Halt den Bonus!

Riesige Probleme geben winzige Zeichen. Ich hab als Student mal in einer sehr schönen, halbwegs billigen, leider nicht modernisierten Altbauwohnung gewohnt — voller Komfortstandard des Jahres 1906. Kurz nach unserem Einzug klopfte es vormittags an der Tür, und als ich öffnete, standen Polizisten im Halbkreis um die Wohnungstür. Sie sagten gar nichts, sondern lächelten nur vielsagend. Ich sagte in meiner geistesgegenwärtigen Art Häh? Dann fiel mir ein, dass in der Wohnung gegenüber eine kleine illegale Fixergemeinde ein- und ausging. Ich fragte höflich, zu wem sie wollten und ob sie möglicherweise jemanden anderen als mich sprechen wollten? Namensschilder gab es keine. Die Herren schauten sich an, drehten sich, immer noch wortlos, um, und klopften an die Tür der Wohnung gegenüber. Wenn ich wirklich der Gesuchte gewesen wäre, hätte ich diese Pause übrigens gut zur Flucht nutzen können. Jedenfalls war der gesuchte Drogenhändler nicht anwesend oder hat in weiser Voraussicht gar nicht erst geöffnet. Die Polizei zog ab und schärfte mir ein, anzurufen, wenn der Herr Nachbar, er hieß Tom, sich noch mal blicken lassen würde. Ja ja.

Jedenfalls. Eines Nachts fuhr ich aus tiefem Schlaf hoch, weil ich ein Geräusch hörte. Es war ein Klopfen. Ein höfliches, leicht zögerliches Klopfen wie von einem, der zwar klopfen, aber nicht wirklich stören möchte. Problem war: Dieses leise Klopfen kam von der Schlafzimmertür, und die war am Ende der Diele und in der Wohnung. Jemand stand also um drei Uhr morgens an meiner Tür und klopfte. Obwohl sie akustisch und sozial überhaupt nichts Bedrohliches hatte, diese sanfte Geste, versetze sie mir den größten anzunehmenden Schrecken.

Eine verkehrte Welt kommt nicht mit großer Fanfare. Es reicht, wenn die Boni von Bankchefs plötzlich ein politisches Ärgernis darstellen — für die CSU wohlgemerkt, nicht für attac. Wer sich an Strauß noch erinnert, den wird das nicht weniger Staunen machen als einen Ende des 19. Jahrhunderts geborenen, frommen alten Landwirt Armstrongs Gang über die Oberfläche des Mondes.

Nur um das nach zutragen: Vor lauter Schreck sprang ich auf, öffnete schwungvoll die Tür, um da den polizeilich gesuchten Nachbarn vorzufinden. Irgendwie war unsere Wohnungstür offen gewesen — die Toilette war im Treppenhaus, da passierte das schon mal — und er hatte sich, spät nach Hause kommend, Sorgen gemacht, ob mit mir was nicht stimmt. Ausserdem sei es doch sehr gefährlich, die Tür so nachlässig unverschlossen zu lassen, scholt er mich. Konnte ich ihm nur zustimmen, bedankte mich für seine Umsicht und wünschte ihm noch eine schöne Nacht.

Und wer klopft bei uns? Noch ist ja alles ruhig. Phil Bronstein, der nicht nur eine Waran Attacke, sondern auch Ehe und Scheidung mit Sharon Stone überstanden hat, jedenfalls geht davon aus, dass uns (beziehungsweise Typen wie dem Postbankvorstand) Fackel- und Mistgabel-Aufstände ins Haus stehen. Nur weil Obama so beliebt sei, blieben Aufstände in den USA aus.

Wir haben keinen Obama, in ganz Europa nicht.

Ein Letztes: Früher hätte jeder Paternalist alten Schlages die Gelegenheit genutzt, so einen „Haltebonus“ mit großer Geste wieder in seine Firma zu stecken oder als Weihnachtsgeld für die Angestellten auszuteilen, notfalls in bar am Werkstor. Dass die Manager von heute sich die Kohle derart eichhörnchenmässig wegstecken und lieber die öffentliche Schande vorziehen, gibt einem zu denken. Geld statt Ehre wählen — oft kommt das, entgegen dem Klischee, nicht vor, in der Geschichte der Menschheit. Auch so ein leises Zeichen, ein Anklopfen.

