Medienjournalist
Es scheint auf den ersten Blick der ultimative Triumph für die Firma Callactive: Ihr gehört nun die Domain call-in-tv.de.
Unter dieser Adresse hatten kritische Zuschauer seit mehreren Jahren akribisch die zahlreichen Unregelmäßigkeiten und Auffälligkeiten in den teuren Telefon-„Gewinn“-Spielen protokolliert, die das Unternehmen unter anderem für mehrere MTV-Sender produziert („Money Express“). Die Beschwerde eines Mitglieds des Forums hatte sogar dazu geführt, dass die sonst in dieser Sache gerne untätige nordrhein-westfälische Landesmedienanstalt in der vergangenen Woche eine Callactive-Sendung formal beanstandete.
Callactive hatte bereits vorher damit gedroht, die Domain pfänden zu lassen. Die Firma hat aus verschiedenen Prozessen über Äußerungen im Forum noch offene Forderungen gegen Marc Doehler, den Betreiber des Forums.
Die genauen Umstände, unter denen die Domain nun ausgerechnet in den Besitz von Callactive gelangte, sind noch unklar. Doehler hatte sie vor kurzem an einen anderen Domaininhaber übertragen, auf dessen Server das Forum zuletzt auch lief. Doehler sagt, der jetzige Domaininhaber habe ihm heute mitgeteilt, dass er die Domain nun auf Callactive übertragen musste. Wer die Adresse aufruft, erhält zur Zeit nur eine Fehlermeldung.
Doehler sagt, er und sein Team wollten sich auch durch diesen erneuten Rückschlag nicht davon abbringen lassen, die umstrittenen und immer wieder durch Unregelmäßigkeiten auffallenden Anrufsendungen zu beobachten.
Das Forum ist ab sofort unter der Adresse call-in-tv.net erreichbar.
[Disclosure: Die Firma Callactive führt auch gegen mich mehrere Rechtsstreite.]
Unzählige Anfragen (exakt: 1) haben mich erreicht, ob ich auch in diesem Jahr wieder das tolle Wettspiel zum Song Contest anbiete. Aber klar.
Die Spielregeln gehen diesmal so: Tippen Sie die ersten fünf Plätze und die letzten drei Plätze im Finale, und schätzen Sie außerdem, auf welchem Platz Deutschland landen wird. (Alle Teilnehmer im kommentierten Überblick finden Sie hier.)
Die Punktevergabe ist in guter Grand-Prix-Tradition unnötig kompliziert. Es gibt:
Einsendeschluss ist am Samstagabend zum Beginn der Punktevergabe.
Zu gewinnen gibt es auch diesmal vor allem das gute Gefühl, gewonnen zu haben. Außerdem könnte ich noch ein handsigniertes Exemplar des sehr empfehlenswerten Standardwerkes „Das Fernsehlexikon“ anbieten (und vielleicht treibe ich ja bis morgen noch einen zusätzlichen, etwas originelleren Preis auf, kann da aber nichts versprechen).
Viel Spaß beim Mitmachen!
(Die mit einem Stern markierten Felder müssen ausgefüllt werden.)

Oh, Nein!

Es ist …

… Kader Loth?!
Die Schweden haben es tatsächlich geschafft, jemanden zum Eurovision Song Contest zu schicken, der so nahbar, nett und natürlich aussieht wie Michael Jackson. Und wenn ich Pech habe, träume ich heute Nacht von diesem, äh, Gesicht.
Wenn ich Glück habe, ist es allerdings ein tonloser Traum und ich werde dazu nicht das Lied von Sängerin Charlotte Perrelli hören, das fast so plastikhaft ist wie sie selbst. Es ist angeblich einer der Favoriten — und hat sich vor ein paar Stunden immerhin schon mal fürs Finale qualifiziert.

Aber jenseits des Fachinteresses von Chirurgen und Plastinatoren haben ihr an diesem Abend andere die Show die Show gestohlen, im Guten wie im Schlechten. Da war der litauische Teilnehmer, der im Finale schmerzlich vermisst werden wird, weil an ihm einfach alles so ausnahmslos furchtbar und misslungen war: die Frisur, die Musik, die Lederhose, die Töne, die Atemluft, die Gürtelschnalle, alles. Sogar das Saalpublikum war so sehr damit beschäftigt, fassungslos den Mund offen zu haben, dass es sich nach Ende des Liedes nicht zu klatschen imstande sah. Erst als Sänger Jeronimas Milius dezent von der Bühne darauf hinwies, dass er fertig sei, löste sich die allgemeine Schockstarre ein wenig.

Die einzigen, die es an Unfassbarkeit mit Litauen aufnehmen konnten, war die tschechischen Frauengruppe, die, wie befürchtet, seit dem Vorentscheid weder ihre Hosen finden, noch eine Einigung über eine gemeinsame Tonart erzielen konnten.

Überhaupt war es ein Abend der schiefen Töne und der aberwitzigen Hintergrundakrobatik — und im Fall der Schweiz einer unglücklichen Kombination aus beidem. Aber man musste bei der eigentlich sehr anhörbaren Italopophymne schon Ohren und Augen zumachen, um auf einen Einzug ins Finale zu hoffen. Und zumindest der Choreograph, der die Idee hatte, die Backgroundsänger mit silberbemalten Händen Dehnungsübungen machen zu lassen, hätte dafür lebenslanges Arbeitsverbot verdient.

Keine Frage: Die Entwicklung der letzten Jahre vom Liederwettstreit zum Entertainmentwettbewerb hat sich fortgesetzt. Es geht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, darum, die größtmögliche Show zu machen, ein Drei-Minuten-Mini-Musical mit einem Gesamtpaket aus Akrobatik, Effekten und Gimmicks. Sie brachten Taschenlampen mit, Flaschen, Einpackpapier, Tücher, Wechselgarderobe, Messer, gelegentlich sogar Instrumente. Nichts ist zu albern, alles geht. Sie turnten, tanzten und posierten, was die Gelenke hergaben.


Aber es scheint nicht zu reichen, irgendeinen größtmöglichen Mumpitz zu veranstalten, wie die Bulgaren feststellen mussten, die sogar ihr DJ-Pult in Brand steckten — und trotzdem ausschieden.

Durchgesetzt haben sich überlebensgroße Inszenierungen wie die der Ukrainerin, die ihrer eher durchschnittlichen Kylie-Nummer eine sensationell schwüle Verpackung gab: Sie schubberte sich an einer Spiegelwand und holte offenbar paarungswillige Tänzer aus vier mannshohen Kisten, die sie später noch bestieg (die Kisten, nicht die Männer). Es war, wie so vieles, bizarr, hatte aber eine Energie, der man sich schwer entziehen konnte.

Auch das georgische Kalkül, mit einer blinden Sängerin ein plumpes Antikriegslied nach dem Motto „viel hilft viel“ zu inszenieren, ging auf.

Und sogar das portugiesische Über-Pathos kam an (wobei sich herausstellte, dass die Sängerin tatsächlich das Seitenverhältnis hat, das ich bislang auf eine falsche Komprimierung ihres Videos geschoben hatte).

Mein Favorit des Abends aber waren mit großem Abstand die kroatischen Straßenmusiker mit dem rappenden Opa, dem ältesten Grand-Prix-Teilnehmer aller Zeiten, einer ungewöhnlichen Nummer mit einem originellen aktionsreichen Auftritt auf der Bühne, der immer dann, wenn er fast peinlich werden konnte, doch zauberhaft blieb.

Geschafft haben es außerdem die Rocker aus der Türkei, die junge Schnulzensängerin aus Albanien und der 90er-Jahre-Eurotrash aus Island. Und als schwacher Trost für alle, die Dustin, dem irischen Truthahn, hinterhertrauern, qualifizierten sich unglaublicherweise die lettischen Piraten mit ihrer Cover-Version eines alten Klaus-und-Klaus-Hits fürs Finale. Sie hatten sich, wie viele andere, offenbar alte Bänder mit Aufnahmen von Dschinghis Khan zur Inspiration kommen lassen. Und die Oberpiratensängerin war (und das ist der andere Alptraum, der mich in Zukunft begleiten wird) mit einem so unfassbaren Riesenbusen bewaffnet, dass es nicht ganz abwegig schien, in ihrem Bikini zwei Atolle zu vermuten. (Entschuldigung.)

