Kurz verlinkt (46)

In der ersten Ausgabe des Stern hat Chefredakteur Thomas Osterkorn sein „Unwort des Jahres“ bekannt gegeben: „sparen“. „Wenn Manager vom Sparen reden“, schreibt Osterkorn, „dann meinen sie meistens: die Kosten für Mensch und Material brutal zu senken, um trotz der Krise die Rendite möglichst hoch zu halten.“ Genau so hatte ich es verstanden, als der Stern letztes Jahr dem Großteil seiner Pauschalisten kündigte oder die Redakteure die Order erhielten, keine Freien mehr zu beschäftigen, um als monetäre Melkkuh auch weiterhin ein paar hundert Millionen an Bertelsmann abführen zu können. Aber getäuscht? Das waren gar keine Sparmaßnahmen? Das waren … ähm … ja … also … Oder ist Osterkorn unter die Aufmucker gegangen? Nein, lässt er auf Nachfrage verlauten, „das ist keine versteckte Kritik an Gruner + Jahr“. Das ist Kritik am Umgang mit dem Wort „sparen“.

Silke Burmester in ihrer Medienfront-Kolumne in der „taz“ (in der es nebenbei auch um Konstantin Neven DuMont geht).

Super-Symbolfotos (77)

Heute spielen wir wieder Symbolfotobingo.

FRECHEN – War es Nächstenliebe, Übermut oder einfach nur Dummheit?

Ein Frechener (23) hat in der Nacht zum Sonntag bei der Polizei die Schuld eines Unfalls mit geschätzten 27.000 Euro Sachschaden auf sich genommen – obwohl er gar nichts mit der Sache zu tun hatte. (…)

Und warum das alles? Gegenüber der Polizei gab der falsche Crash-Pilot an, Mitleid mit Unfallverursacher gehabt zu haben…

Und jetzt die Frage: Mit welchem Tier hat der Kölner „Express“ online diese Geschichte illustriert?

(Frettchen ist falsch.)

[entdeckt von Oli Schaefer]

Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont

Konstantin Neven DuMont hat die Feiertage in diesem Blog verbracht.

Heiligabend übermittelte er seinen Wunschzettel und verteidigte die schmerzhaften Einschnitte, zu denen Verlage wegen der Digitalisierung gezwungen seien; am ersten Weihnachtstag plädierte er für eine strikte Trennung zwischen Artikeln und Kommentaren und eine viel größere Meinungspluralität in den reichweitenstarken Medien, und wehrte sich gegen den Vorwurf der Scheinheiligkeit; am 28. Dezember verzettelte er sich in eine Diskussion mit einem anderen Kommentator, dem er „unbeholfene Kläffereien“ und „skurrile Thesen“ vorwarf, bekannte sich zu seiner Liebe zu Hamburg und übte ein wenig Kritik an einem Artikel aus der „Hamburger Morgenpost“, wies mich auf ein fehlendes Wort in meinem Blogeintrag hin, erzählte, dass er gerne eine Reality-Doku mit mir produzieren würde, gähnte, fühlte sich belästigt und setzte sich für höhere Polizistengehälter ein; am 29. Dezember wies er auf ein Interview mit ihm im Deutschlandfunk hin, fragte, ob die sogenannten Partikularinteressen womöglich zunehmen und wies noch einmal auf ein Interview mit ihm im Deutschlandfunk hin, wünschte einem Kommentator alles Gute, wünschte einem anderen Kommentator alles Gute, verabschiedete sich aus der Diskussion, bekundete die Absicht einer Zusammenarbeit mit mir und versuchte, seinen Urlaub im Bergischen Land zu genießen; am 30. Dezember kündigte er an, 2010 ein eigenes Videoblog zu eröffnen, in dem er politische Lieder und gelegentlich Liebeslieder singt, beschwerte sich über anonyme Kommentare, die irgendwelche Gerüchte in die Welt setzen, freute sich über die Existenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und einiger Blogger, regte einen kleinen Wettbewerb in Sachen intellektueller Intelligenz an, prahlte mit seinen erwiesenen spitzenmäßigen Managementfähigkeiten, bestritt, dass das alles nur ein Spaß sei und kündigte ein Treffen mit Sascha Lobo an; an Silvester veröffentlichte er vor der Vorbereitung der Silvesterparty seine Agenda für 2010 und bemängelte die „persönlichen Beleidigungen“ durch einen Kommentator; an Neujahr forderte er, dass private Besitzer von Wettbewerb tangierenden Versorgungslinien nicht gleichzeitig die Inhalte darauf bespielen dürfen sollen; gestern erklärte er, dass das kein medientheoretisches Essay war und es ein Fehler von ihm gewesen sei zu glauben, dass man in diesem Blog sachlich diskutieren könne, und heute Mittag wies er darauf hin, bereits mehrere Aktionen zur Förderung der Demokratie angestoßen zu haben.

Nun ist das grundsätzlich natürlich eine feine Sache. Also, nicht nur, dass jemand die Kommentarspalten dieses Blogs so anregend und heimelig findet. Sondern vor allem, dass sich einer der wichtigsten Medienmanager dieses Landes (er sitzt in Leitungspositionen bei „Berliner Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Berliner Kurier“, „Hamburger Morgenpost“ und „Mitteldeutscher Zeitung“, und als Sohn von Alfred Neven DuMont wird ihm eines Tages Köln gehören) mit solcher Begeisterung mitten in das Getümmel des sogenannten Web 2.0 stürzt.

Praktisch ist Neven DuMonts Beigesterung dann aber doch ein bisschen beunruhigend. Als Ende November jemand begann, unter seinem Namen hier Kommentare abzugeben, war ich zunächst nicht sicher, ob es sich um den echten Verleger handelte. Dann war ich sicher, dass es sich nicht um den echten Verleger handeln könne: Zu sehr lasen sich seine Beiträge wie eine Parodie auf das Kommunikationsverhalten von jemandem, der es gewohnt ist, dass alles, was er sagt, als wichtiger Debattenbeitrag (miss)verstanden wird, und in dessen Weltsicht die Welt vor allem damit beschäftigt ist, auf seine Einschätzungen zu denen brennenden Fragen unserer Zeit zu warten.

Konstantin Neven DuMont ist im vergangenen Jahr 40 geworden. Zu seiner Geburtstagsfeier kamen der Außenminister, der Oberbürgermeister, der IHK-Präsident, der Präsident des 1. FC Köln, Christoph Daum, Tom Gerhardt, Reiner Calmund und sogar ein Cousin Neven DuMonts aus New York Mallorca. In einer Ansprache warnte das Geburtstagskind davor, dass Journalisten, die nicht aus Köln kommen, nur darauf warten, dass „wir“, also die Kölner, Fehler machen. Gerade Journalisten aus einer Stadt wie Berlin seien zum Teil neidisch auf „unsere“, also die Kölner, Wirtschaftskraft. Er wies darauf hin, dass kaum jemand darauf hingewiesen habe, dass die „New York Times“ Köln zu den 30 besuchenswertesten Städten gewählt habe. Er forderte, das Wort „Hartz IV“ jetzt endlich mal zu ändern, „aber im Ernst“. Er bat den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, auch „stärker in die Offensive zu gehen“, was die Öffentlichkeitsarbeit von Köln angeht. Er fragte, warum nicht häufiger in der Zeitung steht, dass zwei Prozent der Menschen auf der Welt 50 Prozent des Reichtums besäßen. Er forderte die Gäste auf, als Geburtstagsgeschenk für ihn mehr Geld für die armen Kinder zu spenden. Und fragte den anwesenden Sparkassenchef, warum das eigentlich immer so lange dauert, bis das Geld von Banküberweisungen auf dem eigenen Konto eingetroffen ist.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ veröffentlichte ein Video des unsortierten Monologs unter der Überschrift „Unternehmerische Verantwortung“ und schrieb darunter den erstaunlichen Satz:

Anlässlich einer Feier zu seinem 40. Geburtstag hielt Konstantin Neven DuMont eine viel beachtete Rede.

(Das ist ein Grund, warum mir Familienmedienbetriebe Angst machen.)

Jedenfalls fand der Mann, der sich „Konstantin Neven DuMont“ nannte, dass die Rede noch nicht genug beachtet war und postete hier fleißig Links zu diesem Video und anderen ähnlich wichtigen Wortmeldungen des Verlegersohns in diversen Medien. Ungefähr, als er ankündigte, demnächst ein Musikvideo seiner Band hier einzustellen („Singen ist nämlich meine Leidenschaft“), beschloss ich, dass es sich um ein Fake handeln müsse — auch die E-Mail- und IP-Adresse deuteten nicht darauf hin, dass es sich um den „echten“ Neven DuMont handelte. Ich löschte daraufhin einige seiner Kommentare und ließ neue nicht mehr automatisch erscheinen.

Dann bekam ich erst eine Facebook-Nachricht von ihm mit dem Betreff „Zensur auf Ihrer Seite!“ Und dann eine E-Mail seiner Sekretärin, die um Rückruf bat. Es stellte sich heraus, dass es sich sehr wohl um den „echten“ Konstantin Neven DuMont handelte, der erfragen ließ, warum seine Beiträge nicht mehr freigeschaltet werden. Es erforderte dann noch mehrere weitere Telefonate mit der Sekretärin, bis wir zur Zufriedenheit ihres Chefs klären konnten: dass seine Kommentare nun wieder sofort erscheinen würden; dass der eine, der dann noch nicht sofort erscheinen war, nur deshalb nicht sofort erschienen war, weil er zu viele Links enthielt; dass ich ihn aber sofort aus der Moderationsschleife befreien würde; dass er leider die bereits gelöschten Kommentare noch einmal würde eingeben müssen etc.

Seitdem also lebt Konstantin Neven DuMont in den Kommentarspalten dieses Blogs, erzählt, dass sein Lieblingsgetränk „gefiltertes Brunnenwasser“ ist, schlägt vor, dass er und ich und Kai Diekmann uns treffen sollten, um „der Bloggemeinde gemeinsam die Zusammenhänge [zu] erklären“, proklamiert investigativen Journalismus als Zukunftsstrategie, und versucht weitgehend vergeblich, ernsthafte Diskussionen über irgendwas anzustoßen. Zwischendurch fetzt er sich mit einer Ausdauer, von der ich noch nicht weiß, ob ich sie bewundernswert finden soll, mit mehreren Kommentatoren, die ihn mit großer Aggressivität und teils wilden Vorwürfen angreifen, was die Diskussion über andere Themen (zum Beispiel die der jeweiligen Blog-Einträge) ein bisschen erschwert.

