Leading To War

Heute geht es nicht mehr um die Frage nach Krieg oder Frieden. Heute zählen keine abgewogenen Argumente mehr. Den Krieg vor Augen, gibt es für die freie Welt, für jedes Land und für jeden einzelnen von uns nur noch eine Wahl: Mit den Amerikanern oder gegen sie?

Es ist alles gesagt. Der Krieg wird kommen. Heute können wir uns noch einmal entscheiden. Die Entscheidung der WELT steht fest.

„Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters am Vorabend des Irak-Krieges

„Leading To War“ ist vielleicht der einfachste Film über den Irak-Krieg. Es gibt keinen Erzähler und keine Schauspieler, keine Reporter vor Ort und keine Undercover-Aufnahmen, keinen Michael Moore, der Passanten und Politiker vorführt. Es gibt nicht einmal eine Dramaturgie jenseits der Chronologie der Ereignisse. Es gibt nur die Fernsehauftritte von George Bush und seinen Mitstreitern, mit denen sie die Nation und die Welt in den Irak-Krieg führen, von Bushs Rede von der „Achse des Bösen“ vor dem Kongress am 29. Januar 2002 und bis zum offiziellen Kriegsbeginn am 19 März 2003.

„Leading To War“ ist sicher einer der wichtigsten Filme über den Irak-Krieg. Er zeigt in erschütternder Klarheit, mit wieviel Kalkul, Konsequenz und Skrupellosigkeit die amerikanische Regierung eine Stimmung schuf, in der der Öffentlichkeit ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Irak nicht nur sinnvoll, nicht nur wünschenswert, sondern sogar unvermeidlich schien. Er zeigt, wie sie Lüge auf Lüge stapelten und durch einen nicht enden wollenden Propagandabrei miteinander verbanden. Er zeigt ihre Kunstfertigkeit, mithilfe vager Andeutungen und irreführender Antworten Tatsachen zu verdrehen und nicht existierende Zusammenhänge erscheinen zu lassen. Er zeigt, wie sie mit ihren Lügen und Manipulationen ein Klima aus Furcht und Kriegseuphorie schufen.

Man muss sich manchmal gewaltsam daran erinnern, dass die Verantwortlichen, denen man in diesem Film beim Lügen und Kriegstreiben zusehen kann, nicht das Regime eines Schurkenstaates sind, sondern unsere Verbündeten, demokratisch gewählt, die Führer der freien Welt, die sich in diesem Kampf explizit als Verteidiger des Weltfriedens und der westlichen Zivilisation als Ganzes ausgaben. Und es ist kaum erträglich, sich das anzusehen, und sich daran zu erinnern, dass keiner von ihnen für die folgenschwere Manipulation der Wahrheit zur Rechenschaft gezogen wurde, ja, die wichtigsten immer noch in Amt und Würden sind.

Man muss sich das ansehen und lernen. Einige der Lügen lassen sich erst rückblickend als solche enttarnen. Aber die Rhetorik war damals schon eindeutig. „Wer nicht auf unserer Seite ist, ist unser Gegner — ein Dazwischen gibt es nicht.“ Wie Bush, Powell, Rice, Rumsfeld und die anderen die Öffentlichkeit mit Sprache manipulierten, mal mit der Brechstange, mal subtil, das muss man sich ansehen. Und weiterzeigen. Und daraus lernen.

Die Autoren formulieren es so:

LEADING TO WAR is also intended as a historical record for future generations, who will not have had firsthand experience of the precise, incremental steps taken by the government in presenting its case for war.

Der Film von Regisseur Barry J. Hershey und den Produzenten Lewis D. Wheeler und Beth Sternheimer soll die größtmögliche Verbreitung finden. Es gibt ihn mit Untertiteln in 17 Sprachen. Man kann ihn sich einfach kostenlos online ansehen oder herunterladen oder für 10 Dollar als DVD kaufen.

Auf der Homepage zum Film finden sich nicht nur ausführliche Gegenüberstellungen der Behauptungen der amerikanischen Regierung mit den Tatsachen, sondern auch die vollständigen Transkripte der Ansprachen und Interviews, aus denen die Zitate im Film stammen, so dass sie sich im Kontext bewerten lassen.

„Leading To War“ zeigt in 72 Minuten, wie die amerikanische Regierung die Nation nicht fahrlässig, sondern systematisch in einen Krieg geführt hat, der nach konservativen Schätzungen 100.000 Menschenleben und allein die USA 500 Milliarden Dollar gekostet hat. Es ist wichtig zu wissen, wie sie das gemacht hat.

