Grimme-Kandidaten gucken (3)


Foto: BR/teamWorx/Stelter

Die Überschrift ist nur noch so halb sinnvoll, weil die diesjährigen Grimme-Preisträger ja längst feststehen. Ich möchte trotzdem darauf hinweisen, dass das Erste morgen den bezaubernden Fernsehfilm „Rose“ zeigt, der nominiert war — und den Preis auch verdient gehabt hätte. Corinna Harfouch spielt eine alleinerziehende Mutter, die sich nach bewegten Zeiten als Hausbesetzerin vor vielen Jahren aufs Land zurückgezogen hat, vom Schreiben von Groschenromanen lebt und in einem manchmal sympathischen, manchmal bedrohlichen Chaos mit ihren drei schon ziemlich großen Kindern lebt. An der Geschichte, wie diese Familie ihre Sollbruchstellen findet, ist das Besondere, wie vollständig sie durch die Liebe zu ihren Figuren alle Klischees meidet. Sie ist leicht, ohne schlicht zu sein.

„Rose“, ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis 2007 als bester Fernsehfilm, Mittwoch, 20.15 Uhr, im Ersten.

Agenturkritik statt Apfelbäumchen?

Seit Wochen schon will ich einen längeren Text über mein ambivalentes Verhältnis zu den Kommentaren in diesem Blog schreiben, finde aber nicht die Zeit. Vor ein paar Tagen fragte mich Gregor Keuschnig, der hier häufig kommentiert, in einer E-Mail:

Warum tun Sie sich die Kommentare zum Beispiel in Ihrem aktuellen Beitrag an? Welchen „Mehrwert“ hoffen Sie hieraus ziehen zu können? Gehen Ihnen die Korinthenkacker (= unter anderem ich) auf die Nerven oder die Ausländerhasser? Warum machen Sie nicht „zu“? Sind Sie — pardon — ein Idealist?

Das war insofern ganz praktisch, als es mich dazu brachte, schon mal wenigstens ein paar halbdurchdachte Antworten zu geben. Zu lesen sind sie zusammen mit Keuschnigs Bewertung in seinem Blog „Begleitschreiben“. Und ich bin sicher hoffe sehr, dass sein letzter Satz nicht stimmt.

(Und um zu verhindern, dass sich eine eventuelle Diskussion darüber hier abspielt und nicht dort, habe ich die Kommentare an dieser Stelle zu gemacht.)

Damals, als BILDblog noch gut war

Manchmal finde ich es dann doch schade, dass es auf BILDblog keine Kommentare gibt. Oder wenigstens eine Leserbriefseite. Heute erreichte uns zu diesem Beitrag eine Mail von Dennis E. mit der Betreffzeile „Enttäuschung am frühen Morgen / vorläufiger Abschiedsbrief“ und diesem Anfang:

Tja,

guten Morgen und herzlichen Glückwunsch. Seitdem bei BILDblog „Clarissa“ und „Lupo“ das Ruder übernommen haben, hat das Blog gelitten wie kein zweites in der deutschen Blogszene.

Programmhinweis

Am kommenden Montag, 28. April, bin ich in Paderborn und spreche in der Veranstaltungsreihe „Tool Time“ des Instituts für Medienwissenschaften über Zeugs. Also, über BILDblog, Medienkritik im Internet, das Selbständigmachen und sowas.

Kommen kann jeder, der bis 18 Uhr den Raum E2.339 findet:

„Von der Bushaltestelle Uni/Südring der Herde über den Trampelpfad bis zum Audimax folgen, an den Fahrradständern rechts um das Audimax rum (nicht ganz rechts Richtung Innenhof!), an der Pizzeria vorbei und unter dem E-Gebäude durch und schließlich ein paar Meter weiter links hoch zum Eingang.“

Für alle anderen versucht Jörg-Olaf eine Live-Übertragung per Mogulus zusammenzustricken, die, wenn alles klappt, hier zu sehen sein wird.

Wie „Bild“ Ausländerfeindlichkeit fördert

Das Gute an Blogs wie „Politically Incorrect“ ist, dass sie Prozesse, die früher weitgehend im Privaten stattfanden, an Stammtischen und in Diskussionen am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis, mit einem Mal sichtbar machen. Nun kann man gelegentlich zusehen, wie die latente, oft subtile Fremdenfeindlichkeit der „Bild“-Zeitung Wirkung zeigt. Wie sie neuen Treibstoff für alte Ressentiments liefert, Irrglauben mit Missverständnissen und Viertelwahrheiten erhärtet.

