Fehler im System — Korrektur

Ich muss mich korrigieren:

Am vergangenen Samstag habe ich hier darüber geschrieben, wie sich sueddeutsche.de nachhaltig und bis heute weigert, einen sachlichen Fehler in einem Artikel richtig zu stellen. Stattdessen wies der Autor des Artikels nur in den Leserkommentaren auf seinen Fehler hin. Ich hatte den Eindruck erweckt, dass er dies als Notlösung tat, weil er von sueddeutsche.de keine Rückmeldung bekam. Tatsächlich geschah dies aber offenbar nach Absprache mit und auf Wunsch von Bernd Graff, dem stellvertretenden Redaktionsleiter und Feuilletonchef von sueddeutsche.de. Ich bitte, diesen Fehler zu entschuldigen.

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Bleibt natürlich die Frage: Macht das die Sache besser? Fabian Mohr, den der konkrete Fehler betrifft, meint Nein — im Gegenteil:

Das, was ich erst für eine liebenswert-laienhafte Notlösung hielt, ist also die von sueddeutsche.de autorisierte Form der Qualitätssicherung.

Und unbestritten ist: Alle Versuche von Fabian Mohr und dem „Süddeutsche“-Autor, eine Korrektur im Artikel selbst zu erreichen, waren erfolglos — eine entsprechende Mail von Fabian Mohr an Hans-Jürgen Jakobs, den Chefredakteur von sueddeutsche.de, blieb nach Mohrs Angaben bis heute unbeantwortet.

Man könnte die Sache hiermit zu den Akten legen. Journalisten passieren schlimmere Fehler als der, um den es hier geht.

Aber die Frage, wie wir mit unseren Fehlern umgehen, ist eine grundsätzliche — und eine entscheidende. Und das Vorgehen von sueddeutsche.de erschüttert mich nach wie vor. Es läuft darauf hinaus, dass ein Leser von sueddeutsche.de im Zweifelsfall sämtliche Nutzerkommentare unter einem Artikel lesen muss, um zu wissen, ob die Redaktion Teile dessen womöglich längst als fehlerhaft erkannt hat.

Bernd Graff mag in dieser Praxis auf Anfrage von mir kein Problem sehen. Er hält das Abgeben eines entsprechenden Leserkommentars durch den Autor schon für eine Korrektur und nennt sie eine „unmittelbar diskursive Version“ — im Gegensatz zur „autoritären“, wenn der Artikel selbst verändert wird. Dass sueddeutsche.de den Artikel selbst nicht berichtigt, sei keine Weigerung, Fehler zu korrigieren und einzugestehen, sondern zeige, wie ernst man das „Institut der Nutzerkommentare“ nehme.

Graff ist über meinen Text vom vergangenen Samstag einigermaßen empört. Er hält meine Vorwürfe für infam und wirft mir vor, fahrlässig, fast rufschädigend berichtet zu haben. Vor allem sei es unprofessionell von mir, ihn nicht als Gegenseite vor dem Verfassen angehört zu haben. In diesem Punkt hat er Recht: Das hätte ich tun sollen.

Vor dem Verfassen dieses Blogeintrags nun habe ich versucht, Hans-Jürgen Jakobs anzuhören. Ich habe ihm am Mittwochabend eine Mail mit folgenden Fragen geschrieben:

  • Haben Sie oder einer Ihrer Mitarbeiter Fabian Mohr, der Sie in einer Mail bereits am 15. März um eine Korrektur bat, je geantwortet?
  • Haben Sie oder einer Ihrer Mitarbeiter seiner Bitte um eine Korrektur im Artikel je entsprochen?
  • Halten Sie diese Bitte für unangemessen?
  • Warum weigert sich sueddeutsche.de so hartnäckig, diesen klaren sachlichen Fehler im Artikel zu korrigieren?

Und allgemein:

  • Ist es gängige Praxis bei sueddeutsche.de, Fehler nicht im Artikel selbst zu korrigieren, sondern vom jeweiligen Autor in den Nutzerkommentaren berichtigen zu lassen?
  • Muss ein Leser von sueddeutsche.de im Zweifelsfall sämtliche Nutzerkommentare unter einem Artikel lesen, um korrekt informiert zu sein?
  • Kann sich ein Leser nicht darauf verlassen, dass von sueddeutsche.de erkannte Fehler im Artikel selbst korrigiert werden?
  • Halten Sie das für ein geeignetes Verfahren, mit Fehlern umzugehen, die — da sind wir uns sicher einig — sich nie ganz vermeiden lassen?

