Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet

Die Fluggesellschaft Easyjet verkauft täglich auf ihren Routen von und nach Berlin-Schönefeld knapp vier Liter Bier. Das ist eine beachtliche Sache. Zwölf 0,33-Liter-Dosen am Tag! Also: fast. Das zeigt, dass es sich für das Unternehmen wirtschaftlich lohnt, Schönefeld anzufliegen.

Meint der „Tagesspiegel“.

Er hat sich die Bilanz „eigens“ von Easyjet für die eigene Berichterstattung ausrechnen lassen: 14.519 Liter Bier in zehn Jahren, „ab Schönefeld“. (Ich nehme an, der „Tagesspiegel“ meint mit „ab“ Schönefeld „von und nach“ Schönefeld.)

Vor zehn Jahren hat das Unternehmen zum ersten Mal Schönefeld angeflogen, und der „Tagesspiegel“ hat beschlossen, dass das ein Grund zum Feiern ist. „Exakt 285.144.899 Kilometer Strecke haben Easyjet-Gäste seither bis zum Wochenende von und nach Berlin gemeinsam zurückgelegt“, staunt er. Ich weiß nicht genau, wie er das mit dem „gemeinsam“ meint und ob das die Strecken sind, die die Flugzeuge zurückgelegt haben, oder die Strecken multipliziert mit der Zahl der Passagiere. Ohnehin lassen sich Flugkilometer so schlecht in handelsübliche Fußballfelder und Saarländer umrechnen, weshalb der „Tagesspiegel“ als Vergleichsgröße die uns allen im täglichen Leben ja geläufige Entfernung zum Mars anbietet. Den hätte Easyjet jedenfalls angeblich locker erreichen können, wenn die Fluggesellschaft nicht so albern zwischen Berlin und irgendwelchen anderen Städten hin- und hergeflogen wäre, sondern schön am Stück zum Mars.

Weiters hat Easyjet für den „Tagesspiegel“ ausgerechnet, dass in den vergangenen zehn Jahren 31 Millionen Passagiere mit der Linie von oder nach Berlin flogen. Angesichts einer Einwohnerzahl von 3,5 Millionen ist nach Ansicht des „Tagesspiegels“ „statistisch jede Berlinerin und jeder Berliner fast neun Mal mit Easyjet mit Berlin geflogen“.

Es hat angesichts der Qualität des Artikels eine gewisse Konsequenz, dass daraus im Vorspann wird, „jeder neunte“ Berliner sei schon einmal mit Easyjet geflogen, was nicht einmal annähernd dasselbe ist. Aber auch die Ursprungsrechnung stimmte natürlich nur dann, wenn man annähme, dass ausschließlich Berliner von und nach Berlin mit Easyjet fliegen, weshalb ich folgende Alternativrechnung vorschlagen möchte, die mir deutlich sinnvoller erscheint: Wenn man davon ausgeht, dass die Passagiere im Schnitt 1,80 Meter groß sind, und sie hintereinander auf den Boden legt, könnte man die Easyjet-von-und-nach-Schönefeld-Fluggast-Schlange 8,75 1,4 mal um den Erdball wickeln. Gleich viel anschaulicher.

Jedenfalls fliegt seit zehn Jahren eine stattliche Zahl von Menschen (die ganz überwiegend nicht so blöd sind, an Bord teures Bier zu kaufen) mit Easyjet von und nach Berlin, und wenn man Hartmut Mehdorn ist, kann man das mangels anderer Anlässe schon mal als Grund zur Freude nehmen:

„Wir freuen uns über zehn Jahre Easyjet in Berlin und gratulieren herzlich zum Jubiläum“, lässt Berlins stressgeplagter Flughafenchef Hartmut Mehdorn aus diesem Anlass über den Tagesspiegel ausrichten. „Easyjet hat mit dazu beigetragen, das Gesicht der deutschen Hauptstadt noch internationaler zu machen.“

Für eine persönliche Botschaft fehlte dann also anscheinend doch die Muße, aber der „Tagesspiegel“ ist so nett, dem Easyjet die Glückwünsche von Herrn Mehdorn auszurichten, auch wenn offenbleibt, inwiefern es nötig war, damit nun uns als Leser zu behelligen.

Der „Tagesspiegel“ fügt hinzu:

Mehdorns warme Worte sind angebracht. Denn während Air Berlin, die Lufthansa und ihre Tochter Germanwings in Tegel starten und landen und dessen Kapazitäten über die Grenzen treiben, sorgt Easyjet weiter für den nötigen Betrieb am kleineren Standort Schönefeld, der sonst womöglich veröden würde. Waren vor zehn Jahren noch 41 Fluggesellschaften dort vertreten, sind es heute nur noch 25.

Ja, total nett von Easyjet, wobei vielleicht noch ein bisschen aufschlussreicher als die Zahl der Fluggesellschaften die Information gewesen wäre, dass sich in Schönefeld in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Fluggäste mehr als verdoppelt hat. Die Verödung droht also vielleicht doch nicht unmittelbar.

Der Artikel schließt mit dem Gedanken, dass man vor zehn Jahren dem damaligen Easyjet-Chef hätte trauen und Aktien kaufen sollen, dann bekäme man heute nämlich vier mal so viel dafür (und könnte sich, aber das steht da nicht, auch ohne zu zögern alle paar Tausend Flugkilometer das ein oder andere Easyjet-Bier leisten).

Ich weiß nicht, ob der „Tagesspiegel“ für diese Werbe-Geschichte zum Berlin-Anflieg-Jubiläum von Easyjet bezahlt wurde, aber ehrlich gesagt: Ich hoffe es. Einen solchen durch und durch bekloppten Artikel ohne eine entsprechende Entschädigung zu veröffentlichen, wäre ja noch schlimmer.