Wir aber verabschieden uns mit der Antwort von Ehrengast Lys Assia auf die Frage, wie es ihr vor Ort denn gefalle — Ja, das sei wunderbar hier in Serbien und Bulgarien, oder wie die Stadt noch heißt — und geben zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.
Finale: Samstag, 21 Uhr, Das Erste
Alle Sendungen auch live und on demand auf eurovision.tv
Was für eine schöne Idee: Die „Financial Times Deutschland“ (FTD) schickt einen Journalisten und einen Kameramann durch die Bundesrepublik und lässt sie innovative Unternehmen besuchen. In einer liebevoll produzierten Videoreihe auf „FTD-Online“ porträtieren sie die „Innovationsführer aus Deutschland“, die zum Beispiel wegweisende Medizintechnik entwickeln.

Hm?
Ja, richtig: Die „FTD“ hatte dieselbe Idee, die die „Welt“ schon hatte, nämlich die von und für Intel produzierten PR-Filme des Projektes „Deutschlandreise“ als redaktionellen Content zu verwenden.
Allerdings war „FTD-Online“ (anders als „Welt Online“) nicht so dreist, ihren eigenen FTD-TV-Vorspann vor oder das eigene Logo auf das Intel-Video zu bappen. Und, wichtiger Unterschied: Der Auftraggeber wird im Artikel selbst genannt, wenn auch etwas versteckt im vierten Absatz und mit einer Formulierung, die die Beziehung zwischen Intel und den Videos auf „FTD-Online“ eher verschleiert als erklärt:

Der Versuch, sich diese Konstruktion von der „FTD“ erklären zu lassen, gestaltete sich erstaunlich schwierig. Die Pressestelle beantwortete meine am Dienstagmittag gestellten Fragen am Mittwochabend zunächst wie folgt:
Was bedeutet die Formulierung, FTD-Online „präsentiert“ diese Filme?
„Präsentiert“ heißt, dass wir die Unternehmen auf ftd.de zeigen.
Ist FTD-Online in irgendeiner Weise redaktionell an der Produktion dieser Filme beteiligt?
Die Online-Kollegen waren im Vorfeld an der Auswahl der Unternehmen beteiligt, die auf der Deutschlandreise besucht werden sollen. Sie entscheiden auch, welche Filme und welche Unternehmen auf FTD.de vorgestellt werden und welche nicht.
Ist es üblich, dass die FTD PR-Filme von Unternehmen in dieser Form in ihren Online-Auftritt einbaut?
Wir betrachten die Videos des „Projekt Deutschlandreise“ nicht als PR-Filme. Wir behalten uns grundsätzlich vor, ggf. Sequenzen von Unternehmensvideos zu verwenden, wie dies auch bei TV-Sendern üblich ist. Wenn wir dies tun, kennzeichnen wir sie entsprechend, so wie wir die Quellen generell kennzeichnen.
Hat Intel für die Platzierung ihrer Filme im Online-Angebot der FTD Geld gezahlt?
Nein. Es gibt auch keine Intel-Werbung in den Videos. Aktueller Werbepartner des FTD-Videoplayers ist der Softwareanbieter Sage.
Ich bezweifle sehr, dass das stimmt: dass Redakteure von „FTD-Online“ „im Vorfeld an der Auswahl der Unternehmen beteiligt“ waren. Wie plausibel ist es, dass die „FTD“ ein Projekt mit Intel plant, das dann aber monatelang nur auf der Intel-Seite und dann zunächst auf „Welt Online“ erscheint?
Ein bisschen konterkariert wurde die Antwort der „FTD“ an mich auch dadurch, dass ungefähr gleichzeitig die Seite mit dem Video aus dem Angebot von FTD-Online verschwand und mir aus der Chefredaktion der „FTD“ bedeutet wurde, man sei alles andere als glücklich über das Projekt und die Art der Kooperation.
Deshalb habe ich gestern abend noch einmal offiziell nachgefragt, warum man das Angebot gleichzeitig verteidigt und beseitigt. Heute mittag bekam ich folgende Antwort:
Die Online-Kollegen waren im Vorfeld an der Auswahl der Unternehmen beteiligt, die auf der Deutschlandreise besucht werden sollen. Wir haben aber letztlich nur ein Video auf FTD.de gezeigt, da wir mit der Umsetzung nicht glücklich waren. Mittlerweile haben wir das Video von der Site genommen. Geld ist dabei nicht geflossen. Die Kooperation war rein redaktionell.
Ich halte den Anfang dieses Statements für eine Lüge, den Mittelteil für eine Ausrede und das Ende für rätselhaft.
Auch bei Intel widerspricht man der Darstellung der „FTD“. Die Liste der zu besuchenden Unternehmen habe allein der Chip-Hersteller bestimmt; die „FTD“ habe allein bestimmt, wann und in welcher Reihenfolge sie selbst die (gegenüber dem Original anders geschnittenen) Filme zeigt.
Dass die Zusammenarbeit nun abrupt beendet ist, bedauert Intel-Sprecher Hans-Jürgen Werner. Mit dem „Projekt Deutschlandreise“, in dem viel Herzblut stecke, habe das Unternehmen Neuland betreten. Die Wirren um die Zusammenarbeit mit „Welt Online“ und „FTD-Online“ verbucht er als Lernerfahrungen im Umgang mit einem neuen Medium. Es sei nicht darum gegangen, verdeckt Inhalte zu platzieren.
Falls die „Financial Times Deutschland“ noch weitere Versionen des Ablaufes auftreibt, werde ich sie natürlich hier nachtragen.
In Osnabrück ist seit heute Katholikentag. Das ist eine große Sache. Der Bundespräsident kommt, die Bundeskanzlerin kommt, und der noch amtierende SPD-Chef kommt auch.
Ich habe mich gerade gefragt, was da aktuell so passiert, und dachte, ich sehe einfach im Online-Angebot der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ nach, für die ich vor ziemlich genau 20 Jahren meine ersten Artikel schrieb.
Was für eine abwegige Idee.
Die Startseite von neue-oz.de sieht gerade so aus:

Klickt man auf das große Aufmacherbild, kommt man zu einem Text, der so beginnt:
Katholikentag in Osnabrück startet mit Eröffnungsfeier
Osnabrück.
Osnabrück steht bis zum Sonntag ganz im Zeichen des 97. Deutschen Katholikentages. Mit einer großen Eröffnungsfeier und einem anschließenden bunten Abend sollte das von den katholischen Laien organisierte Treffen am Mittwochabend starten.
„Sollte starten“? Richtig: Der Text ist nicht nur ein dröger Agenturtext (AFP), sondern auch die Fassung von 15:37 Uhr. Immerhin findet sich unter ihm ein Link zu einer Bildergalerie (mit lustigem Schreibfehler) …

… und ein Hinweis auf ein „Online-Spezial“. Dahin führte, zugegeben, auch ein großes Banner weiter unten auf der Startseite, das ich übersehen oder für Werbung gehalten hatte. Dort also wird die „Neue Osnabrücker Zeitung“, eine der großen deutschen Monopolzeitungen, sicher ein Feuerwerk von aktuellen Berichten, eigenen Reportagen, bunten Splittern und —
Nein, wird sie nicht.

Aufmacher im Katholikentags-Special von neue-oz.de ist ein vier Wochen altes Text-Narkotikum, das wie folgt die Aufmerksamkeit der Leser zu verlieren versucht:
Gespräche über Jugend, Umwelt und Frieden
Osnabrück.
Mehrere Zehntausend Teilnehmer werden zum 97. Deutschen Katholikentag vom 21. bis 25. Mai in Osnabrück erwartet. Nach 1901 ist es das zweite Katholikentreffen in Osnabrück. (…)
Immerhin ist der Artikel darunter sowohl aktuell, als auch eine Eigenleistung der „Neue OZ“-Redaktion. Er lautet so:

Nein, da ist kein Link. Ja, das ist der vollständige Artikel.
Heute will Christoph Daum entscheiden, ob er Trainer beim 1. FC Köln bleibt. Für den Online-Auftritt des Kölner „Express“ ist Markus Krücken live vor Ort und gewährt den Lesern in einem Live-Ticker ungekannte Einblicke in den Alltag eines Sportreporters.
(Chronologisch sortierte und um Anzeigefehler berichtigte Auswahl.)9:37 Uhr Daums Anwalt Dr. Stefan Seitz fährt in der Villa im Hahnwald vor
10:15 Uhr Daums Ehefrau Angelica bringt den wartenden Journalisten Kaffee und Hanuta
11:00 Uhr Eine genervte Nachbarin entfernt das Plakat des FC-Fan-Klubs „Wilde Horde“ mit den Worten: „Meine Hecke geht kaputt.“ und stopft das Plakat in die Mülltonne
13:47 Uhr: Die Vorhänge an der Eingangs-Tür der Daum-Villa werden zugezogen
14:40 Uhr: Stille im Hahnwald
16:24 Uhr: Ein weißer Golf fährt vor. Es ist der Zusteller eines Kölner Anzeigenblattes.
Er legt die neueste Ausgabe vor den Bronzelöwen an der Haustür.
16:32 Uhr: Für alle, die gerade erst den EXPRESS.DE-Liveticker eingeschaltet haben: Eine DAUM-ENTSCHEIDUNG gibt es immer noch NICHT!
16:42 Uhr Die zweite Kaffee-Lieferung für die Journalisten…
16:56 Uhr Die Spannung wird immer größer! Eine Entscheidung steht scheinbar kurz bevor.
17:37 Uhr Unfassbar! Eine argwöhnische Anwohnerin beklagt sich, dass die Stellplätze entlang der Straße zugeparkt sind.
17:38 Uhr Ehefrau Angelica kommt erneut aus dem Haus…
17:38 Uhr …mit dabei: Sohn Jean-Paul…
17:39 Uhr Er trägt sogar ein Deutschland-Trikot…
17:39 Uhr Der Junge ist komplett in Deutschland-Fan-Artikeln gekleidet.
17:41 Uhr …Jean-Paul wird zum Fußball-Training gefahren.
17:51 Uhr Gerade ist ein Bote auf einem Fahrrad vorbeigeradelt…
17:54 Uhr …Der Mann wirft einen Pizza-Zettel in den Briefkasten.
17:59 Uhr Das Festnetz-Telefon im Büro von Wolfgang Overath ist besetzt, der FC-Präsident ist also noch in Siegburg.
18:03 Uhr Ehefrau Angelica sammelt die Kaffeetassen wieder ein
18:20 Uhr EXPRESS-Reporter Markus Krücken folgt Christoph Daum im Wagen…
18:23 Uhr …Sie nehmen die Autobahnausfahrt Klettenberg und fahren Richtung Geißbockheim.
18:28 Uhr Ankunft am Geißbockheim!
18:28 Uhr EXPRESS erwischt Daum auf dem Parkplatz…
18:29 Uhr EXPRESS fragt nach: „Bleiben Sie FC-Trainer?“
18:31 Uhr Daum: „Ich sehe keine Notwendigkeit, öffentlich Stellung zu nehmen. Wir treffen uns jetzt mit Michael Meier.“ Geschäftsführer Horstmann soll auch dort sein.
18:34 Uhr Kollege Lars Werner meldet: Wolfgang Overath ist auf mehreren Leitungen in Siegburg nicht erreichbar. Ist er auf dem Weg ins Geißbockheim?
…
Nachtrag, Finale:
23:06: Wie bei Genscher in Prag 89! Daum tritt vor das Geißbockheim und erklärt: ICH BLEIBE!
[entdeckt von Stefan S.]
Nachtrag: Die Kollegen von onlinejournalismus.de waren schneller.

Vielleicht war es doch nicht die allerbeste Idee, einen Teddybär mit auf die Bühne zu bringen. Vielleicht hätten es mindestens zehn Teddybären sein müssen. Oder, noch besser: gar kein Teddybär. Europa ist noch nicht bereit für mittelalte Frauen, die mit Teddybär im Arm auf einer großen Bühne schöne jazzige Easy-Listening-Nummern singen. Das ist zwar schade, weil „Century Of Love“ von Geta Burlacu aus Moldau einer meiner persönlichen Favoriten war. Und weil sie, was bemerkenswert, aber vielleicht auch ein bisschen gewagt war, ganz alleine gesungen hat, ohne einen mehrstimmigen Background-Chor. Aber schon in der Sekunde, da ich den Teddybär sah, verließ mich mein bisschen Hoffnung.

Das erste Halbfinale ist gelaufen, und das erste prominente Opfer ist ein Truthahn. Dustin, die sehr angestrengt witzige Kinderfernsehpuppe aus Irland, hat es nicht ins Finale geschafft, was man durchaus als gutes schlechtes Zeichen für die anderen gewollt trashigen Kandidaten dieses Jahres sehen darf. Auch die Witztruppe aus Estland ist durchgefallen.

Geschafft hat es eine sehr, sehr bunte Mischung aus zehn Kandidaten: Das Spektrum reicht von den Hardrockern mit verstörenden Dschinghis-Khan-Anleihen aus Finnland über die Möchtegern-Mariah-Carey aus Norwegen bis hin zur „jemenitischen Nachtigall“ aus Israel, über die Kommentator Peter Urban sehr treffend sagte: „Ein großartiger Sänger, der ärmellos tragen darf — da zeigt sich, was Landarbeit bringen kann.“
Es war, bei allem, was man Schlechtes über den Eurovision Song Contest sagen kann (und das ist auch in diesem Jahr sehr viel) ein außerordentlich abwechslungsreicher Abend mit hohem Unterhaltungswert gewesen. Wen kümmert’s, dass es den meisten Liedern musikalisch entweder an Originalität oder Professionalität (oder beidem) mangelte, wenn sie mit soviel Willen zum Entertainment, so aberwitzigen Choreographien, so mutigen Kostümen und so hochtourigen Windmaschinen vorgetragen werden. (Übrigens müsste mal jemand nachschauen, ob an den Ventilatoren die Schalter abgebrochen sind: Sie durchwehten nicht nur fröhlich die dafür gemachten Frisuren der Frauen, sondern ließen auch schütteres estnisches Männerhaar zu Berge stehen und brachten die Mähnen der finnischen Rocker in eine interessante, aber nur halb gewollt aussehende Horizontale.)

Überhaupt ist das einer der absurdesten Vorwürfe gegen den Grand-Prix der letzten Jahre: dass es ja nur noch auf die abgefahrenste Show ankäme. Als sei der Versuch, das Publikum mit allen Mitteln zu unterhalten, irgendwie verwerflich.
Und im Zweifelsfall reicht es immer noch zu unfreiwilliger Komik, wie bei den Russen, deren Sänger barfuß auf der Bühne stand, während ein Eisläufer ihn umkreiste, was angesichts mancher schräger Töne nicht nur zu blutigen Fantasien meinerseits führte, sondern überhaupt merkwürdig aussah: Das Ersatzeis aus Plastik ließ den Sportler in unglücklicher Langsamkeit rumrumpeln.

Das große Drama, gerne musical- oder operettenhaft, kam beim abstimmenden Publikum an. Neben dem Duett von Popsängerin und Opernsänger aus Rumänien schaffte es auch Debütant Aserbaidschan auf Anhieb ins Finale. Die brachten tatsächlich ihre Engel- und Teufel-Nummer aus dem Video auf die Bühne, inklusive eines Komplettumzugs des Teufels von schwarz nach weiß (üblicherweise sind Garderobentricks beim Grand-Prix eher Sache der Frauen). Vorher übergoß der teuflische Sänger aber noch ein weibliches Wesen, das sich vor und unter ihm wand und räkelte, mit etwas, das sicher wie Blut aussehen sollte, aber vermutlich nicht einmal billiger Rotwein war:

Und auch das muss man sagen (und ist keineswegs typisch für diese Veranstaltung): Live singen konnten die meisten, die da heute um die Wette auftraten, manche Stimmen waren sogar richtig gut. Es half halt manchmal, die Augen zuzumachen. Im Radio zum Beispiel würde man Isis, die für Polen antrat, viel besser genießen, weil man nicht wüsste, dass sie während ihres Vortrags entweder Tai-Chi-Übungen macht oder versucht, mit den Fingerspitzen die entgegengesetzten Wände der Halle gleichzeitig zu berühren.

Die Bühne soll den Zusammenfluss von Donau und Save (und das Motto dieses Jahres „A confluence of sound“) darstellen — und macht, auch wenn man die Trilliarden LEDs und ihre Effekte aus dem „DSDS“-Studio kennt, richtig was her.

