Phoenix und die Kinderporno-Expertin

Julia von Weiler ist die Geschäftsführerin der deutschen Sektion von „Innocence in Danger“, einem Verein, der sich dem Kampf gegen Kinderpornographie „insbesondere im [sic] und über die neuen Medien verschrieben hat“. Insofern war es für Phoenix naheliegend, unmittelbar nach der live übertragenen Bundespressekonferenz, auf der die Minister Guttenberg, von der Leyen und Zypries einen Gesetzesentwurf zur „Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen“ vorstellten, mit ihr zu sprechen, um das Gesehene für den Zuschauer einzuordnen.

Vielleicht ein bisschen zu naheliegend.

Ausriss: FacebookJulia von Weiler hatte im vergangenen August gemeinsam mit Jörg Ziercke, dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes, ein Gesetz gefordert, mit dem der Zugang zu kinderpornographischen Seiten erschwert werden soll. Die „Welt“ deutet an, dass Julia von Weiler auch nicht unbeteiligt daran war, Familienministerin Ursula von der Leyen von der Notwendigkeit eines solchen Gesetzes zu überzeugen. Eilig vorangetrieben wurde es jetzt von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen Ehefrau Stephanie Freifrau zu Guttenberg zufällig Präsidentin des Vereins „Innocence in Danger“ ist, dessen Geschäftsführerin bekanntlich Julia von Weiler ist (die auch Julia Freifrau von und zu Weiler heißt — angesichts des Vorstands schiene „Adelige für Kinder“ auch ein treffender Name für die Organisation).

Irgendwie wünschte ich mir, dass ich mir all das nicht selbst hätte zusammengoogeln müssen, sondern Phoenix das für mich übernommen hätte. Wenn sie schon keinen unabhängigen Experten gefunden haben.

Die gute Nachricht des Jahres

Johannes B. Kerner gibt größere Teile des ZDF wieder frei. Sat.1 nimmt ihn.

Nachtrag. Im Vorspann zu seiner ersten „Johannes B. Kerner Show” 1998 im ZDF ist schon alles Schlimme drin, insbesondere der Ich-frag-ja-nur-Blick bei 0:17:

[Ich habe versehentlich den gleichlautenden Original-Eintrag gelöscht, samt der vielen lustigen Kommentare. Entschuldigung!]

Super-Symbolfoto (59)

Das Online-Angebot der „Ahlener Zeitung“ macht aktuell mit dieser Geschichte auf:

Und natürlich habe ich mich zuerst gefragt, ob das eines dieser berühmten Dschihadisten-Hühner ist. Und dann, ab welcher Sicherheitsstufe in deutschen Gerichtssälen sauerländische Hühner zur Gefahrenabwehr eingesetzt werden.

Dann habe ich gemerkt, dass das Bild einen versteckten Fotohinweis enthält, der sichtbar wird, wenn man mit der Maus darüber fährt. Dort heißt es:

Auf dieser Wiese vor einer Siedlung in Medebach-Oberschledorn hatten Ermittler einen vermeintlichen Funkmesswagen aufgestellt, um die Verdächtigen zu überwachen.

Ist das nicht toll? Erklärt alles und ändert nichts.

Haselhörnchen

Flauschiges Frotteefell hin oder her – langsam müsste man diesem Haselhörnchen doch ein paar kritische Fragen stellen. Nach sieben Jahren, in denen es gute schlechte Witze im Kinderprogramm von Super-RTL machte, bekommt es endlich eine Show, die sogar seinen Namen trägt, aber was ist das? Keine große Gala. Keine Showtreppe. Vorerst nur acht Folgen von elf Minuten Länge. Wenn sich die Karriere in diesem Tempo weiterentwickelt, wird es ein sehr graues Haselhorn sein, bis es endlich „Wetten, dass . . .?“ moderieren darf.

Immerhin gibt es ab heute so etwas wie eine Mini-Sitcom mit dem frechen orangenen Muppet und seinem Freund, dem sympathisch farb- und freudlosen Jammerlappen, der bei ihm in der Abstellkammer lebt. Es sind Geschichten, die für Kinder gemacht sind, aber auch von kindgebliebenen Erwachsenen geliebt werden können, manchmal ein bisschen harmlos, aber voller Lust am schönen Detail. In der ersten Folge geht es darum, dass der Jammerlappen gerne ein Haustier hätte wie alle anderen – sogar diese komische Hexe aus der Nachbarschaft hat eine Schlange, mit der sie in den Supermarkt geht, um ihr die, genau: langen Schlangen zu zeigen. Das Zusammenleben mit Riesenmonsterhund Struppili gestaltet sich aber schwierig, und so landet der Jammerlappen bei Mutter Haselhörnchen, die ihn mit einem Putzlumpen verwechselt – Sie merken schon: große Dramen spielen sich ab.

