
Das Blöde am Livebloggen ist ja, dass man sich weder die Sendung vernünftig ansehen, noch ausgeruht darüber nachdenken kann. Aber mit dem Abstand von immerhin einer Stunde halte ich einen Gedanken für festhaltenswert:
Die letzte Gottschalk-Ausgabe von „Wetten dass?“ war bezeichnend für das Problem, das die Sendung seit längerem hat: Es ist nichts in ihr passiert.
Günther Jauch war zu Gast. Gottschalk und Jauch sind befreundet, können wunderbar miteinander frotzeln. Aber sie haben nichts miteinander gemacht. Jauch war nach wenigen Minuten abgemeldet, saß als Dekoration auf dem Sofa herum. Als Abschiedsgeschenk für Gottschalk hat er ein paar Ausschnitte mit Sendungshighlights mitgebracht — nichts was die Zuschauer und Gottschalk nicht schon Dutzende Male gesehen haben. Er hat sich nichts einfallen lassen, nichts riskiert.
Die ganze Sendung hindurch hat Gottschalk als Running Gag versucht, Jauch dazu zu bringen, eine seiner nächsten Shows in einem alten Anzug von sich zu moderieren. Und die Show endet, ohne dass Jauch ihn wenigstens probeweise mal anzieht?
Zwischendurch hielt Jauch die unglaublich großen Hosen von Dirk Nowitzki in die Höhe und stellte sich vor, wie Gottschalk darin wohl aussähe. Und die Show endet, ohne dass der Moderator das mal vorführt?
Kann sich jemand erinnern, was Iris Berben in der Sendung gesagt oder gemacht hat? Sie war da und trug eine fleischfarbene Bluse mit sehr unglücklich drapiertem Discokugel-Lametta, aber sonst? Iris Berben ist eine der beliebtesten und etabliertesten Schauspielerinnen Deutschlands. Sie bringt Gravität mit und ist gleichzeitig eine begnadete Komikerin — und ihr oder der Redaktion ist exakt nichts eingefallen, was man aus diesem Potential machen könnte, außer ihr ein paar Handschellen für Gottschalk mitzugeben?
Thomas Gottschalk ist ein Moderator, der am besten ist, wenn unvorhergesehene Dinge passieren — und die Verantwortlichen lassen seine letzte Sendung zu Ende gehen, ohne dass irgendetwas für ihn Unvorhergesehenes passiert? Ein Gast, mit dem er nicht gerechnet hat, eine Aktion, auf die er nicht vorbereitet war, irgendetwas anderes als alte Sendungs-Ausschnitte, irgendetwas? Irgendetwas?
Wenn dies tatsächlich das Ende einer Ära war und der Abschied Gottschalks tatsächlich die Nation bewegte, wofür viel spricht — hätte sich dann nicht irgendjemand irgendetwas einfallen lassen müssen? Vielleicht mit Politikern im Bundestag, die man vor die Kamera bekommen hätte, vielleicht mit den Fernsehgrößen dieses Landes, die jeweils in den Kulissen ihrer eigenen Sendungen eine Aktion, eine Parodie, einen Gruß gemacht hätten, möglichst jedenfalls: etwas Besonderes, etwas zuvor Ungesehenes, etwas Überraschendes, für Gottschalk, für die Zuschauer?
In der vorletzten Sendung von „Wetten dass“ gab es immerhin ein paar Momente, in denen etwas passierte: David Garrett brachte das Publikum zum Staunen, als er Geigen und Geigenspieler am Klang erkannte. Die Gäste brachten Gottschalk ein Ständchen. Und ich glaube, dass tatsächlich viele Millionen Menschen gleichzeitig den Atem angehalten haben, als es schien, als ob der junge Mann, der mit verbundenen Augen unter Wasser einen Zauberwürfel zurückdrehte, gar nicht mehr auftauchen würde, egal wie lange es dauern würde.
Es braucht gar nicht viel, um etwas passieren zu lassen. Bei einer Show mit den Möglichkeiten von „Wetten dass“ bräuchte es eigentlich nur eines: den Willen dazu.
Stefan Raab hat ihn gelegentlich, wenn nicht wieder Fließband-Wochen bei „TV Total“ sind. Als neulich Justin Bieber zu Gast war, hat er sich mit ihm ein Schlagzeug-Duell geliefert. Das war, kann man natürlich sagen, nichts Weltbewegendes. Aber es bot genau das, was gute, im besten Sinne harmlose Unterhaltung leisten kann: Vergnügen. Und Gesprächsstoff. Und man bekam sogar eine Seite von Justin Bieber zu sehen, die man noch nicht kannte; er wirkte fast befreit von der Last, immer nur in denselben Standardsituationen sich selbst zu spielen.
Als Raab vor drei Jahren bei „Wetten dass“ war, dachte er sich selbstverständlich auch etwas aus. Erst parodierte er, in Absprache mit dem Synchrondolmetscher, die klassische Internationaler-Gast-mit-Knopf-im-Ohr-Situation. Und dann huldigte er Udo Jürgens, indem er sein „Aber bitte mit Sahne“ am Flügel zum besten gab, stilecht mit eigens mitgebrachtem Bademantel.
Auch Anke Engelke und Bastian Pastewka haben einige Momente geschaffen, in denen etwas passierte, als sie als „Wolfgang & Anneliese“ bei „Wetten dass?“ auftraten und Gottschalk aus seiner Routine zwangen.
Das war einmal üblich: dass Prominente, die zu „Wetten dass“ gehen, sich etwas Besonderes ausdenken. Und diese Funktion hatten auch die Wetteinlösungen für Gäste, die sich vertippt hatten: Menschen, die wir aus dem Fernsehen in einer bestimmten Rolle kennen, dazu zu bringen, aus ihr heraus zu fallen. Unerreichbare Menschen angreifbar zu machen.
Alles vorbei. Vorletzte Sendung sollte Otto Waalkes als Wetteinlösung aus einem Eisblock einen Schlüssel herausschmelzen, was nach wenigen Minuten von allen Beteiligten gnädig vergessen wurde.
„Wetten dass“ ist eine Sendung geworden, die nichts mehr riskierte, und damit meine ich nicht lebensgefährliche Wetten. Es ist eine Sendung geworden, der es völlig genügte, dass Iris Berben auf dem Sofa sitzt, ohne sich Gedanken zu machen, was sie dort tut oder was man dort mit ihr tun könnte.
Manfred Teubner, der für sie verantwortliche Unterhaltungschef des ZDF, hört im nächsten Jahr auf, aber vermutlich ist er in Wahrheit schon lange im Ruhestand.
Thomas Gottschalk, der populärste Moderator des deutschen Fernsehens beendet eine von zehn Millionen Menschen gesehene Traditions-Show, die er und die ihn geprägt hat, und alles, was der Produktion einfällt zu seinem Abschied sind ein paar alte Ausschnitte und am Ende Laserstrahlen und die Worte „Danke Thomas“ als Leuchtschrift.
Man muss es Arbeitsverweigerung nennen.



