A.J.A.I.

Als sich der Zeitungsredakteur Magnus Z. bei der Arbeit an einem großen Artikel über Graffiti wunderte, dass er an Wänden und Stromkästen immer wieder auf die rätselhafte Buchstabenkombination „ACAB“ stieß, da wusste er, wie er der Sache auf den Grund gehen könnte: Er fragte eine ihm bekannte Lehrerin, die er zufällig beim Hundespaziergang traf.

Die sagte ihm, dass das ein türkischer Vorname sei. Und so schrieb Z. in seinem Artikel, dass viele Sprayer…

noch nicht einmal den so genannten Tag beherrschen, also den schwungvollen Namenszug, sondern einfach nur ihren Namen hinschreiben, Acab beispielsweise, einen türkischen Vornamen. Offensichtlich ist es einigen türkischen Jugendlichen ein Bedürfnis, nur ja die Vorurteile zu verstärken und Öl in das von Sarrazin entfachte Feuer zu gießen.

Nun steht „A.C.A.B.“ allerdings für „All cops are bastards“, weshalb es der Artikel von Z. ins BILDblog schaffte und der Autor in seinem Blog auf der Homepage der „Nürnberger Zeitung“ viele hässliche Kommentare bekam.

Z. nahm das zum Anlass, sich für den blöden Fehler zu entschuldigen den Kritikern Verblendung, Gehässigkeit und Gutmenschentum vorzuwerfen. Er beschrieb die Sache mit der Lehrerin, die er gefragt hatte und deren Antwort ihm angesichts ihres Berufes und seiner fehlenden Türkisch-Kenntnisse schlüssig erschien, und fügte hinzu:

„Eine Recherche startet man schließlich erst dann, wenn eine Aussage unplausibel erscheint.“

Nun könnte man erwidern, dass es eigentlich schon genügen könnte, etwas nicht zu wissen, um als Journalist eine Recherche zu „starten“, aber Z. ist längst zum Gegenangriff übergegangen. Den Kritikern, die ihm mit einem Link kommen, ruft er zu: „Eine Recherche, die sich auf Wikipedia beschränkt, ist keine, meine lieben Besserwisser!“

Immerhin weiß ich, dass „Milli Vanilli“ nicht “Positive Energie” heißt — und dass das bei meiner letzten diesbezüglichen Recherche bei Wikipedia aber immer noch so behauptet wurde.

Diese Recherche müsste vor knapp einem Jahr stattgefunden haben, als Z. einen Artikel über einen der Musiker hinter Milli Vanilli schrieb und darin schon die Wikipedia-Sache behauptete. Aber vermutlich hat ihm das auch damals nur ein zufällig vorbeikommender Hund im Stadtpark berichtet. Der „Positive Energie“-Fehler im Wikipedia-Eintrag zu Milli Vanilli wurde bereits am 26. Januar 2005 korrigiert.

Z. weiter:

Tauschan heißt Hase und Cöpek Hund — damit erschöpfen sich meine Türkischkenntnisse.

Hase heißt auf türkisch Tavşan. Hund heisst Köpek.

Schließlich findet er es ungerecht, ihm nur den einen Fehler vorzuwerfen anstatt zu würdigen, dass sein Artikel sonst doch positiv sei. Wenn er betrunken am Steuer erwischt wird, erzählt er den Polizisten sicher, dass es aber doch ein total guter Wein gewesen sei.

Im „Bild“-Blog (die haben’s nötig) war aber nur der Absatz mit dem Fehler zu sehen.

Aus dem Einschub in Klammern würde ich mal schließen, dass er uns für das Blog der „Bild“-Zeitung hält. Ist ja auch plausibel. (Dass man nicht den ganzen Artikel lesen kann, liegt natürlich weniger an uns als daran, dass die „Nürnberger Zeitung“ ihn, statt zu korrigieren, einfach gelöscht… Ach, was red ich.)

Am dümmsten ist eigentlich seine Argumentation, man könne doch jemandem, dessen Nachname — wie seiner — einen Migrationshintergrund habe, nicht ernsthaft vorwerfen, fremdenfeindlich zu sein. Dabei ist das fast das Schlimmste an seinem NZ-Artikel: Dass er einem von ihm herbeifantasierten türkischen Sprayer vorwirft, für Vorurteile gegenüber Türken insgesamt verantwortlich zu sein. Wenn Deutsche sprayen (oder prügeln oder klauen) wäre das nach dieser Logik nicht so schlimm, weil es wenigstens nicht auf eine ganze Bevölkerungsgruppe zurückfällt.

Womit wir bei der Frage wären, ob man aus der Geschichte irgendwelche Rückschlüsse auf Journalisten als Ganzes ziehen darf, sprich: ob Z. und sein zerrüttetes Verhältnis zur Recherche und seine Unfähigkeit, einfach einen Fehler zuzugeben, repräsentativ sind. Wenn es mir nur nicht so schwer fiele, darauf überzeugend mit Nein zu antworten.

Nachtrag, 15.48 Uhr. Die „Nürnberger Zeitung“ hat sich (bereits kurz vor diesem Blogeintrag) für den Fehler entschuldigt. Sie hat außerdem den Original-Artikel (mit gestrichenem ersten Absatz) wieder veröffentlicht.

Guttenbergs Affäre

Na toll. Da fährt man ein mal in Urlaub und verpasst die dollste Affäre um einen Bundesminister seit Jahren. Zum Glück kann man das ja alles nachlesen.

Auch das noch! Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Affäre. Wer ist diese Frau? Ihr Vorwurf. Ihre Enttäuschung

(„Diese Frau“ ist übrigens, wie der „Aktuellen“ im Heftinneren wieder einfällt, „Zaneta, Rock-Pop-Sängerin aus Bad Mergentheim“, und „ihr Vorwurf“ bzw. „ihre Enttäuschung“: „Eine Unverschämtheit, was er uns zumutet. Einmal Betrüger, immer Betrüger. Solche Leute braucht das Land nicht. Er ist kein Vorbild.“)

„Die aktuelle“ ist ein Qualitätsprodukt aus dem Hause WAZ. Zaneta ist, nun ja.

[mit Dank an Peer Brockhöfer!]

Jörg Pilawa

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

So weit ist es gekommen: Ich habe Mitleid mit Jörg Pilawa.

Das ist etwas unangenehm, sehr ungewöhnlich und vermutlich völlig unnötig. Man kann schließlich davon ausgehen, dass der Mann sich, als er im vergangenen Jahr zum ZDF wechselte, zusichern ließ, dort alles wegmoderieren zu dürfen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Neben dem Ratespiel „Rette die Million“, das er schon hat, der „Terra X Show“ und der „Logo-Show“, die schon bekannt sind, also mutmaßlich auch eine „Landarzt-Show“, eine „Auslandsjournal-Show“ und eine „Aktenzeichen-XY-Show“, den bunten „heute journal“-Abend, das Wissensformat „Frag doch mal das Mainzelmännchen“, ein Promi-Kartenspiel „Frontal 17 + 4“, das „heute-Quiz“, das „Mona-Lisa-Quiz“, das „Aspekte-Quiz“, „Pilawas Quiz-Quiz“, „Pilawas Pilawa-Quiz“ und eine Ratesendung mit Fragen.

Und eben, anscheinend, womöglich, „Wetten dass“. In der öffentlichen Diskussion, wer am besten als Nachfolger von Gottschalk geeignet wäre, fallen viele Namen, aber darauf, dass der wahrscheinlichste, Pilawa, es nicht werden sollte, können sich ungefähr alle verständigen. Er würde es vermutlich nicht einmal schaffen, so bemerkenswert schrecklich zu sein wie Wolfgang Lippert damals. Er wäre einfach nur Pilawa. Der Name ist zum Synonym für den farblosen, austauschbaren, allgegenwärtigen Fernsehmoderator geworden, und ich mag mir nicht ausmalen, wie das ist, wenn der mutmaßliche Karrieretraum zum Greifen nah ist und man dutzendfach nachlesen muss, wie wenig Euphorie das auslöst. (Auch wenn Pilawa sich damit trösten mag, dass es womöglich eine schweigende, einschaltende Mehrheit gibt, die es zumindest nicht aktiv stört, wenn er moderiert, oder das nach Jahren der Konditionierung als ARD-Zuschauer einfach für eine Art Naturgesetz hält.)

Da rackert sich einer ab, und je mehr er schafft, umso weniger Begeisterung löst er aus. Dabei ist Pilawa doch nur so, wie er sein soll; wie es sich die Fernsehmacher wünschen. In dieser Woche musste er in seinem großen ZDF-Quiz der Spannung wegen bei der Finalfrage endlos vorgeben, dass das, was bei einem Bruch unter dem Strich steht, womöglich gar nicht der Nenner ist. Das brauchte Gottschalk, der Glückliche, nie zu tun.

Aber letztens hatte Pilawa mal kurz die Haare ein bisschen anders.

Hurra, es ist ein Duslog!

Bochum/Berlin, 18. Februar 2011. Lukas Heinser und Stefan Niggemeier haben heute in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, dass sie sich auch vom Austragungsort Düsseldorf nicht davon abhalten lassen, den Eurovision Song Contest erneut mit einem Videoblog zu begleiten. Im vergangenen Jahr hatten sie sich ohne Stativ und Windschutz nach Norwegen durchgeschlagen und mit ihrem OSLOG nach Meinung vieler Experten einen maßgeblichen Beitrag zum Erfolg von Lena Meyer-Landrut geleistet.

Heinser und Niggemeier selbst errangen in einem etwas weniger beachteten Wettbewerb den dritten Platz: in der Kategorie Unterhaltung bei der Wahl zu den „Journalisten des Jahres 2010“. Die Jury des „Medium Magazins“ fand, dass OSLOG „selbstironisch mit dem Medienhype um Lena spielte“ und „vorführte, welches Potential in einem solchen Blog stecken kann“. Heinser, dessen Ehrgeiz von Kennern mit dem von Stefan Raab verglichen wird, kommentierte das mit den Worten: „Beim nächsten Mal werden wir dieses verdammte Potential ausschöpfen!'“

Während die Personalfrage nach der Absage von Thomas Gottschalk und Günther Jauch ähnlich schnell entschieden war wie bei der deutschen Interpretin, war der Name der OSLOG-Neuauflage lange offen. Entwürfe wie dueslog.tv, dussellog.tv, und dorflog.tv wurden schließlich verworfen zugunsten von DUSLOG.tv. Das bewährte Konzept aus vergeigten Anmoderationen, exklusiven Interviews und vergessenen Interpretennamen soll beibehalten werden. Geplant ist allerdings eine weitere Qualitätssteigerung. „Wir erwägen die Investition in einen Windschutz für das Mikrofon“, sagt Heinser. Niggemeier ergänzt: „Und ich werde diesmal weniger Namen verwechseln als letztes Jahr in Dänemark.“

Die heiße Phase mit täglichen Videoberichten beginnt Anfang Mai. Bereits heute werden die neuen Seiten eingeweiht, die von Markus „Herm“ Hermann frisch tapeziert und mit einem noch moderneren Fernsehgerät ausgestattet wurden: Das Finale des deutschen Vorentscheides wird ab ca. 20 Uhr in einem Liveblog begleitet.

„TV Total“ beweist: Stefan Raab versteht keinen Spaß

Es ist, zugegeben, ein bisschen absurd, sich als Watchblog von „TV Total“ gerieren und der Show sachliche Fehler vorhalten zu wollen. Andererseits: Wenn man etwas von einer Comedysendung erwarten darf, dann doch vielleicht, dass sie einen Witz als solchen erkennt.

Am vergangenen Donnerstag kündigte Stefan Raab den Zuschauern einen „Klassiker“ an:

„Der Reporter denkt, er ist noch nicht zu sehen mit seinem Mikrofon. Und sagt sich, okay, da erledige ich noch mal was. Man kann ihn aber leider schon sehen. Schauen Sie mal hier, das ist passiert beim NDR, in der Sendung ‚Hallo Niedersachsen‘.“

Es folgte ein Ausschnitt, in dem tatsächlich ein Reporter zu sehen ist, wie er sich großräumig in der Nase bohrt und scheinbar erschrocken „laufen wir?“ fragt, bevor er abrupt mit ernster Stimme mit seinem Aufsager beginnt: „Berlin hat seinen ersten handfesten Skandal im Jahr 2011…“


Großes Gelächter im „TV Total“-Publikum und beim Moderator. „Er ist sehr bekannt für seine bohrenden Fragen“, kichert Raab. „Spitzenszene, oder?“

Wie man’s nimmt.

