Riesige Probleme geben winzige Zeichen. Ich hab als Student mal in einer sehr schönen, halbwegs billigen, leider nicht modernisierten Altbauwohnung gewohnt — voller Komfortstandard des Jahres 1906. Kurz nach unserem Einzug klopfte es vormittags an der Tür, und als ich öffnete, standen Polizisten im Halbkreis um die Wohnungstür. Sie sagten gar nichts, sondern lächelten nur vielsagend. Ich sagte in meiner geistesgegenwärtigen Art Häh? Dann fiel mir ein, dass in der Wohnung gegenüber eine kleine illegale Fixergemeinde ein- und ausging. Ich fragte höflich, zu wem sie wollten und ob sie möglicherweise jemanden anderen als mich sprechen wollten? Namensschilder gab es keine. Die Herren schauten sich an, drehten sich, immer noch wortlos, um, und klopften an die Tür der Wohnung gegenüber. Wenn ich wirklich der Gesuchte gewesen wäre, hätte ich diese Pause übrigens gut zur Flucht nutzen können. Jedenfalls war der gesuchte Drogenhändler nicht anwesend oder hat in weiser Voraussicht gar nicht erst geöffnet. Die Polizei zog ab und schärfte mir ein, anzurufen, wenn der Herr Nachbar, er hieß Tom, sich noch mal blicken lassen würde. Ja ja.
Jedenfalls. Eines Nachts fuhr ich aus tiefem Schlaf hoch, weil ich ein Geräusch hörte. Es war ein Klopfen. Ein höfliches, leicht zögerliches Klopfen wie von einem, der zwar klopfen, aber nicht wirklich stören möchte. Problem war: Dieses leise Klopfen kam von der Schlafzimmertür, und die war am Ende der Diele und in der Wohnung. Jemand stand also um drei Uhr morgens an meiner Tür und klopfte. Obwohl sie akustisch und sozial überhaupt nichts Bedrohliches hatte, diese sanfte Geste, versetze sie mir den größten anzunehmenden Schrecken.
Eine verkehrte Welt kommt nicht mit großer Fanfare. Es reicht, wenn die Boni von Bankchefs plötzlich ein politisches Ärgernis darstellen — für die CSU wohlgemerkt, nicht für attac. Wer sich an Strauß noch erinnert, den wird das nicht weniger Staunen machen als einen Ende des 19. Jahrhunderts geborenen, frommen alten Landwirt Armstrongs Gang über die Oberfläche des Mondes.
Nur um das nach zutragen: Vor lauter Schreck sprang ich auf, öffnete schwungvoll die Tür, um da den polizeilich gesuchten Nachbarn vorzufinden. Irgendwie war unsere Wohnungstür offen gewesen — die Toilette war im Treppenhaus, da passierte das schon mal — und er hatte sich, spät nach Hause kommend, Sorgen gemacht, ob mit mir was nicht stimmt. Ausserdem sei es doch sehr gefährlich, die Tür so nachlässig unverschlossen zu lassen, scholt er mich. Konnte ich ihm nur zustimmen, bedankte mich für seine Umsicht und wünschte ihm noch eine schöne Nacht.
Und wer klopft bei uns? Noch ist ja alles ruhig. Phil Bronstein, der nicht nur eine Waran Attacke, sondern auch Ehe und Scheidung mit Sharon Stone überstanden hat, jedenfalls geht davon aus, dass uns (beziehungsweise Typen wie dem Postbankvorstand) Fackel- und Mistgabel-Aufstände ins Haus stehen. Nur weil Obama so beliebt sei, blieben Aufstände in den USA aus.
Wir haben keinen Obama, in ganz Europa nicht.
Ein Letztes: Früher hätte jeder Paternalist alten Schlages die Gelegenheit genutzt, so einen „Haltebonus“ mit großer Geste wieder in seine Firma zu stecken oder als Weihnachtsgeld für die Angestellten auszuteilen, notfalls in bar am Werkstor. Dass die Manager von heute sich die Kohle derart eichhörnchenmässig wegstecken und lieber die öffentliche Schande vorziehen, gibt einem zu denken. Geld statt Ehre wählen — oft kommt das, entgegen dem Klischee, nicht vor, in der Geschichte der Menschheit. Auch so ein leises Zeichen, ein Anklopfen.
Rach kommt nicht als Spitzenkoch, der lange Vorträge über das Wesen des Schaumsüppchens hält. Er beschäftigt sich mit der Currywurstbude wie mit der Tapasbar gleichermaßen, meist aber kommt es gar nicht erst so weit. Meist winkt er längst ab, bevor es an die Debatte der Ingredienzen und Rezepte geht, meist sind es die Probleme der Leute, die seiner Zuwendung bedürfen.
Über Nacht ist die Immobilienkrise zur Finanzkrise zur Wirtschaftskrise nun endlich, mit dem Cover des heutigen „Spiegel“, schlicht zur Weltkrise promoviert worden. Obwohl ich nicht religiös bin, halte ich nichts von den Abwieglern sondern es eher mit Stimmen wie 