Rach rettet Deutschland

Da der Montag mein Sonntag ist, sehe ich auch den Montagabend als politischen Fernsehtermin. Ich halte Christian Rachs Restauranttester nicht für eine Reality-Show, sondern für eine politische Sendung. Es ist Krisengebietsprogramm: Rach lehrt, wie man den Weg aus einer auf vielfältige Art und schon ziemlich lange verfahrenen Situation herausfindet. Er besucht überschuldete, entvölkerte Lokale, in denen die Stimmung mies und die Arbeit rar und schlecht entlohnt ist. Jedes dieser Lokale kommt einem bekannt vor. Das Set an Problemen ebenfalls. Die Misere des ganzen Landes wird in diesen renovierungsbedürftigen, von Depression heimgesuchten Restaurants deutlich.

Rach kommt nicht als Spitzenkoch, der lange Vorträge über das Wesen des Schaumsüppchens hält. Er beschäftigt sich mit der Currywurstbude wie mit der Tapasbar gleichermaßen, meist aber kommt es gar nicht erst so weit. Meist winkt er längst ab, bevor es an die Debatte der Ingredienzen und Rezepte geht, meist sind es die Probleme der Leute, die seiner Zuwendung bedürfen.

Da sind immer drei Gruppen: Rach kommt stets etwas früher, als er erwartet wird. Daher fällt er direkt dem Servicepersonal in die Arme. Manche von denen sind erschrocken, wenige unfreundlich, die meisten aber freuen sich über die Hilfe von außen. Die Kellnerinnen und Kellner haben nur begrenzten Einfluß auf den Gang eines Lokals, sind aber als erste von schlechten Zeiten betroffen und den Anfeindungen unzufriedener Gäste ausgesetzt. Und trotzdem sind ihre Begeisterung und Einsatz für eine Reform des Ladens meistens unübertroffen und rührend: Sie haben die Misere nicht verursacht, verdienen am wenigsten an einer Gesundung und geben den vollen Einsatz, auch an Charme, auch an Nachdenken.

Dann sind da die Köche. Hier trifft Rach auf eine völlig heterogene Kollegenschaft, bei denen, wegen des breiten Spektrums der besuchten Lokale, keine einheitlichen Standards gelten. Selten trifft er welche, denen Kochen Spaß macht. Meist sind sie beleidigt und ratlos, kommen aber im Laufe der Woche aus dem Quark. Irgendein Funke zündet immer.

Christian Rach ist Saarländer. Er hat daher einen guten Draht zu Leuten auf jedem Level. Da gibt es keine Attitüde, aber auch keine bemühte Leutseligkeit. Es geht um die Sache, ohne die Personen dabei gering zu schätzen. Rach verliert bei solchen Besuchen zwar oft die Fassung, aber er brüllt und tobt nie, wie sein britischer Kollege Gordon Ramsay, sondern findet für seine Empörung deutliche, aber nie demütigende oder herabsetzende Worte.

In der gestrigen Folge kannte ein angeblicher Tapaskoch den Unterschied zwischen Thymian und Rosmarin nicht. Rach bekam einen Lachanfall und ernannte den Mann zum Mitarbeiter der Stunde. Ganz offenkundig hatte der aber in einer Küche nichts zu suchen.

Schließlich stellt sich als härtester Brocken stets die dritte soziale Gruppe heraus: die Pächter oder Chefs der Restaurants. Sie sind fast alle extrem narzistisch. Es fällt ihnen schwer, die Hilfe von außen anzunehmen. Es fällt ihnen schwer, ihre Vorstellungen in Worte zu fassen und ihren Beschäftigten mitzuteilen. Es fällt ihnen schwer, Vorstellungen überhaupt zu entwickeln.

Leider sind die grössten Problemtiere im Krisengebiet die Männer im mittleren Alter.