Es hätte geholfen, noch einen Satz weiter zu hören. Der „handfeste Skandal“, den NDR-Reporter Olaf Kretschmer ausmachte, ist nämlich dieser:

„Obwohl der Bundesgesundheitsminister nicht genug auf die Waage brachte, um Oldenburger Kohlkönig zu werden, wurde er genau als solcher proklamiert. Ob der FDP das in diesem Wahljahr hilft, bleibt abzuwarten.“

Der Bericht handelt vom traditionellen Kohlessen in der Niedersächsischen Landesvertretung. Kretschmer war mit einer Waage dort aufgekreuzt und hatte vor dem Essen und danach das Gewicht der anwesenden Spitzenpolitiker miteinander verglichen. Weil Philipp Rösler während der Veranstaltung nur 1,1 Kilo zugenommen hatte, sagte er vorwurfsvoll zu dem Gesundheitsminister: „Wir haben Sie gewogen und für zu leicht befunden.“ Die Tatsache, dass Rösler dennoch, wie ausgekungelt, zum Kohlkönig ausgerufen wurde, prangerte der NDR-Mann in seinem vierminütigen Stück an.

Im Scherz. Es handelt sich um einen Witz. Der ganze „Hallo Niedersachsen“-Beitrag ist eine Glosse; ein Versuch, sich dem merkwürdigen Termin originell und unterhaltsam zu widmen. Das Beim-in-der-Nase-Popeln-erwischt-Werden war Teil der Komödie.

Und wenn die Redaktion von „TV Total“ das schon nicht erkannt hat, hätte sie es wenigstens daran merken können, dass die vermeintliche Live-Schalte, von der der Reporter überrascht wurde, gar nicht live sein konnte: Das Grünkohlessen hatte, wie in der Anmoderation erwähnt, schon am Abend vorher stattgefunden.

War das lustig? Meh. War es lustig gemeint? Ohne Frage.

Es gibt immer dösige Zuschauer, die sowas trotz diverser Hinweise im Film nicht verstehen. Dass sie auch bei „TV Total“ arbeiten und sich über die vermeintlichen anderen Deppen im Fernsehen lustig machen, ist aber ein bisschen beunruhigend.

Hier könnte eine Überschrift stehen

Dass ich die „Neue Woche“ neulich gekauft habe, war nur ein Versehen. Eigentlich hätte es die etwas verwirrend benannte „Woche heute“ sein sollen. In der „Woche heute“ stand nämlich vorletzte Woche folgendes herzerwärmendes Stück:

Oder genauer:


Es wäre nicht ganz abwegig, dahinter einen Versuch des für seinen sparsamen Journalismus bekannten Bauer-Verlag zu vermuten, ob die Leserschaft den Unterschied zwischen einem „Woche heute“-Artikel und einem ebenfalls nur als Platzhalter dienenden Blindtext erkennt.

Es scheint aber doch ein paar Beschwerden gegeben zu haben. Jedenfalls entschuldigte sich die Redaktion in der nächsten Ausgabe mit dem Foto eines Blumenstraußes dafür, dass der richtige Text aufgrund eines „technischen Fehlers“ „auf dem Weg zur Druckerei verloren gegangen“ sei:

Freundlicherweise veröffentlichte die Redaktion in diesem Heft dann noch den geplanten Artikel und verriet endlich der gespannten Öffentlichkeit, wie Helene Fischer ihrem und unserem Flori aus der Krise hilft und welche rührende Liebeserklärung sie abgab.

Nun. Die Fischer hatte bei einer Hitparadensendung im NDR überraschend über ihre Urlaubspläne gesagt:

„Ich denke mal, es wird mich wieder ans Meer ziehen. Gott sei Dank teilen Florian und ich diese Liebe zum Meer und zur Sonne. Vielleicht werden wir gemeinsam den Tauchschein machen.“

Und die „Woche heute“ erklärt:

„Wir“ — so offen und deutlich hat sich die schöne Helene Fischer noch nie zu ihrem Florian Silbereisen bekannt und für ihn geschwärmt. Wie gut wird dem Moderator das tun! Wie sehr werden ihn die liebevollen Worte seiner Freundin aufbauen!

Ich kann mir nicht helfen. Ich fand den Blindtext weniger enttäuschend.

[eingesandt von Bernhard S.]

Monica Lierhaus und der schöne Schein

Wenn die Dinge nicht gut laufen für Monica Lierhaus, wenn es Schwierigkeiten in ihrer Beziehung geben sollte oder Komplikationen bei ihrer Genesung, dann wird „Bild“ da sein. „Bild“ wird sich dann das Recht herausnehmen, die Öffentlichkeit auch an den Dingen teilhaben zu lassen, die die Moderatorin am liebsten für sich behalten würde. Und wenn Frau Lierhaus sich darüber dann beklagen sollte, dann wird sie sich vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG wohl als „Heuchlerin“ bezeichnen lassen müssen, als eine von denen, die „erst von der Plattform profitieren“ wollen und sich hinterher beschweren, „wenn’s mal unangenehm wird“.

Matthias Döpfner hat das Prinzip der „Bild“-Zeitung einmal so beschrieben:

„Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.“

Monica Lierhaus hat diese Entscheidung für sich getroffen. Und der Springer-Verlag hat ihr dafür, dass sie zu ihm in den Fahrstuhl gestiegen ist, eine ganz besonders prächtige Plattform geschnitzt. Sie besteht nicht nur aus einer Goldenen Kamera und der zugehörigen Bühne. Sie besteht auch aus einer großen, sehr angestrengt sensiblen Titelgeschichte in der „Bild am Sonntag“, mehreren Titelgeschichten in der „Bild“-Zeitung und der Verklärung von Frau Lierhaus zur vielleicht besten Moderatorin aller Zeiten.

Das ist ein zugegeben kleines, aber bezeichnendes Detail in der ganzen Heuchelei: Warum genügt es nicht, Monica Lierhaus für ihre Lebensmut zu bewundern und zu feiern, für die Kraft, die es gekostet haben muss und noch kosten wird, die Folgen ihrer Erkrankung zu überwinden. Warum genügt es nicht, dass sie eine beliebte Moderatorin war und ist? Warum muss sie nachträglich die beste werden?

Stefan Hauck schreibt in „Bild am Sonntag“:

Wegen ihrer Art, sich vor der Kamera zu präsentieren, hat Monica Lierhaus, geboren 1970 in Hamburg, eine Menge Männer zunächst verrückt gemacht und gelegentlich auch ein bisschen garstig; aber die allermeisten Männer akzeptierten schließlich, dass dieser rothaarigen Frau praktisch nie ein Fehler unterlief. Egal ob sie mit Fußballern sprach, mit Radfahrern oder mit Wintersportlern.

Hauck ist offenbar der Grund, warum sich Monica Lierhaus und ihr Lebensgefährte die „Bild am Sonntag“ als das Medium ausgesucht haben, dem sie all das erzählten, was zwei Jahre lang niemand wissen sollte und schreiben durfte. Hauck begleitet das Wirken von Lierhaus schon seit Jahren mit freundlichen Texten und Interviews. Am vergangenen Sonntag machte er aus ihrem Leben einen Rosamunde-Pilcher-Roman.

Stefan Hauck kann auch anders. Vor fünfeinhalb Jahren richtete er einen damals ohnehin schon am Boden liegenden Fernsehmoderator publizistisch hin, nannte dessen Leben „erbärmlich“ und bedeutungslos, mokierte sich über die angeblich überschaubare „Summe seiner Begabungen“ und erweckte den Eindruck, dass der Mann es verdient hatte, einer Vergewaltigung angeklagt zu sein, selbst wenn er unschuldig sein sollte.

Haucks Charakterlosigkeit ist ein Grund, warum sein Lierhaus-Text so eklig ist. Die Charakterlosigkeit der Zeitungsgruppe, für die er arbeitet, ist ein anderer. Vor zwei Jahren ignorierte „Bild“ den ausdrücklichen Wunsch und das unbestrittene Recht von Lierhaus‘ Umfeld, Details ihrer Erkrankung geheim zu halten. Hauck verbirgt diese Tatsache in folgender Formulierung:

Man kann das jetzt ruhig ein bisschen ausführlicher erzählen, weil Monica Lierhaus seit fast zwei Jahren kein freiwilliges Wort darüber verlieren wollte, was in all der Zeit mit ihr und ihrem Leben geschehen ist.

Es ist mit der Konjunktion „weil“ und der verblüffenden Formulierung „kein freiwilliges Wort“ ein Satz, an der ganze Linguistik-Klassen ihre Freude haben können. Und Psychologen natürlich. Er verbindet den Hauch einer Andeutung, dass der Wille der Betroffenen bei so etwas in Haucks Kreisen nicht für entscheidend betrachtet wird, mit dem Stolz, trotzdem die Exklusiv-Geschichte bekommen zu haben.

„Bild“-Leute sind wie Tiere, die sich nicht selbst im Spiegel erkennen. Hauck schreibt:

Monica Lierhaus möchte [in Zukunft] ein Spiel im Stadion besuchen und sie hofft, dass sich die Fotografen dann auf die Spieler auf dem Rasen konzentrieren. Und nicht darauf, wie schnell sie, die Zuschauerin, die Stufen zu ihrem Platz hochsteigt.

Für welche Zeitungen mögen solche Fotografen arbeiten? Und wo mögen wohl die Artikel erscheinen, die interpretieren, wie schnell oder langsam, behende oder ungelenk, Frau Lierhaus inzwischen die Treppe hinaufsteigt?

Gut, womöglich ausnahmsweise nicht in „Bild am Sonntag“ und auch nicht in „Bild“, weil Frau Lierhaus jetzt eine besondere Freundin des Hauses ist und diese Zeitungen nicht undankbar sind, jedenfalls nicht, solange sich das lohnt.

Irgendwo stand, dass Lierhaus und ihr Lebensgefährte hoffen, dass sich dadurch, dass sie das Private der vergangenen zwei Jahre jetzt so spektakulär öffentlich gemacht haben, das Interesse des Publikums schnell wieder allein auf ihre Arbeit konzentrieren wird. Was für eine Illusion. In Zukunft wird sich jeder Boulevardreporter beim Blick in ihr Privatleben darauf berufen können, dass sie selbst die Tür dazu einmal weit aufgemacht hat.

· · ·

Monica Lierhaus hatte das Recht, Berichte über ihre Krankheit und ihre Genesung zu untersagen. Und sie hat das Recht, ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit so spektakulär zu inszenieren, wie sie es möchte. Das ist nicht nur juristisch gemeint: Womöglich war es genau die Kombination der erzwungenen Stille vorher mit der maximalen Lautstärke jetzt, die ihr hilft, den Weg ins Leben und in den Beruf zurück zu finden — wer wollte darüber urteilen?

Und doch stellt sich bei aller Sympathie ein merkwürdiges, irrationales und etwas unfaires Gefühl ein: Die Erkennbarkeit einer Inszenierung, die Offenkundigkeit eines Deals mit Springer, die Berechnung, die hinter all dem steht, lässt den Zuschauer und Leser zu einem Teil des Plans werden, ebenso wie übrigens das Publikum im Saal. Das Erzwingen des Schweigens vorher wirkt im Nachhinein so nicht als Grundrecht, sondern fast als dramaturgischer Kniff, um den Überraschungseffekt beim Wiederauftritt auf der Bühne noch größer werden zu lassen.

Das ist kein gutes Gefühl.

· · ·

Und dann war da noch der öffentliche und womöglich unabgesprochene Heiratsantrag von Monica Lierhaus. Erstaunlicherweise scheint das für viele Beobachter der eigentlich grenzwertige Moment der Inszenierung gewesen zu sein — entweder aus dem Gefühl heraus, dass das einfach ein Zuviel der Emotionen für einen einzelnen Fernsehmoment gewesen sei, oder weil sowas nun wirklich nicht in die Öffentlichkeit gehöre.

Das begreife ich nicht. Eine Ehe ist doch nicht zuletzt ein äußeres Bekenntnis von zwei Menschen, zusammen zu gehören. Warum soll es ausgerechnet eine Grenzüberschreitung darstellen, das dazugehörige, leicht anachronistische Ritual öffentlich zu zelebrieren (noch dazu, da es seit vielen Jahren in diversen Varianten zum festen Repertoire und zur Folklore des Fernsehens gehört). Die Gefahr ist hier höchstens die, dass der Moment abgeschmackt erscheint – aber zu intim? Eine prominente Frau erscheint nach zwei Jahren wieder in der Öffentlichkeit, in vielerlei Hinsicht gezeichnet von einer schweren Krankheit, und die Zumutung soll sein, dass sie ihrem Freund einen Heiratsantrag macht?

Das „Hamburger Abendblatt“ hatte sogar die euphemistisch als originell zu bezeichnende Idee, sicherheitshalber bei Moritz Freiherr Knigge nachzufragen, ob so was überhaupt statthaft ist. Der antwortete (mutmaßlich allen Ernstes) auf die Frage, ob sich Lierhaus den Antrag hätte verkneifen sollen:

Nein. Ein Heiratsantrag ist zwar etwas sehr Intimes, ebenso wie eine schwere Krankheit.

Das ist unglücklich formuliert. Knigge fügt hinzu:

Doch Monica Lierhaus ist nicht nur eine öffentliche Person, sondern eine sehr beliebte und respektierte obendrein.

Sehr beliebte und respektierte Personen können also ruhig öffentliche Heiratsanträge machen. Sie können sogar — möchte man angesichts der Parallele, die Knigge aufgemacht hat, hinzufügen — trotz erkennbarer Behinderung im Fernsehen auftreten, ohne dass es die Zuschauer zu sehr stört.

Vielleicht stürzt sich ein Teil der öffentlichen Diskussion auch deshalb auf die Frage nach der Zulässigkeit des Heiratsantrages, weil die andere Frage so viel unbequemer wäre: Wie behindert darf jemand sein, der im Fernsehen als Moderator arbeiten will?

Am Dienstag machte „Bild“ groß mit der Meldung auf, dass Monica Lierhaus jetzt „Ein Platz an der Sonne“ „macht“. „Botschafterin“ der ARD-Fernsehlotterie soll sie werden, Nachfolgerin von Frank Elstner. Später stellte die ARD dann klar, dass sie die Sendung nicht moderieren wird, das mache vorerst weiterhin Elstner. Was genau Lierhaus tun werde, stehe noch nicht fest. So sehr eine schwer sprechende, sich mühsam bewegende Monica Lierhaus die Menschen bewegte, so schwer wird sie dem Publikum im Alltag zu vermitteln sein — ich fürchte, die Frage, wann sie fit genug ist, wieder als Moderatorin zu arbeiten, hängt nicht nur von ihrem eigenen Urteil ab.

Als Behinderte darf Monica Lierhaus Fernsehbotschafterin für Behinderte werden. Das ist schön für sie. Und schrecklich typisch.

Es gibt eine Moderatorin mit sichtbarer Behinderung im deutschen Fernsehen: Bettina Eistel. Die Contergan-geschädigte Reiterin moderiert die wöchentliche Sendung „Menschen — das Magazin“ über die sozialen Projekte, die die ZDF-Fernsehlotterie unterstützt. Für die Redaktion sind ihre „Professionalität und Ausstrahlung die entscheidenden Kriterien für ihren Einsatz als Moderatorin — und nicht die Behinderung“, heißt es auf der Homepage der Sendung. Tatsächlich ist Eistel einfach eine gute Moderatorin. Aber die Frage ist: Warum gibt es keine andere Sendung, die sich allein auf die Kriterien Professionalität und Ausstrahlung verlässt? Warum ist für alle Sendungen außer denen, in dem es auch um Behinderte geht, Nicht-Behinderung ein entscheidendes Kriterium? Würden die Zuschauer, würden wir das nicht aushalten?

Wenn es beim Comeback von Monica Lierhaus nicht nur um Monica Lierhaus und das gute oder nicht so gute Gefühl gehen soll, das wir dabei haben, wäre das ein Thema, über das es sich lohnte zu diskutieren.

Aber möglichst ohne Ernst Elitz. Der Mann, der sich immer als „Gründungsintendant des Deutschlandradios“ bezeichnen lässt und zum „Bild“-Leitartikler geworden ist, behauptet heute in der „Frankfurter Rundschau“:

Lierhaus hat am Ort des schönen Scheins die Wahrheit verkündet: Wer von Krankheit gezeichnet ist, muss kein Verlierer sein.

Nein. Genau das ist der schöne Schein.

(Vermutlich bin ich heute abend auch im NDR-Medienmagazin „Zapp“ mit einigen Sätzen zu dem Thema zu sehen.)