Da ist der Prozess gegen einen ausländischen Mann, der zum wiederholten Mal ohne (deutschen) Führerschein gefahren ist und zuletzt einen Motorradfahrer übersah und tödlich verletzte (siehe BILDblog). Der Fall an sich ist schrecklich und empörend genug: Dass da jemand ist, der sich nachhaltig nicht davon abhalten lässt, mit dem Auto zu fahren, obwohl er das nicht darf. Und doch ist das Unglück offenbar auch schlicht ein Unglück: Der Fahrer ist anscheinend nicht zu schnell gefahren, sondern mit 6 km/h abgebogen. Auf Prozessdeutsch ist vom „Augenblicksversagen“ die Rede. Der Motorradfahrer, der ihm entgegenkam, war ein bisschen zu schnell unterwegs — vielleicht hätte er den Unfall vermeiden können, wenn er sich an Tempo 50 gehalten hätte, man weiß es nicht. Das Gericht folgte in seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Autofahrer wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten.

Man kann das empörend wenig finden, selbst wenn es im Rahmen des Üblichen liegen sollte, und dass die Angehörigen des Opfers außer sich sind vor Trauer, Wut und Zorn über dieses Urteil, verstehe ich gut. Man kann sich auch als Boulevardzeitung ganz auf ihre Seite stellen und das Urteil skandalisieren. Aber darum geht es nicht.

Es geht darum, dass sich die „Bild“-Zeitung in ihrer Berichterstattung mit keinem der Details, die mit dem Unfall zu tun haben, beschäftigt. Stattdessen beschäftigt sich „Bild“-Redakteur Damian Imöhl ausführlich mit der Nationalität des Fahrers. Er erwähnt nicht nebenbei, dass der Fahrer aus dem Irak kommt. Er stellt es demonstrativ an den Anfang seiner Artikel zum Thema. An den Anfang jedes seiner bisher drei Artikel zum Thema. Die Art, wie „Bild“ beschreibt, dass der Autofahrer kein Asyl, aber von den Behörden eine „Duldung“ bekommen habe, skandalisiert schon diese Form der formalen Aussetzung einer Abschiebung an sich. Im Grunde, suggeriert „Bild“, lebt der Fahrer illegal bei uns.

Er ist für „Bild“ ein durch und durch schlechter Mensch, was stimmen mag, aber das Schlechtsein ist in „Bild“ kaum trennbar mit seiner Nationalität verbunden. (Und ähnlich wie „Bild“ kürzlich titelte: „Tod durch BVG-Streik“, könnte die Überschrift diesmal lauten: „Tod durch Asylrecht“.)

Und dann ist da das Gericht. „Bild“ sieht in Bewährungsstrafen grundsätzlich keine Strafen; eine Verurteilung auf Bewährung ist wie ein Freispruch. In diesem Fall schreibt „Bild“, der Richter habe den Fahrer „laufen lassen“. Weil die „Bild“-Zeitung ihren Lesern sämtliche Hinweise für die sachlichen Erwägungen, die hinter diesem Urteil stehen, vorenthält und fälschlicherweise noch behauptet, der Fahrer sei „gerast“, ist es ein Leichtes für die Leser, als Erklärung für das unerklärliche Urteil das zu nehmen, worüber „Bild“ ausführlich schreibt: die Nationalität des Fahrers.

Von dort ist es ein kleiner Schritt zu dem Gedanken: Unser Land ist voller illegaler Ausländer, die unsere Kinder totfahren, und die Gerichte kuschen vor ihnen, soweit ist es schon gekommen.

Das steht nicht explizit in diesen „Bild“-Zeitungs-Artikeln, aber durch ihr geschicktes Weglassen, Verdrehen und Hinzufügen kann sich der mutmaßlich erhebliche Teil der Bevölkerung, der diesen Gedanken nicht für völlig abwegig hält, in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt sehen.

In welchem Maße das tatsächlich geschieht, ausgelöst von der „Bild“-Version der Ereignisse und unter ausdrücklichem Bezug sie, lässt sich zum Beispiel an den Kommentaren auf Shortnews ablesen. Oder, in der drastischsten Form, auf „Politically Incorrect“. Das Fazit der anonymen Autoren aus dem „Bild“-Artikel steht dort gleich im ersten Satz:

Die Ungleichbehandlung von Menschen vor deutschen Gerichten nach ihrer Herkunft nimmt immer dreistere Formen an.

