Grundkurs Grand-Prix (1): Rückung

Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, zu unserem kleinen Einführungskurs in die Grundlagen des Eurovision Song Contest. Im Publikum war die Frage aufgekommen, was eine Rückung ist. Nun, ohne Rückungen wäre der Grand-Prix nicht, was er ist, also machen wir das gleich zu unserem ersten Thema.

Eine Rückung ist ein Wechsel der Grundtonart in einem Musikstück. Im Gegensatz zur Modulation, bei der der Wechsel von der Ausgangs- zur Zieltonart über eine Folge mehrerer Akkorde erreicht wird, erfolgt der Wechsel bei der Rückung relativ übergangslos und unvermittelt.

In der Popmusik ist eine Rückung um einen Halb- oder Ganzton nach oben extrem häufig. Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer Steigerung zum Beispiel trotz einer bloßen Wiederholung des Refrains.

Keine Sorge, an einem praktischen Beispiel wird das gleich viel klarer, und ich bin froh, dass Nicole eingewilligt hat, zum besseren Verständnis der Rückung ihr Lied „Ein bisschen Frieden“ noch einmal zu singen, mit dem sie 1982 den Eurovision Song Contest gewann. Es enthält die klassische Form der Rückung: vor einer Wiederholung des Refrains, kurz vor Schluss des Liedes, ohne jeden harmonischen Übergang. Achten Sie darauf — gegen Minute 2:40:

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Das, meine Damen und Herren, war eine Rückung.

Nun ist die keine Erfindung des Eurovision Song Contest. Die meisten Schlager kommen nicht ohne Rückung aus, und zum Beispiel auch John Lennons „Woman“ verzichtet nicht auf den schlichten Effekt, der den Zuhörern quasi unter die Arme greift und ihnen die Illusion neuer Frische oder Dramatik gibt. Aber es ist schon auffällig, wie allgegenwärtig dieser musikalische Trick beim Grand-Prix ist, wie wenige Titel sich trauen, in ihren drei Minuten auf ihn zu verzichten. Der Siegertitel von 1981, „Making Your Mind Up“ von Bucks Fizz, ging auf Nummer sicher und baute gleich zwei Rückungen schon außergewöhnlich früh im Titel ein:

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Erkannt? Ungefähr nach zwei und zweieinhalb Minuten passiert’s.

Aber es geht noch besser. Milk & Honey schafften 1979 in Israel einen Heimsieg mit „Hallelujah“ und wechselten nicht weniger als dreimal die Grundtonart:

Keine Frage: Die Rückung hat ein Imageproblem. Sie ist ein Klischee, gilt als billig. Dabei muss sie gar nicht abgegriffen sein. Der diesjährige Beitrag aus Moldau zeigt, wie sich der Tonartwechsel mit einem hübschen Break und an überraschender Stelle im Titel unterbringen lässt (2:00):

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So. Und wenn Sie heute Abend das erste Halbfinale gucken, können Sie aus diesem Fachwissen ein lustiges Trinkspiel machen.

Belgrad Calling

Herr Heinser, Sie haben sich alle 43 Teilnehmer des Grand-Prix 2008 vollständig angehört. Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?

Es war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber eine große Herausforderung für einen einzelnen Menschen mit nur zwei Ohren.

In Belgrad wird schon seit Tagen geprobt, in Deutschland ist die Jagdsaison für Käseigel eröffnet und zwischen Baltikum und Kaukasus macht man sich bereit, sich die Punkte schneller zuzuschanzen, als man „Ostblockmafia“ sagen kann: Es ist Grand-Prix-Zeit!

Nach dem neuen Modus müssen sich alle Länder außer den vier großen Geldgebern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien) und dem Vorjahressieger (Serbien) erst in einem von zwei Halbfinals für das Finale am Samstag qualifzieren. Im ersten Halbfinale am Dienstag dürfen auch die deutschen Fernsehzuschauer mitstimmen.

Wenn es einen neuen Trend gibt in diesem Jahr (neben dem weiteren Vormasch von dramatischen Balladen mit osteuropäischem Gefühl), dann ist es der zu gewolltem Trash (im Gegensatz zu dem unfreiwilligen, unvermeidlichen Trash, der seit Jahrzehnten elementarer Bestandteil des Grand-Prix ist). Die Masse des Feldes aber teilt sich ungefähr gleichmäßig auf in weniger oder weniger geglückte Versuche, internationale Poptrends zu kopieren, und eigenartige Kompositionen, die man nur beim Eurovision Song Contest zu hören bekommt, was ebenso für wie gegen die Veranstaltung spricht. Vom singenden Truthahn (Irland) über Dschinghis-Khan-Wiedergeburten (Lettland), einen Opernsänger (Rumänien), harte Rocker in Leder (Finnland) bis hin zur Hiphop-Reggae-Pop-Fusion (Bulgarien) ist gegen jeden Geschmack etwas dabei.