Ich würde Herrn Neven DuMont daher, wie versprochen, als nicht ganz uneigennütziges Geschenk den Platz unter diesem Eintrag zur Verfügung stellen: für Links in eigener Sache, Vorschläge zur Rettung der Medienwelt, biographische Notizen, was auch immer. Und zur Auseinandersetzung mit seinen Kritikern natürlich, die ich um ein bisschen Gelassenheit und Anstand bitten möchte.

Keine Sorge: Die Kommentarspalte ist nach unten offen.

Michael Wendler


Foto: Sat.1

Für Adeline, die siebenjährige Tochter des Schlagersängers Michael Wendler, ist so eine Doku-Soap über ihre Familie eine feine Sache. Sie wird sich in zwanzig Jahren viele Analysestunden sparen können, indem sie ihrem Therapeuten einfach die Videos zeigt. Die Szene zum Beispiel, in der sie in der eher zum Putzen als zum Kochen genutzten Küche einen Becher Kakao verschüttet, und ihre Mutter reagiert, als seien dem Kind auf dem Weg zur Schule drei Uranbrennstäbe aus dem Tornister gefallen. Dann kommt die Großmutter hinzu, markiert mit spitzen Fingern alle drei kleinen Kakao-Pfützen und ruft eine ganze „Wie konnte DAS denn passieren?“-Frage der Mutter lang „Iiiieh“. Dass die Mutter sogar noch ein zweites Küchentuch zum Wegwischen braucht, veranlasst Oma zu der Bemerkung, dass sie, solange sie ein Kind habe, nie zur Ruhe kommen werde. Adeline stellt nun die durchaus angemessen erscheinende Frage, warum ihre Mama sie überhaupt zur Welt gebracht habe, wenn sie sie gar nicht wolle, und Oma gibt sich ein bisschen zu viel Mühe, ihr beim Über-die-Haare-Streicheln zu erklären, sie sei doch ein „Wunschkind“ gewesen.

Das ist das Aufregendste, das in den ersten 45 Minuten der sechsteiligen Serie „Der Wendler-Clan“ passiert, die Sat.1 ab heute sonntags um 19 Uhr zeigt. Das Zweitaufregendste ist, wie sich Wendler darüber ärgert, dass ein Kollege ihn auf offener Bühne in Bottrop gefragt hat, ob er mit dem Hubschrauber, dem Lamborghini oder dem 600er Mercedes angereist sei – aus bloßem Neid, wie Wendler meint. (Könnte natürlich auch etwas damit zu tun haben, dass das eine, das Wendler noch mehr mag als den Disco-Fox und sich selbst, das Rumprotzen mit Reichtümern ist. In Oberlohberg, dem unsympathischen Teil Dinslakens, steht ein Baustellenschild: „Hier baut Michael Wendler, der König des Popschlagers, sein Märchenschloss.“)

Er ist ein Phänomen, vor allem in seiner ungebrochenen Begeisterung für sich selbst, die gleichzeitig so befremdlich und beneidenswert ist, dass man sie ihm nicht einmal richtig übel nehmen kann (solange er nicht singt). Als niedliche Figur aus einem Gruselkabinett hat er dem Fernsehen sogar schon unerwartete (und teils unfreiwillige) Glanzminuten beschert, im „perfekten Promi-Dinner“ etwa und bei Ina Müller. Aber von dieser biederen und sehr gespielt wirkenden Doku-Soap bleibt bestenfalls eine Redensart: In Dinslaken ist ein Becher Kakao umgefallen.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Und jährlich grüßt das Murmeltier

Dann war da noch Wolfgang Röhl, der beim „Stern“ für das lautstarke Einrennen offener Türen zuständig ist. Auf stern.de ärgert er sich wieder einmal darüber, dass ARD und ZDF dauernd nur alte Filme wiederholen. Sein Artikel wiederholt (was ungewollt selbstironisch wirkt) sämtliche schon unendlich oft wiederholten Klischees über die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die mit den Milliarden aus dem „Zwangsgebührenpool“ lieber Mitarbeiter und teure Dienstwagen bezahlen als „Inhalte“. Röhl recycelt auch fröhlich Versatzstücke eines eigenen „Stern“-Artikels aus dem Jahr 2001, inklusive des lustigen Wortes „Couch-Kartoffel“, der damals mit den Sätzen begann:

Es lebe die Grundversorgung. Das Erste bombardierte uns im Drei-Nullen-Jahr mit einem Teppich aus vergilbten Tatorten, darunter die schätzungsweise 45. Wiederholung der „Reifeprüfung“. Ansonsten wurde vom ersten Bond bis zum letzten Bronson alles recycelt, was nach der zigsten Abspielung gar nicht erst wieder ins Archiv geschafft worden war.

Aber die Klage über die endlosen Wiederholungen lässt sich natürlich endlos wiederholen, es ist ein Text, den ein recherche- und gedankenscheuer Journalist in nullkommanix produzieren kann und dafür jedesmal wieder Beifall bekommen wird.

Es war nur keine gute Idee, dass Röhl es diesmal nicht bei vagen Mutmaßungen beließ („schätzungsweise 45. Wiederholung“), sondern seinem Text eine lange Liste von konkreten Beispielen für Filmwiederholungen bei ARD und ZDF beifügte:

Die Hitliste des Grauens

Unter den kinematografischen Reservisten, die das öffentlich-rechtliche Bezahlfernsehen immer gern an die Unterhaltungsfront schickt – oft mehrmals im Jahr – besuchen uns besonders diese alten Bekannten alle naselang:

Ich habe mir mal ein paar dieser, höhö, „kinematografischen Reservisten“ rausgepickt, die ARD und ZDF angeblich dauernd zeigen.

