Gerhard Delling im „Nachtmagazin“: Fangt schon mal an, ich red noch kurz mit Jan

Dieses Konzept, dass die Moderatoren des ARD-„Nachtmagazins“ am Anfang der Sendung nie da stehen, wo sie dann tatsächlich ihre Moderation beginnen – es hat seine Tücken, wie Gerhard Delling vergangene Nacht erfuhr.

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In der Version der Sendung auf den Seiten von tagesschau.de ist von Dellings kleinem Auftrittsspurt übrigens nichts zu sehen. Der Beginn der Sendung wurde, wie üblich, fürs Online-Archiv noch einmal gedreht — sicherheitshalber (und womöglich, weil Jan Hofer ins Bett wollte) ohne Moderatorengang und Kameraflug durchs Studio.

[mit Dank an Robin D.]

„Soll ich auf die schießen, damit Sie was zu filmen haben?“ – „Ach, okay, warum nicht.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die Kriegsreporterin Kitty Logan war frustriert. Sie war nun schon eine Weile im Osten der Ukraine unterwegs gewesen, hatte aber statt Kämpfen bloß verlassene Haustiere filmen können. Endlich hatte sie Glück und fand eine Gruppe von separatistischen Kämpfern an der Front, ihre ukrainischen Gegner auf der anderen Seite eines offenes Feldes.

„Soll ich auf die schießen, damit Sie was zu filmen haben“, fragte sie der Kommandant. Die Fernsehjournalistin zögerte. „Wir müssen eh auf sie schießen, weil sie uns vorher beschossen haben“, fuhr der Mann fort. Der Redaktionsschluss nahte, und Kitty Logan dachte sich: „Ach, okay, warum nicht.“ So beschrieb sie es auf ihrer Facebookseite.


Screenshot via examiner.com

Eine gefühlte Ewigkeit habe sie daraufhin im Schützengraben im Kugelhagel verbracht. Innerhalb von einer Stunde war das totale Chaos ausgebrochen, beide Seiten beschossen sich mit Raketen und Mörsern und taten es noch, als sich das Kamerateam schließlich davon machte. „Von wegen Waffenstillstand“, notierte Kitty Logan auf Facebook. „Fühlte mich aber ein kleines bisschen schuldig.“

Aber sie hatte nun gutes Material für ihren Bericht und zeigte, mit Aufnahmen ganz nah an den Kämpfern, wie der Waffenstillstand gebrochen wird. Das Stück lief im Programm der Deutschen Welle.

Kitty Logan dachte, dass ihr Facebook-Eintrag privat sei, sichtbar nur für Freunde, die sie kennt. Aber er blieb es nicht, sorgte für Empörung und hatte Konsequenzen: Die ukrainischen Behörden entzogen ihr die Akkreditierung.

Auf Twitter notierte Logan „fürs Protokoll“: „Ich habe nie jemanden gebeten, irgendetwas anders zu schießen als Bilder, und würde das auch nicht tun.“

Bei der Deutschen Welle in Bonn betont man, dass Kitty Logan als erfahrene freie Reporterin seit vielen Jahren für den Sender aus Kriegsgebieten berichte. Der Ablauf an dem fraglichen Tag in der Nähe des Flughafens von Doneszk sei anders gewesen, als Logan es flapsig auf Facebook notierte: Der Kommandant habe ihr gesagt, man werde nun das Feuer auf die Regierungstruppen eröffnen, und ihr die Wahl gegeben, vorher das Gebiet zu verlassen oder die Kämpfe zu filmen. Das Team sei geblieben, auch weil der Schützengraben der sicherste Platz in der Umgebung war.

„Wir haben an der journalistischen Arbeit von Kitty Logan nichts auszusetzen und keine Zweifel an ihrer Integrität“, sagt Deutsche-Welle-Sprecher Christoph Jumpelt. „Ihr privater Facebook-Post ist allerdings sehr unglücklich formuliert. Sie hat sich dafür auch gegenüber der Regierung in Kiew entschuldigt. Mit keiner Silbe hat sie die Soldaten gebeten, das Feuer zu eröffnen.“

Bis die Situation mit den ukrainischen Behörden geklärt ist, will die Deutsche Welle die Reporterin nicht einsetzen.

[via stopfake.org]

„Bild“ erliegt der „dunklen Faszination“ der IS-Bilder

ISIS zieht seine Kraft, seine dunkle Faszination daraus, seine Kämpfer in Momenten brutaler Allmacht – bei Hinrichtungen und Massakern – zu zeigen, die Bilder junger, triumphierender Männer in den sozialen Netzwerken um die Welt zu schicken.

Das schreibt Julian Reichelt, der Chefredakteur von Bild.de in seinem Newsletter „Meine Top 7 des Tages“, aber es ist trotzdem nicht falsch. Die Inszenierungen der brutalen Gewalt, die teils höchst professionell produzierten Videos, in denen die Terroristen ihre Skrupellosigkeit und Grausamkeit in Szene setzen, sind ein wichtiger Teil der Propaganda-Strategie des IS. Das ist vielfach beschrieben und fast banal.

Nicht so banal ist die Antwort auf die Frage, was das für unseren Umgang mit diesem Propagandamaterial bedeutet. Wenn Journalisten, die diese Bilder zeigen, um über die Taten der Terroristen zu informieren, aber auch zu zeigen, wie grausam sie sind, damit bei einem Teil des Publikums womöglich nicht Abscheu und Entsetzen auslösen, sondern Bewunderung. Wenn Medien dadurch, dass sie die Propaganda der Terroristen zeigen, selbst zu Werkzeugen dieser Propaganda werden.

Friedemann Karig hat darüber Anfang des Jahres bei „Krautreporter“ geschrieben, über das Paradox, in das der Terror die Massenmedien stürzt: „Er zwingt sie, sich entweder zu zensieren oder zu pervertieren.“ Er zitierte Claus Klebers „heute journal“-Moderation:

„Heute veröffentlichte die Terrorgruppe Islamischer Staat ein Video wohl von der Enthauptung eines zweiten amerikanischen Journalisten, den sie in Geiselhaft hatten. Damit ist zu den Fakten alles gesagt. Wir sehen dieses Mal keinen journalistischen Grund, Ihnen auch noch Bilder dazu zu zeigen.“

Ich habe in der FAS im Februar ebenfalls über das Dilemma geschrieben, am Beispiel des IS-Videos von der Verbrennung des jordanischen Piloten Muaz al-Kasasbeh, in dem einzelne Momente als Standbilder hervorgehoben wurden:

Es sind perfekt komponierte Fotos, die die Machtlosigkeit des Opfers und die Überlegenheit der Täter in einprägsamen Bildern symbolisieren. Es sind genau die starken Bilder, die Medien zeigen wollen und die die Terroristen zeigen wollen, und es ist schwer für die Redaktionen, sich aus dieser Logik zu befreien. Es erfordert ein bewusstes Zurücktreten und Zweifeln an den sonst bewährten journalistischen Routinen – die etwa dazu führen, Superlative zu suchen und zu finden und die neue Mordmethode als „noch grausamer“ oder „bisher brutalste“ zu würdigen.

Der „Bild“-Zeitung ist dieses bewusste Zurücktreten und Zweifeln naturgemäß fremd. Sie zelebriert jede neue Gräueltat, jedes besonders abscheuliche Video, nicht nur in großen Buchstaben, sondern auch in großen Bildern und ausführlichen Videosequenzen. Sie berichtet nicht nur, was ISIS tut, sie zeigt es auch – naturgemäß zum ganz überwiegenden Teil mit den Aufnahmen, die der IS selbst davon angefertigt hat, genau zu dem Zweck, dass sie größte weltweite Verbreitung finden.

Dass es ein Unterschied ist, ob man über die Taten des IS nur berichtet oder ob man es mit den IS-Bildern ausführlich und in größter Aufmachung zeigt, weiß niemand besser als die „Bild“-Zeitung selbst, die einen fast mythischen Glauben an die Kraft von Bildern pflegt und meint, man könne zum Beispiel die Taten von Tätern gar nicht verstehen, wenn man nicht in ihr Gesicht sehen kann.

Die „Bild“-Leute wissen, wie mächtig Bilder sind. Die ISIS-Terroristen wissen es auch. Und die „Bild“-Leute wissen, dass die ISIS-Terroristen es wissen. Das ändert aber nix.

Noch einmal Julian Reichelts Zitat:

ISIS zieht seine Kraft, seine dunkle Faszination daraus, seine Kämpfer in Momenten brutaler Allmacht – bei Hinrichtungen und Massakern – zu zeigen, die Bilder junger, triumphierender Männer in den sozialen Netzwerken um die Welt zu schicken.

„Kämpfer in Momenten brutaler Allmacht“? „Bilder junger, triumphierender Männer“? So etwa?

Wenn der IS ein Werbebanner gestaltet hätte, es hätte vermutlich kaum anders ausgesehen und der Slogan ähnlich gelautet („Jetzt auch auf deutsch!“).

Immer wieder verbreitet „Bild“ die Botschaften der Terroristen in dieser und ähnlicher Weise.

Aus einem IS-Propaganda-Film, der zeigt, wie ein Kind zwei vor ihm auf dem Boden kniende Männer erschießt, hat „Bild“ in seiner eigenen Version zwar die Bilder, in denen die Schüsse fallen, durch Schwarzblenden ersetzt. Aber „Bild“ zeigt die Augenblicke davor, die Machtpose des bewaffneten IS-Kämpfers, die gesenkten Köpfe der Gefangenen kurz vor ihrem Tod, das triumphierende Kind, die auf englisch übersetzten Schwüre der Terroristen.

Was passiert nun, wenn man „Bild“ auf diesen Widerspruch hinweist – zwischen der Erkenntnis, dass der IS seine Kraft, seine „dunkle Faszination“ (offenkundig auch für dafür empfängliche junge Leute im Westen) aus seinen Inszenierungen bezieht, und der Tatsache, dass „Bild“ selbst diese Propagandabildern verbreitet? Dies:

(BILDblog hat versehentlich den Text aus dem „Bild“-„Top 7“-Newsletter von Julian Reichelt dem „Bild“-Politik-Newsletter von Béla Anda zugeordnet.)

Spätestens an dieser Stelle konnte man den Versuch, über ein tatsächliches Mediendilemma mit dem „Bild“-Politik-Chef zu diskutieren, wohl als gescheitert ansehen.

Auch Julian Reichelt schaltete sich ein. Er bezeichnete die BILDblogger nicht als „gestört“, aber als Terroristenfreunde. Vor ein paar Tagen, als BILDblog kritisierte, dass sich „Bild“ im IS-Prozess nicht an die Vorgaben des Celler Gerichtes hielt, die Angeklagten nur verpixelt zu zeigen, hatte er den Kollegen schon „Mitgefühl für Mörderbanden“ unterstellt. Nun prophezeite er:

Béla Anda hält es für irgendwie mutig, möglichst viel von dem IS-Propagandamaterial zu zeigen. Wer dafür plädiert, sich damit zurückzuhalten, gerade weil es im Interesse der Terroristen ist, wird von ihm als feiger Terroristenversteher verunglimpft.

Julian Reichelt ist der Gedanke einer medienethischen Diskussion offenkundig so fremd, dass er sie nur als ideologisch motivierten Streit wahrnehmen kann. Wer die „Bild“-Zeitung für ihre Berichterstattung über Terroristen kritisiert, muss ein Sympathisant von Terroristen sein. Es ist die Argumentationsweise eines Fanatikers.

Dadurch, dass die „Bild“-Zeitung in großem Umfang IS-Bilder zeigt, kann sie sich als besonders entschlossener Kämpfer gegen die Terroristen darstellen und fühlen. Und von der Attraktivität des schrecklichen Materials profitiert sie sicher auch bei den Klickzahlen. Den Gedanken, ob sie sich damit vielleicht ungewollt zum Handlanger der Terroristen macht, vertreibt sie durch wildes Um-sich-Schlagen.

