Eine Gedenkminute für Sat.1

Aber wir sollten in diesen Tagen des Kaufens, Schenkens und Fressens die Menschen nicht vergessen, denen es nicht so gut geht. Menschen, die sich höchstens mal an einer Pressemitteilung wärmen können, aber deren Alltag ein trübes Grau ist, ohne Anspruch, ohne Ehrgeiz, ohne Etat, ohne Hoffnung.

Menschen, die in der Redaktion „Aktuelle Magazine“ von Sat.1 arbeiten.

Bei „Blitz“, dem Magazin, das laut Eigen-PR „für topaktuelle Informationen und Reportagen aus der Welt der Schönen und Reichen“ steht, haben sie heute einen schönen Bericht über ein Konzert von Marc Terenzi gezeigt, das Ende August stattgefunden haben muss.

Bei „Sat.1 am Mittag“, dem Magazin, das laut Eigen-PR „alles bietet, was Fernsehen spannend macht: live, tagesaktuell“, haben sie am Dienstag einen schönen Beitrag über Weihnachtseinkäufe mit Kindern gezeigt, der aus dem Jahr 2002 stammen muss und wegen einem heulenden Kind („weil der Weihnachtsmann immer denkt, eine große Sache reicht“), damals schon ausgiebig bei „TV Total“ recycelt wurde [zip].

Gut gefallen hatte mir auch, wie „Sat.1 am Mittag“ im März 2006 einen Beitrag zeigte, in dem Stromkontrolleure bei der Arbeit begleitet wurden. Und wenn sich das Alter dieses „tagesaktuellen“ Berichts nicht schon an der hochsommerlichen Vegetation im Hintergrund hätte erahnen lassen, dann wäre die Tatsache, dass die Kontrolleure von der „Bewag“ waren, die zu diesem Zeitpunkt längt „Vattenfall“ hieß, ein guter Hinweis gewesen.

Da fällt mir ein: Ich hab dieses Jahr gar keine Weihnachtskarte von Sat.1 bekommen. Ob ich mir Sorgen machen sollte?

Fernsehaufsicht in Deutschland

Am 1. Dezember 2004 schickt „Big Brother“ die Container-Bewohnerin Franziska für zehn Stunden in ein „Bestrafungszimmer“ und spielt ihr immer wieder dasselbe Lied vor.

Am 20. Dezember 2006 entscheidet der Vorstand der Hamburgischen Anstalt für Neue Medien, die Übertragung dieser Aktion im Tagesprogramm des (seit über einem Jahr nicht mehr existierenden) Senders MTV2Pop förmlich zu beantstanden.

Und diesen Witzfiguren ist es nicht einmal zu peinlich, dazu noch eine Pressemitteilung herauszugeben.

Wie gesagt.

(via Popkulturjunkie)

Nachtrag. Gerade erst gesehen: Die arbeiten sich ja in einen richtigen Rausch, bei der Hamburgischen Landesmedienanstalt. Vor gut zwei Wochen erst, am 5. Dezember 2006, rügten sie eine MTV2Pop-Sendung vom September 2004.

„Spiegel Online“ in die Psycho-Klinik

„Spiegel Online“-Chef Mathias Müller von Blumencron hat gegenüber der „taz“ die Entscheidung verteidigt, die „Bild“-Unterhaltungschefin Patricia Dreyer im nächsten April zur neuen Leiterin des „Panorama“-Ressorts zu machen — obwohl deren Name u.a. über dem Artikel stand, mit dem die „Bild“-Zeitung 2004 ihre Schmutzkampagne gegen Sibel Kekilli begann:

Dreyer sei für diese Geschichte und ihre Aufmachung nicht zuständig gewesen. „Man kann sich auch fragen: Muss man jemanden sein Leben lang für eine solche Geschichte verantwortlich machen?“

Ja, das kann man sich auch fragen. Man müsste es vielleicht nicht so formulieren, dass es klingt, als hätte Dreyer den Artikel in den frühen 60er Jahren geschrieben oder in der Pubertät und nicht im Februar 2004. Aber natürlich sollte man niemanden auf einen einzigen Artikel reduzieren, den er geschrieben hat.

Patricia Dreyer hat ja auch andere Sachen geschrieben.

Im März 2005 eine „Bild“-Serie über Sarah Connor, über der grotesk irreführende Überschriften standen wie: „Ich sollte mein Baby abtreiben … nur für die Karriere“ oder: „Mit meiner Freundin übte ich Zungenküsse“ — aber vermutlich war sie auch da für die Geschichte und ihre Aufmachung nicht „zuständig“ gewesen.

Und im Oktober 2003 einen „Bild“-Artikel, der mit den Worten begann:

Jetzt ist die zweite, zensierte Fassung von Dieter Bohlens Enthüllungsbuch im Handel. Viele pikante Stellen mussten geschwärzt oder gestrichen werden. Lesen Sie exklusiv in BILD die Enthüllungen, die Prominente verbieten ließen.

Und natürlich war sie für die Beleidigungen und Unterstellungen, die dann folgten, nicht „zuständig“, die waren ja von Bohlen.

Patricia Dreyer schrieb Artikel wie..

  • Ingrid Steeger in der Psycho-Klinik
  • „Sie muss weg von der Familie! Weg von den Freunden! Rettet meine Frau!“ — TV-Star Bernd Herzsprung (61) will, dass seine kranke Frau Barbara (50) wieder in die Psycho-Klinik geht.
  • Jetzt gehe ich erst mal in die Nerven-Klinik. Jimmy Hartwig – Abschied vom Dschungel-Camp
  • Yvonne Wussow Brustkrebs-Drama
  • Arme Jutta Speidel! / Warum fällt sie immer auf die falschen Männer rein?
  • Jetzt redet Michelle Hunziker über ihren Ehekrieg: Eros lügt und will mich fertigmachen!
  • Nackt-Eva triumphiert in der Lippenschlacht
  • Michael Jackson: Was trieb er mit diesem Hamburger Jungen
  • Macht Dschungel-TV dumm?
  • Fleißig büffelt Naddel für den Idioten-Test
  • Rod Stewart größter Pop(p)-Star aller Zeiten.

Und womöglich sind all diese Artikel sogar journalistisch unangreifbar. Aber man kann sich auch fragen, was es bedeutet, wenn der „Spiegel Online“-Chef sagt: „Wir wollen die Berichterstattung im Panorama-Ressort verstärken und originärer machen“, und dafür die Autorin dieser Texte einstellt.

Cross-Promotion III

Herrjeh. In vier Tagen ist Heiligabend. Heute oder morgen wird Millionen Menschen einfallen, dass sie noch ein Weihnachtsgeschenk brauchen. Und dann werden sie sich erinnern, dass es da ja ein gutes, ein wirklich gutes Buch gibt, das auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen teuer erscheint, aber dessen Preis-Leistungs-Verhältnis sich auf den zweiten Blick doch als sensationell günstig herausstellt. Ein über 1500-seitiges Werk über 7000 Sendungen, ein Lexikon über das Fernsehen, ein Fernsehlexikon, „Das Fernsehlexikon“. Ein Buch, das selbst in seinen Bildtexten mehr Witz enthält als eine RTL-Sitcom in 13 Teilen (siehe Ausriss links).

Und wenn all diese Menschen heute (oder morgen) zu unseren Freunden von amazon.de gehen, um schnell noch dieses wunderbare Buch für ihre Liebsten zu bestellen, könnten sie eine bittere Enttäuschung erleben: Aktuell ist dort nur noch 1 Buch auf Lager. Was, wenn das plötzlich verkauft ist?

Zum Glück gibt es das Buch auch noch bei bol.de und buch.de, die für Bestellungen bis Freitagmittag sogar noch rechtzeige Lieferung versprechen. Und damit sind die jetzt auch unsere Freunde.

Übrigens gibt es drüben beim Blog zum Buch aktuell auch ein Video aus dem bizarren ARD-Jahresrückblick 2006. Und eine Übersicht über alle 2006 eingestellten Fernsehsendungen. Dafür muss man nicht mal ein Buch kaufen.

Fotostrecke ohne Sehenswürdigkeiten

Persönlich würde ich die Qualität eines Online-Mediums auch daran messen, ob es mir zu einem Artikel ein, zwei ausgewählte Fotos präsentiert. Oder eine uferlose Bildergalerie mit allen Agenturfotos, die die Datenbank automatisch zum Thema auswirft.

Bei „Spiegel Online“ zum Beispiel erscheint mit großer Berechenbarkeit seit einigen Wochen bei jedem Artikel, der mit dem Streit um den Berliner Hauptbahnhof zu tun hat, um die nicht gebaute Gewölbedecke im Untergeschoss oder das verkürzten Glasdach oben, exakt dieselbe siebenteilige Bildergalerie:

Hier und hier und hier und hier.

Und als sei das an sich nicht schon albern genug, zeigt leider keines der sieben Fotos das, worum gestritten wird: die ursprünglich geplante Decke, die nun doch gebaut werden soll, oder das Glasdach, weder in der geplanten Länge noch in der real exisiterenden Stummelversion. Der Bildtext „Ursprüngliche Planung des Architekten ‚erheblich entstellt'“ steht neben einem Foto vom nicht entstellten Teil des Bahnhofs. Und neben der vielversprechenden Zeile „Im Prozess ging es um die Decke im Untergeschoss“ sieht man das Foto eines einfahrenden Zuges im Obergeschoss.

Bohlens Psyche und „Spiegel Online“

Dass ein Medium wie „Spiegel Online“ die Meldung der „Bild am Sonntag“ übernimmt, dass Dieter Bohlen, der gerade erst bei einem Raubüberfalls gefesselt wurde, durch einen glücklichen unglücklichen erstaunlichen Zufall nun in einer RTL-Werbekampagne für „Deutschland sucht den Superstar“ gefesselt zu sehen ist, das kann ich irgendwie verstehen.

Was ich nicht verstehen kann: Dass ein Medium wie „Spiegel Online“ den Artikel der „Bild am Sonntag“ quasi komplett abschreibt, inklusive des fast vollständigen Zitates einer RTL-Sprecherin, die „Bild am Sonntag“ befragt hat, inklusive der fast vollständigen Ferndiagnose eines Psychologen, den „Bild am Sonntag“ gefragt hat, inklusive des Schlusses, bei dem Bohlen sagt, dass er der „Bild am Sonntag“ nichts sagt — und unter Hinzufügung eines bizarr staatstragenden Vorspanns, den vermutlich selbst die „Bild am Sonntag“ abwegig gefunden hätte:

Es ist schwer genug, einen Raubüberfall zu verarbeiten — nun ist Dieter Bohlens Heilungsprozess auch noch durch eine Werbekampagne bedroht: In einem RTL-Spot ist der Produzent laut „Bild“ gefesselt zu sehen. Ein dummer Zufall, der einem Experten zufolge Bohlens Psyche schaden könnte.

Ich meine, wenn „Spiegel Online“ beim Ab- und Umschreiben von „Bild am Sonntag“-Artikeln nicht einen eigenen Anruf tätigt, keine einzige andere Quelle nutzt, kein eigenes Hintergrundwissen einfließen lässt und nicht wenigstens einen Hauch von Distanz oder Ironie hinzufügt… warum setzen die nicht einfach einen Link zu Bild.de? Es wäre auch im Sinne der Leser — die „Bild“-Version enthält mehr Informationen, ist aber um 20 Prozent kürzer.

Der „kress“-Report berichtet übrigens, dass „Spiegel Online“ zum 1. April 2007 eine neue Ressortleiterin für das Vermischte-Ressort „Panorama“ bekommt: Patricia Dreyer, zur Zeit Unterhaltungschefin bei „Bild“. Ihr Name stand u.a. über dem Artikel „Deutsche Film-Diva in Wahrheit Porno-Star“, mit dem die „Bild“ ihre Schmutzkampagne gegen Sibel Kekilli begann.

Dreyers Engagement ist für „Spiegel Online“ sicher Teil einer Qualitätsoffensive. Dass man in Zukunft mal eigene idiotische Promigeschichten hat, und nicht die der „Bild am Sonntag“ aufblasen muss.

Götz Alsmann

Möglicherweise war vergangene Woche Götz Alsmann bei Harald Schmidt. Ganz sicher bin ich mir nicht, ich habe einmal weggeguckt, und dann war wieder nur Schmidt im Bild und unterhielt sich lieber mit dem Mann an diesem kleinen Extra-Schreibtisch, der über seine Witze lacht. Da müsste Alsmann eigentlich noch dagewesen sein, aber die Kamera zeigte ihn nicht mehr. Obwohl: Hatte ihm nicht Schmidt gerade erst eine Mini-Triangel in die Hand gedrückt, um damit an den richtigen Stellen einer Geschichte „Pling“ zu machen? Ah, das Publikum hatte auch Instrumente, und Publikum sieht man ja immer gerne.

Pflichtschuldig hatte Schmidt erwähnt, dass Alsmann eine Platte mit der WDR-Bigband aufgenommen hat, aber wenn es etwas gab, das er noch weniger wusste als deren Titel, dann dies: Was mit dem merkwürdigen Mann neben ihm anfangen? Das geht leider nicht nur Schmidt so. Seit Jahren ist Alsmann ein Fremdkörper, der auf einer Art mittleren Umlaufbahn im Fernsehuniversum kreist. Wenn er irgendwo auftaucht, dann als schrulliger Witzbold mit hohem Wiedererkennungswert, gefährlichem Hang zum Kalauer und begrenzter Massentauglichkeit, der irgendwie auch was mit Musik zu tun hat. Das ist nicht die beste Rolle für einen, dem man eigentlich nur ein Klavier hinstellen müsste, um von ihm bestens unterhalten zu werden. Beim immer noch, immer wieder sehenswerten „Zimmer frei“ erlebt man den Unterschied: Der größte Teil der Sendung ist für Alsmann Kindergeburtstagsalberei. Aber wenn er am Ende mit dem Gast musiziert, dann ist da (wenn es ein guter Gast ist) plötzlich eine Leidenschaft. Und man sieht ihm an: Musik macht glücklich. (Und: Fernsehen macht nicht glücklich.)

Schade, dass das deutsche Fernsehen bislang keine Nische gefunden hat, in der einer wie Götz Alsmann wirklich zuhause sein und seine Entertainerqualitäten ausleben kann (und welcher andere Fernsehmensch hat die heute noch, der große Florian Silbereisen natürlich ausgenommen). Seine TV-Biographie ist ein Flickenteppich aus mehr oder weniger gelungenen, aber fast immer längst vergessenen Versuchen. Kommenden Samstag beginnt im WDR-Fernsehen ein neuer: In „Einfach Alsmann“ spricht er mit Prominenten über Musik („Ich kann Klavier“) und musiziert mit ihnen.

Und womöglich kann man sich an die Sendung und ihre Gäste (ja, auch: Harald Schmidt) am nächsten Tag noch erinnern. Das wär doch was.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung