Alle paar Jahre veröffentlicht die „Die Zeit“ einen großen, wuchtigen Artikel, in dem der Untergang des guten öffentlich-rechtlichen Fernsehens beklagt wird. Im Grunde reicht es, einen davon zu kennen, zum Beispiel Jens Jessens Seite-1-Kommentar vom 31. August 2000:
Die Quoten-Idioten
Warum ARD und ZDF die Zuschauer verachtenDas öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich in eine ausweglose Lage manövriert. Schon jetzt verstehen die Bürger nur noch mühsam, warum sie staatliche Sendeanstalten mit zwangsweise erhobenen Gebühren unterstützen sollen, während sich die privaten allein durch Werbung finanzieren. Bald werden die Zuschauer das Gebührenprivileg gar nicht mehr verstehen. Denn ARD und ZDF arbeiten planmäßig daran, die letzten Unterschiede in Programmangebot und „Bildungsauftrag“ (so lautete ein längst vergessener Rechtfertigungsgrund) zu tilgen, mit denen erklärt werden konnte, warum das eine Fernsehsystem bezahlt werden muss, während das andere gratis ist. (…)
In diesem Jahr hatten Stephan Lebert und Stefan Willeke die Aufgabe, das einfach alles noch einmal aufzuschreiben, als Titelgeschichte:

Und als vierseitiges Dossier unter dem Titel:
Unser Gott, die Quote
Und vieles von dem, was sie schreiben, ist ja nicht falsch. Ein großer Teil der Kritik an der Verzagtheit, Ideenlosigkeit und Quotenfixiertheit von ARD und ZDF ist immer noch und immer wieder berechtigt.
Es ist nur so, dass Fernsehen ein Thema ist, mit dem sich die Autoren der rituellen ARD-ZDF-Qualitäts-Untergangs-Geschichten der „Zeit“ chronisch schlecht auskennen. Lebert und Willeke scheinen zwar einen umfangreichen Reiseetat gehabt, sämtliche Funkhäuser dieser Republik bereist und mit ungefähr jedem in der Branche gesprochen zu haben. (Herausgefunden haben sie dabei unter anderem, wie abgehoben die Fernsehmacher sind: ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut sitzt laut „Zeit“ in „Büro 1454, Hochhaus am Lerchenberg, 14. Stock“, NDR-Kulturchefin Patricia Schlesinger im „Eckbüro im 13. Stock des NDR-Hochhauses“.) Aber manches haben sie einfach nicht verstanden.
Zum Beispiel die Sache mit dem Marktanteil. Sie schreiben über die Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“, die die ARD „erst um 23.30 Uhr“ gesendet habe:
(…) dass die Einschaltquote trotz der Nachtzeit noch bei 14 Prozent lag, ermutigte den Sender zu keinem Umdenken, im Gegenteil. Erzielen späte Filme Überraschungserfolge, ist das kein Argument für den Film, sondern für die Uhrzeit.
Nun ja, das ist der Fluch mit der Messgröße Marktanteil: Sie bezieht sich nicht auf alle Zuschauer, sondern nur auf die Zahl derer, die gerade den Fernseher eingeschaltet haben. Später am Abend, wenn bei der Konkurrenz nicht mehr so viel läuft, ist es leichter, einen hohen Marktanteil zu erzielen — aber die absolute Zahl der Zuschauer wird natürlich kleiner. Zu formulieren, dass die Einschaltquote „trotz der Nachtzeit“ noch bei 14 Prozent lag, ist jedenfalls völliger Unsinn.
(Dass der NDR „Das Schweigen der Quandts“ kurz darauf in einer XXL-Version immerhin um 21.15 Uhr zeigte, erwähnt die „Zeit“ sicherheitshalber gar nicht. Die Ausstrahlung spät abends im Ersten hatte übrigens 1,3 Millionen Zuschauer; die Ausstrahlung im NDR-Fernsehen immerhin 0,9 Millionen — bei einem bundesweiten Marktanteil von nur 2,9 Prozent.)
Die „Zeit“ schreibt:

Das wäre allerdings erstaunlich. Die offiziellen Zahlen, die die GfK im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung erhebt, gibt es jedenfalls auch für die Fernsehmacher erst am nächsten Morgen so gegen neun Uhr.

Rüdiger Schawinski, der kleine Bruder von Roger Schawinski?

Dieser Mythos ist ebenso weit verbreitet wie falsch. Man lese in alten „Spiegel“-Artikeln nach, wie dramatisch zum Beispiel im Herbst 1973 oder im Sommer 1976 die internen und öffentlichen Diskussionen über den Quotendruck waren.
Erstaunlich ist auch, dass die Autoren bei ihrem Wunsch nach mehr gutem öffentlich-rechtlichen Fernsehen indirekt anregen, dass die ARD doch „Wer wird Millionär“ hätte kaufen und dafür „mehrere Plätze zur Primetime freischlagen“ sollen. Bei aller berechtigten Kritik an der Trägheit und dem föderalen Alptraum der ARD und bei aller Liebe zu „Wer wird Millionär?“: Ich glaube, dass das ein ganz gesunder Unterschied zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen ist, dass RTL für ein solches Quiz drei Primetime-Plätze freischlagen kann — und die ARD nicht.
Zum „Dossier“ gehören neben dem langen Artikel noch ein paar Tabellen und Statistiken, zum Beispiel diese:

Ja, das ist nicht uninteressant, was die Menschen 2007 so im Fernsehen geguckt haben, und vermutlich muss man froh sein, dass die „Zeit“ nicht die meistgesehenen Sendungen von 2005 oder 1998 dort präsentierte. Die Zahlen von 2008 liegen ja auch erst seit sieben Wochen vor.
So gesehen ist die „Zeit“-Übersicht über die Reichweite der Fernsehnachrichten immerhin scheinbar aktuell:

— außer, dass die „Newstime“ von ProSieben schon seit Anfang 2007 nicht mehr gegen 20 Uhr läuft, sondern um kurz vor sechs, dafür aber die „Sat.1 News“ seit fast einem Jahr unter dem Namen „Sat.1 Nachrichten“ um 20 Uhr zu sehen sind.
Man kann das alles natürlich als Kleinigkeiten und Nachlässigkeiten abtun, aber wir reden hier immerhin vom Dossier der „Zeit“. Mich bestätigt das alles eher in meiner These, dass man keinen Artikel über ARD und ZDF zu lesen braucht, in dem die Wörter „Zwangsgebühren“ und „Staatsfernsehen“ vorkommen.
Ich hätte übrigens eine These, warum die „Zeit“ alle paar Jahre groß auf Seite 1 den Niedergang von ARD und ZDF beschreibt. Gut, bei Zeitungen nennt man es nicht „Quote“.
Nachtrag, 20. Februar: mehr hier.