Hinter und in der erstaunlichen Vielzahl von Puppen steckt Martin Reinl, der auch dem Hund Wiwaldi bei „Zimmer frei“ Fell, Hand und Stimme gibt. Ganz so anarchisch ist das Haselhörnchen nicht, aber Claude Schmit, der Geschäftsführer von Super-RTL, sagt, es habe eine „extrem hohe Akzeptanz bei den erwachsenen Zuschauern und bei Leuten, die nicht viel Fernsehen gucken“ – nicht zuletzt bei den Leuten aus den Werbeagenturen. Schmit: „Wir fangen keine Kundengespräche mehr an, ohne dass wir den Jammerlappen auf den Tisch legen.“ Vielleicht war es, nicht nur angesichts der gesamtgesellschaftlichen Lage, ein Fehler, das Haselhörnchen mit seiner dauerguten Laune („Toll!“) in den Mittelpunkt zu rücken. Der Jammerlappen hätte bei konsequenter Förderung sicher längst schon seine Late-Night-Show.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Kurz verlinkt (34)

Hart aber fair, das ist die selbstreferenzielle Antwort eines politischen Journalismus, der behauptet, Politik sei etwas anderes als die Wirklichkeit, aber an der Wirklichkeit nur dann interessiert ist, wenn er sie selbst inszenieren kann im ewig selben Ritual.

Carolin Emcke nimmt in der „Zeit“ die Methode von Frank Plasberg auseinander.

James Lasts flauschige Subdominante

Was schenkt man jemandem, der schon alles hat?

James Last, der am Freitag seinen 80. Geburtstag feierte, hat, nach allem was man weiß: Wohlstand, ein Haus in Florida, familiäres Glück, beruflichen Erfolg. Aber ein Text, wie ihn ihm Helmut Mauró in der „Süddeutschen Zeitung“ schenkte, ist zuvor bestimmt noch nicht über ihn verfasst worden.

(…) Der Titelsong „Happy Heart“ löst dann tatsächlich auch ein, was ein glückliches Herz ausmacht; zumindest einen bestimmten Typus davon: Der E-Bass, der später mehr grunzt als rülpst, da unterscheidet sich James Last doch ein wenig vom Hard Rock, macht zunächst das Trampolin, auf dem zwei kleine Bongos Luftsprünge vollführen, vom zweigestrichenen g aus schleimt sich die E-Gitarre chromatisch vermindert nach unten und landet unausweichlich in C-Dur. Fröhlichkeit pur, noch bevor der Song überhaupt begonnen hat. Nun kommt das volle, bei James aber immer gut durchgelüftete Schlagzeug hinzu, federnden Schrittes wie immer, dazu schleift die E-Gitarre die Melodietöne von unten an, zieht sie streng nach oben, sodass kleine Quiekgeräusche entstehen — ein fröhliches Quieken glücklicher Schweine. Endlich stimmt das E-Piano die Melodie an. (…)

Falls Sie das jetzt trotz dieser genauen Beschreibung nicht unmittelbar in den Ohren haben: Bitteschön.

Über die schon seit ein paar Takten chromatisch anvisierte Septe im Bass, also dem Sekundakkord, fällt das so beinahe klar erreichte D-Dur in die flauschig ausgebreitete Subdominante, das reine G-Dur, das ein bisschen nach frischem Heu riecht und sich anfühlt wie die heißen Steine beim Masseur. Es ist exakt jene Du-Darfst-Erotik, dieses Wassertreten ohne Reue, die etwas einlöst, was es sonst nur als Werbeversprechen gibt: Glück ohne Abgrund, Wurst ohne Fett, Liebe ohne Schmerz. (…)

Über 200 Zeitungszeilen (bzw. eine fünfteilige Bilderstrecke) geht das so, bis der Artikel nach einzelnen zeitgemäßen subdominantischen Schlenkern und synkopisch versetzten Metren entschlossen das Lenkrad herumreißt hin zum zweigestrichenen K der Kryptik und mit den Sätzen endet:

Es sind erlesen skurrile Momente im Meer des Glücks, in dem manche oben schwimmen und andere sofort ertrinken. Beides möchte man nicht.

Ich habe den Text jetzt dreimal gelesen und bin trotzdem kein bisschen schlauer, ob er ernstgemeinte musikwissenschaftliche Analyse eines Lebenswerkes sein will oder Parodie darauf. Oder ob es sich um eine Geburtstagsgirlande handelt, deren Witz darin besteht, sich ausgerechnet dem Meister des seichten Happy-Sounds mit dem filigranen Handwerkszeug des detailversessenen Kritikers klassischer Musik zu widmen.

In jedem Fall: grandios gaga. Schwimmen wir also einfach mit im Meer des Glücks, mit genügend Puste, um vor dem Ersaufen noch ein paar seltene Tiefsee-Skurrilien auflesen zu können.

Weiter mit Musik.

Was Medien berichten (dürfen) müssen

Eine erfolgreiche Popsängerin ist verhaftet worden. Ihr wird vorgeworfen, mindestens einen Sexualpartner mit HIV infiziert zu haben.

Müssen die Medien darüber berichten dürfen? Ich weiß es nicht. Aber ich habe eine andere Frage: Müssen die Medien darüber berichten?

Ich bin mir wirklich unsicher, ob die Entscheidung des Berliner Landgerichtes gerecht ist, der „Bild“-Zeitung jede identifizierende Berichterstattung über den Fall zu untersagen. Aber es fällt auf, dass diejenigen, die die einstweilige Verfügung für falsch oder skandalös halten, ihr Urteil weniger mit dem konkreten Fall begründen, als mit der grundsätzlichen Frage. Wenn man über diese Sache nicht berichten dürfe, dann könne man, wie „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann mit dem Argumentationsmuster eines Sechsjährigen sagt, „die Pressefreiheit auch gleich abschaffen.“

Natürlich darf man, wenn man will, in der Entscheidung des Berliner Gerichts eine Grundsatzentscheidung sehen und fragen, ob Gerichte, die so urteilen, nicht auch legitime oder gar notwendige Berichterstattung in anderen Fällen unterbinden. Es ist nur schwer, am konkreten Fall zu begründen, warum die Öffentlichkeit ein verdammtes Recht darauf hat, zu erfahren, dass eine Sängerin verdächtigt wird, vor Jahren ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem Partner gehabt zu haben, obwohl sie gewusst habe, HIV-positiv zu sein.

Das häufigste Argument, das auch „Bild“ heute wieder ins Feld führt, ist das von der „Vorbildfunktion“, die Prominente für junge Menschen hätten, plakativ illustriert mit der Zahl der Poster der Frau, die angeblich in deutschen Kinderzimmern hängen. Woher kommt der absurde Gedanke, dass ausgerechnet Popstars eine Vorbildfunktion haben? Ist ihre Funktion nicht seit Jahrzehnten, durch asoziales und verantwortungsloses Verhalten als schlechtes Beispiel zu dienen, vor dem die Eltern ihre Kinder warnen können? Und ist es nicht genau das, was sie für Jugendliche zu Idolen macht?

Ich verstehe das mit dem Vorbild noch, wenn wir zum Beispiel darüber reden, ob ein Fußballer dafür bestraft werden muss, weil er auf dem Platz tätlich geworden ist. Die jungen Menschen, die diese Sportler anhimmeln, sollen lernen, dass dieses Verhalten nicht akzeptabel ist und negative Folgen hat, selbst für so coole Leute wie Lukas Podolski. (Im Idealfall.)

Wenn es überhaupt eine stille Übereinkunft gibt zwischen der Gesellschaft und den Menschen, die erfolgreich genug sind, um aus ihr herauszuragen, dann doch die, dass die Prominenten sich dann vorbildlich verhalten sollen, wenn sie in dieser Öffentlichkeit sind oder ihr Verhalten diese Öffentlichkeit betrifft. Aber erwarten wir allen Ernstes von einem Menschen, dass er von dem Moment an, in dem er ein bestimmtes Maß an Erfolg hat, sich privat anders, besser verhält? Wenn ja: Warum?

Schadet es der Jugend, ein Idol anzuhimmeln, dessen privater Lebenswandel alles andere als vorbildlich ist — solange dieses Privatleben gar nicht bekannt ist? Und inwiefern hilft es dann, dieses Privatleben öffentlich zu machen? Inwiefern ist den nach Vorbildern suchenden Jugendlichen im konkreten Fall jetzt damit gedient, dass sie wissen, dass ihrem Star gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird?

Geht es da um eine Form von Gerechtigkeit: Dass niemand wegen seiner Karriere und seiner halbfiktiven öffentlichen Figur angehimmelt wird, der das, wenn man seine ganze Persönlichkeit kennt, gar nicht verdient hätte? Oder geht es sogar nur darum, Verfehlungen von Prominenten öffentlich zu machen, damit andere Prominente davon abgeschreckt werden, sich ebenfalls nicht-vorbildlich zu verhalten?

Immer wieder ist zu hören, dass berühmte Menschen davon leben, dass die Öffentlichkeit sich für sie interessiert, und es deshalb auch hinnehmen müssen, dass die Öffentlichkeit auch unangenehme Dinge über sie erfährt. Ich habe diese Argumentation noch nie verstanden. Dadurch, dass ich die Musik von jemandem mag, dadurch, dass ich die Platte von ihm kaufe, und womöglich noch dadurch, dass ich eine Zeitschrift kaufe mit bunten Fotos von ihm, erwerbe ich einen Anspruch darauf, zu erfahren, was er privat treibt? Weil die Prominenten uns brauchen und wir sie überhaupt erst zu Prominenten machen, gehören sie uns mit Haut und Haar?

Für mich klingt das nach Neid. Es klingt danach, dass wir diesen Menschen die Vorteile, die mit ihrem Berühmtsein verbunden sind, verübeln und wollen, dass sie wenigstens auch Nachteile dafür in Kauf nehmen sollen. Was haben, um zwei der extremsten Fälle zu nehmen, Britney Spears und Amy Winehouse uns getan, dass wir sie von widerlichen Fotografen verfolgen lassen, rund um die Uhr, damit sie sie in ihren dunkelsten Momenten ablichten und wir uns daran ergötzen können? Was schulden diese Menschen uns dafür, dass wir sie zu Stars gemacht haben?

Jeder nicht-prominente Mensch, dem das gleiche vorgeworfen wird wie der Sängerin im aktuellen Fall, müsste mit einer Bestrafung durch die Justiz rechnen, aber nicht damit, dass das ganze Land von seinem mutmaßlichen Vergehen und seinem HIV-Status erfährt. Ist das irgendeine Form von ausgleichender Gerechtigkeit dafür, dass jeder nicht-prominente Mensch auch sein privates Glück nicht mit der halben Nation teilen kann, sondern nur mit seinen Freunden oder Bekannten?

Die Pressefreiheit schützt nicht nur die seriöse Zeitung, die zur Willensbildung beiträgt und für das Funktionieren einer Demokratie unerlässlich ist. Sie schützt auch das Schundblatt, das mit dem privaten Elend von Menschen und versehentlich oder absichtlich entblößten sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmalen Auflage macht. Insofern ist ein Angriff auf das Schundblatt auch ein Angriff auf die Pressefreiheit.

Für Joachim Jahn, meinen Blognachbarn bei FAZ.net, scheint die einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichts gegen „Bild“ sogar schon „Das Ende der Pressefreiheit“ zu bedeuten. Das kann ich wenigstens theoretisch noch halbwegs nachvollziehen. Erstaunlich finde ich aber, wie unverwandt er zu dem Ergebnis kommt, es sei „schlichtweg absurd“, dass die Richter „das Persönlichkeitsrecht der Sängerin für wichtiger halten als eine Berichterstattung über die Verhaftung und ihren Anlass“.

Solche Abwägungen zwischen zwei Rechtsgütern sind immer merkwürdig fiktiv, aber aus der Sicht des juristischen Laien erscheint mir die Sache hier einfach: Wie groß wäre, einerseits, der Schaden für die Öffentlichkeit, wenn sie nicht erfahren dürfte, wer da verhaftet wurde oder warum genau? Und wie groß, andererseits, der Schaden für die Sängerin, wenn sie — möglicherweise zu unrecht — noch vor einer Anklageerhebung oder gar einer Verurteilung als skrupellose HIV-positive Schlampe dargestellt wird?

Die Öffentlichkeit gewinnt durch die Berichterstattung viel weniger, als die Beschuldigte verliert. Und die Information der Öffentlichkeit ließe sich auch nachträglich herstellen, zum Beispiel, wenn es tatsächlich zu einer Verurteilung kommen sollte. Der Ruf der Frau hingegen lässt sich nachträglich kaum wieder kitten, wie nicht zuletzt der Fall des Andreas Türck zeigt.

Ich weiß nicht, ob der Kollege von der F.A.Z. gesehen hat, was „Bild“ am Mittwoch zur riesigen Schlagzeile gemacht hat. Am größten stand oben auf Seite eins: „[…]-Star […] HIV-positiv“. Das war die Nachricht. „Bild“ konnte dank einer mitteilungsfreudigen Staatsanwaltschaft der Nation diese Information übermitteln, die ganz sicher zur Intimsphäre eines Menschen gehört und die breite Öffentlichkeit nichts angeht — es sei denn, man wäre der Meinung, dass alle Namen von HIV-positiven Menschen veröffentlicht werden sollten, die im Verdacht stehen, ungeschützten Sex zu haben und ihre Partner über ihre Infektion nicht immer aufzuklären.

Wenn „Bild“ das Recht hatte zu verbreiten, dass die Sängerin HIV-positiv ist, bedeutet das, dass wir alle ein Recht hatten, das zu erfahren. Hatten wir das wirklich?

Die Konzentration auf die juristische Frage verengt die Diskussion ungemein. Es ist verführerisch bequem, sich allein mit dieser Frage zu beschäftigen, weil sie von der Verantwortung für das eigene Handeln ablenkt. Die Kette geht ja ungefähr so: Wenn die Staatsanwaltschaft sagt, um wen es sich bei der Beschuldigten handelt, muss „Bild“ das auch schreiben dürfen. Und wenn „Bild“ das schreibt, müssen seriöse Medien das auch schreiben dürfen. Und wenn es schon überall steht, wäre es doch albern, es im eigenen Blog nicht auch zu wiederholen. Die Entscheidung eines einzigen Staatsanwaltes legitimiert die Berichterstattung der gesamten Medienlandschaft. Das Glied in der Kette mit den geringsten Skrupeln bestimmt, was überall zu lesen ist.

So utopisch das klingen mag: Dass der Staatsanwalt aufregende Details aus dem Intimleben einer Prominenten erzählt, heißt nicht, dass man sie veröffentlichen muss. Und dass ein gewissenloses Boulevardblatt sie veröffentlicht, heißt nicht, dass man sie als „Spiegel Online“, RTL oder F.A.Z. weiter verbreiten muss. Machen wir uns nicht vor, dass irgendjemand dabei zwischen öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrecht abgewogen hätte. Die Abwägung findet statt zwischen mehr und weniger Auflage, Quote und Klicks.

Medien können sich doch bei der Entscheidung, was und wie sie berichten, nicht nur von der Frage leiten lassen, was erlaubt ist. Sie müssen sich die Frage stellen, was richtig ist. Und was notwendig ist. Ich weiß nicht, ob es erlaubt war, über den Verdacht gegen eine Sängerin, über ihr Intimleben und ihre HIV-Infektion zu berichten. Aber ich bin überzeugt davon, dass es nicht notwendig war.

Der Strunzer (2)

Ich wüsste gern, ob Claus Strunz manchmal nachts schweißgebadet aufwacht, weil ihm im Traum die Realität erschienen ist. Wahrscheinlicher ist, dass ihn die dicke Schicht aus Selbsttäuschung und Wahn, die er sich zugelegt hat, auch davor schützt.

Der Medienfachdienst Meedia hat das halbe Jahr, das Strunz Chefredakteur des „Hamburger Abendblattes“ ist, zum Anlass genommen, ihm kritische Fragen zu stellen wie: „Wie fällt Ihre Bilanz aus?“ und: „Was planen Sie als nächstes?“

Na, wie mag Strunz‘ Urteil über Strunz schon ausfallen? „Überaus positiv“, natürlich:

„Rechtzeitig zum Halbjahres-Jubiläum von „Abendblatt 3.0″ sind wir unter den vier wichtigsten Tageszeitungen Deutschlands angekommen (…)“

Sensationell. Herzlichen Glückwunsch! Und auch wenn als Grundlage für den behaupteten vierten Platz nur die Quatschzählungen des „Media Tenors“ dienen, ist das ein großer Erfolg für Strunz. Denn als bekannt wurde, dass er von der „Bild am Sonntag“ zum „Abendblatt“ wechselte, fragte ihn der „Spiegel“ am 14. Juli 2008, ob das nicht ein Abstieg sei. Und Strunz antwortete:

Klar, ich arbeite nicht mehr in der Hauptstadt, aber das „Hamburger Abendblatt“ ist eine Weltstadt-Zeitung mit stolzer Tradition und mehr als doppelt so vielen Redakteuren wie „BamS“. Journalistisch gehört das Blatt in den Kreis der Top vier neben „FAZ“, „Süddeutsche“ und „Welt“.

Neun Monate sind seitdem vergangen, davon sechs unter Strunz als Chefredakteur, und das „Abendblatt“ ist immer noch unter den Top vier! Das muss dem Mann erst mal einer nachmachen.