Heute hat mir Jakobs mitgeteilt, dass er darauf nicht antworten möchte.

Sandra Ahrabian und das falsche Zebra (2)

Das Landgericht München I hat Sandra Ahrabian Recht gegeben. Es erließ bereits am Mittwoch eine einstweilige Verfügung gegen Marc Doehler.

Frau Ahrabian verdient Geld damit, Menschen in der Sendung „Money Express“ mit falschen Versprechungen zu teuren Anrufen zu animieren. Als in der Sendung vom 1. April 2008 die Buchstaben „BRAZE“ neben ihr eingeblendet waren (gesucht war das Wort „ZEBRA“), scherzte sie noch on air mit dem für Zuschauer nicht zu hörenden Redakteur darüber und sagte: „Da hast Du an mich gedacht dabei? Ach, Du bist heute aber wieder charming.“ Marc Doehler, der in seinem Forum zusammen mit anderen die vielen Unregelmäßigkeiten dieser und anderer Anrufsendungen protokolliert, veröffentlichte daraufhin einen Screenshot und schrieb darunter scherzhaft: „Da fehlt das ‚HOHL-‚“ (mehr zur Vorgeschichte hier und hier).

Doehler wird nicht gegen die einstweilige Verfügung vorgehen. Es fehlt ihm sowohl der Glaube an die Justiz, als auch das Geld. Allein diese Entscheidung dürfte ihn über 1500 Euro kosten.

[Disclosure: Die Firma Callactive geht in mehreren Fällen juristisch gegen mich vor.]

Auf dem Schlauch mit Sandra Ahrabian

Meine Fähigkeit, juristische Auseinandersetzungen unter dem Gesichtspunkt ihres Unterhaltungswertes zu betrachten, ist in den vergangenen Monaten dank des vielfachen Vorgehens der Firma Callactive gegen mich ein bisschen eingeschränkt worden. Aber manchmal klappt’s noch.

Da ist ja dieser Fall, dass in der Sendung „Money Express“ auf den MTV-Sendern Viva, Comedy Central und Nick eines Nachts neben der Moderatorin Sandra Ahrabian das Wort „BRAZE“ stand, und Marc Doehler in seinem Forum unter einen Screenshot von der Situation schrieb: „Da fehlt das ‚HOHL-„. Die Moderatorin hat nun beim Landgericht München I eine einstweilige Verfügung gegen Doehler beantragt, denn, so erklärt ihr Anwalt:

Das Wort „Hohlbraze“ ist ein Schimpfwort und eine Beleidigung. Es bezeichnet einen Menschen, meist eine Frau, der äußerst unattraktiv und von großer Dummheit ist.

Doehlers Anwalt weist in seiner Erwiderung u.a. darauf hin, dass „Hohlbraze“ schon deshalb kein Schimpfwort sein könne, weil es kein Wort sei. Aber selbst wenn es eines wäre und wenn es die gleiche Bedeutung hätte wie „Hohlbratze“ und wenn es von Doehler in dieser Form benutzt worden wäre… selbst dann müsse das Gericht zwischen dem Ehrenschutz der Moderatorin und dem Schutz von Werturteilen und Meinungsäußerungen abwägen — und dabei berücksichtigen, dass Frau Ahrabian zwar intelligent sei, sich aber in den Sendungen „durchgehend als dumm präsentiere“.

Es folgen nicht weniger als acht Beispiele:

a) In der Sendung „Money Express“ am 15. Oktober 2007, „Bremen“ sollte gelöst werden, „BENREM“ wurde als Anagramm angezeigt:
Die Antragsgegnerin (Sandra Ahrabian) […] führt unter anderem aus: „Was ist denn Benrem für ne Stadt? […] Ich steh heute auf dem Schlauch. […] [auf eine Mitteilung der Regie via Ohrknopf] Wieso: ‚Geht’s noch?‘ […] Ich komm nicht darauf.“

b) Ebenfalls in der Sendung vom 15. Oktober 2007, „Wuppertal“ sollte gelöst werden, „PAULPETRW“ wird angezeigt:
„Ich hab keine Ahnung, was das ist hier. […] Das sind ja neun Buchstaben. Sind das neun Buchstaben?“