Und es ist ja nicht die einzige Glückwünsch-Botschaft, die der „Tagesspiegel“ dem Unternehmen schenkt. Parallel veröffentlichte er ein Stück mit dem Titel „Easyjetter fliegen auf Berlin“ und dem Vorspann:

Die erste Easyjet-Maschine landete vor zehn Jahren in Schönefeld. Was keiner ahnte: Am 28. April 2004 begann eine neue Tourismus-Ära. Was treibt Millionen Easyjetter nach Berlin?

Der Artikel erklärt weder, inwiefern eine neue Tourismus-Ära begann, noch was Millionen „Easyjetter“ nach Berlin treibt. Die Autorin war nur „unterwegs an zwei toruristischen (sic!) Hotspots“: Am Brandenburger Tor und in der Simon-Dach-Straße, zwei Orte, die man als Berliner Lokalzeitung der einheimischen Bevölkerung wirklich dringend mal vorstellen musste („Die Simon-Dach-Straße erinnert ein wenig an eine Kirmes“). Um Billigflieger geht es, außer in Überschrift und Vorspann — nicht.

Immerhin aber in einem dritten Stück zum Thema „Zehn Jahre Easyjetter in Berlin“, das sich freut:

Ohne Billigflieger säße so manche Kneipe vermutlich auf dem Trockenen. Denn sogenannte Pubcrawler sichern den Umsatz — und das Einkommen von Stadtführern.

Und so hebe ich mit der „Tagesspiegel“-Redaktion die selbstmitgebrachte Bierflasche in die Höhe und bitte Sie um einen Toast auf Easyjet. Dieses wunderbare Unternehmen, das der Stadt (und, anscheinend, hoffentlich, einer ihrer siechen Regionalzeitungen) so viel Gutes beschert!

[via Simon Drees]

Nachtrag, 23:25 Uhr. Der „Tagesspiegel“ hat unauffällig den „jeder neunte“-Fehler im Vorspann durch den „fast neun Mal“-Quatsch ersetzt.

Nachtrag, 29. April. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, nennt die Texte „ok“ und die Teaser-Fehler „peinlich“ und meint, ich fände den Schleichwerbungsvorwurf offenbar selbst albern.

Heute früh hat der „Tagesspiegel“ noch einen „Easyjet“-Artikel veröffentlicht; es ist (zusammen mit diesem) der fünfte. Der Markenname steht darin zwar nicht sichtbar für Leser, aber als Stichwort für Suchmaschinen.

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (3)

Angenommen, ein seriöses Nachrichtenmagazin bringt einen großen Bericht über neue Werbeformen, zeigt, wie heikel die sind, und betont dabei, dass man selbst eine weiße Weste hat: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Und angenommen, dann kommt raus, dass das gar nicht stimmt.

Würde man dann nicht, als seriöses Nachrichtenmagazin, in der nächsten Ausgabe seine Leser kurz informieren, dass man sie falsch informiert hatte? Gut, natürlich nicht gleich am Anfang, in der „Hausmitteilung“, da steht nur, wie toll das eigene Heft ist. Und natürlich auch nicht ganz am Ende, in der Rubrik „Rückspiegel“, da steht nur, wie toll andere das eigene Heft finden.

Aber vielleicht irgendwo dazwischen, nur eine Notiz, zum Beispiel in dem kleinen „Korrekturen“-Kasten oder auf der Meldungsseite im Medienteil?

Natürlich würde man dadurch Leser, die gar nichts mitgekriegt hatten von dem peinlichen falschen Versprechen — und das wäre womöglich die Mehrheit — überhaupt erst darauf aufmerksam machen. Andererseits würde man denen, die es mitgekriegt haben, zeigen, dass man ein Nachrichtenmagazin ist, dem man trauen kann, sogar wenn es in eigener Sache berichtet.

Wäre das nicht, wenn man es schon nicht hingekriegt hat, in seinem Online-Auftritt Werbung und Redaktion so sauber zu trennen, wie man vorgegeben hat, ein schönes Zeichen, dass man es wenigstens hinkriegt, zu seinen Fehlern zu stehen? Aufrichtig und transparent mit ihnen umzugehen?

Der „Spiegel“ hat diese Fragen offenbar mit Nein beantwortet und so steht im neuen Heft darüber, dass man mindestens ein Jahr lang genau das betrieben hat, was man bei anderen kritisierte und für sich ausschloss: kein Wort.

Aber gut, was sollte die Redaktion auch machen, um über solche Themen mit ihren Lesern ins Gespräch zu kommen? Bloggen?

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (2)

Abruptes Ende einer Partnerschaft: „Spiegel Online“ hat die Unterdomain eurojackpot.spiegel.de abgeklemmt, auf der, als „Service von WestLotto“, im redaktionellen Gewand für die Lotterie geworben wurde. Geschäftsführung und Chefredaktion von „Spiegel Online“ erklärten, die Werbung hätte in dieser Form „nicht live gehen dürfen“. Dass dies dennoch geschehen sei, sei ein „Fehler“.

Es war ein erstaunlicher hartnäckiger Fehler. Denn auf diesen Seiten erschienen nicht nur ein paar einzelne Werbe-Kolumnen. Im Laufe eines Jahres wurden hier auch hundert vermeintliche Nachrichtenartikel publiziert, die im Auftrag der staatlichen Lotteriegesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für das Glücksspiel warben.

