Am Montag bin ich einer der Redner bei der traditionellen Veranstaltung der Frankfurter Aids-Hilfe in der Paulskirche zum Welt-Aids-Tag.
Medienjournalist
Am Montag bin ich einer der Redner bei der traditionellen Veranstaltung der Frankfurter Aids-Hilfe in der Paulskirche zum Welt-Aids-Tag.
Eine alte Journalistenregel besagt, dass „Hund beißt Mann“ keine Nachricht ist, „Mann beißt Hund“ mangels Alltäglichkeit aber schon.
In diesem Sinne sind wir jetzt also so weit, dass „Jugendlicher liest Zeitschrift“ eine Nachricht ist. Mehr noch: Es könnte ein ganzes journalistisches Genre werden.
„Spiegel Online“ brachte Anfang vergangener Woche ein Stück, das die Überschrift trug: „Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift.“ Darin schildert der 16-jährige Moritz, wie er sich vor einer Bahnfahrt eine Zeitschrift kaufte: eine Ausgabe von „Geo Epoche“. Es war angeblich seine erste Zeitschrift, und die Geschichte hat kein Happy-End: Er schenkte sie seinen Eltern. „Im Internet gibt’s mehr Für und Wider.“
Heute Vormittag brachte der Radiosender WDR 2 einen Beitrag, der davon handelt, dass sich die 15-jährige Marie eine Zeitschrift kaufte.
Moderator: Die klassischen Magazin-Zeitschriften stecken derzeit ziemlich tief drin in einer Krise, und das sieht man an jedem Kiosk. Die, die vor dem Regal mit „Spiegel“, „Stern“, „Focus“ und Co. stehen, haben meistens ziemlich viel graue Haare auf dem Kopf. Es fehlt einfach — der Lesernachwuchs. Aber da helfen wir gerne aus. Wir haben nämlich Marie aus Münster harte Kost vorgesetzt. Sie soll Deutschlands wichtigstes Polit-Magazin lesen, einfach mal so. Wir haben sie dabei beobachtet. Denn: Marie ist noch minderjährig.
Sprecher: Marie ist mutig. Denn beim Zeitschriftenhändler greift sie zum „Spiegel“. Von der Wochenzeitschrift hat die 15-Jährige schon viel gehört. Die soll ja ganz gut sein.
Marie: Ich weiß nur, dass sich der „Spiegel“ halt viel mit Politik beschäftigt. Und ich dachte, dann kann man sich den ja mal angucken.
Sprecher: Also schnell drin rumblättern.
Marie: Ich hab‘ eigentlich mal so Seite für Seite durchgeguckt. (…) Aber da war viel dabei, was mich gar nicht interessiert hat.
Sprecher: Eigentlich das meiste, wenn sie ehrlich ist. So richtig hängen bleibt Marie nur bei Geschichten, in denen es um Schicksale von Menschen und nicht um Politik geht. Das Interview mit einer Mini-Jobberin zum Beispiel, die entlassen wurde, das ist interessant. (…) Aber für viel mehr reicht es nicht im Heft. Das Interesse erlahmt schnell.
Marie: Ich hab auch ganz viel übersprungen. Da war mir viel zu viel Text zu lesen. Und viel zu viel, was mich nicht interessiert und mich nicht angesprochen hat.
Sprecher: Medien konsumiert die 15-Jährige, wen wundert’s, nur über Smartphone und Internet. Wie eigentlich fast alle in ihrem Freundeskreis. (…) Beim Zeitschriftenlesen (…) ist sie auf das angewiesen, was da steht. Nachprüfen geht dann nicht so schnell wie im Internet.
Marie: Weil ich das in der Zeitschrift hab‘, würd‘ ich jetzt nicht denken: Ah, ok, da kann ich ja nochmal drauf zurückgreifen oder so. Im Internet hat man’s dann mit einem Klick.
Sprecher: Bleibt das Fazit: Marie und Zeitschriften, das wird wohl nichts. Zumindest nicht in nächster Zeit.
Marie: Ich bleib‘ beim Handy. Und beim Internet.
Moderator: Jugend forscht am Kiosk. Ergebnis: Die klassischen Magazine verlieren eine junge Leserin, noch bevor sie ein zweites Mal zum „Spiegel“ greift.
Nächste Woche dann im Programm: Nadja, 17, probiert zum ersten Mal dieses Radiohören aus. Und ca. 2016: Jakob, 16, sucht den Jugendkanal von ARD und ZDF.
(Der „Spiegel“ hat übrigens laut „Media Analyse“ 6 Millionen Leser, davon sind 1,11 Millionen, also jeder Fünfte, zwischen 14 und 29 Jahre alt. WDR 2 hat laut „Media Analyse“ werktäglich eine Reichweite von 3,7 Millionen Hörern, davon sind 412.000, also jeder Neunte, zwischen 14 und 29 Jahre alt.)
In diesen Tagen ist viel von einer „Hassgesellschaft“ die Rede und von einer „verrohten Kommentarkultur“. Komischerweise ist damit fast immer nur das gemeint, was Leute im Netz unter Artikel schreiben. Nicht das, was zum Beispiel der Deutschlandfunk so ausstrahlt.
Am Sonntag war dort ein Kommentar von Burkhard Müller-Ullrich zu hören. Er hatte einen der Spots gesehen, mit denen das Bundesumweltministerium vor allem junge, internetaffine Menschen erreichen will, um sie für Klimaschutz zu interessieren und zum Mitmachen zu gewinnen. Die Kampagne heißt „Zusammen ist es Klimaschutz“.
Ein Clip zeigt, wie ein Mädchen im Teenageralter mutmaßlich spät abends nach Hause kommt, die Eltern beim Sex überrascht und dann lieber das Licht ausschaltet — was ja, höhö, eh gut für die Umwelt ist.
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Über 1,7 Millionen Mal ist der Film auf YouTube angesehen worden, womit das erste Ziel der Kampagne, Aufmerksamkeit, sicher mehr als erfüllt ist. Ob der Witz und die Verbindung mit dem Thema Klimaschutz gelungen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
Die von Burkhard Müller-Ullrich ist eine ganz besondere. Er sieht in dem Film eine Darstellung und Beschönigung von Kindesmissbrauch.
Dass Kinder ihre Eltern beim Geschlechtsverkehr überraschen, ist eher eine Standardsituation in Film und Fernsehen — und vermutlich auch eine Standardangst von Eltern und Jugendlichen. Müller-Ullrich kommt das abartig vor. Ausführlich fragt er sich anfangs, ob die Bundesumweltministerin oder einer ihrer Mitarbeiter so etwas wohl als Teenager erlebt und dadurch ein „Kindheitstrauma“ erlitten habe, das sie nun durch den Film „psychotherapeutisch zu bearbeiten“ versuche — als sei die Situation und ihre Verwendung in einem Werbefilm so abwegig.
Detailliert beschreibt er den Film und dass der Vater „a tergo“ in die Frau „eindringt“ bzw., sicherheitshalber noch einmal mit umgekehrter Deutsch-Latein-Verteilung formuliert, sie „von hinten penetriert“. Dass die „geschlechtsreife Tochter“ ihrem Vater, der sie „geil und gestört“ anblickt, „aufmunternd zunickt“, das ist für den Deutschlandfunk-Kommentator Ausdruck „einer der übelsten Männerphantasien“.
Wirklich? Welche üble Männerphantasie genau? Der Tochter im Teenageralter zusehen zu können, wie sie ihren Eltern beim Geschlechtsakt zusieht und … nickt? Bevor sie das Licht ausmacht? Weil sie es nicht sehen will?
Es gehört schon eine ziemlich üble Männerphantasie dazu, hier eine üble Männerphantasie am Werk zu sehen. Aber Müller-Ullrich setzt noch einen drunter. Er sieht in der schlichten Aufforderung, Strom zu sparen, nicht nur „Agitprop im Gewand von Volksaufklärung“. Er fügt noch hinzu:
Es ist verständlich, dass eine Ministerin, deren Namen niemand kennt, alles daransetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.
Das sagt er wirklich.
Die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.
Einen solchen doppelten Tiefschlag muss man erst einmal hinbekommen. In einem Satz nicht nur aus einer peinlichen Situation einen „Kindesmissbrauch“ zu machen. Sondern auch noch vage anzudeuten, dass grüne Frauen bekanntermaßen Kindesmissbrauch propagieren.
Er lebt danach noch ein paar Müller-Ullrich-Phantasien aus:
Das Motto dieser Kampagne lautet: „Zusammen ist es Klimaschutz“. Doch ab wie vielen ist „zusammen“? Empfiehlt die Ministerin auch Gangbangs im Dunklen? Deutschland als Darkroom? Und was ist mit der Heizung? Sollen wir gegen den Triebhauseffekt nicht besser im Kalten kopulieren?
Hahaha, Triebhauseffekt, hahaha.
Er belässt es nicht bei lustigen Wortspielen:
Bekanntlich beruht die ganze Klimapolitik auf einer Portion Wahnsinn. Doch jetzt gibt es einen Bildbeweis, dass im Umweltministerium richtige Psychopathen zugange sind. Einer Regierung, die solche Filmphantasien bestellt, bezahlt, freigibt und als unterhaltsam bezeichnet, die es überhaupt für ihre hoheitliche Aufgabe hält, solchen Quatsch zu produzieren, solch einer Regierung ist natürlich alles zuzutrauen. Wahrscheinlich hört sie auch Stimmen.
Der Film als Beweis, dass im Umweltministerium „Psychopathen“ arbeiten, die ihre „übelsten Männerphantasien“ ausleben und „Kindesmissbrauch“ zeigen oder betreiben, obwohl das doch eigentlich Sache der Grünen ist? Im Deutschlandfunk ist das ein sendefähiger Kommentar und akzeptabler Beitrag zur Meinungsbildung. Ausdruck der „verrohten Kommentarkultur“ einer „Hassgesellschaft“ würde es wohl erst, wenn es ein Leser oder Hörer unqualifiziert irgendwohin kommentierte.
„Stil“, sagt Adrien Brody, „wird für mich nicht dadurch definiert, dass man gepflegt ist oder einen guten Anzug trägt. Es geht vor allem darum, Respekt zu haben.“
Der Schauspieler Adrien Brody ist für die Männer-mit-Anspruch-Zeitschrift „GQ“ einer der „Männer des Jahres 2014“. Er schmückt ihren aktuellen Titel und hat sich sechs Stunden lang für das Magazin in Brooklyn fotografieren lassen — in Louis Vuitton, in Dolce & Gabbana, in Hermès und in einem Golf GTI:

Innere Sicherheit
New York ist laut, hektisch, wild. Doch im Inneren eines GTI auch ruhig, sicher und sehr entspannt.
Brody ist nicht allein zum Shooting gekommen. Er hat, wie schon der Vorspann verrät, einen Kaffee mitgebracht. Und ein Auto.

Es muss jetzt aber nicht unbedingt immer ein GTI sein. Ein anderer VW tut es auch. Brooklyn steht ja auch voll davon.

City Rider
Keine Limousine, bitte. Brody ist in New York am liebsten mit einem GTI oder einem Beetle unterwegs.
Geprägt wurde Brody übrigens von niemandem so sehr wie von seinem Vater. Der ist ein „Gentleman“, „steht gerade für das, was er sagt und tut“. Von ihm hat er gelernt, sich so zu benehmen, wie er es von anderen erwartet, sagt Brody. Und anscheinend nicht nur das:

Daddy & Cool
Elliot Brody, ein Erz-New-Yorker und überzeugter Golf-GTI-Fahrer, besuchte seinen Filius am GQ-Set.
„Manche der Attribute, die dem Gentleman zugeschrieben werden, gelten als altmodisch, was großer Quatsch ist“, sagt Adrien Brody im Interview mit „Gentlemen’s Quarterly“. „Wichtig ist, dass man als Mann aufrichtig ist in dem, was man tut. Integer zu sein, sich ehrenhaft zu verhalten, zu seinem Wort zu stehen: Das sind Dinge, die uns nicht nur als Männer, sondern überhaupt als Menschen definieren. Das ist doch nicht altmodisch.“
Alle paar Jahre sorgt der Programmbeirat der ARD für Aufsehen, wenn kritische Anmerkungen von ihm an Sendungen des Ersten bekannt werden. Eigentlich tagt er im Verborgenen und will das auch so. Einblicke in die Arbeit eines Gremiums, das im Dienst der Allgemeinheit stehen soll, die Öffentlichkeit aber nicht als Verbündeten sieht.
Als der Programmbeirat der ARD am 17. Juni in Berlin zu seiner 582. Sitzung zusammentrat, stand nicht nur die Berichterstattung über die Ukraine auf der Tagesordnung. Das Gremium sorgte sich unter anderem auch um „Sherlock“, die BBC-Serie, deren dritte Staffel das Erste gerade gezeigt hatte.
Die hatte nämlich in der ARD zwar den bislang höchsten Marktanteil aller Staffeln bei den jüngeren Zuschauern erreicht, aber den niedrigsten bei den älteren, wie der stellvertretende Programmdirektor Thomas Baumann berichtete.
Das Sitzungs-Protokoll notiert dazu:
„‚Sherlock‘, wird aus dem Programmbeirat erklärt, werde zunehmend komplex in der Darstellung, die Handlung in der dritten Staffel gleite manchmal ins Abstruse, und man könne gut nachvollziehen, dass dies nicht jedermanns Geschmack sei. Dennoch sei es sehr gut, dass solche modernen, innovativen Formate ins Programm genommen würden. Würde aus der Tatsache, dass ‚Sherlock‘ beim älteren Publikum weniger gut ankomme, auch Konsequenzen gezogen?
Herr Baumann erläutert, dass Das Erste bei dieser BBC-Serie allenfalls ein kleines Wörtchen mitreden könne, aber im Wesentlichen keinen Einfluss auf die Gestaltung der Serie habe.“
Und so werden vermutlich auch zukünftige Folgen von „Sherlock“ ohne Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten des älteren deutschen Publikums produziert werden.
Der Programmbeirat war bis vor wenigen Wochen vermutlich das unbekannteste aller ARD-Gremien. Dann wurde öffentlich, dass die eigentlich im Verborgenen arbeitende Runde die Berichterstattung im Ersten über die Ukraine-Krise teilweise sehr kritisch beurteilt hatte – und die Aufregung war groß.
Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass sowas passiert. Im Frühjahr 2008 sorgte das vernichtende Urteil des Gremiums über die damals neue Talkshow von Anne Will für Unruhe. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte ausführlich aus dem internen Papier zitiert.
Zwei Jahre später machte die „taz“ öffentlich, wie deutlich der Programmbeirat sich intern dafür ausgesprochen hatte, die Zahl der Polit-Talkshows zu reduzieren. Der öffentlichen Debatte darüber gab das erheblichen Zunder.
Was ist das für ein merkwürdiges Gremium, das sich eigentlich im Auftrag der Zuschauer kontinuierlich mit dem Programm des Ersten beschäftigt – und dabei fast ganz im Verborgenen agiert, wenn nicht seine interne Kritik gerade wieder von interessierter Seite lanciert wird und entsprechendes Aufsehen erregt?

