Journalismus zu Grabe getragen

Am 20. Mai ist der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin gestorben. Erwin war ein höchst umstrittener Politiker. Aber das ahnt man nicht, wenn man sieht, wie die „Rheinische Post“ publizistisch mit seinem Tod umgeht. Die Sonderseite, die sie in ihrem Online-Auftritt angelegt hat, lässt einen erahnen, wie das Zentralkomitee der SED die Möglichkeiten des Internets genutzt hätte (unter der Voraussetzung natürlich, sie hätte für jeden Mausklick Devisen bekommen).

Der folgende Überblick ist sicher unvollständig.

Erwins Leben dokumentieren drei Bildergalerien: „Sein Leben in Bildern“ (35 Bilder), „Erwin mit großem Herz für Fortuna“ (10 Bilder), „Erwin: Chronologie seiner Krankheit“ (6 Bilder) und ein Nachruf im Video. Weil Erwin in vielen Gremien und Vereinen saß, widmet „RP-Online“ dem Thema nicht nur einen Artikel, sondern auch eine 47-teilige Klickstrecke mit je einem von Erwins Ämtern („ohne Anspruch auf Vollständigkeit“). 274 Teile hat die Übersicht über die „Wünsche für Düsseldorf“, die die Leser äußern konnten.

24 Bilder dokumentieren, wie die Düsseldorfer um Erwin trauern. In rund einem Dutzend kurzen Filmen, die teilweise aus anderen Gründen erschütternd sind, als die „Rheinische Post“ glaubt, erzählen einzelne Düsseldorfer zum Beispiel, dass sie sich jetzt gleich ins Kondolenzbuch eintragen werden.

Von der Beerdigung hat der Videoreporter der „RP“ kleine, karg kommentierte Filme gedreht: über das Versammeln der ersten Trauergäste, das Versammeln weiterer Trauergäste, das Versammeln noch weiterer Trauergäste, eine leichte Verzögerung, das Heraustragen des Sarges aus der Kapelle, den Abschied der Karnevalsgesellschaften, das Verlassen der Kapelle durch die Trauergäste, den Marsch zum Grab, den Auszug aus der Kirche, den Weg durch den Friedhof, das Grablied, die Blumenkränze.

Ein Videobericht von Center.TV schildert, dass bei der Beerdigung „gedrückte Stimmung“ herrschte, die Schützen aber in „voller Uniform“ gekommen seien, ein anderer fasst in einer Viertelstunde die Trauerfeier zusammen, an der unter anderem „Vertreter aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Brauchtum, Sport und Medien“ teilgenommen hätten.

Eine Reporterin schildert den Ablauf von Trauerfeier und Beerdigung in einem minutengenauen Live-Ticker („9.48 Uhr vor der Lambertuskirche: Die Atmosphäre vor der Kirche ist gedämpft. Einige wenige Menschen unterhalten sich leise flüsternd. Alle anderen hören dem Gottesdienst, der über die Lautsprecher nach außen dringt, aufmerksam und bewegt zu.“).

Erwins Tochter Angela hielt eine bewegende Rede, die „RP-Online“ zu einer achtteiligen Bildergalerie, einem Artikel und einer Wortlaut-Dokumenation veranlasst hat. Ihre Zitate und die anderer Redner finden sich außerdem in einer 18-teiligen Bildergalerie und einer 27-teiligen Klickstrecke sowie in einem Bericht „Der Tag begann in Sankt Lambertus“ und einem anderen Bericht „Totenmesse für Joachim Erwin: Passanten bleiben spontan stehen“. Ein langer Artikel schildert zudem den „würdigen Abschied“.

Eine 28-teilige Bildergalerie zeigt die Trauer an der Lambertikirche, eine 7-teilige Bildergalerie die Trauer auf dem Stiftsplatz, eine 24-teilige Bildergalerie die Ankunft der Trauergäste an der Tonhalle.

Die Erschütterung der Bürger („Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet, ich habe Herrn Erwin für einen Titanen gehalten …“) drückt sich in diversen Klickgalerien aus: „Auch die Vereine nehmen Abschied“ (25 Teile), „Leser trauern weit über Düsseldorf hinaus“ (43 Teile), „Wie der Abschied von einem guten Freund“ (24 Teile), „Leser berichten von ihren Erlebnissen mit Joachim Erwin“ (12 Teile), „Leserreaktionen: „Sein Tod ist ein großer Verlust“ (45 Teile), „Weitere Leserreaktionen: ‚Der beste Bürgermeister'“ (34 Teile), „Düsseldorf verliert sein Herz“ (51 Teile), sowie in einem Video. Die Reaktion der Leser auf die Trauerfeier schildert eine weitere, 7-teilige Klickstrecke.

Am Tag danach besucht die „Rheinische Post“ noch einmal das Grab, schildert die Atmosphäre auf dem Friedhof („Es ist so still, dass ein Eichhörnchen ganz in der Nähe des Ehrengrabes über das Gras hüpft“) und gibt den Lesern in einer 26-teiligen Bildergalerie die Möglichkeit, den Kranz des Verwaltungsvorstandes der Stadt Düsseldorf mit dem des Oberbürgermeisers der chinesischen Partnerstadt Chongqing, des Abiturjahrgangs 1968 des Humboldt-Gymnasiums und der FDP zu vergleichen.

[via Nobbi und Lukas]

Amerikanischer Bundesstaat mit M

Bisschen peinlich natürlich, dass ausgerechnet die amerikanische Nachrichtenagentur AP in einer Meldung heute früh zwei Sätze lang die Bundesstaaten Montana und Michigan durcheinander gebracht hat:

(…) Vertreter Clintons reagierten gereizt auf den Kompromiss, weil er Obama auch Stimmen in Montana zuspricht, wo er gar nicht auf den Stimmzetteln gestanden hatte. Clinton hatte gefordert, in Montana müssten 73 Delegierten auf sie verpflichtet werden, 55 sollten frei entscheiden können. (…)

Aber weil aus dem Rest der Meldung klar hervorging, dass es bei dem Kompromiss um die Stimmen aus Michigan ging und in Montana erst am Dienstag gewählt wird, haben die führenden deutschsprachigen Online-Redaktionen den kleinen Fehler sicher beim Redigieren der Meldung korrigiert und bei der Gelegenheit das „n“ in „Delegierten“ gestrichen.

Oder?

RP-Online:

FAZ.net:

NZZ-Online:

Ina Müller

Und plötzlich, wie ist aus dem Nichts, ist sie ein Fernsehstar.

Das stimmt natürlich gar nicht. Erstens steht Ina Müller seit fast fünfzehn Jahren auf der Bühne, spielt Kabarett und singt. Und zweitens ist sie noch kein Fernsehstar, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass sie vor einem Millionenpublikum die Showtreppe herunterkommt. Aber mit einem Mal ist sie überall. Sitzt bei Kerner und in „Zimmer frei“, moderiert im NDR-Fernsehen Sendungen wie „Inas Norden“ und „Land und Liebe“ und seit letztem Jahr sogar eine eigene Late-Night-Show. In einer engen Kneipe am Hamburger Hafen empfängt sie Gäste und singt und trinkt mit ihnen und schafft es regelmäßig, die Atmosphäre eines wunderbar ausgelassenen Abends zu schaffen, bei dem man am nächsten Tag das Gefühl hat, dass der Alkohol nicht unwesentlich zum Gelingen beitrug, aber nicht nur im negativen Sinne. Denn neben all der ungebremsten Albernheit gibt es darin besondere Momente, vor allem wenn die Gäste gemeinsam musizieren und man allen Beteiligten anmerkt, dass das der Grund ist, warum sie Künstler geworden sind: dieses Glück, mit anderen Menschen zusammen zu spielen. Und plötzlich passiert es, und man fragt sich, warum darauf nicht vorher schon jemand gekommen ist: Diese tolle Frau in eine winzige Kneipe auf St. Pauli zu stellen, mit Annett Louisan zu singen und sich von einem Wildecker Herzbuben live auf der Trompete begleiten zu lassen, während ein Shanty-Chor vor dem Fenster auf seinen Einsatz wartet. Es sind Kombinationen, die es nur gibt, weil das Fernsehen da ist, bei denen aber keiner wirkt, als macht er das fürs Fernsehen.

Man kann den Zauber von Ina Müller schlecht beschreiben, ohne das abgegriffene A-Wort zu benutzen: Authentizität. Sie hat eine jahrelang auf der Bühne geschulte Natürlichkeit, und auch wenn man weiß, dass ihre Antworten, die sie bei Kerner auf die elende Frage gibt, ob sie, als Frau über 40, denn keiner Kinder will, aus ihrem Bühnenprogramm stammen, ändert das nichts daran, dass man ihr jedes Wort glaubt. Unverstellt und unkalkuliert wirkt sie, und unverkrampft besonders. Und bei aller lauten Energie und sichtbaren Lust, als Entertainerin auf der Bühne und vor der Kamera zu stehen, scheint sie merkwürdig entspannt und ohne jeden Druck, sich zu produzieren.

In der Sendung am Freitag hat sie mit Ingo Pohlmann „Wenn jetzt Sommer wär“ gesungen, nur begleitet von der Gitarre und einem Cellisten, die meiste Zeit war sie nicht einmal im Bild, und es war kleines Fernsehen, so groß, wie es das Große ungefähr nie hinbekommt.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Terrorwerbung auf „PI“ (2)

Auch „Spiegel Online“ berichtet heute darüber, dass sich das islamfeindliche Blog „Politically Incorrect“ (PI) als Werbeplattform für die „Jewish Task Force“ (JTF) zur Verfügung stellt. Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), sagte laut „Spiegel Online“, bei „PI“ finde man „Islamophobie extremster Sorte“; es würden gezielt „antidemokratische Stimmungen“ bedient. Er regte eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz an.

Die JTF wird, wie berichtet, von dem verurteilten Bombenleger Victor Vancier alias Chaim Ben Pesach geleitet und stammt aus dem Umfeld terroristischer Organisationen. „Politically Incorrect“ hat sich Vancier auch als Plattform für eine in jeder Hinsicht irreführende Stellungnahme zur Verfügung gestellt.

„Spiegel Online“ berichtet, dass die JTF nach Angaben von „PI“-Gründer Stefan Herre (der allem Anschein nach immer noch für das inzwischen anonym betriebene Blog verantwortlich ist) rechtliche Schritte gegen mich prüft. Aber Stefan Herre glaubt auch, sein Werbekunde Victor Vancier sei vom „Unrechtsregime Sowjetunion jahrelang ins Gefängnis“ gesperrt worden. Tatsächlich ist Vancier wegen seiner Bombenangriffe in den USA zu zehn Jahren Haft verurteilt worden.

Weitere Nachhilfe über den Hintergrund von Victor Vancier:

Henryk M. Broders Kastrationsängste

Henryk M. Broder hat ein Problem mit Tanja Krienen. Er schrieb, ihre „Passion“ sei die „gesellschaftliche Anerkennung der Pädophilie“, empfahl „alleinreisenden Kindern“, einen weiten Bogen um ihren Wohnort zu machen, und nannte sie „eine dumme, ekelhafte, antisemitische schlampe“.

Aber Henryk M. Broder hat es nicht dabei belassen, ihre (tatsächlichen oder unterstellten) politischen Vorstellungen anzugreifen. Henryk M. Broder hat nämlich noch ein anderes Problem mit Tanja Krienen. Sie ist transsexuell.

Dass es so etwas gibt: Menschen, deren gefühltes Geschlecht nicht mit ihrem Körper übereinstimmt, scheint Broders Vorstellungskraft zu übersteigen. Vielleicht empfindet er es als Bedrohung. Vielleicht als Perversion. Vielleicht auch nur als Witz, „Charleys Tante“, man kennt das ja.

Jedenfalls wird Tanja Krienens Transsexualität irgendwann zu seinem Haupt-„Argument“ gegen Tanja Krienen. Er nennt sie „Herr Krienen“ oder „Frau bzw. Herr Krienen“, vergleicht sie mit „Opfern von medizinischen Versuchen“ und schreibt „von einem/einer, der/die nicht weiß, ob er/sie sich zum Pinkeln hinstellen oder hinhocken soll“:

„Sie bzw. er ist naemlich ein antisemitischer Schlamperich und ein weiterer Beweis dafuer, dass man einem Antisemiten brain and balls wegoperieren kann.“

In privater Korrespondenz schrieb er nach Angaben Krienens:

„herr krienen, den Vorwurf, sie seien ‚eine dumme, ekelhafte, antisemitische schlampe‘ nehme ich zurueck. sie sind ein dummer, ekelhafter, antisemitischer schlamper. oder wie man es im amerikanischen geschlechtsneutral sagt: the scum of the world.“

„fraeulein krienen, zu schade, dass ich mich bei ihnen nicht mit einem tritt in die eier bedanken kann, sie verbloedeter paedo-eunuch. b.“

„Den Schwanz hast du schon weg und alles andere bist du auch bald los.“

„kriegen sie erstmal ein kind, dann reden wir weiter.“

Das Landgericht Dortmund hat es Broder gestern untersagt, Frau Krienen als „antisemitischen Schlamperich“ zu bezeichnen oder sich über ihre Transsexualität lustig zu machen, indem er sie „Herr Krienen“ oder „Herr/Frau Krienen“ anredet.

Henryk M. Broder ist Börne-Preisträger und Autor für „Spiegel“ und „Spiegel Online“.

Nachtrag, 30. Mai: Laut „Tagesspiegel“ will Broder Berufung gegen das Urteil einlegen.

 

Weitere Berichte über das Urteil:
„Westdeutsche Allgemeine Zeitung“: Maulkorb für Broder
„Westfalenpost“: Böse Worte auf „Achse des Guten“
Erhard Arendt: „Komödiantenstadl“ vor dem Dortmunder Landgericht
WDR2: Regionalnachrichten Dortmund [Real Audio]
Henryk M. Broder: Niggemeiers faule Eier

Wie es zum „NPD-Eklat“ kommen konnte

Was ist da heute passiert?

Ich glaube, der Hype um den angeblichen Nazi-Eklat im sächsischen Landtag, der heute kollektiv die deutschen Medien erfasste, ist ein Lehrstück dafür, welch beunruhigende Wirkung die Dominanz von „Spiegel Online“ als einsames Internet-Leitmedium entwickeln kann.

Eigene Recherche oder auch nur der Rückgriff auf vorhandenes Expertenwissen spielen im Alltag deutscher Online-Redaktionen kaum eine Rolle. Dort sitzen überwiegend Menschen, die nicht mehr tun, als am Fließband die unaufhörlich eintrudelnden Meldungen von Nachrichtenagenturen in Form zu bringen (besten- oder schlechtestenfalls ergänzt um blind aus „Bild“ übernommene Meldungen). Auf der Suche nach Orientierung tun sie das, was auch die meisten Leser machen: Sie schauen auf „Spiegel Online“ nach.

„Spiegel Online“ aber ist ein Boulevardmedium. Und das eigentliche Problem daran ist nicht, dass „Spiegel Online“ Boulevardgeschichten breiten Raum gibt. Sondern dass „Spiegel Online“ auch die anderen Themen nach den Regeln des Boulevard aufbereitet: Meldungen werden zugespitzt, Kleinigkeiten zu Sensationen hochgeschrieben, Themen personalisiert. Die Welt, wie sie ein „Spiegel Online“-Leser erlebt, ist hundertmal aufregender als die Welt, die tagesschau.de präsentiert. Im Minutentakt durchleben hier Politiker, Prominente und Wirtschaftsbosse persönliche Niederlagen und Triumphe; jagen einander Skandale und Eklats, historische Umfragetiefs und verheerende Katastrophen.

„Spiegel Online“ zeichnet sich nicht nur durch einen hohen Anteil von selbst geschriebenen Artikeln aus. Auch Agenturmeldungen bekommen den „Spiegel Online“-typischen erregten Tonfall und fast immer einen kommentierenden Drall.

So geschah es auch mit der dpa-Meldung von heute, 10:50 Uhr, die im Original so begann:

CDU-Politiker Stanislaw Tillich neuer Ministerpräsident in Sachsen

Dresden (dpa) — Der CDU-Politiker Stanislaw Tillich ist neuer Ministerpräsident des Landes Sachsen. Der 49-Jährige erhielt am Mittwoch im Landtag bereits im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit. Tillich kam auf 66 von 121 möglichen Stimmen. Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, erhielt 11 Stimmen und damit 3 mehr als die Fraktion Sitze hat. (…)

Der letzte Satz war korrekt, aber irreführend, weil er die ehemaligen NPD-Fraktionsmitglieder außer acht ließ. Aber der dpa-Mann scheint keinen erhöhten Puls gehabt zu haben, als er die Meldung schrieb.

Anders als der „Spiegel Online“-Mensch, der aus der Meldung eine Eilmeldung machte und aus dem vielleicht wenig überraschenden Stimmverhalten einen „Eklat“. Um 10:55 Uhr erschien sein Artikel online.

Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, dass es diese Vorgabe von „Spiegel Online“ war, die die Berichterstattung der anderen Medien so fatal beeinflusst hat. Das Wort „Eklat“ oder auch „Skandal“ zum Beispiel, das sie in so großer Zahl gewählt haben, taucht in Bezug auf die heutige Wahl in keiner Agenturmeldung auf.

Bezeichnend ist, wie sich die Berichterstattung auf „Welt Online“ veränderte. Der Artikel über die Wahl ging dort bereits um 10:54 Uhr online. Er enthielt die irreführende Formulierung: „Sein Gegenkandidat von der NPD war zwar chancenlos, aber er erhielt drei Stimmen mehr, als seine Fraktion groß ist. Woher die zusätzlichen Stimmen kamen, ist unklar.“ Aber die Überschrift lautete schlicht: „Tillich zum neuen Regierungschef gewählt“. Erst nachdem „Spiegel Online“ „Eklat“ rief, änderte „Welt Online“ die Überschrift zu: „NPD-Eklat bei Tillichs Wahl zum Regierungschef?“ (Inzwischen ist „Welt Online“ wieder zur ursprünglichen Überschrift zurückgerudert.)

Es kann natürlich sein, dass nicht jedes Medium, das die dpa-Meldung bekam, erst den Anstoß von „Spiegel Online“ brauchte, um daraus einen Eklat zu konstruieren. Die markante Art von „Spiegel Online“, Themen aufzubereiten, ist im deutschen Online-Journalismus fast zu einer Art Standard geworden — vermutlich greifen viele ganz alleine zu solchen Schlagworten. Das ist natürlich auch eine schlichte Konsequenz aus dem verschärften Wettbewerb im Internet: Im Zweifel gewinnt derjenige die Aufmerksamkeit und die Klicks der Leser, der aus einer Nachricht den größeren Skandal macht. Voraussetzung dafür war in diesem Fall allerdings, dass man ungefähr noch nie mit der Berichterstattung über den sächsischen Landtag zu tun hatte — sonst wäre der Denkfehler aufgefallen.

Jedenfalls nahm die Eklatomanie ihren Lauf, und möglicherweise war sie auch Schuld daran, dass um 12:24 Uhr ein besonders blöder Satz in eine dpa-Meldung geriet:

Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für den Rechtsextremisten gestimmt hat.

Gut möglich, dass dpa-Korrespondent Jörg Schurig den Satz nicht selbst geschrieben hat, sondern er ihm von jemandem in der Zentrale hineinredigiert wurde, der beobachtet hatte, wie plötzlich tatsächlich von ahnungslosen Medien wie Bild.de genau das „gerätselt wurde“. Ein Indiz dafür ist auch, dass Schurig nur eine gute halbe Stunde später einen ausführlichen Korrespondentenbericht schickte, der die ganz und gar eklatfreie Überschrift „Neustart ohne Nebengeräusch“ trug und in dem es korrekt heißt:

Das Resultat des rechtsextremen Kandidaten Johannes Müller lag drei Stimmen über der Zahl der NPD-Mandate. Trotzdem wurde das [von der Regierungskoalition] als Randnotiz abgetan: Da die NPD nach Austritten und einem Rauswurf auf acht Sitze und damit zwei Drittel ihrer einstigen Stärke schrumpfte, gibt es im Landtag vier Fraktionslose mit unklarer Stimmungslage.

Die Kollegen von stern.de aber krempelten diesen Bericht — ich vermute, angesichts des Tonfalls der anderen Online-Medien — zu einem Artikel um, unter dem zwar noch der Name „Jörg Schurig“ stand, in dem aber plötzlich ebenfalls von einem „Eklat“ die Rede war, und davon, dass die NPD in Dresden „gepunktet“ habe.

„Spiegel Online“ hatte die übergeigte eigene Meldung zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben und sich dafür entschuldigt — aber die ursprüngliche Interpretation beherrschte noch die Berichterstattung und war nur mühsam aus der Welt zu bekommen. Um 14:39 Uhr gab dpa eine Meldung raus, in der der Satz „Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für den Rechtsextremisten gestimmt hat“ explizit gestrichen wurde. Gleichzeitig veröffentlichte dpa eine neue, korrekte Zusammenfassung. (Die Agenturen AP und Reuters hatten um 12:35 Uhr bzw. 13:08 Uhr in längeren Meldungen ebenfalls auf die Ex-NPD’ler hingewiesen.)

So also funktioniert der Qualitätsjournalismus im Internet, von dem die Verlage so schwärmen: Ein Agenturkorrespondent, der sich nicht ganz klar ausdrückt, ein Online-Leitmedium, das im Schlagzeilen- und Klickrausch den größtmöglichen Verstärker mit Verzerrer einschaltet, und Dutzende Kopiermaschinen, die ohne Wissen, Recherche und jeden eigenen Gedanken hinterhertaumeln.

Ich glaube nicht, dass die Geschichte mit dem „NPD-Eklat“ ein Sonderfall war. Ich glaube, das passiert so ähnlich, nur viel weniger anschaulich, jeden Tag.

Der sächsische NPD-Eklat-Eklat

Glaubt man „Spiegel Online“ und „Welt Online“, ist heute etwas Schlimmes im Sächsischen Landtag passiert:

Tja, von welcher anderen Partei mögen wohl die Stimmen für den NPD-Kandidaten gekommen sein? Ich weiß es auch nicht, hätte aber einen Verdacht: Für die NPD sind vor dreieinhalb Jahren nicht acht, sondern zwölf Abgeordnete in den Landtag eingezogen; vier davon schieden später teils freiwillig, teils unfreiwillig aus der NPD-Fraktion aus und sind jetzt fraktionslos.

Den Gedanken, dass drei Abgeordnete, die für die NPD in den Landtag gezogen sind, für einen Ministerpräsidentenkandidaten der NPD stimmen, finde ich sehr, sehr uneklatiös.

Aber jede Wette, dass die „Eklat“-Artikel um ein vielfaches häufiger geklickt werden als alle Nicht-„Eklat“-Berichte über die Wahl. Ahnungslosigkeit und Lautstärke — eine Erfolgskombination im Online-Journalismus.

[mit Dank an Martin]

Nachtrag, 12.39 Uhr. Bei „Spiegel Online“ ist von einem Eklat nicht mehr die Rede:
Anm. d Red.: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels war in der Überschrift von einem "Eklat" bei der Wahl Tillichs zum sächsischen Regierungschef die Rede. Dies bezog sich auf die Anzahl der Stimmen für den NPD-Kandidaten Müller. Die Redaktion hat dabei nicht bedacht, dass mehrere frühere NPD-Abgeordnete inzwischen als Unabhängige im Landtag sitzen, die möglicherweise bei der geheimen Wahl für Müller votiert haben. Wir bitten um Entschuldigung.

Nachtrag, 13.00 Uhr. Bild.de, natürlich:

Und wie gerne würde ich in solchen Fällen auf tagesschau.de und heute.de als positive Gegenbeispiele verweisen können. Keine Chance:

Nachtrag, 13.19 Uhr. Die „taz“ weiß es auch nicht besser:
Pseudo-Demokraten stimmen für NPD. Entsetzen über die Ministerpräsidenten-Wahl in Sachsen: Der NPD-Kandidat erhielt drei Stimmen mehr als die Fraktion Sitze hat. CDU-Politiker Tillich ist erwartungsgemäß neuer Landeschef. ... Doch es gibt noch eine andere Nachricht: Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, erhielt 11 Stimmen und damit 3 mehr als die Fraktion Sitze hat. Das heißt: Er wurde er von mindestens drei Abgeordneten einer demokratischen Partei gewählt. Es ist nicht das erste Mal, dass ein rechtsextremer Kandidat bei einer Ministerpräsidentenwahl in Sachsen mehr Stimmen bekommt, als seine Partei im Landtag über Mandate verfügt.

Nachtrag, 13:40 Uhr. Stern.de kommt spät, aber darum nicht weniger falsch. Im Gegenteil:

NPD punktet in Sachsen. Ein Erfolg der rechtsextremen NPD überschattet die Wahl des CDU-Politikers Stanislaw Tillich zum neuen sächsischen Ministerpräsidenten. Drei Abgeordnete der anderen Parteien haben für den NPD-Gegenkandidaten gestimmt. Schon bei der Wahl von Tillichs Vorgänger war es zu einem ähnlichen Eklat gekommen. Die rechtsextreme NPD hat bei der Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten unverhofft einen Erfolg verzeichnen können: Ihr Kandidat wurde zwar nicht zum Regierungschef gekürt, erhielt aber mit elf Stimmen drei mehr als die Fraktion Sitze hat. Demnach haben mindestens drei Abgeordnete der anderen Parteien - im sächsischen Landtag vertreten sind noch die CDU, die SPD, die Linkspartei und die Grünen - für den rechtsextremen Kandidaten Johannes Müller gestimmt. Neu ist dieses Wahlverhalten in Sachsen allerdings nicht. Bei der Wahl von Georg Milbradt (CDU) im Herbst 2004 hatte der Bewerber der rechtsextremen NPD zwei Stimmen mehr erhalten als die Partei Mandate besaß.

Nachtrag, 14:10 Uhr. Und so profiliert sich das „Hamburger Abendblatt“:

Nachtrag, 14:55 Uhr. Wie konnte ich vergesse, bei meinen Freunden von der Netzeitung vorbeizuschauen?
Eklat im sächsischen Landtag: NPD-Kandidat unerwartet beliebt

Nachtrag, 15:10 Uhr. stern.de hat den Artikel geändert und zeitweise folgende Erklärung hinzugefügt:

Korrektur: Liebe Leser, in einem Artikel zur Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten haben wir ursprünglich behauptet, dass die rechtsextreme NPD bei der Wahl des Ministerpräsidenten einen Überraschungserfolg verbuchen konnte, weil ihr Kandidat drei Stimmen mehr erhalten hat, als die NPD-Fraktion Mitglieder hat. Diesen Sachverhalt haben wir auch in die Überschrift genommen. Die Meldung erschien uns wichtig, weil das auf den ersten Blick zu bedeuten schien, dass Abgeordnete aus anderen Parteien sich für den rechtsextremen NPD-Kandidaten entschieden haben. Erst nachträglich haben wir bemerkt, dass es im sächsischen Landtag vier Fraktionslose gibt, die früher der NPD-Fraktion angehörten. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Stimmen für den NPD-Kandidaten nicht um Stimmen von Abgeordneten aus anderen Parteien handelt, sondern die Stimmen von diesen Fraktionslosen kommen. Wir haben die Ausrichtung des Artikels deshalb nachträglich geändert. Für die unsaubere Darstellung bitten wir um Entschuldigung. Stern.de.

Inzwischen ist diese Erklärung aber wieder entfernt worden.

Nachtrag, 15.55 Uhr. Nun ist sie wieder da.