Zum Beispiel:

  • Riesige Spannung – Größter Jackpot in Deutschland steigt weiter
  • Überragend: Rekordjackpot von 47 Mio. Euro wartet kommenden Freitag
  • YouTube-Star beschenkt Obdachlosen mit Lotterie-Gewinnerlos
  • Eurojackpot-Reporter beim Eurovision Song Contest
  • Ungarischer Obdachloser gewinnt Lotterie-Jackpot von zwei Millionen Euro
  • Passend zum Valentinstag: Großgewinne über ganz Europa verteilt
  • Britische Lotterie-Millionärin teilt Gewinn mit ihrem Ex-Mann
  • Weihnachtliche Bescherung für drei Eurojackpot-Tipper aus Deutschland
  • Ein Dorf wird Millionär
  • Der große Glücksatlas
  • Wenn halb Europa Lotto spielt
 und am Ende Deutschland gewinnt
  • Kellnerin in den USA erhält Lotterie-Lose als Trinkgeld und gewinnt

„In loser Reihenfolge“ wurden andere Länder vorgestellt, die auch an der Lotterie teilnehmen („Spanien: Beliebtes Reiseziel im sonnigen Süden“); der Unternehmens-Sprecher erklärte, was ein glückliches Leben ausmache und welche Rolle das Glücksspiel dabei spiele („Es ist vor allem der Traum vom Glück, der viele Lotteriespieler antreibt“), neue Forschungsergebnisse wurden mitgeteilt („Glückliche Menschen werden seltener krank“).

All diese vielen Dutzend Artikel, die plump bis halbsubtil für die Lotterie warben, erschienen im redaktionellen Design von „Spiegel Online“, gekennzeichnet bloß als „Service von WestLotto“. Von jeder „Spiegel Online“-Seite führte ein Link am Fuß zur Themenseite mit den jeweils aktuellen Beiträgen.

Und bei „Spiegel Online“ hatte bis eben niemand diesen „Fehler“ bemerkt.

[via Jan in den Kommentaren]

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“

Der „Spiegel“ berichtet in seinem aktuellen Heft über den Trend zu native advertising: Werbung, die gestaltet wird wie ein redaktioneller Artikel und nur durch einen — mehr oder weniger deutlichen — Hinweis als Anzeige gekennzeichnet ist. Das Stück referiert die aktuellen Diskussionen in den Vereinigten Staaten und Deutschland und zeigt, wie heikel solche Formen für die Glaubwürdigkeit seriöser Medien ist.

Mit „native advertising“ erreicht die bewusste Irreführung der Leser eine neue Qualität: Sie wird zu einem gängigen Stilmittel der Werbung, vor allem im Netz. Dort lassen sich Inhalt und Reklame deutlich einfacher und billiger verbinden als in gedruckten Medien.

Das Nachrichtenmagazin zitiert den „Guardian“-Kolumnisten Bob Garfield:

„Der Journalismus verkauft damit seine Seele.“

Der „Spiegel“ zieht darin für sich selbst eine klare Grenze:

Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.

In einem Video zum Heft erklärt Medienredakteur Martin U. Müller, einer der beiden Autoren des Textes, dass man Anzeigen bei „Spiegel Online“ selbstverständlich klar von redaktionellen Inhalten unterscheiden könne, durch Gestaltung, Schriftart, Farbgebung und so weiter. Andere Seiten sähen das nicht so eng, sagt er, und führt den Zuschauer durch verschiedene Beispiele, bei „Werben & Verkaufen“ und der „Huffington Post“, wo nur ein leicht zu überlesener Hinweis wie „Sponsored Post“ über dem Text deutlich mache, dass die Inhalte gekauft wurden.

Nun.

Dann sagen Sie doch mal spontan, wonach diese regelmäßige Kolumne über das Glück auf „Spiegel Online“ aussieht:

Die Schriftart ist die Standard-Schriftart von „Spiegel Online“. Die Farben sind die des Panorama-Ressorts. Und oben in der Brotkrumen-Navigation ist der Text säuberlich in die redaktionelle Hierarchie einsortiert: Nachrichten > Panorama > Eurojackpot

Der Autor Oliver Schönfeld schaut aus einem Guckloch wie die anderen Kolumnisten von „Spiegel Online“. Und er wird ausdrücklich als „Journalist“ vorgestellt. Dabei nennt sich seine Firma „Schönfeld PR“, und er ist eher nicht journalistisch tätig, sondern werblich. Die Artikel sind anscheinend von WestLotto bezahlt. Das lässt die Formulierung „Ein Service von WestLotto“ auch erahnen, aber eben doch nur: erahnen.

Um den „Spiegel“ selbst zu zitieren:

Die verbalen Verrenkungen, mit denen sich viele Verlage um das Wort „Werbung“ herumdrücken, lässt an ihrem Bemühen um Transparenz zumindest zweifeln.

Unter der vermeintlichen Glücks-Kolumne steht zwar auch als Kleingedrucktes der Satz:

SPIEGEL ONLINE ist weder für den Inhalt noch für ggf. angebotene Produkte verantwortlich.

Aber das ändert nichts daran, dass die Gestaltung der Anzeige erkennbar auf die Möglichkeit einer Verwechslung mit redaktionellen Inhalten abzielt.

Das Wort „Anzeige“ oder „Werbung“ vermeidet „Spiegel Online“ auch bei dem Kasten, der am Fuß jeder Seite steht:

Ein „Serviceangebot“ von einem „Spiegel Online“-„Partner“, was mag das sein? Unter dieser Überschrift sind munter redaktionelle und werbliche Inhalte sowie Kooperationen, bei denen völlig unklar ist, ob und wie „Spiegel Online“ daran verdient, gemischt. Vor dem Klick hat der Leser keine Chance, es zu erraten. Oder hätten Sie gedacht, dass der „Kreditvergleich“-Link ein Werbelink ist, der „Versicherungen“-Link aber ein redaktioneller?

Ich halte das an sich schon für eine schlechte Idee von „Spiegel Online“. Besonders schlecht ist aber, wenn der „Spiegel“ den Eindruck erweckt, „Seelen-Verkäufer“, das sind nur die anderen.

