Des Rudels Kern

Krautreporter

Hat jeder Hund eine von sieben angeborenen Positionen im Rudel? Und bestimmt diese Position sein Verhalten und seine Bedürfnisse mehr als Rasse und individueller Charakter? Die Theorie von den „angeborenen Rudelstellungen“ sorgt für heftige Kontroversen unter Hundehaltern.

„Doppelbesatz“ ist das Schlimmste. Wer bei seinen Hunden einen „Doppelbesatz“ hat, kann alle Hoffnung fahren lassen. Die Tiere werden nicht glücklich werden. Wenn sie noch glücklich sind, werden sie es nicht bleiben. Und wenn sie doch glücklich scheinen, machen sie uns nur was vor.

Es gibt nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob man bei seinen Hunden einen solch fatalen „Doppelbesatz“ hat. Man muss sie von Barbara Ertel einschätzen lassen.

Barbara Ertel glaubt, dass jeder Hund mit einer von sieben fest vererbten Positionen im Rudel auf die Welt kommt. Die verschiedenen Stellungen haben unterschiedliche Aufgaben und die Hunde entsprechend unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten. Hat man zwei Hunde mit derselben Stellung, ist das ein „Doppelbesatz“ – und, naja, wie gesagt. Die müssen getrennt werden. Sofort. Und für immer. Wenn einem seine Hunde am Herzen liegen.

Dass es „vererbte Rudelstellungen“ gibt und diese das Verhalten von Hunden entscheidend prägen, hat Barbara Ertel nach eigenen Angaben Ende der sechziger Jahre als junge Frau bei einem Züchter von Eurasier-Hunden in Hessen gelernt. 45 Jahre danach macht diese Theorie Furore in Deutschland – und sorgt für heftige Kontroversen. Wissenschaftler halten sie für abwegig oder gar gefährlich; Kritiker erinnert die „Rudelstellung“-Szene an eine Sekte. Aber der radikal andere Blick auf unsere Hunde scheint eine erhebliche Anziehungskraft zu haben – und sogar das ZDF hat seinen Teil dazu beigetragen, die Theorie populär zu machen.

Eine weite, leere Landschaft bei Zossen in Brandenburg, südlich von Berlin. Auf einer Wiese ist ein Feld mit einem Drahtzaun abgesperrt. Es ist ein trüber Tag Anfang Herbst, zwei Dutzend Menschen stehen unter einem Zelt und ein paar Regenschirmen. Auf dem Feld steht in Gummistiefeln die Frau, wegen der alle hier sind: Barbara Ertel. Sie redet viel. Häufiger verpasst sie bei ihren Vorträgen den Moment, wenn hinter ihr ein neuer Hund auf das Feld geführt wird, um von ihr „eingeschätzt“ zu werden, obwohl das ein ganz entscheidender Augenblick sein soll. Eine ihrer vielen Helferinnen versucht dann, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das gelingt nicht immer sofort.

In der einen Hand hält Barbara Ertel eine Zigarette, in der anderen einen großen Becher Kaffee. Sie beobachtet, wie der Hund, den es „einzuschätzen“ gilt, über die Wiese stromert, wie er läuft und schnüffelt, wie er auf sie und die anderen Menschen reagiert. Manchmal hockt sie sich hin und redet mit den Tieren. Danach erzählt sie auch den Menschen, welche Stellung sie in einem Hund erkennt.

Um das zu überprüfen, werden nun andere Hunde aufs Feld geführt, deren Position schon früher bestimmt wurde. Angeblich erkennen die Hunde die Stellung der anderen – und verhalten sich entsprechend, woraus Barbara Ertel dann schließt, ob ihre Vermutung richtig war. „Ich bestätige Einschätzung“, ruft sie dann, fürs Protokoll und für die Videoaufnahme – alles wird gefilmt und später im Internet-Forum des Rudelstellungen-Vereins veröffentlicht. Schließlich bekommt der Hundebesitzer ein buntes Stück laminiertes Papier, auf dem die so ermittelte Stellung steht.

100 Euro kostet die Teilnahme an so einem Workshop pro Mensch; 50 Euro pro Hund. Der Tag beginnt mit einer Theorie-Stunde. Barbara Ertel steht in einem Zelt und hält einen Vortrag, ein Beamer wirft Folien an eine Leinwand. Groß an der Wand hängt so etwas wie das Glaubensbekenntnis der Szene. Das allgegenwärtige Schema zeigt die sieben Positionen, aus denen ein perfektes Hunderudel bestehen soll, die beiden Teilrudel. Pfeile deuten die Beziehungen untereinander an. Es gibt einen „Vorrang-Leithund“ ganz vorne, einen „Nachrang- Leithund“ am Ende, in der Mitte einen „Mittleren Bindehund“, dazwischen jeweils zwei „Bindehunde“.

In ihrem Buch schreibt Barbara Ertel:

„Das Wissen um die Geburtsstellung ist die zum Verständnis des Seelenlebens des Hundes notwendige Basis, auf der seine Gemeinschaftsfähigkeit beruht.“

„Sieben Teile sind ein perfekter Hund“, sagt Barbara Ertel. „Hunde sind Beamte: Alles ist geregelt und in Ritualen festgelegt.“ Für ihre Anhänger ist diese Position in der „Staatsstruktur“ entscheidend, um das Verhalten von Hunden zu erklären. Sie betrachten und interpretieren jedes Verhalten durch diese Brille.
In Gesprächen am Rande des Workshops und in den Diskussionen auf der Internetseite von Ertels Verein wird über Hunde manchmal kaum noch anhand ihrer Namen gesprochen, sondern bloß mit den Kürzeln ihrer angeblichen Stellung: Der Vorrang-Leithund ist der VLH, es folgen V2 und V3, der Mittlere Bindehund MBH, N2 und N3 und schließlich der Nachrang-Leithund NLH. „Einen schönen N2, den du dir da geholt hast“, ruft Ertel etwa einer Frau zu oder fragt: „Kennt Heikes MBH deinen V3?“

Barbara Ertel sagt: „Hier geht es nicht um Hokuspokus.“ Die Stellung eines Hundes zu kennen, sei nicht wie das Sternzeichen für sein Horoskop zu wissen. Mit Esoterik will sie nichts zu tun haben. Aber sie sagt auch den Satz: „Realität braucht keinen wissenschaftlichen Nachweis.“

Dass die Theorie stimmt, könne man einfach sehen, meinen ihre Anhänger. Ertel erzählt von „Spontanheilungen“ zum Beispiel bei Hunden mit Epilepsie, nachdem sie aus der „unpassenden“ Kombination von Stellungen befreit wurden.

Der Workshop verläuft an diesem Tag nicht ganz harmonisch. Eine Frau ist mit ihrem American Akita und ihrem Basset gekommen. Es handelt sich, wie sich herausstellt, um einen Vorrang-Leithund und einen Nachrang-Leithund, die laut Barbara Ertel unbedingt zu trennen wären. Die Besitzerin zeigt einen gewissen Widerwillen, das als unumstößliche Tatsache zu akzeptieren. Während die Hundehalterin noch auf der Wiese steht, hat Ertel sie längst abgeschrieben. Ein paar Meter von ihr entfernt erzählt sie den anderen Workshop-Teilnehmern achselzuckend, dass es immer solche Leute gebe, die es nie verstehen würden.

Ein Ehepaar, das schon ein paar Tage zuvor gekommen war und erfuhr, dass es sich bei seinem Labrador um einen Nachrang-Leithund handelt, ist noch einmal wiedergekommen. Sie zweifeln, ob die Diagnose wirklich stimmen kann, und vor allem sind sie unsicher, was sie jetzt für ihr Leben mit dem Hund bedeutet. Frau Ertel meint, sie sollten nicht sie fragen, sondern den Hund.

Zu den Besonderheiten der Kommunikation in dieser Welt gehört die Art, wie die Halter mit ihren Hunden reden – nicht mit Kommandos, sondern in ganzen Sätzen. „Einfach immer die Realitäten eins zu eins ganz klar mit dem Hund besprechen“, empfiehlt Barbara Ertel. Einer schwangeren Frau sagt sie, sie solle ihrem Hund erklären: „Ich bin schwanger, kann sein, dass ich manchmal in anderen Stimmungen bin als früher, aber das geht dich nichts an, ich bin ein Mensch.“

Einem kleinen Mischling, der sie wild ankläfft, sagt sie ruhig, sie fände das albern und er könne das lassen, sie habe ihn durchschaut. Dann lässt sie Tyson kommen, einen NLH, der dem mutmaßlichen N3 erklären soll, was Sache ist. „Tyson, hilfst du mir mal?“, ruft Ertel. „Kannst du das bitte mal abstellen? Und der soll auch nicht die Menschen anbellen, sag ihm das auch mal. Das geht überhaupt nicht. Komm, Tyson, mach das mal.“ Tyson hat nicht so richtig Lust.

Einen Teil der Zeit, in der sie die Hunde „einschätzt“, verbringt Ertel in einer Art Gespräch mit den Tieren: „Ich bin übrigens Barbara. Und wer bist du? Darf ich in deine Nähe kommen, ja? Das ist aber nett, dass du dich zu mir wendest. Die Menschen gucken dich immer an hier. Dann erklär ich den Menschen irgendwas über ihre Hunde, was ich sehe. Manchmal sehe ich’s richtig. Manchmal hab ich mich auch schon getäuscht.“

Für eine Theorie, der jeder wissenschaftliche Beweis fehlt und die ausschließlich darauf zurückgeht, was Ertel als sehr junge Frau vor 45 Jahren von einem einzelnen Züchter namens Karl Werner mündlich überliefert bekommen haben will, trifft die „Rudelstellung“ erstaunlich konkrete und kategorische Aussagen. „Hunde sollten prinzipiell nur dann Kontakt zueinander bekommen, wenn ihre Stellungen zueinander passen“, schreibt Barbara Ertel in dem Buch, in dem sie die Grundlagen ihrer Theorie erläutert, und führt dann detailliert aus, welche Kombinationen problematisch sind, je nachdem, ob der Hund „in Struktur lebt“ – also nach eben jenen Regeln gehalten wird. Schon Welpen sollten weder bewusst noch zufällig „mit Hunden in Kontakt kommen, deren Stellungen nicht passen“.

Überhaupt, die Welpen! Die müssen bereits in den ersten Lebenstagen entsprechend ihrer angeborenen Stellung hart arbeiten. Alle Welpen müssen zum Beispiel gemeinsam dafür sorgen, dass sich der Vorrang-Leithund VLH zum Schlafen nicht zwischen sie legt, sondern sich absondert. Hat er den Mut dazu aufgebracht, wird er nach einem Tag vom MBH abgeholt und von den Hundebabys wieder im Rudel aufgenommen. Meint Barbara Ertel.

Der britische Biologe John Bradshaw, der seit über 25 Jahren das Verhalten von Hunden und Katzen erforscht und Autor des Buches „Hundeverstand“ ist, hat eine klare Meinung zur vererbten Rudelstellung: „Mir fällt keine wissenschaftliche Erkenntnis ein, die eine solche These unterstützen würde.“ Er nennt sie einen „Kult“ und zählt einige der offenkundigen Haken auf:

„Es ist nachgewiesen worden, dass das Verhalten von Welpen in ihren ersten acht Lebenswochen (und ganz sicher in ihrer ersten Woche) keinerlei Aufschluss darüber gibt, wie sich jedes Individuum als ausgewachsener Hund verhält. Es hängt so sehr von den Erfahrungen ab, die der Hund in seinem neuen Zuhause macht.“

„Es gibt keine vorbestimmten ‘Rudelpositionen’, nicht sieben und auch keine andere Zahl. Hunde erarbeiten sich ihre Beziehungen zueinander, und diese können (und sollten) durch Training beeinflusst werden, um einen harmonischen Haushalt herzustellen.“

„Es konnte kein Zusammenhang festgestellt werden zwischen der DNA und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund (oder irgendein anderes Tier) sich mit einem anderen versteht.“

Die Ablehnung der „Rudelstellung“-Theorie durch die Wissenschaft und bekannte Hunde- oder Wolfsforscher ist einhellig. Auf „Rudelstellungen klargestellt“, einer Seite von Kritikern, sagt Günther Bloch: Keiner der Genetiker, Zoologen, Ethologen oder Biologen, die er kenne, sei von der These der vererbten Stellung überzeugt, „weil bislang weder die Stammesgeschichte von Kaniden noch deren Verhaltensbiologie irgendwelche Hinweise erbracht hat, die diese Behauptung auch nur ansatzweise glaubhaft macht“. Stattdessen gebe es „jede Menge handfeste Belege, die das Gegenteil beweisen“.

Auch die Verhaltensforscherin und Tierschützerin Dorit Feddersen- Petersen lehnt die „Hundeeinschätzung“, wie sie Barbara Ertel betreibt, entschieden ab. Die Kernannahmen der „Rudelstellung“- Theorie hält sie für abwegig: „Es gibt unter Haushunden keine Eck- oder Leithunde oder Bindehunde mit immer wieder ganz speziellen Fähigkeiten / Aufgaben im Rudel.“ Auch der Gedanke, dass Hunde mit bestimmten Positionen die Funktion hätten, menschliche Anweisungen an andere Hunde im Rudel weiterzugeben oder zu übersetzen, sei abwegig: „Das ist Menschenwerk, erdacht, um die Hundeszene zu verblüffen, freundlich ausgedrückt.“

Doch je einhelliger und massiver die Ablehnung ausfällt, umso größer scheint der Glaube bei den Anhängern an die Richtigkeit ihrer Theorie. Einzelne vergleichen die Reaktionen der Wissenschaft mit dem Widerstand gegen Galileo Galilei.

Auch Ertel sieht sich als Opfer eines korrupten wissenschaftlichen Systems, das sich dagegen wehrt, neue Gedanken zu akzeptieren. Auch aus wirtschaftlichen Motiven werde sie ausgegrenzt, weil inzwischen ganze Geschäftsmodelle rund um das Training mit Hunden florieren: „Trainerpersönlichkeiten, die sind ja heute in der Rangordnung wie Schauspieler“, sagt sie. „Das ist krank.“ Einen Teil der Anfeindungen führt sie zurück auf persönliche Auseinandersetzungen und Kränkungen.

Als sie vor ein paar Jahren merkte, dass fast niemand ihr Wissen, das sie Ende der sechziger Jahren erworben habe, teilt, habe sie den Kontakt zu Wissenschaftlern gesucht, um das gemeinsam zu erforschen. Sie habe nie Antwort bekommen. Heute fühlen sich die „Rudelstellung“-Anhänger geradezu verfolgt von Kritikern. Unterstützer im wissenschaftlichen Bereich würden angefeindet und jeder Versuch, Forschung zu betreiben, attackiert.

„Mein Ziel ist es nicht, wissenschaftliche Anerkennung zu finden“, sagt Barbara Ertel, „ich brauche das nicht.“ Aber sie möchte, dass das, was sie als ihr Wissen um die Rudelstellung ansieht, nicht mit ihr stirbt. „Wenn ich gehe, möchte ich, dass jeder, der wirklich an Hunden Interesse hat, mithilfe einer Speichelprobe überprüfen kann, welche Stellung ein Hund hat.“

Deshalb werden von allen Hunden, die zu den Workshops kommen, DNA-Proben genommen. In denen suchten Genetiker dann nach Korrelationen mit der angeblichen Stellung der Hunde, wie sie Barbara Ertel eingeschätzt hat. Angeblich sollen erste, grobe Übereinstimmungen entdeckt worden sein.

Überprüfen lässt sich das nicht. Das, was man weiß, widerspricht nach Ansicht von Verhaltensforschern guter wissenschaftlicher Praxis.

Die Forschung soll von einem Genetiker der Universität Kiel durchgeführt werden, allerdings in seiner Freizeit – und nach Druck auf die Universität eher im Verborgenen. Anders als die Tierforscher, die alle abgewunken hätten, habe eine andere Gruppe von Wissenschaftlern großes Interesse an diesen Untersuchungen, sagt Barbara Ertel: Gerichtspathologen. Die würden sich von der Erforschung auch Rückschlüsse auf den Menschen versprechen. „Wenn es Struktur bei Hunden gibt und Aggression an einer bestimmten Stelle in der DNA liegt und der An- und Ausschalter an einer anderen, ist es vielleicht auch angelegt bei Kriminellen, die nicht resozialisierungsfähig sind und in richtigen Gewaltverbrechen ausarten.“

Sie sagt über die Pathologen: „Das sind verrückte Leute. Aber jetzt positiv.“ Man möchte sich nicht ausmalen, was sich diese Leute ausmalen, was aus dieser Forschung alles erwachsen könnte.

Wie kontrovers die Sache ist, ahnt man nicht, wenn man das ZDF sieht. Dort behandelt Maike Maja Nowak als „Hundeflüsterin“ Problemfälle. Darin propagiert sie auch die Lehren der Rudelstellung – die Hunde aus den Sendungen wurden teilweise, ohne dass es erwähnt wurde, von Barbara Ertel „eingeschätzt“.

Auf der Homepage zur Sendung heißt es, „Rudelstellungen“ spielten „in der Arbeit unserer Hundeflüsterin Maja Nowak eine zentrale Rolle“. Ein interaktives Schaubild und ein Erklärtext verbreiten unreflektiert die Thesen und deklarieren zum Beispiel: „Die Geburtsstellung überlagert alle anderen Merkmale wie Rasse, Geschlecht, Begabungen und Charakter.“

Auch auf kritische Nachfrage von Zuschauern blieb das ZDF bei seiner Darstellung. Die Zuschauerredaktion antwortete einer aufgebrachten Journalistin und Zuschauerin unbeirrt:

„So wie jeder Mensch eine andere Rolle und Funktion in unserer Gesellschaft einnimmt, kann das auch bei einem Hund sein. Die Funktion, die ein Hund im Rudel übernimmt, prägt seinen Charakter meist entscheidend. Daher ist die Rudelstellung ein wichtiger Faktor, der bei der Hundeerziehung berücksichtigt werden sollte.“

Auf eine andere Nachfrage erklärte das ZDF:

„Wir haben zu keinem Zeitpunkt den Anspruch vertreten, wissenschaftliche Erkenntnisse zu präsentieren, weder im Internet, noch in unserer TV-Reihe.“

ZDF-„Hundeflüsterin“ Maike Maja Nowak selbst hat sich inzwischen weitgehend von den Vorgaben und Lehren der „Rudelstellung“-Szene rund um Barbara Ertel distanziert. Im Oktober veröffentlichte sie auf ihrer Homepage ein „Resümee“, in dem es hieß:

„Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Einschränkungen die Barbara Ertel mit den Rudelstellungen für die Hunde und Halter in die Welt bringt, nicht teile. (…)

Ich vertrete weder die Art mit Menschen umzugehen, noch die Interpretationen, die in diesem Vereinsraum getroffen und diktatorisch aufrecht erhalten werden. Ich bin weder der Meinung, dass jeder Hund mit einem Hund vergesellschaftet werden sollte, noch dass Menschen keine guten Beziehungen zu ihrem Hund haben können, oder Hunde getrennt werden sollen, die sich tatsächlich gut verstehen.“

(Inzwischen hat Nowak dieses „Resümee“ wieder überarbeitet.)

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Weggefährten von Barbara Ertel von ihr abwenden. Sie selbst sieht sich dadurch eher noch bestärkt, dogmatisch zu bleiben – die anderen seien überfordert gewesen oder hätten versucht, ihre Erkenntnisse zu missbrauchen, um ein eigenes Geschäftsmodell darauf aufzubauen oder die Hunde am Ende doch wieder durch Konditionierung zu brechen. „Bei mir gibt’s nicht ein bisschen Rudelstellung“, sagt sie. „Ich bin das Original.“

Sie setzt darauf, dass ihre Anhängerinnen selbst ihr Werk fortsetzen und durch gemeinsames Üben auch die Kunst der „Einschätzung“ von Hunden erlernen. Zu dem Verein, den sie gegründet hat, soll noch eine Stiftung hinzukommen.

Gemeinsam tauschen sie sich im Forum über das aus, was sie auf den Videos von den Einschätzungen sehen, führen Tagebücher über das Leben „in Struktur“, suchen gegenseitig Stellungspartner für ihre Hunde, planen die Verpartnerung der passenden Positionen, um das perfekte Rudel aufzubauen.

Die Hamburger Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz Barbara Schöning sagt, sie habe vor zwei Jahren zum ersten Mal von der Rudelstellungs-Theorie gehört – und es zunächst als bloße Spinnerei abgetan: Die Leute würden klug genug sein, nicht darauf reinzufallen. Im vergangenen Jahr habe die Zahl der Menschen, die sie darauf ansprechen, aber „extrem zugenommen“.

Aber was ist so attraktiv an dieser Lehre? Vielleicht liegt es daran, dass sie eine Art ganzheitlichen Ansatz verspricht, der größtmögliche Gegensatz zu dem, was etwa der bekannte Fernseh-Hundecoach Martin Rütter propagiert, der stark auf Konditionierung setzt und die meisten Probleme dadurch zu lösen scheint, dass er die Hunde durch das Werfen von Bällen und Futterbeuteln ablenkt und trainiert. Die Rudelstellung verspricht im Gegensatz dazu, das Innerste des Hundes zu erkennen und ihm gerecht zu werden.

Barbara Schöning sieht aber noch andere, sehr elementare Anziehungskräfte: „Es ist eine sehr einfache Theorie, und die Menschen lieben einfache Dinge. Sie lieben Rituale, die machen das Leben leichter.“ Die „Rudelstellung“ verlagere die Frage, wer Schuld ist, wenn etwas schiefläuft im Zusammenleben mit dem Hund, vom Menschen und seinem Verhalten auf das Tier, das einfach aufgrund einer angeblichen genetischen Veranlagung nicht passt.

In all den Forschungen über wild lebende Hunde in der Welt sei „nichts von angeborenen Positionen in einem Rudel zu finden“, sagt Schöning. „Keine der Arbeiten hat gezeigt, dass es genetisch fixierte Positionen gibt.“ Die Annahmen, die der Rudelstellungslehre zugrunde liegen, seien nicht nur nicht bewiesen, „sondern was wir wissen, geht auch noch in eine ganz andere Richtung. Deshalb lautet die Prognose: Sie wird auch nie bewiesen werden.“

Die Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie GTVMT, deren Vorsitzende sie ist, hat im September eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin betont sie die dubiose Entstehungsgeschichte der Theorie:

„Das Konzept soll von einem Gärtnermeister (und Hundezüchter) bzw. in seiner Familie entwickelt und seit dem 19. Jahrhundert tradiert worden sein. Dieser Gärtnermeister soll sein Wissen dann an die eine Person weitergegeben haben, die es heute in Deutschland propagiert und dazu Einschätzungsseminare anbietet.“

Der Vorstand der GTVMT warne davor,

„die Lebensbedingungen und den Umgang mit einem Hund (z.B. auch die Entscheidung über Trainingsmethoden) pauschal von einer derartigen Einschätzung abhängig zu machen. Informationen aus dem Internet, wonach es Tauschbörsen für „nicht passende“ Hunde gibt, stimmen bedenklich. Die Verunsicherung von Besitzern, denen suggeriert wird, dass sie einen „falschen“ Hund haben, kann zu negativen bis hin zu tierschutzrelevanten Folgekonsequenzen für Hunde führen.“

Barbara Ertel ist keine Hundetrainerin. Sie hatte einen Hof mit Pferdezucht und ist mit einer eigenen Kollektion von Strickmode durchs Land gefahren. Später war sie viel in Andalusien, wo die Frauen in Dorfkooperativen zu Hause ihre Mode strickten. Ihre Hunde, sagt sie, waren einfach immer dabei, aber sie standen nicht im Mittelpunkt. Das Wissen, das sie von Karl Werner bekommen habe, habe sie begleitet und im Alltag immer wieder angewendet; mehr aber auch nicht.

Sie habe nie mit einem Hund etwas „geübt“, sagt Barbara Ertel, und habe noch heute das größte Problem mit der „Eingrenzung“ von Hunden. Durch Konditionierung würden Hunde „funktionabel“ gemacht, aber im Inneren gebrochen. „Die tun niemandem was, aber das sind für mich psychische Krüppel.“ Wo sie hinsieht, sieht sie nicht mehr „Struktur“, sondern „kaputte“ Hunde.

Erst vor wenigen Jahren, im Hundeforum „Polarchat“, hat sie bemerkt, wie außergewöhnlich ihr Blick auf die Hunde war – und wie irreführend und falsch, aus ihrer Sicht, die Empfehlungen waren, die die versammelten Experten für Probleme gaben. Ertel veröffentlichte ihren Widerspruch, es gab Krach. „Ich habe nicht auf die Kritiker gehört“, sagt sie. „Ich bin wie eine Bulldogge durch den Busch gegangen und habe mich dann umgesehen und festgestellt, dass einige Leute hängen geblieben.“

Mit denen arbeitet sie seitdem daran, ihr Wissen in der Welt zu behalten. Zwei- bis dreitausend Hunde hat sie inzwischen eingeschätzt, vermutet sie. „Es ist überhaupt nicht meine Intention, Menschen zu beglücken oder zufriedener zu machen“, sagt sie. „Ich mag Hunde und ich sag einfach nur: Seid anständig zu ihnen, und wenn ihr es nicht könnt, kann ich euch nicht verändern, aber dann wisst ihr wenigstens, was für eine Schweinerei ihr begeht.“

Mit dieser Haltung begegnet sie auch den Menschen beim Workshop. Sie sagt ihnen nicht, dass sie ihre vermeintlich unpassenden Hunde abgeben müssen. Sie lässt sie nur spüren, was sie ihren Hunden angeblich antun, wenn sie es nicht tun.

Ich habe Glück gehabt. Mein Hund Bambam, ein fünfjähriger Husky- Schnauzer-Mischling, ist laut Einschätzung von Barbara Ertel ein Vorrang-Leithund, und einen VLH kann man auch nach ihrer Lehre alleine, ohne andere Hunde halten.

Die „Gegenschätzung“ mit mehreren V2 gestaltete sich allerdings schwierig, weil Bambam feststellen musste, dass sich außer ihm niemand mit der gebotenen Gründlichkeit um die Mauselöcher auf dem Platz gekümmert hatte. Und das ging, wie üblich bei ihm, einfach vor.

Marie, 15, kauft eine Zeitschrift und WDR 2, 64, macht einen Beitrag draus

Eine alte Journalistenregel besagt, dass „Hund beißt Mann“ keine Nachricht ist, „Mann beißt Hund“ mangels Alltäglichkeit aber schon.

In diesem Sinne sind wir jetzt also so weit, dass „Jugendlicher liest Zeitschrift“ eine Nachricht ist. Mehr noch: Es könnte ein ganzes journalistisches Genre werden.

„Spiegel Online“ brachte Anfang vergangener Woche ein Stück, das die Überschrift trug: „Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift.“ Darin schildert der 16-jährige Moritz, wie er sich vor einer Bahnfahrt eine Zeitschrift kaufte: eine Ausgabe von „Geo Epoche“. Es war angeblich seine erste Zeitschrift, und die Geschichte hat kein Happy-End: Er schenkte sie seinen Eltern. „Im Internet gibt’s mehr Für und Wider.“

Heute Vormittag brachte der Radiosender WDR 2 einen Beitrag, der davon handelt, dass sich die 15-jährige Marie eine Zeitschrift kaufte.

Moderator: Die klassischen Magazin-Zeitschriften stecken derzeit ziemlich tief drin in einer Krise, und das sieht man an jedem Kiosk. Die, die vor dem Regal mit „Spiegel“, „Stern“, „Focus“ und Co. stehen, haben meistens ziemlich viel graue Haare auf dem Kopf. Es fehlt einfach — der Lesernachwuchs. Aber da helfen wir gerne aus. Wir haben nämlich Marie aus Münster harte Kost vorgesetzt. Sie soll Deutschlands wichtigstes Polit-Magazin lesen, einfach mal so. Wir haben sie dabei beobachtet. Denn: Marie ist noch minderjährig.

Sprecher: Marie ist mutig. Denn beim Zeitschriftenhändler greift sie zum „Spiegel“. Von der Wochenzeitschrift hat die 15-Jährige schon viel gehört. Die soll ja ganz gut sein.

Marie: Ich weiß nur, dass sich der „Spiegel“ halt viel mit Politik beschäftigt. Und ich dachte, dann kann man sich den ja mal angucken.

Sprecher: Also schnell drin rumblättern.

Marie: Ich hab‘ eigentlich mal so Seite für Seite durchgeguckt. (…) Aber da war viel dabei, was mich gar nicht interessiert hat.

Sprecher: Eigentlich das meiste, wenn sie ehrlich ist. So richtig hängen bleibt Marie nur bei Geschichten, in denen es um Schicksale von Menschen und nicht um Politik geht. Das Interview mit einer Mini-Jobberin zum Beispiel, die entlassen wurde, das ist interessant. (…) Aber für viel mehr reicht es nicht im Heft. Das Interesse erlahmt schnell.

Marie: Ich hab auch ganz viel übersprungen. Da war mir viel zu viel Text zu lesen. Und viel zu viel, was mich nicht interessiert und mich nicht angesprochen hat.

Sprecher: Medien konsumiert die 15-Jährige, wen wundert’s, nur über Smartphone und Internet. Wie eigentlich fast alle in ihrem Freundeskreis. (…) Beim Zeitschriftenlesen (…) ist sie auf das angewiesen, was da steht. Nachprüfen geht dann nicht so schnell wie im Internet.

Marie: Weil ich das in der Zeitschrift hab‘, würd‘ ich jetzt nicht denken: Ah, ok, da kann ich ja nochmal drauf zurückgreifen oder so. Im Internet hat man’s dann mit einem Klick.

Sprecher: Bleibt das Fazit: Marie und Zeitschriften, das wird wohl nichts. Zumindest nicht in nächster Zeit.

Marie: Ich bleib‘ beim Handy. Und beim Internet.

Moderator: Jugend forscht am Kiosk. Ergebnis: Die klassischen Magazine verlieren eine junge Leserin, noch bevor sie ein zweites Mal zum „Spiegel“ greift.

Nächste Woche dann im Programm: Nadja, 17, probiert zum ersten Mal dieses Radiohören aus. Und ca. 2016: Jakob, 16, sucht den Jugendkanal von ARD und ZDF.

(Der „Spiegel“ hat übrigens laut „Media Analyse“ 6 Millionen Leser, davon sind 1,11 Millionen, also jeder Fünfte, zwischen 14 und 29 Jahre alt. WDR 2 hat laut „Media Analyse“ werktäglich eine Reichweite von 3,7 Millionen Hörern, davon sind 412.000, also jeder Neunte, zwischen 14 und 29 Jahre alt.)

Die verrohte Kommentarkultur des Deutschlandfunks

In diesen Tagen ist viel von einer „Hassgesellschaft“ die Rede und von einer „verrohten Kommentarkultur“. Komischerweise ist damit fast immer nur das gemeint, was Leute im Netz unter Artikel schreiben. Nicht das, was zum Beispiel der Deutschlandfunk so ausstrahlt.

Am Sonntag war dort ein Kommentar von Burkhard Müller-Ullrich zu hören. Er hatte einen der Spots gesehen, mit denen das Bundesumweltministerium vor allem junge, internetaffine Menschen erreichen will, um sie für Klimaschutz zu interessieren und zum Mitmachen zu gewinnen. Die Kampagne heißt „Zusammen ist es Klimaschutz“.

Ein Clip zeigt, wie ein Mädchen im Teenageralter mutmaßlich spät abends nach Hause kommt, die Eltern beim Sex überrascht und dann lieber das Licht ausschaltet — was ja, höhö, eh gut für die Umwelt ist.

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Über 1,7 Millionen Mal ist der Film auf YouTube angesehen worden, womit das erste Ziel der Kampagne, Aufmerksamkeit, sicher mehr als erfüllt ist. Ob der Witz und die Verbindung mit dem Thema Klimaschutz gelungen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.

Die von Burkhard Müller-Ullrich ist eine ganz besondere. Er sieht in dem Film eine Darstellung und Beschönigung von Kindesmissbrauch.

Dass Kinder ihre Eltern beim Geschlechtsverkehr überraschen, ist eher eine Standardsituation in Film und Fernsehen — und vermutlich auch eine Standardangst von Eltern und Jugendlichen. Müller-Ullrich kommt das abartig vor. Ausführlich fragt er sich anfangs, ob die Bundesumweltministerin oder einer ihrer Mitarbeiter so etwas wohl als Teenager erlebt und dadurch ein „Kindheitstrauma“ erlitten habe, das sie nun durch den Film „psychotherapeutisch zu bearbeiten“ versuche — als sei die Situation und ihre Verwendung in einem Werbefilm so abwegig.

Detailliert beschreibt er den Film und dass der Vater „a tergo“ in die Frau „eindringt“ bzw., sicherheitshalber noch einmal mit umgekehrter Deutsch-Latein-Verteilung formuliert, sie „von hinten penetriert“. Dass die „geschlechtsreife Tochter“ ihrem Vater, der sie „geil und gestört“ anblickt, „aufmunternd zunickt“, das ist für den Deutschlandfunk-Kommentator Ausdruck „einer der übelsten Männerphantasien“.

Wirklich? Welche üble Männerphantasie genau? Der Tochter im Teenageralter zusehen zu können, wie sie ihren Eltern beim Geschlechtsakt zusieht und … nickt? Bevor sie das Licht ausmacht? Weil sie es nicht sehen will?

Es gehört schon eine ziemlich üble Männerphantasie dazu, hier eine üble Männerphantasie am Werk zu sehen. Aber Müller-Ullrich setzt noch einen drunter. Er sieht in der schlichten Aufforderung, Strom zu sparen, nicht nur „Agitprop im Gewand von Volksaufklärung“. Er fügt noch hinzu:

Es ist verständlich, dass eine Ministerin, deren Namen niemand kennt, alles daransetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.

Das sagt er wirklich.

Die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.

Einen solchen doppelten Tiefschlag muss man erst einmal hinbekommen. In einem Satz nicht nur aus einer peinlichen Situation einen „Kindesmissbrauch“ zu machen. Sondern auch noch vage anzudeuten, dass grüne Frauen bekanntermaßen Kindesmissbrauch propagieren.

Er lebt danach noch ein paar Müller-Ullrich-Phantasien aus:

Das Motto dieser Kampagne lautet: „Zusammen ist es Klimaschutz“. Doch ab wie vielen ist „zusammen“? Empfiehlt die Ministerin auch Gangbangs im Dunklen? Deutschland als Darkroom? Und was ist mit der Heizung? Sollen wir gegen den Triebhauseffekt nicht besser im Kalten kopulieren?

Hahaha, Triebhauseffekt, hahaha.

Er belässt es nicht bei lustigen Wortspielen:

Bekanntlich beruht die ganze Klimapolitik auf einer Portion Wahnsinn. Doch jetzt gibt es einen Bildbeweis, dass im Umweltministerium richtige Psychopathen zugange sind. Einer Regierung, die solche Filmphantasien bestellt, bezahlt, freigibt und als unterhaltsam bezeichnet, die es überhaupt für ihre hoheitliche Aufgabe hält, solchen Quatsch zu produzieren, solch einer Regierung ist natürlich alles zuzutrauen. Wahrscheinlich hört sie auch Stimmen.

Der Film als Beweis, dass im Umweltministerium „Psychopathen“ arbeiten, die ihre „übelsten Männerphantasien“ ausleben und „Kindesmissbrauch“ zeigen oder betreiben, obwohl das doch eigentlich Sache der Grünen ist? Im Deutschlandfunk ist das ein sendefähiger Kommentar und akzeptabler Beitrag zur Meinungsbildung. Ausdruck der „verrohten Kommentarkultur“ einer „Hassgesellschaft“ würde es wohl erst, wenn es ein Leser oder Hörer unqualifiziert irgendwohin kommentierte.

„GQ“ und Adrien Brody wissen, wie wichtig es ist, integer zu sein

„Stil“, sagt Adrien Brody, „wird für mich nicht dadurch definiert, dass man gepflegt ist oder einen guten Anzug trägt. Es geht vor allem darum, Respekt zu haben.“

Der Schauspieler Adrien Brody ist für die Männer-mit-Anspruch-Zeitschrift „GQ“ einer der „Männer des Jahres 2014“. Er schmückt ihren aktuellen Titel und hat sich sechs Stunden lang für das Magazin in Brooklyn fotografieren lassen — in Louis Vuitton, in Dolce & Gabbana, in Hermès und in einem Golf GTI:

New York ist laut, hektisch, wild. Doch im Inneren eines GTI auch ruhig, sicher und sehr entspannt.

Innere Sicherheit
New York ist laut, hektisch, wild. Doch im Inneren eines GTI auch ruhig, sicher und sehr entspannt.

Brody ist nicht allein zum Shooting gekommen. Er hat, wie schon der Vorspann verrät, einen Kaffee mitgebracht. Und ein Auto.

So unkonventionell wie die Stadt, ist auch Adrien Brody. Mit Golf GTI und Kaffee kommt der Oscarpreisträger zum Shooting. Eine ungewohnte Rolle, aber eine, die passt.

Es muss jetzt aber nicht unbedingt immer ein GTI sein. Ein anderer VW tut es auch. Brooklyn steht ja auch voll davon.

Keine Limousine, bitte. Brody ist in New York am liebsten mit einem GTI oder einem Beetle unterwegs.

City Rider
Keine Limousine, bitte. Brody ist in New York am liebsten mit einem GTI oder einem Beetle unterwegs.

Geprägt wurde Brody übrigens von niemandem so sehr wie von seinem Vater. Der ist ein „Gentleman“, „steht gerade für das, was er sagt und tut“. Von ihm hat er gelernt, sich so zu benehmen, wie er es von anderen erwartet, sagt Brody. Und anscheinend nicht nur das:

Elliot Brody, ein Erz-New-Yorker und überzeugter Golf-GTI-Fahrer, besuchte seinen Filius am GQ-Set.

Daddy & Cool
Elliot Brody, ein Erz-New-Yorker und überzeugter Golf-GTI-Fahrer, besuchte seinen Filius am GQ-Set.

„Manche der Attribute, die dem Gentleman zugeschrieben werden, gelten als altmodisch, was großer Quatsch ist“, sagt Adrien Brody im Interview mit „Gentlemen’s Quarterly“. „Wichtig ist, dass man als Mann aufrichtig ist in dem, was man tut. Integer zu sein, sich ehrenhaft zu verhalten, zu seinem Wort zu stehen: Das sind Dinge, die uns nicht nur als Männer, sondern überhaupt als Menschen definieren. Das ist doch nicht altmodisch.“

Die heimlichen Fernsehkritiker

Alle paar Jahre sorgt der Programmbeirat der ARD für Aufsehen, wenn kritische Anmerkungen von ihm an Sendungen des Ersten bekannt werden. Eigentlich tagt er im Verborgenen und will das auch so. Einblicke in die Arbeit eines Gremiums, das im Dienst der Allgemeinheit stehen soll, die Öffentlichkeit aber nicht als Verbündeten sieht.

Als der Programmbeirat der ARD am 17. Juni in Berlin zu seiner 582. Sitzung zusammentrat, stand nicht nur die Berichterstattung über die Ukraine auf der Tagesordnung. Das Gremium sorgte sich unter anderem auch um „Sherlock“, die BBC-Serie, deren dritte Staffel das Erste gerade gezeigt hatte.

Die hatte nämlich in der ARD zwar den bislang höchsten Marktanteil aller Staffeln bei den jüngeren Zuschauern erreicht, aber den niedrigsten bei den älteren, wie der stellvertretende Programmdirektor Thomas Baumann berichtete.

Das Sitzungs-Protokoll notiert dazu:

„‚Sherlock‘, wird aus dem Programmbeirat erklärt, werde zunehmend komplex in der Darstellung, die Handlung in der dritten Staffel gleite manchmal ins Abstruse, und man könne gut nachvollziehen, dass dies nicht jedermanns Geschmack sei. Dennoch sei es sehr gut, dass solche modernen, innovativen Formate ins Programm genommen würden. Würde aus der Tatsache, dass ‚Sherlock‘ beim älteren Publikum weniger gut ankomme, auch Konsequenzen gezogen?

Herr Baumann erläutert, dass Das Erste bei dieser BBC-Serie allenfalls ein kleines Wörtchen mitreden könne, aber im Wesentlichen keinen Einfluss auf die Gestaltung der Serie habe.“

Und so werden vermutlich auch zukünftige Folgen von „Sherlock“ ohne Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten des älteren deutschen Publikums produziert werden.

Der Programmbeirat war bis vor wenigen Wochen vermutlich das unbekannteste aller ARD-Gremien. Dann wurde öffentlich, dass die eigentlich im Verborgenen arbeitende Runde die Berichterstattung im Ersten über die Ukraine-Krise teilweise sehr kritisch beurteilt hatte – und die Aufregung war groß.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass sowas passiert. Im Frühjahr 2008 sorgte das vernichtende Urteil des Gremiums über die damals neue Talkshow von Anne Will für Unruhe. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte ausführlich aus dem internen Papier zitiert.

Zwei Jahre später machte die „taz“ öffentlich, wie deutlich der Programmbeirat sich intern dafür ausgesprochen hatte, die Zahl der Polit-Talkshows zu reduzieren. Der öffentlichen Debatte darüber gab das erheblichen Zunder.

Was ist das für ein merkwürdiges Gremium, das sich eigentlich im Auftrag der Zuschauer kontinuierlich mit dem Programm des Ersten beschäftigt – und dabei fast ganz im Verborgenen agiert, wenn nicht seine interne Kritik gerade wieder von interessierter Seite lanciert wird und entsprechendes Aufsehen erregt?


Der ARD-Programmbeirat, oben, von links: Paul Siebertz, Geesken Wörmann, Judith von Witzleben-Sadowsky, Walter Spieß, Markus Weber; unten: Marliese Klees, Susan Ella-Mittrenga, Monsignore Stephan Wahl, Stefan Gebhardt. Foto: BR / Theresa Högner

Sie treffen sich zehnmal jährlich für ein bis zwei Tage, reihum immer bei einer anderen ARD-Anstalt. Der Rundfunkrat jedes Senders schickt einen Vertreter in den Programmbeirat, neun sind es insgesamt. Sie verteilen vorher Beobachtungslisten, welche Sendungen geguckt werden müssen und wer über was referiert, und schauen überhaupt aufmerksam Das Erste. Während die Rundfunkräte der einzelnen Anstalten nur für das jeweilige Programm ihrer Sender zuständig sind, nehmen sie das Gemeinschaftsprogramm in den Blick – haben aber nur beratende Funktion und keinerlei Sanktionsmöglichkeiten.

ARD-Programmdirektor Volker Herres oder sein Vertreter ist bei den Sitzungen immer dabei. Alle drei Monate trifft sich der Programmbeirat mit der Fernsehprogrammkonferenz, in der die Chefs der einzelnen Rundfunkanstalten das Gemeinschaftsprogramm zusammenstellen. Der Vorsitzende des Programmbeirates nimmt auch an den Sitzungen der Gremienvorsitzendenkonferenz der ARD und den Hauptversammlungen der ARD teil.

„Der Programmbeirat hat eine hohe Anerkennung und Akzeptanz bei allen Programmverantwortlichen und in den Gremien“, sagt Paul Siebertz, ein österreichischer Jurist, der dem Gremium seit vergangenem Jahr vorsteht. Man würde das nicht unbedingt annehmen, wenn man den gereizten Widerspruch hört, den es gibt, sobald wieder einmal Kritik des Programmbeirates öffentlich geworden ist. Oder wenn man die genervten Gesichter der anderen Teilnehmer einer Diskussion über die Ukraine-Berichterstattung bei der Verleihung des Hanns- Joachim-Friedrichs-Preises las, in der Siebertz als Außenseiter und Fremdkörper saß. ZDF-Chefredakteur Peter Frey schien sehr froh, dass sein Sender kein solch lästiges Gremium hat.

Aber diese Diskussionen im grellen Licht der Öffentlichkeit mag der Programmbeirat ohnehin nicht. „Wir sind wenig erfreut, dass Protokolle von uns in die Öffentlichkeit kommen“, sagt Siebertz. „Vertraulichkeit ist die Grundlage für konstruktive Diskussionen mit Verantwortlichen. Eine öffentliche Diskussion ist für den ARD-Programmbeirat nicht nützlich. Die Öffentlichkeit kann zu einer Polarisierung beitragen, die nicht erwünscht ist.“

Das hat Tradition in diesem Gremium. Danny Brees, der von 1998 bis 2003 Vorsitzender des Programmbeirats war, sagte 2000 dem Bonner „General-Anzeiger“: „Wir gehen ganz bewusst mit unserer Kritik und unseren Anregungen nicht an die Öffentlichkeit. Denn wenn wir wirklich etwas bewirken wollen, ist das interne Gespräch am fruchtbarsten.“

Das ist nicht von der Hand zu weisen: In dem Moment, da Kritik aus dem Programmbeirat öffentlich wird, nehmen die Verantwortlichen reflexartig eine Abwehrposition ein – das zeigen die regelmäßigen heftigen Reaktionen. Andererseits ist das natürlich auch Folge davon, dass die Anmerkungen des Programmbeirates zum Programm nicht kontinuierlich und entsprechend vielfältig an die Öffentlichkeit gelangen, sondern fast immer nur in Form von gezielt lancierten Bruchstücken, die entsprechend Aufsehen erregen sollen.

Ist es nicht merkwürdig, dass ein Gremium, das letztlich im Auftrag der Gesellschaft einen öffentlich-rechtlichen Sender beraten und kritisch begleiten soll, fast völlig im Verborgenen tagt? Von der theoretisch in der Geschäftsordnung vorgesehenen Möglichkeit, öffentliche Stellungnahmen abzugeben, macht das Gremium fast nie Gebrauch.

Fragt man Siebertz, ob er nicht das Gefühl hat, der Öffentlichkeit, dem Publikum, verpflichtet zu sein, widerspricht er: Er sei nicht als Vertreter des Publikums im ARD-Programmbeirat, sondern des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks. Er und seine Kollegen berichten an die Rundfunkräte, die sie entsandt haben.

Aber funktioniert das noch, das Prinzip der Vertraulichkeit?

“Und wie das funktioniert!“

Angesichts von zehn Sitzungen im Jahr, in denen 400 bis 500 Seiten Protokolle erstellt werden, die hinterher breit in der ARD gestreut werden, sei es eigentlich auch „erfreulich selten“, dass Teile daraus gezielt an die Presse lanciert werden. Auch die Aufregung um die Kritik an der Ukraine-Berichterstattung fand Siebertz eigentlich gar nicht so groß: Print-Medien zum Beispiel hätten nur marginal berichtet.



„Der ARD-Programmbeirat ist eines der besten Gremien, die ich kenne“, sagt Siebertz. „Aufmerksamkeit und Engagement sind Basis für extrem konstruktive Diskussionen“. In 90 Prozent aller Fälle sei das Votum der Mitglieder einhellig, und das, obwohl das Gremium außerordentlich heterogen sei: vom Vertreter der Linken aus Sachsen-Anhalt bis zum katholischen Priester aus Rheinland-Pfalz. Deren Positionen in den Diskussionen seien nicht vorhersehbar oder parteipolitisch geprägt, was Siebertz als Ausweis nimmt, dass alle „auf professioneller Basis“ arbeiten. Was sie zu sagen haben über das Programm, werde in der ARD „sehr ernst genommen“, sagt Siebertz.

Der dann, nachdem das Telefongespräch eine Weile gedauert hat, plötzlich zurückfragt: „Glauben Sie, dass das irgendjemanden interessiert?“ Eigentlich sei es ihm gar nicht recht, so lange mit mir geredet zu haben.

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55 Seiten umfasst das Protokoll von der Juni-Sitzung; das von Telepolis veröffentlichte kritische Resümee zur Ukraine-Berichterstattung macht nur knapp vier Seiten davon aus. Das Protokoll liefert einen faszinierenden Einblick in die Diskussionen in diesem Gremium, gerade im Detail.

Der Programmbeirat kritisierte unter anderem die alarmistischen Titel vieler ARD-Talksendungen zum Thema. Die „Günther Jauch“- Sendungen habe man zwar leider nicht ansehen können, weil sie schon nicht mehr in der Mediathek verfügbar waren, aber zumindest die Titel habe man durchgesehen:

„Putins Machtspiele – Gibt es jetzt Krieg?“ (2. März), „Putin, der Große – Wie gefährlich ist sein Russland?“ (23. März) und „Kriegsgefahr in Europa – Ist Putin noch zu stoppen?“ (4. Mai). Diese Titel seien reißerisch und provozierend und wohl dazu gedacht, Zuschauer zu gewinnen. Sie spielten mit den Begriffen Krieg, Macht und Gefahr – aber um welchen Preis?

In einem Fall gab Thomas Baumann, der auch ARD-Chefredakteur ist, dem Programmbeirat recht: Den Titel „Kriegsgefahr in Europa – Ist Putin noch zu stoppen“ habe auch er für nicht adäquat gehalten, „aber die Wahl der Titel liege in der Verantwortung der jeweils zuständigen Redaktion, die auch nach seiner Intervention dabei habe bleiben wollen“, notiert das Protokoll. „Wenn in Titeln der Konflikt ohne zwingende Notwendigkeit zu sehr auf eine Person – Putin – fokussiert und diese Person de facto an den Pranger gestellt werde, dann sei nach seiner, Baumanns, Messlatte die Grenze überschritten.“

Baumann versprach damals auch, mit der „Weltspiegel“-Redaktion des Bayerischen Rundfunks über die Moderationen von Bernhard Wabnitz zu reden, die auch er für ein Stück weit zu stark zugespitzt halte. Dem Programmbeirat waren dessen Anmoderationen und die „sehr aggressive, harte und in hohem Maße wertende Sprache“ aufgestoßen – „man habe sich an die Sprache des Kalten Kriegs erinnert gefühlt“.

Unzufrieden waren die Mitglieder des Programmbeirates auch mit der Zuspitzung, wie sie im „Bericht aus Berlin“ gepflegt wird. Im März habe Moderator Rainald Becker „provozierend und wertend begonnen“ und gefragt: „Putin kann vor Stolz kaum noch laufen, die Krim ist weg! Reicht ihm das?“ Seinen Interviewpartner Matthias Platzeck habe er etwa gefragt: „Verstehen Sie Putin?“ und: „Halten Sie Putin für vertrauenswürdig?“ Das Protokoll notierte: „Erfreulich sei, dass es Menschen gebe, die auf solche Fragen sachlich antworteten.“ Und weiter:

„Müssten solch provozierende Fragen, wie man sie im ‚Bericht aus Berlin‘ erlebt habe, sein? Warum gehe man nicht einmal etwas mehr in Tiefe? Die Interview-Partner dagegen hätten durchwegs sehr nachdenklich und differenziert reagiert, so sehr Becker sie auch zu scharfen Antworten zu reizen versucht habe.“

Auch die Berichterstattung zur Europawahl hat sich der Programmbeirat im Juni angesehen, mit sehr unterschiedlichen Befunden. Eine „Hart aber fair“-Sendung (12. Mai 2014) mit dem Titel „Die Euro-Klatsche: EU-Gegner vor dem Triumph?“ sei, so das Protokoll:

„untragbar gewesen, noch unter Stammtisch-Niveau. Es sei der unsagbare Henryk Broder eingeladen gewesen, der mit seinen polemischen Querschlägern jegliche Diskussion zunichte mache, sowie Hans-Olaf Henkel, der populistischen [sic!] Thesen habe behaupten dürfen, ohne dass ihm kompetent widersprochen worden wäre. (…) Allein die Gästeauswahl habe schon von vornherein nichts anderes als EU-Bashing erwarten lassen.“

Ein etwas merkwürdiges journalistisches Verständnis zeigt sich bei der Kritik des Programmbeirates an der Berichterstattung am Wahlabend:

„Als sehr problematisch habe man empfunden, dass gleich die erste Live-Schalte in die Parteizentrale der AfD gegangen sei und ausgerechnet Bernd Lucke bei einer überschwänglichen Rede und anschließendem langem Beifall erfasst habe; überhaupt sei die AfD in dieser Sendung überrepräsentiert gewesen.“

Dass die AfD (Alternative für Deutschland) aufgrund ihres Wahlergebnisses das Thema des Abends war, scheinen die Programmbeiratsmitglieder nicht nachvollziehen zu können.

Sie kümmern sich auch um vermeintliche Details, wie die Leistung der Moderatoren:



“Schönenborn habe gewohnt souverän agiert. Ehni habe ein wenig exaltiert gewirkt, und Strempel habe seine Sache nach etwas hölzernem Anfang gut gemacht.“

Bei der „Wahlarena“ mit Martin Schulz und Jean-Claude Juncker hingegen seien die Moderatoren Sonia Mikich und Andreas Cichowicz durch ihre Rolle, bloß Fragen aus dem Publikum weiterzuleiten, „unterfordert“ gewesen: „Für diese Funktion hätte es auch anderes, weniger journalistisch hochkarätiges Personal getan.“ (Namen nennt der Programmbeirat hier leider nicht.)

· · ·

Aus der Geschichte des ARD-Programmbeirates:

2011

Der Programmbeirat kritisiert Lena Meyer-Landrut, die nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest erneut Deutschland bei dem Wettbewerb vertreten soll. Bei ihrem Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis sei „deutlich geworden, dass die Sängerin mittlerweile ihre Unbefangenheit verloren“ habe, heißt es laut Sitzungsprotokoll. Die 19-Jährige spiele „nun nur noch eine Rolle“.

2009

Der Programmbeirat spricht sich dafür aus, dass Oliver Pocher bei der ARD bleibt. Das Gremium unterstützt „nachdrücklich“ Bemühungen, Pocher ans Erste zu binden. Er stehe für eine jüngere Generation, die man „nicht allein mit Artigkeiten“ erreichen könne. Mit ihm sei der Sender auch für diese Zielgruppe attraktiv.

2007

Der Programmbeirat kritisiert das „Nazometer“, mit dem die ARD- Show „Schmidt & Pocher“ nach dem Eklat um „Tagesschau“- Moderatorin Eva Herman vermeintlich nazifreundliches Vokabular testete, darunter auch Begriffe wie „Gasherd“ und „Duschen“. „Der Programmbeirat bedauert, dass Harald Schmidt, Oliver Pocher und die zuständige WDR-Redaktion es hier an der notwendigen Sensibilität haben fehlen lassen.“

2003

Der Programmbeirat kritisiert die „zunehmende Tendenz“ in der ARD, bei Gewinnspielen auf teure 0190er-Nummern zurückzugreifen. Das sei „besonders ärgerlich“ und „nicht hinnehmbar“. Programmdirektor Günter Struve wurde dringend aufgefordert, „von dieser Praxis wieder abzurücken“.

1988

Der Programmbeirat fordert die ARD auf, Mut zu zeigen und „endlich“ die „Bonner Runde“ an den Wahlabenden einzustellen.Der Bonner Studioleiter und Moderator Ernst Dieter Lueg hatte sich nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg durch „insistierende Fragen“ („Der Spiegel“) den Zorn von Helmut Kohl zugezogen. Lueg habe „zwar forsch und überlegt gefragt, jedoch auf die gezeigte Arroganz der Politiker nur unzureichend reagiert. Die journalistische Kompetenz, so wird im Beirat festgestellt, habe hier gefehlt, die Sendung sei geradezu unerträglich gewesen. Er habe sich unverständlicherweise auf eine völlig überflüssige Diskussion mit dem Bundeskanzler eingelassen.“ Die Sendung bringe für den Zuschauer „überhaupt nichts“.

1988

Der Programmbeirat kritisiert die Kommentare in den „Tagesthemen“: Oftmals seien die Kommentatoren lieblos, „üben sich in der Unverbindlichkeit der Nacherzählung oder versuchen sich gar in Weissagen“. Außerdem sei es ärgerlich, dass unter den 38 Kommentatoren nur eine Frau sei.

1974

Der Programmbeirat beklagt sich über Wolfgang Menges Serie „Ein Herz und eine Seele“ und zählt die Schimpfwörter: In vier Sendungen sei 21 Mal „Scheiße“, 17 Mal „blöde Sau“ und 15 Mal „Arschloch“ gesagt worden.

1958

Der Programmbeirat fordert, die Namen von Ansagerinnen wie Irene Koss und Ursula von Manescul nicht einzublenden – „um den Star-Kult nicht zu unterstützen“.

Super-Symbolbilder: „Putin, einsam und verlassen“

Gestern, 20 Uhr, die „Tagesschau“ berichtet vom G20-Gipfel in Brisbane. Der Korrespondent sagt:

„Beim Barbecue am Mittag, wie symbolisch, Putin, einsam und verlassen.“

Und zeigt, Tatsache:

Ein Blick ins Ausgangs-Material von Reuters verrät allerdings, dass Putin gar nicht alleine am Tisch sitzt. Links am Tisch, na sowas: Dilma Rousseff, die Präsidentin Brasiliens.

Dafür sieht es bei Reuters so aus, als ob Shinzō Abe, der japanische Regierungschef, ganz schön einsam und verlassen da vor sich hinsitzen muss.

Und… oh, Obama?

Merke: Man sieht, was man will.

Und: Sie lernen nichts.

[via Moritz Gathmann]

Nachtrag, 17. November. ARD-Chefredakteur Kai Gniffke hat sich zu einer Art Antwort herabgelassen.

Steinmeier beklagt „erstaunliche Homogenität“ und „Konformitätsdruck“ in Medien

Frank-Walter Steinmeier hat auf den Lead-Awards gestern in Hamburg eine Rede über den Zustand des Journalismus in Deutschland und die Glaubwürdigkeitskrise deutscher Medien gehalten, die ich für außerordentlich hellsichtig halte. Der deutsche Außenminister sagte:

(…) Medienbashing ist in diesen Tagen zu einer Art Trendsportart geworden. Wer über verlogene, korrupte oder gemeine Journalisten schimpft, verkauft viele Bücher. Wenn dagegen ein Korrespondent in Krisengebieten falsch recherchiert oder ein Kommentator eine unpopuläre These zuspitzt, kann er sich auf Beschimpfungen und Verschwörungstheorien in den sozialen Medien gefasst machen. (…)

Was sind die Ursachen der Glaubwürdigkeitskrise? Die einfachste Erklärung wäre: Der Leser ist schuld, der ist halt dumm und frech. Der kapiert nicht, wie gut die Zeitungen sind. Aber mit dem Leser ist es wie mit dem Wähler. Man kann sich über ihn ärgern, aber man sollte ihn nicht ignorieren und am besten sehr ernst nehmen.

Die zweite Möglichkeit: Die Umstände sind schuld. Das wäre in diesem Fall mal wieder das Internet. Es hat der Individualisierung unserer Gesellschaft einen zusätzlichen Schub gegeben. Engagierte Leser finden im Netz persönliche Informationskanäle, und sie können selbst Informationen und Meinungen produzieren, ohne Redaktion und Druckerpresse, einfach zu Hause per Computer und W-Lan. Damit hätte das Internet das Entstehen einer „fünften Gewalt“ begünstigt: des Publikums. (…) Die Leser schauen der vierten Gewalt der Medien bei der Arbeit über die Schulter und klopfen ihr manchmal feste auf die Finger.

Es gibt aber auch eine dritte mögliche Ursache für das Misstrauen: Vielleicht waren sich die Journalisten einfach ihres Deutungsmonopols zu sicher. Vielleicht haben sie ihr Herrschaftswissen zu lange vor sich her getragen und nicht gemerkt, welche neue Form von Öffentlichkeit das Internet entstehen ließ. Vielleicht aber auch haben die täglichen Abrechnungen mit dummen, ignoranten Politikern in den Zeitungen das Interesse der Leser an Politik beeinflusst — und am politischen Journalismus. (…)

Vielfalt ist einer der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien. Die Leser müssen das Gefühl haben, dass sie nicht einer einzelnen Meinung ausgesetzt sind. Reicht die Vielfalt in Deutschland aus? Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.

Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter. Wie viele Redakteure wollen Steuersenkungen, Auslandseinsätze, Sanktionen? Und wie viele Leser? Journalisten müssen nicht dem Leser nach dem Munde schreiben, genauso wenig, wie wir Politiker nur auf Umfragen starren sollten. Aber Politiker und Journalisten gleichermaßen sollten die Bedürfnisse ihrer Leser und Wähler nicht dauerhaft außer Acht lassen. (…)

Die „FAZ“ dokumentiert die Rede heute in ihrer gedruckten Ausgabe und im E-Paper.

Nachtrag, 15:30 Uhr. Die vollständige Rede kann man jetzt auch auf der Seite des Auswärtigen Amts nachlesen.

Programmhinweis (46)

Morgen Vormittag bin ich zu Gast bei der Hörer-Diskussionssendung „Funkhaus Wallrafplatz“ auf WDR 5. „Eine Frage des Vertrauens: Warum stehen die Medien unter Generalverdacht?“, hat die Redaktion das Thema genannt. Als Vertreterin des WDR ist die Hörfunk-Chefredakteurin Angelica Netz dabei.

Ich traue mich angesichts der knapp 400 Kommentare hier kaum zu fragen, aber: Was ist Ihre Antwort? Und was wären Punkte, die speziell den WDR betreffen?

Nachtrag, 15. November. Hier kann man die Sendung nachhören.