Lukas von Coffee & TV und ich haben uns auch dieses Jahr vorab durch die Videos der Teilnehmer gekämpft und versucht, die Spreu von der anderen Spreu zu trennen. Unseren großen Grand-Prix-Führer 2008 finden Sie hier (nicht erschrecken: mit Fotos!).

Beim britischen Buchmacher William Hill liegen aktuell übrigens Russland, Serbien, die Ukraine und Armenien vorne und Deutschland weit abgeschlagen im Mittelfeld, aber das muss nichts zu bedeuten haben.

Und hier ist ein erstes Votum der Jurys aus Bochum und Berlin:
 

Bochum Berlin
Titel, die man sich wirklich anhören kann Schweiz Serbien
Dänemark Moldau
Frankreich Kroatien
Favoriten Schweden Serbien
Polen Albanien
Kroatien Rumänien
So schlecht, dass es schon wieder gut ist Belgien Bulgarien
Andorra Schweden
Malta Malta
Nur schlecht Island Zypern
Lettland Lettland
Spanien Weißrussland

Sendetermine:
1. Halbfinale: Dienstag, 21 Uhr, NDR-Fernsehen
2. Halbfinale: Nacht auf Freitag, 0.45 Uhr, NDR-Fernsehen (Aufzeichnung)
Finale: Samstag, 21 Uhr, Das Erste

Die Videos aller Kandidaten kann man sich auf der offiziellen Seite eurovision.tv ansehen.

Panorama

Wenn sie schlau sind, die Lobbyisten der Verlage und Privatsender, stellen sie ihre eigene PR-Arbeit im Kampf für Beschränkungen öffentlich-rechtlicher Aktivitäten im Internet ein und überlassen sie vollständig den Fernsehmachern der ARD.

Nachdem Thomas Leif, der Chefreporter des Südwestrundfunks, vor zwei Wochen eine große, nein: lange Dokumentation zum Thema gemacht hat, die man wohlwollend als kontraproduktiv bezeichnen kann, übernahmen jetzt die Kollegen vom NDR-Magazin „Panorama“. Es ging eigentlich um die Frage, wie lange und unter welchen Bedingungen ARD und ZDF in Zukunft ihre Filme im Internet zeigen dürfen. Aber man kann es den Zuschauern nicht übel nehmen, die im Forum zur Sendung hinterher davon sprachen, das, was Verleger und Politik vorhätten, sei ja eine Art „Bücherverbrennung“. Tatsächlich taten die Autoren Britta von der Heide und Dietmar Schiffermüller immer wieder so, als gehe es nicht um Ausstrahlungsrechte, sondern die Vernichtung von Material: „Käme das neue Rundfunkgesetz, müssten diese Szenen im Extremfall gelöscht werden.“ Oder: „Dieser ‚Panorama‘-Klassiker müsste nach dem neuen Gesetz, wenn es in aller Schärfe umgesetzt würde, wohl gelöscht werden.“

Ungefähr jeder Satz war irreführend. Moderatorin Anja Reschke prahlte von den „echten Schätzen“, den „Zeitdokumenten“ und „Klassikern“, die sich im „Panorama“-Online-Archiv finden ließen: „wir senden seit 47 Jahren!“ – dabei ist das älteste Online-Dokument von 1996.

Ähnlich erschreckend wie die Bereitschaft zur Manipulation war die Wahl der Mittel: Grobschlächtig wie eine „Aktuelle Kamera“ pries „Panorama“ sich endlos selbst für seine wunderbare, unvergleichliche, unersetzliche Panoramahaftigkeit im selbstlosen Einsatz für das Lebensglück der Zuschauer. In einem von drei Ausschnitten aus älteren Sendungen war Helmut Kohl zu sehen, wie er zu einem Reporter sagt: „‚Panorama‘? Das hat doch mit Journalismus nichts zu tun.“ Es ist an dieser Stelle nicht ganz leicht, ihm zu widersprechen.

ARD und ZDF haben gute Argumente gegen viele Forderungen ihrer privaten Konkurrenz; Forderungen, die nur kommerziellen Interesse dienen und nicht der Allgemeinheit. Vielleicht ist die beschämendste Erkenntnis aus der ARD-Propaganda die: Dass die Verantwortlichen offenkundig nicht an die Kraft der Argumente und den Wert des seriösen Journalismus glauben, deren Garant sie sein sollen und als deren Aushängeschilder sich gerade Thomas Leif und die Leute von „Panorama“ gerne profilieren. Es ist – gerade für diejenigen, die sich starke Öffentlich-Rechtliche auch im Internet wünschen – zum Heulen.

Wenn sie schlau sind, die Lobbyisten der Verlage und Privatsender, sorgen sie dafür, dass zumindest dieser „Panorama“-Beitrag für alle Zeiten im Internet zu finden sein wird.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Medienanstalt entdeckt Call-TV-Sendung

Die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen hat festgestellt, dass die von der Firma Callactive für MTV produzierte Anrufshow „Money Express“ am 29. November 2007 unzulässigerweise einen nicht vorhandenen Zeitdruck aufgebaut und Anrufer so in die Irre geführt habe. Sie hat die Sendung „formell beanstandet“.

Die einzige konkrete Konsequenz für den Sender und seinen Produzenten ist diese:

Callactive-Geschäftsführer Stephan Mayerbacher hat gegenüber dem Medienmagazin DWDL angekündigt, rechtliche Schritte gegen die Entscheidung prüfen zu lassen — „auch, um von der Medienaufsicht eine klare Definition zu erhalten, was denn genau ein ’nicht vorhandener Zeitdruck‘ ist“.

Recht hat er.

In der beanstandeten Sendung, die bis 3.04 Uhr ging, wurde laut (gewöhnlich zuverlässigem) Protokoll von call-in-tv.de erstmals für 1.05 Uhr angekündigt, die Telefonleitungen zu schließen. Dasselbe geschah bis zum Ende der Sendung noch ungefähr ein halbes Dutzend Mal. Bereits um kurz vor 2 Uhr wurde ein erster sogenannter „FINAL COUNTDOWN“ heruntergezählt. Je ein weiterer „FINAL COUNTDOWN“ folgte um 2.26 Uhr und 2.57 Uhr. Hinzu kamen mutmaßlich Dutzende folgenlose Countdowns, die nicht ausdrücklich als „final“ angekündigt wurden. Um 2.40 Uhr wurde „LETZTE CHANCE“ eingeblendet, um 2.50 Uhr ein weiteres Mal.

Mayerbacher fragt zu Recht: Was ist „nicht vorhandener Zeitdruck“? Die Täuschung durch „final Countdowns“, die weder final sind noch zu irgendeinem Ereignis herunterzählen, die falschen Ankündigungen von „letzten Chancen“ oder die fast ununterbrochenen falschen Aussagen der Moderatoren über den Spielablauf können es nicht sein. Denn damit führt „Money Express“ seine Zuschauer fast jeden Abend in die Irre.

Ich hoffe, Mayerbacher klagt wirklich. Entweder er verliert. Oder die Gewinnspielregeln und ihre Auslegung durch die Landesmedienanstalten werden als die Farce entlarvt, die sie sind. Für die Allgemeinheit wäre es in jedem Fall ein Gewinn.

(Tafelgag nach einer Idee von „Twipsy“.)

[Disclosure: Ich befinde mich in mehreren Rechtsstreiten mit der Firma Callactive.]

Der Golf-Krieg

Man darf George W. Bush nicht Unrecht tun. Auch für den amerikanischen Präsidenten hatte der Irak-Krieg schlimme Konsequenzen. Auch für ihn ist das Leben ein anderes, seit im Irak täglich amerikanische Soldaten sterben. Auch er musste Opfer bringen. In einem Interview mit Politico spricht er es offen aus:

Mr. President, you haven’t been golfing in recentyears. Is that related to Iraq?

THE PRESIDENT: Yes, it really is. I don’t want some mom whose son may have recently died to see the Commander-in-Chief playing golf. I feel I owe it to the families to be as — to be in solidarity as best as I can with them. And I think playing golf during a war just sends the wrong signal.

Mr. President, was there a particular moment or incident that brought you to that decision, or how did you come to that?

THE PRESIDENT: No, I remember when de Mello, who was at the U.N., got killed in Baghdad as a result of these murderers taking this good man’s life. And I was playing golf — I think I was in central Texas — and they pulled me off the golf course and I said, it’s just not worth it anymore to do.

Der MSNBC-Moderator Keith Olbermann gab darauf in seiner Sendung „Countdown“ eine deutliche Antwort:

You, Mr. Bush, let their sons and daughters be killed. Sir, to show your solidarity with them you gave up golf? Sir, to show your solidarity with them you didn’t give up your pursuit of this insurance-scam, profiteering, morally and financially bankrupting war.

Sir, to show your solidarity with them you didn’t even give up talking about Iraq a subject about which you have incessantly proved without pause or backwards glance, that you may literally be the least informed person in the world?

Sir, to show your solidarity with them, you didn’t give up your presidency? In your own words „solidarity as best as I can“ is to stop a game? That is the „best“ you can do?

Olbermanns Stil ist schon an normalen Tagen überengagiert, überpathetisch, überkandidelt. In seiner Antwort an Bush hat er das (was kaum möglich scheint) noch einmal ins Extreme gesteigert. Und doch wirkt sein bizarrer Auftritt auf merkwürdige Weise ebenso grotesk wie angemessen. Die letzten Worte nach zwölf Minuten (!) lauten: „Mr. Bush: Shut the hell up!“

(Ich übernehme keine Verantwortung für Schäden, die durch aus dem Video tropfenden Schaum entstehen.)

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[via Huffington Post]

Nachtrag, 16. Mai.
Jon Stewart zum selben Thema.

„Welt Online“: Intel inside

Was für eine schöne Idee: Die „Welt“ schickt einen Journalisten und einen Kameramann durch die Bundesrepublik und lässt sie innovationsfreudige, kleine Unternehmen besuchen. In einem liebevoll produzierten Videoblog auf „Welt Online“ porträtieren sie die „heimlichen Champions“, die zum Beispiel wegweisende Medizintechnik entwickeln (Teil 1, Teil 2).

Nur ist es gar nicht so, wie „Welt Online“ ausdrücklich behauptet, dass die beiden Reporter „für WELT ONLINE“ unterwegs waren. Sie waren im Auftrag eines Unternehmens unterwegs. Und mit ein bisschen Geschick könnten Sie sogar dessen Namen erraten.

Genau.

Das „Projekt Deutschlandreise“ ist eine eigenständige, ganz unabhängig von „Welt Online“ gestartete PR-Aktion des Prozessorherstellers Intel. Die Firma macht daraus eigentlich auch kein Geheimnis: Auf jeder Seite von projekt-deutschlandreise.de steht unten rechts ihr Logo; im Impressum ist sie als Absender genannt, und zum Auftakt gab es eine Pressemitteilung.

Bei „Welt Online“ hingegen hat man die werblichen Inhalte von Intel zu eigenen journalistischen Leistungen umdeklariert, das „WELT ONLINE TV“-Logo auf die Filme gepappt, den eigenen „WELT ONLINE TV“-Vorspann davor geschnitten (und, warum auch immer, über dem Artikel als Autorennamen Melanie Müller angegeben, die nach eigenen Angaben „Nachrichtensprecherin bei WELT-ONLINE-TV“ ist).

Die Firma Intel wird nichts dagegen haben.

Zur Erinnerung: Zum Trennungskonzept von Redaktion und Werbung bei „Welt Online“ gehört es auch, eine Strecke mit Lidl-Eigen-PR unter der Adresse dialog.welt.de und dem Namen „Welt Dialog“ (und dem kleinen Wort „Anzeigen-Sonderveröffentlichung“) anzubieten. Die entsprechenden Werbetexte tauchten zunächst sogar über die normale Suchfunktion von „Welt Online“ auf und und waren dort von redaktionellen Texten nicht zu unterscheiden. Teil der „Welt Dialog“-Seiten ist die Möglichkeit, Fragen zu Lidl an dialog@welt.de zu schicken. Die Antworten kommen allerdings nicht von der „Welt“, sondern von Lidl selbst. Dass Redaktion und Werbung „strikt getrennt“ seien, sagte Verlagssprecher Christian Garrels gegenüber der „FAS“, erkenne man schon daran, dass die Mails an die welt.de-Adresse automatisch an Lidl weitergeleitet würden.

Zum aktuellen Fall mit den Intel-Filmen bemüht man sich bei Axel Springer derzeit noch um eine Stellungnahme.

Nachtrag, 17.45 Uhr. Ein Sprecher der Axel-Springer-AG teilt mir soeben mit:

Wir sehen das von Ihnen beschriebene Video als Grenzfall. Um auch nur den Anschein zu vermeiden, dass bei uns Werbung und Redaktionelles vermischt werden könnten, haben wir das Video von der Website genommen. Denn wie Sie wissen: Die Einhaltung unserer journalistischen Leitlinien sind unser oberstes Gebot.

Die Videos sind unverändert online.

Nachtrag, 18:20 Uhr. Anstelle der Artikel und Videos steht auf „Welt Online“ jetzt auf den beiden Seiten:

In eigener Sache
Wir haben das hier ehemals veröffentlichte Video von der Website genommen, weil es einen Grenzfall zwischen Werbung und Redaktionellem darstellte und wir den Anschein vermeiden wollen, dass es gegen unsere journalistischen Leitlinien verstoßen könnte. Wir bitten um Verständnis.

Stephen Frys Plädoyer für die BBC

ARD und ZDF sind nicht die einzigen Sender, die sich kniffligen Fragen stellen müssen nach dem Selbstverständnis öffentlich-rechtlichen und gebührenfinanzierten Rundfunks in der neuen Medienwelt. Die BBC ist in einer ähnlichen Situation — die britische Medienaufsicht Ofcom untersucht gerade, in welcher Form Public Service Broadcasting (PSB) in Zukunft organisiert und finanziert werden kann und soll.

Als Beitrag zur öffentlichen Debatte hat die BBC eine Vorlesungsreihe ins Leben gerufen. Zum Auftakt sprach die Fernsehlegende Sir David Attenborough, am vergangenen Woche der große Stephen Fry.

Sein 40-minütiger Vortrag ist außerordentlich sehenswert — nicht nur, weil ungefähr alles, was Fry macht, klug und unterhaltsam und außerordentlich sehenswert ist.

Manche seiner Gedanken sind vielleicht nur vor dem besonderen Hintergrund der (von mir heißgeliebten) britischen Kultur verständlich. Etwa wenn er über den Wert von Comedy für die Gesellschaft spricht:

Comedy had been my rock and roll as a child and now I was allowed to do it for a living. There is an argument that comedy is a greater public service than any other genre of art or culture: it heals divisions, it is a balm for hurt minds, it binds social wounds, exposes real truths about how life is really led. Comedy connects. The history of BBC comedy in particular is almost a register of character types, a social history of the country. Hancock, Steptoe, Mainwaring, Alf Garnett, Basil Fawlty, Baldrick, Victor Meldrew, Alan Partridge, Ali G, David Brent, the matchlessly great General Melchett — it is much harder to list character types from serious drama who have so penetrated the consciousness of the nation and so closely defined the aspirations and failures of successive generations. A public service broadcasting without comedy is in danger of being regarded as no more than a dumping ground for worthiness. Seriousness is no more a guarantee of truth, insight, authenticity or probity than humour is a guarantee of superficiality and stupidity. Angels can fly because they take themselves lightly.

Aber Frys Vortrag hat auch für die deutsche Debatte Relevanz.

Nun sind ARD und ZDF nicht ganz vergleichbar mit der BBC. Sie ist einerseits in einem viel stärkeren Maße eine nationale Institution Großbritanniens, die eine gemeinsame kulturelle Identität stiftet, und strahlt andererseits aufgrund der englischen Sprache (und der britischen Geschichte) viel mehr in die Welt aus. Die Kreativität dieser Organisation in den vergangenen Jahrzehnten ist einzigartig.

Aber eine Kernfrage der aktuellen Debatte ist dieselbe: Wollen uns wir in Zeiten, da es keine Knappheit mehr an Frequenzen und Kanälen mehr gibt, noch einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk leisten, der alles produziert: banale Unterhaltung ebenso wie seriöse Informationen, Gameshows ebenso wie Auslands-Reportagen? Ist es richtig, dass die BBC auch die englischen Versionen von „Let’s Dance“ und „Big Boss“ zeigt? Oder sollte sich die Gebührenfinanzierung beschränken auf jene Programme, die der Markt nicht hervorbringt? Es geht, anders gesagt, um den in Deutschland systematisch missverstandenen Begriff der „Grundversorgung“. Gemeint hat das Bundesverfassungsgericht, das ihn geprägt hat, damit alles: Das komplette Fernsehprogramm, das die Menschen sehen wollen und sollen, quer über alle Genres und Ansprüche. Benutzt wird er meist im Sinne einer Mindestversorgung: nur die Programme, die das Privatfernsehen nicht zeigt, weil sie zu teuer sind oder zu wenige Zuschauer haben, die aber irgendwie hochwertig oder wichtig oder wenigstens erwünscht sind.

Stephen Frys Antwort ist eindeutig:

(…) Even the most immoderately free market media analyst or commentator I have heard or read would concede that there is a need for good impartial news coverage; that a nation deserves access to programmes that reveal truths about themselves and the world. But mostly they would argue too that if that is what the BBC is to provide, it can be slimmed down, the corporation can lose the need to make its Doctor Who and Strictly Come Dancing, its populist forays can be taken care of by ITV, whose audience share would concomitantly rise, narrowing its dreaded gap, while money would be freed from retrenching the BBC’s ambitions in the digital world, in film‐making, in popular TV, in sporting occasions, money that could create better PSB programming and allow Channel 4 access to money that would spare us more The Boy Whose Testicles Play The Harpsichord. (…)

But what would that BBC then be? Who would watch it? How could an audience be brought to a channel that showed nothing but worthy programming, no matter how excellently produced? Isn’t the whole point of the BBC as a major channel, a real player in TV production across the spectrum of genres and demographics, isn’t the whole point of that BBC its ability to draw audiences into PSB programming by virtue of their loyalty and trust in a brand that provides entertainment, pure and simple? (…) In a sense the nature of the BBC as it is, ‚gives permission‘ to all kinds of people to watch
programmes they otherwise might not. What is the alternative, a ghettoised, balkanised electronic bookshop of the home, no stations, no network, just a narrowcast provider spitting out content on channels that fulfil some ghastly and wholly insulting demographic profile: soccer mum, trailer trash, teenager, gay, black music lover, Essex girl, sports fan, bored housewife, all watching programmes made specifically for them with ads targeting them. Is that what we mean by inclusivity? Is that what we mean by plurality? God help us, I do hope not. (…)

Do we have to make a distinction [between entertainment and public service broadcasting]? That’s the point surely. (…) I have to be personal again. I wanted to make a pair of films about bipolar disorder, did I have to believe that I was making a public service series? Could I not believe as I did, that I was making two television programmes that I hoped as many people as possible might watch, just as I would hope if I was making a drama or a comedy? Yes, those couple of films on manic depression may well have fulfilled a public service, one that could be uniquely followed up via the BBC’s resources on radio, on websites and on help‐lines, but the gratifying large audience that tuned in, did they do so because it was public service broadcasting? How insulting to everyone concerned is that? (…)

You know when you visit another country and you see that it spends more money on flowers for its roundabouts than we do, and you think … coo, why don’t we do that? How pretty. How pleasing. What a difference it makes. To spend money for the public good in a way that enriches, gives pleasure, improves the quality of life, that is something. That is a real achievement. It’s only flowers in a roundabout, but how wonderful. Well, we have the equivalent of flowers in the roundabout times a million: the BBC enriches the country in ways we will only discover when it has gone and it is too late to build it up again. We actually can afford the BBC, because we can’t afford not to.

Stephen Frys Vortrag: als Video, als Audio, als Transkript.

Terrorwerbung auf „Politically Incorrect“

Das ist eine interessante Werbung, die neuerdings links oben auf den Seiten des großen deutschen islamfeindlichen Blogs „Politically Incorrect“ (PI) steht:

Ein Klick führt auf die Seiten der „Jewish Task Force“ (JTF). Die Gruppierung kämpft aktuell unter dem Titel „Jews Against Obama“ gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten („Help Us Defeat The Black Muslim Nazi Presidential Candidate Barack Hussein Obama!“). In Obama sieht sie eine „Fünfte Kolonne“, die Amerikas und Israels Verteidigungswillen unterminieren will.

Obama ist nach der Überzeugung der JTF in Wahrheit Moslem — genau wie der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas aus der Werbung auf „PI“. Und der Islam ist für die JTF ein „verabscheuungswürdiger und rassistischer Todeskult“.

Was die JTF damit meint, wenn sie in ihrer Werbung auf „PI“ schreibt, es gebe „nur eine Lösung“, ahnt man, wenn man ihr Sieben-Punkte-Programm zur Rettung Amerikas liest, in dem sie unter anderem die sofortige Zerstörung muslimischer Atomkraftwerke durch das amerikanische oder israelische Militär und den unmittelbaren Rückzug aus den Vereinten Nationen und aller direkt oder indirekt mit ihr verbundenen Organisationen sowie ein Verbot aller UN-Aktivitäten auf amerikanischem Boden fordert.

Aber die JTF belässt es nicht bei Forderungen. „Es ist wertlos, den Ansichten der JTF zuzustimmen, ohne ihnen Handlungen folgen zu lassen“, heißt es auf der Seite unter der Überschrift „Become an army of one“.

Victor Vancier, Sprecher der JTF, ist 1987 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er an einer Serie terroristischer Bombenanschläge in New York beteiligt war. Die JTF folgt den Lehren von Rabbi Meir Kahane und will einen jüdischen Gottesstaat Großisrael (weit über die heutigen Grenzen Israels hinaus) frei von Nichtgläubigen errichten, auch mit Gewalt. Rabbi Meir Kahanes Partei Kach war 1986 als rassistische Partei von der Knesset ausgeschlossen worden. Nach einem Massaker an 29 Palästinensern durch einen Kahanisten wurde die Organisation in Israel insgesamt verboten. Kahane wurde 1990 in New York erschossen.

Sowohl die amerikanische Regierung als auch die Europäische Union führen Kach und die Schwesterorganisation Kahane Chai auf ihren Listen von terroristischen Organisationen (pdf). Und auf Kahane beruft sich ausdrücklich die „Jewish Task Force“. Und das von Stefan Herre begründete und mutmaßlich immer noch betriebene deutsche Weblog „Politically Incorrect“ stellt dieser rassistischen Gruppe aus dem Umfeld einer Terrororganisation einen Werbeplatz zur Verfügung.

Natascha Zuraw

Das merkwürdige an vielen Fernsehsendungen heute ist, dass sie sich nicht von ihrer eigenen Parodie unterscheiden lassen. Schalten Sie mal kommende Woche um kurz vor drei RTL ein und schauen sich unbefangen den Vorspann zu „Natascha Zuraw“ an. Diese Moderatorin, die sich da in eine Pose stellt, die vermutlich nachdenklich aussehen soll, aber wirkt, als habe ihr jemand gerade zugerufen: „Ich sag’s zum letzten Mal, Natascha, Hand unters Kinn, Natascha, UNTERS KINN, daskanndochnichtsoschwersein“ – ist das eine richtige Moderatorin oder eine Figur von Anke Engelke? Dieses Arrangement, wie sie erst den Kopf wirft, um die Haare fliegen zu lassen, dann angestrengt kritisch nach unten in die Kamera guckt und schließlich ungelenk in ihren Karten blättert – ist das der Vorspann für eine richtige Talkshow oder die satirische Variante von „Switch“? Jede Wette: Wenn Sie nicht wissen, dass das ernst gemeint ist – Sie kommen nicht drauf.

Ein anderes lustiges Spiel, das man mit „Natascha Zuraw“ machen kann, geht so: Machen Sie die Augen zu und versuchen Sie zu erraten, wer von den Leuten, die Sie da hören, wie sie sich in ihren halbgaren Gedanken und Sätzen verheddern, die Moderatorin ist. Ja, das ist nicht leicht.

Alternativ kann man mit Freunden auch eine Wettparty machen und am Anfang jeder Gesprächsrunde vorhersagen: Wer wird die besseren Argumente haben? Die 17-jährige, die sagt, sie haut jedem, der ihr blöd kommt, in die Fresse? Oder die Moderatorin der Sendung? (Kleiner Tipp: Nie auf die Moderatorin setzen. Auf die Frage, ob es nicht klüger sei, mit Worten zu reagieren, erwidert die Schlägerin überzeugend: Die Zeit, in der sie redete, würde ihr Gegenüber nutzen, um ihr gleich mal eine zu schallern. Immerhin fügt sie später hinzu, dass sie das Zuschlagen meist hinterher bereut, was Frau Zuraw mit größter Erleichterung zur Kenntnis nimmt: Dann könne sie beruhigt schlafen.)

Am Freitag war Werner, 62, zu Gast. Anmoderiert wird er mit den Worten: „Röstfrisch müssen die Mädels sein. Werner sagt: Je jünger, desto besser.“ Der alte Mann erklärt seine sexuelle Vorliebe damit, dass die Haut da noch „schön frisch und stramm“ sei, und Apfelsinen seien ja auch besser frisch aus dem Supermarkt als nach einer Woche rumliegen lassen. So ein junges Mädchen sei „williger“ und „macht, was man sagt“. „Das reizt mich einfach, das Junge dabei“, sagt Werner. „Das kann ich verstehen“, sagt Natascha. „So’n junges Schmusedeckchen, das ist doch was“, sagt Werner. „Das lass ich mal so im Raum stehen“, sagt Natascha.

Wenn das keine Parodie ist, lässt es sich jedenfalls nicht parodieren.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die Sendungen von „Natascha Zuraw“ sind kostenlos bei RTLnow verfügbar.

Bilderbuch-Journalismus

Die Art, wie n-tv.de gestern abend auf der Startseite zwei Bilderserien zum Thema Barbara Rudnik und „die sexiesten Frauen der Welt“ bewarb, hatte einen verstörenden Effekt.

Das war, womöglich, unbeabsichtigt. Bei der Rudnik-Bilderserie selbst handelt es sich dagegen nach Auskunft von n-tv.de nicht um ein Versehen.

Erzählt wird die Geschichte von Rudniks Krebserkrankung darin als Bildergeschichte mit fortlaufendem Text — eine Form der Aufbereitung, die bei n-tv.de inzwischen einen erheblichen Teil der Berichterstattung ausmacht und unter anderem auch bei sueddeutsche.de bevorzugt eingesetzt wird. Nun hat n-tv.de allerdings keine aktuellen Fotos von Frau Rudnik. Die sind für die von n-tv.de gewählte Form der Bildergeschichte aber auch entbehrlich. Und die geht so:

Wenn n-tv.de die Aussage von Frau Rudnik zitiert, viele Menschen bekämen sicher einen Schreck, wenn sie sie sähen, sehen wir ein Foto von Frau Rudnik, wie sie ganz erschrocken guckt:

Und wenn es im Text heißt: „Jetzt lebe sie bewusster und glücklicher als vor drei Jahren, weil sie jeden Tag genieße“, sehen wir ein Foto von Frau Rudnik, auf dem sie richtig glücklich aussieht (obwohl es schon über neun Jahre alt ist: Sie dirigiert da zufällig gerade in einer Art Hochzeitskleid mehrere Rappen bei „Stars in der Manege“).

Die Bilder zeigen also nicht, was der Text beschreibt, sondern illustrieren es. Es sind allesamt Symbolfotos. Das ist sehr unjournalistisch und ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber gewöhnen ist gar keine gute Idee: Sonst fängt man nämlich an, Fragen zu stellen: Warum n-tv.de zum Beispiel den Text „Drei Monate später sei der Krebs zurückgekommen und sie habe mehrere Zyklen Chemotherapie hinter sich“ mit einem Bild von einer schwungvoll über den Roten Teppich laufenden Rudnik bebildert. Steht das für die Rückkehr?

„Andere Schauspieler wussten bis jetzt nichts vom Schicksal ihrer Kollegin und reagieren bestürzt“, steht unter einem Foto, das offensichtlich die Wörter „andere Schauspieler“ illustriert, aber nicht die Bestürzung:

„Alle wünschen ihr Kraft und Zuversicht“ steht auf der nächsten Seite, und anscheinend sind „alle“ vor allem SPD-Politiker:

Wie illustriert n-tv.de Rudniks Plan, sich „erhobenen Hauptes“ und mit ihren „kurzen ungefärbten Haaren“ der Öffentlichkeit zu zeigen? Mit einem Foto von ihr mit langen, gefärbten Haaren und dem Zusatz: „(Foto von 2003)“.

Und der Satz „Für eine Operation sei die Krankheit schon zu weit fortgeschritten gewesen, da der Krebs auch Leber und Knochen befallen habe“, wird von n-tv.de so bebildert:

Eines der freundlicheren Wörter, das mir zu dieser Bilderserie einfällt, ist gaga.

Tilman Aretz, einer der beiden Chef der Berliner Nachrichtenmanufaktur GmbH, die für n-tv den Online-Auftritt bestückt, kann weder mein Problem mit dieser Bilderserie verstehen, noch einen unfreiwilligen Humor darin erkennen. Von einer Text-Bild-Schere könne gar keine Rede sein, sagt er, ebenso wenig wie bei der Geschichte neulich, als n-tv.de eine Steinigung mit einem Foto von einem Galgen bebilderte. Es handele sich bei den Texten eben nicht um Eins-zu-Eins-Erklärungen der Fotos, das sei ja auch langweilig und redundant; ein gewisses „Abstraktionsvermögen“ gehöre schon dazu. Andererseits sei es aber auch nicht so, dass man nur den Text hinschreibe und irgendwelche Fotos dazustelle. Falsch sei im übrigen auch der immer wieder geäußerte Verdacht, mit solchen Bildergalerien nur Klicks generieren zu wollen — die mit Rudnik zum Beispiel ist ja auch nur 30 Bilder lang.

Auch im Fernsehen, sagt Aretz, würde man bei einem Bericht über die Krebserkrankung Rudniks ähnliche Archivbilder sehen. Dabei ist das ja gerade eine der Schwächen des Mediums Fernsehen: Dass es auf Bilder angewiesen ist, während Online-Journalisten zwischen bildlastigen und textbasierten Erzählweisen wählen können. Theoretisch. Es sei denn, sie entscheiden sich, wie n-tv.de, auch dann um den Preis aberwitziger Text-Bild-Scheren und unfreiwilliger und unangemessener Komik jedesmal für die dutzend- und hundertfach klickbringende Bilderserie.

Aretz fand es beleidigend, dass ich seinem Team neulich „Unfähigkeit“ vorgeworfen habe. Vermutlich war das wirklich insofern ungerecht, als es sich nicht um Versehen handelt, sondern Methode.

In der Rudnik-Serie hat n-tv.de über den Satz „Ihre Filmtochter ist Sophia Thomalla, die Tochter von Schauspielerin Simone Thomalla“ ein Foto gestellt, das weder Sophia noch Simone Thomalla zeigt.

Meine Frage, ob der Firmenname „Nachrichtenmanufaktur“ ironisch gemeint sei, hat Aretz nicht verstanden.

[via Lukas]