c) In der Sendung vom 7. Januar 2008, „Bielefeld“ wird gesucht, „EDELFIBEL“ angezeigt.
Die Antragstellerin: „Ist das ne deutsche Stadt? Frage ich lieber nochmal nach. Liebster Redakteur [unverständlich], kann es sein, dass Ihr da nen Buchstaben vergessen habt? […] Ich hab manchmal wirklich ein Gehirn wie ein Sieb.“

d) Am 6. Marz 2008, „Landwirt“ sollte gelöst werden, „LIRTWAND“ wird angezeigt.
Die Antragstellerin: „Ich muß jetzt ganz ehrlich eins gestehen: Ich war gerade heute noch in der Sonne, da hat’s mir, glaub ich, die letzte Gehirnzelle weggebrannt.“

e) Am 18. März 2008, „Augsburg“ sollte gelöst werden, „ARGUSBUG“ wird angezeigt:
Die Antragstellerin: „Häh? Hab ich ja noch nie gesehen. […] [nach sehr langer Zeit] Gibt es irgendeine Person in Deutschland oder vielleicht auch in Österreich, die mir bitte sagen kann, welche deutsche Stadt wird hier gesucht? Ist nicht ganz einfach, ich hab’s noch nicht. Jetzt muß ich mal eine Frage … Ich hab die Lösung noch nicht, ich mach diesen Job heute nicht zum ersten Mal, nein, ich habe ihn bisher schon zwei-, dreimal gemacht. [später, nach der Auflösung durch einen Zuschauer] Das ist eigentlich total leicht. Aber ich dachte mir, [unverständlich] Augsburg? Ich hab an Augsburg noch gedacht, aber ich dachte mir, das sind viel zu viele Buchstaben, das ist bestimmt nicht Augsburg.“

f) Am 18. März 2008, „Wiesbaden“ wird gesucht, „BESENDIWA“ angezeigt.
Die Antragstellerin: „Tja, das bin ich manchmal auch, ne Besendiva. Ich ziehe zum Putzen gern mal mein Abendkleid an. Kehr ich schön durch die Wohnung, so’n kleines Diadem, ne, dann die Kronjuwelen, und dann kehr ich schön meine Küche… Und dann bin ich so was wie ne Besendiva […] [später] Ich muss auch mal sagen, ich bin in Geographie wahnsinnig schlecht, denn ich hatte da immer ’nen Fensterplatz, ja. Wenn die anderen dem Lehrer zugehört haben, habe ich den Vögeln beim Zwitschern zugehört.“

g) Am 1. April 2008, in der streitbefangenen Sendung, „BRAZE“ wird angezeigt, „Zebra“ gesucht.
Die Antragstellerin: „[nachdem die Regie ihr über den Ohrknopf etwas mitgeteilt hat] Da hast Du an mich gedacht dabei? Ach, Du bist heute aber wieder charming. Was, wie? Was ist denn das bitte? Braze? Soll ich Ihnen mal eins überbrazen? […] Vor allem, wisst Ihr, was so angenehm ist, wenn man sein Auto geputzt hat? Ja? Wenn man nicht bei jeder roten Ampel immer die ganzen Flaschen hört, ja. Die dann im Auto immer so „klirr“, wenn man bremst, ja, kennt ihr das? Oder auch die ganzen Dosen, was da immer so alles drin liegt, die sind immer so laut. […] [im Dialog mit der Regie über den Ohrknopf] Ja, stimmt, Du hast recht, ich sollte einfach mal beim Autofahren mal weniger Wodka trinken, weil die Wodka-Flaschen, die klirren immer so laut, die ganzen leeren Wodka-Flaschen.“

h) In der Sendung am 2. April 2008, das Wort „Schicksal“ wird gesucht:
Die Antragstellerin: „Ich weiß definitiv nicht, welches Wort wir suchen, denn ich sage ihnen eines, wenn Sie mich kennen, dann wüßten Sie, die Ahrabian, wenn die das Wort weiß, die verplappert sich. Ist so. Stimmt’s? Ja. […] Ich hab jetzt drei Falschantworten gehört, ich hab gehört, „Schicksal“ — nee, das hab ich nicht gehört, oh! Das hab ich nicht gehört.“

Wenn Ihnen angesichts dieser Beispiele ein Wort einfällt, das Ihnen irgendwie treffend erscheint, Frau Ahrabian zu beschreiben, tun Sie sich einen Gefallen: Schreiben Sie es nicht auf.

[Disclosure: Die Firma Callactive geht in mehreren Fällen juristisch gegen mich vor.]

Die lustige Welt der Mediennichtkontrolle

Vor drei Jahren habe ich zusammen mit Peer Schader für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ einen Artikel geschrieben: „Schafft die Landesmedienanstalten ab!“ Die Überschrift war nicht nur eine rhetorische Zuspitzung. Ich bin überzeugt, dass das besser wäre, denn dann käme niemand auf den falschen Gedanken, es gebe in diesen Land so etwas wie eine funktionierende Medienaufsicht.

Peer hat für die FAS jetzt eine Art Update geschrieben, das sich mit dem Satz zusammenfassen lässt: Es ist alles noch schlimmer.

Wussten Sie zum Beispiel, dass ProSieben und Sat.1 sich an die „Gemeinsamen Richtlinien der Landesmedienanstalten für die Werbung, zur Durchführung der Trennung von Werbung und Programm und für das Sponsoring im Fernsehen“ (pdf) nicht nur nicht halten (was offenkundig ist), sondern überzeugt sind, sich auch nicht daran halten zu müssen, weil diese Richtlinien nicht verbindlich seien?

Oder können Sie erraten, was ProSieben gemacht hat, nachdem der Sender dazu gezwungen wurde, seine Dauerwerbesendung „Mein Styling, meine Quelle“ bis zu einer gerichtlichen Entscheidung nicht mehr auszustrahlen? Der Sender reichte die Show einfach an Schwestersender Sat.1 weiter.

Weitere Beispiele aus der lustigen Welt der Mediennichtkontrolle direkt beim Peer.

Bowling for „Tagesschau“

Das Video kommt daher mit dramatischer Musik und in einem Tonfall, als würde es beweisen, dass die ARD Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen im „Tagesschau“-Studio versteckt hatte. Gedehnt auf zwölf lange Minuten und mit dem Impetus einer Michael-Moore-Dokumentation prangert Robin Meyer-Lucht einen Beitrag der „Tagesschau“ vom 24. April 2007 an. (Video und weitere Dokumente hier.)

An diesem Tag hatte die EU-Kommission bekannt gegeben, dass sie das Verfahren gegen die Bundesrepublik wegen der Rundfunkgebühren eingestellt habe. In der jetzigen Form sei die Finanzierung von ARD und ZDF zwar nicht mit EU-Recht vereinbar, die Bundesregierung habe sich aber verbindlich zu den nötigen Korrekturen bereit erklärt. Angestrengt hatte das Verfahren der Lobbyverband der Privatsender (VPRT).

Die „Tagesschau“ hatte ihren Beitrag zu dem Thema mit folgenden Worten anmoderiert:

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist mit europäischem Recht vereinbar. Die EU-Kommission stellte eine vor Jahren angestrengte Beihilfe-Untersuchung jetzt ein. Zugleich machte Brüssel aber Auflagen. So müssen die Bundesländer unter anderem den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks konkretisieren. Mit der Entscheidung ist der Streit zwischen der EU und Deutschland über die Rundfunkgebühren für ARD und ZDF beigelegt.

Ungefähr an jeder einzelnen Formulierung nimmt Robin Meyer-Lucht Anstoß. Er sieht in ihnen einen Beweis dafür, dass die „Tagesschau“ nicht unabhängig berichtet, sondern ihre eigene Interpretation als objektive Nachricht ausgibt. Der erste Satz erinnert ihn sogar an Propaganda im Stil der „Aktuellen Kamera“.

Interessant nur, dass dieser erste Satz, der angeblich reine ARD-Propaganda ist, fast wörtlich aus einer dpa-Meldung vom selben Tag stammt. Sie beginnt so:

Jetzt haben es ARD und ZDF Schwarz auf Weiß: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist mit europäischem Recht vereinbar.

Auch hätte die „Tagesschau“ nach Meyer-Luchts Ansicht nicht formulieren dürfen, dass die Auflagen „zugleich“ erfolgten — die Auflagen selbst stellten ja den erzielten Kompromiss dar. Aber auch diese Formulierung findet sich in den Agenturmeldungen vom selben Tag — konkret bei AP:

Die Kommission stellte zwar ihre Untersuchung zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein, forderte zugleich aber die Bundesländer auf, die Verwendung der Gebühren schärfer zu kontrollieren.