  • „Die Vögel“
    läuft seit 2004 jährlich auf Vox, zuletzt an Heiligabend.

  • „Für eine Handvoll Dollar“
    lief 2007, 2005, 2003, 2002, 2001 auf Kabel 1; 1999, 1998 auf Pro Sieben; 1997, 1996 auf Kabel 1; 1995, 1994 auf Pro Sieben; 1993, 1991 auf Sat.1.
  • „Für ein paar Dollar mehr“
    lief 2007, 2005, 2003, 2002, 2001 auf Kabel 1; 1999, 1998 auf Pro Sieben; 1997, 1996 auf Kabel 1; 1995, 1994 auf Pro Sieben; 1993, 1992 auf Sat.1
  • „Hatari“
    lief 2009 auf Das Vierte; 2007, 2006, 2004, 2003, 2002 auf Kabel 1; 2001, 2000 auf Sat.1; 1999 auf Kabel 1; 1997 auf Pro Sieben; 1997, 1996 auf Kabel 1; 1995 auf Pro Sieben; 1994, 1992, 1989 auf Sat.1.

  • „Der Flug des Phoenix“
    lief 2009 zweimal auf Das Vierte; 2008 auf arte; 2006, 2005, 2003 auf Kabel 1; 1998 im ZDF.

  • „Papillon“
    lief tatsächlich in diesem Jahr dreimal (!) auf arte; aber davor: 2008 (zweimal), 2007, 2004, 2003, 2001 auf Kabel 1; 2001 auf Sat.1; 2000 auf Kabel 1, 1999, 1998, 1996, 1995 auf Pro Sieben; 1994, 1992 auf Sat.1.

  • „Die toten Augen von London“
    lief 2008 auf Das Vierte; 2007, 2006, 2002, 2001, 2000, 1998, 1996, 1995, 1994 auf Kabel 1.

  • „Der längste Tag“
    lief 2009 auf Das Vierte; 2009, 2008, 2005, 2004, 2003, 2002, 2001 auf Kabel 1; 1999 im ZDF.

  • „Der Marathon-Mann“
    lief 2008 auf Kabel 1; 2007 auf Sat.1, 2006, 2004, 2002, 2001, 2000, 1999 auf Kabel 1; 1997, 1995 auf Sat.1; 1994 auf Kabel 1; 1993, 1992, 1991 auf Pro Sieben; zuletzt 1989 in der ARD.

  • „Der Klient“
    lief 2009 auf Vox; 2007 mehrmals auf Tele 5; 2006 auf Kabel 1; 2005 auf Pro Sieben; 2004 auf Sat.1; 2004 auf Kabel 1; 2003, 2002, 2001, 2000, 1999, 1998 auf Pro Sieben.

usw. usf.

Ich habe mir nicht jeden Punkt angesehen, aber es ist eine wilde Liste mit einigen richtigen und vielen falschen Beispielen — teilweise erinnert sich Röhl nicht einmal richtig an die Titel der angeblich dauernd laufenden Filme. Sogar, dass das HR-Fernsehen gerade eine Serienrarität wie „Privatdetektiv Frank Kross“ von 1971 ausgegraben und nach Jahrzehnten erstmals wieder ausgestrahlt hat, rührt er in seine besinnungslose Klage über die öffentlich-rechtliche Dauerwiederholerei.

Er irrt auch, wenn er behauptet, dass „kaum ein Streifen – abgesehen vom ‚Tatort‘-Klassiker ‚Reifezeugnis‘ mit Nastassja Kinski – im deutschen Fernsehen so oft abgenudelt“ wurde wie „Telefon“ mit Charles Bronson: Die Ausstrahlung von „Telefon“ im Oktober im ZDF wurde von Fans sehnsüchtig erwartet, weil der Film [Nachtrag: abgesehen von einem Wiederholungsrausch auf Tele 5 zwischen 2006 und 2008] vergleichsweise selten läuft (und schon länger nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen). Und der Ausstrahlung von „Reifezeugnis“ ging eine immerhin vierjährige Sendepause voraus, was einem jetzt auch nicht lang vorkommen muss, aber doch länger als die vollmundige Behauptung, diese Schinken liefen „oft mehrmals im Jahr“.

Röhls Wiederholungstext ist das beste Beispiel für gefühlte Recherche: Er meint zu wissen, was alles dauernd bei ARD und ZDF läuft. Warum sollte er sein Gefühl irgendwo mal überprüfen? Warum sollten seine Beispiele stimmen müssen, wenn er doch weiß, dass seine These stimmt?

Röhl ist übrigens ständiger Gastautor der „Achse des Guten“. Da passt er hin.

Ein Weihnachtsmannmärchen

Die Geschichte von dem australischen Forscher, der fordert, dass der Weihnachtsmann endlich abnimmt, ist eine dieser Geschichten, die für Medien unwiderstehlich sind. Der australische Epidemologe Nathan Grills soll in der britischen Ärztezeitschrift „British Medical Journal“ einen Artikel veröffentlicht haben, der vor den Gefahren warnt, dass Kinder sich den Geschenkelieferanten und seinen Lebensstil (Rauchen, Saufen, Rasen ohne Helm) als Vorbild nehmen. Grills habe sogar einen Zusammenhang zwischen Ländern, in denen der Weihnachtsmann verehrt wird, und dem Anteil fettleibiger Kinder gefunden, hieß es.

Grills Artikel wurde gerade rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit veröffentlicht, und er hat weltweite Beachtung gefunden. In Deutschland verbreiteten die Nachrichtenagenturen dpa und AFP die Meldung. „Berliner Morgenpost“ und „Die Welt“ meldeten: „Wissenschaftler kritisiert Weihnachtsmann“. Der „Tagesspiegel“ empörte sich:

Ein australischer Forscher hat den Weihnachtsstress auf seine Weise umgesetzt. Er verunglimpfte den Weihnachtsmann unter dem Vorwand wissenschaftlicher Erkenntnisse in dem angesehenen „British Medical Journal“.

Der „Berliner Kurier“ räumte der „Weihnachtsmann-Debatte“ breiten Raum ein („Mediziner schlagen ernsthaft Alarm“) und schrieb:

Ganz klar, der Typ ist eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, zumindest aber für die Volksgesundheit. So sehen es einige Mediziner, und deshalb soll sich der Weihnachtsmann, denn von ihm ist hier die Rede, einer rigorosen Verhaltenstherapie unterziehen.

Glauben Sie nicht? Das hoch seriöse „British Medical Journal“ schreibt genau das in seiner neuesten Ausgabe.

Der Online-Ableger des sich bestimmt auch für hoch seriös haltenden deutschen „Ärzteblattes“ berichtete ebenso wie tagesschau.de, n-tv.de und die „Pharmazeutische Zeitung“.

Im „Focus“ formulierte Wissenschaftsredakteur Werner Siefer eine Meldung, die mit den Sätzen beginnt:

Der Weihnachtsmann solle abnehmen und das Rauchen aufhören. Diese durchaus ernst gemeinte Forderung stellt der australische Arzt Nathan Grills von der Monash University.

Und Werner Bartens, Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der „Süddeutschen Zeitung“, widmete dem Thema die Heiligabend-Ausgabe seiner Kolumne „Wissenschaft & Wahnsinn“ — was in diesem Fall leider nur zur Hälfte ein treffender Titel war, denn Grills hat seine Forderung durchaus unernst gemeint, und diese Geschichte ist wieder eine von Journalismus & Wahnsinn.

Denn die Studie und die Forderungen von Dr. Grills: Sie sind ein Witz. Satire. Eine Parodie auf die Papiere, die in solchen Zeitschriften veröffentlicht werden. Gedruckt in einem humorvoll gemeinten Weihnachts-Sonderteil des „British Medical Journal“, illustriert übrigens mit dieser Abbildung — der Zeichner ist, was ein deutliches Signal von vielen ist, die Abhandlung nicht ernst zu nehmen, als Co-Autor des wissenschaftlichen Papiers genannt.

Man muss den Menschen vermutlich verbieten, solche Dinge zu veröffentlichen. Denn Journalisten glauben alles, recherchieren nichts, fallen auf jeden Witz herein, tragen ihn um die Welt und werden die Sache nie wieder korrigieren. Oder jedenfalls: Es werden sich immer Journalisten (und Nachrichtenagenturen und Medien) finden, auf die all das zutrifft.

Und es ist nicht so, dass Grills versucht hätte, irgendjemanden zu täuschen. Man musste ihn nur kontaktieren, um das Offenkundige bestätigt zu bekommen: Es war alles ein Witz.

Dabei fällt mir ein, dass „SZ“-Autor Johannes Boie sich in einem Blogeintrag vor ein paar Wochen öffentlich darüber geärgert hat, dass Hinz & Kunz nun glauben, sich als große Medienkritiker aufspielen zu können, wenn sie nur mit einer blöden Täuschungsaktion Journalisten erfolgreich in die Irre geführt haben. Er hat ja nicht ganz unrecht, wenn er sich über die Vielzahl der bewussten Falschinformationen beklagt und die darauf folgende Empörung über die Dämlichkeit der Medien gelegentlich wohlfeil findet. Andererseits sind es halt nicht nur irgendwelche Menschen mit Langeweile, Blog und Geltungsdrang, die versuchen, Journalisten in die Irre zu führen. Es sind Geschäftsleute, die ihre Umsätze schönen. Politiker, die nicht vorhandene Erfolge verkaufen. PR-Leute, die eine Werbebotschaft in die Welt bringen wollen. Geheimdienste, die mit komplexen Lügen an der Legitimation von Kriegen arbeiten. Das ist Alltag journalistischer Arbeit, kein durch böswillige Saboteure herbeigeführter Sonderfall.

Es ist die ureigene Aufgabe von Journalisten, Behauptungen zu überprüfen und auf irgendwelche Lügen und Täuschungsversuche nicht hereinzufallen. (Dass das nicht immer gelingt, ist unvermeidlich. Aber ein Journalist, der Ende 2009 immer noch falschen Twitter-Accounts vertraut, hat den falschen Beruf erwischt.)

Nach dem Bluewater-Debakel gab sich die Nachrichtenagentur dpa zerknirscht und formulierte sechs „Lehren“, wie mit exklusiven Informationen und zweifelhaften Quellen zu verfahren sei. Nur drei Monate später fiel sie auf eine schlichte E-Mail herein, die behauptete, von der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zu kommen, dem Bundespräsidenten ein falsches Zitat unterschob und den ebenso guten wie unglaubwürdigen Vorschlag machte, in den Stiftungsrat auch Persönlichkeiten mit Flüchtlingserfahrungen aus aktueller Zeit aufzunehmen. Danach gab es interessanterweise keine Entschuldigung von dpa bei den Kunden oder Lesern, keine Zerknirschtheit, nur ein trotziges: „Dass es sich bei der Mitteilung und der dazugehörigen Internetseite um eine Fälschung handelte, war zunächst nicht erkennbar.“

Oh, Verzeihung, ich bin weit weggekommen von dem Weihnachtsmann-Märchen. Die Geschichte hat noch ein ganz anderes Problem: Sie wäre auch Quatsch, wenn sie kein Quatsch wäre. Warum hat eine Meldung, dass irgendein Forscher am anderen Ende der Welt meint, dass der Weihnachtsmann ein Gesundheitsrisiko darstellt, einen so hohen Nachrichtenwert, dass sie es weltweit in die Medien schafft? Je abwegiger die Forderung ist, die irgendjemand aufstellt, um so größer die Chance, dass sie weite Verbreitung findet.

Der Wissenschaftler Grills untersucht sonst übrigens, wie sich HIV auf dem Land in Indien ausbreitet und wie Wohltätigkeits-Organisationen am besten den Opfern helfen können. Damit hat er aber natürlich nie soviel Aufmerksamkeit bekommen.

[via Stinky Journalism]

Norbert Lammert und das schlechte Gesetz

Auch wenn ungezählte Medien gerade das Gegenteil behaupten: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat dem von ihm jetzt kritisierten sogenannten Wachstumsbeschleunigungsgesetz der schwarz-gelben Koalition im Bundestag zugestimmt. Man kann das an vielen Stellen überprüfen: Im „Parlameter“-Angebot von heute.de (leider nicht direkt verlinkbar), auf abgeordnetenwatch.de und, vermutlich am Überzeugendsten: Im Protokoll der Abstimmung auf der Homepage des Deutschen Bundestages.

Trotzdem berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Sonntagmorgen:

Lammert kritisierte auch das sogenannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das mit der Mehrheit von CDU/CSU und FDP im Bundestag verabschiedet worden war. Er habe dem Paket ausdrücklich nicht zugestimmt und mit Nachdruck für eine andere Vorgehensweise geworben.

Und die Konkurrenz von AFP formulierte es sogar als Tatsache:

Lammert hatte dem auch innerhalb der Union äußerst umstrittenen Wachstumsbeschleunigungsgesetz im Bundestag nicht zugestimmt.

Weil in vielen Redaktionen keine Journalisten arbeiten, sondern Meldungsübernehmer, findet sich die Ente u.a. auch auf tagesschau.de, „Focus Online“, sueddeutsche.de, Handelsblatt.com. Und „WAZ“-Leitartikler Miguel Sanches fantasiert:

Norbert Lammert gehört zu den CDU-Abgeordneten, die dem Steuerpaket der Koalition im Bundestag nicht zugestimmt haben. Das ist ein paar Wochen her und war schon damals ein Vorgang.

Nein.

Der „Vorgang“ bestand darin, dass Lammert seine Zustimmung mit einer persönlichen Erklärung verband, in der er die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelbetriebe als „willkürlich“, „nicht praktikabel“ und „unsinnig“ kritisierte. Außerdem stimmte er für einen entsprechenden Änderungsantrag der Grünen, diesen Punkt aus dem Gesetz zu entfernen. Aber eben auch für das Gesetz selbst.

Die Falschmeldung geht offenbar darauf zurück, dass Lammert dem Deutschlandfunk ein Interview gab, in dem es hieß:

Lammert: Aber in dieses Gesetz sind neben manchen sinnvollen auch manche zweifelhafte und einige, wie ich finde, schlicht misslungene, auch nicht vertretbare Regelungen hereingekommen.

Adler: Und wenn wir das Kind beim Namen nennen, dann meinen Sie die Mehrwertsteuerabsenkung für Hotels?

Lammert: Ja, ich habe dieser Regelung ja auch nicht zugestimmt.

„Dieser Regelung“, nicht dem ganzen Paket. Es war also nicht der Bundestagspräsident, der die Falschmeldung in die Welt gesetzt hat. Es waren ahnungslose, schlampig arbeitende Journalisten.

[mit Dank an Michael Dreisigacker]

Kurz verlinkt (45)

Trotzdem betrachtet etwa „Springer“-Chef Matthias Döpfner direkte Bezahlung für werbefinanzierte Inhalte als gewissermaßen gottgegebenes Vorrecht, das auch für Verlage gelten müsse. Im Gespräch mit dem „manager magazin“ sprach er im Zusammenhang mit kostenlosen Inhalten im Netz von „abstrusen Phantasien spätideologisch verirrter Web-Kommunisten“. Dass journalistische Angebote online fast ausschließlich kostenlos verbreitet werden, sei ein „Unsinn“. Springer sei aber „nicht groß genug“ gewesen, „um diesen Wahnsinn allein zu stoppen“.

Döpfner sagte nicht, ob er auch die Anteilseigner der ProsiebenSat.1 Media AG für Wahnsinnige hält. Oder die Eigentümer der RTL Group. Wo die doch seit Jahrzehnten die Kostenloskultur des privaten Rundfunks nähren mit ihren Angeboten. Springer selbst besitzt Anteile an mehreren Privatradiosendern.

„Spiegel Online“-Redakteur Christian Stöcker entlarvt die Quatsch-Argumentation von Mathias Döpfner.

Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt

Die Axel Springer AG hat also das „Hamburger Abendblatt“ dazu erkoren, der Branche vorzumachen, wie Bezahlinhalte („Paid Content“) im Internet vermutlich nicht funktionieren.

Ohne jede Ankündigung standen die Leser heute plötzlich vor geschlossenen Schranken mit Euro-Zeichen. Und nicht nur die Leser: Auch viele Mitarbeiter wussten nichts davon, dass die Angebote, für die sie arbeiten, nicht mehr frei zugänglich sind. Die Online-Inhalte der Lokalausgaben sind komplett kostenpflichtig; in den Haupt-Ressorts ist es eine größere Auswahl.

Wer alle Texte lesen will, muss entweder Abonnent der gedruckten Zeitung sein oder für 7,95 Euro im Monat Abonnent der Online-Ausgabe werden. Sich einen einzelnen Artikel, an dem man besonders interessiert ist oder über den man vielleicht bei Google gestoßen ist, für ein paar Cent freizuschalten, ist nicht möglich. Damit folgt das „Abendblatt“ exakt der tödlichen Strategie der Musikindustrie, die sich jahrelang geweigert hatte, dem offenkundigen und technisch leicht zu erfüllenden Wunsch der Kundschaft nachzukommen, einzelne Musiktitel erwerben zu können. Die Musikindustrie aber wollte um jeden Preis am für sie lukrativen Geschäftsmodell der CD festhalten — mit dem Ergebnis, dass sie fast am Ende ist und branchenfremde Unternehmen wie iTunes jetzt groß im Geschäft sind.

Die Zeitungsbranche glaubt aber immer noch, dass ihr Geschäft so läuft, dass die Leser die Inhalte gefälligst so zu kaufen haben, wie die Verlage sie verkaufen wollen. Die Verleger glauben offenkundig, dass sich bei Journalismus nicht um eine Dienstleistung handelt, bei der die erfolgsversprechendste Strategie die ist, die den Wünschen der Kundschaft so weit wie möglich entgegenkommt. Sie halten sich für unverzichtbar und ihre Produkte für unersetzbar. Sie folgen der Musikbranche in den Abgrund.

Das Bezahl-„Konzept“ des „Abendblattes“ ist kein neues Geschäftsmodell. Es ist der verzweifelte Versuch, das alte, für die Verlage komfortable Geschäftsmodell des Abonnements und des Kaufs ganzer Zeitungen, in ein neues Medium zu retten, das die Kunden von den Fesseln solcher Geschäftsmodelle befreit.

Man muss den Text „In eigener Sache“ vom stellvertretenden „Abendblatt“-Chefredakteur Matthias Iken lesen, der heute auf der Startseite von abendblatt.de steht. Man könnte denken, dass ein Händler, der plötzlich eine so radikale Verteuerung seines Angebotes bekannt geben muss, alles dafür tut, seine Kunden zu umwerben, ihm treu zu bleiben. Ikens Text aber ist eine Frechheit. Er liest sich fast, als müsste man sich als Leser von Online-Medien schämen, dafür so lange nichts gezahlt zu haben. Das muss man erst einmal bringen: Bei der Bewerbung seines eigenen „Qualitätsjournalismus“ Absätze lang rumzuschimpfen wie ein einarmiger Renter 1968 über die langhaarigen Studenten.

Viele Nutzer, schreibt er, hätten „eine echte Freibiermentalität entwickelt“. Man kann nicht oft genug wiederholen, dass das Problem der Verlage im Internet nicht die angeblich dort herrschende Kostenlos-Mentalität ist. Eigentlich würden sich die Online-Inhalte auch allein durch Werbung finanzieren lassen, da die Vertriebs- und Druckkosten wegfallen und die Reichweite größer ist. Der Grund, warum die Werbeeinnahmen in den meisten Fällen (noch) nicht ausreichen, hat nichts mit den Lesern und ihrer „Freibiermentalität“ zu tun, sondern damit, dass die Medien im Internet ihr Monopol als Werbeflächen verloren haben. Früher musste ein Unternehmen, das Kunden mit Werbung erreichen wollte, auf Zeitungen und Zeitschriften, Fernsehen, Radio und Außenmedien zurückgreifen. Heute kann es auf eine Vielzahl weiterer Werbeflächen zurückgreifen, darunter solche, die in vielen Fällen ein weitaus erfolgversprechenderes Umfeld darstellen als Journalismus: Suchmaschinen zum Beispiel. Vor allem deshalb sind die Werbeerlöse im Internet so frustrierend niedrig: Das Angebot an Werbeflächen ist viel größer. Man nennt das Markt.

Und wenn der „Abendblatt“-Vize ernsthaft glaubt, dass in der Anfangszeit des Web vor lauter Begeisterung über die technischen Möglichkeiten die Frage der Einnahmen „vergessen“ worden sind — vielleicht könnte ihm jemand erklären, wie das zum Beispiel war mit Google. Wo auch alle jahrelang dachten, die hätten kein Geschäftsmodell, dabei hat Google nur eine interessante Reihenfolge gewählt: Das Unternehmen hat erst alles daran gesetzt, die größtmögliche Reichweite aufzubauen und seine Kunden glücklich bis süchtig zu machen. Und dann Wege gesucht und gefunden, diese Reichweite und diese Treue in Geld zu verwandeln. Mag sein, dass das mit Journalismus schwerer ist als mit einer Suchmaschine. Aber wenn man die Augen fest vor der Realität verschließt, ist es unmöglich.

Das Geschäftsmodell der vergangenen Jahre nennt Iken das „Mutter-Theresa-Prinzip“, was vermutlich tatsächlich der Selbstwahrnehmung vieler seiner Kollegen entspricht: Sie haben ihre Inhalte nicht ins Internet gebracht, um ihre Reichweite zu vergrößern; um neue, junge Leser zu erreichen; um eine Zukunft zu haben, wenn in absehbarer Zeit kaum noch Menschen Zeitung lesen; um mit Texten, die ohnehin durch die Print-Ausgabe schon finanziert waren, noch zusätzliche Werbeerlöse zu generieren, nein: Sie haben ihre Inhalte kostenlos ins Internet gebracht als gute Gabe für die armen Menschen, die sonst nicht wüssten, was in der Welt passiert. Das „Mutter-Theresa-Prinzip“.

Der Gedanke, dass Medien sich zumindest teilweise über Werbung finanzieren, kommt in Ikens verlogenem Text nicht einmal so vor. Er behauptet, man habe „vergessen, Geld zu verdienen“. Er schreibt: „Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus.“ Was für ein „Nulltarif“? Ikens Text ist umgeben von Werbeflächen. Man kann darüber reden, inwiefern eine vollständige Abhängigkeit von Werbeeinnahmen gefährlich sein kann für unabhängigen Journalismus, aber mit jemandem, der so unredlich ist wie Iken, kann und muss man darüber nicht reden.

Iken behauptet, dass der Leser von abendblatt.de etwas „Werthaltiges“ bekommt (womöglich hat irgendein versehentlich eingebauter Realitätscheck im Redaktionssystem verhindert, dass er „wertvoll“ schreibt). Er schreibt:

Längst ist der Online-Journalismus zu einer eigenen Gattung geworden. Das einfache Verfügbarmachen von Texten aus der Zeitung im Netz war noch wenig originell, inzwischen aber sind neue und aufwendige Formate hinzugekommen.

Ja, „originell“ war es natürlich vom „Hamburger Abendblatt“, Inhalte so für das Internet aufzubereiten, dass man Dutzende Male klicken musste, um sie lesen zu können, was insofern natürlich ein „aufwendiges Format“ ist — für den Leser. Es lohnt sich übrigens, die gewaltige Zahl von empörten Leserkommentaren unter Ikens Text zu lesen, die keineswegs nur je zur Hälfe aus Angetrunkenen und Durstigen bestehen, die ihr Freibier vermissen, sondern auch aus enttäuschten „Abendblatt“-Lesern (die ohnehin damit geschlagen sind, in einer Millionen-Metropole zu leben, in der das die einzige ernstzunehmende Lokalzeitung ist wäre). Das heißt: Es würde sich lohnen, die Kommentare zu lesen, wenn die qualitätsbewussten Leute von abendblatt.de das nicht geschickt so programmiert hätten, dass man immer nur drei Beiträge angezeigt bekommt. Für die aktuell über 300 Kommentare müsste man also 100-mal klicken.

Iken fragt:

Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?

Was er offensichtlich nicht verstanden hat: Die Antwort auf diese Frage gibt nicht er. Die Antwort geben die Menschen, denen vielleicht tatsächlich der „Kaffee im Pappbecher“ drei Euro wert ist, aber der Artikel aus dem „Abendblatt“, und sei er noch so aufwendig recherchiert, keine drei Cent. Weil sie der Kaffee glücklich macht, und sie sich nicht von irgendeinem dahergelaufenen Vize-Chefredakteur bei Springer erzählen lassen wollen, ob die Casting-Show, bei der sie mitfiebern und mitwählen, „sinnbefreit“ ist.

Die einzige Chance, die der Journalismus hat, liegt darin, den Menschen etwas anzubieten, das sie lesen wollen. Das einen Wert hat für sie, weil sie sich gut informiert fühlen oder gut unterhalten oder beides. Das sie so gut und so wichtig finden, dass sie darauf nicht verzichten wollen und bereit sind, dafür etwas zu geben: Zu allererst ihre Zeit. Das ist der eigentliche Tausch, der da stattfindet: Leser belohnen Medien dadurch, dass sie ihnen Aufmerksamkeit schenken, ein rares Gut. Und vielleicht geben sie sogar Geld. Aber dazu lassen sie sich nur überzeugen durch ein Angebot, das ihnen Geld Wert ist — und vermutlich nicht durch das Gefühl, dass so Journalismus ja theoretisch wichtig ist und jemand dafür zahlen sollte. Und ganz sicher nicht durch einen Verkäufer, der ihnen Vorwürfe macht, dass sie ihr Geld für sinnlose Sachen wie „Kaffee in Pappbechern“ ausgeben.

Ikens Text ist ein notdürftig als Werbetext getarnter Abwasserrohrbruch. Er endet mit den Worten:

Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos.

Anscheinend glauben die Verantwortlichen beim „Abendblatt“, die Redensart vom „Selbstmord aus Angst vor dem Tode“ sei keine Warnung, sondern ein Ratschlag.

Nachträge, 17. Dezember.