Das ist ja vielleicht das wirklich einzigartige an dieser Veranstaltung: Nicht so sehr die, äh, unterschiedliche Qualität der Musiktitel, sondern der Kontrast zur höchst aufwendigen und modernen technischen Präsentation.

Da sitzen dann auf der flimmernden, glitzernden, blinkenden Bühne vier strickende bosnische Bräute neben einer Wäscheleine, während zu einem merkwürdigen Stück Musik, das man wohlwollend „ambitioniert“ nennen könnte, eine Besessene vor ihnen Löcher in das Plexiglas zu tanzen versucht.

Der genauso, aber ganz anders merkwürdige belgische Beitrag hat es übrigens nicht geschafft. Ich würde die Schuld spontan bei den Kostümdesignern suchen…

…aber wahrscheinlicher ist, dass schon morgen wieder die absurde Diskussion um die Ostmafia oder Balkan-Connection beginnt. Denn obwohl die zwei Halbfinals kunstvoll so bestückt wurden, dass benachbarte Länder nach Möglichkeit getrennt wurden (Schweden und Norwegen ebenso wie zum Beispiel Kroatien und Bosnien-Herzegowina, Estland und Lettland, Weißrussland und Russland), schafften es aus Westeuropa nur Finnland und Norwegen ins Finale; Niederlande, Belgien, Irland, San Marino und Andorra blieben auf der Strecke.
Zu Recht, wie ich nicht nur mit Blick auf das Kleid von Gisela (Andorra) sagen möchte:

Sendetermine:
2. Halbfinale: Nacht auf Freitag, 0.45 Uhr, NDR-Fernsehen (Aufzeichnung)
Finale: Samstag, 21 Uhr, Das Erste
Alle Sendungen auch live und on demand auf eurovision.tv
Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, zu unserem kleinen Einführungskurs in die Grundlagen des Eurovision Song Contest. Im Publikum war die Frage aufgekommen, was eine Rückung ist. Nun, ohne Rückungen wäre der Grand-Prix nicht, was er ist, also machen wir das gleich zu unserem ersten Thema.
Eine Rückung ist ein Wechsel der Grundtonart in einem Musikstück. Im Gegensatz zur Modulation, bei der der Wechsel von der Ausgangs- zur Zieltonart über eine Folge mehrerer Akkorde erreicht wird, erfolgt der Wechsel bei der Rückung relativ übergangslos und unvermittelt.
In der Popmusik ist eine Rückung um einen Halb- oder Ganzton nach oben extrem häufig. Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer Steigerung zum Beispiel trotz einer bloßen Wiederholung des Refrains.
Keine Sorge, an einem praktischen Beispiel wird das gleich viel klarer, und ich bin froh, dass Nicole eingewilligt hat, zum besseren Verständnis der Rückung ihr Lied „Ein bisschen Frieden“ noch einmal zu singen, mit dem sie 1982 den Eurovision Song Contest gewann. Es enthält die klassische Form der Rückung: vor einer Wiederholung des Refrains, kurz vor Schluss des Liedes, ohne jeden harmonischen Übergang. Achten Sie darauf — gegen Minute 2:40:
Dies ist ein Platzhalter für Inhalte von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Das, meine Damen und Herren, war eine Rückung.
Nun ist die keine Erfindung des Eurovision Song Contest. Die meisten Schlager kommen nicht ohne Rückung aus, und zum Beispiel auch John Lennons „Woman“ verzichtet nicht auf den schlichten Effekt, der den Zuhörern quasi unter die Arme greift und ihnen die Illusion neuer Frische oder Dramatik gibt. Aber es ist schon auffällig, wie allgegenwärtig dieser musikalische Trick beim Grand-Prix ist, wie wenige Titel sich trauen, in ihren drei Minuten auf ihn zu verzichten. Der Siegertitel von 1981, „Making Your Mind Up“ von Bucks Fizz, ging auf Nummer sicher und baute gleich zwei Rückungen schon außergewöhnlich früh im Titel ein:
Dies ist ein Platzhalter für Inhalte von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Erkannt? Ungefähr nach zwei und zweieinhalb Minuten passiert’s.
Aber es geht noch besser. Milk & Honey schafften 1979 in Israel einen Heimsieg mit „Hallelujah“ und wechselten nicht weniger als dreimal die Grundtonart:
Keine Frage: Die Rückung hat ein Imageproblem. Sie ist ein Klischee, gilt als billig. Dabei muss sie gar nicht abgegriffen sein. Der diesjährige Beitrag aus Moldau zeigt, wie sich der Tonartwechsel mit einem hübschen Break und an überraschender Stelle im Titel unterbringen lässt (2:00):
Dies ist ein Platzhalter für Inhalte von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
So. Und wenn Sie heute Abend das erste Halbfinale gucken, können Sie aus diesem Fachwissen ein lustiges Trinkspiel machen.
Herr Heinser, Sie haben sich alle 43 Teilnehmer des Grand-Prix 2008 vollständig angehört. Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?
Es war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber eine große Herausforderung für einen einzelnen Menschen mit nur zwei Ohren.
In Belgrad wird schon seit Tagen geprobt, in Deutschland ist die Jagdsaison für Käseigel eröffnet und zwischen Baltikum und Kaukasus macht man sich bereit, sich die Punkte schneller zuzuschanzen, als man „Ostblockmafia“ sagen kann: Es ist Grand-Prix-Zeit!
Nach dem neuen Modus müssen sich alle Länder außer den vier großen Geldgebern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien) und dem Vorjahressieger (Serbien) erst in einem von zwei Halbfinals für das Finale am Samstag qualifzieren. Im ersten Halbfinale am Dienstag dürfen auch die deutschen Fernsehzuschauer mitstimmen.
Wenn es einen neuen Trend gibt in diesem Jahr (neben dem weiteren Vormasch von dramatischen Balladen mit osteuropäischem Gefühl), dann ist es der zu gewolltem Trash (im Gegensatz zu dem unfreiwilligen, unvermeidlichen Trash, der seit Jahrzehnten elementarer Bestandteil des Grand-Prix ist). Die Masse des Feldes aber teilt sich ungefähr gleichmäßig auf in weniger oder weniger geglückte Versuche, internationale Poptrends zu kopieren, und eigenartige Kompositionen, die man nur beim Eurovision Song Contest zu hören bekommt, was ebenso für wie gegen die Veranstaltung spricht. Vom singenden Truthahn (Irland) über Dschinghis-Khan-Wiedergeburten (Lettland), einen Opernsänger (Rumänien), harte Rocker in Leder (Finnland) bis hin zur Hiphop-Reggae-Pop-Fusion (Bulgarien) ist gegen jeden Geschmack etwas dabei.
Lukas von Coffee & TV und ich haben uns auch dieses Jahr vorab durch die Videos der Teilnehmer gekämpft und versucht, die Spreu von der anderen Spreu zu trennen. Unseren großen Grand-Prix-Führer 2008 finden Sie hier (nicht erschrecken: mit Fotos!).
Beim britischen Buchmacher William Hill liegen aktuell übrigens Russland, Serbien, die Ukraine und Armenien vorne und Deutschland weit abgeschlagen im Mittelfeld, aber das muss nichts zu bedeuten haben.
Und hier ist ein erstes Votum der Jurys aus Bochum und Berlin:
| Bochum | Berlin | |
| Titel, die man sich wirklich anhören kann | Schweiz | Serbien |
| Dänemark | Moldau | |
| Frankreich | Kroatien | |
| Favoriten | Schweden | Serbien |
| Polen | Albanien | |
| Kroatien | Rumänien | |
| So schlecht, dass es schon wieder gut ist | Belgien | Bulgarien |
| Andorra | Schweden | |
| Malta | Malta | |
| Nur schlecht | Island | Zypern |
| Lettland | Lettland | |
| Spanien | Weißrussland |
Sendetermine:
1. Halbfinale: Dienstag, 21 Uhr, NDR-Fernsehen
2. Halbfinale: Nacht auf Freitag, 0.45 Uhr, NDR-Fernsehen (Aufzeichnung)
Finale: Samstag, 21 Uhr, Das Erste
Die Videos aller Kandidaten kann man sich auf der offiziellen Seite eurovision.tv ansehen.
Dies ist einen Platzhalter für X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen