ARD fordert Respekt und Toleranz auch für deutsche Grand-Prix-Juroren

„Nie wieder mach ich sowas mit, ehrlich“, twitterte Madeline Juno gestern. Den Tweet hat sie inzwischen gelöscht, aber ihre Verzweiflung scheint sich nicht gelegt zu haben.

Die achtzehnjährige Sängerin war eine von fünf deutschen Juroren beim Eurovision Song Contest (ESC). Weil sie die Siegerin Conchita Wurst, wie die andern deutschen Juroren, nur auf einen Platz im Mittelfeld gesetzt hatte, wird sie in den sozialen Netzwerken von einigen wüst beschimpft.

Das ist übel und dumm.

Juno hatte die Sache aber noch verschlimmert, indem sie so tat, als sei sie eigentlich Conchita Wursts größter Fan und hätte Österreich unter die Top 5 gewählt. Das ließ sich aufgrund der in diesem Jahr erstmals veröffentlichten Einzelstimmen der Juroren leicht widerlegen.

Diese Transparenz hat weitreichende Folgen, nicht nur für Madeline Juno.

Der ARD-Unterhaltungskoordinator und deutsche Grand-Prix-Teamchef Thomas Schreiber sagte auf Anfrage, er sei als Mitglied der „Reference Group“ des ESC mit der Eurovision im Gespräch, „wie ein respektvollerer Umgang der Fans mit abweichender Meinung mit der Jury unterstützt werden kann“:

Die Art und Weise, wie in sozialen Netzwerken sowohl die Siegerin Conchita Wurst als auch unter anderem deutsche Jurymitglieder behandelt werden, ist nicht akzeptabel. Eine Drohung bei Facebook gegen die ESC-Gewinnerin ist ebenso wenig hinzunehmen wie das unflätige Beschimpfen der deutschen Jurymitglieder für ihre Wahl. Alle Jurymitglieder sind, unabhängig vom Lebensalter, Größen in der deutschen Popmusik und können erwarten, für ihr Urteil mit einem Mindestmaß an Respekt und Anstand behandelt zu werden. Wenn der Sieg von Conchita Wurst als ein Zeichen der Toleranz in Europa betrachtet wird, ist es eine Selbstverständlichkeit, dem Urteil der „music industry professionals“ dieselbe Toleranz entgegenzubringen.

Die Entscheidung, im Sinne der Transparenz alle Abstimmungsergebnisse zu veröffentlichen, hält Schreiber nach wie vor für richtig.

Die Ausfälle und Anfeindungen stellen auch deshalb ein Problem für ihn dar, weil sie zukünftige Kandidaten für die Jury abschrecken. Schon in diesem Jahr soll es schwer gewesen sein, bekannte Künstler für diese Aufgabe zu finden.

Nach eigenen Angaben entscheidet Schreiber „natürlich nicht“ allein über die Zusammensetzung der Jury, die ja erheblichen Einfluss auf das Ergebnis hat. Ein rund fünfköpfiges NDR-Team plus Schreiber stelle die Jury zusammen und rede dafür mit Künstlern, Managements, Labeln, Rechtsanwälten. Schreiber:

Der Aufwand für die Zusammenstellung der Jury wird von außen vermutlich unterschätzt. Mitunter dauert es von der ersten Anfrage bis zur Jurytätigkeit zwei Jahre. Ein Grund für die Zurückhaltung von „music industry professionals“ ist unter anderem die öffentliche Reaktion auf Juryentscheidungen (siehe Deutscher Vorentscheid 2013, siehe soziale Netzwerke 2014).

Trotz dieses angeblichen Aufwandes ist es der ARD nicht gelungen, eine Jury zusammenzustellen, die eine der Anforderungen der Eurovision erfüllt: ein breites Altersspektrum abzudecken. Die vom NDR ausgesuchten Vertreter waren alle zwischen 18 und 35 Jahre alt. „Ältere von uns angesprochene Künstler standen dieses Jahr leider nicht zur Verfügung“, sagte Schreiber vor dem Wettbewerb, „wir haben es aber natürlich versucht.“

Mangelnde Vielfalt bei der Zusammensetzung wäre auch eine Erklärung dafür, warum sich die deutschen Juroren teilweise erstaunlich einig waren in ihrem Abstimmungsverhalten. Trotzdem ist es verblüffend, dass zufällig alle fünf vermeintlich unabhängig voneinander zu dem Urteil gekommen sind, Dänemark (!) auf den ersten Platz zu setzen.

Angeblich hatten die Juroren keine Möglichkeit, sich abzusprechen. Schreiber:

Die Jurysitzungen finden alle unter notarieller Aufsicht statt, Handys sind abzugeben etc. Ein Austausch der Juroren untereinander findet während der Sendung und der anschließenden Abstimmung nicht statt. In einem runden Drittel der Länder wird die Jurysitzungen zusätzlich von PWC-Mitarbeitern stichprobenartig beobachtet.

Der Auftritt Dänemarks in der zweiten Generalprobe, auf deren Grundlage die Juroren urteilen, soll besonders gut gewesen sein (auch wenn er eine so durchschlagende Wirkung nur auf die deutsche Jury hatte). Das zeigt aber ein weiteres Problem mit dem Abstimmungsprozedere: Wenn die Juroren eine andere Show bewerten als jene, die die Zuschauer sehen, ist ihr Votum auch deshalb für die Öffentlichkeit schwer nachvollziehbar. Nach den Worten Schreibers lässt sich das aber nicht ändern, da das Juryvotum das Backup für den Fall darstellt, dass aus technischen Gründen kein valides Telefonvoting zustande kommt.

Conchita Wurst punktete bei den Zuschauern in ganz Europa


Foto: EBU

Conchita Wurst, die Siegerin des Eurovision Song Contest 2014, ist bei den Zuschauern in ganz Europa gut angekommen. Spanien und Estland ist das einzige Land, in dem sie es bei den Anrufern nicht unter die ersten fünf Plätze schaffte.

Es waren die Jurys, deren Urteil die Hälfte des jeweiligen Länder-Votums ausmacht, bei denen der Beitrag weniger gut ankam. Die deutschen Juroren zum Beispiel setzten Österreich nur auf Platz 11 — bei den Anrufern aus Deutschland lag Conchita Wurst auf Platz 1. Die Jurys aus Armenien, Aserbaidschan und Weißrussland hatten gar nichts für den österreichischen Beitrag übrig — die Zuschauer hingegen hatten auch dort mit der bärtigen Frauenfigur keine Probleme und stimmten in großer Zahl für ihren Auftritt.

