Experten erwarten mehr Ebola-Panikfälle in Deutschland

Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn bekommen sie in letzter Zeit ständig diese Fragen gestellt. Wie gefährlich das Ebola-Virus denn nun ist. Und wie groß die Gefahr, dass es auch hierzulande auftaucht. „Das Informationsbedürfnis in Deutschland ist nach wie vor hoch“, schreibt das BBK. Und damit er nicht ständig dasselbe predigen muss, hat BBK-Präsident Christoph Unger heute eine Pressekonferenz gegeben, um ein paar Dinge klarzustellen. Laut Nachrichtenagentur dpa sagte er zum Beispiel:

Eine Ausbreitung des gefährlichen Virus hierzulande sei […] nach wie vor sehr unwahrscheinlich.

Und Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, sagte:

Eine Ausbreitung in Deutschland sei praktisch ausgeschlossen.

Dass Ebola in Deutschland auftritt und sich ausbreitet, kann man also irgendwo zwischen „sehr unwahrscheinlich“ und „praktisch ausgeschlossen“ verorten. Man könnte deshalb über eine entsprechende Nachricht schreiben: „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen'“ Oder: „Keine Panik: Ebola-Gefahr in Deutschland gering“. Oder man macht es wie dpa und schreibt drüber, was nun unter anderem in „Focus“, „Welt“ oder „Main-Post“ steht:

Focus.de Screenshot 10.11.20144

Stimmt. Und klingt doch gleich viel fetziger. Wenn da „mehr Ebola-Verdachtsfälle“ erwartet werden, steigt doch auch die Wahrscheinlichkeit, dass da ein paar drunter sind, die tatsächlich Ebola haben und alle anderen anstecken, nicht wahr?

Dabei hat BBK-Präsident Unger bloß gesagt, dass mehr Verdachtsfälle auftreten könnten, weil bald einige Ebola-Helfer aus Westafrika heimkehren werden und die Grippesaison beginnt. Bekommt zum Beispiel einer der Helfer Fieber, wenn er wieder hier ist, wird er sich untersuchen lassen – sicherheitshalber. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er eine Grippe; die Anfangssymptome sind ähnlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er demnach also kein Ebola. Aber „Bild“ rüstet sich trotzdem schon mal und macht aus der Entwarnung von BBK und Robert-Koch-Institut heute das:

Bild.de Screenshot 10.11.2014

So ernst wie der Mann im Schutzanzug blickt, sind wir alle fast tot, oder? Und dass die WHO den „Höhepunkt der Seuche“ nicht in Deutschland erwartet, wie man annehmen könnte, sondern in Afrika, wo sie 1976 erstmals auftrat – ach, egal. „Bild“ betont im Text ja auch zwanghaft die deutsche Restwahrscheinlichkeit und warnt:

Das gegenwärtige Risiko einer Einschleppung der Seuche nach Deutschland erachten sie [die „Experten“] dennoch als gering. Ein Import einzelner Fälle ist aber nicht auszuschließen!

Oder:

Die Gefahr, dass Reisende die Krankheit nach Deutschland mitbringen, ist gering – aber möglich!

Die Gefahr ist also möglich. Und zur Sicherheit noch mal in der Bildunterzeile:

Bild.de Screenshot 10.11.2014

Nein, stimmt, ausschließen kann man ja auch nicht, dass morgen die Sonne aufs Berliner Springer-Haus kracht. Mit „weiteren Ebola-Fällen in Deutschland“ meint „Bild“ wohl: die ersten. Bisher wurden drei Menschen, die bereits im Ausland erkrankt waren, in deutsche Kliniken gebracht und dort behandelt. Einer davon starb, einer ist wieder gesund, und ein weiterer noch in Behandlung.

Hier, in Deutschland, hat sich bis dato aber niemand mit Ebola infiziert. Die Verdachtsfälle, die es gab, waren jedes Mal – Verdachtsfälle. Und trotzdem wurden sie vom medialen Panikorchester begleitet. Dabei leiden Fieberpatienten, die aus Westafrika kommen, viel häufiger an etwas anderem, sagt das Robert-Koch-Institut: „In manchen Monaten werden in Deutschland monatlich 40 bis 50 Fälle von Malaria bei Personen diagnostiziert, die aus Westafrika einreisen.“

Ebola bisher, wie gesagt: null.

Das Robert-Koch-Institut erklärte heute auch noch mal, dass Deutschland ohnehin „gut aufgestellt“ sei mit sieben Isolierstationen bundesweit. Steht auch so in „Bild“, teilweise aus einem älteren Artikel rüberkopiert: Da steht, wo die Kliniken sind, und dass man auf die Behandlung von Fieberpatienten „gründlich vorbereitet“ sei. Geringe Gefahr also. Weil aber noch irgendwo etwas Restfurcht übrig war, haben sie das am Anfang des Artikels so zusammengefasst:

Retter befürchten, dass sie im Ernstfall nicht ausreichend vorbereitet sind.

Aber, gut, angesichts der Schlagzeilen der vergangenen Wochen laufen sie bei „Bild“ inzwischen sowieso mit Mundschutz rum. (Und mit Hitze-Schutz, der Sonne wegen.) Anfang August verkündete „Bild“ noch:

Bild Screenshot 7.8.2014

 

Aber dann befiel die Redaktion eine besonders tückische Seuche: das Vergessen.

BILD Screenshot 10.8.2014

BILD Screenshot 20.8.2014

BILD Screenshot 9.10.2014

Bild.de Screenshot 12.10.2014

Bild.de Screenshot 5.11.2014

Bild.de Screenshot 6.11.2014

Na, und wenn zwischendurch noch das Foto eines vermummten Arztes rumliegt, der in Liberia gegen die „Todesseuche“ kämpft, während in Leipzig gerade jemand, der aus Liberia heimgekehrt ist, Fieber und Durchfall hat – why not?

BILD Screenshot 31.8.2014

Nachtrag, 13.11.2014. Wie in den Kommentaren bereits bemerkt: Mein Überschriftenvorschlag „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen‘“ ist nicht ganz korrekt. Richtig müsste es heißen, dass das Robert-Koch-Institut praktisch ausschließt, dass sich Ebola hierzulande verbreitet. Die Gefahr, dass Ebola eingeschleppt wird, ist zwar gering, das RKI schließt es aber nicht aus.

Journalismus — oder das, was RTL darunter versteht

RTL: Pendler empfinden nur noch Wut über Claus Weselsky, den Chef der Gewerkschaft. Wir haben heute die Gelegenheit, mit seiner Ex-Frau zu sprechen. Sie sagt, was Millionen Pendler denken: Ihr Ex ist ungeeignet für diesen Posten.

Ingrid Michael: Machtbesessen ist er, indem er von vornherein seinen Willen durchsetzen möchte, in der Familie, in der Freizeit ist das so gewesen. Er hat mit allen überall diskutiert und wollte zum Schluss immer derjenige sein, der aus der Diskussion als strahlender Sieger hervorgegangen ist.

RTL: Genau diesem Fanatismus ist es zu verdanken, das Lokführer derzeit alles andere als beliebt sind.

Aus: „Explosiv“, Donnerstag, 6. November.

(Für die FAZ habe ich am Donnerstag noch ein bisschen mehr ferngesehen. „extra 3“-Außenreporterin Jasmin Wenkemann hat das Elend wunderbar zusammengefasst.)

Von Putinverstehern und Journalistenverstehern

Man kann es sich natürlich so einfach machen wie Udo Grätz, der stellvertretende Chefredakteur des WDR. Der twitterte als Reaktion auf meinen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über die wachsende Kritik an den etablierten Medien:

Weiterhin. Er hätte angesichts der vielstimmigen und keineswegs immer unbegründeten Kritik an der Arbeit auch seiner Redaktionen wenigstens sagen können: „Noch präziser arbeiten“, aber selbst das war wohl schon zuviel verlangt.

Nicht beirren lassen, das ist eine Reaktion auf den spürbaren Gegenwind, den die Mainstream-Medien derzeit erfahren. Was mich, je nach persönlicher Stimmung, wütend macht oder besorgt, ist diese Selbstgewissheit, die aus manchen Reaktionen etablierter Medien auf die Kritik spricht (und natürlich vor allem auch den Nicht-Reaktionen); die Überzeugung, dass man sich nichts oder jedenfalls nichts Gravierendes vorzuwerfen hat; die Diffamierung der Kritik als von Russland gesteuert.

Ich weiß es ja auch nicht. Ich weiß nicht, wie viele Kommentatoren von Russland gekauft sind, so wenig wie ich weiß, wie viele Journalisten von den Vereinigten Staaten gekauft sind. Vielleicht bin ich da naiv, wenn ich in beiden Fällen die jeweilige Verschwörungstheorie so lange für unwahrscheinlich halte, wie ich das Verhalten der Betroffenen auch anders erklären kann.

Und es sind ja, im Fall der Kritiker, nicht nur irgendwelche anonymen „Trolle“, die das Gefühl haben, dass sie von den Medien nicht umfassend informiert werden. Es sind nicht nur die Paranoiker und Leute, die mit Hysterie Geschäfte und Politik machen wie Ulfkotte und der Kopp-Verlag oder die Bindestrichphobiker von den „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“. Es sind zum Beispiel auch die Nachdenkseiten von Albrecht Müller, die einer politischen Nähe zu Kopp & Co. unverdächtig sind. Und es sind, glaube ich, tatsächlich unauffällige, politisch interessierte und zunehmend von den Mainstream-Medien desillusionierte Menschen.

Ein Leser schreibt mir:

Ich selbst gehöre auch zu den Einwohnern Deutschlands, deren Vetrauen in die Medien dieses Landes in den vergangen Wochen besonders gelitten hat. Um jegliches Missverständnis auszuräumen: Ich habe nie in einem Internetformum oder im Kommentarbereich irgendwelcher Medien Beiträge gepostet oder mich als Troll betätigt.

Ich habe mir einfach nur eine kritische Berichterstattung zu den Dingen gewünscht, sei es in der Ukraine, Syrien oder von einem der sonstigen Kriesenherde der Welt.

Als besonders frustrierend dabei habe ich empfunden, wie Medien teilweise die von den Zuschauern/Lesern angebrachte Kritik beim Thema Ukraine aufgenommen haben: Als Antwort darauf wurden auch auf den Seiten der FAZ Artikel darüber veröffentlicht, dass vom Kreml gesteuerte Agenten die Foren zumüllen und Propaganda betreiben. Nicht gerade das was man souverän nennt.

Ich selbst hatte vor einigen Jahren das Buch von Peter Scholl Latour über Russland gelesen. Meine Meinung zum aktuellen Konflikt fußt wesentlich auf diesem Buch. Mir dann pauschal zu unterstellen, ich wäre mit meinen Ansichten Opfer oder gar Teil eines von Moskau gesteuerten Netzwerks, finde ich schon ein besonders starkes Stück. Wie soll ich dann solchen Institutionen Vetrauen schenken? Man wundert sich eben.

Auf Twitter schrieb mir jemand:

Ich habe mich erkannt. Ich bin in den 80ern in der BRD aufgewachsen. Grundkoordinate war, dass „wir“ die „Guten“ sind, nicht die DDR. Ich habe am 2. Mai das Odessa Massaker im Livestream gesehen, wie aus Fenstern Fallende am Boden liegend tot geschlagen wurden. Die deutschen MSM [Mainstream-Medien]: Bei einem Unglück (!) sind auf unbekannte Weise (!) durch einen Brand (!) Menschen verstorben. Das hat alles, an was ich geglaubt habe (wir sind die Guten!), zerstört und eine lodernde Wut entfacht, die bis heute andauert.

Marco Herack schrieb schon im April in seinem FAZ.net-Blog „Wostkinder“:

Und fürwahr, es gab in den letzten Jahren wohl nur wenige Diskurse, in denen die Meinung zwischen den Gatekeepern und den Bürgern soweit auseinanderging wie in Bezug auf die Ukraine. Während die Artikel klar gen bösen Putin weisen, erschöpfen sich viele Leserkommentare in genau dem Gegenteil. Nicht Putin ist der Böse, man äußert ein gewisses Verständnis und zweifelt an dem Treiben der eigenen Regierung. Umfragen deuten darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs um Russen handelt, die im Auftrag von Putin die Kommentarspalten bevölkern. Die öffentliche Meinung, die Bürger dieses Landes, sind schlichtweg anderer Meinung und äußern sie.

Die Reaktion auf diese andere Meinung der Bürger war im Politik-Bereich dieser Zeitung genau das, was man der Lesermeinung vorwarf. Verschwörungstheorie, geäußert von Julian Staib. Aber auch andere Zeitungen zogen nach, zum Beispiels Jens Bisky in der Süddeutschen. Das zeigt vor allem, dass man nicht bereit ist den Fehler bei sich selbst zu suchen. Und warum Worte wie „Systemmedien“ in Mode sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Bestsellerlisten Büchern führen, die davon handeln, dass Meinungen unterdrückt werden.

Einer dieser Bestseller ist Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“, kommende Woche auf Platz 6 der „Spiegel“-Liste. Ulfkotte ist in vielerlei Hinsicht irre, aber ich halte es für falsch, so zu tun, als gäbe es ihn nicht und als wäre sein Buch kein Erfolg. Es enthält neben absurden Übertreibungen und Verdrehungen bekannte, aber tatsächliche journalistische Skandale, und die atemberaubende Mischung aus beidem macht das Buch brisant und für manchen Leser womöglich glaubwürdig.

Ein anderer Bestseller ist „Wir sind die Guten“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer. Es stellt viele unbequeme Fragen, an die Rolle der Amerikaner und des Westens im Ukraine-Konflikt — vor allem aber auch an die Medien, die diese Rolle so wenig hinterfragen. Es ist von seiner Haltung und seinem Tonfall mit Ulfkottes Pamphlet nicht zu vergleichen, aber es hinterlässt umso mehr das Gefühl, dass es hier eine Leerstelle gibt in der Berichterstattung der etablierten Medien.

Und dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass es in eben jenen Medien keine große Auseinandersetzung gibt über das Buch. Dass es nicht als Anlass gesehen wird, sich mit den Fragen, die es aufwirft, auseinanderzusetzen — und sei es, sie nüchtern und klar zu beantworten und der Analyse zu widersprechen.

Ich kenne mich da nicht aus. Ich weiß sehr wenig über die Ukraine, und ich bin — anders als gefühlt erstaunlicherweise jeder andere — kein Experte für ukrainische Geschichte, russische Psyche oder die Grenzen des Völkerrechts. Umso mehr bin ich darauf angewiesen, Menschen, die darüber berichten, zu vertrauen. Es gibt vielleicht Dinge, die ich nachprüfen kann, und Aspekte, die mit meinem Vorwissen übereinstimmen. Aber am Ende bleibt ein großer Teil, bei dem ich einem Augenzeugen, einem Reporter, einem Kommentator, einem Medium schlicht vertrauen muss.

Dieses Vertrauen ist an vielen Stellen angeknackst.

Ich glaube nicht, dass viele deutsche Journalisten in irgendeinem engeren oder weiteren Sinne gekauft sind. Ich glaube aber, dass sie nicht unvoreingenommen sind. Dass die Berichterstattung tatsächlich, vermutlich oft unterschwellig und unbewusst, geprägt ist von einer klaren Überzeugung, dass es hier eine gute Seite und eine böse Seite gibt. Dass man den Aussagen der einen Seite prinzipiell glauben kann, bis das Gegenteil erwiesen ist, und den Aussagen der anderen Seite prinzipiell nicht glauben kann, bis das Gegenteil erwiesen ist.

So ließen sich auch die vielen, oft kleinen Fehler erklären, die in der Berichterstattung zuungunsten der russischen Seite zu passieren scheinen. (Die Seite der Kritiker erliegt natürlich demselben Phänomen und interpretiert die Berichterstattung ausschließlich vor der Schablone, dass sie vermutlich falsch, gesteuert und anti-russisch ist und hat eine entsprechend gefärbte Wahrnehmung, die zu Fehlurteilen führt. Viele Anti-Mainstream-Medien-Blogs sind insofern mindestens so voreingenommen.)

Um ein vergleichsweise läppisches Beispiel zu nehmen: Im Frühjahr, als die umstrittene Abstimmung auf der Krim über den Anschluss an Russland stattfand, sahen die deutschen Medien, dass dort durchsichtige Wahlurnen verwendet wurden, und nahmen das als weiteres Indiz dafür, dass es kein Wahlgeheimnis gab und die Wahl also eine Farce sei. Tatsache ist, dass in der Ukraine solche durchsichtigen Wahlurnen Tradition haben. Tatsache ist sogar, dass die OSZE den Einsatz solcher Urnen als vertrauensbildende Maßnahme aktiv unterstützt.

Aber weil die Organisatoren des Referendums böse waren, war klar, dass auch hinter dem Einsatz der für uns ungewöhnlichen Kisten eine böse Absicht stecken musste. Dafür ist gar keine Absprache, keine Verabredung, kein „Kauf“ der Journalisten nötig, nur eine entsprechende Voreingenommenheit, die den Blick auf alles, was passiert, entsprechend prägt — und trübt.

Ich habe bewusst ein kleines Beispiel gewählt, weil es in größeren Zusammenhängen natürlich schnell unübersichtlich und komplex wird; zum Beispiel etwa, wenn es darum geht, welche Vorgänge verfassungswidrig sind. Die Abspaltung der Krim von der Ukraine? Die Absetzung Wiktor Janukowitschs als Präsident?

Mein subjektiver (und natürlich zu pauschaler) Eindruck ist, dass die Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine von solcher Voreingenommenheit geprägt ist. Dass die etablierten deutschen Medien sich erstaunlich wenig mit den zweifelhaften Umständen der Revolution beschäftigt haben — Bröckers und Schreyer liefern Beispiele dafür.

Gerade das wäre aber nötig. Gerade in einem Konflikt, der so gefährlich ist und uns so sehr betrifft. Viele Medien wirken, als betrachteten sie sich als Teil der Auseinandersetzung; sie kämpfen mit und für „den Westen“ gegen Russland und seinen irren, gefährlichen, skrupellosen Präsidenten. Es ist nicht nur Gut gegen Böse, sondern sogar Wir Guten gegen Die Bösen.

Bröckers und Schreyer schreiben:

Ob sie es selbst nun merkten oder nicht, viele Journalisten hatten im Frühjahr 2014 bereits in den Kriegsmodus geschaltet, dessen Logik vor allem besagte: Traue niemals dem Feind. (…)

Im Ergebnis dient das Vehikel der „russischen Propaganda“, ebenso wie der in anderen Zusammenhängen häufig verwendete Begriff „Verschwörungstheorie“, einer pauschalen Abwertung und Ausgrenzung jeglicher missliebigen Information. Da die vorgeblichen Fakten ja vom Feind stammen und der Feind bekanntlich gerne lügt, ist eine weitere Diskussion von Einzelheiten überflüssig. Ende der Debatte also. Wir sind doch nicht blöd und glauben am Ende noch den Russen — so der mehr oder weniger unterschwellige Tenor.

Es geht dabei nicht darum, der russischen Propaganda blauäugig gegenüberzutreten. Es geht darum, zu erkennen, dass dem russischen Propagandafeldzug nicht auf der anderen Seite Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegenübersteht; dass auch „der Westen“, die Nato, die „westlich orientierte“ Regierung der Ukraine diesen Kampf um die Meinungshoheit mit allen Mitteln führt. Und zu erkennen, dass es die Aufgabe freiheitlicher Medien ist, gerade auch diese vermeintlich eigene und vermeintlich gute Seite besonders kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Ich vermisse dieses Bewusstsein in der Berichterstattung.

Die WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich schreibt im „Medium Magazin“:

Trotzdem gewinne ich dem Rauschen aus dem Netz einiges ab, denn er schärft mein Selbstverständnis als Journalistin. Von Zeit zu Zeit muss das sein! Erst beim Irak-Krieg stellten wir die Grundsatzfrage, ob wir „embedded“ arbeiten dürfen. (Als ob Kriegsreporter zuvor nicht auch mit einer der Parteien „reingingen“.) Erst als CNN beim Bombardement von Bagdad News in Real Time lieferten, beschäftigten wir uns mit den Folgen der beschleunigten Übertragungswege. Und ja, erst bei dieser neuen Eiszeit zwischen Ost und West verdrängen wir nicht mehr, dass unsere Arbeit Propagandastrategien direkt und indirekt beeinflusst. Wir sind Kriegsteilnehmer, ob wir es wollen oder nicht.

Das stimmt, und doch ist der vorletzte Satz erstaunlich umständlich formuliert. Die Arbeit von Journalisten beeinflusst nicht nur Propagandastrategien, sie ist auch von Propagandastrategien beeinflusst — und Journalisten scheinen da erstaunlich wenig Widerstand oder Selbst-Bewusstsein zu entwickeln.

Bei einer Diskussion bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises Ende Oktober an Golineh Atai sagte Mikich:

Wir erleben hier einen qualitativen Sprung sondergleichen, mit dem Internet als Echo-Raum. Wo alles, was wir sagen, zehnfach zurückkommt. Verzerrt, gehässig, manchmal kritisch und gut, aber auf jeden Fall schwierig, Arbeit machend und so weiter. (…) Wir machen Nachrichten, Berichte in einer Empörungsdemokratie, die da im Internet unendlich stark auf uns einwirkt, und zwar so einwirkt, dass man sich verkrampft. (…) Wir verkrampfen uns. (…) Ich verkrampfe mich. Wenn ich jetzt überlege, Golineh will einen Bericht machen, meinetwegen über junge russische Demokraten: Macht sie das, um einer Öffentlichkeit, um dieser Internetgemeinde zu sagen, wir sind ja gar nicht so, wir sehen das auch? Oder macht sie das, weil sie journalistische Neugier hat. Diese Verkrampfung halte ich wirklich für einen ganz großen Schaden, und der ist dem Internet vor allem geschuldet.

Ich verstehe, was sie meint, und natürlich dürfen sich Journalisten nicht einschüchtern lassen, nicht von einem oft maßlos formulierenden und unfassbar aggressiv agierenden Mob, und schon gar nicht von persönlichen Drohungen, denen sich Korrespondenten wie Atai offenbar ausgesetzt sehen.

Andererseits höre ich Sätze wie „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht unter Druck setzen lassen“, wie sie „Spiegel“-Autor Christian Neef formulierte, mit einem Unbehagen. Weil das auch ein bequemes Abtun der Kritik bedeuten kann.

Gerade angesichts der vielfältigen Kritik müsste es doch ein viel stärkeres Problembewusstsein geben in den Redaktionen. Stattdessen passieren absurde Pannen wie der gleich mehrfache grob irreführende Einsatz von alten Fotos zur Illustration aktueller Vorgänge im WDR. Man sollte doch denken, dass Journalisten inzwischen so sensibilisiert sind — sensibilisiert, nicht verkrampft — dass sie den Einsatz jedes Symbolfotos zu diesem Konflikt doppelt hinterfragen. Wie viele „reine Unaufmerksamkeiten“ können denn passieren? Ja, Fehler passieren immer und überall und lassen sich nicht vermeiden, aber kann man vom Qualitätsjournalismus wirklich nicht verlangen, unbestätigte Meldungen über angebliche russische Truppenbewegungen in der Ukraine nicht mit Fotos von russischen Truppenbewegungen in Russland zu bebildern, wie es die „Frankfurter Rundschau“ gerade wieder gemacht hat?

Und wie ist es zu erklären, dass ARD-Korrespondent Udo Lielischkies, der von den Kritikern besonders massiv angegangen wird, nach der Parlamentswahl in der Ukraine in der 20-Uhr-„Tagesschau“ zur Legitimation dieser Abstimmung sagte: „Mit einer Wahlbeteiligung von gut 52 Prozent immerhin höher als der Durchschnitt der letzten drei Parlamentswahlen“ — wenn es mit Abstand die niedrigste Wahlbeteiligung war?

(Soviel zum Thema „weiterhin journalistisch präzise arbeiten“, Herr Grätz.)

ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat bei der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis-Diskussion gesagt, das ZDF habe eine Art internen Qualitätszirkel eingerichtet und die eigene Berichterstattung kritisch reflektiert.

Natürlich müssen wir das beachten, was uns da entgegenschlägt. Es darf uns aber nicht im Mark verunsichern. Denn: Die Glaubwürdigkeit der Nachrichtensendungen hat nicht Schaden gelitten. Das Interesse der Zuschauer ist doch groß. Einen Glaubwürdigkeitsverlust der großen Plattformen, „Tagesschau“, „heute“, „heute-journal“, „Tagesthemen“, kann ich nicht erkennen. (…) In dieser Situation ist es gar nicht möglich, keinen Fehler zu machen. Aber am Ende seien wir doch selbstbewusst, dass unsere Redakteure und Korrespondenten, jedenfalls zu 98 Prozent hier, einen Prima-Job gemacht haben.

Es gab Applaus an dieser Stelle.

Ich bin nicht so überzeugt. Ich glaube, dass wir von unseren Qualitätsmedien erwarten können, dass sie genauer berichten. Dass sie weniger Fehler machen, vor allem, wenn es um Krieg und Frieden geht. Dass sie sensibilisiert sind für eine mögliche eigene Voreingenommenheit, was die Berichterstattung kleiner Details angeht, aber auch das große Ganze. Dass sie in einem viel größeren Maße ihre Rolle reflektieren, die Position, die sie einnehmen. Dass sie bewusst die Perspektiven wechseln und sich nicht als Kriegs- oder Konfliktpartei verstehen. Und dass sie sich kritisch und selbstkritisch mit Vorwürfen, wie sie zum Beispiel Bröckers und Schreyer erheben, auseinandersetzen — all das, was die staatlich gelenkten russischen Propagandamedien nie tun würden.

Google bekommt Vorzugsbehandlung von Axel Springer

Der Axel-Springer-Konzern diskriminiert kleinere Suchmaschinen und Aggregatoren. Das Unternehmen hat heute verkündet, Google die Erlaubnis gegeben zu haben, Ausschnitte aus den Inhalten sämtlicher Internetangebote des Unternehmens kostenlos in den Suchergebnissen anzuzeigen. Diese sogenannte „Gratis-Lizenz“ betrifft aber, wie mir der Verlag auf Anfrage mitteilte, ausschließlich Google. Andere, kleinere Anbieter müssen nach wie vor eine in der Regel kostenpflichtige Lizenz erwerben, wenn sie kurze „Snippets“ mit Textausschnitten anzeigen wollen, oder riskieren eine juristische Auseinandersetzung mit Springer oder der von Springer dominierten Verwertungsgesellschaft VG Media.

Anderen Anbietern erteile Springer keine kostenlose Lizenz, weil sie „keine marktbeherrschende Stellung haben“, erklärte eine Verlagssprecherin. „Aufgrund des geringen Marktanteils anderer sind wir nicht gezwungen, auch dort so vorzugehen.“

Ursprünglich hatten eine Reihe von Verlagen der Leistungsschutzrecht-Allianz für die Anzeige der „Snippets“ von Google Geld gefordert. Google reagierte darauf mit der Ankündigung, in den Ergebnislisten von solchen Angeboten nur noch die Überschrift zu zeigen, was auch nach dem neuen Presse-Leistungsschutzrecht unzweifelhaft kostenlos zulässig ist. Die meisten Verlage ruderten daraufhin zurück und erklärten, vorerst auf ihren vermeintlichen Anspruch auf Bezahlung zu verzichten.

Nur Springer gab für einen Teil seiner Online-Angebote zunächst keine solche Verzichtserklärung ab. In der Folge brach die Zahl der Zugriffe auf diese Seiten nach Angaben von Springer über die Google-Suche um 40 Prozent ein. Auf Dauer hätte das jährliche Umsatzeinbußen in Millionhöhe pro Marke bedeutet.

Nun darf Google diese kostenlose Leistung, die für die Springer-Angebote extrem wertvoll ist, wieder erbringen. Springer verzichtet also darauf, Geld von einem Unternehmen dafür zu verlangen, dass es ihm einen wesentlichen Teil seines Umsatzes beschert.

Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner kommentierte das in einer Telefonkonferenz, die aus seinem Paralleluniversum übertragen wurde, mit den Worten:

„Das ist vielleicht der erfolgreichste Misserfolg, den wir je hatten. So traurig es ist, aber wir wissen jetzt sehr präzise, wie massiv die Folgen der Diskriminierung sind, wie sich die Marktmacht von Google tatsächlich auswirkt und wie Google jeden bestraft, der ein Recht wahrnimmt, das der Deutsche Bundestag ihm eingeräumt hat.

Der Deutsche Bundestag hat den Verlagen tatsächlich das Recht eingeräumt, für kleinere Textausschnitte von Suchmaschinen Geld zu verlangen. Es hat nach allgemeiner Rechtsauffassung Suchmaschinen aber nicht dazu verpflichtet, diese Textausschnitte auch anzuzeigen, wenn sie kostenpflichtig sind.

Dadurch dass Springer und andere Verlage ausschließlich Google eine Gratis-Lizenz erteilt haben, werden andere Suchmaschinen und Aggregatoren benachteiligt. Sie müssten aufgrund dieser Diskriminierung entweder Geld an die Verlage zahlen oder, anders als Google, darauf verzichten, das Angebot deutscher Verleger-Medien ohne Einschränkungen in ihren Suchergebnissen anzuzeigen. Der Axel-Springer-Konzern trägt somit seinen Teil dazu bei, die Marktmacht von Google, die er beklagt, weiter zu vergrößern.

Nachtrag, 9. November. Christoph Keese, Außenminister bei Springer und der wichtigste Vater des Leistungsschutzrechtes, erwidert in seinem Blog:

(…) Die VG Media kann den kleineren Suchmaschinen gar keine Gratislizenzen einräumen, denn sie ist gesetzlich dazu verpflichtet, den genehmigten Tarif durchzusetzen. Nach dem Tarif — aber nur nach ihm! — muss sie alle Marktteilnehmer gleich behandeln. Es besteht Kontrahierungspflicht.

Die Gratislizenz an Google wurde jedoch gegen den Willen der VG Media und der Verlage erteilt — wegen des missbräuchlichen Drucks des Marktbeherrschers. Sie ist das Ergebnis einer Nötigung.

Kleinere Suchmaschinen sind aber keine Marktbeherrscher. Folglich können sie Verlage und VG Media nicht nötigen. Ohne Nötigung aber darf die VG Media nur auf Basis des staatlich genehmigten Tarifs gleichbehandeln. Mithin ist eine Gratislizenz an die kleineren Suchmaschinen nicht möglich. (…)

„Spiegel“-Autor Neef: „Das ‚Stoppt Putin jetzt‘-Titelbild war misslungen“

Christian Neef, der für den „Spiegel“ unter anderem aus der Ukraine berichtet, hat sich vom „Stoppt-Putin jetzt!“-Titel distanziert. Anders als die Verschwörungstheoretiker glauben wollten, sei das Cover zwar nicht von der CIA initiiert, aber ein Beispiel dafür, „dass wir in Zeiten wie diesen noch mehr über Titelzeilen und -bilder nachdenken müssen.“ In einem Gastbeitrag für das „Medium Magazin“ schreibt er:

Das Titelbild von Heft 31 war misslungen. Zum einen, weil die Zeile „Stoppt Putin jetzt“ missverständlich ist — auch wenn ich den Gedanken dahinter teile. Zum anderen, weil die Fotos der Opfer von MH 17 von vornherein unterstellten, dass Russland die Boeing abgeschossen hat. Und drittens, weil es ein „unspiegeliger“ Titel war — „Spiegel“-Titel sollten klug, anregend und mitunter auch doppelsinnig sein, keinesfalls plakativ. Vielleicht sollten wir unseren Lesern mitunter auch Einblick in die heißen Debatten gewähren, die jeden Freitag im Titelbild-Ressort des „Spiegels“ entbrennen.