Der ARD-Programmbeirat, oben, von links: Paul Siebertz, Geesken Wörmann, Judith von Witzleben-Sadowsky, Walter Spieß, Markus Weber; unten: Marliese Klees, Susan Ella-Mittrenga, Monsignore Stephan Wahl, Stefan Gebhardt. Foto: BR / Theresa Högner
Sie treffen sich zehnmal jährlich für ein bis zwei Tage, reihum immer bei einer anderen ARD-Anstalt. Der Rundfunkrat jedes Senders schickt einen Vertreter in den Programmbeirat, neun sind es insgesamt. Sie verteilen vorher Beobachtungslisten, welche Sendungen geguckt werden müssen und wer über was referiert, und schauen überhaupt aufmerksam Das Erste. Während die Rundfunkräte der einzelnen Anstalten nur für das jeweilige Programm ihrer Sender zuständig sind, nehmen sie das Gemeinschaftsprogramm in den Blick – haben aber nur beratende Funktion und keinerlei Sanktionsmöglichkeiten.
ARD-Programmdirektor Volker Herres oder sein Vertreter ist bei den Sitzungen immer dabei. Alle drei Monate trifft sich der Programmbeirat mit der Fernsehprogrammkonferenz, in der die Chefs der einzelnen Rundfunkanstalten das Gemeinschaftsprogramm zusammenstellen. Der Vorsitzende des Programmbeirates nimmt auch an den Sitzungen der Gremienvorsitzendenkonferenz der ARD und den Hauptversammlungen der ARD teil.
„Der Programmbeirat hat eine hohe Anerkennung und Akzeptanz bei allen Programmverantwortlichen und in den Gremien“, sagt Paul Siebertz, ein österreichischer Jurist, der dem Gremium seit vergangenem Jahr vorsteht. Man würde das nicht unbedingt annehmen, wenn man den gereizten Widerspruch hört, den es gibt, sobald wieder einmal Kritik des Programmbeirates öffentlich geworden ist. Oder wenn man die genervten Gesichter der anderen Teilnehmer einer Diskussion über die Ukraine-Berichterstattung bei der Verleihung des Hanns- Joachim-Friedrichs-Preises las, in der Siebertz als Außenseiter und Fremdkörper saß. ZDF-Chefredakteur Peter Frey schien sehr froh, dass sein Sender kein solch lästiges Gremium hat.
Aber diese Diskussionen im grellen Licht der Öffentlichkeit mag der Programmbeirat ohnehin nicht. „Wir sind wenig erfreut, dass Protokolle von uns in die Öffentlichkeit kommen“, sagt Siebertz. „Vertraulichkeit ist die Grundlage für konstruktive Diskussionen mit Verantwortlichen. Eine öffentliche Diskussion ist für den ARD-Programmbeirat nicht nützlich. Die Öffentlichkeit kann zu einer Polarisierung beitragen, die nicht erwünscht ist.“
Das hat Tradition in diesem Gremium. Danny Brees, der von 1998 bis 2003 Vorsitzender des Programmbeirats war, sagte 2000 dem Bonner „General-Anzeiger“: „Wir gehen ganz bewusst mit unserer Kritik und unseren Anregungen nicht an die Öffentlichkeit. Denn wenn wir wirklich etwas bewirken wollen, ist das interne Gespräch am fruchtbarsten.“
Das ist nicht von der Hand zu weisen: In dem Moment, da Kritik aus dem Programmbeirat öffentlich wird, nehmen die Verantwortlichen reflexartig eine Abwehrposition ein – das zeigen die regelmäßigen heftigen Reaktionen. Andererseits ist das natürlich auch Folge davon, dass die Anmerkungen des Programmbeirates zum Programm nicht kontinuierlich und entsprechend vielfältig an die Öffentlichkeit gelangen, sondern fast immer nur in Form von gezielt lancierten Bruchstücken, die entsprechend Aufsehen erregen sollen.
Ist es nicht merkwürdig, dass ein Gremium, das letztlich im Auftrag der Gesellschaft einen öffentlich-rechtlichen Sender beraten und kritisch begleiten soll, fast völlig im Verborgenen tagt? Von der theoretisch in der Geschäftsordnung vorgesehenen Möglichkeit, öffentliche Stellungnahmen abzugeben, macht das Gremium fast nie Gebrauch.
Fragt man Siebertz, ob er nicht das Gefühl hat, der Öffentlichkeit, dem Publikum, verpflichtet zu sein, widerspricht er: Er sei nicht als Vertreter des Publikums im ARD-Programmbeirat, sondern des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks. Er und seine Kollegen berichten an die Rundfunkräte, die sie entsandt haben.
Aber funktioniert das noch, das Prinzip der Vertraulichkeit?
“Und wie das funktioniert!“
Angesichts von zehn Sitzungen im Jahr, in denen 400 bis 500 Seiten Protokolle erstellt werden, die hinterher breit in der ARD gestreut werden, sei es eigentlich auch „erfreulich selten“, dass Teile daraus gezielt an die Presse lanciert werden. Auch die Aufregung um die Kritik an der Ukraine-Berichterstattung fand Siebertz eigentlich gar nicht so groß: Print-Medien zum Beispiel hätten nur marginal berichtet.

„Der ARD-Programmbeirat ist eines der besten Gremien, die ich kenne“, sagt Siebertz. „Aufmerksamkeit und Engagement sind Basis für extrem konstruktive Diskussionen“. In 90 Prozent aller Fälle sei das Votum der Mitglieder einhellig, und das, obwohl das Gremium außerordentlich heterogen sei: vom Vertreter der Linken aus Sachsen-Anhalt bis zum katholischen Priester aus Rheinland-Pfalz. Deren Positionen in den Diskussionen seien nicht vorhersehbar oder parteipolitisch geprägt, was Siebertz als Ausweis nimmt, dass alle „auf professioneller Basis“ arbeiten. Was sie zu sagen haben über das Programm, werde in der ARD „sehr ernst genommen“, sagt Siebertz.
Der dann, nachdem das Telefongespräch eine Weile gedauert hat, plötzlich zurückfragt: „Glauben Sie, dass das irgendjemanden interessiert?“ Eigentlich sei es ihm gar nicht recht, so lange mit mir geredet zu haben.
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55 Seiten umfasst das Protokoll von der Juni-Sitzung; das von Telepolis veröffentlichte kritische Resümee zur Ukraine-Berichterstattung macht nur knapp vier Seiten davon aus. Das Protokoll liefert einen faszinierenden Einblick in die Diskussionen in diesem Gremium, gerade im Detail.
Der Programmbeirat kritisierte unter anderem die alarmistischen Titel vieler ARD-Talksendungen zum Thema. Die „Günther Jauch“- Sendungen habe man zwar leider nicht ansehen können, weil sie schon nicht mehr in der Mediathek verfügbar waren, aber zumindest die Titel habe man durchgesehen:
„Putins Machtspiele – Gibt es jetzt Krieg?“ (2. März), „Putin, der Große – Wie gefährlich ist sein Russland?“ (23. März) und „Kriegsgefahr in Europa – Ist Putin noch zu stoppen?“ (4. Mai). Diese Titel seien reißerisch und provozierend und wohl dazu gedacht, Zuschauer zu gewinnen. Sie spielten mit den Begriffen Krieg, Macht und Gefahr – aber um welchen Preis?
In einem Fall gab Thomas Baumann, der auch ARD-Chefredakteur ist, dem Programmbeirat recht: Den Titel „Kriegsgefahr in Europa – Ist Putin noch zu stoppen“ habe auch er für nicht adäquat gehalten, „aber die Wahl der Titel liege in der Verantwortung der jeweils zuständigen Redaktion, die auch nach seiner Intervention dabei habe bleiben wollen“, notiert das Protokoll. „Wenn in Titeln der Konflikt ohne zwingende Notwendigkeit zu sehr auf eine Person – Putin – fokussiert und diese Person de facto an den Pranger gestellt werde, dann sei nach seiner, Baumanns, Messlatte die Grenze überschritten.“
Baumann versprach damals auch, mit der „Weltspiegel“-Redaktion des Bayerischen Rundfunks über die Moderationen von Bernhard Wabnitz zu reden, die auch er für ein Stück weit zu stark zugespitzt halte. Dem Programmbeirat waren dessen Anmoderationen und die „sehr aggressive, harte und in hohem Maße wertende Sprache“ aufgestoßen – „man habe sich an die Sprache des Kalten Kriegs erinnert gefühlt“.
Unzufrieden waren die Mitglieder des Programmbeirates auch mit der Zuspitzung, wie sie im „Bericht aus Berlin“ gepflegt wird. Im März habe Moderator Rainald Becker „provozierend und wertend begonnen“ und gefragt: „Putin kann vor Stolz kaum noch laufen, die Krim ist weg! Reicht ihm das?“ Seinen Interviewpartner Matthias Platzeck habe er etwa gefragt: „Verstehen Sie Putin?“ und: „Halten Sie Putin für vertrauenswürdig?“ Das Protokoll notierte: „Erfreulich sei, dass es Menschen gebe, die auf solche Fragen sachlich antworteten.“ Und weiter:
„Müssten solch provozierende Fragen, wie man sie im ‚Bericht aus Berlin‘ erlebt habe, sein? Warum gehe man nicht einmal etwas mehr in Tiefe? Die Interview-Partner dagegen hätten durchwegs sehr nachdenklich und differenziert reagiert, so sehr Becker sie auch zu scharfen Antworten zu reizen versucht habe.“
Auch die Berichterstattung zur Europawahl hat sich der Programmbeirat im Juni angesehen, mit sehr unterschiedlichen Befunden. Eine „Hart aber fair“-Sendung (12. Mai 2014) mit dem Titel „Die Euro-Klatsche: EU-Gegner vor dem Triumph?“ sei, so das Protokoll:
„untragbar gewesen, noch unter Stammtisch-Niveau. Es sei der unsagbare Henryk Broder eingeladen gewesen, der mit seinen polemischen Querschlägern jegliche Diskussion zunichte mache, sowie Hans-Olaf Henkel, der populistischen [sic!] Thesen habe behaupten dürfen, ohne dass ihm kompetent widersprochen worden wäre. (…) Allein die Gästeauswahl habe schon von vornherein nichts anderes als EU-Bashing erwarten lassen.“
Ein etwas merkwürdiges journalistisches Verständnis zeigt sich bei der Kritik des Programmbeirates an der Berichterstattung am Wahlabend:
„Als sehr problematisch habe man empfunden, dass gleich die erste Live-Schalte in die Parteizentrale der AfD gegangen sei und ausgerechnet Bernd Lucke bei einer überschwänglichen Rede und anschließendem langem Beifall erfasst habe; überhaupt sei die AfD in dieser Sendung überrepräsentiert gewesen.“
Dass die AfD (Alternative für Deutschland) aufgrund ihres Wahlergebnisses das Thema des Abends war, scheinen die Programmbeiratsmitglieder nicht nachvollziehen zu können.
Sie kümmern sich auch um vermeintliche Details, wie die Leistung der Moderatoren:

“Schönenborn habe gewohnt souverän agiert. Ehni habe ein wenig exaltiert gewirkt, und Strempel habe seine Sache nach etwas hölzernem Anfang gut gemacht.“
Bei der „Wahlarena“ mit Martin Schulz und Jean-Claude Juncker hingegen seien die Moderatoren Sonia Mikich und Andreas Cichowicz durch ihre Rolle, bloß Fragen aus dem Publikum weiterzuleiten, „unterfordert“ gewesen: „Für diese Funktion hätte es auch anderes, weniger journalistisch hochkarätiges Personal getan.“ (Namen nennt der Programmbeirat hier leider nicht.)
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Aus der Geschichte des ARD-Programmbeirates:
2011
Der Programmbeirat kritisiert Lena Meyer-Landrut, die nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest erneut Deutschland bei dem Wettbewerb vertreten soll. Bei ihrem Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis sei „deutlich geworden, dass die Sängerin mittlerweile ihre Unbefangenheit verloren“ habe, heißt es laut Sitzungsprotokoll. Die 19-Jährige spiele „nun nur noch eine Rolle“.
2009
Der Programmbeirat spricht sich dafür aus, dass Oliver Pocher bei der ARD bleibt. Das Gremium unterstützt „nachdrücklich“ Bemühungen, Pocher ans Erste zu binden. Er stehe für eine jüngere Generation, die man „nicht allein mit Artigkeiten“ erreichen könne. Mit ihm sei der Sender auch für diese Zielgruppe attraktiv.
2007

Der Programmbeirat kritisiert das „Nazometer“, mit dem die ARD- Show „Schmidt & Pocher“ nach dem Eklat um „Tagesschau“- Moderatorin Eva Herman vermeintlich nazifreundliches Vokabular testete, darunter auch Begriffe wie „Gasherd“ und „Duschen“. „Der Programmbeirat bedauert, dass Harald Schmidt, Oliver Pocher und die zuständige WDR-Redaktion es hier an der notwendigen Sensibilität haben fehlen lassen.“
2003
Der Programmbeirat kritisiert die „zunehmende Tendenz“ in der ARD, bei Gewinnspielen auf teure 0190er-Nummern zurückzugreifen. Das sei „besonders ärgerlich“ und „nicht hinnehmbar“. Programmdirektor Günter Struve wurde dringend aufgefordert, „von dieser Praxis wieder abzurücken“.
1988
Der Programmbeirat fordert die ARD auf, Mut zu zeigen und „endlich“ die „Bonner Runde“ an den Wahlabenden einzustellen.Der Bonner Studioleiter und Moderator Ernst Dieter Lueg hatte sich nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg durch „insistierende Fragen“ („Der Spiegel“) den Zorn von Helmut Kohl zugezogen. Lueg habe „zwar forsch und überlegt gefragt, jedoch auf die gezeigte Arroganz der Politiker nur unzureichend reagiert. Die journalistische Kompetenz, so wird im Beirat festgestellt, habe hier gefehlt, die Sendung sei geradezu unerträglich gewesen. Er habe sich unverständlicherweise auf eine völlig überflüssige Diskussion mit dem Bundeskanzler eingelassen.“ Die Sendung bringe für den Zuschauer „überhaupt nichts“.
1988
Der Programmbeirat kritisiert die Kommentare in den „Tagesthemen“: Oftmals seien die Kommentatoren lieblos, „üben sich in der Unverbindlichkeit der Nacherzählung oder versuchen sich gar in Weissagen“. Außerdem sei es ärgerlich, dass unter den 38 Kommentatoren nur eine Frau sei.
1974
Der Programmbeirat beklagt sich über Wolfgang Menges Serie „Ein Herz und eine Seele“ und zählt die Schimpfwörter: In vier Sendungen sei 21 Mal „Scheiße“, 17 Mal „blöde Sau“ und 15 Mal „Arschloch“ gesagt worden.
1958
Der Programmbeirat fordert, die Namen von Ansagerinnen wie Irene Koss und Ursula von Manescul nicht einzublenden – „um den Star-Kult nicht zu unterstützen“.

Gestern, 20 Uhr, die „Tagesschau“ berichtet vom G20-Gipfel in Brisbane. Der Korrespondent sagt:
„Beim Barbecue am Mittag, wie symbolisch, Putin, einsam und verlassen.“
Und zeigt, Tatsache:

Ein Blick ins Ausgangs-Material von Reuters verrät allerdings, dass Putin gar nicht alleine am Tisch sitzt. Links am Tisch, na sowas: Dilma Rousseff, die Präsidentin Brasiliens.

Dafür sieht es bei Reuters so aus, als ob Shinzō Abe, der japanische Regierungschef, ganz schön einsam und verlassen da vor sich hinsitzen muss.

Und… oh, Obama?