In einer Folge musste Rach einem Herrn, dessen Ehefrau als Pächterin eines Ladens in großen Schwierigkeiten war und die bei der Betriebsversammlung zu weinen begann, den brandheißen Tip geben, mal das Bierglas abzustellen und seine Ehefrau in den Arm zu nehmen. Autistisches Management, das ist der häufigste Befund bei diesen Sendungen.

Rachs Kriterien sind, wie die eines jeden guten Kritikers, klar und für jeden nachvollziehbar: Einrichtung übersichtlich halten, viel selber kochen, viel sparen und allgemeine Sauberkeit und Umsicht walten lassen. Es sind Kriterien, die sich auf nahezu alle Branchen übertragen lassen.

Ich sehe die Sendung nie, ohne an alle möglichen analogen Beispiele aus dem Alltag zu denken. Vielen von Rach besuchten Restaurantbesitzern reicht das Erwärmen von Fertiggerichten, es ist Ausdruck eines lauwarmen Kalküls von Aufwand und Ertrag, alles auf kleinstem Nenner. Schon beim Anblick der gezeigten Speisen entweicht jede Lebenslust, das kann nur von deprimierten Menschen zubereitet worden sein, die jeden auch noch so kleinen überflüssigen oder umständlichen Extrahandgriff scheuen. So macht ja auch Dieter Bohlen sein Zeug: Irgendwie kalkuliert, damit ja genug Kohle übrig bleibt, ohne Liebe zur Sache. Die Kunst rächt sich natürlich: Kann sich irgendjemand auf nicht ironische Weise an einen Bohlen Song erinnern?

Eben. Ich finde, so arbeiten in Deutschland zu viele Handwerker, zu viele Einzelhändler, zu viele Selbstständige.

Foto: RTL

Weltkrisengebiet

Montags haben wir von der Sonntagszeitung frei. Während also die politische Woche mit dem so genannten „politischen Betrieb“ beginnt, alle im Bundestag die Nachrichtenmagazine durchblättern, ob was über sie drinsteht und die Börsen wieder zu zittern beginnen (mit TGIF Thank God It’s Friday beendete die Huffington Post Ende der letzten Woche ihre WallStreet-Berichterstattung), während also die gesamte Finanz-, Polit- und Medienmaschine wieder hochgefahren wird, räume ich auf, kaufe ein und koche Mittagessen.

An dramatischen Situationen mangelt es dabei nicht: Während ich die Badewanne saubergemacht habe, ist Ali im Bad einem Haargummi hinterher gejagt. Das Haargummi rutschte in die Wanne, in der noch etwas Wasser war. Ali setzte hinterher, rutschte in die Pfütze und schaffte es dann nicht mehr hoch. Mit wachsender Panik versuchte er es: Erst schnell, dann langsam, dann mit einem Sprung, dann einem Satz — nichts davon half. Er ist es aber nicht gewöhnt, dass die Dinge nicht nach seinem Willen geschehen, also wurde er zunehmend unwirsch und dann richtig sauer! Ich hob ihn heraus, trocknete ihn ab, aber die Laune des nassen Katers war dahin. Kurze Zeit später bearbeitete er mit heftigen Pfotenhieben den Cursor meines iMacs — zum Glück sind diese Bildschirme unverwüstlich. Mehr denn je wirkte er wie die Reinkarnation des französischen Staatspräsidenten: Erst aus dem Umfragetief nicht mehr raus können und dann wahllos auf die Medien eindreschen.

Über Nacht ist die Immobilienkrise zur Finanzkrise zur Wirtschaftskrise nun endlich, mit dem Cover des heutigen „Spiegel“, schlicht zur Weltkrise promoviert worden. Obwohl ich nicht religiös bin, halte ich nichts von den Abwieglern sondern es eher mit Stimmen wie dieser.

Ab heute leben wir alle offiziell im Krisengebiet. In meinem Studium habe ich im Nebenfach etwas Philosophie gemacht. Es war sehr seltsam. Viele Leute mit persönlichen Problemen haben das gewählt. Es gab einen genialen Afghanen, der nach Deutschland gekommen war, um Heidegger zu studieren. Er war sehr gut, machte aber nie einen Schein, geschweige denn einen Abschluss. Ernährt wurde er durch seine Frau, einer Ärztin in Köln. Später studierte er Edmund Husserl und nach weiteren vier oder fünf Semestern las er nur noch Hegel. Ich fragte mich, ob er irgendwo den Restbestand einer alten Bibliothek aufgekauft hatte — aber nur alle Bücher, deren Verfasser mit H beginnen?

Jedenfalls war es ein lockeres Studium. Wenn man einmal nicht konnte oder das Referat nicht pünktlich fertig hatte, musste man nur angeben, man habe eine „Lebensweltkrise“. Lebenswelt war damals ein sehr angesagter Begriff: Die Welt, wie sie sich uns darstellt, nicht die objektiv messbare oder sprachlich analysierbare, mehr so die Gesamtheit der alltäglichen Wahrnehmungen. Und wenn die in die Krise geriet — gut Nacht. Bei Liebeskummer oder Wohnungskrisen bot sich das als ebenso umfassender wie verhüllender Entschuldigungsbegriff an. Und heute wieder. Eine Lebensweltkrise ist, wenn der industrielle Kern wegschmilzt und das Geld der Welt nicht mehr ausreicht, den Schuldenkrater zu füllen. Eine Rückkehr zum Status Quo Ante kann es gar nicht geben. Wäre auch nicht wünschenswert. Wir erleben Geschichte.

Jeder würde einen anderen Zeitpunkt benennen, an dem ihm die Dimension der Sache klar wurde. Bei mir war es, als die Republikaner anfingen, von Verstaatlichung zu reden.

Es war, als würde Wasser plötzlich aufwärts fließen. Eine Nachricht, die nicht nur Siamkater mit großer Sorge vernehmen.

Nils Minkmar bloggt

Der kleine Siamkater hier heißt Ali — nach dem Boxer. Ähnliches Ego. Und die gefleckte ist die Alice — griechische Straßenkatze mit traumatischer Vergangenheit. Früh die Mutter verloren, dann die Schwester. Isst Weißbrot.


Alice ist klassisch sozialdemokratisch. Ali hingegen steht auf Nicolas Sarkozy und hält sich für ihn. Er könnte auch Frankreich ähnlich gut regieren.

Das politische Interesse dieser Katzen ist kein Zufall: Sie leben mit Nils Minkmar zusammen, dem politischen Redakteur im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Nils ist ein guter Kollege und Freund. Ihm vor allem ist es zu verdanken, dass ich zur FAS gekommen bin, was ich nie bereut habe.

Ich kenne niemanden, der so über Politik schreibt wie er: klug, lustig und persönlich zugleich. In kleinen Anekdoten und Beobachtungen kann er einem das große Ganze erklären, er ist ungemein belesen und scharfsinnig, und er schafft es, gleichzeitig wütend und analytisch zu sein und seine Verzweiflung über die Verhältnisse (und insbesondere den Zustand der Sozialdemokratie, die theoretisch seine politische Heimat darstellen sollte), in beißenden Humor zu verpacken.

Er ist Saarländer und Halbfranzose, promovierte über „stadtbürgerlichen Ehrbegriff, Ehrenkonflikte und Habitus im Colmar des 16. Jahrhunderts in historisch-anthropologischer Perspektive“, und hat ein Chef-Versteher-Gen, das mir völlig abgeht und das er vermutlich entwickelt hat, als er für Roger Willemsen bei dessen ZDF-Talkshow gearbeitet hat, aber das tut hier gar nichts zur Sache. Wenn er eine journalistische Schwäche hat, dann die einer ausgeprägten Gleichgültigkeit gegenüber lästigen Details wie Punkt und Komma.

Er geht — wie ich — gerne in den Zoo und bringt — anders als ich — daraus kluge Miniaturen mit wie diese (die ich mir aus der FAZ ausgeliehen habe):

Unlängst wurde im Frankfurter Zoo ein Menschenaffenhaus eingeweiht. Die Szenen, die sich dort abspielen, sind in einer Familienzeitung kaum zu beschreiben. Die Bonobos scheinen mit dem gesammelten und projizierten Anthropomorphismus der Besucher derart überlastet zu sein, dass sie schlicht den Verstand verloren haben.

Ein schmales Männchen schmeißt Holzwolle auf einen großen gelben Gummiball. Dann besteigt er ihn mit irrem Blick. Kinder schauen umso besorgter, je verständnisvoller die Erklärungen der sie begleitenden Erwachsenen ausfallen: „Siehst du: der Affe macht jetzt Sex mit dem Ball.“ Es ist alles zu viel. Man möchte bitte aus dem Gattungszweig der Primaten austreten, sucht den Notausgang und wird erlöst: Völlig abseits rostet ein kleines Gehege mit einem einzelnen Lemuren vor sich hin.

Das ist ganz offenkundig nicht mehr der VIP-Bereich der Primaten, sondern eine Art Wartesaal zweiter Klasse der Evolution. Und wie leise und lustig geht es hier zu! Es gibt kaum anmutigere Tiere als Lemuren, diese Mischwesen mit ihren Hundeköpfen, Eulenaugen und schlanken Affenkörpern. Vom Totengeistdarsteller bis zum Comedystar neben John Cleese haben sie in der menschlichen Imagination kaum eine Rolle ausgelassen. Neugierig tauschen der einsame Katta und der von zu viel Affentheater genervte Zoobesucher freundliche Blicke.

Leider hat Charles Darwin nie einen lebend gesehen, dennoch hat er ihnen einen Platz eingeräumt, und zwar keinen Klappstuhl: In der „Abstammung des Menschen“ schreibt er 1871, es sei wahrscheinlich, „dass die Simiaden sich ursprünglich aus den Vorfahren der jetzt noch lebenden Lemuriden entwickelt haben“. Obwohl er ihren Charme nicht kennen konnte, hielt er diesen paar Halbaffen einen so wichtigen Platz frei. Das ist der Charme Darwins.

Wer Nils Minkmars Texte nicht kennt, könnte als Einstiegsdroge diesen Artikel über das Rätsel George W. Bush lesen oder diesen über die SPD nach dem Rücktritt Kurt Becks.

Und jetzt hat er ein Buch geschrieben. Es erscheint am kommenden Mittwoch, heißt „Mit dem Kopf durch die Welt“, und in der heutigen FAS stand ein vielversprechender Vorabdruck daraus, der so begann:

Es war am ersten Tag der Sommerferien 2006. Beim Einräumen meiner Sachen in den Wandschrank unseres Ferienhauses entdeckte ich zwischen alten Turnschuhen einen kleinen Karton, den jemand auf dem Fußboden abgestellt hatte. Auf diesem Karton stand mit dickem Filzstift der Vor- und Nachname meines Großvaters. Post für ihn war es nicht, er bekam kaum noch Post, schließlich war er schon drei Jahre tot.

Auf der Pappe klebte ein grüner Aufkleber, ein Firmenname, zusammengezogen aus Funerarium und Europa. Das Päckchen ging nicht an meinen Opa, das Paket enthielt meinen Opa.

Jahre nach seinem Tod hatte sich mein Cousin ein Herz gefasst, die Urne von Marseille, wo mein Opa während der Hitzewelle 2003 gestorben war, an die Atlantikküste zu dessen geliebtem Ferienhaus zu fahren. Der Mut hatte dann aber nicht mehr dafür gereicht, sich auch eine definitive Lagerstätte auszudenken.

Mein Großvater war, nach einer Kindheit im dunklen Schatten der Kirche, immer antiklerikal gewesen. In der Familie war man an Ritualen und Symbolen nur dann interessiert, wenn sie das Essen oder die Schulbildung betrafen, und selbst dann nur schwach. Der Tod fiel in keine dieser Kategorien, der eigene schon gar nicht.

(…)

Ich habe leider sonst noch nichts aus dem Buch gelesen, bin aber sicher, dass jetzt.de (ausnahmsweise) recht hat, wenn dort ein Rezensent dafür schwärmt.

In der nächsten Zeit wird Nils Minkmar hier ein bisschen gastbloggen, was mir eine große Freude und Ehre ist — nicht nur, weil ich jetzt endlich mal Katzencontent bieten kann.

Jon Stewart vernichtet CNBC

(Und ein Kommentar dazu in der „Columbia Journalism Review“.)

„Mitten im Leben“: RTL hat noch ein paar Laien im Keller

Tagsüber schwappt das „wahre Leben“ ins RTL-Programm. Der Sender zeigt montags bis freitags je drei einstündige Folgen der Reihe „Mitten im Leben“, der Fortsetzung der täglichen Talkshows mit dokumentarischen Mitteln. Es geht um das übliche: junge Frauen, die sich die Brust vergrößern lassen wollen, ältere Frauen, die in ihrem Müll versinken, Männer, die sich vor ihren Ehefrauen ekeln – nur dass sie sich nicht im Studio entblößen, sondern die Kameras der Produktionsfirmen in ihr Leben lassen, die es dann fernsehgerecht krawallig aufbereiten.

Vorgestern ging es zum Beispiel um den Fall eines Fernfahrers, der plötzlich, aus heiterem Himmel, auf seine Frau losgeht, über Nacht ins Gefängnis kommt, herausfindet, dass seine Frau ihn betrogen hat und damit droht, sie um ihre Existenz zu bringen. Es ist eine Geschichte, die alle Zutaten hat, die das Privatfernsehen liebt, inklusive Vaterschaftstest natürlich — und das Beste: die Kamera ist immer dabei. Wir sehen die Rachepläne des Vaters, die Verzweiflung der Mutter, den lautstarken Streit der beiden auf dem Parkplatz vor dem Gefängnis.

Das muss man erst einmal schaffen, immer so dicht dabei zu sein, oder genauer gesagt: Man muss es nicht. Denn die Geschichte, die RTL in seiner vermeintlichen „Doku-Serie“ zeigte, war nur eine Laienspielaufführung. Die Familie war nicht echt, die Polizisten waren nicht echt, und alles andere war vermutlich auch nicht echt.

In dieser Woche sendet RTL auf dem 16-Uhr-Sendeplatz von „Mitten im Leben“ Fake-Doku-Soaps statt Real-Doku-Soaps. Dahinter steckt die Produktionsfirma Filmpool, die dem deutschen Fernsehen auch Richterin Barbara Salesch beschert und das schlechte Laienspiel als Standardgenre etabliert hat.

Dass sich hinter dem von RTL versprochenen „wahren Leben“ nun nicht nur die üblichen Inszenierungen, sondern komplette Drehbücher verbergen können, erfährt der Zuschauer vor oder während der Sendung nicht. Er kann es höchstens anhand der vergeblichen Versuche der Darsteller erraten, irgendeine Emotion zu spielen – oder gar überzeugend so unrealistische Sätze zu sagen wie: „Es war das erste Mal, dass ich richtig Angst vor meinem Mann hatte“.

Aber wenn er ganz genau hinguckt, kann er für zwei Sekunden am Ende des Abspanns einen dezenten Hinweis entdecken:

RTL folgt damit Sat.1 auf dessen Niveau. Der arme Münchner Konkurrenzsender muss seit Jahren schon sein größere Teile seines Programms mit in jeder Hinsicht billigen Gerichtslaienspielshows und Pseudo-Doku-Soaps wie „K11“ und „Lenßen & Partner“ bestücken. Damit sich deren Zuschauer auch im RTL-Programm heimisch fühlen, liegt unter den „Mitten im Leben“-Folgen sogar Eminems „Lose Yourself“ – die Titelmusik von „Lenßen & Partner“.

RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer sagt, momentan sei nicht geplant, die ganze Reihe „Mitten im Leben“ auf die Fake-Variante umzustellen. „Nach unseren Erkenntnissen interessiert die Zuschauer nicht, ob es sich um Real-Doku-Soaps oder um gescriptete Dokusoaps mit Laiendarstellern handelt“, sagt sie. „Sie wollen interessante Geschichten sehen, die Machart ist nicht entscheidend.“

Womöglich hat sie Recht: Die erste Fake-Folge am Montag erreichte 18,8 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe – das ist nach Angaben von RTL der bisher höchste seit Start der Reihe im Mai 2008. Andererseits: Als Hans Meiser, Birte Karalus und Arabella Kiesbauer damit begannen, in ihren Talkshows ausgedachte Konflikte nachspielen zu lassen, war das der Anfang vom Ende ihrer Sendungen und des Talkshowbooms.

Schöne Blogs (4): Sprengsatz

„Spiegel Online“ berichtet, dass der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck kaum noch Chancen dafür sieht, dass Nikolaus Brender ZDF-Chefredakteur bleibt. Die neun Vertreter der Union im vierzehnköpfigen Verwaltungsrat des Senders beharrten darauf, gegen den Vorschlag von Intendant Markus Schächter stimmen zu wollen. Die Sozialdemokraten würden aber an Brender festhalten: „Wir tragen das Kreuz weiter.“

Am besten liest man zu dieser Meldung einen Blogeintrag von Michael Spreng. Der hatte schon vor einer Woche unter der Überschrift „Wem Beck hilft, der ist verloren“ geschrieben:

(…) Sein Lob für den jobgefährdeten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und seine Angriffe auf Angela Merkel in diesem Zusammenhang sind das Dümmste, was dem ZDF-Mann passieren konnte. (…)

Beck hat Brender mehr geschadet als Roland Koch, der den ZDF-Mann unter verlogenen Vorwänden ablösen will. Wenn Beck ein kluger Politiker wäre, dann hätte er die Auseinandersetzung mit Koch der kritischen Medienöffentlichkeit überlassen, die sich in diesem Fall vorbildlich engagiert. Gegen diese Öffentlichkeit hätte Koch verloren. Wenn aber die SPD den Fall Brender zu ihrem macht, dann hat Koch schon halb gewonnen. Dann kommt am Ende als sogenannter Kompromiss heraus, Brender gegen einen anderen angeblich SPD-nahen Journalisten auszutauschen. Damit hätten dann — nach ihrer Logik — beide Parteien gesiegt. (…)

Michael Spreng war in den 90er Jahren Chefredakteur der „Bild am Sonntag“, machte sich dann selbstständig und beriet unter anderem im Wahlkampf 2002 den Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Er ist Gesellschafter des Medienmagazins DWDL. Bis Ende vergangenen Jahres schrieb er eine Kolumne für das „Hamburger Abendblatt“ — das allerdings heute von Claus Strunz geleitet wird.

Spreng bloggt jetzt unter sprengsatz.de, und unabhängig davon, ob man seiner jeweiligen Meinung ist, macht es Spaß, das zu lesen. (Im Gegensatz zum Beispiel zu den furchtbar angestrengt lockeren Blog-Versuchen der halben ZDF-Hierarchie.) Er kommentiert nicht nur das aktuelle Politgeschehen, sondern plaudert in der Rubrik „Anekdote der Woche“ auch aus seinem beachtlichen Nähkasten. Zum Beispiel erzählt er, wer Edmund Stoiber in die „gefährlichste Situation“ des Wahlkampfes 2002 gebracht habe: Dr. Udo Brömme aus der „Harald-Schmidt-Show“.

Sein Auftrag: Er sollte Stoiber vor laufenden Kameras einen Joint in die Hand drücken, den der Kanzlerkandidat in Unkenntnis, wie ein Joint aussieht, wahrscheinlich auch dankend angenommen hätte.

Erhellend ist auch die Geschichte, wie Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, ihn bedrängt habe, von Stoiber vor der Wahl zur künftigen Bundestagspräsidentin ausgerufen zu werden.

Als sie weder von Stoiber noch von mir etwas hörte, bedrängte sie mich noch zwei Mal. Heute kann ich es ja zugeben: ich habe Stoiber dieses, mir völlig absurd erscheinende Ansinnen gar nicht übermittelt und erst nach der Wahl mit ihm darüber gesprochen. Er fand das in Ordnung.

Was Sprengs Blog noch fehlt, damit es nicht nur eine Kolumnen- und Anekdotensammlung ist, ist eine Diskussion. Aber das kann ja noch werden. Für die dürre deutsche politische Bloglandschaft ist „Sprengsatz“ eine schöne Bereicherung.

(Und nächste Woche kommt eine weitere hinzu — dazu dann hier mehr.)

Warum ist die „Zeit“ nicht besser? (4)

Die „Zeit“ berichtet heute, dass „neulich“ jemand bei Wikipedia dem neuen Wirtschaftsminister einen falschen zusätzlichen Vornamen verpasst habe. Aber dass die Geschichte alt ist, ist ihr kleinstes Problem.

Wenn Wikipedia also die „Heimstatt kollektiven Kurzzeitwissens“ ist — was ist dann die „Zeit“? Der senile Opa der Nation? Der wöchentliche Jahresrückblick?

Oder ist das eine Redensart, die Leute kennen, die auch Wörter wie „Pfiffikus“ noch benutzen (etwa: jmd. einen Heinrich unterjubeln)?

Auf eine Berichtigung ihrer kleinen und größeren Fehler aus ihrem Dossier über ARD und ZDF hat die „Zeit“ übrigens verzichtet. Auf der Leserbriefseite findet sich unter der Überschrift „Beherzte Kritik am Fernsehen“ zwar folgender Text:

Aber derjenige, der da meint, „Ich muss einen Fehler korrigieren“, ist natürlich keiner der beiden Autoren des Artikels. Sondern der ARD-Korrespondent Hubert Seipel. Die „Zeit“ korrigiert ihre Fehler nicht selbst, sondern lässt es von denjenigen übernehmen, über die sie sie verbreitet hat. Man könnte das elegant nennen.

[mit Dank an BILDblog-Leser KH Schneider]

Programmhinweis (27)

Die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung beschäftigt sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk — und ich durfte das Eröffnungs-Essay dazu beitragen:

Selbstbewusst anders sein

Es ist nicht so, dass es den öffentlich-rechtlichen Fernsehveranstaltern in Deutschland an Profil mangelte. Die ARD zum Beispiel ist der deutsche Seifenopern-Sender. Sie zeigt mehr Daily Soaps als jeder andere, vier verschiedene an jedem Werktag, und sie wiederholt sie teilweise auch häufiger als jeder andere: Ein eingefleischter „Sturm der Liebe“-Fan kann die aktuelle Folge dank der Ausstrahlung in den Dritten Programmen elf mal täglich sehen. Das ZDF profiliert sich als Schaulustigen-Kanal. Die freien Reporter, die ihr Geld damit verdienen, als erste an jedem Unfallort zu sein und Blut- und Ölspuren, Wiederbelebungsversuche und den Abtransport der Leichen zu filmen, haben in den Magazinen „Drehscheibe“ und „Hallo Deutschland“ ihre besten Abnehmer.

Das ist natürlich nichts alles. Das ZDF ist auch der Kanal, in dem Verona Pooth und Dieter Bohlen regelmäßig Auskunft über ihre Leben geben, das Erste ist Deutschlands Quizsender Nummer eins und die erste Adresse für Freunde der volkstümlichen Musik, beide sorgen zusammen mit den Dritten Programmen in ungezählten Zoo-Doku-Soaps dafür, dass kein niedliches Tier in einem deutschen Zoo betäubt, gekrault, gewaschen oder gewogen wird, ohne dass ein Millionenpublikum am Bildschirm dabei sein kann, und mit ihren Freitags- und Sonntags-Fernsehfilmen dominieren sie die Süßstoffproduktion in Deutschland.

(…)

Frühling

Wenn im März die Schafe lämmern
und Spechte ihre Höhlen hämmern,
Wenn Kraniche auf Nordland-Reise
und Fluss und Bach befreit vom Eise,
Wenn Amsel wieder singt und Meise,
dann jauchzt der Mensch auf seine Weise.
(der eine laut, die andre leise)

Wenn Blumen aus der Erde gucken,
die Gärtner in die Hände spucken
und wieder ackern, volle Pulle,
dann freut sich Stavermann in Rulle.

[polyphem, aus den Kommentaren, Link von mir]