Sogar dass die „Tagesschau“ formuliert, der Streit sei damit „beigelegt“, findet Meyer-Lucht irreführend und propagandistisch. So sah es allerdings zum Beispiel auch AFP:

Streit um Gebühren für ARD und ZDF beigelegt.

Meyer-Lucht erweckt den Eindruck, die „Tagesschau“ habe eine Niederlage der ARD in einen Sieg uminterpretiert. Aber auch das der besonderen Sympathie für öffentlich-rechtliche Sender unverdächtige „Handelsblatt“ wählte am nächsten Tag die Überschrift:

ARD gewinnt in Brüssel.
EU-Kommission lässt Investition der öffentlich-rechtlichen Sender in neue Geschäftsfelder zu.

Selbst der VPRT sah das offenbar so. Das „Handelsblatt“ zitierte dessen Präsidenten Jürgen Doetz mit den Worten:

„ARD und ZDF kommen mit einem blauen Auge davon. Sie können nun einen Sieg feiern.“

Meyer-Lucht kritisiert weiter, dass die Gegenseite in dem „Tagesschau“-Beitrag nicht zu Wort kam. Sicher wäre es besser gewesen, wenn sich die ARD diese Blöße nicht gegeben und einen VPRT-Vertreter zitiert hätte. Aber aus ARD-Sicht ist auch die EU-Kommission die Gegenseite — und die kam durchaus zu Wort.

Dass die Berichterstattung der ARD in eigener Sache häufig zu wünschen übrig lässt und der Beitrag auch in diesem Fall weniger angreifbar hätte formuliert sein können, ist keine Frage. Aber das Video von Robin Meyer-Lucht baut einen Popanz auf und verzerrt den Fall bis ins Lächerliche. Vor allem dient es wohl, massenhaft an Blogger verschickt, der Eigen-PR für Meyer-Luchts Firma „Berlin Institute“.

Und das funktioniert: Von erklärten Gegnern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie dem „Handelsblatt“-Blogger Thomas Knüwer, der seine Ahnungslosigkeit bei diesem Thema durch Zorn zu kompensieren versucht, wird das Video bereits ungeprüft für wahr erklärt.

Muss ja stimmen. Weiß man doch, wie die sind bei ARD und ZDF.

Heuchler

Manchmal ist es schwer, im BILDblog eine angemessene Form zu finden, die der moralischen und menschlichen Verkommenheit der „Bild“-Zeitung und ihrer Mitarbeiter gerecht wird. Ich weiß gar nicht, was ich an dieser Geschichte abstoßender finde: Die „Bild“-Zeitung, die es sich nicht nehmen lässt, die Homosexualität eines aus dem Libanon stammenden jungen Mannes öffentlich zu machen, und dabei (wissentlich oder fahrlässig) in Kauf nimmt, dass er oder seine Familie dort in Gefahr geraten könnten. Oder die „Bild am Sonntag“, die sich am nächsten Tag an dieser Gefahr berauscht, scheinbar besorgt die Konsequenzen des Outings ihrer Schwesterzeitung beschreibt und nicht einmal den Anstand hat, das hinzuschreiben: dass es die „Bild“-Zeitung war, die ihn in diese von „Bild am Sonntag“ detailliert beschriebene Gefahr gebracht hat. Und weil Herausgeber beider Zeitung Kai Diekmann ist, kann er mit sich selbst Good-Cop-Bad-Cop spielen, darf gleichzeitig unbeschwert vor sich hin zündeln und vor den Risiken des Zündelns warnen.

Man darf auch „Bild“-Mitarbeiter nicht beleidigen, anspucken oder schubsen (und ich meine das nicht als rhetorische Floskel). Aber ich würde mir wünschen, dass alle, die für dieses Blatt arbeiten, wenigstens in den nächsten paar Tagen ununterbrochen gefragt werden, wie sich das anfühlt. Ob man sich häufiger duschen muss als andere Leute. Wie man schafft, in den Spiegel zu sehen, ohne sich in die Augen zu blicken. Und ob da nichts mehr ist: kein Gefühl, keine Zweifel, keine Angst, keine Erinnerung an Raimund Harmstorf, um nur einen zu nennen.

Sie bilden ein perfektes Team, die „Bild“-Zeitung und die „Bild am Sonntag“. Und Bild.de ergänzt die Verantwortungslosigkeit der einen und die Scheinheiligkeit der anderen noch um Unfähigkeit. Das hier war der Bild.de-Aufmacher in der vergangenen Nacht (Unkenntlichmachung von mir):

Nachtrag, 14. April, 14:30 Uhr. Ich habe mich entschieden, den Namen des Betroffenen auf dem Screenshot nachträglich unkenntlich zu machen. Das mag merkwürdig wirken, weil sich sein Name leicht herausfinden lässt und die Geschichte auf ungezählten Seiten nachzulesen ist. Andererseits: Die „Bild“-Zeitung hat kein Recht, das Privatleben des Sängers öffentlich zu machen — insbesondere, wenn er es geheim gehalten hat und offenbar gute Gründe dafür hatte. Und wenn die „Bild“-Zeitung kein Recht dazu hat, darüber zu berichten, habe ich kein Recht dazu, für eine weitere Verbreitung zu sorgen — egal wie klein mein Anteil daran auch sein mag.

Uschi Glas

Sie hat Arschloch gesagt. Uschi Glas hat Arschloch gesagt. Ganz oft. Gut, das stimmt nicht, sie hat es nur einmal gesagt, aber das ZDF hat es immer wieder gezeigt. Und ein Sprecher erklärte aus dem Off: „Uschi Glas – charmant wie immer, überraschend wie nie.“ Fast wirkte es, als wolle das ZDF seine neue Serie „Zur Sache, Lena“ verkaufen als „Die Serie, in der Uschi Glas Arschloch sagt“.

Hat sie dann ja auch. War aber ein bisschen enttäuschend.

Es war kein Wutausbruch, kein plötzliches Aufbrechen der Emotionen, bei dem man vor dem Fernseher sitzt und mitgeht und innerlich „Yessss!“ sagt oder etwas Ähnliches. Sie ist nicht einmal aus ihrer Rolle gefallen. Im Gegenteil: Sie ist Uschi Glas geblieben. Die Lena sah aus wie Uschi Glas, die etwas sagt, von dem sie weiß, dass die Leute es nicht von ihr erwarten: ein bisschen angestrengt, konzentriert und sehr geplant.

Und so sind die Zeiten dann auch nicht mehr und das Verhältnis der Nation zu Uschi Glas, dass das schon reichen würde, uns zu schocken. (Nur die „Bild“ konnte es nicht fassen, dass die Lena sich in einer Szene übergibt, und schrieb darüber mit unfreiwilliger Komik: „Uschi Glas bricht mit ihrer Vergangenheit.“) Aber wie schön wäre das wirklich gewesen: Eine Serie mit einer unbekannten, ganz anderen Uschi Glas. Die Chance wäre da – gerade (so uncharmant das klingen mag) in ihrem Alter jetzt. Eine fiese ältere Frau könnte sie spielen, die ihren Charme skrupellos einsetzt. Sie könnte gerissen sein statt patent, böse statt gutherzig, verrückt statt vernünftig. Aber richtig verrückt, nicht so Heute-nehm-ich-mir-den-Vormittag-mal-frei-verrückt.

Das wäre auch deshalb wichtig, weil es inzwischen eines ziemlichen Kraftaktes bedarf, in das Gesicht von Uschi Glas zu schauen und dort die Rolle zu sehen und nicht die Frau, die von ihrem Mann auf besonders demütigende und öffentliche Weise verlassen wurde, oder die Frau, die im Home-Shopping-Sender steht und vor Gericht für den guten Ruf ihrer Faltencreme kämpft.

Aber das war wohl nicht gewollt. Es sollte alles sein wie immer. Nur schlechter. Beeindruckend ungelenk wird die Geschichte etabliert. Obwohl ohnehin jeder weiß, was als Nächstes passiert, und die Figuren aufs Karikaturenhafteste gezeichnet sind, wurden sicherheitshalber überall große virtuelle Hinweisschilder in die Gegend gestellt. Und die Schauspieler scheinen sich dem Holzschnittcharakter des Ganzen aufopferungsvoll unterworfen zu haben. Irgendwann fiel mir nämlich ein, woran mich ihre Gestik und Mimik erinnerte: die Augsburger Puppenkiste.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die erste Folge von „Zur Sache, Lena“ in der ZDF-Mediathek

Fehler im System

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat einen Fehler gemacht. Sie schrieb am 15. März:

Der Blogger Fabian Mohr lässt seit Anfang des Monats nur noch Kommentatoren zu, die ihren vollen Namen angeben.

Fabian Mohr erklärte dazu:

Weder stimmt es, dass Leser bei mir nur unter ihrem vollen Namen kommentieren dürfen (es geht auch Nickname und URL, die meisten meiner Leser kommentieren so), noch ist es zutreffend, dass ich das erst seit kurzem so halte. Meine Kommentar-Policy gilt seit Mai 2005, als dieses Blog an den Start ging — und ist seit Tag 1 nachzulesen.

Kein schlimmer Fehler, könnte man sagen, aber falsch ist falsch — und für den Betroffenen ärgerlich. Jeden Tag passieren Journalisten solche und ähnliche Fehler. Sie werden sich auch bei sorgfältigster Arbeitsweise nicht ganz vermeiden lassen. Es gibt für Medien zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Sie können die Fehler korrigieren. Oder es lassen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte den Artikel auf sueddeutsche.de und jetzt.de veröffentlicht. Fabian Mohr wies in einem Kommentar auf jetzt.de auf den Fehler hin. Es passierte nichts. Er schrieb eine E-Mail. Es passierte nichts.

Es entstand ein Kontakt zu Niklas Hofmann, dem Autor des Artikels. Hofmann gab nun selbst auf jetzt.de einen Leserkommentar ab und wies auf den eigenen Fehler hin. Es passierte nichts. Hofmann gab auf sueddeutsche.de einen Leserkommentar ab und wies auf den eigenen Fehler hin. Es passierte nichts. Hofmann schrieb laut Fabian Mohr eine Mail an Bernd Graff, den stellvertretenden Chefredakteur und Feuilletonchef von sueddeutsche.de, und wies auf den Fehler hin. Es passierte nichts.

Der Artikel ist bis heute unkorrigiert. Den Online-Verantwortlichen der „Süddeutschen Zeitung“ ist es egal, ob sie ihre Leser richtig oder falsch informieren.

Korrektur, 17. April. Der oben wiedergegebene Ablauf ist an einer Stelle falsch. Niklas Hofmann hat seine Korrektur nicht eigenmächtig, quasi als Notlösung mangels einer Rückmeldung von sueddeutsche.de, in die Leserkommentare geschrieben. Stattdessen geschah dies offenbar nach Absprache mit und auf Wunsch von Herrn Graff. Weitere Versuche, eine Korrektur des Artikels selbst zu erreichen, sind aber — wie geschildert — erfolglos geblieben.

Wer hat’s erfunden? (3)

Und dann war da ja noch Roger Schawinski, der ehemalige Sat.1-Geschäftsführer, der — nachdem er drei Jahre in Berlin gelebt hat, wo es einen Sender namens Radio Eins gibt, der mit dem Slogan „Nur für Erwachsene“ für sich wirbt — in der Schweiz einen Radiosender gründete, ihn Radio 1 nannte und ihm den Slogan „Nur für Erwachsene“ gab.

Ich fand das ja ein bisschen einfallslos. Woraufhin Schawinski erklärte, er habe den Claim von Helmut Lehnert, der ihn erfunden habe, quasi geschenkt bekommen.

Nun ja. Der RBB, der in Berlin und Brandenburg das wirklich sehr schöne Programm von Radio 1 ausstrahlt, ist der Meinung, dass Lehnert da gar nichts verschenken konnte. Er habe selbst keine Rechte an dem Slogan — und war im übrigen zu dieser Zeit nicht mehr Chef von Radio 1, sondern Chef der Fernsehunterhaltung des RBB. Diese Position habe man Schawinksi in zwei Briefen im November und Dezember 2007 auch mitgeteilt.

Nun droht der RBB mit juristischen Schritten und fordert bis Ende kommender Woche eine Unterlassungserklärung: Schawinskis Sender soll weder Radio 1 heißen, noch den Slogan „Nur für Erwachsene“ benutzen, noch Sendungen etwa „Radio 1 am Nachmittag“ nennen. Es gehe um den Schutz der eigenen Marke, sagt RBB-Sprecher Ralph Kotsch: Schawinskis Radio 1 sei über das Internetstreaming auch im Sendegebiet des RBB-Radio-Eins empfangbar.

Schawinski, der sich den Namen „Radio 1“ in der Schweiz hat schützen lassen, gibt sich nun überrascht, nennt das Vorgehen des RBB „grotesk“ und sagt, die Deutschen sollten doch stolz sein, dass sie kopiert werden.