Strikt fröhlichkeitsaffin

Es ist traurig, wenn Zeitschriften sterben.

Noch trauriger ist es, wenn sie nicht ganz sterben, sondern als Untote irgendwo zwischen Leben und Tod herumgeistern. Das Medienmagazin „V.i.S.d.P.“ ist so ein Zombie. Er spukt seit vier Wochen nur noch als pdf-Magazin im Internet herum, und das Elend beginnt schon damit, dass man das irgendwie noch als Vorteil verkaufen muss:

Liebe Leser,
ab sofort sind wir schneller und aktueller, bleiben aber strikt fröhlichkeitsaffin.

Und wenn Sie sich nun fragen, was das in der Praxis bedeutet, empfehlen wir dieses beispielhafte Interview. Und insbesondere den entspannten, gut gelaunten Kommentar des „V.i.S.d.P.“-Humorbeauftragten.

täglichpress

Ich habe von der Firma „X-Ray Personal Media Digest GmbH“ heute zum ersten Mal gehört. Und vermutlich sollte ich mir eigentlich kein Urteil erlauben, wenn ich nicht einmal weiß, was genau ein „vorstandsfähiger Medienspiegel“ ist, den sie anbietet. Aber ich bin ein bisschen skeptisch bei Firmen, die einerseits vom Umgang mit Sprache leben und andererseits in ihrer Selbstdarstellung in einem Satz gleich drei Metaphern miteinander verquirlen:

„X-RAY wertet mit Röntgenblick die Informationsfülle aus und verdichtet die relevanten Informationen zu einer Essenz, welche maßgeschneidert für Sie zur Verfügung gestellt wird.“

Neuerdings bietet diese Firma zusammen mit dem Branchendienst „kress report“ ihre maßgeschneiderte Röntgen-Essenz auch in Form von „täglichpress“ an, einer täglichen „Presseschau der Medienbranche“ an, in der „tagesaktuelle Pressemeldungen auf den Punkt gebracht werden“. Das kann man natürlich „einen prima Service“ nennen. Oder, wenn man es sich vorher angeschaut hat, völligen Schrott.

Fünf „tagesaktuelle Pressemeldungen“ (landläufig auch „Artikel“ genannt) stehen da heute. Zum Beispiel die, dass die „Bild am Sonntag“ eine Fantasy-Bibliothek startet. Richtig, das stand heute in der „Welt“. Aber schon vor über einer Woche in einer Pressemitteilung des Verlages.

Die Top-Meldung von „täglichpress“ stammt aus dem „Handelsblatt“ und geht so:

Das Werbeforschungsunternehmen Nielsen Media Research teilte mit, dass der Werbemarkt in den klassischen Medien einen Zuwachs von 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnete. Der größte Teil mit 5,6 Mrd. Euro entfällt auf die Fernsehbranche.

Das ist nicht nur furchtbares Deutsch, sondern auch missverständlich: Die 5,6 Mrd. Euro sind nämlich nicht der größte Teil des Zuwachses, wie man denken könnte, sondern des gesamten Werbemarktes. Und das Fernsehen wächst deutlich langsamer als Zeitungen und Zeitschriften. Und wer all das nicht erst heute im „Handelsblatt“ lesen wollte, konnte es seit vorgestern Abend überall tun.

Eine kurze Meldung über „National Geographic“, die schon in der „Süddeutschen Zeitung“ kaum nachvollziehbar ist, wird in der „täglichpress“-Version vollends unverständlich. Und dann gehört zu den fünf Zeitungsartikeln, die für „kress“-Leser nach Ansicht von X-Ray relevant sind, noch diese Meldung:

Der in seiner sechsten Auflage veröffentlichte Sport-Brockhaus weist in nicht minder als 3.500 Artikel teilweise erhebliche Ungenauigkeiten auf. Auch die Gewichtung bzw. Bedeutung sportlicher Leistungen von Sportlern ist uneinheitlich, weswegen einige berühmte Sportlerpersönlichkeiten überhaubt keine Erwähnung finden.

Ah ja. Kurze Verständnisfrage: Wie viele Artikel sind nun im Sport-Brockhaus falsch oder ungenau? 3.500? Nein: 3.500 ist laut „FR“-Originalartikel die Gesamtzahl der Artikel. Davon seien „nicht wenige“ falsch. Aber vielleicht steht das auch in „täglichpress“ und ich hab nur das ungewöhnliche Wort „minder“ falsch verstanden. Oder war zu sehr durch die Schreibweise „überhaubt“ abgelenkt. Hätte da nicht besser noch mal der fähige Vorstand drüber gelesen?

Constanze Rick

Hätte Miss Piggy eine Rubrik gehabt, in der sie von ihren Begegnungen mit den anderen Reichen und Schönen berichtete, sie hätte sie genau so inszeniert: Sie hätte sich auf dem Designersofa genau so affektiert die Haare hinter die Ohren geklemmt, wichtig telefoniert, sinnierend die Hand an den Mund gelegt, beinahe etwas ins Laptop getippt, aber dann doch wieder zum Handy gegriffen.

Aber das hier ist nicht Miss Piggy, sondern Constanze Rick, langjährige Reporterin des RTL-Starmagazins „Exclusiv“, und die meint das ernst mit den affigen Posen einer „TV-Kolumnistin“. Jedenfalls so halb ernst. Also, auf eine fast unernste Art, mittelernst. So ironisch gebrochen. Irgendwie.

Denn „Prominent!“, die Sendung, die Frau Rick seit kurzem auf Vox machen darf, ist ein Boulevardmagazin der neuen Art. Der Vox-Chef meinte sogar, es sei falsch, dieses Boulevardmagazin ein „Boulevardmagazin“ zu nennen: „Wir wollen über den Boulevard berichten, ohne ihn selbst zu betreten.“ Das geht so: „Prominent!“ berichtet über exakt dieselben nichtigen Ereignisse wie alle anderen, macht sich aber ununterbrochen über deren Nichtigkeit lustig. Das ist sehr anstrengend.

Frau Rick kommentiert nach dem Muster von „Sex and the City“ alles aus dem Off und moduliert ihre Sätze, bis aus jedem Wort amüsierte ironische Distanz kiekst. Sie klingt total erstaunt über das, was die Promis jetzt schon wieder angestellt haben, und gleichzeitig furchtbar abgeklärt, weil man das ja alles schon x-mal gesehen hat.

Hinter der modernen Fassade macht sich bräsigstes Spießertum breit: Seit 30 Jahren lebe und arbeite Wolfang Joop mit einem Mann zusammen, berichtet „Prominent!“ und staunt: Seine 90-jährige Mutter, „die hat sich mit allem arrangiert. Respekt! Ganz schön fortschrittlich, die alte Dame.“ Ja, wow. Weil Alfred Biolek in seiner Biographie auch sein Schwulsein erwähnt, packt „Prominent“ ihn in eine Schublade mit Desirée Nick, unterstellt ihm „Primitivität“, mit der er ein „ordentliches Zubrot“ verdienen wolle, fantasiert „Geschichten aus seinem Sexualleben“, fragt ihn, ob sich „Peinliches“ besser verkauft und faßt es nicht, daß er keine weiteren Dinge über sein Privatleben preisgeben will. „Nix privates?“, fragt Frau Rick pikiert aus dem Off, wo es in Bios Buch doch auch um etwas „sehr Intimes“ gehe, nämlich seine Homosexualität?

Biolek hat den Boulevard immer als eine Prachtstraße und etwas sehr Großstädtisches interpretiert. Kein Wunder, daß Frau Rick ihn nicht betreten will.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Leser-Reporter

Es war eine dieser üblichen Oktoberfest-Reportagen, vorige Woche auf Vox. Ein Team von „Stern TV“ begleitet Polizisten bei der Arbeit: mit aggressiven Besoffenen, lustigen Besoffenen, halbkomatösen Besoffenen. Plötzlich – ein paar Beamte versuchen gerade, eine Schnapsleiche im Gras aufzuwecken – kommt Aufregung in die Gruppe. Ein Tourist, der ein paar Meter weiter steht, will die Szene mit seinem Kamerahandy festhalten. Ein Polizist brüllt ihn an: „Hey, so lustig ist das hier nicht, daß du das fotografieren mußt!“ Mit ein paar Kollegen geht er rüber und stellt den Mann nachdrücklich zur Rede. Und das Fernsehteam hört kurz auf, Bilder von den Polizisten und der Schnapsleiche zu machen, und macht stattdessen Bilder von dem Mann, der es doch tatsächlich gewagt hat, Bilder von den Polizisten und der Schnapsleiche zu machen.

Der Mann war zu eingeschüchtert, um mit den Polizisten zu streiten. Aber die Diskussion wäre interessant gewesen, in der die Beamten ihm erklären, warum es akzeptabel ist, wenn ein Kamerateam die Szene filmt, um sie als Füllstoff zwischen zwei Werbeblöcken einem Millionenpublikum vorzuführen, aber inakzeptabel, wenn einer sie als hübsche Urlaubserinnerung für sich aufnimmt. Aber vielleicht hätte er das Filmchen ja nicht nur ein paar Freunden gezeigt, sondern ins Internet gestellt. Oder es an „Bild“, den „Stern“ oder sonstwen verkauft und versucht, damit ein paar Euro zu verdienen. Hätte das die Sache schlimmer gemacht? Besser?

Daß heute jeder, der mit einem modernen Mobiltelefon aus dem Haus geht, Aufnahmen wie die Profis machen kann, heißt anscheinend noch lange nicht, daß er es auch darf.

Der Grenzverlauf zwischen guten Fotografen und bösen Fotografen, erwünschten und unerwünschten Fotos wird gerade neu verhandelt. Und einige Leute, die jahrelang die Schmuddelkinder der Branche waren, finden sich im anderen Lager wieder: Als das NDR-Medienmagazin „Zapp“ jetzt über das Problem der zunehmenden Zahl von „Leser-Reportern“ berichtete, diente als Kronzeuge auch ein Mann, der seit Jahren davon lebt, den Polizeifunk abzuhören, schnell zu den Unfallstellen zu fahren und vor Ort zu drehen, bevor die Feuer gelöscht und die Verletzten weggetragen sind, damit sich die Aufnahmen gut an die Medien verkaufen lassen. Er beklagte sich unter anderem, daß die Hilfskräfte inzwischen häufig selbst die Aufnahmen machen. Und, ja: Der Gedanke, daß der Sanitäter, der da neben einem steht, nicht hilft, sondern fotografiert, ist beunruhigend und abstoßend. Aber müssen wir wirklich Mitleid haben mit dem Berufsstand der Katastrophenfotografen, wenn die darunter leiden, daß bald immer schon ein Amateur vor ihnen an der Unfallstelle sein wird? Müssen wir die Leser-Reporter-Schwemme etwa auch deshalb verurteilen, weil sie zweitklassigen Berufs-Paparazzi das Geschäft kaputt machen, die gegen die schiere Allgegenwart von Millionen potentiellen Amateur-Paparazzi nicht ankommen?

Keine Frage: Viele der Sorgen um Anstand und Sorgfalt, um Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte, die sich mit dem Phänomen der Leser-Reporter verbinden, sind berechtigt. Schaulustige und Gaffer können aus ihrem Verhalten nun auch noch Kapital schlagen und sich im Ruhm einer Zeitungsveröffentlichung ihres geilen Unfall-Fotos freuen. Unsere Medienwelt wird noch fixierter auf Bilder und es kümmert sie noch weniger, wie echt sie sind, was sie wirklich zeigen und wie sie entstanden sind.

Aber in der reflexhaften Art, wie die Debatte gerade geführt wird, kommen auch weniger hehre Motive zum Ausdruck. Sie ist auch ein Abwehrkampf von Journalisten, die um ihr Monopol fürchten und Angst haben vor dem massiven Kontrollverlust, wenn Leser sich nicht mehr darauf beschränken, passive Rezipienten zu sein. Natürlich ist die Aufregung der Journalistenverbände verständlich, wenn die „Bild“-Zeitung millionenfach täuschend echt aussehende Presseausweise in Umlauf bringt und aus dem Dokument einen billigen Yps-Gimmick macht. Aber was verteidigen die Verbände genau? Wozu berechtigt der „richtige“ Presseausweis eigentlich? Offiziell heißt es: Er soll die Arbeit von Journalisten „erleichtern“, bei Behörden und „anderen für Informationszwecke wichtigen, aber schwer zugänglichen Orten“. Konkreter wird es nicht. Verbirgt sich hinter der Empörung darüber, daß „Bild“ einfach eine Art wertlose Fälschung dieses Dokumentes in Umlauf bringt, nicht auch die Sorge, jemandem könnte auffallen, daß man mit einem selbstgemalten Presseausweis nicht viel weniger machen kann als mit einem offiziell ausgestellten — außer natürlich, daß man damit keine Super-Journalisten-Rabatte beim Kauf von Autos bekommt? Und warum stehen „richtigen“ Journalisten diese Privilegien noch mal zu?

Das Phänomen der Leser-Reporter geht an das Fundament des journalistischen Selbstverständnisses. In Deutschland darf sich jeder, der will, „Journalist“ nennen. Das ergibt sich aus Artikel 5 des Grundgesetzes, der die freie Meinungsäußerung garantiert. Bislang war das praktisch ohne große Bedeutung. Daß sich Hinz und Kunz „Journalist“ nennen konnten, war egal, solange sie kein Massenmedium als Plattform hatten. Jetzt aber kann jeder mit einfachsten Mitteln im Internet publizieren und ein theoretisch unbegrenztes Publikum haben, und aus der akademischen Frage wird plötzlich eine ganz konkrete. Und die Journalisten versuchen, klare Mauern zu errichten zwischen sich, den „richtigen Journalisten“, und den Bürgern, Leser-Reportern, Bloggern.

Das ist keine leichte Sache. Die „Initiative Qualität im Journalismus“, hinter der unter anderem Verleger- und Journalistenverbände stehen, hat eine Erklärung herausgegeben [pdf], in der sie vor den Gefahren „eines so genannten Bürgerjournalismus“ warnte: Solche Bürgerreporter arbeiteten „ggf.“ ohne „hinreichende Kenntnisse“ etwa über Persönlichkeitsrechte oder ethische Standards journalistischer Arbeit. Wie süß. Wie vielen Profi- Journalisten fehlen diese „hinreichenden Kenntnisse“ auch? Und wie viele von anderen setzen sich trotzdem konsequent darüber hinweg? Der NDR berichtete, daß einige der „Bild“-Leser-Fotos vom Transrapid-Unglück aus einem Hubschrauber aufgenommen wurden, der trotz Überflugverbot aufgestiegen sei. Schlimm, wenn es so war. Aber wenn statt „Bild“-Leser-Reportern nun „Bild“-Profi-Reporter als erstes vor Ort gewesen wären: Jede Wette — sie hätten sich auch einen Teufel um das Flugverbot geschert.

Die Grenze verläuft nicht zwischen professionellen Journalisten und Laien-Reportern. Sie verläuft zwischen Menschen, die ethischen Standards einhalten, und denen, die es nicht tun.

Der Leser-Reporter wird nicht wieder verschwinden. Die Zeiten, in denen nicht-professionelle Augenzeugen bestenfalls als Zitatgeber dienten, sind ein für allemal vorbei. In welcher Form das die Medien verändert, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Die „Bild“-Zeitung, die eine zweistellige Zahl von Redakteuren allein dafür abgestellt hat, sich um die Leser-Fotos zu kümmern, probiert gerade die Möglichkeiten und Grenzen aus. Nicht alles, was nahe liegt, funktioniert. Die Suche nach dem „besten Papst-Foto“, immerhin mit 5000 Euro Honorar für den Sieger ausgelobt, endete ernüchternd: Auf einigen Fotos war der Papst nicht einmal drauf, viele Schnappschüsse, die einem Millionenpublikum vorgeführt wurden, hätten selbst beim Dia-Abend die Nachbarn vergrault. Der Reiz der meisten bestand allein in dem Gefühl des Amateur-Fotografen, dokumentieren zu können, daß er dem Papst so nah kam wie sonst nur Profi-Fotografen. Es gewann ein Foto, das den Papst im Papamobil zeigte, wie er tagelang fast ununterbrochen auch im Bayerischen Rundfunk zu sehen war, nur weniger gut ausgeleuchtet. Herzlichen Glückwunsch.

Bei Bild.de, das die Leser-Fotos wie zum Beispiel auch das Mischmagazin „Max“ ohne Honorar veröffentlicht, kann man mit den Bildern neuerdings Memory spielen. Auch eine schöne Idee. Aktuell ruft „Bild“ dazu auf, Steuer-Verschwendungen in der Nachbarschaft zu dokumentieren. Ein wiederkehrendes Motiv in den „Bild“-Leser-Fotos ist der sich scheinbar nicht ans Gesetz haltende Polizist, der ohne Helm fährt oder im Halteverbot parkt. Der Gedanke liegt nahe, die Leser gezielt auf solche Themen anzusetzen: Zeigt uns, wie verlottert unsere Polizei ist! Wer hat das eindrucksvollste Foto, das die Doppelmoral von Politikern zeigt? Enttarnt den Promi XY beim Fremdgehen!

Der Einsatz von Leser-Reportern an sich ist weder gut noch schlecht. Ein Medium, das sich ernsthaft um die Anliegen seiner Leser kümmern will, kann so den echten Sorgen der Menschen noch näher kommen. Und ein Medium, das sich um Persönlichkeitsrechte noch nie geschert hat, kann sie so noch umfassender verletzen. Und wenn dieses Medium über elf Millionen Leser hat, darf man natürlich zurecht fragen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die nur noch aus Schaulustigen, Spannern und Spitzeln besteht. In der jeder Prominente rund um die Uhr überwacht wird. Und in der auch jeder Nicht-Prominente, der etwas tut, was seinem Nachbarn nicht gefällt, damit rechnen muß, sein Foto in der Zeitung wiederzufinden — wie der Mann, den „Bild“ zeigte und verurteilte, weil er seinen Hund mit einem Hochdruckreiniger abduschte.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Jungbrunnen B. Kerner

Johannes B. Kerner tut in dem erstaunlichen Gespräch mit der „Zeit“, als sei er eine Art Jungbrunnen für das veralterte ZDF:

Die Rezipienten von Fernsehwerbung sind ja hauptsächlich jüngere Leute, ein Publikum, das sich traditionell beim ZDF nicht gerade zuhauf versammelt. (…) Es gibt die Theorie: Solange unsere Moderatoren für Werbung interessant sind, sind sie das auch für ein jüngeres Fernsehpublikum. Und auf mich kommen Kids zu, die sagen: „Der Bonaqa-Spot, echt cool, ey!“ Insofern kann man durch Werbung auch neues Publikum finden.

Kann man vielleicht, Kerner gelingt dies aber kaum. Im September hatte das ZDF bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern einen einigermaßen erschütternden Marktanteil von 6,8 Prozent. Und Kerners tägliche Talkshow? 7,6 Prozent. Und das auch nur, weil am 5. September „Tokio Hotel“ zu Gast waren und der Show bei den jungen Zuschauern an diesem Tag den außergewöhnlichen Marktanteil von 11,1 Prozent bescherten.

Googeln als erste Journalistenpflicht

Weil so oft darüber geschimpft wird, dass Journalisten immer häufiger Googeln mit Recherchieren verwechseln — schön wär’s ja schon, wenn die Journalisten überhaupt googeln würden, bevor sie schreiben.

Die Kollegin, die für „Die Welt“ einen Artikel aus der „Frankfurter Rundschau“ wiederverwerten musste, hätte dann vielleicht gemerkt, dass die einzigen sinnvollen Treffer für die Suche nach „Rob Mobile“ die sind, die offenbar ebenfalls den Artikel aus der „Frankfurter Rundschau“ zur Grundlage hatten. Der Klingeltonanbieter, der den geschmacklosen „Natascha im Keller“-Ton anbot, heißt nämlich nicht „Rob Mobile“, wie die „FR“ einmal versehentlich schreibt, sondern „Bob Mobile“. (Und er hat keinen „rülpsenden Frosch“ im Angebot, wie die „Welt“ improvisierte, sondern „rülpsende Kröten“, aber vielleicht ist das auch egal.)

Ich weiß schon: Für solche Artikel haben die Autoren oft sehr wenig Zeit. Die Geschichten wirklich nachzurecherchieren, ist Utopie. Aber die drei Minuten, einen Namen bei Google einzugeben und sich von der Website des Anbieters, um den es geht, einen eigenen Eindruck zu verschaffen, müssen drin sein — sonst kann der professionelle Journalismus gleich einpacken.

(via ix, der auch drauf reingefallen ist)

Kerner

Wenn Johannes B. Kerner morgen bekannt gäbe, daß er gerne alten Frauen die Luft aus den Reifen ihrer Rollstühle läßt, müßte das ZDF natürlich reagieren. Die Sendeanstalt würde eine Krisensitzung einberufen und zum äußersten gehen: Sie würde öffentlich erkären, daß Kerner dieses Hobby nie im Beisein des Intendanten gepflegt habe und sich in Zukunft solche Aktivitäten vom Sender genehmigen lassen müsse. Und wenn Kerner später noch einmal auf den Vorgang zurückkäme und sagte, beim ZDF arbeiteten außer ihm doch eh nur kinderfressende Zombies, würde der Sender auf Nachfrage entspannt erwidern: Das träfe nach ZDF-Recherchen zwar nicht zu, aber natürlich könnte der Herr Kerner seine eigene Meinung…

Das ZDF ist inzwischen in einem Maße von Kerner abhängig, daß nichts (in Worten: nichts) vorstellbar ist, was den Sender zu einer Maßregelung seines Alles-Moderators veranlassen könnte oder gar zu einer Trennung. Das Gefühl, unkündbar zu sein, verändert die Menschen, und jemanden wie Kerner, der schon vorher nicht an Selbstzweifeln litt, läßt es in immer neue, ungeahnte Sphären der Selbstüberschätzung, Blasiertheit und Arroganz entschweben. Der „Zeit“ hat er in dieser Woche ein atemberaubendes Interview gegeben. Thema war seine umstrittene Werbung für den Air-Berlin-Börsengang, und seine Aussagen lassen sich ungefähr so zusammenfassen: Er hat nichts falsch gemacht, nein: nichts, er verbittet sich die Frage, er verbittet sich die Unterstellung, er wird darauf nicht antworten, oh nein, er verdankt dem ZDF nichts, das ZDF verdankt ihm alles, überhaupt: ein bißchen Dankbarkeit hätte er schon erwartet, ich bin wirklich niemandem Rechenschaft schuldig, ihr Arschlöcher.

Der Moderator, der schon vor Jahren in einem Interview aus den Unsummen Geld, die er verdient, den Schluß zog: “Ich habe alles richtig gemacht”, findet an keiner Stelle einen Fehler bei sich, und sei er noch so klitzeklein. Kerner macht keine Fehler. Wenn er trotzdem kritisiert wird, sucht (und findet) er die Ursache dafür allein bei den Kritikern, ihrem Neid, ihrer Jagdlust auf den “netten Herrn Kerner” (er sagt das wirklich). Es gibt ein altmodisches Wort für das, was dem netten Herrn Kerner vor allem fehlt, und das er offenbar nicht einmal mehr glaubt, vorgeben zu müssen: Demut.

Das Interview ist, wie so vieles an Kerner, eines öffentlich-rechtlichen Fernsehmoderators unwürdig. Ein Sender, der sich das gefallen läßt, hat jede Selbstachtung verloren.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Weshalb Weblogs im Internet stehen

Im Zukunftsmagazin „Future Trend“ lief ja, wie gesagt, vorgestern noch einmal der Beitrag über Blogs, den „Focus TV“ vor einem Jahr schon einmal ausgestrahlt hatte.

Die Anmoderation von Anja Heyde aber war anscheinend neu. Sie ging so:

„Früher führte der Kapitän ein Logbuch, das half beim Erinnern, wenn man mal wieder länger geschippert war. Das Weblog hat daher seinen Namen. Und es hilft auch beim Erinnern. Aber im Unterschied zum Logbuch darf — und soll es vor allem! — auch jeder sehen, deshalb steht es im Internet. Was man da finden kann, macht die Welt nicht unbedingt besser, aber auf jeden Fall lustiger. Und manchmal ist so ein Blog auch eine Art Therapie. Wie auch immer: Mittlerweile gibt es einige Hunderttausend Blogger in Deutschland und weltweit sind es bereits 50 Millionen.“

(via Shopblogger)

Mit „Future Trend“ zurück in die Zukunft

Diese Geschichte hat zwei Pointen. Eine einfache und eine komplizierte.

Die einfache zuerst:

Ein Beitrag über Weblogs, der vor fast genau einem Jahr in der ProSieben-Sendung „Focus TV“ zu sehen war, wurde gestern im RTL-Zukunftsmagazin „future TREND“ wiederholt.

Und jetzt die komplizierte:

Eine der bizarrsten Regelungen in der an bizarren Regelungen nicht armen deutschen Fernsehlandschaft ist die Sache mit den Fensterprogrammen. Der Rundfunkstaatsvertrag schreibt vor, dass Sender, die mehr als zehn Prozent Marktanteil erreichen, Programme „unabhängiger Dritter“ zeigen müssen. So soll die „Meinungsvielfalt“ gesichert werden. Konkret übernimmt diese Aufgabe meist Alexander Kluge, der dann gerne experimentiert, ob sich durch den Verzicht auf alle Möglichkeiten, die das Medium Fernsehen bietet, die Einschaltquote auch in negative Bereiche bringen lässt (er ist schon ganz nah dran).

Auch die Firma AZ Media ist ein solcher „unabhängiger Dritter“ mit festen Programmflächen bei RTL, was schon einigermaßen abwegig ist, da ihr Chef Andre Zalbertus vorher bei RTL gearbeitet hat und nach wie vor Sendungen für RTL produziert, was vielleicht etwas über die „Unabhängigkeit“ dieses Veranstalters aussagt. Die AZ Media dient der Meinungsvielfalt durch so segensreiche Sendungen wie „anders TREND“, „europa TREND“, „bosporus Trend“, „money TREND“, „natur TREND“, „single TREND“, „sommer TRE—

Sind Sie noch da?

—ND“, „glaubens TREND“ und „future TREND“.

„future TREND“ wird nun aber nicht von AZ Media produziert, sondern von Focus-TV für AZ Media. Und was produziert Focus-TV auch? Richtig: „Focus TV“. Auf Pro Sieben. Und die schönen Beiträge, die man da herstellt, wären natürlich viel zu schade, um sie nur einmal zu zeigen. Und so kommt es vor, dass bei „future TREND“ einfach Sachen wiederholt werden, die schon in „Focus TV“ zu sehen waren.

Jetzt noch einmal zum Mitdenken: Das deutsche Privatfernsehen wird von einem Duopol aus RTL und ProSiebenSat.1 beherrscht. Damit unter diesem eingeschränkten Wettbewerb der Pluralismus nicht leidet, müssen beide Anbieter „unabhängigen Dritten“ Sendezeiten einräumen. Und in diesen Fensterprogrammen, die die Meinungsvielfalt garantieren sollen, werden dann auf RTL ausgerechnet Beiträge von ProSiebenSat.1 gezeigt. Wie bizarr ist das?