Entsprechend durch die vermeintlichen Fakten angespornt, toben sich in Hunderten Kommentaren dann in großer Zahl die sich nicht für Rassisten haltenden Rassisten aus:

Als Moslem hat man halt die Lizenz zum töten. (…)

Ich verstehe und akzeptiere die Entscheidung jeden Bürgers der sich entscheidet selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. (…)

Wäre ich die Mutter/der Vater des Opfers, bedürfte es keiner Gerichtsverhandlung.

Über deutsche Schicksen, die auf die „Liebesschwüre“ nur geduldeter Moslems reinfallen, verliere ich hier lieber kein Wort…würde gegen die Regeln des Anstands verstoßen. (…)

Und: wenn ich schon den Namen Hassan, Mohamed, Hussein und wie sie alle heißen höre, dann bekomme ich eine Hasskappe! (…)

Schade das der Täter auf dem Foto nicht zu erkennen ist. (…)

Bürgerwehren bilden!
Femegerichte abhalten und solche dreckigen Kanacken wenn sie von RichterIn “Almuth Gut-Gnädig” laufengelassen werden ihnen durch eine bewaffnete Bürgermiliz die angemessene Strafe zukommen lassen (…)

Gibt es Bilder des Richters?
Ich möchte die Fresse eines solchen „Richters „sehen.

Solche Abschaum-Belohner……. wo werden die groß?
Direkt von der Gosse in den Gerichtssaal?
Diese Fresse sollte jeden Laternenpfahl zieren! So richten deuschlands Richter. (…)

Ist doch klar, dass man ihn sofort laufen ließ. Er mußte doch dringend zu seiner deutschen Schlampe, weil die wohl noch nicht schwanger ist.

(Kleine, repräsentative Auswahl)

Vermutlich würden viele der Deutschen, die dort und anderswo gegen Ausländer hetzten und verschiedene mögliche Reaktionen bis hin zur Lynchjustiz abwägen, auch ohne die „Bild“-Zeitung Material finden, mit dem sie glauben, ihre Ausländerfeindlichkeit legitimieren zu können. Aber dieser konkrete Fall taugte dazu nur dadurch, dass die „Bild“-Zeitung aus der Geschichte eine Ausländergeschichte gemacht und entscheidende Tatsachen verschwiegen oder verdreht hat — und fahrlässig das Vertrauen der Menschen in den Rechtsstaat beschädigt.

Es spricht leider nichts dafür, dass „Bild“ das versehentlich tut.

Katias Knete

Es muss Felix‘ Geburtstag vor zwei Jahren gewesen sein, als ich Katia kennen lernte. Und wenn sie mir nicht schon durch ihre laute, offene Art aufgefallen wäre, dann spätestens, als Felix ihr Geburtstagsgeschenk auspackte: ein Knet-ix, der ihn realistischer zeigte, als es ein Foto je könnte.

Nacktblogger heißt die kleine Skulptur, und Katia schreibt dazu:

portraits zu kneten ist nichts für perfektionistinnen wie mich und schon garnichts für gesichter, die man gleich wieder vergisst. dieser freund dagegen braucht garnicht zum modell sitzen zu kommen. den knete ich blind.

zudem muss man sagen: blogger zum modellsitzen zu kriegen ist eine äusserst dankbare aufgabe. man gibt ihnen ein laptop und schon sitzen sie 4 stunden lang still.

Katia hat jetzt endlich eine Homepage, auf der sie ihre Kunstwerke ausstellt (und wohl nach und nach weitere Stücke hinzufügen wird). Ich bin kein Kenner, von bildender Kunst schon gar nicht, aber Katias Werke berühren mich, nicht nur, weil ich die Künstlerin ein bisschen kennenlernen durfte. Es ist dieser wunderbar alberne Humor, der in ihnen steckt, die Abgründe im Banalen, die Lust, das Hässliche im Schönen zu zeigen und das Schöne im Hässlichen. Die Dinge, die sie macht, sind für mich, ähnlich wie der Knet-ix, auf eine schwer zu beschreibende Weise wahr.

Katia schreibt:

fritz kramer, mein alter prof, fragte mich mal, worüber ich mit dem humor in meinen arbeiten eigentlich hinwegtäuschen wolle. und er hatte ja recht.

ich benutze den humor als gleitmittel. das beängstigende, meine trauer und wut bekommen darin eine schöne verpackung, die den eintritt erleichtert. humor ist zudem ein universalmittel. mit dem man wie mit einem quirl, emulsionen herstellen kann zwischen dingen die nicht zusammen wollen.

Ihre Texte sind auch so wie ihre Kunststücke: roh, unverkopft und scheinbar schlicht, aber unmittelbar, aufrichtig, lakonisch und klug. Zu jedem Werk erzählt sie eine kleine Geschichte, wie zu diesem namens „Wiederbelebungsversuch“:

zu zweit ist alles einfacher

kneten ist wie der Wiederbelebungsversuch: man knetet und knetet, in der hoffung das was sinnvolles dabei raus kommt, meistens aber bleibt es bloss knete. das weisse meerschweichen räuspert sich beharrlich in das megaphon und das andere bleibt trotzdem liegen. enttäuschungen mit denen man leben muss.

Nun sind sie endlich online, die Meerschweinchen und Tauben, die Hühner und Exhibitionisten und Gummihandschuhe von Katia Kelm.

[Disclosure: ix hat mir versprochen, mein „Kommentare ausschalten“-Dings zu reparieren, wenn ich über Katias Seite schreibe. Ich hätt’s aber auch sonst getan.]

Apropos Korrekturen

Die hier aus dem britischen „Guardian“ ist besonders schön:

We said that, in the American TV drama 24, Jack Bauer, the counter-terrorism agent, resorted to electrocution to extract information. You cannot extract information from someone who has been electrocuted because they are dead (Questioning, the Jack Bauer way, page 1, April 19).

(Und der Guardian hat sie sowohl in der Zeitung und online veröffentlicht, als auch vor den ursprünglichen Online-Artikel gestellt. Einfach so.)

[via Regret The Error natürlich]

Programmhinweis

Bevor am übernächsten Freitag die zweite Staffel der rasanten, radikalen, soapigen, preisgekrönten und völlig unZDFigen Krimiserie „Kriminaldauerdienst“ beginnt, zeigt das ZDF noch einmal die ersten zwölf Folgen den Pilotfilm und die ersten zehn Folgen: immer um 21.15 Uhr im ZDF.dokukanal. Und für 14 Tage ist war die erste Staffel auch vollständig in der Mediathek zu sehen.

Angucken!


Foto: ZDF

Fehler im System (3)

sueddeutsche.de hat dem fehlerhaften Artikel, um den es hier und hier, aber auch hier und hier ging, nun folgende Erklärung hinzugefügt:

21.04.2008
Liebe Leser! Da im Netz offenbar Verwirrung entstanden ist darüber, ob eine vom Autor vorgenommene Korrektur als Berichtigung unmittelbar am Text selber vorgenommen werden soll, ob sie als berichtigende Klarstellung unter dem Ursprungstext ergänzt werden soll oder ob sie als Kommentar unter den fehlerhaften Original-Text gestellt werden soll, schlagen wir jetzt folgende redundante Lösung vor, um keinerlei Irrtum mehr aufkommen zu lassen: Wir möchten einen fehlerhaften Text immer noch nicht spurlos nachträglich korrigieren, da man damit alle Kommentare, die auf den Fehler hinweisen, denunziert. Denn die würden ja dann auf einen Fehler hinweisen, der im Text nicht mehr vorkommt. Wir haben bislang die Lösung eines Autor-Kommentars unter dem fehlerhaften Text favorisiert, müssen aber feststellen, dass diese Lösung offenbar nicht von allen Lesern erkannt und anerkannt wird. Darum hängen wir dieselbe Korrektur des Autors, die er am 26.03. 2008 als Kommentar unter seinen eigenen Text verfasst hat, jetzt zusätzlich unter den fehlerhaften Originaltext. Dass er er so fehlerhaft in der Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, können wir auf diese Weise natürlich immer noch nicht ändern. (Die Red.)

26.03.2008 12:13:51

Niklas Hofmann: Korrektur

Liebe Leser,

in meinem Artikel steht ein Satz, der in dieser Form leider sachlich nicht richtig ist. Über Fabian Mohrs Blog müsste es im vorletzten Absatz korrekt heißen: „Der Blogger Fabian Mohr erinnerte seine Leser Ende vergangenen Monats ausdrücklich daran, dass er nur Kommentatoren zulässt, die ihren vollen Namen angeben oder zumindest auf eine persönliche Website verlinken.“

Ich bitte den Fehler zu entschuldigen.

Niklas Hofmann