Nachtrag, 22. April. Es gibt doch eine Möglichkeit, vor dem Klick auf einen der Links in dem „Serviceangebot“-Kasten zu wissen, ob er zu Werbung oder einem redaktionellen Inhalt führt: Wenn man den Mauszeiger über dem jeweiligen Stichwort schweben lässt, erscheint nach etwa einer Sekunde das Wort „Anzeige“ (oder nicht).

Nachtrag, 12:30 Uhr. „Spiegel Online“ hat die Werbe-Kolumne als „Fehler“ bezeichnet. Barbara Hans, die stellvertretende Chefredakteurin, sagte gegenüber „Meedia“, die Anzeige unterscheide sich „nicht eindeutig und klar genug von redaktionellen Inhalten. Insbesondere sind Begriffe wie ‚Kolumne‘ und ‚Journalist‘ sowie die optische Anmutung im Kolumnen-Layout dem redaktionellen Bereich von Spiegel Online vorbehalten.“

Der Link zur „Eurojackpot“-Unterseite ist im „Service“-Mischkasten und im „Panorama“-Menu nun verschwunden.

Unter Schafen

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Endloser Regen, twitternde Schäfer und die „passiv-subversivsten Tiere diesseits des Esels“: Wie die Herdwicks den Lake District im Nordwesten von England prägen.

Der Schäfer drückt mir das Lamm in die Hand, damit ich den Unterschied fühlen kann. Es ist mit einem dunklen, dicken, dichten Lockenmantel auf die Welt gekommen. Robust fühlt es sich an. Kein Vergleich zu dem hellen, dünnen, weichen Flaum auf der Haut des Standard-Lämmchens, das er daneben hält.

Das wenige Tage alte Schaf, das ich auf dem Arm habe, ist ein Herdwick, ausgestattet mit dem vielleicht besten Wetterschutz, den die Natur für kleine Lämmer zu bieten hat, gemacht für eine Umgebung, in der es im Zweifel immer gerade regnet.

Lake District heißt diese Gegend ganz im Nordwesten von England. Sie könnte auch Rain District heißen. In einem ihrer Täler liegt der regenreichste Ort Englands. Vor einem Pub dort hängt eine Gedenktafel: „In liebender Erinnerung an einen sonnigen Tag in Borrowdale.“ Im Süßigkeitenladen in Keswick bieten sie neben Schokoladenhasen und Schokoladenküken Schokoladenregenschirme an. Und die Verkäuferin im Fish-and-Chips-Geschäft in Windermere erzählt, dass es eigentlich immer regnet, nur manchmal woanders auch, dann verteilt sich das schlechte Wetter etwas mehr, so dass es hier nicht ganz so schlimm ist.

Es hat etwas merkwürdig angemessenes, hier im Nieselregen an den weißgetünchten alten Höfen vorbeizulaufen, Weiden, die zu Sumpflandschaften geworden sind, zu durchqueren, tosende Wasserströme zu kreuzen und über moosbewachsene Steinmauern zu klettern. Es ist kein Ort für Schönwetterwanderer, überall sind auch im Regen Menschen unter zugezurrten Kapuzen unterwegs. Doch dann pustet der Wind plötzlich die Wolken weg und mit einem Mal ist im Sonnenschein alles tiefgesättigte Farbe: das Blau der Seen, das Grün der Wiesen, erstaunliches Rot, Braun, Gelb, Ocker auf den baumlosen Berghängen.

Ein Traum, der das Schroffe schottischer Gebirge mit der Lieblichkeit südenglischer Hügellandschaften aufs Romantischste kombiniert.

Es ist eine Landschaft, die von den Schafen geprägt wurde, und es sind Schafe, die von der Landschaft geprägt wurden. Seit Jahrhunderten grasen Herdwicks hier auf den Bergkuppen, harren in Wind und Regen aus. Sie sind unabhängig und hart im Nehmen, und auch wenn die Theorie, dass die Wikinger sie vor tausend Jahren in diese Gegend gebracht haben, unbewiesen ist, will man das sofort glauben: Dass es legendär furchtlose Krieger waren, die solch toughen Haustiere mitbrachten. Es gibt Geschichten von Herdwicks, die wochenlang unter Schnee überlebten. Als man sie fand, sollen sie blind gewesen sein und ihre eigene Wolle gefressen haben – aber sie erholten sich.

Sie sind, andererseits, sehr niedlich, und es ist kein Wunder, dass sich die Kinderbuchautorin Beatrix Potter in sie verliebte. Sie wirken wie Schafe in Reinform, reduziert auf das Wesentliche und als wären sie von oder für Kinderbuchillustratoren entwickelt worden: Zwei Knopfaugen im glatten, hellen Gesicht; Mund und Nase wie genäht; eine großer, rechteckiger Flauschkörper in vielfältig grauen Marmorfarben auf stämmigen Beinstummeln. Kopf und Beine sollen im Idealfall die Farbe von Raureif haben.

Sie sehen so sympathisch und perfekt schafhaft aus, wenn sie ihre weißen Köpfe aus dem Gras nehmen und für einen Moment aufhören zu kauen: Stoisch schauen sie einen an, nicht unfreundlich, aber nur mit gerade so viel Interesse, wie unbedingt nötig ist, um abzuschätzen, ob es ratsam sein könnte, ein paar Meter weiterzuschlurfen, um ungestört weiter an der dünnen Grasnarbe knabbern zu können. Ihre Gesichter leuchten hell in der Landschaft, was es zu einem besonderen Erlebnis macht, wenn der Wanderweg durch eine Wiese führt und man plötzlich Dutzende Herdwick-Köpfe auf einen gerichtet sieht.