Ansehen:
„Leading To War“

Es ist wieder soweit


Sie verbieten schon die Holocaustgegner!

[Mit Dank an Martin.]

Nachtrag, 11.10 Uhr. tagesschau.de hat die Überschrift korrigiert. Die Formulierung stammt übrigens von der Agentur AP, die sie schon in zwei Meldungen verbraten hat, weshalb sie sich gerade fröhlich unredigiert durch die vielfältige deutsche Onlinemedienlandschaft verbreitet: Netzeitung, Rheinische Post, SWR, Focus, Berliner Morgenpost, Frankfurter Rundschau, Welt, N24

Nachtrag, 8. Mai. Ist übrigens nicht nur ein Online-Phänomen, wie die „Berliner Zeitung“ in ihrer Druckausgabe zeigt. Und AP produzierte gestern bis in den späten Nachmittag nicht weniger als vier Meldungen zum Thema, in denen gegen „Holocaustgegner“ vorgegangen wurde.

Ups, verfragt

Der Umgang mit Journalisten ist ungefähr so heikel wie der mit Kugelfischen. Ein falsches Wort kann tödlich sein, und sie werden giftig und brechen jede Kommunikation ab. (Die Journalisten, nicht die Kugelfische.)

Lukas hat das gerade erfahren, als er versucht hat, von der Redaktion der Zeitschrift „View“ aus dem Hause „Stern“ zu erfahren, wie es passieren konnte, dass sie nun auch noch auf den blöden, längst aufgelösten April-Scherz hereingefallen ist, wonach ein Sex-Video von Shakira aufgetaucht sei. Er fragte:

Lag der Redaktionsschluss für das Mai-Heft so früh, dass Sie von der Auflösung des Aprilscherzes (am 2. bzw. 4. April) nichts mitbekommen konnten, oder recherchieren Sie in Fällen, die das Privatleben von Stars betreffen, generell nicht weiter nach?

Hans-Peter Junker, der stellvertretende Redaktionsleiter, antwortete ihm, dass er die Frage — man werde das verstehen — nicht beantworten könne, und erklärte das auf Nachfrage so:

Sie haben leider die niedrigen Standards, die ich an einen höflichen und kollegialen Umgang stelle, unterlaufen.

Ja, da muss man verdammt aufpassen, dass man nicht versehentlich beim Standard-Limbo gegen gestandene Journalisten von Qualitätsmedien gewinnt.

Leider fehlt auch mir selbst ganz offenkundig das Talent, den Tonfall zu treffen, der eine Kommunikation mit Redakteuren über ihre Fehler und Schwächen ermöglicht, aber vielleicht kriegen wir das ja gemeinsam hin.

Also: Ich bitte um Vorschläge für Frageformulierungen, die der besonderen Sensibilität von Journalisten Rechnung tragen und die Wahrscheinlichkeit maximieren, dass Hans-Peter Junker oder einer seiner Kollegen von „View“ erklären, wie ihrem Magazin so ein blöder Fehler unterlaufen konnte. Die beste Frage schicke ich dann an „View“, und wir gucken, was passiert. Zu gewinnen gibt es nichts, außer Erkenntnis.

Nachtrag, 8. Mai. Die Auflösung steht hier.

Lindenstraße

Das Beste an der „Lindenstraße“ ist, dass sie sich auch Leute mit langsamsten Internetverbindungen problemlos online ansehen können. Die Inszenierung ist so statisch, dass man zeitweise genau hingucken muss, um zu erkennen, dass es sich wirklich um einen Film handelt, und nicht um eine vertonte Diashow. Und die Charaktereigenschaften der Figuren sind ohnehin so grob und starr gezeichnet, dass sie sich noch in der kleinsten Auflösung gut erkennen lassen.

Heute heiraten jedenfalls Tanja und Suzanne. Das ist nicht mehr so ein politisches Spektakel wie die Hochzeit von Carsten und Theo 1997, als Hella von Sinnen vorbeikam, aber persönlich für die beiden doch ein großer Schritt, für Tanja vor allem. Tanja? Sie wissen schon: Die, deren Mutter Selbstmord begangen hat, deren Schwester an Leukämie gestorben ist und deren Vater betrunken auf der Straße erfor. Die, die erst das Geschäft mit Sex, dann die Esoterik entdeckt hat, sich erst in den 200 Jahre älteren Doktor Dressler, dann in die drogenabhängige Sonia verliebt hat (die dann quasi von Dressler umgebracht wird). Die, die sich scheiden ließ, in ihrer Wohnung über Monate von Webcams gefilmt und im Internet ausgestellt wurde, sich in die damals noch heterosexuelle Suzanne verliebte, mit ihr im Ausland eine Spermaspende bestellt, durch künstliche Befruchtung ein Kind bekommen und die Wohnung durch einen Hausbrand durch einen Adventskranz verloren hat … genau: die Tanja.

Das ist, andererseits, schwer irreführend, den Lebenslauf einer solchen typischen „Lindenstraßen“-Figur zu wenigen Zeilen zu raffen, denn in Wahrheit hat sich über all die Jahre natürlich exakt nichts verändert. Was nicht nur am Personal liegt (Sybille Waury spielt die Tanja seit 1168 Folgen und über 22 Jahren). Es ist vor allem immer noch die gleiche linke Spießigkeit, die durch alle Poren dieser Serie sickert, das gut gemeinte Aufklärungsfernsehen von Hans W. Geißendörfer, in dem ununterbrochen wichtige Themen behandelt werden, jeder Handlungsstrang eine Botschaft hat und der erhobene Zeigefinger schon fest in alle Bühnenbilder eingebaut ist. Die „Lindenstraße“ ist in einem fast beunruhigenden Maße betulich und berechenbar, bieder und banal – eigentlich alles, was mit „B“ anfängt, sogar: beliebt. Die Quoten sinken zwar kontinuierlich, und Geißendörfers vor ewigen Zeiten gegebenes Versprechen, aufzuhören, wenn es deutlich weniger als sechs Millionen Zuschauer sind, ist graue Geschichte. Aber ausgerechnet bei den jungen Leuten, die sonst alles verschmähen, was ARD und ZDF für sie produzieren, selbst die richtig schönen Sachen, holt die „Lindenstraße“ immer noch sehr ordentliche Quoten.

Vielleicht versetzt sie sie in einen tiefen, erholsamen, von bizarren Träumen erfüllten und süchtig machenden Halbstundenschlaf. Anders kann ich es mir nicht erklären.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Alles, was mich interessiert, floppt“

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ab Freitag neue Folgen von „KDD — Kriminaldauerdienst“ laufen. Die Quoten der ersten Staffel waren nicht berauschend — bei den jungen Zuschauern waren sie selbst für ZDF-Verhältnisse enttäuschend. Umso dankbarer muss man dem Sender sein, dass er Geduld beweist mit dieser sehenswerten, atemberaubenden deutschen Krimiserie. Sogar eine dritte Staffel wird bereits entwickelt (allerdings nur noch mit acht Folgen; die erste hatte zwölf, die zweite zehn).

Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ habe ich mit Orkun Ertener, dem Autor von „KDD“, gesprochen: über die Lust an dramaturgischen Knalleffekten, den Schauplatz Berlin-Kreuzberg/Neukölln, die Kombination kürzester Miniaturen mit fortlaufenden Geschichten, die Vorbilder „E.R.“ und „The Shield“, Fluch und Segen des traditionellen ZDF-Krimisendeplatzes am Freitag — und das Drama um die deutsche Serie:

„Vor vier, fünf Jahren, habe ich gedacht: Die Serie ist die Königsdisziplin des Fernsehens, und ich möchte das gerne machen. Eigentlich ist das auch jetzt noch so — theoretisch. Aber die letzten Jahre frage ich mich: Was soll ich hier erzählen? Alles, was mich interessiert, floppt. Ich habe das Gefühl, als befänden wir uns in einer Beerdigungsphase: das Ende der Fiktion. Es gab ein Projekt, auf das ich viel Lust hatte, eine Krankenhausserie, sehr realistisch erzählt, auch ein bisschen ambitionierter (was auch immer das heißt). Ich habe lange recherchiert, war im Krankenhaus, und es waren auch schwere Geschichten: Wenn Kinder sterben, ist das nicht so schön. Der Sender hat dann irgendwann gesagt, so schwer geht das nicht. Nicht im Moment. Wenn es überhaupt noch Fiction gibt, ist die Frage überall: Kriegen wir das nicht auch ein bisschen leichter?“

Das ganze Gespräch steht nebenan, beim Fernsehlexikon.