malle geht immer. Völlig wurscht, worum es geht, Hauptsache, es spielt auf „unserer Lieblingsinsel“.

Es begann vor einem Monat mit dem „‚Who is Who‘ am Ballermann“ und ging weiter mit Artikeln über das „Schampus-Verbot für Georgina“, das „Sing- und Sprechverbot“ für Willi Herren, die „Unten-ohne-Panne bei Bachelor-Melanie“, die Flitterwochen von Olivia Jones‘ Assistent und die neue Liebe von Micaela Schäfer. Dann noch mal Georgina („als Djane gefeuert“), noch mal Frau Schäfer (Gastauftritt bei „Alarm für Cobra 11“), zwischendurch immer mal wieder „Bild“-Hampelmann Matze Knop, dann die „Lieblingsrestaurants der Promis“, dann ein „Bildplus“-Spezial zum „Universum Schinkenstraße“.

Als tatsächlich mal etwas halbwegs von Belang passierte, als nämlich ein „Nacht-Suff-Verbot“ verhängt wurde, fuhr Bild.de gleich die dicken Geschütze auf: Das „Saufverbot am Ballermann“ wurde mit mehreren Artikeln, einer Live-vor-Ort-Reportage, noch einer Live-vor-Ort-Reportage sowie einer Bilanz gewürdigt.

Doch so richtig zehren konnte „Bild“ von diesen Skandälchen nicht. Die Aufregung, so sie denn überhaupt entstand, verpuffte zu schnell, um mehrere Tage lang darüber berichten zu können. Etwas Größeres musste her. Und es kam auch:  Politiker will unseren Ballermann dichtmachen!

Zwei „Bild“-Reporter hatten diese Schlagzeile von einem Treffen mit „Mallorcas wichtigstem Tourismus-Politiker“ mitgebracht, dem Vize-Bürgermeister Álvaro Gijón. Er wolle den Ballermann „plattmachen“, heißt es in dem Artikel. „Luxus statt Sangria-Eimer“.

Bild.de fackelte nicht lange und erklärte die Aussagen Gijóns gleich mal zum „Angriff auf die deutsche Urlaubs-Seele“. Und „Bild“ holte am nächsten Tag zum Gegenschlag aus:
hier kämpft der König von Mallorca um unseren Ballermann

Wenn einer unseren Ballermann retten kann, dann ER!

[…] In seiner politischen Mission besucht Ballermann-Retter Drews gestern Nachmittag in roter Königsrobe den Strand von Arenal. Das Gespräch mit dem verärgerten Partyvolk suchen.

„Bild“ war natürlich mit von der Partie und hat alles fleißig dokumentiert. Im Artikel (und im Video und in der Klickstrecke) fordert  Jürgen Drews den Politiker dazu auf, seine Pläne zu überdenken. Nebenbei erwähnt er noch kurz, wie sein neues Lied heißt.

Das „verärgerte Partyvolk“ posiert mit Riesenstrohhalm und „Bild“-Zeitung und sagt Dinge wie: „Nur weil wir hier mal einen Tag Wodka-Maracuja aus einem Eimer trinken, sind wir ja nicht gleich unzivilisierte Menschen.“

Auch andere „Ballermann-Stars“ folgten der „Bild“-Zeitung in den Kampf gegen die Politikerpläne, Sänger Tim Toupet etwa schlug in feinster „Bild“-Manier vor, der „Vize-Heini“ solle sich „doch in Griechenland bewerben, da passt er hin.“

Bild.de kramte unterdessen wehmütig im Fotoalbum, stellte die „schönsten Ballermann-Bilder“ zusammen und fragte: „Soll es DAS alles etwa nicht mehr geben?“

So wäre es wahrscheinlich noch ein paar Tage weitergegangen. Vielleicht hätte sich Heino noch eingeschaltet, vielleicht hätte Franz Josef Wagner dem „lieben Ballermann“ einen Abschiedsbrief gewidmet, wer weiß. Doch dazu kam es nicht, denn wie sich wenig später herausstellte, hatte der der Tourismus-Politiker in Wahrheit niemals vor, „unseren“ Ballermann dichtzumachen.

Am Mittwoch sagte er der „Mallorca Zeitung“ (auch bei 6 vor 9 verlinkt), seine Aussagen seien von den „Bild“-Reportern „völlig verdreht“ worden. Von einer Abschaffung des Ballermann „könne keine Rede sein.“

Er habe lediglich betont, dass auch Paare, Familien und Senioren ein Recht hätten, ihren Urlaub in dem beliebten Touristenort ungestört verbringen zu können. Ziel sei es, den Anteil kaufkräftiger Urlauber, die das ganze Jahr über auf die Insel kommen, anzuheben. Trotzdem: „Die Playa ist für alle da“.

Aber kein Problem für die Leute von „Bild“. Die haben sich nämlich schon längst dem nächsten Skandal zugewandt:So machen Rocker Millionen auf Mallorca!

Malle geht eben immer.

Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel

Per Eilmeldung ging die Nachricht heute an viele Smartphones in Deutschland: Bastian Schweinsteiger, bei der Europameisterschaft in Frankreich noch Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft, beendet seine Karriere in der DFB-Elf. Fast zeitgleich kamen Gerüchte auf, dass bei seinem aktuellen Verein Manchester United bald ebenfalls Schluss sei, weil der neue Trainer José Mourinho nicht weiter mit Schweinsteiger plane.

Genau das richtige Material für Bild.de-Spekulationen:

Die Sportredaktion hat auch schon ein paar Ideen:

Englische Medien berichten, dass Fenerbahce Istanbul Interesse haben soll.

Oder geht Schweini in die Stadt der Liebe? Vor Wochen, also noch vor dem angeblichen United-Rauswurf, gab es bereits Gerüchte um Paris Saint-Germain.

Klassisch ein Wechsel in die USA. In der MLS könnte Schweini trotz schwindender Geschwindigkeit noch sportlich dominieren.

Oder vielleicht nach Botswana? Oder in die oberste kirgisische Liga? Wenn man nur lange genug rät, wird schon ein Treffer dabei sein.

Besonders angetan sind die Leute von Bild.de aber von dem Gedanken an einen möglichen Schweinsteiger-Wechsel zu einem Bundesliga-Verein:

Seit Wochen hält sich das Comeback-Gerücht um Schweini vor allem im Ruhrpott: Ist Schalke am Helden von Rio dran?

Tatsächlich soll es diese Schalke-Gerüchte geben. Nun ist ein Wechsel von Bastian Schweinsteiger nach Gelsenkirchen erstmal recht unwahrscheinlich, Bild.de hat aber zwei Hinweise gefunden, die das Ganze untermauern sollen:

Schon Anfang Juni tauchte ein Tweet auf, in dem die Verpflichtung als fix gemeldet wurde. Angeblicher Absender: der offizielle Schalke-Account. Aktuell wird Schweini schon im Schalke-Kader geführt.

Das Portal stützt sich bei dieser Aussage auf zwei Tweets des Twitter-Nutzers @Pilzeintopf, der zu seinem Lieblingsklub FC Schalke 04 und Fußball im Allgemeinen auch bloggt. Anfang Juni twitterte er ein Foto eines vermeintlich offiziellen Schalke-Tweets:

Und heute dann:

Mit ordentlich funktionierenden Augen und zweieinhalb Sekunden Hinschauen kann man sehen, dass mit der Kaderliste was nicht stimmt. Da wäre zum Beispiel die völlig andere Schriftgröße und Schriftfarbe bei Bastian Schweinsteiger. Oder der merkwürdige weiße Balken hinter Schweinsteigers Namen und seinem Geburtsdatum. Oder dass Schalke 04 Mittelfeldspieler Schweinsteiger in der Abwehr eingeordnet haben soll.

Um herauszufinden, dass es sich um eine billige Fälschung handelt, hätte man auch auf die Schalke-Website gehen, dort die richtige Kaderliste aufrufen und herausfinden können, dass die Nummer 28 bereits an den Nachwuchsspieler Joshua Bitter vergeben ist:

All das war Bild.de aber offensichtlich zu umständlich.

Bei dem Foto des angeblich offiziellen Schalke-Tweets aus dem Juni ist die Sache schon etwas kniffliger, die Fälschung deutlich besser. @Pilzeintopf bestätigte uns allerdings auf Nachfrage, dass es sich ebenfalls um einen Fake handelt und der FC Schalke 04 nie über seinen offiziellen Twitter-Account einen Wechsel von Bastian Schweinsteiger vermeldet hat.

Die mit Fake-Tweets gefüllte „Schweini“-Gerüchteküche von Bild.de ist übrigens ein „Bild-plus“-Artikel. Da zahlt man doch gerne.

Mit Dank an @Pilzeintopf und @TypischerTyp für die Hinweise!

Bild.de wärmt einen Grusel-Clown in altem Frittenfett auf

Wir müssen noch einmal auf die Horror-Clowns zurückkommen. Vor vier Tagen veröffentlichte Bild.de diesen Artikel:

So eine seltene Sichtung verkaufen Julian Reichelt und sein Team natürlich direkt als kostenpflichtigen Inhalt, das entscheidende Video kann man aber auch ohne „Bild plus“-Zugang bei Youtube sehen.

Zu einer sich viermal wiederholenden Videosequenz sagt der Sprecher:

Horror-Clown-Alarm bei McDonald’s in Bocholt. Am Freitagabend gegen 21 Uhr stürmt ein Mann mit Maske und Motorsäge das Schnellrestaurant. Oli H. zückt sein Smartphone und filmt alles mit. Die Mitarbeiter verstecken sich hinter dem Tresen, etwa 15 Leute laufen in Panik aus dem Laden. Die ganze Zeit hört man das irre Lachen des Clowns. Und so schnell, wie er kam, ist er dann auch wieder verschwunden. Die Hintergründe des irren Auftritts bleiben völlig unklar.

Im dazugehörigen Artikel gibt es noch ein paar Aussagen vom filmenden Augenzeugen Oli H., der dort allerdings Markus H. heißt:

Freitagabend gegen 21 Uhr, Markus H. (22) sitzt mit einigen Freunden in einem McDonald’s-Restaurant in Bocholt: „Es war schon dunkel draußen. Wir hatten gerade unser Essen bekommen.“

Markus H. zu BILD: „Ich war im ersten Moment extrem geschockt. Wir dachten alle, das ist ein schlechter Scherz.“

Zu „Focus Online“ und selbst bis nach Österreich zu oe24.at hat es diese Horror-Clown-Geschichte geschafft:

Was weder Bild.de noch „Focus Online“ noch oe24.at den Lesern verrät: Die Aufnahmen sind bereits zwei Jahre alt. Und statt der 15 Leute, die „in Panik aus dem Laden“ laufen, sieht man in dem 51-Sekunden-Video vor allem zwei Mädchen, die sich vor Lachen kaum noch einkriegen. Und es sind auch keine Mitarbeiter zu sehen, die sich hinter dem Tresen verstecken, sondern ein Filialleiter, der mit dem Mann im Clown-Kostüm spricht.

Außerdem bleiben „die Hintergründe des irren Auftritts“ nicht völlig unklar, wie Bild.de behauptet. Das „Bocholter-Borkener Volksblatt“ hat nämlich mal nachgeforscht (Text hinter Bezahlschranke):

Im Teaser heißt es:

Panik bei McDonald’s in Bocholt, meldet eine Boulevardzeitung: Ein Gruselclown mit „offenbar echter Motorsäge“ habe die Gäste in Angst und Schrecken versetzt. Doch Entwarnung: Was sich da „Freitag gegen 21 Uhr“ ereignet haben soll, ist ein zwei Jahre alter Auftritt zu Halloween gewesen.

Die Lokalredaktion hat auch mit dem Grusel-Clown gesprochen. Der sagt heute:

„Ich hatte die Clownsmaske auf und die anderen haben das gefilmt. Das war damals ein echter Spaß für uns“, sagte der Bocholter Markus P. (Name geändert) dem BBV. […] Nun habe sich die Boulevardzeitung gemeldet und das Video gekauft.

Und:

Gruselclown Markus P. indes hat seinen zwei Jahre alten Auftritt ganz anders in Erinnerung: „Da ist niemand rausgerannt. Ich hab‘ mich am Anfang des Videos ruhig mit dem Geschäftsführer unterhalten.“

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder hat sich Bild.de bei dieser Geschichte von Oli/Markus H. so richtig über den Fast-Food-Tisch ziehen lassen. Oder die Redaktion hat sich all den Quatsch mit der Panik einfach ausgedacht. So oder so — für ein zwei Jahre altes Video zahlt man doch gerne ein „Bild plus“-Abo.

Mit Dank an @im_fo, Sisi T. und Ralf H. für die Hinweise!

Rabiator Trump, Stiftungsbeistand, Feindbild Köppel

1. „Ihr seid Fake News!“
(spiegel.de, Marc Pitzke)
„Trumps erste Pressekonferenz als designierter US-Präsident versinkt im Chaos, noch bevor sie anfängt. Dutzende Reporter keilen sich im Trump Tower um Plätze. Es stinkt nach Schweiß und den Toiletten, die dem Andrang nicht gewachsen sind.“ Marc Pitzke über ein verstörendes Event mit dem großen amerikanischen Rabiator.

2. Körber Stiftung verteidigt Somuncu-Auftritt
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Der Kabarettist Serdar Somuncu hat Ende 2015 bei einer Podiumsdiskussion der Körber Stiftung mit deutlichen Worten Kritik an TV-Sendern geübt und ihnen vorgeworfen, seine Beiträge zu zensieren. Dabei sind auch Beleidigungen gefallen, gegen die eine Redakteurin mit Unterstützung des WDR juristisch vorgehen will. Die Stiftung hat die strittigen Passagen nun aus dem Videomitschnitt entfernt, verteidigt aber den Auftritt des Kabarettisten: „Da wir den vielen weiteren klugen und richtigen Aussagen im Gespräch gern weiterhin eine Plattform geben wollen, haben wir uns entschieden, das Video um die strittige Passage zu beschneiden und wieder einzustellen.“

3. Ich guck‘ Sponsoren-TV
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Das erste Spiel bei der Handball-WM – übertragen von einem Sponsor im Internet, auf Youtube. Warum eigentlich nicht, fragt Markus Ehrenberg im „Tagesspiegel“ und konstatiert: „Ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel. Egal, wer hier wen sponsert. Kein großes Gedöns vorher und hinterher, Handball pur.“

4. Wie mache ich mir ein Feindbild?
(medienwoche.ch, René Zeyer)
In letzter Zeit erschienen verschiedene Porträts des Schweizer Journalisten Roger Köppel, der vor allem durch seinen Rechtspopulismus von sich reden macht. René Zeyer hat sich die Porträts von „NDR“, „Spiegel“, Süddeutsche“, „Zeit“ und „Blick“ angeschaut und Noten vergeben.

5. Von starken Frauen … und Kerlen in Redaktionen
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Eigentlich wollte Ulrike Simon in dieser Woche über Kai Diekmann schreiben. Doch dann starb die langjährige „Brigitte“-Chefin Anne Volk. Ein Grund für Kolumnistin Simon ihren Beitrag dieser Frau zu widmen, die sie als eine Ausnahmeerscheinung bezeichnet. Zum Schluss gehts dann doch nochmal um die Causa Diekmann und das ihr merkwürdig erscheinende Datum der angeblichen sexuellen Belästigung durch den Ex-Bild-Chef: „Sollte dieses Datum stimmen, muss die Frage erlaubt sein, warum die Journalisten an diesem Abend nicht längst dort waren, wo sie hingehört hätten: in der Redaktion. Am 22. Juli 2016 schoss im OEZ in München ein Amokläufer um sich.“

6. Fotoveröffentlichung – wann darf ohne Einwilligung des Abgebildeten veröffentlicht werden?
(fachjournalist.de, Frank C. Biethahn)
Medien leben von Fotoveröffentlichungen. Diese können aber schnell mit dem Persönlichkeitsrecht kollidieren. Wann ist eine Einwilligung erforderlich und wann nicht? Rechtsanwalt Frank C. Biethahn beschreibt anhand von Beispielen, in welchen Fällen eine Einwilligung entbehrlich ist.

7. Übermedien abonnieren
(uebrmedien.de, Boris Rosenkranz & Stefan Niggemeier)
Die Kollegen von „Übermedien“ feiern heute ihr einjähriges Bestehen. Dazu erstmal: herzlichen Glückwünsch! Wenn Sie den beiden — Medienjournalist Boris Rosenkranz und BILDblog-Gründer Stefan Niggemeier — an diesem besonderen Tag eine Freude machen wollen, hätten wir einen Geschenktipp: Schließen Sie doch ein „Übermedien“-Abonnement ab. Das kostet 3,99 Euro im Monat und lohnt sich. Wirklich.

Faktenprüfer, Reporterfabrik, Selbstinteressenvertreter

1. Umgang mit Falschmeldungen
(de.newsroom.fb.com)
Facebook kündigt an, gegen Fakenews vorgehen zu wollen. In den kommenden Wochen sollen entsprechende Updates in Deutschland erfolgen. Dabei wolle man sich auf die Verbreitung von eindeutigen Falschmeldungen, die durch Spammer erstellt wurden, konzentrieren. Außerdem will Facebook externe Faktenprüfer einbinden. In Deutschland sei dies zunächst „Correctiv“. Man arbeite jedoch daran, in Zukunft noch weitere Organisationen aus der Medienbranche als Partner zu gewinnen.
Ob dem netzpolitischen Sprecher von Bündnis90/Die Grünen Konstantin von Notz Facebooks Ankündigungen reichen, ist fraglich. Er fordert im Interview mit dem „Deutschlandfunk“ die Bundesregierung auf, ihren Ankündigungen zur Bekämpfung von Hasskommentaren im Netz endlich Taten folgen zu lassen. Die Große Koalition habe viel zu lange nichts getan, während der Kultur- und Debatten-Verfall immer weiter vorangeschritten sei: „Ich kann nur sagen, der Justizminister sagt seit vielen Monaten, Facebook, wir müssen reden, aber irgendwann ist auch mal Schluss mit Reden. Wir müssen Gesetze machen und aktennotierte Internetunternehmen müssen sich an Gesetze halten. Und wenn man dann eben bei Überprüfungen uns Sich-diese-Dinge-Anschauen feststellt, dass nicht genug Leute dort beschäftigt sind, dass die Zeiten nicht eingehalten werden, bei denen diese Beanstandungen auch zu Löschungen führen, dann müssen eben auch Sanktionen ziehen…“
Weitere Leseempfehlung dazu: Julia Krügers ausführlicher und mit vielen Querverweisen unterfütterter Beitrag auf „Netzpolitik.org“
Warum der bisherige Kampf gegen #hatespeech und #fakenews auf Facebook irreführend ist – und welche Alternativen sich bieten

2. Polizist am Abgrund
(zeit.de, Thomas Fischer)
Rainer Wendt ist seit mittlerweile zehn Jahren Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), die als zweitstärkste Gewerkschaft der Polizei mit der „Gewerkschaft der Polizei“ konkurriert. Nach unzähligen populistischen und polarisierenden Statements in den Medien hat er nun ein Buch geschrieben: „Deutschland in Gefahr“. Thomas Fischer, „Zeit“-Kolumnist und Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, hat sich das Werk angeschaut: „Das Buch von Rainer Wendt verstärkt Ängste und Vorurteile. Wer den Autor kennt, weiß, dass er ein intelligenter und schnell denkender Sprecher ist. Anders wird man nicht, was er ist, und erst recht nicht, was er noch werden will. Doch Deutschland in Gefahr ist nicht bloß ein inhaltlich unzutreffendes und literarisch schlechtes Buch. Bedauerlich ist, dass der Autor behauptet, Sprachrohr der deutschen Polizei zu sein. Dass er deren Interessen vertritt, ist zu bezweifeln. Sicher ist nur eines: Er vertritt die Interessen des Rainer Wendt.“

3. Der Troll an der Macht
(faz.net, Mark Siemons)
Mark Siemons hat sich in der „FAZ“ Gedanken über das Twitter-Verhalten des zukünftigen US-Präsidenten gemacht: „Während Obama seinen Twitter-Account von einem Team verwalten lässt, das seine in den üblichen Verfahren und Institutionen entwickelte Politik der Öffentlichkeit zu vermitteln versucht, ist Twitter für Trump zugleich der Entwickler, das Medium und der Vollstrecker der Politik selbst – gleich, ob es um China, um Guantanamo, General Motors oder die unabhängige Ethikbehörde des Kongresses geht. All die Sicherungen der Institutionen, von denen man sich nach Trumps Wahl noch zur Beruhigung versichert hatte, wie stark sie seien, werden durch dieses Verfahren umgangen. Trumps Tweets sind so unpresidented wie unprecedented. Sieht es so aus, wenn eine loose cannon über das Deck der Weltpolitik zu rollen beginnt?“

4. Im Berliner Verlag gilt Kontaktverbot zu den neuen Chefs
(horizont.net)
Das Kölner Medienunternehmen DuMont baut sein Zeitungsgeschäft um. In Berlin hat das weitreichende Folgen für die Mitarbeiter: DuMont legt die Redaktionen von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ zusammen. Viele Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz oder müssen weiterhin um ihren Arbeitsplatz bangen. Wie Ulrike Simon berichtet, verläuft das gesamte Procedere alles andere als schön.

5. Reporterfabrik, WebAkademie des Journalismus
(facebook.com, Cordt Schnibben)
„Spiegel“-Redakteur Cordt Schnibben und „Correctiv“-Gründer David Schraven wollen eine Web-Akademie des Journalismus aufbauen, die sich an Nicht-Journalisten und Journalisten wendet. Dabei ginge es um vier Ziele: Grundlagen des journalistischen Handwerks vermitteln, die Funktionsweise von sozialen und klassischen Medien durchschaubar machen, Versuche der Desinformation erkennbar machen, Fortbildung und Erfahrungsaustausch von Journalisten. Das Projekt wird von vielen Promis der Journalistenszene unterstützt. Wie das Ganze funktionieren soll, kann man dem beim Reporterforum veröffentlichten Paper entnehmen.

6. Die Macht der Kunst
(taz.de, Nora Bossong)
Die Schauspielerin Meryl Streep hat bei der Golden-Globe-Verleihung eine vielbeachtete, emotionale Rede gehalten, in der sie mit deutlichen Worten den künftigen US-Präsident Donald Trump kritisierte. Sie erinnere uns daran, dass Kunst kein berieselndes Wunderland sein soll, sondern Empathie lehrt und Verantwortung trägt, so Nora Bossong in der „taz“.