Stranger In The Night

Vielleicht können Sie mir kurz helfen.

Gerade lief die erste Vorentscheidsshow zum Grand Prix, und es gab einen Song für Lena, der cool war: „Taken By A Stranger“.

Der Beat, die Drums, das alles erinnert mich frappierend an:

Tja. Ich komm nicht drauf. Das Stück hat natürlich Ankläge an „Maneater“ und „Tainted Love“, aber das meine ich nicht.

Eh ich wahnsinnig werde (oder meine Umgebung mache): Ideen, anyone?

(Inhaltliche Diskussionen über die Sendung und die Klugheit der Idee, Lena noch einmal antreten zu lassen, bitte nicht hier, sondern hier.)

Wie die Print-Lobby Kinder indoktriniert

Die Bayerische Staatskanzlei hat im Herbst mit einem Pilotprojekt begonnen, das Grundschülern Medienkompetenz beibringen soll: Sie machen einen „Medienführerschein“, den sie in Form einer Urkunde ausgehändigt bekommen.

In der Unterrichtseinheit „Schau genau hin!“ für die dritte und vierte Klasse sollen die Kinder lernen, Nachrichtenwege zu erkennen und zu bewerten. Sie tun das anhand eines Überfalls, bei dem ein Junge auf Rollschuhen einer Frau die Handtasche entreißt. Leon, der kleine Löwe, erforscht mit den Schülern dann, auf welchen Wegen es die Nachricht in die Zeitung und ins Internet schafft. Und mit welchem Ergebnis:

Bernd, der blöde Blogger, hat ungefähr alle Fakten falsch verstanden. Das ist kein Wunder, denn im Internet werden ja, anders als bei der Zeitung, die Informationen vor der Veröffentlichung nicht überprüft. Oder wie es im Begleitmaterial für die Lehrer heißt:

Die Kinder sortieren die einzelnen Schritte der vorgeschlagenen Nachrichtenwege. Danach vergleichen sie: Einmal sind es drei, einmal vier Schritte. Welcher Schritt fehlt bei dem Nachrichtenweg ins Internet im Vergleich zum Weg in die Zeitung? Antwort: Es ist die Überprüfung der Information. Der Journalist hat bei der Polizei nachgefragt, die Fakten gesammelt und erst dann veröffentlicht.

(…)

Beim Blog-Text werden die Informationen ungeprüft ins Netz gestellt. Vielleicht hat Bernd einiges missverstanden oder erinnert sich nicht mehr genau. Fakt aber ist, dass seine Informationen nicht geprüft sind. An dieser Stelle bietet sich auch der Vergleich zu dem Spiel „Stille Post“ an. Auch da gehen Informationen auf dem Weg der Übermittlung verloren. Natürlich können auch Journalisten etwas falsch verstehen. Deshalb können in einer Zeitung ebenfalls fehlerhafte Informationen stehen. Sollte dies vorkommen, werden dort in der Regel aber Falschmeldungen korrigiert.

Am Ende der Unterrichtseinheit können die Kinder bei einem „Quiz für Medienprofis“ zeigen, was sie gelernt haben:

Unter dem Vorwand einer guten Sache, nämlich Kinder dafür zu sensibilisieren, dass nicht jeder Information zu trauen ist und dass Quellen unterschiedlich vertrauenswürdig sind, erzählt der bayerische „Medienführerschein“ ihnen das Märchen von der Überlegenheit gedruckter Nachricht. Es geht nicht nur um den Kontrast professionell ersteller journalistischer Informationen zu privaten Blogs — eine zumindest theoretisch sinnvolle Gegenüberstellung (auch wenn mit spontan gleich mehrere vermeintlich professionelle Medien einfallen, denen ich im Zweifel weniger Glauben schenken würde als einem unbekannten Blog). Die Unterrichtsmaterialen mischen das konsequent mit dem behaupteten qualitativen Unterschied zwischen Print und Online.

Die Rede ist immer wieder vom Nachrichtenweg „in die Zeitung“ im Gegensatz zum Nachrichtenweg „ins Internet“. Auch am Papier soll man also erkennen können, wie vertrauenswürdig eine Information ist. Und mit der anzukreuzenden Aussage „Jeder kann im Internet schreiben, was er will“ wird die Mär vom Internet als rechtsfreier Raum schon Drittklässlern vermittelt.

Wobei nicht alles, was online steht, schlecht sein muss. Das Begleitmaterial behauptet:

Informationsseiten von Zeitungen oder Sendeanstalten unterliegen dem Presserecht (Sorgfaltspflicht der Presse) und sind daher in der Regel geprüft.

Vielleicht könnte man die Kinder im Rahmen des „Medienführerscheins“ einmal suchen lassen nach den Korrekturen, mit denen Journalisten, wenn sie etwas falsch verstanden haben, ihre Fehler „in der Regel“ richtigstellen. Oder Leute fragen, die versucht haben, eine solche Korrektur durchzusetzen. Vielleicht ist das aber auch erst etwas für die fünfte oder sechste Klasse.

„Schau genau hin!“ heißt die Lerneinheit. Zu ihren ehrenwerten Zielen gehört es, dass die Kinder (jedenfalls im Internet) auf den Urheber einer Nachricht achten sollen, um die Glaubwürdigkeit von Informationen bewerten zu können. „Firmen verfolgen eigene Interessen“, warnt das Begleitmaterial, „und werden vor allem sich selbst oder ihre Produkte ins rechte Licht rücken.“

In der Tat. Herausgeber der Unterrichtseinheit ist übrigens zufällig der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV). Ich hoffe, Kinder und Lehrer schauen genau hin, entdecken dessen kleines Logo auf der Titelseite und denken sich ihren Teil, was von dieser Printpropaganda zu halten ist.

[via Ulrich Fries und seine Eck.Dose]

Nachtrag, 2. Februar. Gunnar Sohn hat erfolglos versucht, eine Stellungnahme der Bayerischen Staatsregierung zu bekommen, hörte aber nur vom Verlegerverband:

Um 17,30 Uhr rief mich der VBZV-Geschäftsführer Dr. Markus Rick an. Die Printlastigkeit der Broschüre könne nicht überraschen, da ja der VBZV der Herausgeber sei. Das ist nachvollziehbar. Da das Projekt aber modular aufgebaut sei, würden auch die anderen Medienformate nicht zu kurz kommen. Die Staatskanzlei hatte die Initiative für einen Medienführerschein wegen mehrerer Vorkommnisse gestartet. Dazu zählt auch der Amoklauf von Winnenden. Hier sah die Landesregierung politischen Handlungsbedarf. Mittlerweile lägen Erfahrungen mit dem Medienführerschein in 30 Pilotschulen vor und man werde das Projekt auf freiwilliger Basis ausweiten. Steuergelder wurden dafür nach Angaben von Rick nicht in Anspruch genommen. Das wird über die Zeitungsverlage finanziert. Das Printmodul sei dem Kultusministerium vorgelegt und geprüft worden. Es würde den Lehrplänen der dritten und vierten Klasse entsprechen. Die Darstellung der Bloggerwelt hält Rick für eine pointierte Verkürzung. Als zentrale Botschaft soll vermittelt werden, dass es sich bei der Zeitung um ein geprüftes Produkt handeln würde.

Das Dschungelcamp und das Sich-Ekel-Fernsehen von „Spiegel-TV“

Es ist immer wieder ein Kulturschock, wenn im RTL-Programm „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ an das Magazin von Spiegel-TV stößt. Auf der einen Seite diese läppische Sendung mit ihren albernen Witzen und schlechten Kalauern, die fast nur von Häme lebt. Und auf der anderen Seite das Dschungelcamp.

Dabei haben sich die Spiegel-TV-Leute viel Mühe gegeben in den vergangenen beiden Wochen, von der Aufmerksamkeit für die Dschungelshow zu profitieren. Sie haben einen Bericht gemacht über Rainer Langhans und einen über „Promis in der Schuldenfalle“. Sie haben berichtet über den „Dschungel unter deutschen Dächern“, über „Neues aus der Ekel-Forschung“ und, natürlich, über Hitler. Hitler war nämlich, genau wie Sarah Dingens im Camp, Vegetarier! „Die vegetarische Fangemeinde lässt es gern unter den Tisch fallen, doch es ist wahr: Adolf Hitler aß zu Lebzeiten kaum Fleisch.“

Und nun das Finale. Keine Werbepause, kein Sponsor, unmittelbar nach der letzten Szene aus dem australischen Dschungel wird die Temperatur auf Frösteln heruntergedreht:

Maria Gresz steht da und sagt:

„Jetzt ist es also soweit: Des Deutschen liebstes Hassobjekt ist am Ende und seine Hauptdarsteller irgendwie auch. Ab morgen können wir nur hoffen, dass im Kanzlercamp wieder die Post abgeht. Dass Angela mit Guido rumknutscht. Dass Claudia rot sieht und ausplaudert, dass die Regierungsarbeit nur Show ist und dass die Abgeordneten nur mitspielen, weil sie dafür Geld vom Privaternsehen bekommne. Ich weiß, das wird nicht passieren. Wär aber lustig. Derartige Unterhaltung gibt es eben nur im Dschungel. Dort wo die Zivilisation freiwillig ihre Hüllen fallen ließ und damit Millionen Zuschauer zu glücklichen Voyeuren machte.“

In zwei Wochen im Dschungel wird den Kandidaten, den Tieren und der Menschenwürde nicht so viel Gewalt angetan wie der deutschen Sprache in einer einzigen Spiegel-TV-Anmoderation. Wer danach nicht sofort abschaltet, steckt sofort knietief in einem Metaphernschlammbad, gefüllt mit gammeligen Teekesselchen. „Die vermeintliche Machtausübung“ der abstimmenden Zuschauer, sagt der Sprecher, „sorgt für besonderes Kribbeln – auch am Körper des Altkommunarden Rainer Langhans.“ Das Bild dazu:

Später heißt es: „Ehemalige Camp-Bewohner können ein Lied davon singen“ – bitte schön: Werner Böhm tut es.

Spiegel-TV-Leute leiden unter einer schlimmen Synonymzwangsstörung. Über Rainer Langhans darf nicht berichtet werden, ohne ihn mindestens einmal den „Apo-Opa“ zu nennen. Mit der Alternative „Gleichmut-Guru“ gibt es später noch Alliterations-Bonuspunkte. Und überhaupt, was ist der Dschungel? „Das Guantanamo der Z-Prominenz.“

Auf den ersten Blick ungewöhnlich ist es, dass Spiegel-TV ausgerechnet das Berliner Rumpelblatt „B.Z.“ als Beleg dafür zeigt, dass „das deutsche Feuilleton – ganz im Geiste Brechts – eine reflektorische Metaebene beim Miteinander von Mensch und Made“ entdeckt habe. Vermutlich bringt aber der Autor des entsprechenden Beitrags selbst die fehlende behauptete Fallhöhe mit:

Ross Antony, der die Show vor drei Jahren gewann und dabei auf sympathisch-schockierend-lustige Weise seine eigenen Phobien überwand, wird im Spiegel-TV-Deutsch zum „bekennenden Homosexuellen“, der „etwas Gutes für seine Community tun wollte“.

Und fast jeder Satz trieft von Herablassung. Es ist Sich-Ekel-Fernsehen bis hin zur Anmaßung, den Teilnehmern pauschal „verunglückte Lebensentwürfe“ zu unterstellen. Dann ist der Dschungelbeitrag vorbei (oder wie Spiegel-TV sagen würde: am Ende), und die Moderatorin leitet wie folgt zum nächsten Thema über:

„Es soll in dieser Welt noch Menschen geben, die weniger scharf auf Kameras sind. Waffenhändler zum Beispiel.“

Den Beitrag auf spiegel.de ansehen

Peer aspera ad astra: Dschungelkrönung live

Ich habe das Vergnügen und die Ehre, das Finale von „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ mit dem Herm gucken zu dürfen. Und Sie können dabei sein. Im Liveblog. Jetzt.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Im Internet das Gute im Fernsehen finden

Gestern sind die Nominierungen für den den Grimme-Preis 2011 bekanntgegeben worden. Das ist eine gute Gelegenheit, für die Seite tittelbach.tv zu werben.

Rainer Tittelbach ist freier Journalist und TV-Kritiker. Er schreibt über Fernsehfilme und Krimi-Reihen und sieht sie im Zweifelsfall alle. Auf seiner Internetseite, die er seit Herbst 2009 betreibt, sammelt er nicht einfach nur seine Texte. Er verlinkt und sortiert, er empfiehlt und analysiert, es ist eine gewaltige Datenbank, eine ideale Kombination aus Service und Feuilleton.

Zum Beispiel jetzt zu Grimme. Ich wüsste nicht, an welcher Stelle man so umfassend, zugänglich und zuverlässig informiert würde über die nominierten Filme wie hier. Tittelbach analysiert kurz die Entscheidung und nennt seine eigenen Favoriten. Er hat zu jedem nominierten Film eine Kurzkritik verfasst, die zur Langfassung verlinkt. Dort finden sich, wie zu jedem der Hunderte besprochenen Filme, Inhaltsangabe und Kritik, ein Urteil in Form von bis zu sechs Sternen, Angaben zu Besetzung und Stab, Sendetermin, Einschaltquote, manchmal Verweise auf YouTube-Clips. Hinter vielen Namen in der Übersicht liegen Links zu Interviews und Portraits.

Als Bonusmaterial sammelt Tittelbach Informationen zu Soundtracks in Fernsehfilmen. Man kann sich die Filme eines Tages anzeigen lassen und in den besten Premieren und Wiederholungen der nächsten Tage stöbern.

Rainer Tittelbach sucht und findet (anders als ich) das Gute und Wertvolle im Fernsehen. Er schreibt über das Selbstverständnis seiner Seite:

Die Spitzenproduktionen innerhalb des Fernsehfilms und TV-Reihen wie „Tatort“, „Bloch“ oder „Bella Block“ sind im internationalen Vergleich seit Jahren Weltspitze.

In den Medien aber fristen diese oft außergewöhnlichen Filme ein Schattendasein. Mit der Medienkrise schrumpfen die Fernsehseiten vieler Tageszeitungen, Agenturen übernehmen die Rolle der TV-Kritik. Das Zufallsprinzip und der Zwang zum Populären bestimmen die Auswahl der Themen. (…)

tittelbach.tv richtet sich an Zuschauer, die gute Fernsehfilme zu schätzen wissen und sich auf einen „Tatort“ genau so freuen können wie auf einen gelobten Kinofilm. Auf der Seite befinden sich pro Monat bis zu 100 Vorbesprechungen von TV-Premieren und sehenswerten Wiederholungen — kompetent, knapp, klar, vorurteilsfrei, vergleichend, verlässlich, bei einem Vorlauf von zwei bis drei Wochen. Die so entstehende Fernsehfilm-Datenbank wird nach und nach aufgestockt um einige Kritiken der besten Fernsehfilme der letzten zehn Jahre.

Schwer zu glauben, dass ein einziger Journalist all das stemmt. Es imponiert mir, wie konsequent er die Möglichkeiten des Mediums Internet nutzt. Eine „hochwertige, systematische Fernsehfilmkritik-Datenbank“ soll tittelbach.tv werden, und Rainer Tittelbach hofft natürlich, dass sich damit einmal auch Geld verdienen lässt. Vom Print-Journalismus verspricht er sich nicht mehr viel.

Ich wünsche ihm, dass tittelbach.tv sein Publikum findet. Nur über die fünfeinhalb Sterne für die ZDF-Klimakterium-Klamotte „Klimawechsel“ müssten wir vielleicht nochmal reden.

Langsam brauche ich ein Meta-Maß

Vorsicht Hyperselbstreferentialität. In diesem Eintrag schreibe ich darüber, was „Welt Online“ darüber schreibt, was ich darüber geschrieben habe, was „Welt Online“ über das RTL-Dschungelcamp schreibt. Wenn Sie jetzt schon Kopfschmerzen haben, lesen Sie bitte nicht weiter.
 

Jedenfalls steht auf „Welt Online“, dass die RTL-Show „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ „auf verschiedenen Ebenen den Zustand von Fernsehen und Gesellschaft“ zeigt. Der Artikel nennt zehn Stichpunkte, „was man deshalb wissen sollte“. Einer davon heißt „MEDIENKRITIK“:

Der Blogger und Medienjournalist Stefan Niggemeier wirft vielen Medien Heuchelei vor. Was er meint? „Die Doppelmoral, sich über die Ekligkeit der Show zu empören und gleichzeitig möglichst stark von ihr profitieren zu wollen“. Für viel Geld produziere der Privatsender RTL eine Show und alle betreiben „Zweitverwertung“, schrieb Niggemeier in seinem Blog. Genervt ist er von der „Inflation der Fernsehsendungsnacherzählung“ und sogenannten Besinnungsaufsätzen, die scheinbar humorvoll Distanz suggerieren.

Die Information, wen ich damit konkret gemeint habe, wollte „Welt Online“ seinen Lesern wohl nicht zumuten.

Nachtrag/Korrektur, 16:15 Uhr. Der „Welt Online“-Artikel ist eine dpa-Meldung. Das macht, zugegeben, meine Pointe ein bisschen kaputt.

Dieter Nuhr

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Vielleicht funktioniert Dieter Nuhr auf RTL so gut, weil die Zuschauer ihn für ein neues Modell von Oliver Geißen halten, in dem der Kumpel-Simulator gegen einen dezenten Intelligenz-Ausstrahler ausgetauscht wurde. Er hat eine ähnliche Art, unterwältigt zu wirken von dem, was er da macht. Das wäre ein angenehmer Kontrast zu den Schreylhälsen, die das Medium sonst dominieren, würde nicht dieser leere Blick, diese monotone Stimme, dieses ganze körperliche Beiläufigkeit regelmäßig einen Ausschaltreflex bei mir auslösen, in der Fernbedienung, manchmal im Gehirn.

Dieter Nuhr hat es geschafft, die Welten des Kabaretts und des Klamauks miteinander zu versöhnen: Er wirkt — wenn man es schafft, die Augen offen zu halten — wie ein Komiker, nur klüger, oder ein Kabarettist, nur lustiger. In dieser Woche hatte er passenderweise zwei Premieren: Auf RTL moderiert er die Show „Typisch Frau – typisch Mann“, die tatsächlich noch egaler ist als ihm. (Eigentlich müsste man klagen, wie schlimm sie zusammengeschnitten war, andererseits möchte man sich die nicht-zusammengeschnittene Version nicht vorstellen.)

Und im Ersten ist er der neue Gastgeber im doppelt irreführend benannten „Satire Gipfel“, einer Sendung, in der Matze Knop auftritt und grundlos erzählt, dass bei der Nationalmannschaft Kondome fehlen, weil Philip Lahm sie als Schlafsack benutzt. Nuhr versuchte immerhin, zwischen viel routinierter Langeweile, einen interessanten Spagat: Er machte sich über die Reflexe des klassischen Kabaretts und seines Publikums lustig. „Kunstjammern“ nannte er das und sagte, nicht offenkundig ironisch: „Wir haben die positive Weltsicht den Geisteskranken und volkstümlichen Musikanten überlassen.“

Nuhr hatte eine Botschaft, aber eine andere, als das Studiopublikum hören wollte. „Natürlich gibt es immer Alternativen“, sagte er. „Rette ich die Banken? Oder sollte man von dem Geld nicht lieber Kindergärten bauen?“ Demonstrativer Endlich-sagt’s-mal-einer-Applaus. Nuhrs Argumentation ging aber weiter: „Das Problem ist: Ohne Euro gäb’s auch keine Kindergärten mehr.“ Die Bankenrettung sei tatsächlich „alternativlos“ gewesen. „Aber man kann doch trotzdem darüber empört sein!“ Beim rituellen Beschimpfen der Politiker gehe es nur darum, sich gut zu fühlen.

Das wäre fast entlarvend gewesen. Wenn es jemand bemerkt hätte.

Wider die sprachliche Kleingärtnerei!

Es lässt sich viel gegen den Verein Deutsche Sprache und seine Aktivitäten sagen, und zum Glück tut der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch das in seinem Sprachlog regelmäßig. In den Mitteilungen des Vereins, dessen Mitglieder er liebevoll „Dortmunder Sprachnarren“ oder „sprachliche Kleingärtner“ nennt, findet er statt Sprachpflege immer nur „Sprachnörgeleien, die in ihrer humorbefreiten Blödhaftigkeit zum Verzweifeln sind“. Das Niveau der Diskussionsbeiträge des VDS wird ganz gut durch die ältere Äußerung ihres Vorsitzenden Walter Krämer markiert, Deutsch verkomme zur „Schimpansensprache“.

Ende vergangenen Jahres fand der Verein einen passenden Medienpartner für seine langjährige Forderung, die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufzunehmen: die „Bild“-Zeitung. Die machte daraus eine irre Petition, die groben Unfug mit billigen Ressentiments verband, etwa:

Ich will keine Politiker, die sich in Parteiprogrammen für mehr „street worker“, für „gender mainstreaming“ oder „social networks“ einsetzen.

UND: Ich will keine Zuwandererfamilien, die sich bis in die dritte Generation weigern, die Sprache des Landes korrekt zu lernen, in dem sie leben!

Es fanden sich anscheinend 46.000 Menschen, die das unterschrieben; bei einer Online-Petition kamen noch ein paar Tausend hinzu.

Anatol Stefanowitsch nimmt das zum Anlass, eine Gegenaktion zu starten. Er argumentiert:

  • Es besteht keine Notwendigkeit einer Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz. Das Deutsche ist im Bund und in allen Bundesländern Amtssprache und es ist unzweifelhaft die Hauptsprache des öffentlichen Lebens.
  • Da keine Notwendigkeit zu einer Aufnahme ins Grundgesetz besteht, wäre eine solche ein rein symbolischer Akt, dessen Symbolgehalt nur die Ausgrenzung von sprachlicher und kultureller Vielfalt sein kann.
  • Eine Aufnahme in das Grundgesetz könnte unvorhersehbare sprachpolitische Konsequenzen nach sich ziehen; es ist anzunehmen, dass die Sprachpuristen auf dieser Grundlage eine Verfassungsklage nach der anderen einreichen würden — gegen Englisch in Werbung, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, gegen Migrantensprachen auf Schulhöfen, vielleicht sogar gegen Minderheitensprachen wie das Friesische und Sorbische.

Er lädt „alle Menschen, denen kulturelle und sprachliche Vielfalt am Herzen liegt und die der deutschen Sprache zutrauen, ihr Ausdrucksstärke und Schönheit auch im Miteinander mit anderen Sprachen weiterhin ohne grundgesetzliche Hilfe zu entfalten,“ dazu ein, diese Petition zu zeichnen.

Ich schließe mich dem gerne an.

Nachtrag, 27. Januar. Stefanowitsch antwortet auf Kritik an seiner Initiative: Warum die Petition „Keine Aufnahme der deutschen Spache ins Grundgesetz“ sinnvoll ist“

Medienaufsicht gesucht

Ein Zuschauer hat sich formell über eine Folge der RTL-Show „Schwiegertochter gesucht“ beschwert. Er findet, dass die partnersuchenden Kandidaten in einer Art als Volltrottel präsentiert würden, die nicht mehr akzeptabel sei.

Der Anwalt Udo Vetter dokumentiert in seinem Blog Auszüge der Antwort, die der Zuschauer von der Programmreferentin der zuständigen Niedersächsischen Landesmedienanstalt bekommen hat und die ihn fragen lässt, wie ernst die NLM ihren Job nimmt. (Udo Vetter hat offensichtlich nicht so viel mit Landesmedienanstalten zu tun, sonst würde er sich das längst nicht mehr fragen.)

Die NLM teilte dem Zuschauer mit, sie habe „die Sendung und die von Ihnen angesprochenen Szenen gesichtet und vorab bewertet“ und keinen „Anfangsverdacht für einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Staatsvertrages über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien“ feststellen können.

Drei Monate ließ sich die NLM Zeit mit dieser Antwort. Udo Vetter vermutet, dass das womöglich daran lag, dass sie „erkennbar an originellen Formulierungen feilte“. Das kann man ausschließen.

Die originellen Formulierungen stammen aus einem „Welt Online“-Artikel.

 

NLM, 14.12.2010 „Welt Online“, 8.10.2010
Die Sendung „Schwiegertochter gesucht“ steht für Partnervermittlung à la RTL. Partnervermittlung, à la RTL.
Moderatorin Vera Int-Veen versucht hier für allein stehende Männer das große Liebesglück zu finden. Und deren Mütter wünschen sich nicht nur einen glücklich verliebten Sohn, sondern auch, dass dieser endlich zu Hause auszieht. Vera-Int Veen versucht für alleinstehende Männer das große Liebesglück zu finden. Und die Mütter der Jungs wünschen sich nicht nur einen glücklich verliebten Sohn, sondern auch, dass dieser endlich zu Hause auszieht.
Nach drei Staffeln jedoch, so scheint es, ist das Reservoir an vorzeigefähigen Junggesellen, die noch zu Hause wohnen, nahezu erschöpft. Nach drei Staffeln jedoch, so scheint es, ist das Reservoir an vorzeigefähigen Junggesellen, die noch zu Hause bei Mutti wohnen, nahezu erschöpft.
Die auch als die „Mutter Theresa“ apostrophierte Int-Veen muss also in der aktuellen Staffel arg benachteiligte männliche „Restposten“ an die Frau bringen. Die Mutter Teresa unter den privaten TV-Sendern hilft sogar schwer verbeulten Töpfen bei der Suche nach einem passenden Deckel. (…) Das fragen sich besorgte Zuschauer, seit RTL im September wieder neue Restposten auf den Markt gebracht hat, um im Jargon der Branche zu bleiben.
Zum Angebot gehört dabei unter anderem auch der von Ihnen angesprochene schüchterne „Kratzbild-Fan“ Peer, dessen unfreiwillig komische Kuppelmanöver ein Millionenpublikum verfolgte. Am vergangenen Sonntag verfolgten insgesamt 4,84 Millionen Zuschauer die unfreiwillig komischen Kuppelmanöver
In medienrechtlicher Hinsicht ist dabei zu beachten, dass in der Sendung zwar eine gewisse Zurschaustellung von Menschen mit körperlichem und seelischem Handicap nicht von der Hand zu weisen ist, dass aber auf Grund der Dramaturgie und Inszenierung der Sendung keine Lächerlichmachung bzw. Diffamierung der Protagonisten mit denunziatorischer Absicht erkennbar ist. Um seinen überdurchschnittlichen Marktanteil von 20,9 Prozent zu halten, ist dem Sender offenbar beinahe jedes Mittel recht — sogar die Zurschaustellung von Menschen mit körperlichem und seelischem Handicap.
Dass die gezeigten männlichen Kandidaten vielleicht etwas beschränkt oder schüchtern wirken heißt ja nicht, dass sie geistig behindert sind. Sie sind auch nicht etwa entmündigt, sondern es ist davon auszugehen, dass sie sehr genau wissen, was sie tun und dass sie die Show als große (und vielleicht einzige) Chance auf eine Beziehung sehen. RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer kann die Empörung nicht nachvollziehen. In einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage von WELT ONLINE heißt es: „Alle Kandidaten wissen sehr genau, was sie da tun und sehen die Show als große Chance auf eine Beziehung.“

Dass diese Männer vielleicht etwas unbeholfen oder schüchtern seien, heiße nicht, dass sie geistig behindert seien.

Das letzte Beispiel ist besonders bemerkenswert, weil die NLM sich hier Argumentation und Formulierung des Senders zu eigen macht, den sie (theoretisch) beaufsichtigt.

Nun wäre es ungerecht, der NLM-Programmreferentin vorzuwerfen, sie habe ihre ganze Antwort bei „Welt Online“ abgeschrieben. Manche Formulierungen scheint sie auch woanders abgeschrieben zu haben:

 

NLM, 14.12.2010 tv blog, 30.3.2010
Es sind Kandidaten mit vielerlei Marotten, die man sich wohl angewöhnt, wenn man es mit „Mutti“ über die übliche Halbwertzeit eines solchen Arrangements hinaus ausgehalten hat. „Schwiegertochter gesucht“ wird auch in der neuen Staffel wieder etliche Junggesellen präsentieren, die es bislang noch der Bequemlichkeit halber in der mütterlichen Wohngemeinschaft weit über die übliche Halbwertzeit eines solchen Arrangements ausgehalten haben. Dazu werden Kandidatinnen für die Jungs gesucht, die sich mit den alteingesessenen Marotten und oftmals überprotektiven Müttern konfrontiert sehen.

Die zuständige Programmreferentin hat Udo Vetter die Veröffentlichung ihrer Antwort untersagt. Ich kann das gut verstehen.

[via Kommentar bei Udo Vetter]