Sie waren eigentlich aus der Mode gekommen, keine Rasse für einen modernen Schäfer, und auch der Mann, der heute als „Herdwick Shepherd“ über sie twittert, hätte sich vor gut zehn Jahren noch nicht vorstellen können, ausgerechnet Herdwicks zu züchten. Aber dann kam die Maul- und Klauenseuche, die im Lake District besonders verheerend war. Und Schäfer-Familien wie seine stellten sich nach dieser Apokalypse die Frage, unter welchen Bedingungen es sich überhaupt lohnen könnte, noch Schafe zu halten.

Die Herdwicks boten eine Antwort, weil sie so verhältnismäßig wenig menschliche Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen. Aber wenn der Herdy Shepherd – der nicht möchte, dass man seinen richtigen Namen nennt – heute von seinen Herdwicks erzählt, tut er das mit einer Leidenschaft für genau diese Tiere, die nichts mit wirtschaftlicher Notwendigkeit zu tun hat.

Er bekommt ein Leuchten in den Augen, wenn man ihn anspricht auf das eine Schaf unten im Feld vor seinem Hof, das schon zwei Lämmer bei sich hat. Es ist eins von denen, die er seine „Schönheitsköniginnen“ nennt. Sie hat schon Routine im jährlichen Lauf der Dinge hier und weiß, dass um die Ecke eine Wiese ist, die in den vergangenen Wochen schaffrei gehalten wurde, damit sie und die anderen Mütter dort reichlich Gras finden würden.

In ein paar Wochen wird sie dann über uralte Wege mit den anderen dorthin gehen, wo sie eigentlich zuhause sind. Der Schäfer zeigt in die Ferne auf eine der Bergkuppen, die hier „fell“ heißen und auf denen man Mitte April noch größere Schneeflecken sieht. Die ersten Tiere, die ohne Nachwuchs, sind jetzt schon da, es folgen dann Mütter mit nur einem Lamm und schließlich die Familien mit Zwillingen.

Dort oben auf den Bergen ist traditionell offenes Gemeinschaftsland, Commons, Allmende – die größte Fläche in Europa. Die Herdwicks können sich weit ausbreiten, was sie weniger anfällig für Krankheiten macht. Und sie wissen, wo sie hingehören. Sie haben einen Flecken Erde, an den sie sich gebunden fühlen; die Muttertiere geben das Wissen an ihren Nachwuchs weiter.

Traditionell gehören die Schafe hier deshalb zu den Höfen: Wenn dessen Mieter wechselt, übernimmt er die Tiere. Herdwicks sind die Brieftauben unter den Schafen: Sie haben einen besonders ausgeprägten Heimfindeinstinkt – und einen Drang, zu „ihrem“ Berg zurückzukehren. Zu den Geschichten des Lake Districts gehören die von kleinen Schaftrupps, die beim Durchqueren von Ortschaften angetroffen werden, nachdem sie sich eigenmächtig auf dem Weg dahin zurück gemacht haben, wo sie ihrer Meinung nach hingehören. Manche sollen ein halbes Jahr, nachdem sie verkauft wurden, auf ihrem Ursprungs-Hang wieder aufgetaucht sein, Dutzende Kilometer entfernt.

Philip Walling, der in dem Buch „Counting Sheep“ die Hirten-Kultur Großbritanniens würdigt, nennt die Herdwicks „die passiv-subversivsten halb-domestizierten Tiere diesseits des Esels“: „Wenn sie in einem Feld glücklich sind, bleiben sie da, aber immer nur aus freien Stücken. Ihr Ur-Drang nach Freiheit ist nie weit unter der Oberfläche. Wie Kriegsgefangene lauern sie auf die kleinste Gelegenheit zum Ausbruch und behalten beim Grasen das Gatter im Auge, für den Fall, dass es jemand offen lässt.“

In diesen Tagen sind sie aber überwiegend damit beschäftigt, Lämmer zur Welt zu bringen. 500 Tiere hat der Herdy Shepherd; für Problemfälle hat er eine kleine Entbindungsstation in seinem Stall eingerichtet. Die besten Lämmer sind pechschwarz, mit etwas weißem Flaum an den Ohrenspitzen sowie im Nacken, als erste Andeutung dessen, was später einmal eine eindrucksvolle Mähne sein soll.

Stolz zeigt der Herdy Shepherd Fotos von seinen preisgekrönten Böcken und erzählt, wie wichtig es ihm ist, den Respekt der alten Schäfer zu erwerben, deren Tradition er fortzuführen versucht. Solche Vorzeige-Zuchttiere lassen sich auch deutlich teurer verkaufen, was hilft, das mühsame Geschäft ein bisschen wirtschaftlicher zu machen.

Seit kurzem wird viel daran gearbeitet, die Wertschätzung für die Herdwicks und die mit ihnen verbundene landwirtschaftliche Kultur zu steigern. Es gibt Herdy-Tassen, Schlüsselanhänger und Eierbecher. Prinz Charles hat vor zwei Wochen die erste Versteigerung von Herdwick-Schafen mit einem eigenen Qualitäts-Markenzeichen besucht.

Twitter hilft vielleicht auch. Über 25.000 Menschen folgen @herdyshepherd1 auf Twitter. Er teilt mit ihnen Fotos von Lämmern, erzählt Geschichten von schweren Geburten und Schäferhund-Lehrlingen und beantwortet Fragen wie: „Habt ihr ein Problem mit Wölfen?“ („Nicht seit 1750, seit jemand den letzten in Großbritannien erschossen hat.“)

Medien auf der ganzen Welt haben über ihn berichtet. In einem Gastbeitrag für den „Atlantic“ schrieb er: „Twittern ist so etwas wie ein Akt des Widerstandes und des Trotzes, eine Möglichkeit, der manchmal desinteressierten Welt entgegenzurufen, dass man dickköpfig ist und stolz und nicht nachgibt, während überall sonst in eine Kopie von überall sonst verwandelt wird.“ Die Leute aus der Landwirtschaft seien traditionell schlecht darin, der Öffentlichkeit ihre Sicht der Dinge zu vermitteln, erzählt er, was sich oft räche.

Vergangene Woche postete er Bilder von der ersten Runde Herdwicks, die in diesem Jahr zurück auf ihre angestammten Berge geführt wurden. Und dann ein Foto von Floss, der Schäferhündin, nach der Arbeit auf dem Quad-Bike, mit weitem Blick über die Hügel. „Floss mag die Landschaft“, twitterte er. „Oder vielleicht sieht sie in der Ferne irgendwelche entkommenden Schafe, die ich nicht sehe.“

Nicht jedem wird bei diesem Anblick warm ums Herz. Der Umweltschützer und „Guardian“-Kolumnist George Monbiot findet die Landschaft „eine der deprimierendsten in Europa“ und nennt sie „sheepwrecked“ – zerstört von der „weißen Plage“ der Schafe, die die Berge nackt halten, „jede essbare Pflanze, die ihren Kopf hebt, abmähen, und Tiere ihres Lebensraumes berauben“.

Monbiot kämpft dafür, die Landschaft zu „renaturieren“ und sie in einen Zustand zu versetzen, in dem sie seit Jahrhunderten nicht war. Vermutlich muss man es vor dem Hintergrund solcher Kritiker lesen, wenn der Herdy Shepherd zwischendurch vier Tweets lang aufzählt, welcher Artenvielfalt von Tieren er bei der Arbeit begegnet ist.

Die britische Regierung hat beschlossen, den Lake District 2016 für die Unesco-Welterbe-Liste vorzuschlagen – als herausragende Kulturlandschaft. Das soll natürlich dem Tourismus dienen. Aber es wäre auch eine besondere Anerkennung für die besonderen kulturellen und landwirtschaftlichen Traditionen, die diese Landschaft geformt haben. Also auch und vor allem: für die Herdwicks.

Man sagt über sie, sie lebten „von frischer Luft, sauberem Wasser und guter Aussicht“. Aber ein bisschen Liebe kann vermutlich nicht schaden.

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Flausch am Sonntag (62)




Im Lake District, ganz im Nordwesten Englands, leben die tollsten Schafe: Herdwicks. Sie sind außerordentlich selbstständig, robust und hart im Nehmen, so dass man sofort die These glauben will, dass die Wikinger sie vor tausend Jahren hierhin mitgebracht haben. Und andererseits sind sie hinreißend niedlich mit ihren Knopfaugen im glatten, raureiffarbenen Gesicht und dem zotteligen marmorfarbenen Flauschkörper — als wären sie von oder für Kinderbuchillustratoren entwickelt worden.

Ich war vor zehn Tagen dort und habe es auch geschafft, den @HerdyShepherd1 zu treffen. Mein Bericht (und eine Art Liebeserklärung an diese Schafe) steht heute in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Der Fotograf Ian Lawson hat ein Buch gemacht mit grandiosen Bildern von der Landschaft und den Tieren, die sie geprägt haben (und umgekehrt). Durch viele Seiten kann man sich hier blättern:

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Flauschige Ostern!

Über Kai Diekmann

Kai Diekmann, der von Fachmedien seit einiger Zeit als lustiger, selbstironischer und eloquenter Mensch mit Bart behandelte Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, hat mit einer Wortmeldung auf Twitter auf meinen Spott über die Ukraine-Berichterstattung seiner Zeitung reagiert:

… bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert

Mittwoch, 16. April. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, schreibt in der „FAZ“ an den Verwaltungsratsvorsitzenden von Google, Eric Schmidt:

Ein anderer Weg wäre die freiwillige Selbstbeschränkung des Siegers. Ist es wirklich klug, zu warten, bis der erste ernstzunehmende Politiker die Zerschlagung Googles fordert?

Donnerstag, 17. April. Rainer Brüderle, der frühere Bundeswirtschaftsminister (FDP), fordert im „Handelsblatt“:

Zerschlagt Google!

Na, da scheint Google ja noch ein bisschen Zeit zu haben.

Wie „Focus Online“ die Kritik der Schumacher-Managerin fälscht

Da waren die Menschen, die im Schutze der Anonymität bei „Focus Online“ seit Wochen den Michael-Schumacher-Live-Ticker befüllen, vielleicht doch für einen Moment ins Schwitzen gekommen. Denn natürlich live-tickerten sie auch die Sendung „Günther Jauch“, in der es um Michael Schumacher und vor allem den Umgang der Medien mit seinem Unfall ging.

Und dann, es war 22:04 Uhr, nannte Sabine Kehm als Negativ-Beispiel für die Berichterstattung vermeintlich seriöser Medien ausgerechnet: „Focus Online“.

Kehm: Es gibt in der Tat auch die sogenannten seriösen Medien, wo man vielleicht sagen muss… Gerade deren Online-Ableger, die leben dann von dem Ruf, den das Mutterblatt hat.

Jauch: Können Sie mal ein Beispiel nennen?

Kehm: In unserem konkreten Fall kann ich natürlich konkret das Beispiel „Focus Online“ nennen. Die haben, seit der Unfall passiert ist, einen sogenannten… anfangs nannte es sich Live-Ticker, jetzt nennt es sich, glaube ich, mittlerweile News-Ticker. Der jeden Tag, ähm, ja, „Fakten“ in Anführungsstrichen liefert. Die „Fakten“ sehen dann teilweise so aus, dass es an manchen Tagen einfach nichts zu berichten gibt. Und dann wird irgendwas ausgegraben, was teilweise, muss ich leider sagen, sehr hanebüchen ist. Was dann aber auch immer wieder die anderen Medien, die Print-Medien… Und was sehr oft mich dann dazu bringt, dass ich jeden Tag mit Sachen konfrontiert werde, die da ein bisschen ausgegraben wurden, aus tiefen Tiefen.

Es wurde 22:05 Uhr, 22:08 Uhr, 22:10 Uhr, aber im „Focus Online“-Live-Ticker, in dem sonst minutiös das Nichts protokolliert wird, tauchte dieser Teil der Diskussion nicht auf.

Erst mit dem Zeitstempel 22:16 Uhr erschien dann die folgende Burda-Version der Wirklichkeit:

22.16 Uhr: Sabine Kehm kritisiert die Rolle der Medien in diesem Fall, den ständigen Durst nach Berichterstattung. „FOCUS Online hat beispielsweise einen News-Ticker, der jeden Tag mit Informationen gefüllt wird.“ Da gebe es auch Tage mit weniger Informationsgehalt. Und durch den dauernden Run auf Neuigkeiten, die dann wieder von anderen Medien übernommen würden, entstünden auch Gerüchte, die eher hanebüchener Natur sind.

Man muss das würdigen: In nur zwölf Minuten hatten es die „Focus Online“-Leute geschafft, eine Version aufzuschreiben, die nicht ganz falsch ist und sogar einen Hauch von Kritik an „Focus Online“ enthält, und doch den Kern des Vorwurfs dramatisch reduziert und weiterschiebt. Das Hanebüchene entsteht nun zum Beispiel in irgendeinem gemeinsamen „Run“ in Zusammenarbeit mit anderen Medien, nicht schon in den Live-Ticker-Stuben von „Focus Online“.

Ich habe Daniel Steil, den Chefredakteur von „Focus Online“, angesichts der Verspätung auf Twitter gefragt:

Klingt plausibel, ist aber gelogen. Denn in der Zeit, in der der Live-Ticker nicht über die Kritik von Kehm an „Focus Online“ berichtete, berichtete er schon über andere Dinge, die erst später passiert sind. Bei den Einträgen um 22:09 Uhr, 22:12 Uhr und 22:13 Uhr ist der Zeitstempel im Ticker korrekt. Die Kritik von Kehm hat „Focus Online“ hingegen vordatiert. Mit den normalen Verzögerungen („schreiben, Seite brennen, veröffentlichen“) hat das nichts zu tun.

Vermutlich brauchte man einfach eine Zeit, bis man sich entschieden hatte, die Sache nicht komplett unter den Tisch fallen zu lassen, sondern nur halb.

Nachtrag, 14. April, 2:00 Uhr. Mit Zeitstempel 01:34 Uhr hat „Focus Online“ die Kritik von Kehm im Wortlaut im Ticker nachgereicht.

Der Grimme-Preis als Trost-Preis: Dominik Grafs Nachruf auf das Fernsehen

Dominik Graf hat dem Grimme-Preis zum 50. Geburtstag einen Film geschenkt. Es ist ein Nachruf geworden. Ein Nachruf auf das Fernsehen. Und auf all die Träume und Versprechungen, die sich einst mit diesem Medium verbanden, seine Experimentierlust und seine Neugier, seinen Ehrgeiz und seinen Anspruch. Ein Nachruf auf all die Hoffnungen, die das Fernsehen und seine Zuschauer längst begraben haben.

Es ist ein trauriger Film geworden, aber das Traurigste sind nicht die sentimentalen Rückblicke in alte Fernsehzeiten, die nostalgischen Erinnerungen und Beschwörungen einer untergegangenen Zeit, die natürlich, und zu Recht, im Verdacht stehen, etwas zu verklären und zu idealisieren; wohlfeil zu sein in ihrer Kritik an der Gegenwart.

Das Traurigste sind die Sätze, die Fernsehmacher und Fernsehverantwortliche von heute über die Gegenwart des Fernsehmachens sagen.

Barbara Buhl sitzt da, die aktuelle Leiterin der Programmgruppe Fernsehfilm im WDR, und sie strahlt eine solche Resignation aus, dass man sich fragt, wie sie es schafft, morgens ins Büro zu gehen. Sie sind so bitter, ihre Sätze, und dabei so verblüffend offenherzig — so reden Fernsehverantwortliche sonst nicht öffentlich.

Sie sagt zum Beispiel:

Ich glaube, wir können uns gar nicht mehr so viel selber helfen. Ich glaube, man muss uns von außen dazu zwingen. Ich glaube, die Struktur ist so hierarchisch — und so komplex andererseits auch wieder, durch diese föderalen Sender- und Konkurrenzen-Gefechte um Sendeplatz und Präsenz.

Über den Jubilar formuliert sie:

Der Grimme-Preis gilt als Schutzschild, wenn man jetzt quotenmäßig, sagen wir mal, relativ wenig Erfolg hatte, dann hat man aber wenigstens einen Grimme-Preis, und man kann sich sozusagen mit den Preisen am Schluss des Jahres noch ein wenig schmücken. Aber medienpolitisch geht das nur bis zu einer ganz bestimmten Ebene, das kommt nicht in die obersten Etagen überhaupt ins Bewusstsein, glaube ich.

Der Grimme-Preis, er ist in dieser öffentlich-rechtlichen Logik eine Art Trostpreis. Die Währung, die einzige harte Währung, ist die Quote. Aber wer die nicht hat, hat mit einem Grimme-Preis wenigstens einen kleinen Zauber, mit dem er sich mit etwas Glück den Rücken freihalten kann.

Bettina Reitz, die Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks, formuliert es ähnlich:

Wenn der Film auch noch eine schlechte Quote hatte, dann konntest du nur noch auf einen Preis hoffen. Wenn du wenigstens sagen konntest: Die Quote war nicht so gut, aber der Film hat einen Grimme-Preis bekommen, dann wurdest du wieder, sozusagen, in Ruhe gelassen.

