Gericht erklärt „Geo“: Autoren haben Rechte

Christian Jungblut hätte dankbar sein sollen, dass sein Text von der „Geo“-Redaktion überarbeitet und in so vielen Details geändert wurde, dass von seinem Schreibstil nichts übrig geblieben war. Der Anwalt von Gruner + Jahr teilte dem freien Journalisten mit, dass sein Manuskript von niemand geringerem als „einer Preisträgerin des 1. Preises beim Henri-Nannen-Preis 2008 — bekanntlich dem Nachfolger des Kisch-Preises — redigiert wurde“. Auch Peter-Matthias Gaede, der Chefredakteur von „Geo“, sei „als ein Preisträger des 1. Preises beim Kisch-Preis 1984 (…) sicherlich über jeden Zweifel erhaben“. Jungblut selbst hingegen hat nur einen 3. Platz beim Kisch-Preis 1986 vorzuweisen.

Es geht aber gar nicht um die Frage, ob die Reportage, die Jungblut für „Geo“ über den Deichbau in den Niederlanden geschrieben hat, nach der gründlichen Änderung durch die Redaktion besser war als vorher. (Seine blasse Erzählweise sei durch einen lebendigen und plastischeren Stil ersetzt worden, argumentierte der Verlag vor Gericht.) Es geht um die Frage, ob Jungblut als Urheber ein Recht darauf hat, dass sein Werk nicht gegen seinen Willen in einer massiv veränderten Form veröffentlicht wird.

Das Landgericht Hamburg entschied jetzt (308 O 78/10): Er hat dieses Recht. Das Gericht untersagte dem Verlag Gruner + Jahr, den entsprechenden Artikel „Plan B“ aus Heft 12/2009 weiter zu verbreiten. Entscheidend für das Urteil war dabei nicht die Zahl der Preise oder die Größe des Penis Egos der Beteiligten, sondern das Urheberpersönlichkeitsrecht, das dem Urheber das Recht gibt, „eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden“.

Es ist ein Verfahren mit grundlegender Bedeutung für das spannungsreiche Verhältnis zwischen freien Mitarbeitern und Redaktionen. Dass Texte nicht nur behutsam redigiert, sondern auch gravierend verändert werden, ist Alltag bei Zeitungen und Zeitschriften. Die wenigsten freien Journalisten können es sich allerdings erlauben, sich dagegen zu wehren.

Der 67-jährige Jungblut schreibt seit Jahrzehnten als freier Autor für „Geo“ und andere Magazine. Einige seiner Reportagen, zum Beispiel undercover als Steuermann auf einem Supertanker, sind als Bücher erschienen. Früher, sagt er, sei „Geo“ ein ausgesprochenes Autorenblatt gewesen, in dem die Schreiber und ihre spezielle Schreibe weit mehr respektiert wurden als bei anderen Zeitschriften. Heute seien extensive Textänderungen die Regel. Dadurch seien sogar so renommierte Autoren wie Horst Stern und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vergrault worden.

Der Veröffentlichung der Holland-Geschichte gegen seinen Willen geht ein über halbjähriges Hin und Her zwischen Autor und Redaktion voraus. Der Text, den Jungblut geschrieben hatte, sollte nach monatelangem Herumliegen erst schnell von einem Report zu einem Porträt umgeschrieben werden, um in ein spezielles Heftkonzept zu passen. Das wurde dann wieder verworfen, stattdessen gab es andere Änderungswünsche, woraufhin Jungblut eine neue Version schickte. Der Text, der ihm schließlich zur Abnahme geschickt wurde, war dann aber so sehr geändert, dass er ein Veto einlegte. Er teilte Chefredakteur Gaede mit, dass er mit einer Veröffentlichung in der vorliegenden Form nicht einverstanden sei.

Gaedes Antwort war schroff: „Das machen wir ganz einfach: Wir veröffentlichen den Text nicht unter Deinem Namen.“ Als Jungblut dagegen protestierte, legte der „Geo“-Chef nach: „Es war über all die Jahre gut für Dich, dass Deine Texte von GEO-Redakteuren redigiert worden sind. Nun haben wir es allesamt bald hinter uns.“

Jungblut untersagte die Veröffentlichung des umgeschriebenen Textes. „Geo“ ignorierte das und veröffentlichte den Artikel, der auf Jungbluts Artikel beruhte, aber nicht mehr Jungbluts Artikel war, unter Jungbluts Namen.

Der Verlag weigerte sich danach, eine Unterlassungserklärung abzugeben.“Wir bedauern, dass Ihr Mandant es augenscheinlich für richtig hält, eine langjährige Arbeitsbeziehung nun mit so schrillen Misstönen zu beenden“, erwiderte der Anwalt Gruner + Jahr einem entsprechenden Mahnschreiben.

Also traf man sich vor Gericht.

Jungblut beklagte eine „Entstellung“ seines Artikels. Seine Erzählweise sei durch eine reißerische Darstellungsweise ersetzt, Fakten lieblos aneinandergereiht und Zitate zum Teil verändert worden.

Gruner + Jahr berief sich auf einen Autorenvertrag, in dem dem Verlag das Recht „zur Änderung und Bearbeitung“ der Beiträge Jungbluts eingeräumt wird, „soweit diese Bearbeitung nicht den Sinn des Beitrags unzumutbar verändert“.

Das Landgericht urteilte, dass der Verlag sein Bearbeitungsrecht überschritten hat. In der Begründung listet es akribisch die Veränderungen auf, die die Redaktion vorgenommen hat: „Kaum ein Satz des Klägers wurde wortwörtlich übernommen.“ Auch Zitate von Personen und kleinste sprachliche Besonderheiten seien verändert worden. Ohne Zustimmung des Autoren hätte „Geo“ diese Bearbeitung nicht veröffentlichen dürfen.

Der von [„Geo“] umgeschriebene Text bringt vor allem zum Ausdruck, dass [„Geo“] einen anderen Sprachstil erwartet hat. Dieser Erwartung muss der Kläger (…) jedoch nicht gerecht werden. Er hat als Urheber das Recht, auf seinen Sprachstil zu bestehen oder andernfalls seine Veröffentlichung zu untersagen. [Die Zeitschrift] kann sich demgegenüber entscheiden, ob sie den Text im Stil des Klägers veröffentlichen will oder nicht.

Das Gericht wies auch Vorwürfe des Verlages, der Autor habe sich einer Zusammenarbeit verweigert, zurück. Das Urteil liest sich in jeder Hinsicht vernichtend für einen renommierten Verlag und eine trotz einbrechender Verkaufszahlen immer noch renommierte Zeitschrift. Gruner + Jahr wird untersagt, den Text zu nutzen – selbst ohne Namensnennung des Autors.

Gaede wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Fall äußern, deutet aber an, dass der Verlag wohl in Berufung gehen wird. Jungblut hat das Gefühl, dass der „Geo“-Chefredakteur grundsätzlich nicht bereit ist, das (im Kern unveräußerliche) Urheberpersönlichkeitsrecht anzuerkennen. Als er sich in einem früheren Fall schon über größere Änderungen beschwerte und sagte: „Ich bin kein Steinbruch-Lieferant“, habe Gaede erwidert: „Jeder ist hier Steinbruch-Lieferant.“ Gaede möchte dieses Zitat nicht bestätigen.

Jungblut sagt:

Ich habe diesen Prozess durchgezogen, weil ich zunächst einmal sehr verärgert war. Das gab sich aber recht bald. Ich wollte eine rechtsgültige Antwort darauf: Wie viel darf eigentlich eine Redaktion ohne das Einverständnis des Autoren verändern? Das ist sehr wichtig für alle Autoren und Reporter. Vielleicht werden die meisten ihr Recht nicht einfordern. Aber sie wissen jetzt, dass es möglich ist.

Der „Spiegel“ nennt die Entscheidung des Gerichts in seiner aktuellen Ausgabe ein „eher skurril anmutendes Urteil“. Vielleicht sagt das auch etwas über das eigene Verhältnis des Hamburger Nachrichtenmagazins zu den Rechten von (freien) Journalisten aus.

Nachtrag, 21.50 Uhr. Wolfgang Michal auf „Magda“ zum selben Thema:

Das ist ein bemerkenswertes Urteil. Es führt die Tätigkeit des Redigierens auf seinen ursprünglichen Zweck zurück: auf den behutsamen Umgang mit fremden Texten. Es fordert die Respektierung des individuellen Stils, die Reduzierung der redaktionellen Eingriffe auf das absolut Notwendige und die prinzipielle Einigung mit dem Autor.

Nachtrag, 23.50 Uhr. „Geo“-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede antwortet in den Kommentaren.

Nachtrag, 3. November. Das Urteil im Volltext.

Nachtrag, 15.30 Uhr. Die „Freischreiber“ (ein Berufsverband freier Journalisten, bei dem ich Mitglied bin) haben ein ausführliches Interview mit Jungblut geführt.

Nachtrag, 6. Mai. Fortsetzung hier.

Die verspätete Fernsehkritik: Thilo Sarrazin bei Günther Jauch

Vergangene Woche war Thilo Sarrazin bei Günther Jauch, und keiner hat’s gemerkt.

Das stimmt natürlich nicht; die Sendung hatte fast vier Millionen Zuschauer, fast genau so viele wie „Anne Will“ am Sonntag zuvor. Aber während keine Ausgabe von „Anne Will“ unrezensiert bleibt, hat Sarrazins Auftritt bei „Stern TV“ fast keine mediale Resonanz gefunden. Sein Magazin werde „publizistisch kaum mehr wahrgenommen“, stellte Jauch vor einem halben Jahr fest. In diesem Fall war das vielleicht besser so.

Der Besuch von Sarrazin war ein guter Anlass, sich einmal anzusehen, wie Jauch mit einem solchen Gast und einem solchen Thema umgeht, bevor er demnächst den traditionsreichen Polit-Talk am Sonntagabend im Ersten übernimmt. Er machte keinen guten Eindruck.

Seine Redaktion auch nicht. Bevor Sarrazin im „Stern TV“-Studio sprach, sprach er, wie in dieser Sendung üblich, in einem „Stern TV“-Filmbericht und erklärte, wie Deutschland zu retten sei. Zum Beispiel: „Wer seine Kinder nicht vernünftig beschult, dem wird die Sozialhilfe teilweise gestrichen. Wenn Kinder die Schule schwänzen, gibt es Geldstafe für die Eltern.“ Sarrazin erwähnte nicht, dass Schulschwänzen bereits jetzt eine Ordnungswidrigkeit darstellt und Eltern von Schulverweigerern ein Bußgeld droht. „Stern TV“ erwähnte es auch nicht.

Jauch rollte Sarrazin einen kuscheligen roten Teppich aus. Seine erste Frage lautete: „War ihnen klar, dass Sie über eine Million Bücher verkaufen würden und dass sie im Grunde so einen Integrationsdebattentsunami über Deutschland auslösen würden?“ Kritische Fragen verpackte er in dickste Watte: „Viele sagen: ‚Der hat ja nicht ganz unrecht, aber er bringt uns nicht weiter. Durch sein Buch werden die Dinge nicht besser, der Graben zwischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund, der wird dadurch vertieft anstatt dass er zugeschüttet wird.‘ Sie würden die Probleme nicht lösen, sondern nur vertiefen. Ist da nicht was dran?“ Oder: „Wenn Sie mit Ihrem Buch gar nicht provozieren wollten, wenn man das alles, was sie schreiben, ja wohl auch noch wird sagen dürfen in diesem Land, warum haben Sie denn dann den Dienst quittiert?“ Ob der Halbsatz mit dem, was man ja wohl nach sagen dürfen wird in diesem Land, ein Zitat der entsprechenden „Bild“-Schlagzeile oder Jauchs Meinung, blieb offen.