Bleibt also alles, wie es ist: Die Terroristen von IS werden weiter Propagandavideos von ihren Gräueltaten produzieren und im Zweifel versuchen, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit durch immer noch brutalere und perversere Bilder zu behalten. Die „Bild“-Zeitung wird diese Bilder besinnungslos groß in Szene setzen. Und wer das kritisiert, wird von den selbstblinden „Bild“-Verantwortlichen als „gestört“ oder Terroristenfreund bezeichnet.

Nachtrag, 19:50 Uhr: Die österreichische Ausgabe der „Neuen Zürcher Zeitung“, nzz.at, kritisiert im selben Zusammenhang unter anderem die „Kronen“-Zeitung und schreibt:

Alles in allem war es wohl ein guter Tag für Mohamed Mahmoud [einen der beiden Mörder in dem aktuellen IS-Video]. Er hat seine Propaganda nach Österreich und Deutschland getragen. Er hat für Unruhe gesorgt, seine Botschaften standen in jeder Zeitung des Landes, liefen im Radio, im Fernsehen.

Genau das ist sein Job in der Gruppe Islamischer Staat. Die straff organisierte Miliz versucht, gezielt über die sogenannten „Foreign Fighters“ in ihren Reihen, einzelne Länder in ihren Kampf hineinzuziehen. Ein Engländer für England, ein Österreicher für Österreich. Dafür brauchen sie Medien, die ihre Propaganda möglichst aufgeregt, schrill und unbedacht weitertragen, damit auch jeder Angst vor den „Löwen des Islams“ hat.

Der „Stern“ gratuliert Helene Fischer mit einem Evergreen zum Geburtstag

Die wichtigste Nachricht ist heute: Helene Fischer hat Geburtstag. Sie wird 31 Jahre alt. Und weil Helene Fischer viele Fans hat, lohnt es sich, Artikel über sie und ihren Geburtstag zu schreiben, weil die vielen Fans dann da drauf klicken. Deshalb haben heute verschiedene Redaktionen Geburtstagsartikel geschrieben.

Und der „Stern“ macht online groß damit auf:

Screenshot stern.de 5.8.2015

Und vor einem Jahr schrieb der „Stern“ zum Geburtstag:

Screenshot stern.de 5.8.2015

Huch, das ist ja ungefähr dasselbe. Eigenartig.

Ach, das liegt vielleicht daran, dass es auch derselbe Text ist wie vor einem Jahr: selber Autor, dieselben sieben Gründe, nur ein paar kleine Änderungen am Anfang.

Voriges Jahr „wird sie als Superstar gefeiert“ – dieses Jahr „wird sie als Superstar bejubelt“. Voriges Jahr füllt sie „bei ihren Auftritten in Deutschland mehr Hallen als Beyoncé oder Elton John“ – dieses Jahr füllt sie „mehr Hallen als Beyoncé oder U2“. Aber sonst hat es sich der Redakteur aus dem Ressort Unterhaltung leicht gemacht und das dünne Geburtstags-Textchen von damals bloß noch mal neu verpackt und wieder veröffentlicht, ganz oben, als Aufmacher auf der Startseite.

Screenshot stern.de 5.8.2015

Vielleicht veröffentlicht der „Stern“ den Text nächstes Jahr erneut. Und im folgenden Jahr wieder. Und immer so weiter. Es würde allerdings helfen, wenn er im (leicht umformulierten) Ursprungs-Satz „Am Dienstag feiert Fischer ihren 30. Geburtstag“ nicht nur das Alter, sondern auch den Wochentag aktualisierte.

(Obacht: Nächstes Jahr ist ein Schaltjahr.)

Nachtrag 19.48 Uhr. Der „Stern“ hat festgestellt, dass heute Mittwoch ist und das im Text entsprechend geändert.

Unglaublich: SO macht „Focus Online“ Stimmung gegen Flüchtlinge

Vor drei Wochen veröffentlichte der österreichische Privatsender ATV auf seiner Facebook-Seite einen Spendenaufruf. Er bat darum, Dinge wie Hygieneartikel, Handtücher und Windeln bei der Caritas in Wien abzugeben, damit Flüchtlinge damit versorgt werden können.

Wir sammeln fleißig für Flüchtlinge. Hilf‘ auch du mit und bring Dinge, die du nicht mehr benötigst, andere aber…

Posted by ATV on Dienstag, 14. Juli 2015

 
Als Reaktion gab es viele wütende Proteste und Kommentare wie diese:

Wäre besser ihr sammelt/ spendet zuerst für Österreicher die Hilfe brauchen!

Einen feuchten furtz könnt ihr haben meinetwegen!!!! Wir müssen schauen wie wir allein zurecht kommen weil uns keiner hilft und denen alles in Arsch stecken? Ihr spinnt doch alle!

Ich spenden für die Österreicher aber nicht für die Asylanten!

Es ist nicht meine Aufgabe etwas für das Bildungssystem, Öffis, Obdachtlose etc zu tun. Dafür bezahle ich die Regierungsverbrecher. Es ist auch nicht die Aufgabe von ATV für Flüchtlinge zu sammeln, denn die Aufgabe von ATV ist es OBJEKTIV Bericht zu erstatten, doch das wird leider schon lange nicht mehr wahr genommen.

Wenns a Seife ham brauchen sie kein Duschgel ,können sich mit der Seife waschen oder was für ein Theater da gemacht wird ,lächerlich!

Schenkt Ihnen doch Autos auch noch und gebt jeden noch 10000euro als start kapital wir Österreicher zahlen das gerne

Der Sender selbst äußerte sich dann „erschrocken“ darüber, „welche Reaktionen ein paar Windeln, Zahnbürsten und Duschgel auslösen können“. Andere Medien machen in diesen Tagen ähnliche erschreckende Erfahrungen, wie ihre Beiträge über Flüchtlinge wütende fremdenfeindliche Kommentatoren anziehen.

Nun ist so ein fremdenfeindlicher Mob aber letztlich ja auch nur eine große Zahl von potentiellen Lesern. Mit der richtigen Ansprache kann man deren Zorn in etwas Produktives verwandeln: Klicks.

Und wenn es darum geht, aus Scheiße Klicks zu machen, macht „Focus Online“ so schnell keiner was vor.

Im konkreten Fall nahm das gestern folgende Form an:

Der verlinkte Artikel selbst ist einfach ein Hintergrundstück der Nachrichtenagentur dpa, eine sachliche Darstellung der Ansprüche nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Aber mit der entsprechenden Anmoderation auf Facebook — „Unglaublich: DAS bekommt jeder Flüchtling monatlich!“ — erhält so ein Stück natürlich einen ganz anderen Schwung. Geteilt wurde es unter anderem mit Sätzen wie:

KEINE BARGELDLEISTUNG, NUR SACHLEISTUNGEN !!! WOZU BRAUCHEN DIE BARGELD? TABAK, NUTEN UND ALKOHOL GEHÖREN NICHT ZUM LEBENSUNTERHALT !!!

Und die beliebtesten Kommentare lesen sich zum Beispiel so:

Wieso Bargeld. Eintopf und gebrauchte Sachen. Fertig. Die eigenen leute bekommen noch nicht mal das.

Bargeld ist vollkommen überflüssig…ne Dose Eierravioli und gebrauchte Sachen reichen vollkommen aus..
Asylanten haben es besser in Deutschland als manch deutsche..echt traurig

Wusste gar nicht, dass iPhone und die neuesten Markenklamotten als Existenzminimum gelten. So laufen nämlich die Gelderschleicher hier bei uns rum.

Ob die „Focus Online“-Redaktion auch „erschrocken“ ist über die Reaktionen, ist nicht bekannt. In der Diskussion meldet sie sich nicht zu Wort; antwortet auch nicht auf die – immerhin auch von vielen mit „gefällt mir“ markierte – Frage der „taz“-Journalistin Helke Ellersiek:

Ist das jetzt „unglaublich“ weil es unglaublich wenig ist oder weil man so mehr Klicks (von Rechtspopulisten) bekommt?

Sie nennt es „rassistisches Clickbaiting“.

Nachdem gestern Nacht Kritik an dem Eintrag laut wurde, wurde heute die Anmoderation immerhin stillschweigend geändert:

Vermutlich waren da aber eh kaum mehr Klicks zu holen.

Rolf Clement, der besonders versierte Sicherheitskorrespondent des DLF

Können wir noch einen Moment über Rolf Clement reden, den Korrespondenten für Sicherheitsthemen beim Deutschlandfunk, der sich einfach nicht vorstellen konnte oder wollte, dass gegen die Journalisten von netzpolitik.org wegen Landesverrates ermittelt wird, und es deshalb heute Morgen auf dem Sender schlicht abstritt?

Der Deutschlandfunk bezeichnet Clement als einen „erfahrenen und respektierten Kollegen mit einer großen sicherheitspolitischen Expertise“. Er pflege „selbstverständlich professionelle Kontakte sowohl zum Bundesamt für Verfassungsschutz wie zu den Landesämtern für Verfassungsschutz“. Ob der Sender Bedenken über eine zu große Nähe Clements zum Gegenstand hat, über den er berichtet, hat mir der DLF ebenso wenig konkret beantwortet wie die Frage, ob etwa die Moderation einer Veranstaltung für den Verfassungsschutz genehmigungspflichtig ist.*

Im Archiv finden sich interessante Artikel über Clement, zum Beispiel dieses Stück aus der „Süddeutschen Zeitung“ vom 6. Dezember 2006, schon achteinhalb Jahre alt also, aber mit einer verblüffend aktuell wirkenden Überschrift:

Unbedingt abwehrbereit

Clement war damals laut SZ sowohl Leiter der Abteilung Hintergrund im Deutschlandfunk, Themenschwerpunkt Verteidigungspolitik und Bundeswehr, als auch Chefredakteur der Zeitschrift „Loyal“, dem Zentralorgan der Reservisten, finanziert von der Bundeswehr. Die SZ fragte:

Sieht so die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus? Handelt es sich um einen Fall von Interessenskollision?

Die Beteiligten weisen Vorwürfe zurück. Es gebe eine „offizielle Nebentätigkeitsbestätigung“ für Clement, sagt ein Sprecher des Deutschlandfunks. Dass der eigene Journalist nun Chefredakteur des Magazins ist, sei dem Sender „so noch nicht bekannt“ gewesen. Clement selbst erklärt, er sehe zwar das Problem einer möglichen Verquickung unterschiedlicher Tätigkeiten, achte aber jederzeit auf kritische Distanz zur Politik.

Die SZ hatte daran erhebliche Zweifel. Sie beschrieb die vielen Rollen von Clement, der damals auch Mitglied des Beirates für Fragen der Inneren Führung bei der Bundeswehr war. In dieser Funktion habe er mit den anderen Mitgliedern des Gremiums gutachterliche Stellungnahmen für den Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) geschrieben, der gleichzeitig gewissermaßen indirekt auch Clements Arbeitgeber in dessen Chefredakteursrolle bei „Loyal“ gewesen sei.

Und darüber hinaus ist der Verteidigungsminister ab und an Clements Gesprächspartner für Sendebeiträge im Deutschlandfunk. Am 5. Juni zum Beispiel bemerkte Clement in seinem Radio-Interview mit Jung: „Herr Minister, in Ihrem Haus gibt es den Entwurf für ein Weißbuch. Der eine oder andere hat ihn schon, der eine oder andere hat ihn offiziell gekriegt, der eine oder andere hat ihn so bekommen.“

2008 dokumentierte Uwe Krüger in der Fachzeitschrift „Message“, wie Clement vier Jahre zuvor im Deutschlandfunk einen Beitrag über Uranmunition verhindert habe.

Im vergangenen Jahr hatte Clement im Deutschlandfunk fälschlicherweise behauptet, es habe „massive“ Verletzungen des „europäischen Luftraums“ durch russische Flugzeuge gegeben, und eskalierte munter:

Noch hat die NATO diese Maschinen nicht abgeschossen, sondern eskortiert und abgedrängt. Wie lange die Allianz das aber so gestalten wird, ist offen. Denn die hier eklatante Verletzung des Luftraums würde auch schärfere Maßnahmen erlauben.

Als Reaktion auf eine Beschwerde über Clements Beitrag entschuldigte sich DLF-Intendant Willi Steul dafür, dass sich Clement im vorliegenden Fall „wahrlich nicht korrekt ausgedrückt“ hat. Das schmerze Clement selbst am meisten. Steul fügte hinzu:

Rolf Clement hat selbstverständlich nicht bewusst wider besseres Wissen gehandelt. Herr Clement ist ein versierter, profunder und sorgfältig recherchierender Kollege, dem diese Fehlleistung allerdings niemals hätte unterlaufen dürfen.

*) Nachtrag, 1. August. Inzwischen hat mir der Deutschlandfunk eine verlängerte Version seiner Stellungnahme geschickt, in der es heißt:

Im Mai hat Herr Clement im Rahmen einer Nebentätigkeit mit Genehmigung von Deutschlandradio ein Fachsymposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter dem Titel „Islamistischer Terrorismus in Europa“ moderiert. Es handelte sich dabei um eine Folgeveranstaltung aus dem Jahr 2014. Deutschlandradio sieht hierin keinerlei Grund zu der Annahme, Herrn Clements journalistische Unabhängigkeit stünde infrage.

Deutschlandfunk-Experte leugnet Ermittlungen wegen Landesverrat gegen netzpolitik.org

Seit gestern Nachmittag ist bekannt, dass die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen die Verantwortlichen von netzpolitik.org wegen des Verdachts auf Landesverrat und die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen eingeleitet hat. Das entsprechende Schreiben, in dem der Generalbundesanwalt Markus Beckedahl diese Tatsache mitteilt, kann man sich seit gestern Nachmittag ansehen.

Aber der vermeintliche Sicherheitsexperte des vermeintlich seriösen Deutschlandfunks, ein verfassungsschutznaher Mann namens Rolf Clement, erzählt den Hörern noch heute Morgen, dass gar nicht gegen netzpolitik.org ermittelt werde, sondern gegen Unbekannt. Und dass die ganze Aufregung darüber, dass nach Jahrzehnten in Deutschland wieder gegen Journalisten wegen „Landesverrates“ ermittelt wird, schon deswegen unbegründet sei, weil gar nicht gegen Journalisten ermittelt werde und es dem Verfassungsschutz und der Bundesanwaltschaft nur um die Quellen der vertraulichen Dokumente gehe.

Lesen und staunen Sie. Deutschlandfunk, heute früh, 7:38 Uhr, die Sendung „Informationen (sic!) am Morgen“ (Hervorhebungen von mir):

Moderatorin: Es wurden Ermittlungen eingeleitet, genau genommen gegen Verantwortliche des Internetblogs „Netzpolitik“, und zwar wegen des Verdachtes auf Landesverrat. Der Paragraph stellt nicht nur die Weitergabe von Staatsgeheimnissen an eine, so wörtlich, fremde Macht unter Strafe, sondern auch, wenn man diese öffentlich bekannt macht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen, Zitat Ende. Unser Korrespondent für Sicherheitsfragen, Rolf Clement, hatte diese Geschichte schon vor einigen Wochen recherchiert und wir sind jetzt mit ihm verbunden. Herr Clement, was genau ist jetzt der Hintergrund für dieses Strafverfahren?

Clement: Also, es ist zunächst einmal ein Strafverfahren gegen Unbekannt, nicht gegen Journalisten, weil es nämlich um folgenden Sachverhalt geht: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz hat festgestellt, dass geheime Unterlagen, die operative Rückschlüsse zulassen, in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind. Und da geht es also um Fragen des Haushaltes, und aus dem Haushalt ablesen kann man Arbeitsweisen des Verfassungsschutzes, wenn man solche Haushalte richtig lesen kann.

Und das kann man nicht, wen man einfach über ein solches Papier berichtet, das kann man aber, wenn man das Papier selber in der Hand hat. Die Zielrichtung dieses Verfahrens – angeregt, wie gesagt, durch den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz – ist nicht so sehr die Presse an sich, sondern ist derjenige, der uns informiert. Also sozusagen die Stufe vorher. Dass wir, wenn wir solche Informationen haben, diese verbreiten, ist sicherlich etwas, wo die Politiker und die Leute in der Administration sagen: „Das ist euer Job, das müsst ihr machen“, aber die Weitergabe, das ist das Problem, und das ist auch das, was den Präsidenten des Bundesamtes für den Verfassungsschutz sehr ärgert. Und soweit ich weiß, spielt das eine Rolle, dass manchmal oder sehr häufig solche Informationen in dem Moment weitergegeben werden an Medien, in dem sie im Bundestag angekommen sind. Das ist der Eindruck, den viele im Verfassungsschutz und in anderen Gremien haben. Und da vermutet man, dass aus dieser Ecke die Weitergabe erfolgt und das möchte man mal aufgeklärt haben.

Moderatorin: Sie sagen, Ermittlungen gegen unbekannt, zunächst einmal. Weshalb lesen wir jetzt überall, dass Strafanzeige eben gegen genau diese Verantwortlichen dieses Blogs erhoben wurde?

Clement: Also, ich habe die Sache, wie gesagt, recherchiert. Und mir haben alle gesagt, mit denen ich darüber gesprochen habe, die Strafanzeige geht gegen Unbekannt. Weil man nämlich genau herausbekommen will, wo sind denn die Löcher? Und das führt dazu, dass die Generalbundesanwaltschaft anfängt zu ermitteln, zunächst einmal bei dem, der das Papier erstellt hat, also im Verfassungsschutz. Dann, wohin geht ein solcher Haushaltsplan dann. (…) Und diesen ganzen Weg sollten nach dem Wunsch des Verfassungsschutzes und auch nach normalen Ermittlungsmethoden die Ermittler dann durchgehen.

Und die werden, daraus schließe ich nun die jetzige Bekanntgabe oder die jetzige andere Zielrichtung, die werden an die Kollegen von dem Internetdienst herangegangen sein und gesagt haben: „Sacht mal Leute, sagt ihr uns denn woher ihr das habt?“ Denn das wäre natürlich das Einfachste, wenn man es über die bekäme. Und daraufhin haben die [bei Netzpolitik] geschlossen: Mensch, die ermitteln gegen uns. Das ist nicht die erste Zielrichtung, soweit ich das bisher beobachtet habe, aber uns Journalisten steht ja auch ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Wir sagen auch nicht, woher wir sowas haben.

Moderatorin: Es geht einerseits um die Quellen; auf der anderen Seite um diejenigen, die sie verbreiten. Was könnte denn Journalisten drohen, die das veröffentlichen?

Clement: Naja gut, wenn man solche Unterlagen veröffentlicht und man zu dem Ergebnis kommt, das ist Geheimnisverrat, dann kann natürlich daraus ein Strafverfahren entstehen. Und dann kann man theoretisch deswegen auch verurteilt werden. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Gefahr konkret besteht in diesem Fall. Wobei es immer noch etwas anderes ist, wissen Sie, wenn wir Informationen bekommen, wo auch mal ein Stempel drauf ist, dass das vielleicht geheim ist, dann erschrecken wir da nicht vor. Sondern dann sagen wir, das berichten wir auch. Ich würde es aber nie machen, dass ich ein ganzes Dokument irgendwo veröffentliche, sondern ich würde über das Dokument berichten. Und das ist immer noch was anderes, als wenn ich das Dokument selber reinstelle. Denn Experten, Fachleute, auch andere Dienste, können daraus Dinge lesen, die für die Operation von Geheimdiensten ganz wichtig sind und in operative Abläufe dann eingreifen.

Der Deutschlandfunk-Experte für Sicherheitsfragen hat also völlig verpasst, was seit gestern Nachmittag passiert ist und dass seine Meldung von vor vier Wochen, wonach sich die Ermittlungen nicht gegen die Medien richten, hinfällig ist. Wenn nun überall zu lesen ist, dass doch gegen Journalisten ermittelt wird, muss das für den Deutschlandfunk-Korrespondenten ein Fehler sein, ein Missverständnis der jungen Blogger-Kollegen, die nicht kapiert haben, dass die Ermittler einfach nur mal freundlich bei ihnen nachhören wollten, ob sie ihre Quelle nicht einfach verraten wollen, spart ja allen viel Arbeit sowas. Und am Ende distanziert er sich noch von den netzpolitik.org-Leuten, weil die Dokumente einfach veröffentlichen, anstatt das zu tun, was erfahrene Kollegen wie er täten, wenn sie sie bekämen: Nur darüber zu berichten. Und dagegen könne ja niemand etwas haben.

Der Deutschlandfunk-Experte Rolf Clement ist schön früher auffällig geworden. Im vergangenen Jahr hat er fälschlicherweise behauptet, es habe „massive“ Verletzungen des „europäischen Luftraums“ durch russische Flugzeuge gegeben. Der DLF-Intendant hat sich dafür später entschuldigt. Clement vertritt auch sonst durchaus extreme Positionen.

Im Mai hat Clement ein Symposium des Verfassungsschutzes moderiert.

Auf Twitter verbrämt der Deutschlandfunk die ausdauernd und systematisch falsche Darstellung Clements als „Versprecher“.

Hereingefallen auf die Falschdarstellung des Deutschlandfunks ist übrigens Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Auf Twitter antwortete er heute früh auf die Frage des Grünen Politikers Malte Spitz, warum sich „Bild“ zurückhalte bei der Berichterstattung über den Fall:

Nachtrag, 16:30 Uhr. Der Deutschlandfunk hat eine Stellungnahme veröffentlicht:

Zur Kritik am Gespräch mit Rolf Clement in den „Informationen am Morgen“

Der Deutschlandfunk hat Kritik und verschiedene Anfragen erhalten zu einem Gespräch, das die Moderatorin der „Informationen am Morgen“ heute mit unserem Sicherheitsexperten Rolf Clement geführt hat. Thema waren die Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen zwei Journalisten des Blogs „Netzpolitik.org“ und gegen Unbekannt. Grund der Kritik ist, dass Rolf Clement mehrfach und anders als die Moderatorin lediglich von einer „Strafanzeige gegen Unbekannt“ gesprochen hat.

Diesen Fehler bedauern der Deutschlandfunk und Herr Clement sehr. Rolf Clement ist ein erfahrener und respektierter Kollege mit einer großen sicherheitspolitischen Expertise. Wir werden die Situation intern besprechen und Rückschlüsse für die redaktionelle Arbeit ziehen.

Seit Bekanntwerden der Ermittlungen gegen „Netzpolitik.org“ gestern am späten Nachmittag hat der Deutschlandfunk ausführlich darüber berichtet. Es war ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Thema in unseren Nachrichten, in unserem übrigen Programm und auf unserer Seite deutschlandfunk.de.

In der gesamten Berichterstattung hat der Deutschlandfunk durchgängig auf die Ermittlungen gegen Journalisten verwiesen. Die Nachrichtenmeldung von gestern, 19:00 Uhr, etwa begann mit dem Satz „Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf Landesverrat gegen Journalisten“. Im Internet war dieser Meldung als Bild ein Screenshot von der Seite von Netzpolitik.org beigefügt, mit dem Text, in dem die Kollegen des Blogs über die Ermittlungen gegen sie informieren. Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass der Deutschlandfunk bis auf diese Ausnahme korrekt berichtet hat. Das gilt auch für die heutigen „Informationen am Morgen“ – bis auf dieses eine Kollegengespräch.

Herr Clement berichtet seit Jahren als festangestellter sicherheitspolitischer Korrespondent u.a. über Themen der Inneren Sicherheit. In dieser Funktion pflegt er selbstverständlich professionelle Kontakte sowohl zum Bundesamt für Verfassungsschutz wie zu den Landesämtern für Verfassungsschutz.

Im Mai hat Herr Clement im Rahmen einer Nebentätigkeit mit Genehmigung von Deutschlandradio ein Fachsymposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter dem Titel „Islamistischer Terrorismus in Europa“ moderiert. Es handelte sich dabei um eine Folgeveranstaltung aus dem Jahr 2014. Deutschlandradio sieht hierin keinerlei Grund zu der Annahme, Herrn Clements journalistische Unabhängigkeit stünde infrage.*

Deutschlandradio hat interne Richtlinien für Aufträge an Journalisten, die sicher stellen, dass einheitliche Standards bei Recherche und Berichterstattung gewahrt bleiben. Deutschlandradio wird diese Richtlinien in Form eines „Journalistischen Selbstverständnisses“ in Kürze veröffentlichen.

Das erklärt meiner Meinung nach nichts.

Nachtrag, 19:20 Uhr. Mehr über Rolf Clement hier.

*) Nachtrag, 1. August. Dieser Absatz fehlte in der Antwort, die mir der Deutschlandfunk geschickt hat, zunächst.

Sex auf dem Stromkasten

Durch einige Redaktionen des Landes hallte dieser Tage ein kollektives „Höhö“, mancherorts war auch ein leises Hecheln zu hören oder, im Zimmer eines Chefredakteurs, sogar ein Grunzen. Der Grund: die Aufklärungssendung „Make Love“ im ZDF, die schon von sich reden machte, als sie noch im MDR lief.

Nun erklärt das ZDF: „Liebe machen kann man lernen“. Und wieder stürzt sich die einschlägige Journaille auf die durchaus expliziten Sex-Szenen, die allerdings so behutsam inszeniert sind, dass man schon äußerst katholisch leben muss, damit einem das aufstößt. Aber ein erigierter Penis, zumal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sorgt eben auch 2015 noch für catchy Überschriften (siehe oben) und ein wenig schwülwarme Restempörung, die manchmal lustig ist, manchmal bigott, wenn sie ausgerechnet aus der Redaktion der „Bild“ herüberweht.

Worüber kaum jemand spricht, ist die altbackene, teils rätselhafte Bildsprache, auch jenseits der Sexszenen, mit der „Make Love“ schon im MDR auffiel. Zu Beginn dieser Staffel nun sieht man zunächst, wie sich Moderatorin und Sex-Therapeutin Ann-Marlene Henning ein Paar beim Sex ansieht. Auf einer Hauswand.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Manchmal scheint sie selbst überrascht, was da auf der Hauswand so passiert, auch wenn sie das beim Dreh gar nicht sehen konnte, weil die Szenen ja erst im Schnitt eingefügt wurden. Aber Phantasie ist beim Sex bekanntlich nicht abträglich.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Eigenartiger wird es, wenn ein Professor die Dinge einordnet, aber nie im Vollbild zu sehen ist. Auch der Professor redet auf Häusern, über die er halbtransparent gelegt wird. Was leider dazu führt, dass der Professor Fenster auf der Wange hat. Oder auf dem Ohr. Jedenfalls in den Fällen, in den man ihn nicht erst suchen muss. Das sieht alles nicht nur komisch aus, ich kann mich auch nicht mehr erinnern, was der Professor überhaupt gesagt hat.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Beim letzten Bild ist es übrigens offenbar so, dass der Professor das, was er sagt, zu Frau Henning sagt, die – kaum zu erkennen – links neben dem Professor über den Bürgersteig schlendert. Ist jetzt nicht so nett. Läuft sie einfach weg, während der Professor mit ihr spricht. Aber, andererseits: Sie haben den Professor ja auch auf Heuballen projiziert. Ein Meilenhaufen der Bildgestaltung.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Vermutlich liegt der inhaltliche Bezug zum Thema irgendwo hinten im Feld und zieht sich gerade aus, aber so richtig erschließt sich das nicht. In der ersten Staffel wurde der Professor manchmal auf eine aus der Vogelperspektive aufgenommene Straße projiziert, auf der Autos fahren. Er lag quasi auf der Fahrbahn. Ein Kollege wies mich damals darauf hin, dass der Professor ja über, höhö, Verkehr rede, es also logisch sei, dass er das auch im Verkehr mache.

Das Schlimme ist: Ich fürchte seither, dass das tatsächlich so gemeint war.

Die schriftlichen Infos bei „Make Love“ sind ebenfalls Text-Bild-Rätsel. Meistens stehen sie so in der Landschaft rum, zum Beispiel vor einer Kirche. Manchmal läuft die Moderatorin auch an den Buchstaben vorbei und wirft einen Schatten auf sie, was sicher die ein oder andere Graphik-Stunde gekostet hat.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Oder die Buchstaben werden lustig von Wasser aus einem Wasserrad weggespült.

Screengif "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Und irgendeinen Grund wird es haben, dass die „weibliche Ejakulation“ aus dem Himmel purzelt und auf einer Dachrinne landet, wo sie dann, wie ihre Freunde vor der Kirche, ein wenig rumsteht.

Screengif "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Die „weibliche Ejakulation“ auf der Mauer vor dem Wasserrad einzublenden, wäre ja noch halbwegs einleuchtend gewesen – aber auf einer Dachrinne?

Und was soll uns das nächste Bild sagen? Wir sehen: Eine Frau, die offenbar mit ihrem Smartphone eine Hauswand aufnimmt, auf der ein Paar Sex hat, was mittels einer Art Röntgen-Graphik verdeutlicht wird. Sehr modern. (Bis auf den Rock.)

Aber was wird eingeblendet und worum geht es im Off-Text?

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Genau, um die Zeit „300 v. Chr.“ – und, ja, ich weiß, dass es aus dieser Zeit keine Filmaufnahmen gibt. Aber ich glaube, dass man das mit den Mitteln des Fernsehens alles logischer, packender, also kurz: besser machen kann, machen muss.

Allerdings geht einem dann unter Umständen, wenn man anschließend darüber schreibt, eine super klickbare Überschrift (siehe oben) flöten.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Die nächste Folge von „Make Love“, dann zum Thema „Sex trotz Hindernissen“, läuft am 4. August 2015 um 22.45 Uhr im ZDF. Die erste Folge ist hier (immer ab 22 Uhr) zu sehen.

Wofür das „F“ in „FAZ“ steht

Und dann schlendert Sebastian Vettel an einem dunkel glänzenden Sportwagen vorbei, die Sonne scheint, und Vettel sagt, dass die Sonne scheint und der Wagen ganz toll ist. Dass Vettel das sagt, ist kein Wunder. Bei dem Auto handelt es sich um einen Ferrari, und bei Ferrari verdient Sebastian Vettel sein Geld; da muss man dann zwangsläufig schon mal in Werbevideos so Sachen erzählen:

So, here we are. We obvisiouly picked the right day. Sunshine. And a perfect car, California T from Ferrari. Obviously a lot of horse power and the usual turbo lag, thank God, is not there, so, äh, yeah, it’s really amazing. It’s a great car to drive, to enjoy every day on the Road.

Das Video läuft im youtube-Kanal von Ferrari und gedreht wurde es Mitte Juli, als Vettel eine Dependance seines Arbeitgebers in Wiesbaden besuchte. Am Tag, an dem der Werbeclip entstand, hat Ferrari noch ein weiteres Video produziert; nicht für sich selbst, sondern für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Gleich zu Beginn des Videos schlendert Sebastian Vettel an einem dunkel glänzenden Sportwagen vorbei, die Sonne scheint, und Vettel sagt, dass der Tag perfekt und das Auto ganz toll ist; dieses Mal auf Deutsch, ist ja für die FAZ.

Also, heute haben wir uns natürlich den perfekten Tag ausgesucht und das perfekte Auto dafür. Der neue Ferrari California T. Wie das T schon verrät, eben mit Turbomotor. Normalerweise gibt’s ja da das normale Turbo-Loch, aber das ist hier wirklich nicht vorhanden. Ansprechverhalten ist perfekt und Leistung hat es genug, also macht richtig Spaß.

Vettel sagt also in etwa das, was er im Werbevideo sagt, sogar noch ein klein wenig ausführlicher – und eben in der FAZ. Danach sieht man ihn und FAZ-Redakteur Boris Schmidt aus dem Ressort „Technik & Motor“ im beworbenen Ferrari-Modell durch die Landschaft gurken, Vettel fährt, Schmidt mit, und beide tragen knallrote Ferrari-Kappen. Anschließend interviewt Schmidt Ferrari-Mann Vettel vor dem Ferrari und hessischer Weinrebenkulisse. Schöne Werbung.

Screenshot Video FAZ.net

Screenshot Video FAZ.net

Die FAZ hat zwar ihr Dauerlogo oben links auf das Video gepappt, für die Produktion war sie aber gar nicht zuständig. Laut Abspann erledigte Ferrari „Kamera und Schnitt“, übernahm also die inhaltliche Komposition und war somit frei, vor das FAZ-Video den deutschen Ferrari-Werbeclip zu schneiden und unter die Spritztour dasselbe Werbemusikgeklonger wie im Werbeclip. Und bei der FAZ hat nicht mal einer aufgezeigt und „Hö?“ gesagt. Oder: „Äh?“

FAZ-Redakteur Schmidt hat mir auf meine Anfrage geantwortet, dass Ferrari „keinerlei Einfluss“ auf das Interview gehabt habe: „Das gefilmte Interview hat genau so stattgefunden wie im Video zu sehen, es wurde nichts nachbearbeitet oder herausgeschnitten.“ Wobei „keinerlei Einfluss“ nicht ganz stimmt. Geschnitten wurde das Video ja schon mal von Ferrari. Und an der langen Text-Fassung des Interviews, die in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erschienen ist, hat das Unternehmen auch mitgewirkt. Steht sogar im Text:

Und über die Formel 1 wollen wir nicht sprechen, das ist vereinbart.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 26.7.2015

Richtiger müsste es wohl heißen: „Und über die Formel 1 will Sebastian Vettel nicht sprechen, das ist vereinbart.“ Ferrari möchte ja das neue Auto zeigen, in schöner Landschaft und mit einem lockeren Plausch über Autofahren und Bratwurst. Redakteur Schmidt schreibt: „Das Wortlaut-Interview in der FAZ-Sonntagszeitung wurde nur mit Vettel bzw. seiner Managerin realisiert.“ Und es wurde, wie häufig bei Print-Interviews, noch mal geglättet, was man hier gut sehen kann, wenn man die Passagen im Video mit der gestrafften Druckfassung vergleicht.

Unwohl ist ihnen bei der FAZ dabei offenbar nicht, wenn ein halbes Werbevideo, fertig geschnitten und geliefert vom Unternehmen, um das geht, in einen Beitrag platziert wird, in dem Fragen nach der Formel 1 per se untersagt ausgeschlossen sind. Aber vielleicht ist das auch noch zu undeutlich.

Stellen wir uns deshalb abschließend vor, dass es kein Motor-Journalist gewesen wäre, sondern ein Politik-Journalist. Und dass der mit einer Unions-Mütze auf dem Kopf zum Interview mit Angela Merkel erschienen wäre und gesagt hätte: „Über Griechenland wollen wir nicht reden, das ist vereinbart.“ Und dann hätte Merkels Pressesprecher das Interview so geschnitten, dass man gleich zu Beginn Merkel sieht, wie sie am hell glänzenden Bundskanzlerinnenamt vorbei schlendert und sagt, dass die Sonne scheint und alles toll ist.

Solange der unter der Unions-Mütze nicht Sigmund Gottlieb ist, müsste man das mindestens merkwürdig finden; vor allem in einer Welt, in der Verlage gerne betonen, wie wichtig es sei, dass die Leser durch unabhängige Journalisten informiert werden. Unabhängig heißt in diesem Fall offenbar, dass man den eigenen Redakteur und das FAZ-Logo in einem Firmenvideo unterbringt.

Der Rest ist dann eher egal.

[Mit Dank an Bubi.]

Nachtrag, 14.00 Uhr. Die FAZ hat das Video entfernt. Unter der Text-Fassung des Interviews steht nun folgender Hinweis:

Anm. der Redaktion: In diesem Text befand sich in einer vorherigen Version ein Video mit Fahrszenen und einem Interview, das unser Redakteur mit Sebastian Vettel geführt hat. Wir haben dieses Video entfernt, weil es nicht unseren redaktionellen Standards entsprach.