Anders als man es vielleicht erwarten konnte, gab es keine große Kluft zwischen den Menschen in West- und Ost-Europa, was die Bereitschaft anging, für die Drag-Queen zu stimmen. Wenn man in ihrem Sieg ein Votum für Toleranz sehen will, war es ein Votum, das von west- und osteuropäischen Menschen ausging. Einen markanten Unterschied zwischen Ost und West gab es nur beim Abstimmungsverhalten der Juroren; da wäre dann aber Deutschland auf osteuropäischer Seite.

Dies sind die Plätze, die Österreich in den jeweiligen Ländern errang (samt Umrechnung in ESC-Punkte), aufgeschlüsselt nach Jury- und Zuschauervotum:

Platzierung Punkte
Land Juryvotum Televoting Juryvotum Televoting
Albanien 6. 5
Armenia 24. 2. 0 10
Aserbaidschan 24. 3. 0 8
Belgien 3. 3. 8 8
Dänemark 2. 3. 10 8
Deutschland 11. 1. 0 12
Estland 8. 8. 3 3
Finnland 1. 1. 12 12
Frankreich 4. 2. 7 10
Georgien 2. 10
Griechenland 1. 2. 12 10
Island 2. 3. 10 8
Irland 1. 3. 12 8
Israel 1. 2. 12 10
Italien 3. 2. 8 10
Lettland 10. 5. 1 6
Litauen 1. 5. 12 6
Malta 9. 1. 2 12
Mazedonien 14. 5. 0 6
Moldau 4. 4. 7 7
Montenegro 17. 5. 0 6
Niederlande 1. 1. 12 12
Norwegen 4. 2. 7 10
Polen 19. 4. 0 7
Portugal 6. 1. 5 12
Rumänien 7. 2. 4 10
Russland 11. 3. 0 8
San Marino 14. 0
Schweden 1. 1. 12 12
Schweiz 1. 1. 12 12
Slowenien 1. 1. 12 12
Spanien 2. 2. 10 10
Ukraine 3. 5. 8 6
Ungarn 8. 2. 3 10
Vereinigtes Königreich 3. 3. 8 8
Weißrussland 23. 4. 0 7
Summe 214 306

(Quelle.) Bei Albanien und San Marino wurde das Zuschauervotum nicht berücksichtigt, vermutlich wegen zu geringer Teilnehmerzahl. Bei Georgien wurde das Jury-Votum für ungültig erklärt.)

Das Urteil von Jurys und Zuschauern klaffte insgesamt teilweise dramatisch auseinander. So setzten in Großbritannien die Zuschauer Polen auf den ersten Platz, die Juroren auf den letzten. Das Ergebnis: null Punkte vom Vereinigten Königreich für Polen. Die fünf Juroren dort haben es geschafft, das Votum der Mehrheit der Tausenden anrufenden Zuschauer vollständig zu annullieren. Es könnte schwer werden, den Menschen in den kommenden Jahren zu erklären, dass ihr Anruf zählt. Im Zweifel zählt er in diesem System eben: nicht.

Fragen wirft auch das Abstimmungsverhalten der deutschen Jury auf. Alle fünf Juroren setzten im Finale Dänemark auf den ersten Platz. Nun heißt es zwar, dass der dänische Auftritt in der Probe, auf deren Grundlage die Juroren abstimmen, besonders gut gewesen sein soll. Aber nur bei den deutschen Juroren löste er eine solche einmütige Begeisterung aus.

Das Sieger-Votum der deutschen Jury ist europaweit eine Anomalie. Bei den drei anderen Ländern, bei denen die Juroren sich über den Sieger ebenfalls einig waren, deckte sich ihr Urteil immerhin mit dem der Anrufer. Die deutschen Zuschauer aber wählten Dänemark nur auf den zehnten Platz.

What the funk?! Der Happy-Sound der „ZDFzeit“-Dokus

Es genügt, die Pressefotos zu kennen, die das ZDF zu seinem großen „Duell: McDonald’s gegen Burger King“ anbietet, um einen guten Eindruck davon zu bekommen, was das Problem dieser Sendung und all dieser ZDF-Sendungen ist.


Fotos: ZDF

Ein glücklicher Nelson Müller präsentiert grinsend, als wolle er sich als Produktvorführer bei „Der Preis ist heiß“ bewerben, einen attraktiv hindrapierten Berg von Fast-Food-Produkten. Am Anfang der Sendung fällt der Satz, dass der Test „unter den strengen Augen von Nelson Müller“ stattfinde. Das da oben, das sind in der fluffig-aufschäumten Kuschel-Welt dieser ZDF-Verbrauchersendungen die „strengen Augen“ von Nelson Müller.

Ich habe ZDF-Chefredakteur Peter Frey gefragt, ob es nicht ein Problem ist, dass die Reihe „ZDFzeit“ am Dienstag um 20.15 Uhr anbiedernden „Galileo“-Journalismus betreibt, während RTL plötzlich die investigative Reportage für sich entdeckt hat und damit Burger King ernsthaft in Bedrängnis bringt. Das Interview erscheint morgen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Aber eigentlich muss man sie gesehen haben, die Sendung, und vor allem: gehört.

Was mich mehr noch als alles andere zum Stöhnen bringt, wenn ich mir diese Filme ansehe, ist die Musikauswahl. Mit Ausnahme eines Teils, in dem es um die Arbeitsbedingungen bei Burger King geht und der wirkt, als sei er nachträglich (wegen der RTL-Enthüllungen, deren Urheber das ZDF natürlich verschweigt) hingeschnitten, ist alles mit einem Happy-Sound unterlegt. Damit der Zuschauer nie das Gefühl haben muss, er würde hier mit sowas Lästigem wie Journalismus behelligt, selbst dann nicht, wenn ein paar kritische Sätze fallen.

Es ist nicht nur die übliche Penetranz der musikalischen Verdoppelung des Gesagten und Gezeigten, aber die natürlich auch. Wenn erklärt wird, woraus ein Milkshake gemacht wird, läuft natürlich erst der „Milkshake“-Song von Kelis, dann „Shake, Rattle and Roll“ und schließlich, wenn der Zucker hinzugefügt wird, „Sweets for my Sweets“.

Immer wiederkehrendes Motiv der Sendung ist „Apache“ von Michael Viner’s Incredible Bongo Band, was nicht nur gute Laune macht, sondern auch den behaupteten „Duell“-Charakter illustriert. Optisch hat man da auch keine Kosten und Mühen gescheut:

Verstärkend, womöglich aus Sorge, dass es sonst zu subtil sein könnte, vielleicht aber auch, weil es eine Vorschrift gibt, es in solchen Kontexten als Klischee einzusetzen, folgt dann noch das Hauptthema aus „Zwei glorreiche Halunken“.

Das, immerhin, lässt sich alles erklären. Die Entscheidung, unter die ausführliche Aufdröselung, wieviel verschiedene Fast-Food-Menus kosten, „Get Lucky“ zu legen, ist dann schon rätselhafter, macht aber richtig gute Laune und führt beim Zuschauer sicher zu einem schönen „Ach, das kenn ich“-Gefühl.

Die überglückliche Grundstimmung wird später durch „Happy up here“ von Röyksopp verstärkt. Ich bin ein bisschen überrascht, dass „Happy“ von Pharell Williams nicht vorkam, aber vielleicht habe ich das nur überhört.

Es ist alles funky, mit diesen Burger-Bratereien, und so hören wir: „Theme from Shaft“, Jamiroquai mit „Too Young to Die“, die Commodores mit „Machine Gun“, The Brothers Johnson mit „Strawberry Letter 23“.

McDonald’s ist so nett, Nelson Müller mit dem Kamerateam in die Küche gucken zu lassen, und das ist, nach der Musik zu urteilen, natürlich eine heiße, detektivische Sache: Es erklingt „Der rosarote Panther“. Das ist ein lustiger Kontrast zur tatsächlichen Situation, in der Müller da steht und sagt: „Ich würde gerne wissen, wie wird bei Ihnen ein Burger gemacht.“ Und der McDonald’s-Mann sagt: „Ich würde sagen, dann machen wir direkt einen.“ Die Off-Sprecherin staunt: „Alles sieht besonders aufgeräumt und sauber aus.“

Überhaupt, die Sprecherin! Es ist Rita Ringheanu, und die ist ohne Zweifel eine großartige Sprecherin. Hier scheint sie den Auftrag zu haben, mit mindestens der gleichen Euphorie und Begeisterung zu sprechen, wie sie es tut, wenn sie für die großen Marken Werbespots aufnimmt. „Deutschlands Fast-Food-Liebhaber teilen sich in zwei Große Lager!“, freut sie sich und macht die fehlende Fallhöhe der folgenden 45 Minuten gleich am Anfang deutlich, wenn wir irgendwelche Leute sehen, die Nelson Müller mit Küsschen begrüßt: „Werden die Fans ihrem Lager treu bleiben? Oder wird es Überläufer geben?“ Die Frage „Kümmert es uns?“ hat danke der Energie in Ringheanus Stimme keine Chance.

Selbst Sätze wie „In der Cola von McDonald’s und Burger King wurden Rückstände gefunden“ sagt sie mit einer solchen positiven Energie, dass man fast denkt, das sei doch wenigstens gerecht und irgendwie eine gute Sache.

So moderiert sie mir ihrer Stimme auch, wenn die Punkte für die Unternehmen vergeben werden, alles allzu Kritische weg. „Essens-Zubereitung wie am Fließband mag nicht jedermanns Sache sein“, heißt es dann. „Aber McDonald’s ist immerhin um Transparenz bemüht.“ Eben. Immerhin!

Und die skandalösen Zustände bei der Konkurrenz, die natürlich zu einem Punkt für McDonald’s führen, sind in den Texten von „ZDFzeit“ kein grundsätzliches Problem, kein Prinzip, sondern nur eine Frage des Noch-nicht-ganz-soweit-Seins: „Beim Thema Fairness hat Burger King noch einiges aufzuholen.“

Wenn es zu den Bauernhöfen geht, von denen das Fleisch für die Burger stammt, erschallt fröhlich „Timber“ von Pitbull, und die Kühe, die beim Melken im Kreis auf einer riesigen Scheibe stehen, drehen sich lustig in höherem Tempo, während Daft Punks „Harder Better Faster Stronger“ erklingt.

Und so weiter und so weiter. Ich habe mir aus dem Soundtrack der Sendung noch „Breadcrumbs“ von Thomas Newman notiert, „Thriller“ von Michael Jackson, „Shot me Down“ von Skylar Grey, „Closer“ von den Nine Inch Nails, „Don’t Stop Til You Get Enough“ von Michael Jackson.

Meine Lieblingsstelle ist aber, wenn im Labor die Burger auf propolyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe untersucht werden. Im Hintergrund macht Stevie Wonder besten Party-Funk mit „I Wish“, die Sprecherin sagt gut gelaunt über diese Kohlenwasserstoffe: „Die schädigen das Erbgut und gelten als krebserregend“, und dann setzen die fröhlichen fetten Bläser ein.

Peter Frey konnte überhaupt nicht verstehen, wie ich diese tolle ZDF-Dokumentation, die doch wirklich viele kritische Punkte anspreche, als peinlich, werblich und industrienah empfinden konnte.

SWR-Mitarbeiter beklagen „fehlenden Respekt vor Qualität“ in ihrem Sender

Die schon vor dem Ereignis produzierte und publizierte Nachbesprechung einer SWR-Veranstaltung ist für manche Kritiker im Sender mehr als nur ein peinlicher Einzelfall. Der Betriebsverband der Gewerkschaft ver.di sieht in ihr ein Symptom für weitreichende Missstände im SWR. Er hat ein Papier verfasst, in dem er einen „Verfall guter journalistischer Sitten“ und einen „fehlenden Respekt vor Qualität“ beklagt:

Der SWR braucht eine Qualitätsdebatte!

Der ver.di-Betriebsverband schämt sich mit dem SWR für den „Vorab-Rückblick“ auf das SWR3-Grillfest. Es erscheint allein schon befremdlich, dass das einzige medienpolitische Magazin, das der SWR überhaupt hat, in einer Zeit großer medienpolitischer Umbrüche nichts Wichtigeres zu berichten hat, als eine Grillparty zu feiern. Aber in einem Interview durch einen vorgetäuschten „Rückblick“ falsche Tatsachen vorzugaukeln, ist für den SWR peinlich und gefährdet unser höchstes Gut: Die Glaubwürdigkeit.

Losgelöst davon, wäre es jedoch fatal, dies als einen bedauerlichen Einzelfall und als das Versagen einzelner MitarbeiterInnen oder einer einzelnen Hauptabteilung hinzustellen.

Wir sehen in dem Vorfall vielmehr ein Symptom für einen viel tiefer gehenden Verfall guter journalistischer Sitten.

Nur ein paar Beispiele:

  • Externe Experten werden als „SWR-Experten“ tituliert, Fachjournalisten als „SWR1-Rheinland-Pfalz-Wirtschaftsredakteur“
  • Korrespondenten berichten von täglichen Kämpfen mit den Zentralredaktionen: Sie mögen sich doch bitte als „XY, Lissabon“ absagen, obwohl sie aus dem Studio in Madrid berichten. Oder sie mögen bitte schon vor Ankunft am Ort des Geschehens eine „Life-Reportage“ liefern.
  • Es laufen Reportagen mit „Betroffenen-O-Tönen“ aus dem Internet, ohne als solche benannt zu werden.
  • Es laufen Interviews, die nie geführt wurden: Das Korrespondenten-Format „3 Fragen, 3 Antworten“, eigentlich für Notfälle gedacht, wird inzwischen inflationär eingesetzt, so dass quer durch die ARD das selbe Interview läuft, nur dass jedesmal ein anderer Moderator/Fragesteller dazwischen geschnitten wurde. 
  • Hörfunkwellen bewerben sich selbst mit gefaketen Hörer-O-Tönen
  • Im Fernsehen wurden schon „Live-Produktionen“ ein Jahr später 1:1 wiederholt, ohne als Wiederholungen kenntlich gemacht zu werden.

Kurz: An vielen Stellen des Hauses wurde über Jahre eine Kultur des „Es kommt nicht so genau drauf an“ gepflegt. Wenn Kollegen bei Personalversammlungen auf Qualitätsmängel hinwiesen, reagierten Teile der GL oft mussten herablassend („Als ob wir keine andere Probleme hätten!“). Der fehlende Respekt vor Qualität frustriert viele Beschäftigten nicht nur in den Redaktionen, sondern auch in der Technik. Sie stehen ständig im Dilemma, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Denn auch ein immer engeres Arbeitskorsett begünstigt Fehlleistungen wie am 1. Mai.

Man muss sich klar machen: Ausgerecht SWR Info – ein Programm, dessen Name Programm sein sollte – kann sich am Wochenende keine redaktionelle Besetzung mehr leisten. Das Medienmagazin wird seit Jahren „nebenher“ gemacht. Das entschuldigt nichts – aber dass früher oder später so etwas passieren würde, überrascht uns, offen gesagt, nicht. Wir warnen seit Jahren vor den Folgen der zunehmenden Arbeitsverdichtung auf die Qualität.

Wir meinen: Der SWR braucht eine neue Qualitätsdiskussion. Natürlich können wir nicht nur Hochglanzprodukte erstellen. Doch die Balance zwischen Quantität und Qualität hat sich – auch bedingt durch die Art, wie wir sparen – offenbar zulasten journalistischer Mindeststandards verschoben. Eine Debatte darüber würde unserem Sender – auch politisch – gut tun. Wir setzen darauf, dass das künftige Redaktionsstatut und der Redakteursausschuss den Rahmen dafür bieten. Es ist im Sender viel von „Strategien“ die Rede. Aber:

Eine Strategie ohne Qualität ist keine Strategie.

Fliegt der „Tagesspiegel“ auf Easyjet? Eine Replik

  • von Markus Hesselmann

Ein Facebook-Kommentator verglich uns schon mit Herrn Müller-Lüdenscheidt und Herrn Dr. Klöbner. Ente raus oder Ente rein? War unsere Debatte derart kleinlich und prinzipienreiterisch geraten wie bei Loriots Badewannenmännlein? Ich denke nein. Wie wir gegen Schleichwerbung vorgehen, ist aus meiner Sicht eines der wichtigsten Themen im Journalismus und vor allem: für dessen Zukunft. Diese Frage rechtfertigt lange und gern auch leidenschaftliche Debatten. Deshalb freue ich mich, dass Stefan Niggemeier mir ermöglicht hat, für seinen Blog eine Replik zu schreiben.

Was ein Unternehmen denn wohl dafür zahlen würde, mit seinem Namen prominent im redaktionellen Teil einer Zeitung zu stehen? Das fragt sich Stefan Niggemeier und weiß es nach eigener Auskunft nicht. Ich weiß es auch nicht — und ich habe mich auch nie dafür interessiert. Das liegt unter anderem daran, dass ich Anfragen aus der Werbebranche in dieser Richtung — und die gibt es tatsächlich — immer sofort zurückgewiesen habe, unter anderem mit der Erklärung, dass Schleichwerbung dem Journalismus schadet, indem sie dessen Glaubwürdigkeit zerstört. Im weiteren versuche ich dann manchmal noch zu erläutern, dass Schleichwerbung letztlich auch nicht gut ist für Werbekunden. Denn wenn die Glaubwürdigkeit eines Mediums leidet, dann ist auch die Botschaft des Werbers, der für gutes Geld seine Anzeigen im Umfeld des redaktionellen Teils platziert, weniger wert. Bernd Ziesemer, der frühere Chefredakteur des Handelsblatts, hat dazu kürzlich noch weitere gute Argumente genannt.

In zwei Blogposts (hier und hier) hat Stefan Niggemeier einen Themen-Schwerpunkt des Tagesspiegels zum Berlin-Tourismus aufgegriffen und kritisiert. Er schlussfolgert: „Entweder die Zeitung hat sich von dem Unternehmen kaufen lassen. Oder eine komplette Redaktion hat versehentlich eine Werbesonderausgabe für Easyjet produziert.“

Beides trifft nicht zu. Unsere Redaktion lässt sich nicht kaufen und wir haben bewusst einen redaktionellen Schwerpunkt produziert. „Wie Billigflieger und Massentourismus in den vergangenen zehn Jahren Berlin verändert haben“, stand auf der Titelseite des gedruckten Tagesspiegels. Das halten wir für ein relevantes Thema in unserer Stadt, das einen solchen Schwerpunkt rechtfertigt. Über der Anmoderation stand der Begriff „Easyjetset“, an dem sich bereits ein Teil der Kritik entzündete, weil hier ein Unternehmen angeblich unzulässig hervorgehoben wurde. Es gebe doch schließlich noch andere Billigfluglinien und Easyjet sei noch nicht einmal die erste in Berlin gewesen.

Das aber war für uns nicht entscheidend. Es ging uns um einen Begriff, der für ein Phänomen steht, das wir beschreiben wollten, und als solcher ist das „Easyjetset“ längst eingeführt. Von der „taz“ über die „Zeit“ bis zu „Focus“: Viele andere Medien haben den Begriff bereits prominent verwendet. Bei Suhrkamp liegt ein Buch mit dem Titel „Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset“ vor.

Ein Ryanair- oder gar Germanwings-Jetset ist nicht dokumentiert. Im Fall Easyjet ist eine Marke begrifflich über sich hinausgewachsen. Das soll es zuvor auch schon gegeben haben, vom Tempotaschentuch bis zur Generation Golf. Keine Rede vom Softistaschentuch oder der Generation Fiesta.

Der wichtigste Punkt bei all dem: Die Initiative für den Schwerpunkt ging allein von der Redaktion aus. In der Umsetzung aber gibt es für uns aus der Kritik — sie kam nicht nur von Stefan Niggemeier, sondern auch von „Tagesspiegel“-Lesern und nicht zuletzt -Kollegen — eine Menge zu lernen. Zum Beispiel, dass sich Schwerpunkte aus der gedruckten Zeitung nicht so einfach auf unsere Online-Seite übertragen lassen. Es macht einen anderen Eindruck, wenn durch ein Print-Layout eine Einordnung vorgegeben wird. Wenn es dort zum Beispiel einen Kasten zu anderen Fluggesellschaften gibt — von Stefan Niggemeier als zu klein befunden, auch darüber kann man diskutieren. Und wenn der vor allem kritisierte Text mit den Statistiken zu Easyjet auf den Druckseiten eben erst an dritter Stelle eingeordnet ist, seiner Relevanz als Zusatzstück entsprechend, nach dem Essay über Städtereisen und der Reportage über das touristische Berlin. Online wird all dies als gleichberechtigt wahrgenommen. Da werden wir künftig deutlich mehr anmoderieren und verlinken, um die redaktionelle Intention eines Themen-Schwerpunkts besser nachvollziehbar zu machen. Der Kasten mit den anderen Billigfluglinien etwa war online gar nicht verlinkt. Das haben wir jetzt nachgeholt.

Unabhängig von all dem hätte zu dem Themenschwerpunkt sicher ein ausführliches Stück zur Klimabilanz der Billigfliegerei gehört. Das ist ein Versäumnis, auf das uns auch viele Leser zu Recht hingewiesen haben. Wir werden nun einen solchen Beitrag recherchieren und nachliefern, besser spät als nie.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, dass wir Fehler vermeiden. Stefan Niggemeier hat uns zu Recht auf sachliche Fehler in Überschriften, Vorspannen und Texten hingewiesen. Den Statistikbeitrag haben wir daraufhin offline genommen, denn dessen Pointe beruhte auf einer falschen Zahl. Dass solche Fehler, die nicht allein in der Verantwortung eines Autors, sondern auch von Redakteuren, Ressort- und Redaktionsleitern liegen, unserer Glaubwürdigkeit schaden, ist uns bewusst. Wir wollen es künftig besser machen.

Markus Hesselmann ist Redaktionsleiter Online beim „Tagesspiegel“.

Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet (2)

Um die merkwürdige Welle von Easyjet-Artikeln, die der „Tagesspiegel“ Anfang der Woche online veröffentlichte, angemessen würdigen zu können, muss man vielleicht die Titelseite der Zeitung vom vergangenen Sonntag kennen, in der diese Artikel erschienen. „Easyjetset“ stand da in großen Buchstaben vor einem irgendwie heimeligen Bild vom Berliner Fernsehturm im Sonnenauf- oder Untergang:

Ich weiß nicht, wie viel ein Unternehmen dafür zahlen würde, seinen Namen in dieser Form auf der Titelseite einer Zeitung präsentiert zu sehen. Meine Arbeitshypothese: viel.

Vier redaktionelle Seiten widmete der „Tagesspiegel“ am Sonntag der Fluggesellschaft, weil sie vor zehn Jahren zum ersten Mal Berlin anflog. Das Thema ist angeblich, wie „Billigflieger und Massentourismus“ in dieser Zeit die Stadt verändert haben. Aber der eine Billigflieger, dessen Name auf diesen Seiten immer wieder genannt wird, ist Easyjet. Dass es noch andere Billigflieger gibt, die Berlin ansteuern, erfährt man nur in einem kleinen Kasten.

Dabei war Easyjet vor zehn Jahren nicht einmal der erste Billigflieger, der Berlin-Schönefeld anflog, sondern der sechste. Man würde das als Leser dieser „Easyjetset“-Seiten aber nicht ahnen, die bedeutungsschwanger referieren, dass es eine Boeing 737 gewesen sei, die am 28. April 2004 als erste Easyjet-Maschine in Berlin landete, dass sie aus Liverpool gekommen sei, 122 Passagiere an Bord gehabt habe und bei ihrer Ankunft von der kalifornischen Popband Berlin begrüßt worden sei mit dem Lied „Take My Breath Away“.

Kevin P. Hoffmann, der Wirtschaftschef des „Tagesspiegel“, hat sich von dem Unternehmen nicht nur ausrechnen lassen, wie viel Bier in dieser Zeit an Bord der Flüge ab Schönefeld getrunken wurde, und sich für die Zahl grundlos begeistert. (Sein Artikel „Mit 14.519 Litern Bier zum Mars“ ist aktuell nicht mehr online, weil er neben anderem Unsinn auch noch die falsche Entfernung zum Mars nannte, was einerseits egal ist, andererseits für dieses bekloppte Stück zentral.) Hoffmann hat auch ein bisschen mit dem Deutschlandchef von Easyjet geplaudert. Kostprobe:

Wo sind Sie gern in Berlin?

Vor ein paar Jahren war ich erstmals mit meiner Familie da. Damals hatten wir ein Hotel in Mitte an der Museumsinsel, das nächste Mal in Prenzlauer Berg und vor drei Wochen waren wir in Friedrichshain. Das war auch super. Was denken Sie: Wo sollen wir als Nächstes hin?

Vielleicht mal in den Westen, nach Schöneberg oder Neukölln. Man sagt auch: Der Wedding kommt …

Prima, das versuchen wir.

Eine Kollegin hat die Gelegenheit genutzt, die „einschwebenden Gäste“ zu befragen, die aus einem der „mehr als 40 Flugzeuge der Airline Easyjet“ ausstiegen, die „allein an diesem Freitag“ in Schönefeld landeten. Kann man auch mal machen.

Eröffnet wird das Easyjet-Extra von einem Essay von Rüdiger Schaper, dem Leiter des Feuilletons. Ihn bringt der Easyjet-Tourismus ins Schwärmen:

Billigflüge sind die Ausflüge der Neuzeit, davon profitiert besonders die Kultur. Auf kurzen Reisen in engen Sitzreihen lebt der Gedanke des Gemeinsamen.

Er beginnt seinen Text mit einer Erinnerung an die alten Flugschauen und schreibt:

Heute sitzen die Massen im Airbus, vor allem im letzten Jahrzehnt hat sich die Vorstellung der Flugschau radikal verändert: nach Barcelona oder Istanbul zur Party fliegen und schauen, was abgeht, oder nach Paris ins Museum. Auch der stets unruhige, auf gepacktem Rollkoffer sitzende Kulturbürger gehört zur „Generation Easyjet“.

Falls Ihnen der Begriff „Generation Easyjet“ nicht geläufig ist: Die Firma Easyjet hat ihn erfunden. Er ist aktuell der zentrale Begriff ihres Marketings. Und wenn man liest, welche Werbebotschaft die Firma mit diesem Begriff verbindet, stellt man fest, dass es exakt die Botschaft ist, die der „Tagesspiegel“ in seinem Artikel Easyjet zuschreibt. Das Stück liest sich wie eine redaktionelle Interpretation dieses Mottos.

Der Autor dekliniert sogar die einzelnen Flugziele von Easyjet ab Schönefeld durch:

Ein neuer, niedrigschwelliger Kulturtourismus hat sich entwickelt. Wir alle spielen in einer kulturellen Champions League, und niemand scheidet aus. Im Sommer zur Biennale nach Venedig, nächstes Wochenende zur großen El-Greco-Jubiläumsausstellung nach Madrid und Toledo, nach London in die Tate, auch Manchester, Liverpool und Lyon liegen um die Ecke. (…)

Ein Wochenende in Thessaloniki — der Flug nach Nordgriechenland dauert zwei Stunden — lässt sich preiswerter kalkulieren als ein paar Tage an der Ostsee. Man zahlt nur für den engen Sitz im Flugzeug, mehr Beinfreiheit und ein aufgegebener Koffer sind dann manchmal schon so teuer wie das Ticket selbst. Herrlich ein Drink auf der Dachterrasse des Elektra Palace an der Platia Aristotelous, einem der schönsten Plätze Europas, der sich von der Altstadt zur Meerespromenade hin absenkt!

Oder morgens mal nach Mailand-Malpensa, dann mit dem Mietwagen schnell über die Schweizer Grenze bei Chiasso ins Outletcenter Foxtown und am Abend zurück nach Berlin mit vollen Taschen. Das ist kein Managertag, sondern ein Betriebsausflug von Sekretärinnen.

Robert Ide, der Berlin-Chef des „Tagesspiegels“, schrieb auf Twitter, es handele sich bei dem, was auf mich wie eine vielseitigen PR-Aktion von oder jedenfalls für Easyjet wirkt, um einen „redaktionellen Schwerpunkt zum Massentourismus in Berlin“; das Thema sei „sehr relevant“. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, schrieb auf Facebook, entscheidend für ihn sei bei alldem, „dass die Redaktion von sich aus ihre Themen setzt unabhängig von Werbung“.

Entweder die Zeitung hat sich von dem Unternehmen kaufen lassen. Oder eine komplette Redaktion hat versehentlich eine Werbesonderausgabe für Easyjet produziert.

Rückblick auf die Zukunft: SWR berichtet vorab, wie Live-Sendung war


Foto: SWR/Stephanie Schweigert

In zweieinhalb Stunden wird auf diversen Kanälen des Südwestrundfunks die große SWR3-Grillparty beginnen, und das war super.

Lena Ganschow, die sechs Stunden lang von 13 Uhr live im Fernsehen moderieren wird, hat die Herausforderung prima gemeistert, trotz der Länge und der vielen für sie ungewohnten Elemente, aber ihre Erfahrung durch die Nachmittagssendung „Milch oder Zucker“ „Kaffee oder Tee“ hat ihr sehr geholfen. Und das Spargel-Gulasch fand sie so lecker, dass sie das bestimmt nochmal nachgrillen wird. „Abertausende“ waren bei der Veranstaltung dabei. War rundum eine gute Sache, diese Grill-Party. Die nachher beginnen wird.

Ich weiß das aus Medienmagazin der Nachrichtenwelle SWRinfo. Darin hat der Radio-Moderator mit der Fernseh-Moderatorin darüber gesprochen, wie das alles geklappt hat. „Es war ein neuer, interessanter Schritt für mich“, sagt die Fernsehmoderatorin. „Mit großartigen Erfahrungen gehe ich da raus.“ Nach „so viel Trubel“ ziehe es sie aber erstmal „raus in die Natur“. Und der Radiomann attestiert ihr eilfertig: „Das Spargel-Gulasch, das kann ich bestätigen, das war lecker.“

Sie sprachen vor dem Gegrille, taten aber so, als hätte es schon stattgefunden, denn das Medienmagazin wird erst am kommenden Wochenende im Radio ausgestrahlt. Es steht allerdings heute schon online, so dass der SWRinfo-Slogan „Wir haben die News. Jetzt!“ fast unnötig bescheiden wirkt. „Wir haben die News. Vorab!“ wäre für ein solches Futur-II-Medium, das weiß, wie etwas gewesen sein wird, doch die angemessenere Werbezeile.

Es ist auf vielen Ebenen peinlich (und da lasse ich mal das Event an sich mit Johann Lafer, Maite Kelly, Jürgen Drews, Guido Cantz und anderen Prominenten an den Grill-Geräten weg). Es fängt schon damit an, dass sich ein Medienmagazin in den Dienst der Lobhudelei fürs eigene Programm stellen und die vermeintliche Sensation einer Kombination verschiedener Übertragungswege und einer sechsstündigen Live-Sendung feiern muss.

Und wenn man annimmt, dass es tatsächlich interessant ist, wie das geklappt hat, kann man aber genau diese Frage nicht beantworten, weil man das Gespräch schon vorher aufzeichnet. Das zu tun und es nicht kenntlich zu machen, ist im Radio zwar gang und gäbe, aber trotzdem fast nie eine gute Idee, insbesondere nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, insbesondere nicht bei einem Informationssender.

Sich dabei aber auch noch erwischen zu lassen, indem man die Sendung schon online stellt, wenn das Ereignis, das man nachbetrachtet, noch gar nicht begonnen hat, ist wirklich von ausgesuchter Dämlichkeit. Es sei denn, irgendein SWR-Mitarbeiter fand das ganze Verfahren auch so peinlich, dass er dachte, er macht das dadurch jetzt mal transparent.

[mit Dank an BlueKO für den Hinweis!]

Nachtrag, 14:00 Uhr. Der Beitrag scheint jetzt in der Mediathek gelöscht worden zu sein. Man kann ihn sich aber hier anhören:

[audio:https://stefan-niggemeier.de/wp-content/grillparty.mp3]

Nachtrag, 16:50 Uhr. Der SWR entschuldigt sich und bezeichnet eine solche Voraufzeichnung als „journalistisches No-Go“.

Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet

Die Fluggesellschaft Easyjet verkauft täglich auf ihren Routen von und nach Berlin-Schönefeld knapp vier Liter Bier. Das ist eine beachtliche Sache. Zwölf 0,33-Liter-Dosen am Tag! Also: fast. Das zeigt, dass es sich für das Unternehmen wirtschaftlich lohnt, Schönefeld anzufliegen.

Meint der „Tagesspiegel“.

Er hat sich die Bilanz „eigens“ von Easyjet für die eigene Berichterstattung ausrechnen lassen: 14.519 Liter Bier in zehn Jahren, „ab Schönefeld“. (Ich nehme an, der „Tagesspiegel“ meint mit „ab“ Schönefeld „von und nach“ Schönefeld.)

Vor zehn Jahren hat das Unternehmen zum ersten Mal Schönefeld angeflogen, und der „Tagesspiegel“ hat beschlossen, dass das ein Grund zum Feiern ist. „Exakt 285.144.899 Kilometer Strecke haben Easyjet-Gäste seither bis zum Wochenende von und nach Berlin gemeinsam zurückgelegt“, staunt er. Ich weiß nicht genau, wie er das mit dem „gemeinsam“ meint und ob das die Strecken sind, die die Flugzeuge zurückgelegt haben, oder die Strecken multipliziert mit der Zahl der Passagiere. Ohnehin lassen sich Flugkilometer so schlecht in handelsübliche Fußballfelder und Saarländer umrechnen, weshalb der „Tagesspiegel“ als Vergleichsgröße die uns allen im täglichen Leben ja geläufige Entfernung zum Mars anbietet. Den hätte Easyjet jedenfalls angeblich locker erreichen können, wenn die Fluggesellschaft nicht so albern zwischen Berlin und irgendwelchen anderen Städten hin- und hergeflogen wäre, sondern schön am Stück zum Mars.

Weiters hat Easyjet für den „Tagesspiegel“ ausgerechnet, dass in den vergangenen zehn Jahren 31 Millionen Passagiere mit der Linie von oder nach Berlin flogen. Angesichts einer Einwohnerzahl von 3,5 Millionen ist nach Ansicht des „Tagesspiegels“ „statistisch jede Berlinerin und jeder Berliner fast neun Mal mit Easyjet mit Berlin geflogen“.

Es hat angesichts der Qualität des Artikels eine gewisse Konsequenz, dass daraus im Vorspann wird, „jeder neunte“ Berliner sei schon einmal mit Easyjet geflogen, was nicht einmal annähernd dasselbe ist. Aber auch die Ursprungsrechnung stimmte natürlich nur dann, wenn man annähme, dass ausschließlich Berliner von und nach Berlin mit Easyjet fliegen, weshalb ich folgende Alternativrechnung vorschlagen möchte, die mir deutlich sinnvoller erscheint: Wenn man davon ausgeht, dass die Passagiere im Schnitt 1,80 Meter groß sind, und sie hintereinander auf den Boden legt, könnte man die Easyjet-von-und-nach-Schönefeld-Fluggast-Schlange 8,75 1,4 mal um den Erdball wickeln. Gleich viel anschaulicher.

Jedenfalls fliegt seit zehn Jahren eine stattliche Zahl von Menschen (die ganz überwiegend nicht so blöd sind, an Bord teures Bier zu kaufen) mit Easyjet von und nach Berlin, und wenn man Hartmut Mehdorn ist, kann man das mangels anderer Anlässe schon mal als Grund zur Freude nehmen:

„Wir freuen uns über zehn Jahre Easyjet in Berlin und gratulieren herzlich zum Jubiläum“, lässt Berlins stressgeplagter Flughafenchef Hartmut Mehdorn aus diesem Anlass über den Tagesspiegel ausrichten. „Easyjet hat mit dazu beigetragen, das Gesicht der deutschen Hauptstadt noch internationaler zu machen.“

Für eine persönliche Botschaft fehlte dann also anscheinend doch die Muße, aber der „Tagesspiegel“ ist so nett, dem Easyjet die Glückwünsche von Herrn Mehdorn auszurichten, auch wenn offenbleibt, inwiefern es nötig war, damit nun uns als Leser zu behelligen.

Der „Tagesspiegel“ fügt hinzu:

Mehdorns warme Worte sind angebracht. Denn während Air Berlin, die Lufthansa und ihre Tochter Germanwings in Tegel starten und landen und dessen Kapazitäten über die Grenzen treiben, sorgt Easyjet weiter für den nötigen Betrieb am kleineren Standort Schönefeld, der sonst womöglich veröden würde. Waren vor zehn Jahren noch 41 Fluggesellschaften dort vertreten, sind es heute nur noch 25.

Ja, total nett von Easyjet, wobei vielleicht noch ein bisschen aufschlussreicher als die Zahl der Fluggesellschaften die Information gewesen wäre, dass sich in Schönefeld in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Fluggäste mehr als verdoppelt hat. Die Verödung droht also vielleicht doch nicht unmittelbar.

Der Artikel schließt mit dem Gedanken, dass man vor zehn Jahren dem damaligen Easyjet-Chef hätte trauen und Aktien kaufen sollen, dann bekäme man heute nämlich vier mal so viel dafür (und könnte sich, aber das steht da nicht, auch ohne zu zögern alle paar Tausend Flugkilometer das ein oder andere Easyjet-Bier leisten).

Ich weiß nicht, ob der „Tagesspiegel“ für diese Werbe-Geschichte zum Berlin-Anflieg-Jubiläum von Easyjet bezahlt wurde, aber ehrlich gesagt: Ich hoffe es. Einen solchen durch und durch bekloppten Artikel ohne eine entsprechende Entschädigung zu veröffentlichen, wäre ja noch schlimmer.

Und es ist ja nicht die einzige Glückwünsch-Botschaft, die der „Tagesspiegel“ dem Unternehmen schenkt. Parallel veröffentlichte er ein Stück mit dem Titel „Easyjetter fliegen auf Berlin“ und dem Vorspann:

Die erste Easyjet-Maschine landete vor zehn Jahren in Schönefeld. Was keiner ahnte: Am 28. April 2004 begann eine neue Tourismus-Ära. Was treibt Millionen Easyjetter nach Berlin?

Der Artikel erklärt weder, inwiefern eine neue Tourismus-Ära begann, noch was Millionen „Easyjetter“ nach Berlin treibt. Die Autorin war nur „unterwegs an zwei toruristischen (sic!) Hotspots“: Am Brandenburger Tor und in der Simon-Dach-Straße, zwei Orte, die man als Berliner Lokalzeitung der einheimischen Bevölkerung wirklich dringend mal vorstellen musste („Die Simon-Dach-Straße erinnert ein wenig an eine Kirmes“). Um Billigflieger geht es, außer in Überschrift und Vorspann — nicht.

Immerhin aber in einem dritten Stück zum Thema „Zehn Jahre Easyjetter in Berlin“, das sich freut:

Ohne Billigflieger säße so manche Kneipe vermutlich auf dem Trockenen. Denn sogenannte Pubcrawler sichern den Umsatz — und das Einkommen von Stadtführern.

Und so hebe ich mit der „Tagesspiegel“-Redaktion die selbstmitgebrachte Bierflasche in die Höhe und bitte Sie um einen Toast auf Easyjet. Dieses wunderbare Unternehmen, das der Stadt (und, anscheinend, hoffentlich, einer ihrer siechen Regionalzeitungen) so viel Gutes beschert!

[via Simon Drees]

Nachtrag, 23:25 Uhr. Der „Tagesspiegel“ hat unauffällig den „jeder neunte“-Fehler im Vorspann durch den „fast neun Mal“-Quatsch ersetzt.

Nachtrag, 29. April. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, nennt die Texte „ok“ und die Teaser-Fehler „peinlich“ und meint, ich fände den Schleichwerbungsvorwurf offenbar selbst albern.

Heute früh hat der „Tagesspiegel“ noch einen „Easyjet“-Artikel veröffentlicht; es ist (zusammen mit diesem) der fünfte. Der Markenname steht darin zwar nicht sichtbar für Leser, aber als Stichwort für Suchmaschinen.

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (3)

Angenommen, ein seriöses Nachrichtenmagazin bringt einen großen Bericht über neue Werbeformen, zeigt, wie heikel die sind, und betont dabei, dass man selbst eine weiße Weste hat: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Und angenommen, dann kommt raus, dass das gar nicht stimmt.

Würde man dann nicht, als seriöses Nachrichtenmagazin, in der nächsten Ausgabe seine Leser kurz informieren, dass man sie falsch informiert hatte? Gut, natürlich nicht gleich am Anfang, in der „Hausmitteilung“, da steht nur, wie toll das eigene Heft ist. Und natürlich auch nicht ganz am Ende, in der Rubrik „Rückspiegel“, da steht nur, wie toll andere das eigene Heft finden.

Aber vielleicht irgendwo dazwischen, nur eine Notiz, zum Beispiel in dem kleinen „Korrekturen“-Kasten oder auf der Meldungsseite im Medienteil?

Natürlich würde man dadurch Leser, die gar nichts mitgekriegt hatten von dem peinlichen falschen Versprechen — und das wäre womöglich die Mehrheit — überhaupt erst darauf aufmerksam machen. Andererseits würde man denen, die es mitgekriegt haben, zeigen, dass man ein Nachrichtenmagazin ist, dem man trauen kann, sogar wenn es in eigener Sache berichtet.

Wäre das nicht, wenn man es schon nicht hingekriegt hat, in seinem Online-Auftritt Werbung und Redaktion so sauber zu trennen, wie man vorgegeben hat, ein schönes Zeichen, dass man es wenigstens hinkriegt, zu seinen Fehlern zu stehen? Aufrichtig und transparent mit ihnen umzugehen?

Der „Spiegel“ hat diese Fragen offenbar mit Nein beantwortet und so steht im neuen Heft darüber, dass man mindestens ein Jahr lang genau das betrieben hat, was man bei anderen kritisierte und für sich ausschloss: kein Wort.

Aber gut, was sollte die Redaktion auch machen, um über solche Themen mit ihren Lesern ins Gespräch zu kommen? Bloggen?

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (2)

Abruptes Ende einer Partnerschaft: „Spiegel Online“ hat die Unterdomain eurojackpot.spiegel.de abgeklemmt, auf der, als „Service von WestLotto“, im redaktionellen Gewand für die Lotterie geworben wurde. Geschäftsführung und Chefredaktion von „Spiegel Online“ erklärten, die Werbung hätte in dieser Form „nicht live gehen dürfen“. Dass dies dennoch geschehen sei, sei ein „Fehler“.

Es war ein erstaunlicher hartnäckiger Fehler. Denn auf diesen Seiten erschienen nicht nur ein paar einzelne Werbe-Kolumnen. Im Laufe eines Jahres wurden hier auch hundert vermeintliche Nachrichtenartikel publiziert, die im Auftrag der staatlichen Lotteriegesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für das Glücksspiel warben.

Zum Beispiel:

  • Riesige Spannung – Größter Jackpot in Deutschland steigt weiter
  • Überragend: Rekordjackpot von 47 Mio. Euro wartet kommenden Freitag
  • YouTube-Star beschenkt Obdachlosen mit Lotterie-Gewinnerlos
  • Eurojackpot-Reporter beim Eurovision Song Contest
  • Ungarischer Obdachloser gewinnt Lotterie-Jackpot von zwei Millionen Euro
  • Passend zum Valentinstag: Großgewinne über ganz Europa verteilt
  • Britische Lotterie-Millionärin teilt Gewinn mit ihrem Ex-Mann
  • Weihnachtliche Bescherung für drei Eurojackpot-Tipper aus Deutschland
  • Ein Dorf wird Millionär
  • Der große Glücksatlas
  • Wenn halb Europa Lotto spielt
 und am Ende Deutschland gewinnt
  • Kellnerin in den USA erhält Lotterie-Lose als Trinkgeld und gewinnt

„In loser Reihenfolge“ wurden andere Länder vorgestellt, die auch an der Lotterie teilnehmen („Spanien: Beliebtes Reiseziel im sonnigen Süden“); der Unternehmens-Sprecher erklärte, was ein glückliches Leben ausmache und welche Rolle das Glücksspiel dabei spiele („Es ist vor allem der Traum vom Glück, der viele Lotteriespieler antreibt“), neue Forschungsergebnisse wurden mitgeteilt („Glückliche Menschen werden seltener krank“).

All diese vielen Dutzend Artikel, die plump bis halbsubtil für die Lotterie warben, erschienen im redaktionellen Design von „Spiegel Online“, gekennzeichnet bloß als „Service von WestLotto“. Von jeder „Spiegel Online“-Seite führte ein Link am Fuß zur Themenseite mit den jeweils aktuellen Beiträgen.

Und bei „Spiegel Online“ hatte bis eben niemand diesen „Fehler“ bemerkt.

[via Jan in den Kommentaren]