Thomas Knüwers Ende der Debatte

Vielleicht hat Sönke Iwersen einfach den Fehler gemacht, den Eintrag seines „Handelsblatt“-Kollegen Thomas Knüwer beim Wort zu nehmen. Unter der Überschrift „Weil der Journalist sich ändern muss“ wiederholte Knüwer in seinem „Handelsblatt“-Blog „Indiskretion Ehrensache“: Dass für Journalisten nichts mehr so zu sein scheint, wie es war. Dass Journalisten mit der bisherigen Arbeitsweise nicht weiter kommen. Dass Journalisten sich den neuen Kommunikationsformen nicht mehr verweigern dürfen. Dass Journalisten sich nicht mal ansatzweise ausreichend an die neue Zeit angepasst haben. Dass „viele, viele Kollegen eine geistige 180-Grad-Wende“ vollführen müssen.

Knüwer hat das schon oft gesagt, geschrieben und gebloggt. Und vielleicht war es für Iwersen das eine Mal zuviel. Jedenfalls dachte er wohl: Mache ich einfach mal etwas Anderes, etwas Unerhörtes, und benutze die neuen Kommunikatonsformen dafür, meinem Redaktionskollegen Knüwer öffentlich zu widersprechen.

Es war ein Widerspruch, der weniger mit diesem einen Eintrag zu tun hatte und mehr mit Knüwers ganzer Selbstinszenierung und seinen ewig glänzenden Augen für jeden Gimmick des Web 2.0. Offenbar hatte sich da schon länger etwas aufgestaut. Der Kommentar lautete:

Lieber Thomas,

Bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?

Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest – wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst. Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom Telekomskandal? Untergang von Lycos? Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über Agentur lief oder in der New York Times stand.

Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten Du selbst lebst. Eine große Zahl Deiner Blogeinträge basiert doch auf Artikeln Deiner Print-Kollegen, zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben.

Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du.

Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben. Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus.

Bei aller Begeisterung, die ich selbst für viele neue Formen der Kommunikation und des Journalismus aufbringen kann, und bei aller Verzweiflung, mit der ich beobachte, wie viele Kollegen glauben, dass die beste Antwort auf Probleme und beunruhigende Veränderungen ist, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen — ich finde, dass in dieser wütenden Erwiderung genug Wahrheit steckt, über die es sich zu diskutieren lohnt.

Und wer, wenn nicht Thomas Knüwer, plädiert immer wieder für schonungslose Offenheit und Kritik und Selbstkritik? Wer ist so schnell im Austeilen, dass er das auch einfach einstecken könnte?

(Knüwer ist einer von denen, die oft schneller bloggen als denken ((ich leider manchmal auch)), was er in dem Beitrag wieder zeigte, als er der FAZ vorwarf, sie hätte ihre mangelnde Internet-Kompetenz erneut bewiesen, indem sie einen Artikel zum Thema von Harald Staun aus der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ nicht online freischaltete. Dabei war er schon am Samstagabend online, woraus man wiederum Schlüsse über Knüwers eigene Internet-Kompetenz ziehen könnte.)

Jedenfalls: Eine Diskussion über den Kommentar von Iwersen fand nicht statt. Knüwer löschte ihn.

Er erklärte mir das auf Anfrage damit, dass Iwersen mit seinem Kommentar „eindeutig gegen interne Regeln im Umgang mit Blogs und Kommentaren“ verstoßen hätte. Es sei zwar erlaubt und sogar erwünscht, dass „Handelsblatt“-Redakteure die Blog-Einträge ihrer Kollegen kommentieren. Auch Widerspruch sei erlaubt — aber nur fachlicher Art. In Iwersens Kommentar sieht Knüwer aber keine solche Kritik, sondern eine „unglaubliche Diffamierung“. Er sei „zutiefst enttäuscht“, dass der Kollege ihn in dieser Form angegriffen habe.

Nachdem sich mehrere andere Blogger der Sache angenommen hatten, begründete Knüwer die Löschung schließlich in seinem Blog damit, dass Iwersen sich mit dem Kommentar möglicherweise „in arbeitsrechtliche Probleme gebracht hätte“ — keine überzeugende Argumentation, denn wenn es solche Probleme gibt, hat Iwersen sie nun auch so.

Knüwer weiter:

Warum Herr Iwersen Animositäten gegen mich hegt, die er in der Redaktion bisher nicht zum Ausdruck brachte, ist mir nicht klar. Dies auszudiskutieren ist aber kein Thema für ein Blog.

Nicht?

Warum Herr Iwersen Animositäten gegen Thomas Knüwer hegt, wird aus seinem Kommentar jedenfalls sehr deutlich. Im Zweifelsfall wird auch er sich diffamiert gefühlt haben — nicht persönlich, aber wieder und wieder getroffen von Knüwers Angriffen auf Journalisten, die nicht so sind wie Knüwer.

Ich finde es eine berechtigte Frage, der sich Leute wie Knüwer (und ich) ernsthaft stellen müssen: Wer denn die Artikel recherchiert, während wir Kommentare moderieren und Twitter-Beiträge lesen und lustige Experimente mit Kamera-Übertragungen machen. Das ist keine Entweder-Oder-Debatte, denn natürlich wird der Journalismus der Zukunft beides brauchen: traditionelle und neue Formen der Recherche und des Publizierens.

Der unwichtigste, aber vielleicht erstaunlichste Aspekt der kleinen Kollegen-Konfrontation 2.0 beim „Handelsblatt“ ist allerdings, dass Thomas Knüwer offenbar unterschätzt hat, wie viel Aufmerksamkeit er der Sache gibt, wenn er einen solchen Kommentar löscht. Dass er keinen Weg fand, ihn einfach stehen zu lassen und darauf zu antworten (oder auch nicht). Dass er da ungefähr soviel Internet-Kompetenz bewies wie Theo Zwanziger.

Nachtrag, 23.10 Uhr. Nach einigem Hin und Her und Hin hat Thomas Knüwer den Kommentar jetzt wieder freigeschaltet. Der Konflikt ist damit aber nicht aus der Welt — der grundsätzliche um das Thema nicht und der konkrete um den Kommentar auch nicht.

Die Adventsklickmaschine von jetzt.de

Sie scheint täglich größer zu werden, die Panik der Medien, aus ihren Internetangeboten womöglich nicht auch den allerletzten Klick herausgepresst zu haben. Bei jetzt.de, dem Online-Jugendableger der „Süddeutschen Zeitung“, treibt die Verzweiflung gerade besondere Blüten. Gestern fand jedes Mitglied auf seiner persönlichen „jetzt-Page“, die ein Gästebuch enthält und verschiedene Möglichkeiten, sich anderen vorzustellen, plötzlich ein großes Bild wieder:

Es handelt sich, wie die Redaktion mitteilte, um einen „besonderen Adventskalender“: Um die Türen zu öffnen und zum Beispiel einen Fisch durch die Winterlandschaft springen zu lassen, muss man jetzt.de viele Klicks schenken. Das passiert mithilfe des „jetzt.de-Weihnachtsspiels“, das Besucher von sueddeutsche.de (und dieses Blogs) schon unter den Namen „Klick it like Beckham“ kennen.

Zur Lösung sind mehrere Dutzend Klicks nötig, die von sueddeutsche.de sämtlich als „PageImpressions“ an die zentrale Zählstelle der IVW geschickt und dann von Medienjournalisten und anderen Ahnungslosen gerne mit Ausweisen redaktionellen Erfolgs verwechselt werden.

Die Begeisterung bei der sogenannten „Community“ über das Geschenk hält sich bislang in Grenzen: Viele Kommentatoren bitten um die Möglichkeit, die vorweihnachtliche Klickmaschine wenigstens auf ihrer jetzt.de-Page ausblenden zu können. Ihre Beschwerden verhallen bislang ohne Reaktion.

[mit Dank an Christoph Lauer!]

Nachtrag, 17:45 Uhr. Um 15:55 Uhr reagierte jetzt.de-Mitarbeiter Nico Wilfer in den Kommentaren:

Wir bringen sehr bald für Nichtsammler die Möglichkeit, den Adventskalender aus der jetztpage zu entfernen. Bitte entschuldigt, dass wir das nicht schon zum Start angeboten haben.

Hauptsache, es ist auf Papier

In einem Beitrag des NDR-Medienmagazinis „Zapp“ über das verlogene Geschäft der Boulevardzeitungen mit Sex-Anzeigen hat sich der deutsche Oberwerber Volker Nickel eindrucksvoll um das Ehrenabzeichen der Nationalen Initiative Printmedien beworben:

Zapp: Wie sehen Sie das denn in Punkto Jugendschutz. Ist der nicht betroffen, wenn Kinder so Formulierungen lesen wie „Dreilochbegehbar“?

Volker Nickel, Deutscher Werberat: Naja, es wäre schon schön, wenn mehr Kinder Zeitung läsen. Und auch die Anzeigen läsen. Aber Kinder haben für solche Anzeigenteile kaum Interesse.

(Der ganze Beitrag in der ARD-Mediathek.)

Von Bambis, Beben, Blutbädern und Brennpunkten

Die eigentliche Frage, warum die ARD sich Jahr für Jahr dafür hergeben muss, eine Werbeveranstaltung des Burda-Verlages namens „Bambi“ zu übertragen, hat sich natürlich kein ARD-Verantwortlicher zu stellen getraut (dafür aber mit genüsslicher Boshaftigkeit das Magazin „Der Tag“ von hr2). Stattdessen gab es nur ein halböffentliches Geraune einiger Chefredakteure, dass es wenigstens vor der Show einen „Brennpunkt“ zu den Anschlägen in Bombay hätte geben müssen. Der sei ihnen vom neuen ARD-Programmdirektor Volker Herres aber verweigert worden.

Um daraus einen echten Aufreger zu machen, fehlte allerdings die Fallhöhe, denn der ARD-„Brennpunkt“ ist schon lange nicht mehr, was er war: eine Art öffentliches Hyperventilieren, mit dem der Sender, sobald ein bisschen Wind mehr als zwei Bäume umknickte, das Publikum nach der „Tagesschau“ noch eine Viertelstunde länger bei sich halten konnte – zum Ärger der privaten Konkurrenz. Und bei dem am Ende nicht immer klar war, ob die größere Katastrophe sich gerade in der Welt, oder auf dem Bildschirm abgespielt hatte.

So sparsam geht das Erste inzwischen mit seinem Sonderprogramm um:

ARD-„Brennpunkte“ 2007

18.01.2007: „Orkan über Deutschland“ / „Stoiber gibt auf“
19.01.2007: „Orkan über Deutschland“
17.04.2007: „Blutbad in Blacksburg“
24.05.2007: „Alles nur gedopt?“ (Geständnisse von Zabel und Aldag)
18.06.2007: „Tod im Reisebus“
26.08.2007: „Flammenhölle in Griechenland“
05.09.2007: „Al Kaida in Deutschland?“
13.11.2007: „Der Rücktritt“ (Müntefering)

ARD-„Brennpunkte“ 2008

28.01.2008: „Regieren – Aber wie?“ (Hessen-Wahl)
14.04.2008: „Milbradt tritt zurück“
13.05.2008: „Tod unter Trümmern – China nach dem Beben“
14.05.2008: „Tod unter Trümmern – Wettlauf mit der Zeit“
20.08.2008: „Flugzeugabsturz in Spanien“
07.09.2008: „Chaos in der SPD“ (Rücktritt Beck)
29.09.2008: „Beben in Bayern – Was passiert mit der CSU?“
10.10.2008: „Kippt jetzt die Wirtschaft?“ (Kursstürze an den Börsen)
03.11.2008: „Machtwechsel geplatzt – Wie weiter in Hessen?“
05.11.2008: „Der neue Mann im Weißen Haus“ / „Todesfalle Bus“
28.11.2008: „Tod und Terror in Bombay“

Den Indien-„Brennpunkt“ gab es dann also doch noch, nur einen Tag später. Besser als umgekehrt: Im September war das Erste nach der Bayern-Wahl mit seinem „Brennpunkt“ einen Tag zu früh dran, weil Erwin Huber partout nicht zurücktreten wollte. BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb blieb deshalb viel, viel Zeit, um in ein oberbayerisches Wirtshaus zu schalten, wo der Reporter bei einem zünftigen Bier mit CSU-Anhängern reden durfte.

Einen Tag später ist Huber dann tatsächlich zurückgetreten. Dafür gab’s dann aber keinen „Brennpunkt“ mehr.

Bislang fehlt in diesem Jahr sogar noch der obligatorische Schneechaos-„Brennpunkt“. Nach unbestätigten Informationen verhandelt ARD-Chef Volker Herres noch mit dem Wetter über einen passenden Termin. Donnerstags wär‘ ganz schlecht.

Bleibt alles anders

Puh. Viel los gerade.

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Seit heute bin ich „F.A.Z.“-Blogger. Zusammen mit dem Peer schreibe ich ein Fernsehblog namens „Das Fernsehblog“ (auch unter dasfernsehblog.de zu erreichen). Das ist auch ein Experiment, wie es sich unter dem Dach eines so großen Mediums bloggt — was für ein Publikum wir dort erreichen, wer da kommentiert, wie die Kollegen reagieren, ob wir Formen finden, die die klassischen journalistischen Formate ergänzen und das Angebot bereichern. Gespannt bin ich auch, wie so ein Blog in diesem Umfeld wahrgenommen wird und welche Aufmerksamkeit man damit auf Dauer generieren kann.

Im Moment knirscht die Technik noch ein bisschen (ich glaube, tief im Inneren der „F.A.Z.“-Blogsoftware steckt ein WordPress-Motor, um den jemand einen Verkomplizierungsapparat mit einem vom Zufallsgenerator angetriebenen Fehlereinspritzer gebaut hat). Aber die Kollegen sind eifrig am Schrauben, und vielleicht werden bald sogar Peers Beiträge auf der Übersichtsseite angezeigt werden.

Und — bevor jemand anderes darauf hinweist: Als Jörg Thomann für die heutige „F.A.Z.“ formulierte, dass gute Blogs sich durch „gründliche Recherche, eine ausgefeilte Sprache sowie klare, gut begründete Meinungen“ auszeichnen, wusste er noch nicht, dass Oliver Pocher netterweise zugesagt hatte, für uns ein Grußwort zu schreiben. [Hier Zwinkersmiley vorstellen.]

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Auf fernsehlexikon.de hat heute unser großes Advents-Bilderrätsel begonnen. Jeden Tag zeigen wir einen Screenshot aus einer Sendung von früher oder heute und stellen dazu eine Frage — die meisten sind ziemlich knifflig, und die Antworten lassen sich nicht einfach ergoogeln, was hoffentlich den Anreiz zum Mitspielen erhöht. (Außerdem gibt es schöne Preise zu gewinnen.)

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Auch auf BILDblog gibt es seit heute etwas Neues: Wir versuchen in den nächsten Wochen einmal, „die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme“ jenseits der „Bild“-Zeitung aufzuspüren. Das sind natürlich auch Dinge, die bislang in diesem Blog standen, weshalb ich mich über sachdienliche Hinweise besonders freuen würde.

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Und wenn Sie jetzt sich (oder mich) fragen, ob das nicht alles ein bisschen viel ist und vier Blogs nicht knapp vier mehr sind, als ein Mensch haben sollte, muss ich sagen: Das kann gut sein. Aber ich lasse mich einfach mal überraschen, wie sich das die nächste Zeit sortiert.

Galileo

Neulich hatten sie sich bei „Galileo“ wieder etwas Besonderes ausgedacht. Moderator Daniel Aminati hatte einen Strohhalm in der Hand, der in einem vollen Glas Wasser steckte. Als er hinein pustete, machte es lustige Blasen. Erstmal nicht so spannend, oder wie es Aminati formulierte: „Erstmal nicht so spannend, aber das hier ist im Prinzip die Funktionsweise eines Whirlpools. Luft wird ins Wasser gepresst und sorgt für die Blubber beim Baden.“ Immer noch nicht so spannend, aber das sagte Aminati nicht mehr. Stattdessen begann ein vielminütiger Film, wie irgendwelche Leute sich einmal damit abmühten, ein Whirlpool im Garten anzulegen, gegen den aber nun die ursprüngliche Strohhalm-Demonstration wieder unglaublich spannend wirkte.

Man muss sich das „Wissensmagazin“ (Eigenbeschreibung) von ProSieben, das heute seinen zehnten Geburstag feiert, als ein Programm vorstellen, das sich nicht scheut, auch das zu erklären, was die „Sendung mit der Maus“ bei ihrem Vorschulpublikum fahrlässigerweise als Wissen voraussetzt. Eine fast rührende Naivität zeichnet „Galileo“ aus, und vermutlich darf man den Machern deshalb auch die vielen Beiträge nicht vorwerfen, die man anderswo „Schleichwerbung“ nennen würde: Wenn zum Beispiel eine Fast-Food-Kette anbietet, ihnen „exklusiv“ zu zeigen, wie fantastisch ihre Burger schmecken, können sie halt nicht anders, als diese einmalige Chance begeistert zu nutzen.

Und kein Aufwand ist zu groß, um herauszufinden, woraus zum Beispiel Tränen bestehen, diese salzigen Wassertropfen. Gut, 99 Prozent sind Wasser. Aber was ist das restliche Prozent? „Reporterin und Diplom-Biologin Andrea“ macht sich auf eine endlose Spurensuche, sammelt Wasser in einem Fluss, interviewt Passanten, schneidet Zwiebeln, produziert Tränen – bis ihr ein Labor endlich verrät: der Rest ist Salz. Wer hätte das gedacht! (Und es ist sogar egal, ob die Tränen nur von Schauspielern stammen oder von Leuten, die echt traurig waren wegen eines Filmes, den ihnen „Galileo“ gezeigt hat. Ist das nicht unglaublich?)

Manchmal jedoch ist diese Naivität eine Chance. Wenn „Galileo“ in einem langen Report erforscht, wie gefährlich „Killerspiele“ wirklich sind, ist das Ergebnis zwar nicht überraschend (Suchtgefahr groß, Amoklaufgefahr nicht so groß), aber den typischen Beiträgen von ARD-Politmagazinen zum Thema weit überlegen, die immer schon vorher die Antworten auf ihre Fragen zu wissen glauben.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

The West Wing

Als der britische Europaabgeordnete Daniel Hannan in seinem Blog die amerikanische Präsidentschaftswahl Mitte Oktober für gelaufen und Barack Obama zum Sieger erklärte, hatte er nur ein einziges, überzeugendes Argument: Der Wahlkampf folge dem Drehbuch der Serie „The West Wing“. Und dort gewinnt am Ende auch der charismatische demokratische Außenseiter, der einer ethnischen Minderheit angehört, gegen den alten, moderaten Republikaner.

Millionen Menschen hatten, wie Hannan, schon drei Jahre zuvor im Fernsehen gesehen, was passieren würde. Und die Parallelen waren nur zum Teil zufällig: Eli Attie, einer der Drehbuchautoren, hatte zur Recherche David Axelrod angerufen, der Obama damals im Rennen um den Senat beriet, und lange mit ihm über den Politiker, seinen Stil und seine Ambitionen gesprochen. Obama war ein Vorbild für die Figur des Matt Santos (Jimmy Smits), einem Latino und unwahrscheinlichen Kandidaten für das Präsidentenamt.

Obamas Sieg ist auf eine merkwürdige Art der nachträgliche Höhepunkt dieser herausragenden Serie, die von 1999 bis 2006 den Alltag im Weißen Haus schilderte — fiktiv und dramatisiert, aber im Kern in einem Maße realistisch, dass man sie als politische Bildung sehen kann. Sie zeichnet sich nicht nur durch hervorragende Schauspieler, gute Geschichten und kluge Dialoge aus, sondern auch durch eine Lust, auf dieser realistischen Grundlage verschiedene Szenarien durchzuspielen. Was passiert zum Beispiel, politisch und juristisch, wenn herauskommt, dass der Präsident Multiple Sklerose hat, war er den Wählern nicht gesagt hat? Welche Verfassungskrise entsteht, wenn die Tochter des Präsidenten entführt wird? Die inhaltlichen Gedankenspiele spiegeln sich auch in der Form: Viele Episoden sind zum Beispiel nicht chronologisch erzählt, sondern verschachteln lust- und kunstvoll die Zeitebenen.
„The West Wing“ war während der Amtszeit von George W. Bush so etwas wie eine schmerzhafte Erinnerung, wie es sein könnte, von einem anderen Präsidenten regiert zu werden, und das nicht nur im Sinne einer linksliberalen Fantasie: Der fiktive Präsident Jed Bartlet, gespielt von Martin Sheen, ist zwar Demokrat, vor allem aber klug und weise, belesen und wortgewandt, moderat und reflektiert. Er hat Schwächen und macht Fehler. Aber er wirkt auch dann wie eine Werbefigur für die Institution des amerikanischen Präsidenten.

Dabei zeigt „West Wing“ auch, wie mühsam es selbst vom Weißen Haus aus ist, etwas zu bewegen — nicht nur weil dem fiktiven Präsidenten ein republikanischer Kongress gegenüber steht. Jeder Erfolg wird durch eine Niederlage erkauft. Es ist ein Kampf, bei dem man fast nie in die Offensive kommt, weil sich immer wieder neue Fronten öffnen, an denen es darum geht, überhaupt die Stellung halten zu können. Am Ende einer Folge sind die Mitarbeiter des Präsidenten meistens froh, wenn sie nicht schlechter dastehen als am Anfang. Gelegentlich bricht mal einer aus dem Hamsterrad aus und versucht, die anderen zu motivieren, sich nicht dauernd einschüchtern zu lassen und daran zu erinnern, was für Pläne man hatte und wofür man überhaupt in die Politik gegangen sei. Es hilft wenig.

Die Serie ist bei allem patriotischen Pathos, das sie durchweht, auch eine praktische Warnung, nicht zu viel zu erwarten von einem Präsidenten. Wer sie gesehen hat, hat eine vermutlich realistische Vorstellung davon, in welchem Maß schon die Übergangsphase, die zweieinhalb Monate zwischen Wahl und Amtsantritt, eine Zeit der Kompromisse und des Geschacheres ist. Und dann, heißt es, hat der neue Präsident 100 Tage Zeit, zu tun, was ihm wichtig ist – bevor der nächste Wahlkampf für den Kongress beginnt.

Am Ende geht es in „West Wing“ um den Nachfolger Bartlets, den Wahlkampf von Matt Santos, einem Mann, der versucht, nicht als „der braune Kandidat“ wahrgenommen zu werden, Brücken zu bauen, anders zu sein und auf eine zunehmend aggressivere Kampagne der Gegenseite nicht mit gleichen Mitteln zurückschlägt — das kennen auch Nicht-Zuschauer ja inzwischen. Sein Zauberwort ist nicht „Change“, sondern „Hope“, und er ruft den Leuten zu: „Hoffnung ist echt“. Aber man kann, wie die „New York Times“ schrieb, die Massen auch darauf fast antworten hören: „Yes, We Can“.

Die siebte Staffel von „West Wing“ endet mit der Amtseinführung des neuen, unwahrscheinlichen Präsidenten. Wenn Barack Obama am 20. Januar seinen Eid leistet, beginnt damit im Grunde die achte Staffel von „West Wing“.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Medienanstalten outen Beschwerdeführer

Auf der Seite programmbeschwerde.de der Landesmedienanstalten, die Zuschauer dazu einlädt, „Programmverstöße“ zu melden, schreibt die zuständige Landesmedienanstalt Saarland:

Die Sicherheit Ihrer Daten im Internet ist uns ein großes Anliegen. Selbstverständlich befolgen wir streng die Bestimmungen der Datenschutzgesetze (BDSG, SDSG) und verwenden Ihre Daten nur für solche Zwecke, zu denen Sie uns berechtigt haben. Der Schutz der von Ihnen zur Verfügung gestellten Informationen wird durch die Verwendung moderner Sicherheitssysteme bestmöglich gewährleistet. Alle Daten werden streng vertraulich behandelt. Das heißt: Es ist für Dritte nicht ersichtlich, welche Beschwerden, von wem abgegeben werden.

Schön wär’s.

Bereits im vergangenen Jahr staunte ein Zuschauer, der sich bei der Bayerischen Landesmedienanstalt über eine Call-TV-Sendung beschwert hatte, dass die Behörde offenbar seine persönlichen Daten an den damaligen Geschäftsführer der Produktionsfirma weitergeleitet hatte.

In dieser Woche entdeckte ein Mitglied des Forums call-in-tv.net, dass die Beschwerden von vermutlich Hunderten Beschwerdeführern im Wortlaut, zusammen mit sämtlichen Angaben wie E-Mail-Adressen oder Telefonnummern auf www.programmbeschwerde.de offen unter dem Logo der Landesmedienanstalten zu lesen waren. Dies ist nur ein winziger Ausschnitt der Übersichtsseite:


(Unkenntlichmachung von mir)

Das ganze bunte Bild der Beschwerden ließ sich nachlesen: Klagen über verschobene Werbeblöcke in der RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und das Niveau der „sogenannten Telenovellas“; Empörung über die „widerwärtige“ „übermäßige Verwendung englischer Sprachfetzen“ in der Werbung und den Nachrichten; Beschwerden über die Schleichwerbung in „Wetten dass“, und detaillierte Beschreibungen der systematischen Irreführung der Hörer in der Call-In-Show „Lars Vegas“ des Radiosenders RPR1.

Erst nach dem Hinweis eines Users von call-in-tv.net hat jemand die Daten am Mittwoch von der Seite entfernt.

Die saarländische Landesmedienanstalt hatte das Projekt programmbeschwerde.de vor vier Jahren gestartet und anfangs ununterbrochen Erfolgsmeldungen dazu herausgegeben. Inzwischen würde ich annehmen, dass bis zum Datenschutz-Skandal dieser Woche die Medienwächter vergessen hatten, dass es die Seite überhaupt noch gibt.

So, wie die Seite im Moment vor sich hinrottet, ist es erstaunlich, dass sich dort überhaupt jemand über das Programm beschwert. Aber das sollte man vielleicht eh niemandem empfehlen.

[via Twipsy]

Wer erklärt mir den Raab?

Ähm…

…nachdem mir Michael auch nicht weiterhelfen kann, muss ich jetzt doch mal in die Runde fragen: Kann mir jemand erklären, was daran beleidigend war?

Stefan Raab sagte bei der Bambi-Verleihung: „Ich möchte mich heute Abend mal bei einer Frau bedanken, ohne die ich nicht hier oben stünde. Bei Uschi Glas. Danke Mama!“

Ich verstehe, ehrlich gesagt, schon den Witz daran nicht, aber wo ist die Beleidigung? Uschi Glas ist 22 Jahre älter als Stefan Raab, sie könnte rein rechnerisch seine Mutter sein — ein Alterswitz ist es also nicht. Was sonst? Die „Bild“-Mitarbeiter Dominik Hug und Annette Pawlu sprechen von einer „Verbal-Attacke“ und nennen es „einen fiesen verbalen Seitenhieb“ — auf was?

Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint: Hä?

[Ausriss: off the record]

Hilferuf für Martin Ebbing

Martin Ebbing ist ein freier Journalist, der aus dem Iran berichtet und auch ein sehr lesenswertes Blog schreibt. Ich möchte mich diesem Spendenaufruf anschließen:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,

wie einige von Ihnen bzw. Euch vielleicht schon wissen, hat Martin Ebbing, unser Weltreporter-Kollege im Iran, einen schweren Herzinfarkt erlitten. Auf einer Intensivstation in Teheran ringen die Ärzte um sein Leben, da sein Herz erheblich geschädigt wurde. Nach Aussage der Mediziner funktionieren
nur noch fünf Prozent seines Herzens. Er liegt im Koma.

Martin Ebbing lebt und arbeitet seit Jahren als freier Journalist im Iran. Zu allem Unglück hat er keine Krankenversicherung. Warum das so ist, wissen wir nicht. Wir kennen Martin als verantwortungsvollen Menschen, der nicht leichtfertig entscheidet. Vermutlich war es entweder unmöglich für ihn, beispielsweise bei einem privaten deutschen Versicherer einen Krankenschutz zu bekommen, oder dieser wäre so teuer gewesen, dass er für einen freien Journalisten nicht mehr zu finanzieren ist. Wir können uns vorstellen, dass Martin sich entscheiden musste zwischen seiner Tätigkeit als freier Korrespondent im Iran und in der Region, aus der er mit Leidenschaft, aber ohne Versicherungsschutz berichtete, und einer abgesicherten Existenz an einem anderen Ort der Welt, etwa in Deutschland.

Martin Ebbing hat sich für die Ausübung seines Berufes im Iran entschieden. Jetzt braucht er unsere Hilfe.

Derzeit sieht es so aus, dass Martin Ebbing (hoffentlich) in Kürze nach Deutschland ausgeflogen und ins Herzzentrum Berlin eingeliefert werden kann. Dort wird bereits alles vorbereitet. In Teheran ist er am letzten Wochenende an eine Spezialpumpe angeschlossen worden, die – abhängig vom Zeitpunkt des Rettungsfluges – vielleicht noch einmal ausgewechselt werden muss.

All das hat bereits sehr hohe Kosten verursacht, die vor allem wegen des Rettungsfluges noch enorm ansteigen werden. Die Kosten in der Teheraner Klinik werden zwischen 15.000 und 20.000 Euro betragen, der Rettungsflug wird aufgrund des Gesundheitsrisikos mindestens 70.000 Euro kosten. Hinzu kommen weitere Ausgaben, die wir hier nicht auflisten möchten, weil nicht abzusehen ist, welche medizinischen Maßnahmen noch erforderlich werden. Wahrscheinlich muss ein künstliches Herz angeschlossen werden. Auch eine Herztransplantation wird erwogen. Ein künstliches Herz kostet zwischen 105.000 und 179.000 Euro.

Das Auswärtige Amt hat sich nach Prüfung des Falles dazu entschlossen, die Finanzierung des Rettungsfluges vorerst zu übernehmen. Martins beide Söhne sowie seine Frau, die Fotografin Zoreh Soleimani, mussten sich allerdings schriftlich verpflichten, das Geld innerhalb von zwei Monaten zurückzuzahlen. Weder die Söhne, die studieren, noch Martins Frau sind in der Lage, auch nur annähernd so viel Geld aufzubringen.

Wir sind deshalb gerade dabei, in unserem Netzwerk Geld zu sammeln. Da wir aber kein Unternehmen, sondern ein Verbund von freien Journalisten sind, die einander bei großen und kleinen Schwierigkeiten helfen wollen, sind auch wir außerstande, diese hohe Summe aufzubringen.

Trotzdem wollen wir alles tun, um der Familie soviel wie möglich von dieser unglaublichen Last abzunehmen. Uns haben bereits Kolleginnen und Kollegen aus Redaktionen angerufen, mit denen Martin zusammenarbeitet. Sie fragten, was sie tun könnten, Geld spenden zum Beispiel. Das hat uns dazu ermutigt, die Information über diesen tragischen Notfall an Kolleginnen und Kollegen weiterzuleiten. Wir können uns vorstellen, dass der eine oder die andere ebenfalls Geld spenden oder diese Mail an andere weiterleiten möchte.

Spenden können auf unser Konto überwiesen werden. Es läuft auf den Namen unseres Mitgliedes Felix Zimmermann:

Kontoinhaber: Felix Zimmermann
Konto-Nummer: 2004550500
Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BLZ 43060967

IBAN DE72 430609672004550500
BIC GENODEM1GLS

Verwendungszweck (unbedingt angeben): NOTFALL EBBING

In dem Fall, dass Spender und Absenderkonto nicht identisch sind, geben Sie bitte bei Verwendungszweck auch Ihren Namen an!

Vielen Dank! Herzliche Grüße

Der Vorstand von Weltreporter.net
Clemens Bomsdorf
Jürgen Stryjak
Eva Corell
Corinna Arndt
Marcus Bensmann

Nachtrag, 1. Dezember:

Liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben die traurige Nachricht erhalten, dass unser Freund und Kollege im Weltreporter.net Martin Ebbing in der letzten Nacht im Krankenhaus in Berlin gestorben ist. Nachdem sich die Ärzte noch am Samstag optimistisch geäußert hatten, kam es am Sonntag zu einer Hirnblutung. Die Ärzte konnten Martin nicht mehr retten.

Wir möchten uns bei Ihnen allen bedanken! Ihre Anteilnahme, Ihre Hilfs- und Spendenbereitschaft haben uns und auch die Angehörigen von Martin Ebbing in den letzten Tagen überwältigt. Inzwischen haben wir dafür gesorgt, dass ein Notar den Ablauf der gesamten Spendenaktion überprüfen wird. Er soll garantieren, dass mit allen Spenden, die eingingen und die in der nächsten Zeit noch eintreffen, ausschließlich Maßnahmen bezahlt werden, die zur Rettung von Martin Ebbing ergriffen wurden. Die benötigte Summe hat inzwischen eine Höhe von über 100.000 Euro erreicht. Wir werden Sie darüber in den nächsten Tagen auf unserer Webseite www.notfall.weltreporter.net informieren.

Vielen Dank!

Der Vorstand von WELTREPORTER.NET
Clemens Bomsdorf
Jürgen Stryjak
Eva Corell
Corinna Arndt
Marcus Bensmann