BANKROTTerKLÄRUNG

Es ist nicht so, dass man „KINDerLEBEN“, das neue „Familienmagazin“ der „Süddeutschen Zeitung“, gar nicht lesen kann. Wer genau hinschaut, ahnt, dass an den dünnen hellgrauen Schlangenlinien im Text oben und unten noch was dranhängt: Das müssen „s“ sein. Im spindeldürren „e“ ist der Querstrich so weit hochgerutscht, dass es fast wie ein „c“ aussieht, aber doch nur fast. Und wenn man die Augen zusammenkneift, lassen sich manchmal mit etwas Glück sogar die Kommas von den Punkten unterscheiden — das ist doch was!

Die Buchstaben sehen aus, als hätte jemand mühsam Mohnsamen zu hauchfeinen Partikeln zerrrieben und dann in kleinsten Prisen gleichmäßig über die Seiten gestreut. Das links ist ein verkleinerter, aber sonst unbearbeiteter Scan aus einer Seite (zum Vergleich rechts das Ikeadings im gleichen Maßstab). In Kästen ist dieser graue Hauch von Schrift oft noch kleiner und steht gerne auf graubraunem Untergrund.

Aber vielleicht liest man dieses Zeitungs-Supplement ohnehin besser nicht. Einzelne Texte stammen zwar von namhaften „SZ“-Autoren. Aber gleich der erste große Artikel in der ersten Ausgabe des neuen Heftes, quasi der Aufmacher, ist gar kein Artikel, sondern eine Anzeige, die wie ein Artikel aufgemacht ist (zum Vergleich: links die Anzeige, rechts ein Artikel).

Und auch die Firma Hipp darf sich ein paar Seiten weiter in solcher Gestaltung präsentieren, dass man erst beim zweiten Hinsehen merkt, dass es sich nicht um einen redaktionellen Beitrag handelt. Wie knapp muss das Geld bei der „Süddeutschen“ sein, wenn sie diese Produktionsform nicht mehr den billigsten Frauen- und Fernsehzeitschriften überlassen will?

Ein armes Schleichwerbeblättchen ist dieses „KINDerLEBEN“, voller Produktinformationen, mit einem traurigen Cover und einem Schwachsinnstitel, der im Vorwort noch erklärt wird: „Was ein Kinderleben ausmacht, wie Kinder leben und wie Eltern ihr Kind erleben — damit beschäftigt sich unser neues Magazin.“ Gut, dass man’s eh kaum lesen kann.

Und quasi als Pointe ist ausgerechnet das Wort „Schlusskorrektur“ falsch geschrieben: ohne „l“.

„Oh“

Ich meine, hatte Friedbert Pflüger nicht genug zu leiden? Musste man ihn dann auch noch überrumpeln, als er dachte, wenn er schon um 18.52 Uhr ins ZDF-Studio geht, könnte er da bis zur „heute“-Sendung noch ein paar Minuten entspannt und unbeobachtet ein bisschen herumstehen?

Die CDU in Berlin ist wieder da!

„Die CDU in Berlin ist wieder da, nach fünf schweren Jahren, und darüber freuen wir uns, meine Damen und Herren.

Wir haben fünf schwere Jahre gehabt, wer wollte das bestreiten. Und wir haben einen geschlossenen, entschlossenen Wahlkampf geführt, auf Augenhöhe. Wir haben fabelhaft gekämpft, unsere Veranstaltungen waren voll. Ich glaube, wir können über das, was wir in den letzten Wochen erreicht haben, stolz sein.“

CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger heute um 18.30 Uhr nach Bekanntgabe von Hochrechnungen, wonach die CDU das desaströse Ergebnis von 2001 noch einmal unterbot.

Die Mär von der Wahlbeteiligung

Der Mythos ist nicht auszurotten: Wenn rechtsextreme Parteien in die Parlamente einziehen, liege das vor allem an der niedrigen Wahlbeteiligung. Der Gedanke zieht sich durch die Wahlberichterstattung fast aller Medien. Und durch die hilflosen Appelle der etablierten Parteien an das Volk, bitte wählen zu gehen.

Der Gedanke ist aber auch zu bequem. Denn dahinter steht die Logik, dass die Zahl der Menschen, die bereit sind rechtsextrem zu wählen, verschwindend gering ist. Und dass die große Zahl der Wähler ihre Stimme natürlich anständig abgibt und nur manchmal den Fehler macht, nicht zur Wahl zu gehen.

Schön wenn es so wäre. Aber die Statistik spricht dagegen.

Dass 2004 zum Beispiel die NPD in Sachsen mit 9,2 Prozent der Stimmen drittviertstärkste Partei im Landtag wurde, nur hauchdünn hinter der SPD, lässt sich durch eine niedrige Wahlbeteiligung nicht erklären: Sie lag bei 59,6 Prozent — nur knapp unter der vorherigen Landtagswahl, sogar leicht über der davor.

In Brandenburg lag die Wahlbeteiligung 1998 bei außerordentlich hohen 71,5 Prozent. Bei dieser Wahl bekam die DVU nicht weniger als 12,9 Prozent der Stimmen.

In Wahrheit müssten sich die etablierten Parteien wohl wünschen, dass möglichst wenig der frustrierten Wähler in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo sich doch noch aufraffen und ihre Stimme abgeben. Wie der immer lesenswerte Toralf Staudt in der „Zeit“ schreibt:

Die üblichen Aufrufe zu einer hohen Wahlbeteiligung dürften nicht mehr helfen gegen einen Einzug der NPD in den Schweriner Landtag, vielleicht bewirken sie gar das Gegenteil: Unter den Politikverdrossenen wird es nämlich viele potenzielle NPD-Wähler geben, und das weiß auch die Partei. „Kopf hoch — nicht in den Sand“, heißt ein Flugblatt, mit dem sich die NPD an Nichtwähler wendet. „Ein Rentner, der sich in Wahlverweigerung übt, bettelt förmlich um eine weitere Kürzung seiner Altersbezüge, und ein Hartz-IV-Bezieher schreit regelrecht nach Hartz V.“

Dass nur genug Leute zur Wahl gehen müssen, um den Einzug der NPD zu verhindern, ist eine gefährliche Illusion. Und verschiedene Wahlforscher haben das in den letzten Tagen auch schon erklärt. Aber das ist ja kein Grund für Journalisten, nicht einfach das zu schreiben, was sie immer schon geschrieben haben:

Warum PCs keine Radios sind (Stand 1997)

Dieses Zitat hier ist aus dem Oktober 1997:

„Innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre wird es technisch nicht möglich sein, Sendungen mit weniger als 15 Sekunden Zeitverzögerung über das Internet zu übertragen.“

Süß, oder? Gesagt hat es nicht irgendein Internet-Miesmacher, sondern im Gegenteil: der Geschäftsführer des Fachverbandes Informationstechnik, Bernhard Rohleder.

Im Sommer 1997 tobte nämlich zum ersten Mal der Streit um Rundfunkgebühren für internetfähige Computer. Und deren Gegner hatten Mühe zu argumentieren, dass PCs, mit denen man Hörfunk oder Fernsehen über das Internet empfangen kann, trotzdem keine Empfangsgeräte im Sinne des seit Anfang 1997 geltenden Rundfunkgebühren-Staatsvertrages sein sollten. Bis jemandem auffiel, dass darin ausdrücklich vom „nicht zeitversetzten“ Empfang der Programme die Rede war.

Und deshalb redete der Fachverband mal eben die Möglichkeiten der eigenen Branche schlecht — technisch sei es doch gar nicht möglich, Programme übers Internet so schnell zu verbreiten wie über Kabel oder Antenne, deshalb könne ein PC auch nicht mit einem Radio oder Fernsehgerät verglichen werden.

Bernhard Rohleder ist übrigens auch heute noch ganz vorne mit dabei, wenn es gegen die PC-Gebühr geht. Er ist inzwischen Geschäftsführer des Neue-Medien-Lobby-Verbandes BITCOM. Nur das Argument mit der unvermeidlichen Zeitverzögerung, das benutzt er komischerweise nicht mehr.

Stephanie

Ich wollte eine Kritik über die „Johannes B. Kerner“-Show vom Donnerstag schreiben, in der er mit der 14-jährigen Stephanie sprach, die fünf Wochen in der Gewalt eines Sexualtäters war. Aber das verbietet sich. Diese Sendung war nicht für mich gemacht oder für die anderen Zuschauer. Anscheinend war sie überhaupt auch eigentlich keine Fernsehsendung. Sie war Teil der Therapie des mißbrauchten Mädchens. Und damit es da gar keine Mißverständnisse geben konnte, bestand die Sendung zu einem wesentlichen Teil daraus, genau dies ununterbrochen zu betonen. „Stephanie will zeigen, daß der Täter sie nicht gebrochen hat“, sagte Kerner zur Einführung. Er fragte die Mutter, „warum ist es jetzt wichtig für Ihre Tochter, daß Sie sich selbst zur Wort melden kann“, und sie antwortete: „Wir wollen zeigen, daß Stephanie nicht gebrochen ist“. Stephanie wiederholte das. Stephanies Psychologin bestätigte das. Stephanies Vater sagte, das Fernseh-Interview mit Kerner sei ein „Bestandteil der Therapie oder zur Genesung“. Stephanies Anwalt sagte, ihre öffentlichen Auftritte seien wichtig, „damit sie therapiert wird, damit sie sich selbst therapiert“.

Offenbar stellte die „Johannes B. Kerner“-Show ihre Sendezeit also selbstlos in den Dienst der guten Sache.

Es war, zugegeben, eine der erträglicheren Sendungen Kerners. Weil er sich ganz im Hintergrund hielt und auf die Rolle des Stichwortgebers beschränkte. Und weil die Sendung bewußt, wie Kerner sagte, auf alle Beschreibungen der unbeschreiblichen sexuellen Übergriffe verzichtete (die standen ja auch schon in unerträglicher Liebe zum Detail in der Schwesterzeitschrift von „JBK“, dem „Spiegel“).

Nein: Als Fernsehkritiker steht mir da kein Urteil zu. Was weiß denn ich, wie gut es für Stephanie war, ihre Geschichte vor Millionen Menschen zu erzählen? Und natürlich ist es ein schön, wenn Journalisten (und Showmaster wie Kerner) für ihre Arbeit plötzlich das Kriterium entdecken, ob das, was sie tun, auch gut ist für die Betroffenen.

Aber dieser schale Geschmack im Mund will einfach nicht weggehen. Wie praktisch für die Medien dieser Welt, wenn sich das rumspricht unter den Stephanies und Nataschas dieser Welt: Daß die beste Therapie für sie ist, wenn sie den Medien genau das geben, was die von ihnen haben wollen.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Moderatorin gewinnt Wahl-Duell

Gestern im RBB-Fernsehen, das große Berliner Wahl-Duell zwischen Klaus Wowereit und Friedbert Pflüger, moderiert von Chefredakteurin Petra Lidschreiber.

Schon in der Vorstellung nannte sie den CDU-Kandidaten einmal „Fliedfriedberg Pflüger“, einmal „Pfiepferr Pflüger“, bevor sie versprach: „Das mit dem Versprechen hört gleich auf.“ (Pflüger revanchierte sich später damit, dass er sie „Lidschneider“ nannte.)

Wer die erste Frage bekomme, sei acht Minuten vor der Sendung ausgelost worden, erklärte Lidschreiber (vermutlich unmittelbar nachdem per Los auch das Moderationsrecht entschieden wurde zwischen ihr, dem Krug Wasser auf dem Tisch und einem alten Zwieback, den jemand vor der Sendung in der Maske gefunden hatte).

Lidschreiber: „Die erste Frage hat gewonnen: Friedbert Pflüger! Und sie lautet: Was schätzen Sie an Herrn Wowereit?“

Und so glücklich sah der Gewinner in diesem Moment aus:

Die Moderation des fast einstündigen Streitgesprächs bestand nun darin, dass Frau Lidschreiber jeden Ansatz einer konkreten Diskussion mit den Hinweis unterband, das Thema sei nun wirklich noch nicht / nicht mehr an der Reihe:

„…zur Wirtschaft würde ich gerne gleich kommen.“

„…na, das hatten wir ja schon!“

„… zu Karlsruhe kommen wir gleich!“

„Herr Wowereit, wir schaffen es sonst nicht.“

„Sie möchten. Sie möchen. Sie haben beide den Wählern…“

„Wir gucken nach vorne. Bitte. Wir gucken. Bitte. Wir gucken jetzt nach vorne!“

„Halten wir fest. Halten wir fest. Zum Abschluss an Sie beide, an sie beide…“

Und wenn beide doch einmal versehentlich über ein Thema streiten wollten, dass tatsächlich auch nach Frau Lidschreibers Plan an der Reihe war, unterbrach sie den Redner mit den Worten:

„Jetzt blenden wir erstmal das Zeitkonto ein für unsere Zuschauer, damit sie beide auch wissen, wo wir stehen.“

Inzwischen schaute Herr Pflüger so:

Dann wollte Lidschreiber ihn partout nichts mehr zum Thema Kitas sagen lassen:

Lidschreiber: Jetzt sind wir… Ihnen… Ihnen war die Innere Sicherheit sehr wichtig, Herr Pflüger…

Pflüger: Sie können nicht einfach ein Thema mit Herrn Wowereit besprechen!

Lidschreiber: …sonst können wir, wir können die Sendezeit nicht unterstreit-, nicht unter-, überschreiten. Sonst kommen wir leider nicht mehr zu diesem… zu diesem Thema.

Pflüger: Aber erstens redet er mindestens zwei Minuten länger als ich…

Lidschreiber: Ähm, Sekunde (schaut auf den Monitor)

Pflüger: …und zweitens kann ich nicht ein Thema einfach so stehen lassen im Raum!

Lidschreiber: …Sie reden 15 Minuten 20 Sekunden, Herr Wowereit 16 Minuten und 45 Sekunden.

Pflüger: (entschlossen) Genau. Und deshalb werde ich jetzt eine Minute was zu den Kitas sagen.

Lidschreiber: Jetzt kommen wir bitte… jetzt kommen wir bitte… das überschneidet sich… das hat ne Schnittmenge! Vielleicht kriegen Sie’s ja noch im nächsten Block unter. Wir kommen zum wichtigen Thema Integration.

Pflüger: Dann werd ich’s gleich irgendwo unterbringen.

Sagte er trotzig und sah auch so aus:

Und doch: Er brachte seinen Satz über die Kitas noch im nächsten Block unter. Aber der Preis, den er dafür zahlte, war hoch.

Pflüger: Warum hat Herr Wowereit in den fünf Jahren, in denen er in dieser Stadt regiert hat, die Kita-Gebühren angehoben? Das glaubt ihm doch kein Mensch, dass er jetzt drei Wochen vor der Wahl sagt, jetzt machen wir alles gebührenfrei!

Lidschreiber: Herr Pflüger, er [Wowereit] hat’s uns in die Kamera versprochen! Wir können ihn alle daran messen in einem oder in fünf Jahren, sollte er Regierender Bürgermeister bleiben.

Sprach’s, beendete das Thema, und Pflüger war ein gebrochener Mann. Als sie kurz darauf noch sagte, Integration sei ja etwas „zweibeiniges“, wiederholte er brav: „In der Tat: Sie ist etwas zweibeiniges.“

Moderation auch? Oder darf nächstes Mal dann doch mit etwas Glück der Krug Wasser?

[Video der Sendung]

Boot schlägt Fass die Krone ins Gesicht

„Dass es bereits 5 vor 12 sei, hat die internationale Staatengemeinschaft dem Iran nun schon mehrere Male signalisiert. Vergeblich: In Teheran gehen die Uhren anders. Deshalb muss es spätestens jetzt bei den UN 13 schlagen (…)“.

Darf man sagen, dass jemand, der einen „Tagesthemen“-Kommentar so anfängt, nicht ganz richtig tickt? Aber Stephan Bergmann vom Bayerischen Rundfunk beließ es nicht bei Uhren-Metaphern:

„Auch Russland und China müssen jetzt ins Sanktionsboot geholt werden. Und wenn es nur um den Preis kleiner, bescheidener Schritte ist. (…) Jetzt sollte es für Teheran wenigstens ein bisschen eng werden, allen (…) politischen Hasenfüßen in Europa übrigens zum Trotz. Schon versucht Iran (…) wieder einen Keil zwischen die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates plus Deutschland zu treiben. (…) Mit seiner Patenschaft für die libanesische Hisbollah (…) hat Iran deutlich gezeigt, wohin die Reise gehen soll. In West wie Ost müssen deshalb jetzt endlich die Alarmglocken schrillen (…).“

Hilfe. Wir sollen uns alle in dieses verdammte Sanktionsboot quetschen, aber für Teheran, das dann allein am sonst menschenleeren Anleger steht, soll es eng werden? Wohin geht die Reise mit dem Sanktionsboot, warum lassen wir uns den Weg ausgerechnet von diesem Iran zeigen und wieso fahren wir mit dem Boot nicht einfach auf dem Wasser, anstatt es mit Schritten anzutreiben (kein Wunder, dass die nur klein und bescheiden ausfallen)? Wie schnell leckt ein Boot, in das man einen Keil treibt? Ist auf dem Unterdeck wirklich noch Platz für Tiere, oder sollten wir uns lieber zwischen Chinesen, Russen und Hasen entscheiden? Und müssen wir auf dem Weg zu den Alarmglocken die Uhren zurückstellen oder kommen wir eh nicht mehr vor dem Abendläuten an?

Vorschlag zur Güte: Könnte man die Zahl der Metaphern pro „Tagesthemen“-Sendung, alle Beiträge inklusive, vielleicht auf, sagen wir, 17 begrenzen?

Geruhsame Nacht für Harald Schmidt

Ulrich Wickert hört nach 15 Jahren „Tagesthemen“ auf, die ARD berichtet seit Tagen über nichts anderes, die Fernsehnation fiebert den letzten Worten entgegen, der Außenminister persönlich bedankt sich live bei Wickert in der Sendung — aber die Show von Harald Schmidt gleich im Anschluss ist natürlich Stunden vorher aufgezeichnet und deshalb auch heute so egal wie immer und ihm alles.