Ich denke, darauf können wir noch lange warten.

Das „Medium Magazin“ beschäftigt sich in seiner aktuellen Titelgeschichte „Ihr lügt doch alle!“ aus vielen Perspektiven mit der „Glaubwürdigkeitsfalle“, in der sich Medien befinden. Zu Wort kommen unter anderem WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, ARD-Korrespondentin Golineh Atai, „Zeit“-Politikchef Bernd Ulrich und der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Thevessen. FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher äußert sich in einem ausführlichen Interview zur Redaktionskultur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und den Vorwürfen von Udo Ulfkotte. Und der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger kritisiert (auch frei online in der Leseprobe) die inzwischen berühmte Untersuchung von Uwe Krüger über den „Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten“ und wirft dem Kollegen schwere wissenschaftliche Versäumnisse vor. (Von mir stehen auch ein paar Zeilen zu Ulfkotte im Heft.)

In dieser Überschrift ist skyne Werbung für einen Pay-TV-Sender versteckt

Vielleicht sollten sie bei der „Rheinischen Post“ überlegen, die nächste Kolumne von Sky du Monts Sohn schreiben zu lassen. Oder neben der Kolumne einen Banner zu platzieren, auf dem steht: „The sky is the limit“. Oder: „Das Skylight der Woche“. Irgendwas. Und ruhig schön blöd. Hauptsache, da steht noch mal Sky. Wie der Pay-TV-Sender. Sky. Sie wissen schon. Sky. Haben Sie gehört? Sky. Sky. Sky.

Einen anderen Grund für die Kolumne „Sky-Reporter“ kann es nicht geben. Außer: Möglichst auffällig den Namen des Senders unterzubringen. Seit drei Wochen schreiben bei RP-Online Jugendliche über das, was sie samstags in der Glotze gesehen haben: Fußball. Da steht dann zum Beispiel, dass nun das Freistoß-Spray auch in der Bundesliga benutzt wird, ein Freistoß von Bayern „allerdings“ daneben ging und ein anderer rein. Und dass es nun „spannend“ wäre, zu wissen, „ob der Freistoß auch ohne den Spray den Weg ins Tor gefunden hätte“, was aber doch nicht sooo interessant sei, weil das Spiel ja eh 6:0 ausging. So steht das da.

Screenshot "Rheinische Post" 3.11.2014

Die Jugendlichen freut das wahrscheinlich, mal was für eine Zeitung schreiben zu dürfen, und das ist ja auch schön. Die „Rheinische Post“ macht sich aber offenbar nicht mal die Mühe, das inhaltlich intensiv zu betreuen. Oder Rechtschreibfehler zu korrigieren. Wäre ja auch viel Arbeit bei Texten, die so rund sechs bis sieben Sätze umfassen. Damit aber wenigstens die Kernbotschaft ankommt, heißt der erste Schreib-Schüler der Marketing-Kolumne sicherheitshalber – Skye. Kein Scherz.

Die Emanzipation der Youtuber

Krautreporter

Videoblogs boomen, aber im Wachstums- und Kommerzialisierungsrausch droht der Zauber des Mediums unter die Räder zu kommen. Eine Gruppe bekannter Youtuber will mit einem Verein Alternativen entwickeln und über Inhalte reden, nicht über Klickzahlen. Sie suchen auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis.


Foto: www.svensonpictures.com

Ein Dachgeschoss-Loft in einer ehemaligen Fabrik in Berlin-Neukölln. Marie Meimberg steht am Kochblock und macht Käse-Spätzle, viele Käse-Spätzle. Eine Auflaufform voll steht schon im Backofen, in eine zweite schichtet sie abwechselnd frische Nudeln und Käse. Kerzen brennen, große Weingläser stehen bereit, im Hintergrund läuft unaufdringliche Jazzmusik, quer durch den großen, offenen Wohnbereich hängen noch Girlanden von einer Geburtstagsfeier in der letzten Woche, in der Ecke steht ein Fußball-Kicker.

Es wirkt, als hätte man sich in eine ZDF-Familienserie verlaufen.

Marie erwartet Gäste. Es ist Vereinsabend. Alle paar Wochen treffen sich die Mitglieder des Vereins „301+“, lassen es sich gut gehen und arbeiten an der Rettung der Youtube-Szene in Deutschland.

15 Freunde zwischen 21 und 31 sind sie, Studenten, Selbständige. Marie ist dabei, die persönliche Filme macht; Dominik, der versponnene Filme macht; Steven und Rick, die lustige Filme machen; Marti, der musikalische Filme macht, Robert, der Filmkritik-Filme macht. Die bekanntesten sind Nilam Farooq, die als daaruum über Mode und Lifestyle bloggt, und Florian Mundt, der als LeFloid das Zeitgeschehen kommentiert und den seine Freunde hier „Flo“ nennen.


Foto: www.svensonpictures.com

Die Szene der Youtuber wächst gerade wie blöd. Große Unternehmen, teils mit Millionen im Rücken, versuchen von dem Boom zu profitieren und heizen ihn weiter an. Sie vermarkten und vernetzen die einzelnen Videoblogger, helfen ihnen, ihr Publikum zu vergrößern und Geld zu verdienen. Worum es ihnen geht, formuliert Christoph Krachten, Präsident des größten Netzwerkes Mediakraft, in erstaunlicher Klarheit: „Wachstum, Wachstum, Wachstum!“

Die 15 Freunde von „301+“ eint der Gedanke, dass das nicht alles sein kann. Und die Sorge, dass bei dem Tempo und der Art des Wachstums gerade das auf der Strecke bleiben könnte, was den Reiz des Mediums eigentlich ausmacht. „Alles, was ich an Youtube immer propagiert habe, warum es so geil ist, dass ich mein eigener Herr über alles bin – das verkommt langsam“, sagt Flo. „Uns verbindet die Sorge um den guten Content und die Community.“

Er ist einer der erfolgreichsten. Sein Videokanal hat über zwei Millionen Abonnenten. Der Erfolg führt in dem Klima der überhitzten Kommerzialisierung und Professionalisierung aber nicht dazu, dass auch andere versuchen, ihren Weg zu gehen, sondern dazu, seinen nachzugehen. „Man hat Kanäle wie den von Flo genommen“, erzählt Marie, „und fast schon gesagt: Okay, was macht der? So müssen’s jetzt alle machen. Schlimm finde ich, dass sich die Inhalte angleichen. Jetzt lernen alle: Okay, ich muss möglichst viele Kooperationen machen, ich brauche ein Intro, eine ‚Endcard‘ am Schluss, die auf eine bestimmte Weise aussehen muss; in Minute so-und-so muss ich das tun; das Video darf nicht länger sein als so-und-so …“

„Das sind halt alles Regeln, die eigentlich irrelevant sind!“, sagt Dominik.

„Das ist so ein Quatsch!“, sagt Marie.

Flo, alias LeFloid, sagt, er leide darunter, wie sehr die kommerziellen Netzwerke den Nachwuchs beeinflussen, in jeglicher Hinsicht: „Heute werden Nachwuchs-Youtuber herangezüchtet, mit dem Versprechen, sie werden der nächste große, geile Shit – und das betrifft jedes einzelne Netzwerk, nicht nur Mediakraft. Das Problem daran ist, dass man sich heute mit Nachwuchskünstlern auseinandersetzen muss, die einen anderen Antrieb haben als wir. Die gar nicht mehr eine intrinsische Motivation haben, sondern aufgepumpt und hochgezüchtet werden und sich dann fragen: ‚Warum zur Hölle hab ich nach 14 Tagen immer noch nicht 100.000 Abonnenten?‘, ‚Warum wollen meine Netzwerk-Kollegen von Y-Titty mit drei Millionen Abonnenten jetzt nicht mit mir mit meinen 1.000 Abos kollaborieren, das müssen die doch machen.‘ Dieser Anspruch auf Erfolg, der da künstlich eingeimpft wird in jeden kleinen Hoffnungsträger, macht meiner Meinung nach vieles kaputt, was den kreativen Input angeht, die reine Motivation aus sich selbst heraus.“

So sind sie, diese jungen Youtube-Leute. Reden sich in Rage und bringen trotzdem noch Worte wie „intrinsische Motivation“ unter.