Jauch sagte: „Es gibt Umfragen, die besagen, dass Sie mit ihren Thesen durchaus eine neue politische Partei gründen könnten, die auf Anhieb erfolgreich wäre. Die einen sagen 18 Prozent, andere sagen 20 Prozent, andere sind in ihren Schätzungen noch optimistischer.“ Die Zahlen, die Jauch nennt, sind tatsächlich durch die Medien gegangen, aber ihre Interpretation ist falsch. 18 ist – laut einer Emnid-Umfrage – nicht der Prozentsatz, den eine Sarrazin-Partei bei Wahlen erringen würde, sondern die Zahl der Menschen, die es sich „vorstellen“ können, eine solche Partei zu wählen. Ein gewaltiger Unterschied.

Jauch zitierte den Satz von Bundespräsident Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, und fragte Sarrazin: „Sehen Sie das auch so?“ Sarrazin antwortete unter anderem:

„Was er meint und hätte sagen sollen: Wer islamischen Glaubens ist und bei uns die Gesetze einhält und sich einfügt, kann und soll bei uns leben, wenn er denn sein Brot selber verdient. Das wäre eine vernünftige Aussage.“

Was für eine bemerkenswerte Formulierung, die deutlich macht, wie Sarrazin Moslems diskriminiert. Sie müssen aufgrund ihrer Religion offenkundig Anforderungen erfüllen, die Christen, Atheisten und Agnostiker nicht erfüllen müssen. Was soll, seiner Meinung nach, mit muslimischen Deutschen passieren, die nicht ihr Brot selber verdienen? Oder meint Sarrazin hier nur muslimische Einwanderer? Das wäre aber eine erstaunliche Ungenauigkeit, wo er unmittelbar zuvor dem Bundespräsidenten, stotternd und sich verhaspelnd, vorgeworfen hat, unsauber zu formulieren.

Und was machte Jauch? Er hakte nicht nach, er sprach Sarrazin nicht darauf an, er las die nächste Frage von seiner Karte ab.

Sarrazin sagte noch mehr erstaunliche Sätze. Zum Beispiel:

„Die Wahrheit bringt immer weiter. Und die Wahrheit kann auch nie schädlich sein. Ich habe immer darauf gewartet, dass irgendwer mal kommt und sagt: ‚Das und das in dem Buch ist falsch. Das und das ist logisch falsch, hier sind falsche Zahlen.‘ Das hat es nicht gegeben. Von den Argumentationslinien meines Buches ist bis heute eigentlich keine widerlegt oder auch nur hinterfragt worden.“

Später sagte er, die „Tatsachen und Zusammenhänge“ aus seinem Buch seien „bis heute unbestritten“. Man kann sich womöglich darüber streiten, ob Aussagen und Argumentationen aus Sarrazins Buch widerlegt wurden. Aber zu behaupten, niemand hätte ihm faktisch widersprochen oder seine Argumente hinterfragt oder bestritten, ist offensichtlich unwahr. Jauch ließ es ihm durchgehen.

Die Redaktion hatte für einen weiteren Filmbericht verschiedenen Familien ausgesucht, die gelungene und misslungene Integration repräsentieren sollten. Auf der einen Seite: Arabische Großfamilien mit Menschen, die auch nach vielen Jahren in Deutschland kein deutsch sprechen. Auf der anderen Seite: Einwanderer aus Kasachstan, deren Kinder schon kein russisch mehr sprechen, dafür aber jeder ein Musik-Instrument gelernt haben. Der Kontrast zwischen dem abgeschotteten Ghetto im Hochhausviertel und der heilen Welt im Einfamilienhaus in der Kleinstadt war fast schon lächerlich maximal – und hätte zu der fruchtbaren Frage führen können, in welchem Maß der soziale Status (im Gegensatz zur Fixierung auf Herkunft und Religion) eine Rolle bei der „Integration“ spielt.

Fakten, Statistiken, Studien darüber, wie typisch die gezeigten Fälle sind, erwähnte „Stern TV“ nicht. Jauch sagte bloß, die Nicht-Integrierten, die zu sehen waren, seien ja wohl keine Einzelfälle. Es hätte dann noch eine Diskussion geben sollen, aber die scheiterte schon an der Auswahl der Gäste. Houaida Taraji, die Familien- und Frauenbeauftragte im Zentralrat der Muslime, hatte zu der Diskussion nichts beizutragen. Und der Stadtteilmanager von Bremen-Tenever, Joachim Barloschky, hätte zwar von seinen persönlichen Erfahrungen im täglichen Umgang mit vielen Nationen in einem Problemviertel berichten können – dazu hätte man ihn aber dazu befragen müssen.

Nach insgesamt über einer halben Stunde zu dem Thema bedankte sich Jauch bei den Diskussionsteilnehmern herzlich dafür, dass es „richtig Hin- und Hergegangen“ sei, denn das sei auch „Sinn der Sache“ gewesen.

Dem „Zeit“-Magazin hat Günther Jauch im vergangenen Jahr erzählt, welches Gefühl er manchmal hat, wenn er eine politische Talkshow sieht:

„Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung.“

Am vergangenen Mittwoch hatte er selbst nicht einmal Ballkontakt.

Obama stärkt und schwächt „It Gets Better“

Auch Präsident Obama unterstützt also nun die „It Gets Better“-Kampagne gegen die Diskriminierung und Gewalt, der sich schwule, lesbische, transsexuelle Jugendliche ausgesetzt sehen. Das ist vermutlich eine kleine Sensation und eine gute Sache, allein schon, weil es dem wichtigen Thema und der Botschaft noch mehr Aufmerksamkeit verschafft.

Aber ich kann mir nicht helfen: Das begeistert und berührt mich nicht.

Das liegt, oberflächlich, an der Präsentation. Die emotionale Wucht, die die Hunderten Videos unterschiedlichster Prominenter und Nicht-Prominenter entwickeln, beruht nicht zuletzt auf der Verletzlichkeit der Protagonisten. Ihre Beiträge sind roh. Unpoliert, persönlich, ausschweifend.

Beim kurzen Video von Ellen, das ich inzwischen bald ein Dutzend Mal gesehen habe, habe ich mich am Anfang gefragt, ob das eine ganz besondere Form von Professionalität sein könnte, die sie da beweist: Dass sie es schafft, einen solchen Text aufzusagen und an den richtigen Stellen so zu tun, als verlasse sie vor persönlicher Betroffenheit ihre Professionalität. Ich verfluche mich selbst für diesen Zynismus und ich kenne natürlich nicht die Antwort. Andererseits glaube ich, dass jemand mit der persönlichen Erfahrung von Ellen DeGeneres tatsächlich in ganz besonderer Weise davon berührt wird, das Jugendliche sich das Leben nehmen, weil ihnen wegen ihrer tatsächlichen oder unterstellten Homosexualität zugesetzt wird. Und das schwingt in ihrem Video mit.

Obamas Video ist im Gegensatz dazu ein routiniertes Präsidentenvideo. Seine Rede wird ihm von irgendjemandem geschrieben worden sein, er liest sie vom Teleprompter an, und er wirkt dabei so überzeugend wie er immer wirkt, wenn er solche Reden vom Teleprompter abliest. Es lässt mich kalt.

Solche Kampagnen laufen immer Gefahr, dass es irgendwann zu einfach wird, sich an ihnen zu beteiligen; dass es ab einem bestimmten Punkt von Prominenten oder Politikern geradezu erwartet wird mitzumachen. Dass mit der zunehmenden Größe die Überzeugungskraft schwindet. (In Deutschland wäre der Punkt erreicht, wenn — um das Beispiel noch einmal zu nennen — selbst Oliver Pocher sich öffentlich gegen Homophobie engagierte.) Das ist vermutlich unvermeidlich, und insbesondere in einer Zeit, in der sich zum Beispiel der republikanische Kandidat für das Amt des Gouverneurs von New York mit seiner Schwulenfeindlichkeit zu profilieren versucht, sollte man das Statement nicht unterschätzen, das das Mitwirken des Präsidenten darstellt.

Obama ist aber auch etwas anderes zu erwidern, und Dan Savage, der Initiator von „It Gets Better“ hat es so formuliert:

The President of the United States has the power to do more than assure LGBT kids that it will get better. The President of the United States and his administration have the power to make it better.

Oder in den (bereits vorher aufgenommenen) schlichten, wütenden Worten der Komikerin Sarah Silverman:

Die Haltlosigkeit von DuMont Schauberg

Es geht nicht mehr nur um das mögliche Verhalten von Konstantin Neven DuMont. Es geht inzwischen auch darum, wie sich der Verlag DuMont Schauberg dazu verhält.

Am Dienstag erhielt ich eine Mail vom Sekretariat des Verlegers Konstantin Neven DuMont, das mich in seinem Namen bittet, alle Kommentare, die unter seiner Email-Adresse gepostet werden, zu sperren und nicht mehr zu veröffentlichen.

In der Mail war der Kontakt einer Verlagssprecherin angegeben, an die ich mich „bei Rückfragen“ wenden solle. Tatsächlich hatte ich einige Rückfragen, die naheliegendste davon lautete: Warum? Ich fragte sie also, warum ich solche Kommentare sperren soll, ob das der Wunsch des Verlages oder von Konstantin Neven DuMont sei, ob dem Verlag bewusst sei, dass damit Herr Neven DuMont nicht mehr bei mir kommentieren könne, und ob das beabsichtigt sei?

Ich erhielt keine Antwort.

Ebenfalls am Dienstag hatte sich der Verlag offiziell zu den merkwürdigen Vorgängen geäußert. Neven DuMonts Vorstandskollege Eberhard Klein sagte: „Der Vorwurf, Konstantin Neven DuMont habe persönlich anonyme Kommentare gepostet, ist haltlos.“

Das ist eine erstaunliche Formulierung und ein kaum verborgener Angriff auf mich. Es mag sein, dass Konstantin Neven DuMont nicht persönlich anonyme Kommentare gepostet hat. Ich kann das nicht beweisen und behaupte es auch nicht. „Haltlos“ ist ein solcher Vorwurf aber keineswegs; es gibt viele Indizien, die dafür sprechen. Eines davon hat Georg Altrogge, der Chefredakteur des Branchendienstes „Meedia“, aufgedeckt. Er schreibt in seinem Blog:

Am 3. September ging es bei MEEDIA um ein Interview mit Konstantin Neven DuMont. Dabei äußerte dieser den Wunsch, dass das Gespräch mit Fernsehkameras aufgezeichnet werden solle und begründete dies so: „Dann hätten auch lesefaule Menschen etwas davon.“

In der folgenden Nacht, um 0:03 Uhr, notierte im Blog von Stefan Niggemeier ein anonymer Schreiber („Medienjournalist“) unter der E-Mail und von der IP-Adresse Neven DuMonts: „Im Januar 2010 führte Georg Altrogge (MEEDIA) ein Interview mit Neven DuMont durch. Heute einigten sie sich auf ein Gegeninterview. Diesmal wird das Ganze von einer Kamera aufgezeichnet. Lesemuffel sollen ebenfalls erreicht werden.“ Merkwürdig: Weder hatte ich dem TV-Interview zugestimmt, noch den Vorschlag DuMonts irgendjemandem zur Kenntnis gebracht.

„Lesefaule“ und „Lesemuffel“ – soll das tatsächlich zwei verschiedenen Personen fast gleichzeitig in den Kopf gekommen sein?

Ich habe die Sprecherin deshalb gefragt: Wie erklärt der Verlag, dass vom Rechner von Neven DuMont anonyme Kommentare gepostet wurden, die teilweise Informationen enthielten, die nur Neven DuMont bekannt waren? Welche Kenntnisse hat der Verlag, die den Vorwurf an Neven DuMont „haltlos“ machen? Und was ist an meiner Darstellung der Vorgänge falsch?

Ich fürchte, ich werde auch darauf keine Antwort bekommen.

Nachtrag, 23. Oktober. Konstantin Neven DuMont schreibt an seine Facebook-Pinwand:
Laut Vorstandsbeschluss darf ich mich über eine sehr skurrile Geschichte zur Zeit nicht äußern. Dennoch werde ich diese Angelegenheit nicht auf mir sitzen lassen.

Nachtrag, 12 Uhr. Der „Spiegel“ berichtet vorab, Konstantin Neven DuMont wolle den Verlagsvorstand verlassen:

Er denke schon seit einiger Zeit darüber nach, aus dem Verlagsvorstand auszuscheiden, sagte er dem Hamburger Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Er sei letztlich „doch mehr auf der kreativen Seite“ zu Hause, nicht so sehr „Verwalter“. Die Idee, dass er in den Aufsichtsrat wechselt, finde er mittlerweile reizvoll. Am liebsten wäre ihm, er könne seine Energie in kleinere Eigenproduktionen etwa über Öko-Themen stecken.

Nachtrag, 12.40 Uhr. „Spiegel Online“ ergänzt:

Sein Rückzug würde die Neven DuMonts vor ein Problem stellen: Jemand anderes müsste die Familie im Unternehmen repräsentieren.

Das wiederum wäre ganz im Sinne einzelner wichtiger Entscheider innerhalb des Unternehmens. Auch wenn es öffentlich niemand äußern mag: Es gibt die Sorge, dass Konstantin seiner Rolle als künftiger Konzernchef nicht gewachsen sei. Bestärkt sehen sie sich in ihrer Annahme durch den Kommentar-Streit.

Nachtrag, 25. Oktober. Gegenüber „Bild“-Köln kündigt Neven DuMont an, sich in der nächsten Woche „mit entsprechenden Beweisen gegen die Kampagne zur Wehr [zu] setzen“. Ob seine Zukunft im Verlag liege, werde sich in den nächsten Tagen entscheiden. „Ich habe mich in den letzten 15 Jahren immer für die Branche stark gemacht und bin jetzt betroffen über die Kampagne gegen mich. Aber da wird noch jeder sein Fett wegkriegen“, zitiert „Bild“ den Verleger.

It Gets Better.

Eigentlich wollte ich nicht mit Ellen DeGeneres anfangen, weil sie mir in diesem Kontext zu sehr als übliche Verdächtige erschien. Aber dann fand ich ihr Video, ihre Art, über die Selbsttötungen schwuler Teenager zu sprechen, so außerordentlich bewegend, dass ich mir keinen besseren Einstieg vorstellen kann:

Things will get easier. People’s minds will change. And you should be alive to see it.

Ellens Video ist Teil einer Aktion, die sich „It Gets Better“ nennt und von dem Sex-Kolumnisten Dan Savage ins Leben gerufen wurde. Den Anstoß gab die Tragödie des 15-jährigen Billy Lucas aus Indiana, der vor wenigen Wochen endlich das tat, wozu ihn seine Mitschüler aufforderten, wenn sie ihn als fag beschimpften: Er nahm sich das Leben. Ein Leser schrieb an Savage, er wünschte sich, er hätte diesem Jungen sagen können, dass die Dinge besser werden.

Savage schreibt:

I had the same reaction: I wish I could have talked to this kid for five minutes. I wish I could have told Billy that it gets better. I wish I could have told him that, however bad things were, however isolated and alone he was, it gets better.

But gay adults aren’t allowed to talk to these kids. Schools and churches don’t bring us in to talk to teenagers who are being bullied. Many of these kids have homophobic parents who believe that they can prevent their gay children from growing up to be gay — or from ever coming out — by depriving them of information, resources, and positive role models.

Why are we waiting for permission to talk to these kids? We have the ability to talk directly to them right now. We don’t have to wait for permission to let them know that it gets better. We can reach these kids.

Savage machte ein Video von sich und seinem Mann, in dem sie darüber sprechen, wie schwar es für sie war, in einer kleinstädtischen oder katholischen Umgebung aufzuwachsen. Die schlichte, mächtige, aus dem Rückblick formulierte Botschaft: It gets better.

Tausende folgten seinem Vorbild, setzten sich vor eine Kamera, erzählten ihre Geschichten und sprachen jungen schwulen, lesbischen oder verwirrten Jugendlichen Mut zu, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich Verbündete zu suchen oder wenigstens durchzuhalten: Theologen, ein Australier mit Bart, San Francisco, eine Außenministerin, ein offen schwuler Bischof, ein Hetero mit Hund, ein transsexueller Pornostar, ein Polizist und ein Ex-Marine, prominente Designer, schwule und heterosexuelle Sänger und Joel Burns, ein Abgeordneter in Fort Worth, der seine Geschichte unter Tränen während einer Sitzung des Stadtrates erzählte:

Dem Projekt ist vorgeworfen worden, gefährlich unterambitioniert zu sein, weil es nicht auf die Beseitigung der Ursachen von Diskriminierung zielt, sondern bloß ihre Opfer zum Überleben auffordert. Diese Kritik ist nachvollziehbar, aber sie trifft nicht. Zum einen hat Dan Savage recht, wenn er sagt, dass es zunächst einmal darum geht, akut bedrohten Jugendlichen unmittelbar Hoffnung zu geben und auf Ansprechpartner hinzuweisen. Zum anderen belassen es die Mitwirkenden keineswegs immer bei dem Versprechen, dass es nach der Schule, nach der Pubertät, überhaupt in Zukunft schon besser werden wird. Viele greifen, wie Ellen, den Skandal an, dass die Diskriminierung immer noch zugelassen wird. Dass es ein Klima der Intoleranz gibt, das die Verhöhnung von Schwulen zulässt und fördert.

(Bitte denken Sie sich an dieser Stelle einen Absatz über Oliver Pocher und seine krankhaft wirkende Schwulenwitzelsucht und die Frage, was die für eine Wirkung auf sein pubertierendes Publikum haben mag. Aber ich fand die Filme zu herzzerreißend und herzerwärmend, als dass ich mich im Detail noch beispielhaft mit Pochers Homophobie auseinandersetzen wollte.)

Fast tausend Videos finden sich inzwischen auf der Projektseite, die meisten von irgendwelchen unbekannten Menschen, die ihre persönlichen Geschichten erzählen. Es ist eine machtvolle, bewegende Demonstration und eine Form der Gemeinschaft, die nur dank des Internets möglich ist.

Vor allem die frei in irgendeinem Wohnzimmer oder Hotelraum in die Kamera gesprochenen Statements haben eine erstaunliche Wirkung. Es ist ein sehr emotionales neues Genre, auch und gerade Prominente in dieser ungewöhnlich intimen Situation zu sehen.

Die Filme und Menschen zeigen, wie unterschiedlich Schwule und Lesben sind; wie groß die Vielfalt jenseits der langsam schwächer werdenden, aber immer noch vorhandenen medialen Klischees ist. Sie zeigen andererseits aber auch, was uns miteinander verbindet: dieses Gefühl als Kind, als Jugendlicher, nicht dazuzugehören, anders zu sein; diese Erfahrung des (unterschiedlich schmerzhaften) Coming Outs.

Släsch, Släsch, Schupelius

Der „B.Z.“-Kolumnist Gunnar Schupelius ist jetzt nicht jemand, der sich besonders gut auskennt oder komplizierte Sachen gut versteht. Aber er hat jemanden, den er immer fragen kann.

Und so fragt er sich heute, warum wir Kinder, die in Berlin geboren sind, eigentlich „Migranten“ nennen, obwohl „Migrant“ „Wanderer“ heißt und Kinder, die hier aufwachsen, gar keine Wanderer sind.

(…) Früher sagte man „Ausländer“ und meinte damit alle Fremden, die man als nicht deutsch ansah. Dann wurde der Begriff als politisch unkorrekt eingestuft und gelöscht. Stattdessen lernten wir, „Migrant“ zu sagen. Aber was haben wir damit erreicht? Gar nichts. Wer heute Migrant sagt, meint Ausländer und wer als Migrant bezeichnet wird, der fühlt sich irgendwie nicht ganz für voll genommen.

In Berlin leben 863.000 Menschen, die als Migranten bezeichnet werden. 42 Prozent von ihnen sind aber eigentlich gar keine Migranten, denn sie haben einen deutschen Pass. Wem wir unsere Staatsangehörigkeit verliehen haben, den sollten wir als Deutschen ansprechen. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zum Beispiel ist natürlich ein Deutscher und kein Migrant. (…)

Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, es gibt kein Happy End — das Wort „Hintergrund“ kommt in der ganzen Kolumne nicht vor.

Niemand bei der „B.Z.“ hat Schupelius sachte beiseite genommen und ihm langsam und mit einfachen Worten erklärt, dass die 863.000 Menschen gar nicht als „Migranten“ bezeichnet werden, sondern als Menschen „mit Migrationshintergrund“. Vermutlich dachte Schupelius, dass das auch nur wieder nur so ein künstlich aufgeblähtes Quatschwort ist, wie es die Gutmenschen gerne benutzen, weil es „politisch korrekt“ ist, und hat den lästigen „Hintergrund“ einfach weggelassen, obwohl der, wie Schupelius unwissentlich zeigt, entscheidend ist. Ein Berliner Junge, dessen Eltern aus der Türkei stammen, ist kein Migrant. Er hat einen Migrationshintergrund. (Schupelius ist mit seinem Unwissen leider nicht allein.)

So kann man natürlich gut eine tägliche Volkszorn-Kolumne füllen: Erst etwas falsch verstehen und sich dann darüber beklagen, dass es falsch ist.

(Man könnte, womöglich mit viel Geduld, natürlich versuchen, Schupelius auch noch zu erklären, dass das Wort „Ausländer“ gar nicht „gelöscht“ oder als politisch unkorrekt klassifiziert ist und dass es schon gar nicht durch das Wort „Migrant“ ersetzt wurde. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy, zum Beispiel, ist zwar aus deutscher Sicht Ausländer, aber kein Migrant (hat aber Migrationshintergrund). Ein Migrant ist ein Ein- oder Auswanderer. Dass sich jemand, der von Schupelius als Migrant bezeichnet wird, irgendwie nicht ganz für voll genommen fühlt, kann natürlich trotzdem sein und wäre sogar erklärbar.)

Neulich hat Schupelius sich etwas anderes gefragt, nämlich: Wie viele Sicherheitsleute eigentlich in den Berliner Freibädern eingesetzt werden. Anscheinend hätte Schupelius auch da lieber noch jemand anders fragen sollen als sich selbst, jedenfalls musste die „B.Z.“ einen Widerruf drucken. Und weil Schupelius seine Kolumnen bekanntlich immer auch noch mal in die Kamera spricht, gibt es von dem Widerruf auch eine Videoversion, der es erstaunlicherweise gelingt, den Wahnsinn einer durchschnittlichen Schupelius-Videobotschaft noch zu toppen, aber sehen Sie selbst:

[flashvideo file=https://stefan-niggemeier.de/wp-content/gegendarstellung.flv /]

Andererseits ist es fast wieder Kunst.

Eine systematische Störung

Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt? Es sieht ganz danach aus, aber Konstantin Neven DuMont sagt, er war es nicht.

Der 40-jährige Konstantin Neven DuMont sitzt im Vorstand der Mediengruppe DuMont, der unter anderem „Frankfurter Rundschau“, „Berliner Zeitung“, „Kölner Stadtanzeiger“ und „Hamburger Morgenpost“, Buchverlage und Radiobeteiligungen gehören. Es gilt als ausgemacht, dass er das publizistische Erbe seines mächtigen Vaters Alfred antreten soll.

Den vergangenen Jahreswechsel verbrachte Konstantin Neven DuMont damit, Dutzende Kommentare hier im Blog abzugeben, in denen er unter anderem von gefiltertem Brunnenwasser schwärmte, sich vornahm, CO2-Emissionen zu reduzieren und Liebe stärker zuzulassen, und ein Videoblog ankündigte, in dem er politische und Liebeslieder singt.

Nachdem sein Kommunikationsverhalten auch verlagsintern Aufmerksamkeit erregt hatte, war plötzlich Schluss. Am 10. Januar abends erschien noch ein versöhnlicher Kommentar. Es war der letzte, der den Namen „Konstantin Neven DuMont“ trug.

Doch auch danach wurden Kommentare abgegeben, bei denen als Absender seine E-Mail-Adresse eingetragen war — keine leicht zu erratende Verlagsadresse, wohlgemerkt. Es spricht viel dafür, dass diese Kommentare auch von seinem Internetanschluss abgegeben wurden.

Der Unbekannte, der unter der E-Mail-Adresse von Konstantin Neven DuMont kommentierte und möglicherweise Konstantin Neven DuMonts Computer benutzte, verwies unter dem Namen „Sammler“ gerne auf Beiträge, die Konstantin Neven DuMont an anderer Stelle verfasst hatte oder die über seine Aktivitäten berichteten. Unter dem Namen „Sucher“ fragte er bei einem Eintrag über Kai Diekmann, ob ich einen Unterschied sehe „zwischen KD und KND“. Unter dem Namen „Bitterfeld“ wehrte er sich gegen meine Kritik an der Abwicklung der „Netzeitung“ durch DuMont und kritisierte die Geschäftsentscheidungen der FAZ in der Zeitungs- und Wirtschaftskrise. Unter dem Namen „Kurt B.“ warf er mir vor, schon seit längerem zu versuchen, Wettbewerber der FAZ zu „diskreditieren“. Unter dem Namen „K.F.“ dokumentierte er eine bizarre Auseinandersetzung, die Konstantin Neven DuMont mit dem Branchendienst „Meedia“ führte, und unter dem Namen „Medienjournalist“ berichtete er, dass es Anzeichen für ein Ende dieser Auseinandersetzung gebe.

Im September eskalierte die Situation. Der Unbekannte erhöhte dramatisch seine Kommentarfrequenz. Teilweise gab er an einem einzigen Tag 33 Kommentare ab. Auch die Zahl der verwendeten Pseudonyme nahm dramatisch zu. Allein in den vergangenen sechs Wochen kommentierte er unter folgenden Pseudonymen:

  • Avant
  • Bla
  • Bleich
  • .com
  • Charles
  • Danny
  • Desillusionierter
  • Digitalis
  • Emil
  • Eva
  • Fan
  • Fragender
  • Fragesteller
  • Frankfurter
  • Fronc
  • Gandhi
  • Geek
  • Gläubiger
  • Glotze
  • Gottlob
  • Govinda
  • Griffin
  • Guido
  • Honey
  • Huby
  • Ichglaubsnicht
  • Igitt
  • Ingo
  • Invest
  • Istanbul
  • Jannine
  • Joe
  • Kernkraft
  • Kommentator
  • Krass
  • Kritiker
  • Lobhudelei
  • Lost
  • Love
  • Luther
  • Mensch
  • Ich bin die Frau von „Mensch“
  • Menschenrecht
  • Niggi2
  • NoName
  • Observer
  • Ordensschwester
  • Otto
  • Pol
  • Rheinländer
  • Rug
  • Ruhrpott
  • Schlauberger
  • Shure
  • Stephanie
  • Tobi
  • Trev
  • Uncle
  • Vermittler
  • Wachmalauf
  • Wissen
  • Wolf
  • Zebra
  • Zimmermann
  • B.A.
  • G.A.
  • A.B.
  • K.B.
  • A.C.
  • C.D.
  • H.E.
  • E.F.
  • K.F.
  • G.H.
  • H.H.
  • F.I.
  • S.H
  • K.J.
  • J.K.
  • A.L.
  • G.L.
  • G.M.
  • E.P.
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Nun warf er mir vor, verbale Gewalt zu üben und wie „Bild“ und RTL 2 zu arbeiten; gezielt mit Falschaussagen zu operieren; andere Menschen zu diskreditieren und skrupellose Methoden anzuwenden; ungern Fragen zu beantworten; ausschließlich und mit beinahe jedem Mittel den Ruf ganz bestimmter Menschen schädigen zu wollen; die Welt in schwarz und weiß einzuteilen; den Bundespräsidenten einseitig hochzujubeln; Naturheilmittel verbieten zu wollen; Chemie zu bevorzugen; gegen eine Initiative für Kräuter vorgehen zu wollen; genauso verlogen zu sein wie alle Anderen; Konstantin Neven DuMont zu Unrecht zu diffamieren; Tatsachen zu verdrehen; ein „Menschenrechtsverachter“ zu sein; Konstantin Neven DuMont substanzlos zu diffamieren; fast alle politischen Meinungsbildungsprozesse völlig unbeeindruckt an mir vorbeiziehen zu lassen; mich über die Umverteilung von Arm nach Reich kaputt zu lachen; noch nichts Substanzielles vorgetragen zu haben; von der FAZIT-Stiftung, dem Eigentümer der FAZ, „versaut“ worden zu sein; gegen Thomas Knüwer hetzen zu lassen; Konstantin Neven DuMont mit der Einrichtung „diverser Sandkästen“ diskriminiert zu haben; „schwachsinnige Attacken“ gegen SZ und FR zu führen; mich an der Diskreditierung vermeintlicher Wettbewerber der FAZ zu ergötzen und dafür von den „Brüdern der FAZIT-Stiftung“ mit „dicken Schecks und irgendwelchen stupiden Preisen“ bezahlt zu werden; der „Steigbügelhalter“ der FAZ zu sein, die wiederum der Steigbügelhalter der Axel-Springer-AG sei; konstruktive Lösungsvorschläge zu hassen; einer der größten Lobbyisten zu sein und mich gegen beinahe jeden Fortschritt zu wehren.

Teilweise simulierte der Kommentator ganze Dialoge, in denen sich seine verschiedenen Identitäten miteinander unterhielten und gegenseitig bestätigten. Er kündigte drohend an, dass „zahlreiche investigative Recherchen“ meinen „Machenschaften“ auf der Schliche seien.

Besonders das „krankhafte Verhältnis“ zwischen FAZ und „Frankfurter Rundschau“ schien dem Kommentator am Herzen zu liegen — ein Thema, das auch Konstantin Neven DuMont in Mails an mich ansprach. Der Kommentator klagte, dass die FAZIT-Stiftung seit Jahrzehnten Kostensynergien mit der FR ablehne, obwohl auch der „ökologische Vorteil“ groß wäre. Die Meinungsvielfalt sei der Stiftung ein Dorn im Auge. Der Kommentator wurde auch persönlich: Dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und mir komme es lediglich darauf an, dass die FR „möglichst schnell vom Markt verschwindet“. Auch meine Einrichtung eines „Sandkastens“, in dem sich Konstantin Neven DuMont austoben kann, sieht der Kommentator als Teil einer Kampagne gegen die FR, deren Herausgeberrat er vorsitzt.

Konstantin Neven DuMont gilt als sonderbar. Aber ist es denkbar, dass er so sonderbar ist, eine solchen Kommentarwahn zu produzieren und dabei sogar jedesmal seine eigene E-Mail-Adresse anzugeben?

Ich habe Neven DuMont geschrieben, dass ich ihn in Verdacht habe, hinter dem Feuerwerk kritischer Kommentare bei mir im Blog zu stecken. Er bestritt dies. Dann fragte ich, ob es möglich ist, dass jemand anders Zugriff auf seinen Rechner hat. Er antwortete: „Es stimmt, dass auch noch andere Personen meine zwei Rechner benutzen, Computer-Sharing sozusagen.“ Schließlich konfrontierte ich ihn damit, dass mit seiner E-Mail-Adresse und vermutlich von seinem Computer unter verschiedenen Namen eine Vielzahl von Kommentaren abgegeben wurden, ich darin einen Missbrauch der Kommentarfunktion sehe und das öffentlich dokumentieren möchte. Daraufhin schrieb mir Neven DuMont: „Eben habe ich erfahren, dass zwei Personen, die meine Rechner mitnutzen, anonyme Kommentare in Ihrem Blog verfasst haben.“ Er fände es aber nicht gut, wenn ich das in der Öffentlichkeit klarstellen würde.

Ich habe gezögert, über diese merkwürdigen Vorgänge zu berichten. Ich halte es aber für zulässig, sie öffentlich zu machen, weil sie einen Missbrauch der Kommentarfunktion darstellen. Es geht nicht darum, dass mich in den Kommentaren jemand kritisiert. Es geht um eine systematische Störung, in der eine Vielzahl nicht existierender Kritiker simuliert wird. Ihr Ausgangspunkt sind allem Anschein nach die Computer von Konstantin Neven DuMont, einem der wichtigsten Verlagsmanager Deutschlands.

Zur größeren Transparenz habe ich die Kommentare, um die es geht, in den Einträgen farbig markiert, vgl. hier, hier oder hier.

[Offenlegung: Ich bin freier Mitarbeiter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das hier ist allein meine persönliche Meinung.]

Nachtrag, 18.44 Uhr. Konstantin Neven DuMont kommentiert diesen Eintrag:

Sehr geehrter Herr Niggemeier,

leider muss ich erneut feststellen, dass Sie abstruse Verschwörungstheorien über mich veröffentlichen. Was soll das? Nachdem ich die zwei anonymen Kommentatoren überführt hatte, fragte ich Sie, wie ich mit diesem Problem umgehen soll. Warum haben Sie diese Frage nicht beantwortet?

Von anonymen Kommentaren halte ich grundsätzlich nichts. Das liegt vor allem daran, dass anonyme Kommentare von Entscheidungsträgern nicht ernst genommen werden. Deshalb bin ich ein überzeugter Verfechter von Klarnamen im Netz. Ulrike Langers These, dass dieser Beitrag Tagesgespräch beim DuMont Verlag werden wird, teile ich ich nicht. Wie gesagt, anonyme Kommentare werden dort nicht ernst genommen. Ansonsten wünsche ich Ihnen noch viel Spaß mit Ihren zahlreichen Zweitnicks.

Freundliche Grüße
Konstantin Neven DuMont

P.S. Kommen Sie lieber noch einmal bei CARTA.info vorbei. Das ist wesentlich konstruktiver.
http://carta.info/35213/strohfeuerfrei/

Nachtrag, 21.30 Uhr. Gegenüber dem Branchendienst „Meedia“ nennt Neven DuMont meine „Methoden“ „bedenklich“. Er räumt ein, dass die Kommentare von seinem Computer abgegeben wurden — von nicht näher benannten „Personen“, die „Zugang“ zu seinem Rechner gehabt hätten. Er habe sie, nachdem er sie „überführt“ („Meedia“) hatte, darum gebeten, keine weiteren Einträge unter seiner Mailadresse zu veröffentlichen.

Falls das stimmt, haben sich diese Personen nicht an seine Bitte gehalten: Auch nach meinen Mails an Neven DuMont und der angeblichen „Enttarnung“ wurde noch wie zuvor kommentiert.

Nachtrag, 19. Oktober, 14 Uhr. Gestern Abend kam es zu einer weiteren Eskalation: Jemand, der sich als die Kinder von Neven DuMont ausgab, verfasste drei Kommentare („Ach wie schön, solange unser Papa aus dem Haus ist ;-)“, „(…) Auweia, da kommt der Papa…“, „Ein Glück ist Papa direkt ins Bett gegangen. (…)“). Sie wurden von derselben IP-Adresse abgegeben wie der Kommentar von Konstantin Neven DuMont wenige Stunden zuvor.

Nachtrag, 18.20 Uhr. Eberhard Klein, Vorstandskollege von Konstantin Neven Dumont, teilt mit: „Der Vorwurf, Konstantin Neven DuMont habe persönlich anonyme Kommentare gepostet, ist haltlos.“

sueddeutsche.de berichtet, in der Unternehmensführung herrsche „helles Entsetzen“.

Nachtrag, 21.50 Uhr. Auch „Financial Times Deutschland“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichten.