Eigentlich hätte es die neue Ausgabe der Zeitschrift „Dummy“ schon verdient, für diesen einen Satz gekauft zu werden. Er steht in einem Artikel über Peter, einen ganz normalen Berliner Stadthund, den Marcus Jauer porträtiert. Der Satz lautet:
Er geht nicht über glänzende Böden, aber legt seinen Kopf gern in Regalen ab, als sei er ein Buch.
Ist das nicht wunderschön?
Nun wäre es natürlich Unsinn, eine Zeitschrift für einen einzigen Satz zu kaufen, noch dazu, wo ich ihn nun schon verraten habe und der ganze Artikel, in dem er steht, umsonst online zu lesen ist (pdf). Aber wer sich die aktuelle „Dummy“ zum Thema Tiere nicht kauft, verpasst auch andere feine Artikel wie den, über dem die vielversprechende Zeile steht: „Der Einzige, der auf der Tiersex-Party neulich seinen Spaß hatte, war der Schäferhund Billy“ — und der unwiderstehlich mit den Worten beginnt:
Auf der Zoophil-Party, die ich im letzten Sommer besuchte, war es überraschend peinlich.
Am Donnerstag, 10. April, sitze ich ab 20 Uhr auf Einladung von Roger Boyes, dem Deutschland-Korrespondenten der „Times“, im Café Einstein Stammhaus in Berlin. In dem „Salongespräch“ wird es wohl nicht zuletzt um „Bild“ gehen — Boyes hat im vergangenen Jahr ein schönes Porträt über „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann geschrieben. Karten gibt es für 5 Euro direkt beim Café Einstein.
Und verwirrenderweise bin ich am selben Abend noch im Fernsehen zu sehen: Ab 22:35 Uhr bei „Im Palais“ im RBB-Fernsehen zum Thema „Je jünger desto dümmer! Ist Allgemeinbildung unmodern?“. (Das wird übrigens meine Talkshow-Premiere!)
Der Preis für den erbärmlichsten Aprilscherz 2008 geht an den Pasewalker Buchhändler Helmut Maaß und den Eulenspiegel-Verlag. Der Buchhändler hatte für den 1. April eine „Nackt-Lesung“ angekündigt. Und dpa schrieb am 26. März:
Das sei kein Aprilscherz, versichert der 53-Jährige ebenso wie der Eulenspiegel-Verlag. „Das ist doch eine schöne Werbung für unser Buch“, sagte eine Sprecherin am Dienstag freudig.
Heute nun, am 1. April, konnte/musste/durfte dpa berichten:
Erste FKK-Nackt-Lesung war Aprilscherz
Pasewalk/Berlin (dpa) – Die als „erste Nackt-Lesung“ groß angekündigte Vorstellung eines Buches über FKK in der DDR hat sich als Aprilscherz herausgestellt. Die angeblich für Dienstag terminierte hüllenlose Lesung fand nicht statt.
Ins Regal stellen darf sich den Preis aber dennoch ganz allein Buchhändler Maaß. Denn, wie sueddeutsche.de hinzuzufügen weiß:
Er [Buchhändler Maaß] habe auch den Verlag angelogen, damit der Scherz nicht vorab auffliegt, so Maaß weiter.
Am Mittwoch beginnt in der Berliner Kalkscheune die Blogger-Konferenz re:publica, gleich am ersten Nachmittag gibt es etwas, das sich hochtrabend „Die Qualitätsdebatte“ nennt (auch noch im „Großen Saal“), und auf dem Podium sitzen Mercedes Bunz, Thomas Knüwer, Angefragt und ich.
Ich sag’s mal so: Herr und Frau Angefragt kommen nicht, und mir fehlen ein bisschen die Ideen, worüber wir reden sollen. (Vielleicht bin ich auch nur zu faul, mir was Gutes auszudenken.) „Blogs vs Journalismus?“ steht da als Untertitel, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass die Frage wirklich noch jemanden interessiert, insbesondere mangels Gegnern auf dem Podium, aber auch überhaupt.
Ich könnte die Gelegenheit stattdessen nutzen, meiner Ratlosigkeit über die Kommentarflut hier und den richtigen Umgang mit ihr Ausdruck zu verleihen, was unerträglich selbstmitleidig oder unvernünftig zornig werden könnte — aber ich weiß auch nicht, ob das jemand hören will.
Und da ich die Kommentatoren hier nicht nur hasse, sondern auch liebe (keine Ironie), frage ich mal in die Runde: Gibt’s irgendwelche Wunschthemen? Fragen, die wir beantworten sollen, Diskussionen, die wir führen müssen, Themen, über die wir uns in die Haare kriegen können?
„Wir sind kein Fernsehsender“, sagt der Mann auf dem Bildschirm, „wir sind ein Telekolleg für das Wassermannzeitalter. Und jeder, der zuschaut, muss zugucken, kann nicht wegschalten.“
Schwer zu sagen, ob das schon ein Beweis für die tiefe spirituelle Kraft dieses Mannes ist, aber: Er hat Recht. Fassungslos sitzt man da und wartet, dass etwas passiert. Dass der Mann endlich diese lächerliche Fisselhaarperücke abnimmt, diese abwegige Brille, das ungelenk-gefährliche Grinsen, und sich als Oliver Kalkofe zu erkennen gibt. Dass die Betreuer hereinkommen, schimpfen, die Tabletten verteilen und die Patienten sachte aus dem Studio schieben. Meistens ist aber alles, was passiert, dass wieder jemand durchgestellt wird, der sich für zwei Euro die Minute die Zukunft vorhersagen oder in ein langes, sinnloses Gespräch verwickeln lässt.
Der Mann mit den Fisselhaaren ist Thomas Hornauer, und am ehesten ist er wohl vergleichbar mit den traurigen wirren Monologisierern, die entweder in der Mitte der Fußgängerzone zur Welt predigen oder am Rand der Fußgängerzone zu ihrem Bier. Nur dass Hornauer seine Thesen per Satellit millionenfach verbreitet. „Kanal Telemedial ist bewusstseinserweiternd“, sagt er und klärt in breitem schwäbischen Dialekt auf über die Gefahren der Homosexualität: „Wenn du das Ding an der falschen Stelle reinsteckt, dann isses um.“ Lesen ist nicht seine Stärke, aber Reden, Gucken, Charisma ausstrahlen auch nicht. Richtig gut ist er nur im peinliche Momente entstehen lassen und Geld verdienen. Einem Hartz-IV-Empfänger, der verzweifelt klingt, nicht zuletzt darüber, dass er das wenige Geld nun für den Anruf bei diesem Scharlatan ausgibt, sagt er kalt, man habe halt kein Helfersyndrom und wirft ihn schließlich aus der Leitung.
„Energieausgleich? Zeigen Sie uns ihre Wertschätzung“, steht auf dem Bildschirm; Energie kann man offenbar nicht zurückschicken, aber Geld, auch ganz leicht per Telefon: Ein Anruf zehn Euro oder mehr. Seit Jahren macht Hornauer ähnliche Geschäfte, fällt durch Verbindungen zu sektenähnlichen Gruppen auf oder dadurch, dass er die Mitarbeiter des baden-württembergischen Senders B.TV, der ihm eine Weile gehörte, rufen lässt: „Du bist unser Herrscher. Du bist unser Retter.“
Und nun ist möglicherweise seine Lizenz bedroht, die aus Österreich kommt, aber auch das wird er wieder überstehen. Was einem bleibt ist nur die Hoffnung, dass das Karma irgendwann mal nachschaut, wie weit dieser Mann sein Konto bei ihm überzogen hat, und mit aller Macht zurückschlägt.
Aus der Tibet-Krise ist ein Kommunikationszusammenbruch zwischen chinesischer und westlicher Öffentlichkeit entstanden, den man fast schon einen Kulturkampf nennen muss. Im Westen herrscht die Meinung vor, bei den unkorrekten, zum Teil manipulativen Darstellungen der tibetischen Ereignisse durch einige Medien handele es sich bloß um handwerkliche Fehler, die aber an der Gesamteinschätzung nichts ändern könnten. Die Chinesen, die sich in Medienkritik üben, werden in Internetdiskussionen, auch in Deutschland, als „Regierungsclaqueure“ oder gar als „gehirngewaschen“ beschimpft, da sie nicht zugleich auf die chinesische Zensur und Medienabschottung hinwiesen und auch über die Unterdrückung der Tibeter kein Wort verlören.
Mehr als 2000 DVDs mit Livemitschnitten hat Doehler in seiner Wohnung gelagert. Bevor er jedoch seine Nächte wieder zum Schlafen nutzt, wird er die Müdigkeit noch so manche Nacht mit Kaffee aus seinem Körper prügeln – denn irgendwann will Marc Doehler diese DVD-Sammlung einem Staatsanwalt auf den Tisch knallen. Er hofft, dass die Justiz mit Callactive dann richtig viel Arbeit bekommt – und Callactive richtig viel Ärger mit der Justiz.
So ist es also gekommen, dass Thomas Gottschalk, der ewige Optimist, der Amerikaner im Herzen, in die Defensive geraten ist. Er ist nervös, unsicher, und er versteckt das nicht. Er tut gar nicht erst so, als laufe alles rund. Manchmal bricht ein Zynismus durch, den man nicht von ihm kennt. Bei den Proben fragt er schon mal laut in die Runde, ob hier irgendjemand außer ihm gerade aufpasse. Und beim letzten Durchlauf am Samstagmittag sagt er gegen Ende: „Die Sendung wird besser, als wir alle glauben.“
Markus Kavka ist einer von fünf Protagonisten der neuen Kampagne „Vergiss Aids nicht“ von Regenbogen e.V. Er bekennt sich öffentlich zu seiner Krankheit. Genauso wie die Moderatorin und Schauspielerin Nova Meierhenrich, Handball-Weltmeister Pascal Hens, Schauspieler Herbert Knaus und „Super-Nanny“ Katia Saalfrank.
Da draußen in der Kohlenstoffwelt würde es mich keineswegs freuen, wenn mich jemand statt mit „Hallo, wie geht’s“ mit „Ich habe dich gesehen und freue mich durchschnittlich darüber“ begrüßen würde — auch wenn die gewohnte Begrüßung im Grunde dieses ausdrückt. Aber hier in Digitalien sind wir ja unter uns und können neue Sachen ausprobieren.
Die Fachzeitschrift „Werben & Verkaufen“ veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe ein ausführliches Interview mit Andreas Wiele, dem für Zeitschriften und die „Bild“-Gruppe zuständigen Vorstand der Axel Springer AG. Chefredakteur Stefan Krüger und Redaktionsleiter Helmut van Rinsum nutzten die Gelegenheit zu harten Nachfragen:
W&V: Wer ist für das Anzeigengeschäft tatsächlich verantwortlich? Der Anzeigenleiter oder die Vertreter aus dem neu geschaffenen Bereich des Vermarktungschefs Philipp Welte?
Wiele: Der Anzeigenleiter ist Teil der Vermarktungsorganisation. Er macht die Vermarktung; das Außenbüro bündelt und organisiert den Kundenkontakt. Das ist eine vielfach erprobte Organisationsform.
W&V: Berichtet der Anzeigenleiter an den Verlagsgeschäftsführer oder an Herrn Welte?
Wiele: Der Anzeigenleiter berichtet fachlich und disziplinarisch an Philipp Welte. Dennoch ist der Verlagsgeschäftsführer in bestimmten Fragen gegenüber dem Anzeigenleiter weisungsbefugt, sofern dies nicht mit übergreifenden Vermarktungszielen in Widerspruch steht. Das ist eine ganz simple Spielregel (…).
W&V: Und da kommt es nicht zu Interessenskonflitken zwischen Verlagsgeschäftsführern und der zentralen Vermarktungseinheit von Herrn Welte?
Wiele: Nein, denn wenn es um übergeordnete Vermarktungsinteressen geht, entscheidet der Vermarkter und in allerletzter Eskalationsinstanz ich selber. (…)
W&V: Trotzdem: Wer ist verantwortlich für die einzelnen Titel?
Wiele: Der Chefredakteur trägt die inhaltliche Verantwortung, der Verlagsgeschäftsführer ist für die Positionierung des Titels im Vertriebs- und Anzeigenmarkt zuständig. Vermarktung und Verkauf werden per Dienstleistung vom zentralen Vertriebsbereich und der zentralen Vermarktung übernommen.
So und so ähnlich sehen sie aus, die TV-Nachrichten in diesen Tagen:
Kleines Problem: Das da hinter dem Moderator ist nicht Tibet.
Und so und so ähnlich sehen sie aus, die Internetseiten in diesen Tagen:
Kleines Problem: Das da auf dem Foto ist nicht Tibet.
Es gibt offenbar heftige Unruhen in Tibet, und die chinesische Polizei geht offenbar mit großer Härte gegen die Protestierer vor. Es gibt nur leider fast keine Fotos und Videos davon. Zum Glück für die Medien gibt es aber Fotos und Videos von gewaltsamen Auseinandersetzungen mit tibetischen Demonstranten an anderen Orten in der Welt — die werden dann von Sendern wie N24 und RTL, aber auch von anderen einfach umdeklariert.
Das Foto von RTL.de oben zum Beispiel ist nicht in Lhasa entstanden, sondern offenbar in Kathmandu, wo es Auseinandersetzungen zwischen Polizei und tibetischen Demonstranten gab. Und das Bild auf N24 („Tote bei Krawallen in Tibet“) stammt aus Indien, nicht aus China — unschwer an der Hautfarbe und Uniform des Mannes rechts im Bild zu erkennen.
Der Mischsender N24 hat es heute geschafft, zu einer Meldung über die Ausweisung der letzten Journalisten aus Tibet, die Verhaftung vieler Menschen in Lhasa und das Einfrieren deutscher Verhandlungen mit China Bewegtbilder zu zeigen, von denen offenbar kein einziges in Tibet oder China aufgenommen wurde. Die Aufnahmen scheinen zwar das brutale Vorgehen Chinas perfekt zu belegen, sind aber (an den Uniformen zu erkennen) ebenfalls in Nepal entstanden:
Im Forum der deutsch-chinesischen Seite kaiyuan finden sich weitere Beispiele. (Über den politischen Hintergrund dieser Seite weiß ich nichts; die dort genannten Beispiele, die ich nachrecherchieren konnte, sind aber alle zutreffend.)
Auch bei den Aufnahmen, die tatsächlich aus Tibet stammen, ist in vielen Fällen nicht eindeutig zu erkennen, was sie wirklich zeigen. Zeigen die Aufnahmen von dem Mann, dem zwei Uniformierte unter die Arme gegriffen haben, wirklich dessen brutale Festnahme? Oder bringen sie in Wahrheit einen Verletzten aus der Gefahrenzone? Die Betextung solcher Fotos in vielen Medien lassen diese Frage nicht offen. Jedes Bild scheint für sie ein weiterer Beweis zu sein für die Grausamkeit von chinesischer Polizei und Militär.
Einige der beunruhigenden Fotos, die jetzt um die Welt gehen, stammen von dem amerikanischen Blogger Kadfly, der seit einigen Wochen durch Asien reist — eines davon schaffte es auf die erste Seite der „New York Times“. Kadfly selbst beklagte daraufhin, wie einseitig die großen Medien diese Bilder interpretierten, und dass sie wichtige Tatsachen in Bezug auf seine Fotos ignorierten:
Yes, the Chinese government bears a huge amount of blame for this situation. But the protests yesterday were NOT peaceful. The original protests from the past few days may have been, but all of the eyewitnesses in this room agree the protesters yesterday went from attacking Chinese police to attacking innocent people very, very quickly.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass den Tibetern großes Unrecht geschieht. Und dass die letzten Journalisten Tibet verlassen mussten und China Berichte über Tibet zensiert, spricht eine deutliche Sprache über die Art von Staat, mit dem wir es hier zu tun haben.
Aber gerade die Tatsache, dass die Rollen von Gut und Böse in diesem Konflikt so klar verteilt zu sein scheinen, verführt dazu, es uns als Beobachter und Berichterstatter gefährlich bequem zu machen. So bequem wie Franz Josef Wagner, der am Montag in „Bild“ behauptete:
Kein Tibeter schlägt nach einer Fliege, die ihn belästigt, die Fliege könnte seine verstorbene Großmutter sein. Der Tibeter glaubt an die Wiedergeburt.
(…) Ein Tibeter tötet nicht. Mord ist für einen Tibeter unvorstellbar.
Irgendwie ist an Wagner vorbeigegangen, dass eine Gruppe von Tibetern in den vorausgehenden Tagen möglicherweise nicht damit beschäftigt war, Fliegen zu retten, sondern Chinesen und ihre Geschäfte anzugreifen. Man mag darin auch eine Form von Notwehr sehen. Man darf es nur nicht leugnen.
Auch die Chinesen haben ein Recht darauf, dass die Medien keine Aufnahmen fälschen, um mithilfe prügelnder nepalesischer Polizisten die für uns nicht sichtbare Brutalität chinesischer Polizisten zeigen zu können. Vor allem aber haben wir ein Recht darauf.
Nachtrag, 25. März. RTL.de räumt den Fehler jetzt ein und „bedauert“ ihn — verwirrenderweise nicht unter der Überschrift „RTLaktuell.de entschuldigt sich“ oder „RTLaktuell.de korrigiert sich“, sondern „RTLaktuell.de berichtet unabhängig“.
So Themen wie die Vorratsspeicherung lassen sich ja immer schwer bebildern. Und wie erst soll man als Nachrichtensendung die Vorgabe des Bundesverfassungsgerichtes illustrieren, dass die Daten nur beim Verdacht auf schwere Straftaten weitergegeben werden dürfen?
Off-Text:
„Strafverfolger dürfen gespeicherte Daten nur abfordern, wenn der konkrete Verdacht einer schweren Straftat besteht.“
Bild:
[Entdeckt von Stefan Wagner — vielen Dank!]
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