Merke: Man sieht, was man will.
Und: Sie lernen nichts.
[via Moritz Gathmann]
Nachtrag, 17. November. ARD-Chefredakteur Kai Gniffke hat sich zu einer Art Antwort herabgelassen.
Frank-Walter Steinmeier hat auf den Lead-Awards gestern in Hamburg eine Rede über den Zustand des Journalismus in Deutschland und die Glaubwürdigkeitskrise deutscher Medien gehalten, die ich für außerordentlich hellsichtig halte. Der deutsche Außenminister sagte:
(…) Medienbashing ist in diesen Tagen zu einer Art Trendsportart geworden. Wer über verlogene, korrupte oder gemeine Journalisten schimpft, verkauft viele Bücher. Wenn dagegen ein Korrespondent in Krisengebieten falsch recherchiert oder ein Kommentator eine unpopuläre These zuspitzt, kann er sich auf Beschimpfungen und Verschwörungstheorien in den sozialen Medien gefasst machen. (…)
Was sind die Ursachen der Glaubwürdigkeitskrise? Die einfachste Erklärung wäre: Der Leser ist schuld, der ist halt dumm und frech. Der kapiert nicht, wie gut die Zeitungen sind. Aber mit dem Leser ist es wie mit dem Wähler. Man kann sich über ihn ärgern, aber man sollte ihn nicht ignorieren und am besten sehr ernst nehmen.
Die zweite Möglichkeit: Die Umstände sind schuld. Das wäre in diesem Fall mal wieder das Internet. Es hat der Individualisierung unserer Gesellschaft einen zusätzlichen Schub gegeben. Engagierte Leser finden im Netz persönliche Informationskanäle, und sie können selbst Informationen und Meinungen produzieren, ohne Redaktion und Druckerpresse, einfach zu Hause per Computer und W-Lan. Damit hätte das Internet das Entstehen einer „fünften Gewalt“ begünstigt: des Publikums. (…) Die Leser schauen der vierten Gewalt der Medien bei der Arbeit über die Schulter und klopfen ihr manchmal feste auf die Finger.
Es gibt aber auch eine dritte mögliche Ursache für das Misstrauen: Vielleicht waren sich die Journalisten einfach ihres Deutungsmonopols zu sicher. Vielleicht haben sie ihr Herrschaftswissen zu lange vor sich her getragen und nicht gemerkt, welche neue Form von Öffentlichkeit das Internet entstehen ließ. Vielleicht aber auch haben die täglichen Abrechnungen mit dummen, ignoranten Politikern in den Zeitungen das Interesse der Leser an Politik beeinflusst — und am politischen Journalismus. (…)
Vielfalt ist einer der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien. Die Leser müssen das Gefühl haben, dass sie nicht einer einzelnen Meinung ausgesetzt sind. Reicht die Vielfalt in Deutschland aus? Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.
Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter. Wie viele Redakteure wollen Steuersenkungen, Auslandseinsätze, Sanktionen? Und wie viele Leser? Journalisten müssen nicht dem Leser nach dem Munde schreiben, genauso wenig, wie wir Politiker nur auf Umfragen starren sollten. Aber Politiker und Journalisten gleichermaßen sollten die Bedürfnisse ihrer Leser und Wähler nicht dauerhaft außer Acht lassen. (…)
Die „FAZ“ dokumentiert die Rede heute in ihrer gedruckten Ausgabe und im E-Paper.
Nachtrag, 15:30 Uhr. Die vollständige Rede kann man jetzt auch auf der Seite des Auswärtigen Amts nachlesen.
Morgen Vormittag bin ich zu Gast bei der Hörer-Diskussionssendung „Funkhaus Wallrafplatz“ auf WDR 5. „Eine Frage des Vertrauens: Warum stehen die Medien unter Generalverdacht?“, hat die Redaktion das Thema genannt. Als Vertreterin des WDR ist die Hörfunk-Chefredakteurin Angelica Netz dabei.
Ich traue mich angesichts der knapp 400 Kommentare hier kaum zu fragen, aber: Was ist Ihre Antwort? Und was wären Punkte, die speziell den WDR betreffen?
Nachtrag, 15. November. Hier kann man die Sendung nachhören.
Man spricht deutsch: Der staatliche russische Auslandssender RT positioniert sich jetzt auch hierzulande mit einem eigenen Programm als Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien. Was bringt einen jungen Studenten aus den USA dazu, hier anzuheuern?

Nun sind sie da, die Russen, und füllen die klaffende Lücke, die die sogenannten Mainstream-Medien angeblich in ihrer Berichterstattung lassen. Im Frühjahr hatten 30.000 Menschen eine Petition gezeichnet, die die Chefredakteurin des staatlichen russischen Auslandssenders „Russia Today“ in devotem Tonfall anflehte, eine deutschsprachige Version zu starten, um die „Meinungsvielfalt und Informationsfreiheit in Europa“ auf diese Weise zu verbessern.
In der vergangenen Woche ist „RT deutsch“ online gegangen. Der Staatssender vermarktet sich geschickt als Alternative zur vermeintlich uniformen Berichterstattung der deutschen Massenmedien. Gestern lief zum ersten Mal eine eigenproduzierte Web-Show aus Berlin mit dem programmatischen Titel „Der fehlende Part“. Möglicherweise folgt im nächsten Jahr ein ganzer Fernsehsender.
Ein knappes Dutzend überwiegend junger Leute arbeitet für Internetseite und Web-Show. Einen von ihnen habe ich am Dienstag in Berlin getroffen: den Reporter Nicolaj Gericke.
Gericke ist 24 Jahre alt, geboren in der Schweiz, mit Wurzeln im Irak, aufgewachsen in Deutschland, als Teenager mit der Familie in die USA gezogen. Nach der Schule reiste er durch Mittelamerika, bis ihm das Geld ausging. Danach studierte er an der South Carolina University politische Wissenschaften. In Russland, sagt er, war er noch nie.

