Es gibt vieles, was an der „Aktuellen Stunde“ des WDR-Fernsehens verstörend ist. Vielleicht nichts so sehr, dachte ich bisher, wie die Doppelmoderationen mit ihrer roboterhaften Natürlichkeitssimulation und der täglichen Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Synchronkartenhalten.

Am Montag sagten sie mit ihrer unverwechselbaren Lust an der Debilität den vierteiligen Jahresrückblick des Regionalmagazins an:
Martin von Mauschwitz: „Unser Jahresrückblick ist — jetzt auch schon traditionell — ein Bildgewitter und Fernsehkunst. Manchmal wild, aber definitiv bewegend. Heute sind wir im Winter, also Januar bis März.“
Susanne Wieseler: „Was war da los? Zu Guttenberg wird zurückgetreten. Das Wetter dreht Pirouetten. Und dann natürlich die Katastrophe von Fukushima.“
Martin von Mauschwitz: „Ganz düster. Und auch der Mond war finster. Teilweise, Phasenweise.“
Der Vorteil einer solch grunzdämlichen Moderation ist es, dass der entsprechend angesagte Beitrag im Vergleich mit ihr fast zwangsläufig intellektuell wirken muss. Es sei denn, es gelingt ihm, sie an stolzer Gedankenlosigkeit noch zu übertreffen. Herzlich Willkommen zum Jahresrückblick 2011 der „Aktuellen Stunde“.
Beschäftigen wir uns exemplarisch mit dem dritten Teil: „Sommer“.
Verschriftlicht lässt sich der Inhalt des fünfminütigen Films und also der Sommer 2011 in der „Aktuellen Stunde“ vielleicht etwa so wiedergeben:
TOT REGEN KRIEG PIRATEN BUMM MERKEL DUMM KUSS TIERE SCHLAGANFALL HAARE MOSLEMS BUG REGEN REGEN REGEN SONNE LUSTIG SCHEISSE KRASS SÜSS GEIL TOT TOT GIRAFFE KIND SCHWUL SCHEISSE GEIL OPFER SALAT BERLUSCONI TOT ENTE.
Das wird der Komplexität der Aussage und der „Fernsehkunst“ natürlich nicht wirklich gerecht. Dafür hätte ich die Buchstaben noch farbig machen müssen.
Man muss es selbst gesehen haben. Auf den Internetseiten des WDR. Oder in einer von mir etwas gekürzten Variante hier:
Sie finden das fraglos toll, was sie sich da zusammengeschnitten haben. Fast so toll wie sich selbst. Sie feiern ihre eigene Infantilität, wie ihnen damals zur Anmoderation eines Beitrags über Kupferdiebstahl der Satz eingefallen ist: „Rot, das ist die neue Lieblingsfarbe der Diebe“. Sie laden die Zuschauer ein zum Schenkelklopfen mit der Redaktion, wenn man gemeinsam noch einmal Thomas Bug in der Hauptrolle der Zweipersonen-Bauerntheater-Posse „Gegen Regen“ sieht.
Es ist alles eins. Sind das Randalierer in Athen oder Plünderer in London? Egal. Geile Bilder. Wetter war auch gut. Und schlecht.
Die ganze Diskussion darüber, wie zwiespältig es ist, aus Katastrophenbildern Musikvideos zu machen, ist an der „Aktuellen Stunde“ so vollständig vorbeigegangen, dass hier schon der Gedanke abwegig erscheint, dass Katastrophenbilder überhaupt irgendetwas anderes sein könnten als Schnittmaterial für Musikvideos.
Darauf muss man erst einmal kommen: An die süßen Aufnahmen von einem Affen, der einem Tigerbaby in einem Zoo in Thailand die Flasche gibt, nahtlos die Bilder des Duisburger Bürgermeisters anzuschließen, der von seiner moralischen Verantwortung für eine Katastrophe mit 21 Todesopfern spricht. War das ein subversiver Kommentar? Müsste man sich aus dem Off die Stimme eines der Moderatoren denken, wie er sich eine Überleitung zusammenhitlert: „Apropos Zoo, in Duisburg gibt es ja auch einen“, oder: „Für eine Flasche halten viele Duisburger auch ihren Oberbürgermeister“?
Dann wird die Musik ganz düster und bedrohlich, und wir sehen Moslemmänner mit Zottelbärten und Moslemfrauen mit Kopftüchern. Zottelbärte und Kopftuchfrauen sind böse und gefährlich, weiß die „Aktuelle Stunde“. Der Film denunziert die Unbekannten als Leute, die dank ihrer Religion die Lizenz zum Töten zu haben glauben, wobei etwas unklar bleibt, ob die Gezeigten nur die Opfer des 11. September 2001 und der Loveparade oder auch die Mutter des Tigerbabys auf dem Gewissen haben; jedenfalls scheinen sie so etwas wie Islam-Nazis zu sein.
Dann liegen auch schon die Opfer des Massakers in Norwegen noch einmal für ein paar Sekunden am Strand, Schwule ziehen halbnackt durch irgendeine Stadt, ein wehrloser Marienkäfer klettert einen Stengel herunter, irgendetwas brennt, ein Denkmal für den Euro ist zu sehen, Leute machen Kampfsport, Kanonen schießen, Sportler jubeln, irgendwas wird in Flaschen oder Gläser gefüllt, Moslems beten, Panzer fahren, ein Kind schaukelt, ein Bulli steht in einem leeren Parkhaus, Utøya aus der Luft, Wolken, ein Kinderkarussel, Nonnen, Berlusconi…
Am Ende wird alles ein Bildstroboskop: Anders Breivik gefühlt in der Wanne mit Müller-Lüdenscheidt und Doktor Klöbner, eine Explosion, Kinderleichen im Wasser, Plastikenten wurden nicht verletzt.
Man würde sie fast fragen wollen, was sie sich dabei gedacht haben, wenn es nur irgendeinen Grund zur Annahme gäbe, dass sie sich irgendetwas dabei gedacht haben könnten. Aber es handelt sich ja nur um die „Aktuelle Stunde“, die perfekte Regionalfernsehparodie, die aus etwas geworden ist, das man früher als journalistisches Magazin im öffentlich-rechtlichen Dritten Programm bezeichnet hätte.
Und gestern standen sie schon wieder rehäugig da, hielten sich an ihren lächerlichen Festhaltekarten fest und moderierten routiniert den nächsten Teil des Jahresrückblicks weg: „Alles nicht neu, aber als Kombi ein echter Hingucker“, sagte die Frau vorweg. Sphärische Musik, die Killer-Nazis, der Papst, Steve Jobs, Wutbürger, dann begann „Freude schöner Götterfunken“, und ich habe ausgemacht.






