Call-TV: „Wir halten alle Regeln ein“

Die Münchner Firma Callactive produziert für die MTV-Gruppe Anrufsendungen mit Methoden, die selbst 9Live als unseriös ablehnt. Andererseits: Wenn ein Hütchenspieler einen anderen anschwärzt, muss dahinter nicht unbedingt die Sorge stecken, dass Passanten übers Ohr gehauen werden.

Im Gegensatz zu 9Live hat Callactive-Geschäftsführer Stephan Mayerbacher auf meine (per E-Mail gestellten) Fragen ausführlich geantwortet. Ich dokumentiere Fragen und Antworten unkommentiert und habe nur nachträglich Links in meine Fragen eingefügt.

Stephan Mayerbacher ist Geschäftsführer der Callactive GmbH, die knapp zur Hälfte ihm und gut zur Hälfte Endemol gehört. Nach eigenen Angaben produziert das Unternehmen im deutschsprachigen täglich über 14 Stunden Anrufsendungen. Dazu gehören „Quiz Zone“ (täglich ca. zwei Stunden vor Mitternacht auf dem Kindersender Nick) und „Money Express“ (täglich drei Stunden nach Mitternacht auf Viva und Comedy Central).

Fühlt sich Callactive an die „Anwendungs- und Auslegungsregeln der Landesmedienanstalten für die Aufsicht über Fernseh-Gewinnspiele“ gebunden?

Absolut. Wir halten alle Regeln ein. Alle Mitarbeiter und Moderatoren kennen die Regeln und erhalten regelmäßige Schulungen. Die Sendungen und unsere internen Standards unterliegen einer strengen Prüfung.

Was erwarten Sie sich von dem Treffen mit den Landesmedienanstalten am 3. Mai? Welches Ergebnis wünschen Sie sich?

Eine einheitliche Regelung und Auslegung für alle Call TV Sender und Produzenten hinsichtlich Jugendschutz, Einhaltung der Mitmachregeln und transparentem und fairem Mitmachfernsehen.

Peter Widlok von der Landesanstalt für Medien NRW sagt: „Die Sender bewegen sich nah an dem, was man Betrug nennen könnte.“ Fühlen Sie sich da angesprochen?

Absolut nicht.

Betrug wird laut Lexikon folgendermaßen definiert (recht.straf.bt):

„Betrug ist die Vermögensschädigung eines Dritten durch das Hervorrufen oder Aufrechterhalten eines Irrtums mittels Vorspiegelung falscher oder Entstellung bzw. Unterdrückung wahrer Tatsachen mit Bereicherungsabsicht.“

In unseren Sendungen wird jeder Anrufer über Teilnahmemöglichkeiten, Kosten, Chancen, Schwierigkeitsgrade, Mitmachregeln permanent aufgeklärt. Die Spiele sind fair und transparent und werden von unseren Moderatorinnen anschaulich erklärt. Jeder Mitspieler hat die gleiche Chance, per Zufallsprinzip ausgewählt zu werden und die ausgelobte Gewinnsumme bei richtiger Antwort zu gewinnen.

Glauben Sie, dass es möglich wäre, profitable Call-TV-Sendungen so zu gestalten, dass der Zuschauer nicht über Gewinnchancen, Spieldauer, Spielregeln etc. in die Irre geführt wird? Oder ist diese Form von Täuschung ein notwendiger Bestandteil von Call-TV?

In unseren Sendungen liegt keine Täuschung vor und die Zuschauer werden nicht über die angegebenen Punkte in die Irre geführt. Wir haben in Deutschland insgesamt einen sehr hohen Standard an Transparenz und Fairness. Wir sind aber dennoch bemüht, die Durchführung unserer TV Gewinnspiele fortlaufend zu optimieren und noch transparenter zu gestalten, hierfür dient unter anderem der von Ihnen angesprochene Termin im Mai.

Zu den Besonderheiten der Callactive-Sendungen gehört es, die Zuschauer durch das Versprechen hoher Summen zum Anrufen zu animieren, tatsächlich aber nur deutlich niedrigere Summen auszuspielen. In vielen Callactive-Sendungen werden Anrufer erst dann durchgestellt, nachdem die höhere Gewinnsumme wieder reduziert wurde. Halten Sie es für zulässig, die Anrufer über die Höhe des möglichen Gewinns in dieser Weise zu täuschen? Müssen die Zuschauer nicht zumindest die Chance haben, wie klein auch immer, eine ausgelobte Gewinnsumme auch zu gewinnen?

Dies widerlegen eindeutig unsere täglich ausgespielten Gewinnsummen. Zuschauer werden nicht über den ausgespielten Gewinn getäuscht. Reduzierungen können sich z.B. aus folgenden Gründen ergeben:

  • ein oder mehrere Tipps werden gegeben und die Aufgabe wird somit einfacher, ergo niedrigerer Gewinn
  • anstelle mehrerer Antworten wird nur noch eine (oder weniger als vorher) verlangt
  • es wird eine 50:50 Chance gegeben
  • nach einer falschen Antwort, da sich die weiteren Möglichkeiten entsprechend reduzieren

Die Zuschauer könne auf alle Fälle immer die ausgelobte Gewinnsumme mit einer richtigen Antwort gewinnen, wenn sie per Zufallsmechanismus in diesem Moment ausgewählt wurden

Um die Transparenz weiter zu erhöhen, haben wir in die moderative Nennung der Mitmachregeln, diese erfolgt bei unseren Formaten alle 10 Minuten, folgende Formulierung mit aufgenommen:

„Die DERZEIT ausgelobte Gewinnsumme kann sich verändern!
D.h. sie kann höher oder aber auch niedriger werden. Wenn Sie jedoch im richtigen Moment als Kandidat in unsere Sendung gestellt werden und die richtige Antwort abgeben, haben Sie immer auf die aktuell ausgelobte Gewinnsumme Anspruch“

Diesen Hinweise findet darüber hinaus jeder Zuseher auch in dem unten links laufenden Band, dass während der gesamten Sendungslänge zu sehen ist.

Hierzu auch einmal ein Link zum Forum Call-In-TV, indem unsere Benmühungen um mehr Transparenz auch bereits entsprechend gutiert wurden: http://www.call-in-tv.de/viewtopic.php?p=70857#70857

Auffallend ist bei den Callactive-Sendungen auch, dass sich der Spielablauf Abend für Abend frappierend ähnelt. Dazu gehört, dass fast alle Anrufer, die bei hohen Gewinnsummen durchgestellt werden, entweder sofort wieder auflegen oder (selbst bei einfachsten Spielen) eine falsche Antwort geben. Erst nachdem die Gewinnsumme reduziert wurde und das Ende der Sendezeit erreicht ist, wird ein Anrufer durchgestellt, der die richtige Antwort weiß. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich an (geschätzt) 9 von 10 Abenden die gleiche, für Callactive äußerst günstige Abfolge von Auflegern, falschen und richtigen Lösungen ergibt?

Hierauf haben wir keinen Einfluss. Wir stellen aber eine ähnliche Anzahl von Auflegern, richtigen und falschen Antworten während des gesamten Sendungsverlaufes und bei allen Spielearten (schwierig, medium, einfach) fest. Genau vor diesem Hintergrund begrüßen wir die Initiative der ProSiebenSat.1 Media AG, die Telefonverbindungsdaten sowie die Gewinnerdaten aller Call TV Anbieter an geeigneter Stelle offenzulegen außerordentlich und sind bereit, dies natürlich auch zu tun, sofern die datenschutz- und telekommunikationsrechtlichen Bestimmungen gewährleistet sind.

Welche Bedeutung hat es, wenn bei „Money Express“ oder „Quiz Zone“ ein Countdown heruntergezählt wird?

Bei einem Countdown wird zum Bespiel der Start einer Uhr eingezählt, auf das Sendungsende hingewiesen, ein Spielwechsel kommuniziert, das Ende eines festgesetzten Zeitraumes moderiert.

Bedeutet eine Einblendung wie „Letzte Chance“, dass es sich um die „Letzte Chance“ anzurufen handelt?

Das ergibt sich aus dem jeweiligen Spielzusammenhang. Es kann sich z.B. um den letzten Anrufer für das jeweilige Spiel handeln, aber auch um die letzte Chance für diese Gewinnsumme, Spielmodi ect.pp.

Können Sie sich erklären, warum Ihre Moderatorinnen und Moderatoren immer wieder zu glauben scheinen, die Sendung sei deutlich vor der angegebenen Sendezeit zuende?

Dies konnten wir so noch nicht feststellen.

Informiert Callactive im Hot-Button- oder Leitungs-Modus den Zuschauer von Beginn des Spiels an darüber, in welchem Zeitrahmen eine Durchstellung vorgesehen ist?

Da wir die Gewinnspielregeln der Landesmedienanstalten befolgen, wird auch dieser Punkt von uns erfüllt. Grundsätzlich werden in unseren Sendungen immer mehrere Zuschauer durchgestellt, es gibt in der Regel mindestens einen Gewinner pro Sendung und es gibt keine Spiele, die länger als 3 Stunden dauern.

Stellt Callactive sofort, wenn ein Zuschauer auflegt, der durchgestellt wurde, einen weitern Zuschauer durch?

Auch hier halten wir uns an die Gewinnspielregeln. Hier sind wir natürlich davon abhängig, dass entsprechend ein neuer Anrufer zur Verfügung steht. Sollte in dieser Zeit niemand in der Leitung sein, erfordert dies entsprechend eine Weile.

Inwiefern erhöhen mehrere „geöffnete Leitungen“ die Chance, in die Sendung durchgestellt zu werden? Ich verstehe das Prinzip des Hot Buttons so, dass ein Redakteur zu einem bestimmten Zeitpunkt jemanden, der gerade in der Leitung ist, zufällig auswählt. Die Zahl der durchgestellten Anrufer erhöht sich also nicht durch mehr Leitungen. Sehe ich das falsch?

Natürlich kann auch bei einem Leitungsspiel Modus immer nur ein Zuschauer durchgestellt werden und gewinnen.

Zum allgemeinen Verständnis die auch in unseren Mitmachregeln veröffentlichten Spielregeln des Leitungs-Hot-Button:

Spielmodus „Leitungs-Hot-Button“

Wie im Anrufbeantworter-Modus geht es in diesem Modus darum, die bzw. eine der durch Bildschirmeinblendungen kommunizierte(n) oder von den Moderatoren genannte(n) Gewinnleitung(en) zu erreichen. Im Unterschied zum Anrufbeantworter-Modus ist es allerdings erforderlich, die Leitung genau zu dem Zeitpunkt zu treffen, in dem die jeweilige Gewinnleitung aktiviert wurde. Der erfolgreiche Anrufer wird auch in diesem Fall direkt und unmittelbar in die Sendung gestellt und erhält die Chance auf einen Gewinn.

Für alle Fälle gilt: Anrufer, die nicht zu den ausgewählten Teilnehmern gehören, erhalten eine entsprechende Ansage. Sollte der Anrufer ein Besetzt-Zeichen hören, was in sehr seltenen Fällen vorkommen kann, findet eine Tarifierung des Anrufs nicht statt.

Zuletzt, falls Sie solche Zahlen herausgeben oder wenigstens die Größenordnungen nennen: Wieviel Umsatz macht Callactive mit den Sendungen auf den MTV-Sendern? Wieviele Gewinne schütten Sie an die Zuschauer aus?

Grundsätzlich machen wir keine Angaben zu segmentbezogenen Umsätzen mit unseren Auftraggebern, gerne nennen wir aber unsere Gewinnsummen.

Beispielhaft haben wir den Monat Februar 2007 herangezogen. Callactive hat im Format Money Express pro Stunde durchschnittlich € 2.480 ausgespielt. Zum Vergleich, nach unseren Erhebungen, waren dies bei Call TV Marktführer 9Live € 2.630 pro Stunde
(Berechnung: Gewinnsummen der jeweiligen Sender/Formate durch die Anzahl der Call TV Gesamtstunden).

Alle Blog-Einträge zum Thema Call-TV.

In eigener Sache und in Sachen Turi

Was ich immer noch nicht weiß: Wann ist es besser, jemanden zu ignorieren? Und wann, sich öffentlich mit ihm auseinanderzusetzen?

Im Ignorieren bin ich, wie gesagt, nicht besonders gut. Ich bin besser darin, mich an Dingen abzuarbeiten. An 9Live zum Beispiel: Natürlich müsste ich diesen Sender nicht gucken. Aber auch wenn ich ihn nicht hingucke, weiß ich, dass er da ist und die Leute ausnimmt. Und wenn ich dann mal wieder fassungslos eine Stunde davor gesessen habe, geht es mir besser, wenn ich mich dann noch eine Stunde hinsetze und das, was ich gesehen habe, wenigstens aufschreibe.

Ich bin aber auch überzeugt, dass es gut ist, wenn 9Live oder „Bild“ und ihre Methoden mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Aber es gibt Themen und Menschen, da ist das sicher anders. Da ist die beste Art der Auseinandersetzung: keine Auseinandersetzung. Den Krakeeler einfach ignorieren. Nicht noch mehr Leute, die ihn bislang gar nicht wahrgenommen haben, auf ihn aufmerksam machen. Einfach nichts tun und warten, bis sich das Geschrei gelegt hat. Darin bin ich nicht so gut.

Und selbst, wenn ich besser darin wäre: Wann ist welche Reaktion richtig? Wenn mir einer Tag für Tag wieder den Stinkefinger zeigt, na gut, das ist klar: einfach ignorieren. Aber wenn er dann anfängt, Dinge zu behaupten, die nicht stimmen — auch ignorieren?

Um es mal konkret zu machen: Peter Turi. War vor vielen Jahren mal mein Auftraggeber beim „Kress Report“, bis wir uns im Streit trennten. Ich habe keine Rechnungen mit ihm offen, ich möchte einfach nur nichts mit ihm zu tun haben. Das ließe sich theoretisch auch problemlos einrichten, nur dass Turi, seit er das Bloggen für sich entdeckt hat, sich irgendwie an mir abarbeitet. Okay, das ist sein gutes Recht. Auch wenn ich inzwischen das Gefühl habe, dass da jeden Tag jemand wild hüpfend und „Komm doch!“-rufend um meine Aufmerksamkeit und Streit bettelt. Ich bin in den vergangenen fünf Tagen nicht weniger als fünfmal in seinem Blog kritisch gewürdigt worden. In drei seiner letzten fünf „Vanity Fair“-Kolumnen kam mein Name vor.

Klare Sache: ignorieren. Soll er doch.

Nur ist es so, dass Turi schlampt. Würden wir bei BILDblog so arbeiten wie er, hätte uns Springer längst in Grund und Boden geklagt. Und zwar mit Recht. Mal behauptet er fälschlicherweise, ich hätte den „FAS“-Kollegen ein (falsches) Gerücht gesteckt, aufgeschnappt auf einer Veranstaltung, auf der ich nicht einmal war. Ich weise ihn darauf hin, er korrigiert es. Dann legt er mir ein Zitat von Christoph Schultheis in den Mund. Ich weise ihn darauf hin, er korrigiert es. Dann legt er mir ein anderes Zitat von Christoph Schultheis in den Mund. Ich weise ihn darauf hin, er korrigiert es. Zwischenzeitlich legt er Don Alphonso ein erfundenes Zitat in den Mund. Und schreibt einen Blog-Eintrag nach dem anderen, der erst nach Beschwerden oder Hinweisen in den Kommentaren korrekt ist.

Ab wann ist die Schwelle erreicht, wo es sich dann doch lohnt, das Ignorieren wieder aufzugeben und mal gründlich und ausführlich aufzuschreiben: So arbeitet der Herr Turi?

Gestern hat er in seiner Kolumne auf vanityfair.de über Don Alphonso und über eine juristische Auseinandersetzung zwischen Felix Schwenzel und dem „Kress Report“ geschrieben. Er hat, bevor er sie veröffentlicht hat, die entscheidenden Passagen Felix geschickt. Felix hat ihn dann darauf hingewiesen, dass wesentliche Aussagen, darunter mal wieder Zitate, falsch sind. Turi hat sie trotzdem veröffentlicht.

Nun steht es da: falsch, falsch und falsch. Was besonders ärgerlich ist, weil es sich um ein laufendes juristisches Verfahren handelt, was Turi aber, wie so vieles andere, nicht gewusst zu haben scheint. Ignoriert man das nun auch alles noch? Insbesondere die Beteiligten, die sich eigentlich zu diesem Zeitpunkt gar nicht öffentlich im Detail zu dem Fall äußern wollten?

Reicht es zu hoffen, dass Turi, wenn nur alle anderen angestrengt genug weggucken, irgendwann wieder aus dem Internet gehen wird, wie sich ein unfreundlicher Kommentator bei ihm neulich gewünscht hat?

9Live hat Zuschauerschutz schon aktiviert

Aus Gründen der „Fairness“ und zum „Schutze“ des Verbrauchers hat die ProSiebenSat.1 Media AG bekanntlich vorgeschlagen, dass in den Call-in-Shows zukünftig nur noch nach Begriffen gesucht werden darf, die mindestens 100 Treffer bei Google haben.

Heute hat der ProSiebenSat.1-Sender 9Live einmal anschaulich gemacht, wie wirkungslos eine solche Vorschrift wäre.

Bei den üblichen Wortfindungsspielen gab 9Live diesmal vorher an, wie oft der gesuchte Begriff bei Google vorkommt. Gefragt ist zum Beispiel ein Wort mit der Endung „-haus“, das „mehr als 500.000 Einträge bei Google“ hat. Entsprechend leicht ist die Lösung: Schulhaus.

Das nächste Rätsel scheint noch leichter zu sein. Gesucht ist ein Wort, das auf „-tag“ endet und sogar auf „mehr als 1.000.000 Einträge“ kommt.

Anrufer versuchen es mit Namenstag, Todestag, Schultag, Vatertag… alles falsch. Auf die richtige Lösung kommt keiner, obwohl der Moderator kurz vor Schluss noch sagt: „Diesen Tag kennen alle, jung und alt“ und auf die Tafel neben den verdeckten Begriff „*EINFACH*“ geschrieben hat. Erst nach Stunden, einer Unterbrechung und einem Moderatorenwechsel wird das Spiel aufgelöst. Der gesuchte Tag ist:

WEBTAG.

Ja.

Was für eine abwegige Idee, mit diesen Leuten über Transparenz, Fairness und Verbraucherschutz diskutieren zu wollen.

Quelle: call-in-tv.de, mit Dank an Marc für die Screenshots!

Nachtrag. Und hier der Verlauf zum Selberschauen und Staunen, auch für die Landesmedienanstalten, falls noch welche wach sein sollten:

Heiteres Promiraten mit vanityfair.de

Schön an Blogs ist auch, dass jeder Depp mit der entsprechenden Software oder auf entsprechenden Plattformen einfach losbloggen kann. Man braucht keine technischen Vorkenntnisse, keine Internetagentur, keine Berater. Man braucht, zum Beispiel, nicht einmal zu wissen, was ein RSS-Feed ist — die Blog-Software macht das automatisch, und Menschen, die wissen, was ein RSS-Feed ist, können ihn nutzen.

Man kann, andererseits, wenn man zum Beispiel eine scheinambitionierte, möchtegernelitäre Zeitschrift ist, aber natürlich trotzdem (mutmaßlich) viel Geld für eine Internetagentur und Berater ausgeben und wochenlang frickeln, um am Ende ein Internetangebot zu haben, das sich von all diesen Amateur-Internetseiten absetzt. vanityfair.de setzt sich zum Beispiel insofern ab, als die Seite mit in Flash programmierten überflüssigen Gimmicks so überladen ist, dass sie den ganzen Computer lahmlegen kann. Und ihr RSS-Feed unbrauchbar ist. Die zentrale Information, von wem ein Artikel handelt, steht bei vanityfair.de nämlich nicht in der Überschrift, sondern in der Dachzeile. Und die steht nicht im RSS-Feed. Das Ergebnis sind hundertfache Lückentexte wie aktuell diese:

(Man kann den Fehler natürlich umgekehrt als Bonus-Feature interpretieren. Häufig sind die Artikel selbst nicht halb so spannend wie das Ratespiel: Um welchen Promi mag es sich hier wohl handeln? Auflösung unten!)

Und nun kann man natürlich mit einigem Recht sagen, dass wenig auf der Welt egaler ist als der RSS-Feed von vanityfair.de. Hinter dieser Kleinigkeit steckt aber eine allgemeines Phänomen: Mit einfachsten Bordmitteln kann jeder, der etwas publizieren will, das plötzlich in einer ansprechenden und funktionstüchtigen Form tun, die sich vor den teuer aufgeblasenen Auftritten etablierter Medien nicht verstecken muss — im Gegenteil.

(von oben nach unten: Alec Baldwin, Bettina Zimmermann, Kate Hudson, Ibrahim Tatlises und William H. Macy.)

Wer Internet-Fundstücke groß rausbringt

Es war, sagt stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen, „für stern.de der größte Scoop der letzten Zeit“: das „Motherfucker“-Bundeswehr-Video. Dabei war die Recherche eher unspektakulär. Der Film war seit Monaten auf myvideo zu sehen, und dann gab irgendwer stern.de einen Tipp.

Auch Thomsen scheint an dem Scoop eine andere Leistung von stern.de interessanter zu finden, als die Recherche — die Verbreitung. Gegenüber medienhandbuch.de sagt er:

Etwas online stellen, heißt noch lange nicht, dass es gefunden wird. Dieses Video stand seit Januar bei myvideo. Jeder hat es sehen können. Dadurch, dass man alles sehen kann, sieht man nichts. Das Internet ist wie ein riesiger Brei, in dem man nichts mehr findet. Journalistische Marken wie der Stern dagegen werden viel stärker wahrgenommen.

Das ist sicher nicht ganz falsch. Und über stern.de ist das Thema ja zweifellos zu einer großen Mediengeschichte geworden. Aber für das Aufspüren und Bekanntmachen von interessanten Klümpchen im Internet-Brei gibt es längst Marken, die mindestens so gut funktionieren.

Thomsen sagt stolz, die stern.de-Artikel zum Thema hätten „bisher ca. 200.000 Zugriffe“ gehabt. Zum Vergleich: Als die schlichte, politisch etwas weniger brisante Galerie von bizarren Kloschüsseln aus dem Job- und Karriereblog von Marcus Tandler auf der Startseite von digg.com auftauchte, zählte er nach eigenen Angaben über 120.000 Besucher in 14 Stunden. Auch heute, fünf Wochen später, ist sein Blog noch weit vorne in den einschlägigen Charts.

Ich will stern.de den Erfolg gar nicht madig machen, aber ich glaube, die großen Medienmarken sollten sich nicht darauf verlassen, dass wir sie auch in Zukunft als Wegweiser, Trüffelschwein, Suchscheinwerfer, Verstärker oder Lupe brauchen. Wir brauchen sie, um die Sachen herauszufinden, zu bewerten und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, die nicht einfach im Internet herumliegen und nur auf ihre Entdeckung warten.

Knut, ungeschminkt

Seit heute sitze ich mit jemandem im Büro, der Knut live gesehen hat.

Er hat auch Fotos gemacht.

Aber egal, wie nah man ranzoomt.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass die weiße, fluffige, süße Version, die wir aus den Medien kennen, ein Ergebnis heftigen Photoshoppens ist.

Kurz verlinkt (5)

Nebenan beim Fernsehlexikon feiert mein Co-Autor Michael Reufsteck den 65. Geburtstag von Frank Elstner unter anderem mit dem Satz:

Frank Elstner hat eine Show erfunden, die so originell, so stimmig, so zeitlos und so allüberstrahlend ist, dass Thomas Gottschalk noch heute als guter Moderator gilt.

Und mit einem Original-Dialog:

In Flieg mit Air-T-L fragte Frank Elstner den Kandidaten Roland: „Lars, was hast du für Hobbys?“ Roland verbesserte ihn: „Roland.“ Elstner: „Aha, und du, Anette?“

Das obere Bloggerhundert

[Disclaimer: Ich schreibe regelmäßig für die Sonntagszeitung der FAZ.]

Die „Frankfurter Allgemeine“ kommt spät mit ihrem Artikel zur re:publica, aber dafür ist ihr Bericht (aus der Print-Ausgabe vom Mittwoch) im Gegensatz zu anderen lesens- und diskutierenswert. Dabei ist das Fazit von Martin Schöb durchaus vernichtend — sowohl was die Veranstaltung angeht, als auch Blogs insgesamt:

Was die deutschsprachige Blogosphäre nicht nur für Werbetreibende uninteressant macht, ist ihr beklagenswerter und in erster Linie selbstverschuldeter Zustand: Neben der Menge weitgehend unbekannter, nicht selten lesenswerter Blogs gibt es eine zweistellige Zahl prominenter A-Blogs. Diese drehen sich derart raumgreifend um sich selbst, dass für die anderen kein Vorbeikommen ist. (…)

Ohne Selbstbezüge und ohne die Bezugsgröße Print würden die meisten meinungsführenden Blogs — und zwar nur diese — in sich zusammenfallen wie ein Heißluftballon ohne Flamme. Bis es so weit ist, bleibt der Blog-Olymp für Neulinge nahezu unzugänglich; dort kennt man sich, man zitiert und kommentiert sich, spricht denselben Jargon, schreibt über sich und die Medien und bleibt so konsequent unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle all jener Leser, die ihr Leben nicht im Netz verbringen.

Hmmm. Wenn ich jetzt darüber blogge, was die FAZ über Blogs schreibt, dreht sich die Selbstbezüglichkeitsschraube noch eine Windung weiter. Andererseits: Ich habe auch in den etablierten Medien schon immer über Medien geschrieben, bei mir ist die Selbstbezüglichkeit quasi Dauerzustand. Ich würde auch nicht fordern, endlich mit dem Meta-Geblogge aufzuhören und finde auch nichts dabei, sich seinen Blog-Heißluftballon mit diesem Stoff und der Kritik an den etablierten Medien zu befeuern. Aber in den meinungsführenden deutschen Tageszeitungen kommen auf eine Medienseite mehrere Dutzend Seiten über Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport. In den „meinungsführenden deutschen Blogs“, wenn man davon sprechen will, ist das Verhältnis deutlich anders. Warum tun sich Themenblogs in Deutschland anscheinend so schwer? Oder ist das nur eine Phase gerade, eine Selbstfindungsphase des Mediums?

Ich würde Schöb in der Absolutheit vieler seiner Aussagen widersprechen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Blogs für Werbetreibende uninteressant sind. Und ich glaube, man muss den Zustand der Blogosphäre schon deshalb nicht so apokalyptisch beschreiben, weil das alles im Fluss ist, weil so viel gerade erst entsteht und weil sich alles mit rasanter Geschwindigkeit ändern kann.

Aber die Fragen, die Schöb aufwirft, sind berechtigt. Und tatsächlich glaube ich auch, dass die re:publica als Klassentreffen wunderbar funktioniert hat. Aber als Kongress litt sie darunter, dass Blicke von außen fehlten, „externe Expertise aus der Wissenschaft, den Medien, der Wirtschaft“, wie Schöb schreibt:

„Das obere Bloggerhundert will anscheinend alles selbst machen, alles wissen, alles können, aber mit niemandem außerhalb des Gemeinwesens etwas zu tun haben.“

Nachtrag. Selbstreferenz galore: Martin Schöb kommentiert die Blog-Reaktionen auf seinen Artikel über Blogs in seinem Blog.