Herr Gericke, wie begann Ihr Weg zu RT?
Als der Arabische Frühling losging, fand ich die ganze Berichterstattung voreingenommen, in den USA, aber auch in Deutschland. Ich hatte das Gefühl, dass man gar nicht versucht, die andere Seite zu verstehen. Damals war ich kurz vor dem Abschluss meines Studiums und habe ich mich gefragt, was ich eigentlich im Leben machen will: Soll ich mein Studium beenden, für eine NGO arbeiten, am Schreibtisch sitzen und Statistiken auswerten? Oder suche ich mir eine Möglichkeit, in Gebiete zu gehen, von wo aus ich berichten kann. Ich mache mir nichts vor: Jeder von uns ist voreingenommen bei bestimmten Themen. Mir war egal, ob die Leute sagen: Mit dem stimme ich überein. Ich will nur, dass verstanden wird, dass es noch eine andere Sicht gibt.
Was wäre die andere Sichtweise auf den Arabischen Frühling gewesen?
Für Leute, die sich auskennen, war vorher schon klar, was jetzt jeder sehen kann. Mir war vorher klar, dass Gaddafi sterben wird. Mir war auch klar, dass es danach kein Libyen mehr gibt, sondern das Land – wie Somalia – aus kleinen Fraktionen bestehen wird. Man kann sagen: Gaddafi hat gefoltert, da wurden Menschen verhaftet, keine Frage. Man muss aber auch fragen: Was ist die Alternative, und ist die besser? In den USA war ich in einer WG mit Studenten aus afrikanischen Ländern, Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria. Deren Familien sind nach Libyen gereist, um dort zu arbeiten, und mit dem Geld, das sie dort verdient haben, zurückgekommen. Das geht jetzt nicht mehr. Für die alle war das ein Schock. Auch wie das von den Medien präsentiert worden ist, wie man den toten Gaddafi über die Straße geschleift hat. Jetzt sind sie in einem Staat, wo es nichts mehr gibt. Wenn Sie sich hier mit Flüchtlingen aus Libyen unterhalten, sagen die: Wir hatten Leben, wir hatten Arbeit, jetzt sind wir hier, und keiner will sich um uns kümmern.
Wie haben die Menschen in Amerika auf Ihre abweichende Haltung reagiert?
Der Durchschnittsbürger interessiert sich gar nicht dafür. Bei den Politik-Studenten war ich der einzige, der eine andere Sichtweise hatte. Meine Lehrer fanden das relativ gut, die meinten zu den anderen: Wenn ihr Nicolaj auf Facebook hinzufügt, bekommt ihr Extra-Credit, weil ihr euch die andere Seite anhört.
Auf Empfehlung einer Kollegin bewarb Gericke sich im vergangenen Jahr bei Ruptly, der vom Kreml finanzierten russischen Agentur für Videoberichte, die gerade erst ihre Zentrale in Berlin aufbaute und für Nachwuchskräfte besondere Chancen versprach.
Ich habe dann später den Anruf bekommen: „Willst du in die Ukraine gehen?“, und ich habe gesagt: Klar. Ohne zu überlegen. Ein paar Leute von Ruptly waren schon da, und ich bin mit einer Kollegin nach Donezk gegangen. Klar, dabei kann einem was passieren. Aber ich würde mich weniger wohlfühlen, am Schreibtisch zu hocken. Für mich war es einfach das Gefühl: Einer muss es machen.
In Donetsk pic.twitter.com/xt6HvtCZK1
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 31. Oktober 2014
Wie lange waren Sie da?
Einen halben Monat ungefähr. Zwei Tage in Kiew, dann in Donezk. Am 9. Mai, dem Tag des Sieges, haben die Leute auf der Straße gefeiert, wie jedes Jahr, nur war die Nationalgarde da. Ich kannte ein paar deutsche freie Journalisten, die dahingegangen sind, und dann erlebt haben, wie auf Leute geschossen wird. Die kamen ins Hotel zurück, haben sich erstmal betrunken, und am Ende festgestellt, dass das Material, das sie aufgenommen haben, nicht so erwünscht war, wie sie gedacht hatten. Die Leute aus Deutschland hätten gesagt: Das ist zu krass für unsere Medien. Im Osten der Ukraine gab es Vorfälle, vor allem mit der Nationalgarde, die auch unabhängig von Kiew gearbeitet haben und auch wirklich Faschisten sind: Die haben sich einen Spaß daraus gemacht, auch Zivilisten zu erschießen. Ich war in einem Vorort von Donezk, da war die Nationalgarde, die sich nachts in ein Krankengebäude eingeschlichen hat. Die Milizen aus der Ost- Ukraine standen um das Gebäude herum. Alle Seiten waren bewaffnet. Viele Zivilisten standen um uns herum. Die Nationalgarde sollte nach Verhandlungen abziehen dürfen, dann fiel plötzlich ein Schuss, einer vor uns ist von einem Sniper getroffen worden, und dann haben beide Seiten angefangen zu schießen. Die Zivilisten waren in der Mitte, und das hat die Nationalgarde nicht interessiert.
Das wurde auch in Deutschland berichtet.
Ja, aber es gab Berichte, die sagten: Man weiß nicht wirklich, was da abgelaufen ist, woher der erste Schuss kam, obwohl das sehr deutlich war.
Sie haben die Berichterstattung der deutschen Medien als voreingenommen erlebt?
Ich denke, dass viele Journalisten sich das nicht eingestehen können, dass man eine Erziehung hat, die einen prägt und voreingenommen macht. Wenn man in Europa oder den USA lebt, sind viele in dem Bewusstsein aufgewachsen: Wir sind die Freiheit, wir sind das Gute, das sind die Bösen. Und dann hinterfragt man sich nicht wirklich.
Aber Sie wittern nicht die große Verschwörung der CIA?
Ich stehe nicht so auf Verschwörungstheorien, das ist nicht mein Ding.
Seit wann sind Sie wieder in Berlin?
Seit Mitte Mai. Damals war das deutschsprachige Angebot von Russia Today, „RT deutsch“, schon in der Planung, und ich wollte da unbedingt mitmachen.
Auch als Reporter oder in der Redaktion?
Das ist ein Reporterjob, aber weil alles noch so in den Kinderschuhen steckt, vorläufig eher aus Deutschland. Ich habe aber das Ziel, irgendwann wieder ins Ausland zu gehen. Ich will nicht im Studio stehen, und ich will nicht in Berlin stecken bleiben.
Obwohl Nicolaj Gericke nicht bei „RT deutsch“ moderiert, ist er ein besonders sichtbarer Teil des neuen Programms, weil er auf Facebook und Twitter aktiv und aggressiv ist:
Warum verstehen die deutschen Journalisten die Ukrainer im Osten nicht? Jedes mal wenn es gefährlich wurde, verblieben diese lieber im Hotel
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 6. November 2014
Spiegel, habe genug von eurem Durchfall! "Propaganda für den Kreml: Putins deutsche Gehilfen http://t.co/HK1VuQ9pj5 via @SPIEGELONLINE
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 29. Oktober 2014
Der Westen laesst die Kurden in Kobane von IS ermorden damit man einen Grund hat Bodentruppen zu schicken #Syrien #Irak
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 9. Oktober 2014
Die @Bild zieht jetzt mit Faschisten Battalionen in den Krieg zusammen!? @ronzheimer @KaiDiekmann pic.twitter.com/IqORTX0dLq
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 6. September 2014
Die Geschichte wiederholt sich, aber eben, die Geschichte wiederholt sich 😉
#DeutscheMedien #Propaganda pic.twitter.com/yCyIkyaqp2
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 24. Juli 2014
Ist die Werbung für „RT deutsch“ in den Sozialen Medien Teil Ihres Jobs?
Nein, aber das gehört für mich dazu. So schafft man Aufmerksamkeit. Ich mag Provokationen überhaupt nicht …
Das verbergen Sie aber geschickt.
Ich finde, das ist ein Mittel, um Leute aus ihrer Komfortzone zu locken, die dann ihr wirkliches Ich zeigen.
In der Selbstdarstellung von „RT deutsch“ findet sich nicht nur eine falsche Zahl über die Abrufzahlen auf Youtube – CNN hat nicht fünf Millionen, sondern 500 Millionen (Nachtrag: inzwischen korrigiert); die BBC liegt übrigens weit über RT. Dort findet sich auch folgende Selbstdarstellung: „Unser Ziel ist es, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen sowie Medienmanipulationen aufzuzeigen. In diesem Sinne werden wir Stimmen zu Wort kommen lassen, die eine alternative, unkonventionelle Sichtweise präsentieren. Unser Leitbild lautet: ‘Wir zeigen den fehlenden Teil zum Gesamtbild’. Also genau jenen Part, der sonst verschwiegen oder weggeschnitten wird.“
Verstehe ich das richtig: „RT deutsch“ sieht seine Rolle nicht darin, das ganze Bild zu zeigen, sondern nur den angeblich fehlenden Teil?
Genau.
Aber das heißt ja, eine eigene Einseitigkeit gegen die behauptete andere Einseitigkeit zu setzen.
Man könnte das so bezeichnen.
Als deutschen Experten über die Ausschreitungen bei der Demonstration von Hooligans gegen Salafisten in Köln befragte „RT International“ ausgerechnet den Chefredakteur der extrem rechten Zeitschrift „Zuerst“, der ein häufiger Gast ist. Müsste man so jemanden nicht zumindest dem Publikum entsprechend vorstellen?
Klar.
Aber das ist auch gemeint, wenn man sagt: Man nimmt die Stimmen, die sonst fehlen?
Ja, genau. Das heißt ja nicht, dass RT mit denen übereinstimmt. Ich habe zum Beispiel eine ganz klare Position gegen die „HoGeSa“ [Hooligans gegen Salafisten], ich weiß auch nicht, wie man das unterstützen kann. Aber das ist auch nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist, die Seite zu zeigen, die nicht gezeigt wird.
„RT deutsch“ wird begeistert erwartet aus dem Umfeld der Montagsdemos, Verschwörungstheoretiker, fanatischen Anti- Amerikanern, dem Kopp-Verlag. Wie nehmen Sie dieses Publikum wahr?
Ich kann deren Haltung gegen die Mainstream-Medien verstehen. Aber ich kann die Mahnwachen und das alles auch nicht wirklich einordnen, da gibt es Chemtrails-Leute, die da demonstrieren, da gibt es alle möglichen Verschwörungstheoretiker, dann Leute, denen es wirklich nur darum geht, nicht so einseitig Politik zu betreiben. Wirklich einordnen kann ich die nicht.
Ist etwas damit gewonnen, wenn jeder Verrückte noch ein Podium kriegt?
Glaube ich nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass wir jedem Verrückten ein Podium geben.
Aber ein paar schon.
Klar, klar. Aber wir arbeiten hier alle unabhängig. Wenn ich eine Story machen will, dann recherchiere ich die. Mir wurde nie gesagt, dass ich was nicht machen darf. Die Leute, die für die Web-Show arbeiten, wählen die Gäste aus, die sie interessant finden und für einen guten Gast halten.
Das Ergebnis war bei der Premiere dennoch sehr erwartbar: Ein Oberstleutnant der Bundeswehr a.D. kritisierte, dass die deutschen Medien die Begründungen der westlichen Politiker im Ukraine-Konflikt kritiklos übernommen hätten (aber zum Glück gibt es ja alternative Informationsquellen wie nun „RT deutsch“). Die Moderatorin Jasmin Kosubeks fragte in diesem Zusammenhang: „Wenn Deutschland mehr Verantwortung übernehmen möchte, könnten sie doch einfach Ärzte nach Westafrika schicken, oder nicht?“Und Rainer Rupp, der als Agent „Topas“ für die DDR spionierte, bestätigte, dass das mit der Überwachung der Bürger heute in der Bundesrepublik schlimmer sei, als es damals in Ost- Deutschland gewesen sei. Man war sich einig, dass wir zu leichtsinnig seien, mit den Dingen, die wir zum Beispiel auf Facebook von uns preisgeben.
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Sie haben im Vorfeld auch schon ein langes Interview mit Udo Ulfkotte geführt, in dem der unwidersprochen seine teils schlicht falschen Behauptungen verbreiten durfte.
Auf der einen Seite kann man an ihm zweifeln. Ich habe das Buch gelesen und würde behaupten, dass das teilweise übertrieben ist. Aber das Buch ist gut angekommen, ohne Werbung. Und wenn es Reaktionen darauf gab, hieß es nur: Der ist verrückt. Die anderen Medien in Deutschland haben ihn nicht interviewt. Deshalb war es unsere Aufgabe, ihn zu interviewen.
Man könnte ihm aber trotzdem widersprechen, wenn seine Behauptungen nicht stimmen.
Ja, aber ich denke, das ist dann die Aufgabe der Kollegen, die er beschuldigt hat.
Werden wir dann demnächst viele Ulfkottes auf „RT deutsch“ sehen?
Ich habe eher das Interesse, nach Leuten zu suchen, denen man nicht vorwerfen kann, dass sie Verschwörungstheoretiker sind. Ich will auch nicht selbst auf die Linie geschoben werden. Ich zweifle nichtmal an 9/11!
Aber anscheinend gibt es ein Publikum, das genau diese Geschichten hören will.
Klar.
Auf der Facebook-Seite wirkt es, als ob „RT deutsch“ einen großen Vertrauensvorschuss genießt.
Ich weiß nicht mal, ob ich das so bezeichnen würde. RT ist am erfolgreichsten im Internet, da sieht man das einfach mehr, dass Leute darauf anspringen. Es wird auch auf so eine junge, frische, provokative Art gemacht.
Es gibt anscheinend viele Leute, die so überzeugt sind, dass die „Mainstream-Medien“ ihnen alles Wichtige oder Unbequeme verschweigen, dass sie jeden Bericht von RT entsprechend feiern: Ihr sagt uns, was die anderen uns verschweigen. Zum Beispiel die Ausschreitungen nach Demonstrationen gegen die neue konservative Regierung in Belgien. Dabei waren die am Tag vorher sogar in der 20-Uhr-„Tagesschau“ zu sehen.
Das guckt anscheinend niemand mehr nach. Aber die Medien haben das sich selbst zuzuschreiben. Man ist nicht auf die Leute und auf die Kritik eingegangen, sondern hat gesagt: Ihr seid alle bezahlt von Putin. Dass da Vertrauen verloren geht, ist völlig klar für mich. Übrigens – wenn die Kollegen von Zeit, Welt und so weiter sich beschweren, dass sie Drohungen bekommen – das bekomme ich auch.
Beschimpfungen oder ernstzunehmende Drohungen?
Beides. Auch Sätze wie: „Hey, ich hab Leute in Berlin, die werden dich schon finden.“
In der Marketing- und Propaganda-Logik eines Programmes, das sagt, was andere dem Publikum verschweigen, funktioniert jede Kritik eines „Mainstream-Mediums“ wie ein Gütesiegel – entsprechend schmückt sich „RT deutsch“ damit, gleich zum Auftakt der Premiere der Web-Show „Der fehlende Part“. Als Stilmittel setzt die Redaktion darauf, die Kritik grotesk zu überzeichnen und so ins Lächerliche zu ziehen. „Wir sind die Putin- Versteherinnen, die Kreml-Marionetten“, sagt die Moderatorin Jasmin Kosubeks (Korrektur: es war die Reporterin Lea Frings), „das kleine Schmuddelkind der Kremlpropaganda“ – als wäre die Tatsache, dass sie das scheinbar selbstironisch sagt, schon ein Beweis dafür, dass es nicht stimmt.
Dass Sie von anderen Medien kritisiert werden – ist das cool und hilfreich fürs Underdog-Image?
Nee, cool finde ich das nicht. Damit habe ich auch meine größten Probleme. Ich fühle mich auch nicht wohl, wenn auf mich eingedroschen wird. Es ist aber wie mit dem Irak-Krieg oder dem Arabischen Frühling: Es braucht die andere Seite. Dafür, würde ich sagen, lohnt sich’s.
— Nicolaj Gericke (@Nicolaj_Gericke) 29. August 2014
Nun gehört RT dem russischen Staat und hat den Auftrag, Propaganda zu machen – ein anderes Bild von Russland und der Welt zu zeigen, im Sinne des russischen Staates.
Es gibt ja diese Rede von Putin, in der er es am besten gesagt hat: Man versucht, das Monopol der angelsächsischen Medien zu brechen.
Aber natürlich ist damit ein Auftrag des russischen Staates verbunden.
Das könnte man schon so bezeichnen. Die Auslandsmedien wie RT wurden ja von der Regierung als strategisch genauso wichtig bezeichnet wie die Kalaschnikow.
Und es fühlt sich nicht merkwürdig an, Teil davon zu sein?
Ich finde nicht. Aber ich merke jetzt, dass man da als Journalist zur Zielscheibe wird. Jeder versucht einen natürlich als naiv darzustellen, als dummer Junge, der keinen Plan hat von dem, auf das er sich da eingelassen hat. Ich denke, das ist nicht der Fall bei mir. Ich hab schon gewusst, was RT ist. Das finde ich jetzt nicht schlimm. RT ist ja nicht das einzige staatliche Medium. Es gibt ja Voice of America, Radio Liberty, BBC …
Die BBC ist kein Staatssender.
Aber das Prinzip ist ähnlich.
Dem möchte ich widersprechen. Der Gedanke, dass die BBC im Sinne der britischen Regierung berichtet, ist doch eher abwegig.
Okay, dann Al-Jazeera.
Die Methoden von „RT deutsch“ sind dann aber doch vergleichsweise plump. Am Mittwoch meldete die Seite beispielsweise, dass die Vereinten Nationen die Vorwürfe „verneine“, dass Russland Truppen in die Ostukraine verlege. Grundlage dafür ist allerdings offenbar eine zu diesem Zeitpunkt fünf Tage alte Aussage eines UN-Sprechers, der auch nur sagte, man könne entsprechende Informationen „nicht überprüfen“.
Der NDR hat sich in seinem Medienmagazin „Zapp“ gestern mit den ersten Artikeln und Videos von „RT deutsch“ beschäftigt und zeigt an einigen konkreten Beispielen, wie die Redaktion sich die Wahrheit zurechtdreht.

Vermutlich eher in Erinnerung bleiben wird aber leider eine Begegnung zwischen einem Kamerateam von „Zapp“, das sich nicht damit abfinden wollte, kein Interview von „RT deutsch“ zu bekommen, und „RT deutsch“- Mitarbeitern vor dem Firmensitz am Potsdamer Platz in Berlin. Die „RT deutsch“-Leute boten plötzlich ein Interview an, wenn auch der „Zapp“- Mitarbeiter ein Interview geben würde, und filmten zurück, wobei keiner der Beteiligten gut aussah, besonders unglücklich aber der „Zapp“-Mann. Das Zusammentreffen ist nun in zwei Versionen dokumentiert: der von „RT deutsch“ und der von „Zapp“.
Froben Homburger, der Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur (dpa), hat sich gemeldet, weil ich hier kürzlich über dpa geschrieben habe, was Homburger, nun ja: nicht so richtig gut fand. Er findet sogar, dass es sich um eine „mutwillig selektive Darstellung“ handelt, ferner diagnostizierte er eine „fährlässige selektive Wahrnehmung“, was natürlich nicht schön ist, aber auch nicht schlimm. Ich will die Gelegenheit jedenfalls nutzen, ihm hier zu antworten.
In Homburgers Wahrnehmung hat dpa „völlig korrekt“ und „weit von jeder Panikmache entfernt“ berichtet. Als Beleg dienen Homburger dafür Passagen des Nachrichtentextes, aus dem ich ja auch schon zitiert hatte. Dort steht, dass die Ebola-Gefahr hierzulande gering sei, weshalb man Homburger also zustimmen muss: Das ist keine Panikmache. Allerdings ging es darum auch nicht. Es ging um die Überschrift und die Frage, wieso dpa dort nicht reinpackt, dass es „sehr unwahrscheinlich“ ist, dass sich Ebola hierzulande ausbreitet, sondern das hier:

Homburger sagt dazu, dass es eben nicht die „Hauptneuigkeit“ gewesen sei, dass „die Experten ’nach wie vor‘ eine Ausbreitung von Ebola in Deutschland ausschließen“, das täten sie schon seit Monaten, „und das hat dpa auch schon dutzendfach berichtet.“ Das Neue sei gewesen, dass mehr Verdachtsfälle erwartet würden, deshalb habe dpa das gemeldet, und das kann man natürlich so sehen. Doch neu war allenfalls, dass nun auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sagt, dass einzelne Verdachtsfälle möglich sind, was aber ein „sehr seltenes Ereignis“ sein werde, wenn überhaupt. Ganz schön dünn, finde ich. Außerdem war diese Prognose bei der Pressekonferenz eher eine Randnotiz. Und neu ist sie auch nicht. Zwei Tage zuvor hatte dpa schon gemeldet:
Tropen-Mediziner: Ebola-Verdachtsfälle kommen im Dezember
Da stand quasi schon alles drin, sogar konkreter. Nach der vermeintlichen Tatsache in der Überschrift heißt es im Text, nun im Konjunktiv: „Schon in wenigen Wochen“ könnten „mehr Ebola-Verdachtsfälle in Deutschland gemeldet werden als bisher.“ Das hatte der Würzburger Professor August Stich so behauptet und auch gleich, ohne Konjunktiv, angekündigt, wie sich diese Verdachtsfälle auswirken werden:
„Im Dezember wird es losgehen, dass sich die Zahl von Ebola-Verdachtsfällen in der Republik häufen wird. Und damit wird unser ganzes Gesundheitssystem ziemlich angespannt werden.“
Die Meldung lief beachtlich gut, was aber auch kein Wunder ist bei dem Szenario, das sich nicht nach Einzelfällen anhörte, sondern nach einem Haufen, der unser Gesundheitssytem angreift: „Hunderte deutsche Helfer“ würden aus Westafrika heimkehren, sagte Stich. Und er beschrieb via dpa, welche Gefahren das mit sich bringe, und dass jeder Heimkehrer mit erhöhter Temperatur „oder anderen Symptomen“ überprüft werden müsse, was bisher ja schon nicht gut laufe:
„Was ich jetzt erlebt habe, ist wirklich Panik, wenn jemand mit Durchfall aus Afrika zurückkommt.“
In der Tat. Von dieser Panik berichten Helfer oder auch Journalisten, etwa die „Zeit“-Reporterin Amrai Coen. Die Rückkehrer werden gemieden wie Aussätzige, seit sie wieder da sind aus Afrika. Sie sollen den Aufzug meiden, die Toilette desinfizieren, und nicht nur Kollegen, auch Freunde machen aus Angst einen Bogen um sie. Dabei ist die Sorge unbegründet. Ebola ist ansteckend, wenn die Krankheit ausgebrochen ist, vorher nicht. Doch selbst in intellektuellen Kreisen macht man sich hierzulande ins Hemd, wenn es um Ebola geht, und ich fürchte, dass diese Panik durch immer neue konjunktivische Meldungen eher noch schlimmer wird.
Zumal man über den Nachrichtenwert bisweilen streiten kann: Ist es wichtig, dass alle wissen, dass bald möglicherweise einzelne Personen mit Verdacht auf Ebola zum Arzt gehen werden, sie aber lediglich eine Grippe haben? Oder ist das nicht vor allem für Ärzte, Polizisten oder Rettungssanitäter wichtig, die von behördlicher Seite ohnehin vorbereitet werden? Auf der Pressekonferenz der BBK ging es hauptsächlich darum, dass alles gut ist und alles gut vorbereitet. Keine Sorge. Das war die Kernbotschaft. Aber nun bleibt, denke ich, eher hängen, dass da welche nach Deutschland kommen, die möglicherweise dieses Ebola haben.
Es geht nicht darum, dpa in die Nähe der dumpf grölenden Deppen-Panik eines Blattes wie „Bild“ zu rücken. So schlimm ist es nun wirklich nicht. Es geht darum, zu überlegen, was Schlagzeilen bewirken können. Man muss nur mal schauen, was aus der ersten dpa-Meldung zu den vermuteten Verdachtsfällen so geworden ist:





Beim letzten Beispiel aus dem Stefanaustereigniskanal N24 stimmt dann gar nichts mehr: „Neue Ebola-Fälle“ – als hätte es hier je welche gegeben! In Kombination mit der Überschrift und dem Foto muss das zwangsläufig so ankommen, als sollte man sich vielleicht schon mal schutzkleiden. Die Rückkehrer aus Westafrika können sich also auf einen herzlichen Empfang einstellen.
Natürlich ist das abermals selektiv ausgewählt und gemein, weil dpa ja nichts dafür kann, was aus einer Meldung in den Redaktionen gemacht wird. Aber vielleicht ist der Blick darauf trotzdem ganz hilfreich. August Stich jedenfalls, der Professor, ist nicht so begeistert von dem, was aus seinen dpa-Aussagen in anderen Medien wurde. Er sei „nicht korrekt wiedergegeben worden“, sagt er nun. Die verkürzten Überschriften sorgten für „Unruhe und Panik“, wobei man vielleicht richtiger sagen sollte, dass verkürzte Überschriften für noch mehr Panik und noch mehr Unruhe sorgen, denn das Szenario, das Stich via dpa entwirft, ist ja an sich schon ganz knackig. Aber eben unwahrscheinlich.
Und deshalb habe ich das Gefühl, dass von all den „Hauptneuigkeiten“ bloß ein Haufen unbegründeter Angst übrig bleibt.
Nachtrag 13.11.2014. dpa-Nachrichtenchef Homburger widerspricht nochmal.
Nachtrag, 13.11.2014, 20:16 Uhr. Auch hier eine Korrektur: Ich schrieb, das BBK halte „einzelne Verdachtsfälle“ für möglich. Korrekt ist: Das BBK hält es für möglich, dass man es in Deutschland „allenfalls mit Einzelfällen“ von Ebola-Erkrankungen zu tun haben wird. Und dass man sich in den nächsten Monaten auf eine Zunahme von Verdachtsfällen einstellen müsse. Aber nicht schlimm, weil: Alles gut vorbereitet. Eine Ausbreitung hierzulande halten die Behörden für nahezu ausgeschlossen. Über diese Szenarien hat das BBK auf der Pressekonferenz gesprochen, auch gleich zu Beginn. Falsch ist sie also nicht, die Überschrift der dpa-Meldung. Eine andere halte ich trotzdem noch für möglich.
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