LeFloid hat gerade bekannt gegeben, dass er sich von Mediakraft trennen wird, und für ein Unternehmen, das derart zahlenfixiert ist, ist das ein besonders bitterer Verlust. Was man so hört, klingt nicht danach, als ob beide harmonisch auseinandergehen würden.

Die Netzwerke sind ein Teil des Problems, wobei den „301+“-Leuten wichtig ist, dass sie sich nicht als Gegner der Netzwerke verstehen. Sie wollen nur zeigen, dass es auch einen anderen Weg geben kann, in dieser Youtube-Welt, einen eigenständigen. Das ist gar nicht selbstverständlich, wie Robin alias RobBubble besonders handfest erlebte, als man ihn nicht bei den Videodays reinlassen wollte, dem jährlichen Mega-Event der Szene in Köln, bei dem viele Tausend Fans ihre Stars treffen. „Bei der Akkreditierung am Eingang wurde ich gefragt, zu welchem Netzwerk ich gehöre. Ich hab gesagt: Bei keinem. Da hieß es: Das geht nicht.“

Es muss eine lustige Szene gewesen sein, denn von den Fans war er längst erkannt worden und musste schon Autogramme geben. Sie ließen ihn schließlich rein.

Robin sagt: „Die Leute sehen uns und sehen, dass es auch anders gehen kann. Wir wollen den Markt ein bisschen aufrütteln, dann kann jeder selbst entscheiden. Ich bin auch ein großer Fan von dem, was Netzwerke leisten können. Nur haben sie momentan eine gewisse Monopolstellung. In Zukunft gehen Leute vielleicht nur dahin, wenn es wirklich für sie einen Mehrwert hat.“

Auch die Gründung von „301+“ hängt mit einem Abschied von einem Netzwerk zusammen: Vor einem halben Jahr hatte Marie bei Mediakraft gekündigt, wo sie als „gute Fee“ gearbeitet hat. „Es gab danach ganz viele, die mir angeboten haben, ein Netzwerk zu gründen. Mir war aber klar, wir brauchen jetzt nicht noch ein Netzwerk in dieser Szene, die sich fast schon anfühlt wie eine Immobilienblase, wo viel zu viele Netzwerke um viel zu wenige Youtuber buhlen.“ Sie fand dann ganz andere Themen relevant, die gerade im Gegenpart zur Wachstumsfixierung und Professionalisierung liegen: „Wo diskutieren Creators über ihre Verantwortung? Wann übernehmen sie Verantwortung? Wie wollen sie selber die Szene mitgestalten und sich nicht nur von ihrem Netzwerk vertreten lassen?“

Von einem „Empowerment“ der Videoblogger spricht sie. Es fallen dann noch Begriffe wie „Emanzipation“ und „Nachhaltigkeit“. Rick von den Space Frogs legt Wert darauf zu betonen, dass es nicht nur darum ging, dass sie unzufrieden waren, und Marie stimmt zu: „Es war schon eher ein positiver Moment.“

Sie verstehen sich als Freundeskreis, aber es war ihnen auch wichtig, zu zeigen, dass es ihnen ernst ist, dass das hier nicht nur eine Bierlaune ist. So entschlossen sie sich, den formellen, umständlichen und irgendwie merkwürdig altmodischen Weg zu wählen, einen richtigen deutschen Verein zu gründen, mit Schatzmeister und Protokollen und allem. Die Form ist eine klare Distanzierung von Netzwerken und gewinnorientierten Agenturen. Und sie soll auffallen, eine gewisse Resonanz hervorrufen, wie Flo sagt: „Damit die Leute sehen, es ist ein Bündnis.“ (Der Name „301+“ steht übrigens für die Zahl, die bei Youtube früher lange pauschal eingeblendet wurde, wenn ein Video mehr als 300 Abrufe hatte.)

Sie waren schon bei den Leuten von Youtube und haben Wünsche und Anliegen vorgetragen. Sie reden mit vielen. Und sie finden es nur halb abwegig, wenn man sie mit einer Gewerkschaft vergleicht – wobei sie erst einmal herausfinden müssen, was sie überhaupt leisten können und wollen. Rechtsberatung zum Beispiel sicher nicht, aber bei vielen Youtubern, meinen sie, würde schon der gute Rat helfen, einen Anwalt über die Verträge schauen zu lassen, die man unterschreibt.

Vor allem aber soll ihr Verein ein Ort sein, an dem man sich austauscht über das, was man tut. Über Inhalte statt über Reichweite. Und über das eigene Selbstverständnis.

Es ist ein merkwürdiges Medium, dieses Youtube, mit einem ganz besonderen Verhältnis zwischen den Machern und dem Publikum. Es ist unmittelbar, ungefiltert und sehr persönlich. Und trotzdem ein Massenmedium. Diese Kombination aus großer Nähe und großem Publikum ist nicht ohne Probleme, und damit ist nicht einmal gemeint, dass LeFloid nicht mehr zum Elektronikmarkt gehen kann, ohne eine halbe Stunde lang von einer Traube von Menschen belagert zu werden. Bei den Videodays haben Fans teilweise mehrere Stunden angestanden und konnten ihre Idole trotzdem nicht treffen – ein Scheißgefühl, wie LeFloid sagt.

Marie hat Anfang Oktober ein bemerkenswertes Video gemacht, das die besondere Beziehung zwischen den Youtubern und ihren Zuschauern thematisiert. Sie hat es „Ich bin nicht Eure Freundin!“ genannt und sagt darin:

„Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf Youtube was vormachen, weil wir der Realität nicht ins Auge sehen und festhalten an einer Idee, die schon lange nicht mehr der Realität entspricht. Wir reden davon, dass wir alle auf einer Augenhöhe sind, dass Youtuber keine Stars sind und wir alle besser und anders sind als Fernsehen und Megastars und hastenichtgesehen. Aber das ist inzwischen nicht mehr wahr. Ich glaube, dass das Problem darin besteht, dass wenig Leute sagen, was Sache ist, weil man an dieser Illusion festhalten will. Dadurch verpassen wir aber die Möglichkeit, dieser Tendenz entgegenzuwirken oder zumindest ein Dazwischen zu finden. (…)

Wenn euch irgendjemand sagt, mit was weiß ich wieviel Tausend Abonnenten, dass jeder Abonnent ein Freund ist, dann lügt der euch einfach an. Dann ist das Quatsch. Das ist Quatsch. Und auch gefährlich, glaube ich.“

Es ist ein Video, das tastend nach einer Alternative sucht, etwas Neuem, einem Zwischending zwischen der Illusion von Freundschaft zwischen Youtube-Filmer und Youtube-Gucker einerseits und andererseits dem Verhältnis von Stars, die auf der Bühne stehen und von Fans, die vor der Bühne stehen, angehimmelt werden.

„Viele von uns wollen nicht nur Fans“, sagt Dominik, „sondern Leute, mit denen wir uns austauschen, wo Dialog entsteht.“ Das Thema beschäftigt sie alle.

„Wenn du dich für ein Leben mit Youtube entschieden hast“, sagt LeFloid, „bist du einen 24/7-Vertrag mit dir und deiner Arbeit eingegangen. Es wird einfach irgendwann ein Teil von dir, denn du bist verantwortlich für alles. Du bist verantwortlich für vieles und, wenn du darüber nachdenkst, auch für viele. Denn du hast bei vielen einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Du bist irgendwann der große Bruder, die große Schwester. Das geht schon sehr nahe – dessen muss man sich auch bewusst sein.“

Ihr Verein ist ein Schritt aus dem Hamsterrad, um sich gemeinsam Gedanken zu machen, vielleicht der Anfang einer Independent- Bewegung, aber das ist alles noch offen. Langfristig, meint Marie, könnte so eine Youtuber-Emanzipation auch den großen Netzwerken zugute kommen: „Weil sie dann mit Leuten zu tun haben, die sich Gedanken gemacht haben, was sie wollen und was nicht.“

„Als Texte noch einmalig sein mussten, um gedruckt zu werden“

Wenn es Verwerfungen gibt in den Verlagen, rufen die Redaktionen beim früheren „Stern“-Chefredakteur Michael Jürgs an und lassen sich erklären, was da eigentlich passiert.

Denn diese Newspeak von krawattenlosen Flanellmännchen, die ohne uns Journalisten gebrauchte Tablets verkaufen müssten so wie ihre Vorgänger einst, als es so etwas noch gab, Nähmaschinen, und die bei Entlassungen wie Pferdeflüsterer von Freisetzungen reden — bedeutet in Wahrheit ja etwas ganz anderes. (…)

Als Texte und Fotos noch einmalig sein mussten, um gedruckt zu werden, als ihre Schöpfer noch First Class flogen und Verleger ihren Champagner aus den Gehirnschalen ihrer Chefredakteure tranken, umschwärmten Verlagsmanager die Fotografen und Autoren wie Motten das Licht.

Michael Jürgs, „Süddeutsche Zeitung“, 31.10.2014, über die Entlassungen bei Gruner+Jahr.
 

Zwar tranken Verleger, egal welcher Couleur, auch die im Norden ansässigen, den Champagner aus den Gehirnschalen ihrer Besten. (…)

Fürs Geschäft hielten sie sich hoch bezahlte Manager, die Springer abschätzig Flanellmännchen nannte und bei mangelndem Erfolg, wie auch Chefredakteure in stattlicher Zahl, gut abgefunden feuerte.

Michael Jürgs, „SZ-Magazin“, 27.7.2013, SZ-Magazin, über den Verkauf der Springer-Blätter an Funke.
 

Die Verlagsmanager, jahrzehntelang als natürliche Gegner der Journalisten gegrüßt und von Axel Springer „Flanellmännchen“ genannt, sind in den beiden aktuellen Fällen vom Vorwurf aktiver Sterbehilfe freizusprechen. Sie haben für die Krankenpflege und die Operationen teuer bezahlt. (…)

Denn die von ihnen geleiteten Verlage haben in fetten Jahren wie einst die genuinen Verleger ihren „Champagner aus Gehirnschalen der Journalisten schlürfend“ (Erich Kuby) Milliarden verdient – und es im Rausch der eigenen Bedeutung versäumt, Rücklagen zu bilden für schlechte Zeiten.

Michael Jürgs, „Tagesspiegel“, 2.12.2012, über die Zeitungskrise.
 

Was immer wir Journalisten von den jeweils amtierenden Vorsitzenden hielten, die Jahre brauchten, bis sie in die Rolle eines Verlegers hineinwuchsen und begriffen, dass sie ohne uns Wahnsinnige Nähseide oder Mähmaschinen verkaufen und selbstgebraute Biere trinken müssten, statt Champagner aus unseren Gehirnschalen zu schlürfen – niemals hätten wir widerspruchslos hingenommen, dass ein Gruner+Jahr-Chef, also letztlich einer von uns, durch gezielte Schüsse aus dem Hinterhalt erledigt wurde.

Michael Jürgs, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 9.9.2012, über Gruner+Jahr.
 

Der Verleger Axel Springer nannte sie abschätzig Flanellmännchen, obwohl er sie dringend brauchte. (…)

Wer schreibt, gehört zu den Lebewesen, aus deren Gehirnschalen Verleger einst ihren Champagner tranken (das Bonmot stammt natürlich von einem Journalisten, von Erich Kuby, dem persönlicher Luxus, bezahlt von seinen Verlegern, nie unlieb war

Michael Jürgs, sueddeutsche.de, 18.03.2010, über die Krise des Journalismus.
 

Axel Springer nutzte einst die Flanellmännchen fürs laufende Geschäft, aber er wusste, dass sein Verlag ohne die Eitlen von der schreibenden Zunft allenfalls eine Schraubenfabrik wäre.

Michael Jürgs, „Hamburger Abendblatt“, 24.11.2008, über die Medienkrise.
 

Richtig ist: immer wenn es kriselt, glauben Flanellmännchen, nunmehr schlage ihre Stunde und die Rettung in Gefahr und Not seien Entlassungen, Kürzung der Honorare, Verzicht auf teure Recherchen.

Michael Jürgs, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 8.6.2008, über die Medienkrise.
 

Früher war das Primat der Redaktion in den Verlagen keiner Rede wert. Früher war nicht alles besser, aber fast alles. Nach dem Abgang der großen Verleger aber — Henri Nannen, Axel Springer, Rudolf Augstein, Gerd Bucerius, John Jahr –, die sowohl das eine als auch das andere beherrschten und darauf achteten, dass die von AS „Flanellmännchen“ genannten Kaufleute bei ihren Leisten blieben, wurden die Grenzen durchlässig.

Michael Jürgs, „Süddeutsche Zeitung“, 14.12.2006, über Machtkämpfe beim „Spiegel“.
 

Stärkt freie Feuerköpfe gegen festangestellte Flanellmännchen, gönnt den Korinthenkackern (nicht verwandt mit Euren Korinthern) den Ruhestand!

Michael Jürgs, „Süddeutsche Zeitung“, 24.12.2004, an das Christkind.
 

Sie sind mein derzeitiger Nachfolger. Habe ich hier oben etwas übersehen? Gab es außer Sparappellen auch journalistische Ideen? Ein Flanellmännchen ist ja noch kein Verleger. Der muss mit seinen Blättern wachsen oder fallen. Nicht mit ihrem Ende drohen.

Michael Jürgs, „Financial Times Deutschland“, 12.9.2003, als (!) Axel Springer an Mathias Döpfner.
 

Über das Schweigen der Belämmerten, weil keiner von uns recherchierte, wie viele Milliarden deutsche Zeitungs-und Zeitschriftenverleger in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren verdient haben, ihren Champagner schlürfend aus den Gehirnschalen der Journalisten, wie einst Erich Kuby erkannte.

Michael Jürgs, „Tagesspiegel“, 27.10.2002, über seinen Ärger über die Medien.
 

Schmutzzulage gilt für alle Chefredakteure, und manchmal müssen sie dafür anders bezahlen, nämlich in Zeiten, da sie angesichts einer Krise ihre Leute entlassen ins Ungewisse auf Anweisung ihrer Verleger, die in den guten Jahrzehnten zuvor viele Millionen mit den Ideen der Journalisten gemacht haben und ihren Champagner, laut eines immer noch gültigen Bonmots des Publizisten Erich Kuby, aus deren Gehirnschalen schlürften.

Michael Jürgs, „Tagesspiegel“, 28.7.2002, über Scheckbuchjournalismus.
 

Keine Helden, keine Schurken, nirgendwo. Alle haben verloren: Viele Redakteure, die glaubten, es müsse im Leben mehr als alles geben. Ein Verleger, der sich gegen Flanellmännchen im eigenen Verlag bis zum Schuss wehrte und dann aufgeben musste.

Michael Jürgs, „Süddeutsche Zeitung“, 12.03.2002, über die Einstellung der „Woche“.
 

Die von Axel Springer oft verächtlich Flanellmännchen genannten Manager übten sich immer schon in der Kunst, hinten zu meucheln, vorne zu lächeln, aber das ist eigentlich nicht der Rede wert.

Michael Jürgs, „Capital“, 20.4.2000, über den neuen Springer-Chef Claus Larrass.
 

Übrigens auch da war er Axel Springer ähnlicher, als man glaubt, denn auch der sprach verächtlich über die leider so notwendigen Flanellmännchen aus den Verlagsetagen.

Michael Jürgs, „Hamburger Abendblatt“, 3.9.1999, über Henri Nannen.
 

(Unvollständige Auswahl.)

Neues aus der Ranking-Redaktion: Der schönste Werbeclip im „Ersten“

Wenn die ARD repräsentative Umfragen veröffentlicht, sagt sie in der Regel dazu, was da gefragt wurde und wie viele der Befragten sich wofür entschieden haben; ist ja auch nicht ganz unerheblich. Nur zu den repräsentativen Umfragen, die der WDR einst machen ließ, um damit die „schönsten“ Bauernhöfe, Schlösser und Städte Deutschlands zu küren, sagt der Sender so gut wie nichts. Auch auf Nachfrage zu den methodischen Hintergründen schickt der WDR nur dürre Zeilen, wie neulich hier beschrieben. Was komisch ist, wenn man sonst doch Wert auf das Mittel der repräsentativen Umfrage legt und offen damit umgeht.

Ich habe deshalb, weil es mich interessiert, wie die Sendungen entstanden sind, an den WDR-Rundfunkrat geschrieben und gefragt, was der so dazu meint, dass der WDR an dieser Stelle so mauert. Die Vorsitzende Ruth Hieronymi antwortet, dass es „nicht Sache des Rundfunkrats“ sei, „zu entscheiden, ob der WDR redaktionelles Material veröffentlicht oder nicht.“ Da es aber seine Aufgabe sei, zu überwachen, ob der Sender seinen Programmauftrag erfülle, habe sie sich die Studien angeschaut. Resultat: Ruth Hieronymi kennt nun die Studien, kann aber auch nur wenig Erhellendes liefern, weil sie ja nicht zuständig ist. Leider. Aber man kann ja noch andere Leute um Antworten bitten.

Standbild "Die schönsten Bauernhöfe Deutschlands" (ARD)

Nehmen wir die Folge „Die schönsten Bauernhöfe Deutschlands“. Nach einigen Telefonaten ist mir nun schon etwas klarer, wie es lief: Die Umfrage für diese Sendung wurde, wie die anderen, vom Düsseldorfer Institut innofact gemacht – so viel hatte der Sender verraten. Laut Rundfunkrat gaben die ARD-Landessender vor, welche Höfe zur Auswahl stehen sollten. So habe man eine „bundesweite Streuung“ garantieren wollen, heißt es. Was auch damit zusammenhängt, dass die Dritten Ranking-Experten sind: Fast alle Höfe aus dem „Ersten“ liefen zuvor schon mal in einem Ranking im Dritten, zum Beispiel bei „Unsere schönsten Bauernhöfe“ im SWR Fernsehen. Das waren aber keine repräsentativen Umfragen, sondern Online-Votings. Die Vorauswahl trafen Autoren und Redakteure.

Bei der innofact-Umfrage wurden dann repräsentativ rund 1.000 Teilnehmer befragt. Ihnen wurden Fotos von Höfen gezeigt, und sie sollten entscheiden, welcher davon der „schönste“ ist, ganz subjektiv und oberflächlich. In der Sendung geht es natürlich um mehr: um die Historie der Anwesen; um die Betriebe, die dort ansässig sind; oder um Familiengeschichten der Hofeigner. All das Substanzielle der Sendungen war in der Studie nicht inbegriffen. Da ging es bloß um Ästhetik.

Unklar ist weiter, wie viele Höfe zur Auswahl standen, wie die Teilnehmer abstimmen konnten und was genau dabei herauskam. Die Ergebnisse der Umfragen haben ja nur innofact und der WDR; und ein Institut rückt so eine Studie nur raus, wenn es der Auftraggeber erlaubt. Man kann aber davon ausgehen, dass es, bei 1.000 Befragten und 30 Plätzen, auf den hinteren Rängen eng war. Doch um belastbare Statistik und Repräsentativität geht es hier ja ohnehin nur am Rande.

Es geht darum, einfachstes Fernsehen herzustellen, das seriös wirkt (durch die Studie); das eine leicht zu begreifende Dramaturgie hat (durch die Hitliste); und das günstig ist. Gedreht hat der WDR für die Bauernhof-Folge wohl kaum bis gar nicht, weil das Material ja vorlag. (Das dürfte bei den Schlössern und Städten ähnlich sein.) In mindestens einem Fall kamen die Bilder in der Bauernhof-Folge allerdings nicht von der ARD. Ausgerechnet das Finale der Sendung, den ersten Platz, hat der WDR mit Bildern aus einem Edeka-Werbefilm illustriert.

Einige der Bilder liefen schon mal im Privatsender TV Berlin, wo der Edeka-Filialist Reichelt bisweilen Betriebe aus der Region vorstellt, deren Produkte er vertreibt. Dazu gehört auch das Gut Hesterberg in Neuruppin, das beim ARD-Ranking gewann. Der Werbefilm wurde von Edeka in Auftrag gegeben und von TV Berlin produziert, mit Hilfe einer externen Produktionsfirma. Auf der Seite des Bauernhofs kann man den Film noch heute ansehen.

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Im ARD-Ranking finden sich daraus nun Aufnahmen des Hofes und der Wurstproduktion, außerdem ein O-Ton aus einem Interview, das im Auftrag von Edeka mit der Betreiberin geführt wurde. Die ARD hat das Material offenbar kostenlos verwenden dürfen und damit günstigerweise einen Großteil des Porträts bestückt. Edeka kommt in der ARD-Fassung zwar weder bildlich noch im Text vor, der Bauernhof aber natürlich bestens weg. Nun ja, ist ja auch der schönste.

Das kann einem nun natürlich egal sein, weil es ja eh egal ist, welcher Bauernhof oder See oder Park bei diesen Rankings obsiegt, nicht wahr? Ist was dran.

Aber ich finde es trotzdem interessant, wie diese Sendungen hergestellt wurden, weil es zweierlei anschaulich zeigt. Erstens: Wie sonderbar verdruckst der WDR kommuniziert, wenn es um diese Sendungen geht. Und zweitens: Wie hier Programm gemacht wird. Da kauft der WDR eine Studie, in der es um Optik geht, und wenn es darum geht, diese Optik ins Fernsehen zu bringen, fährt nicht mal einer zu dem Gewinner hin und dreht – stattdessen greift man auf einen Werbeclip zurück. Offenbar echt egal, was da bei diesen Rankings hinten so rauskommt.

Offenlegung: Ich bin fester freier Mitarbeiter der ARD.

Gerechtigkeit für Revolverheld!

Ja gut. Dieser Blog-Eintrag wär jetzt echt nicht nötig. Aber irgendwie hat’s mir dann doch keine Ruhe gelassen, nachdem dieses schockierende Video in den letzten Tagen in den sozialen Medien die Runde machte:

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Hochgeladen wurde es mit der Beschriftung „Revolverheld Worst Performance EVER“, und verbreitet unter anderem vom populären Bürozeitvertreibsblog Schlecky Silberstein:

Live und scheiße – Der mieseste Revolverheld-Auftritt aller Zeiten

Tja Revolverheld, der Plan ging nicht auf: Vor den 30 Zuschauern der NDR-Show DAS! muss man einen Auftritt also nicht sauber proben. Das sieht eh keiner. Also ging die Band direkt vom Drogen-Strich Neuharlingersiel ins Studio. Motto: Wir fiedeln das hier runter, nehmen die 300 Euro und Abflug. Da wurde leider die Rechnung ohne das Internet gemacht. Viel Spaß mit der beschissensten Version von “Ich lass für Dich das Licht an”, die Ihr heute hören werdet. Die Vollpfosten.

In den Kommentaren herrscht ein gewisses Rätselraten, ob Blogger Christian Brandes das Fake wirklich nicht als solches erkannte. Auch die Seite Testspiel.de präsentierte ihren Lesern das Video und staunte:

Revolverheld mit der vielleicht miesesten Performance von “Ich lass für Dich das Licht an” ihrer Karriere in der NDR Sendung „DAS!“. Unplugged. Wir sind sprachlos und schaffen es noch nicht einmal mehr, unsere Stimme gegen Revolderheld zu erheben.

Ja. Nun. Also, jedenfalls: Das hier war der mieseste Revolverheld-Auftritt aller Zeiten So klang es wirklich, als Revolverheld live bei „DAS!“ auftraten:

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Gern geschehen. Und wär nicht nötig gewesen, weiß ich schon.