Manche Dinge sieht man besser, wenn man nicht so genau hinschaut. Wenn man, anstatt mit der Nasenspitze drauf zu stoßen, ein paar Schritte zurücktritt.
Um einen Hindernisparcours mit dem Fahrrad oder Motorrad langsam zu durchfahren, hilft es, nicht auf die Hütchen zu starren. Den Schlüsselbund auf dem Schreibtisch findet man oft am besten aus dem Augenwinkel.
Es ist also nicht von vornherein eine schlechte Idee, dass Harald Martenstein in seiner „Zeit“-Kolumne über die Reaktionen auf die Nazimorde schreibt, obwohl er erklärtermaßen wenig davon erlebt hat. Er war in den vergangenen Wochen in den USA, wo er wenig von dem ganzen Getöse mitbekommen hat, und brachte etwas mit, das uns fehlt: Abstand. Und gesundes Nichtwissen.
Das lässt sich mit etwas Geschick in gefühltes Wissen verwandeln. Gefühltes Wissen ist das, was Kolumnisten wie Martenstein auszeichnet und lesenswert macht.
Deshalb wäre es auch Unsinn, ihm Recherchefaulheit vorzuwerfen, wenn er Sätze schreibt wie:
In den USA hatte kein Sender und keine Zeitung [über die Nazimorde] berichtet, zumindest habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht stand in der New York Times eine Kleinigkeit, die ich übersehen habe.
Natürlich könnte er in etwa fünf Sekunden feststellen, dass in der „New York Times“ ein größerer Artikel stand, und zwar am 14. November auf Seite 4, aber man kann ernsthaft darüber streiten, ob diese exakte Information die Wahrheit wirklich treffender beschreibt als das Gefühl: nirgends stand irgendwas.
Die amerikanischen Medien waren stattdessen voll von einem spektakulären Missbrauchsfall „in einem wichtigen Sportverein“ (er meint das Football-Team der Penn-State-Universität, aber das zu nennen, wäre schon wieder die Scharf-Nah-Einstellung einer Linse, also nichts für Martensteins unfokussierten Blick). Das bringt ihn zu der Beobachtung, dass der Missbrauchsfall ja auch bei uns hätte stattfinden können, und die Nazimordserie in den USA, denn:
Es kann ja fast alles Furchtbare fast überall passieren.
Das ist natürlich richtig. Aber um das festzustellen und bei dieser Feststellung stehen zu bleiben und nicht wenigstens zu fragen, warum bestimmte Dinge trotzdem hier passiert sind und nicht woanders und andere woanders und nicht hier, muss man schon einen großen Willen zum Nichtwissenwollen mitbringen.
Auch jemand, der aussieht wie Winston Churchill kann 91 Jahre alt werden, aber wenn das passiert, ist es kein Beweis dafür, dass Ernährung und Bewegung keinen Einfluss auf die Lebenserwartung haben.
Jedenfalls kam Martenstein also aus den USA zurück und staunte, dass sich Deutschland in seiner Abwesenheit verändert hatte, weil die Menschen erfahren hatten, dass eine Gruppe von Neonazis in diesem Land jahrelang relativ unbehelligt Morde begehen konnte.
Martenstein schreibt:
Nicht selten wurden die Morde mit dem Rassismus der Deutschen oder zumindest vieler Deutscher in Verbindung gebracht oder damit, dass man den Naziterror in Deutschland notorisch unterschätzt. Moment mal, war nicht ein paar Monate vorher etwas ähnlich Furchtbares in Norwegen passiert? Es kommt mir immer widersprüchlich vor, wenn man gegen den Rassismus anschreibt und dabei einem bestimmten Volk, zum Beispiel den Deutschen, einen gewissermaßen in der Rasse angelegten Hang zum Bösen unterstellt.
Hier ist Martensteins Prinzip der Vagheit ein Ärgernis, denn ich wüsste gerne, wo er das gelesen hat. Mein gefühltes Wissen unterscheidet sich fundamental von seinem gefühlten Wissen, denn mir kommt es nicht so vor, als seien die Ausländermorde dieser Bande als Beweis dafür diskutiert worden, dass die Deutschen chronisch latent ausländermörderisch seien. Nach meiner Wahrnehmung war das besondere Entsetzen über die Taten ein Ausdruck davon, dass es ausgerechnet uns passieren konnte, die Gefahr rechtsextremer Gewalt anscheinend relativ kollektiv zu unterschätzen.
Martenstein aber vergleicht die reale Pauschalverurteilung von Muslimen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit der von ihm wahrgenommenen Pauschal(selbst)verurteilung der Deutschen, und das ist auf so vielen Ebenen abwegig, dass ich nur vermuten kann, dass er seinen gesunden Menschenverstand noch unausgepackt im Koffer hat.
Es kommt aber noch schlimmer:
Wegen der Nazimorde, las ich, habe der Bundestag sich bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Ich fand das seltsam. (…) Indem die Volksvertretung sich entschuldigt, dachte ich, identifiziert sie sich irgendwie mit den Mördern, sie schafft ein falsches „wir“. Wir Deutschen, ihr Migranten. Als ob das sauber zu trennen wäre. Genau das wollen die Nazis doch. Der Staat soll die Nazis jagen und einsperren und nicht an ihrer Stelle Entschuldigungen abgeben.
Das ist der Fluch des gefühlten Wissens: Wenn Martenstein etwas in der Welt wahrnimmt, das ihm „seltsam“ vorkommt, dann schaut er sich als Reaktion nicht genauer die Sache in der Welt an, sondern das Gefühl in seinem Kopf. So mag er hin und wieder zwar zu originellen Erkenntnissen kommen. Deren Verbindung zur Realität lässt sich aber in diesem Fall durch eine schlichte zweiminütige Recherche kappen.
Die „Entschuldigung“ des Bundestages, die Martenstein so seltsam vorkam, lautet nämlich wie folgt:
Im Namen des ganzen Hauses, aller Mitglieder des Deutschen Bundestages, will ich unsere Trauer, Betroffenheit und Bestürzung zum Ausdruck bringen über die erschreckende Serie von Morden und Anschlägen einer kriminellen neonazistischen Bande.
Wir sind beschämt, dass die Sicherheitsbehörden der Länder wie des Bundes die über Jahre hinweg geplanten und ausgeführten Verbrechen weder rechtzeitig aufdecken noch verhindern konnten. Unsere Anteilnahme gilt den Angehörigen und eine besondere Bitte der Entschuldigung für manche Verdächtigungen von Opfern und Angehörigen, die sie während der Ermittlungen vor Ort erleben mussten.
Wir wissen um unsere Verantwortung. Wir sind fest entschlossen, alles mit den Mitteln des Rechtsstaates Mögliche zu tun, die Ereignisse und ihre Hintergründe aufzuklären und sicherzustellen, dass der Schutz von Leib und Leben und die von unserer Verfassung garantierten Grundrechte in diesem Land Geltung haben — für jeden, der hier lebt, mit welcher Herkunft, mit welchem Glauben und mit welcher Orientierung auch immer.
Gleich drei gute Gründe enthält diese Erklärung dafür, warum der Bundestag der Opfer gedachte. Erstens weil es staatliche Organe waren, die massive Fehler gemacht haben (und deren Mitarbeiter sogar, was der Bundestag allerdings nicht erwähnt, im Verdacht stehen, in die Morde verwickelt zu sein). Zweitens weil die Opfer zu Tätern gemacht wurden, indem ihnen — aufgrund ihrer Herkunft — unterstellt wurde, in dunkle Geschäfte verwickelt zu sein (der „Spiegel“ hatte noch im August suggeriert, hinter den Morden stecke „die mafiöse Organisation türkischer Nationalisten in Deutschland“: „Die Morde, so viel wissen die Ermittler, sind die Rechnung für Schulden aus kriminellen Geschäften oder die Rache an Abtrünnigen.“) Und drittens weil der Staat eine Verantwortung für die Menschen hat, die hier leben, und für die Minderheiten in besonderem Maße. Es hat eine andere Qualität, wenn Ausländer um Leib und Leben fürchten müssen, nur weil sie Ausländer sind, oder wenn Staatsvertreter als Staatsvertreter von Terroristen ins Visier genommen werden.
Von einer „Entschuldigung“ für die Taten selbst oder gar einer Entschuldigung an Stelle der Neonazis ist in der Bundestags-Erklärung keine Rede; sie aber hat Martenstein aus seinem Viertelwissen erfühlt und damit auch die Identifikation — „irgendwie“ — mit den Mörden.
Ein falsches „wir“ schaffe sie, „wir Deutschen, ihr Migranten“, „als ob das sauber zu trennen wäre“. Das war leider tatsächlich furchtbar sauber zu trennen: Die Morde an den Türken und dem Griechen wurden „Döner-Morde“ genannt — ein Begriff, den anscheinend die „Bild“-Zeitung früh geprägt hat, der aber von anderen Medien kritiklos übernommen wurde und viel darüber aussagt, wie wir Deutschen die Türken wahrnehmen.
Die Deutschen haben sich nach meiner Wahrnehmung in den letzten Wochen nicht als immer noch latentes Nazi-Volk erkannt. Die Deutschen sind einfach nachvollziehbar erschrocken, wie unfähig oder untätig ihre Sicherheitsorgane im Kampf gegen rechtsradikale Gewalt sind und wie bereitwillig wir vielleicht alle waren, in ganz falscher Weise die Ermordung von Menschen durch ihre Nationalität zu erklären.
Aber Harald Martenstein war in den USA und hat sich hinterher etwas anderes zusammengereimt. Oft hilft es ja, sich Sachen genau anzuschauen, und dann erst ein paar Schritte zurückzutreten.