Erst wenn man die Quote weiß, kann man beurteilen, ob eine Sendung Qualität hat. Eine Beurteilung nach anderen Kriterien ist so schwer geworden, dass der Freiraum dafür mit größerer Anstrengung geschaffen werden muss, wie Reitz berichtet:

Du brauchtest irgendwo auch ein Rückgrat, indem du sagtest, jetzt müssen wir erstmal über den Inhalt diskutieren, in der Redaktion zu einer Einschätzung eines Filmes finden, und zwar unabhängig, wie die Quote sein wird. Das heißt, im Vorfeld der Ausstrahlung. Das war die einzige Rettung, die du in dieser Zeit hattest, dass man sich mit dem künstlerischen Team und den Kolleginnen und Kollegen einig war, wie wir einen Film einschätzen und auch bewerten.

Vielleicht ist es noch eine Untertreibung, wenn man sagt, dass die Quote in diesem System alles ist.

Und dann sitzt da die Produzentin Katja Herzog und sagt über ausländisches Fernsehen:

Ich bin 38, ich möchte Filme machen oder auch Serien, und mein Zuschauer, unser Zuschauer, ist eben gute 60 Jahre alt. Das heißt im Prinzip: Ich muss meinen Eltern Geschichten erzählen. Das bringt mich auch als Macher in eine gewisse Schizophrenie, weil ich ja abends nach Hause gehe, und mir Dinge anschaue, die ich liebe und von denen ich lerne und die ich auch gerne analyisere, aber am Morgen sozusagen in mein Büro marschiere und weiß, das ich das alles hinter mir lassen muss, weil: Nichts von dem, was ich toll finde, kann ich wirklich unterbringen, in dem Rahmen, der mir momentan gesteckt ist.

Ist das nicht zum Heulen?

Dominik Grafs Film macht nicht nur traurig, er macht auch wütend. Auf die ganzen selbstgemachten Zwänge, die eierlosen Entscheider, die Verhinderer.

Der Film hat mich wieder erinnert an eine Diskussion beim „Netzwerk Recherche“. Vor vier Jahren saßen Volker Herres, Programmdirektor Das Erste, und Thomas Bellut, damals noch ZDF-Programmdirektor, heute -Intendant, auf dem Podium. Markus Brauck vom „Spiegel“ moderierte, und er dachte, er versucht mal, die beiden gegeneinander aufzuhetzen. Sie dazu zu bringen, mit Leidenschaft für ihr Programm zu kämpfen und das des Konkurrenten anzugreifen. Was für ein grandioser Irrtum.

Da saßen keine zwei unterschiedlichen Personen. Da saß ein doppelter Technokrat, dessen Leidenschaft nicht irgendwelchen Programmen galt, sondern dem Audience Flow. Der versuchten, irgendwelche Teile mit irgendwelchen Inhalten so ineinanderzupuzzeln, dass da möglichst wenig ruckelte. Dass da keine Lücken oder Huckel entstanden, bei denen Zuschauer verloren gehen konnten. Es ging diesen Leuten nicht um Inhalte, sondern um Logistik. Sie hätten — so jedenfalls mein Eindruck — genauso gut Container mit Dosenthunfisch sortieren können wie Sendungen im Programmschema.

Es sind diese Leute, die konfektionieren, industrialisieren und schematisieren, auf die Dominik Grafs Film mich wieder frisch wütend macht, ihre Anspruchslosigkeit, ihre Leidenschaftslosigkeit, ihre Mutlosigkeit.

Dominik Graf erzählt Aufstieg und Verfall des Fernsehens parallel zu Aufstieg und Verfall der Stadt Marl, die auch vor noch nicht so vielen Jahrzehnten große Hoffnungen und kühne Träume hatte. Ich habe zum ersten Mal verstanden, was die Besonderheit dieser Stadt ist, über die sich so leicht lästern lässt, wenn man in irgendeinem Zusammenhang mit Grimme da zu Besuch ist und zwischen dem Beton friert.

Der schönste Teil des Films ist ein bittersüßes Märchen, das Graf von einer Fernseh-Ansagerin erzählt, Inger Stoltz (Judith Bohle), träumerisch authentisch in Szene gesetzt. Graf setzt mit der kleinen Geschichte der Ansagerin an sich ein Denkmal, und er zeigt sie als Symbol für ein Fernsehen, das noch eine persönliche Beziehung zu dem einzelnen Zuschauer aufzubauen versuchte und ihn nicht auf den Bestandteil einer unter dubiosen Umständen gemessenen Quote reduzierte. Schon für diese Geschichte lohnt sich das Einschalten.

Der Film endet mit einer wunderbaren kleinen Szene, die man gesehen haben muss, und großem, verwegenem Pathos:

„Es geht beim Fernsehen um Freiheit, um Offenheit, um das Niederlegen von Denkzäunen. Es geht um die Vernichtung von Bürokratie. Es geht um die Vermischung von Avantgarde und Popularität. Es geht schlicht und einfach um die Verbesserung der Welt.

Haltet Euch ran, Freunde.

Wir.
Waren.
Schon.
Mal.
Mit.
Allem.
Wesentlich.
Weiter.

Der Film „Es werde Stadt“ von Dominik Graf und Martin Farkas zum Zustand des Fernsehens in Deutschland aus Anlass des 50. Grimme-Preises wurde von vier Rundfunkanstalten der ARD koproduziert. Er hat deshalb das Privileg, in den nächsten Wochen gleich viermal zu sehen zu sein: WDR, heute, 23:15 Uhr; NDR, Dienstag auf Mittwoch, 0:00 Uhr; SWR, Mittwoch, 23:30 Uhr; BR, 3. Juni, 22:45 Uhr.

Dass die ARD diesen Film auf einem ihrer 3000 Kanäle zu einer Zeit zeigen könnte, bei der der Zuschauer nicht bis nach Mitternacht aufbleiben muss, ist natürlich unvorstellbar.

„Es werde Stadt“ in der WDR-Mediathek ansehen