Killer-AGs

Das Journalisten-Rennen darum, wer größten Unsinn über die medialen Ursachen für die Gewaltat von Tessin schreibt, ist noch im vollen Gange. Aber der Kollege vom „Tagesspiegel“ liegt seit gestern uneinholbar in Führung, als er im Rahmen seiner Motivsuche über die Täter schrieb:

„Aus der Tatsache, dass die beiden die Computer-AG der Schule leiteten, will [Schulleiter] Stern keinen Grund ableiten.“

[via blargh]

Braunschweig

Schreibt der Malcolm:

hier in braunschweig wird langsam alles ruhiger. inzwischen regen sich gerüchte, dass die stadt im herbst geschlossen wird und platz für einen großen parkplatz machen muss!

Schreib ich:

„hier in braunschweig wird langsam alles ruhiger“ klingt nach einem satz, den es rein logisch schon nicht geben kann. so etwa wie: „vorher bekam er als gehalt nichts. das wurde dann reduziert.“

Schreibt der Malcolm:

hey, dass du dich nicht täuscht! eine zeitlang war hier in braunschweig die hölle los! ich erinnere mich noch, als wäre es gestern: 20. august 2005 gegen frühen abend ließ jemand auf der jasperallee das autofenster auf, als er sich mal kurz bei der volksbank geld holen wollte. die laufende musik lockte prompt bestimmt sieben oder acht menschen an, die schier durchgedreht sind und spontan einen rave veranstalteten!

Die ARD, konkret

Günther Jauch, im „Spiegel“:

Ich musste zum Beispiel eine lächerliche Diskussion um die Archivöffnungszeiten der ARD führen. Da sollte ich für eine aktuelle Sonntagabendsendung akzeptieren, dass ab Freitagnachmittag wegen fehlender Planstellen kein Filmmaterial mehr abrufbar sei. So absurde Probleme werden zwar mit einem Anruf von ganz oben gelöst, erklären aber zugleich die innere Verfasstheit des Systems.

Nach allem, was ich über die ARD weiß, trifft es das sehr genau.

„Come on reader, make my day“

Es war der Vormittag des 28. Dezember 2006, und Toby Harnden, USA-Chef der britischen Zeitung „Daily Telegraph“, saß in seinem Büro in Washington und hatte ein Problem. Die Hinrichtung Saddam Husseins schien unmittelbar bevorzustehen, aber was auch unmittelbar bevorstand, war der Redaktionsschluss der Zeitung. Das Interesse der Menschen, etwas über das Geschehen in Bagdad zu erfahren, würde am nächsten Morgen vermutlich riesengroß sein, und der „Daily Telegraph“ fand, dass dieses Geschehen deshalb in der Zeitung nicht fehlen durfte. Aber da es zuvor bereits Dutzende Hinrichtungen gegeben hatte und Iraker und Amerikaner die Journalisten über den Ablauf informiert hatten, dachte Harnden, er könnte vorab ein fundiertes Stück schreiben, was wohl geschehen werde. Bzw., aus Sicht der Leser, was wohl geschehen ist.

Es war keine gute Entscheidung.

Harndens Stück erschien am 29. Dezember und beschrieb höchst detailliert die Hinrichtung, die es hätte werden sollen. Der Artikel [zu lesen hier in den Kommentaren] machte an verschiedenen Stellen deutlich, dass er vor dem tatsächlichen Geschehen geschrieben wurde. Doch das minderte seine Peinlichkeit nur minimal, als sich herausstellte, wie sehr die tatsächliche Prozedur von der theoretischen abwich. Die Zeitung hatte für den Artikel zudem ausgerechnet die Überschrift „Humiliated and hooded…“ gewählt, so dass einer der vielen Fehler auch noch herausstach (Saddam trug keine Maske) .

Nun lässt der „Daily Telegraph“ in seinem Internetangebot eine Reihe von Kolumnisten und Korrespondenten bloggen, und Harnden nutzte sein Blog, um die Geschichte hinter dieser Geschichte zu erzählen. Er antwortete dort einem Kritiker, der ihm eine heftige Beschwerde-E-Mail geschrieben hatte:

You’re right that writing about Saddam’s hanging before it happened was not my finest hour. It was one of those tricky journalistic challenges when no matter how much you hedge and speculate, the reality will always mischievously diverge from the finely-turned piece one filed.

Er begründete die Idee, die Hinrichtung zu beschreiben, bevor sie überhaupt stattgefunden hatte, mit dem Leser-Interesse gerade an den makaberen Details der Prozedur. Er beschrieb die Überlegungen in der Redaktion und erklärte das Geschehen mit der Schwierigkeit der „alten Medien“ mit ihren feststehenden Deadlines und den Komplikationen, über verschiedene Zeitzonen zu schreiben.

Harndens Erklärungen waren nicht immer überzeugend und warfen kein gutes Licht auf die faulen Kompromisse, die die Print-Journalisten bereit waren einzugehen, um den Nachteil des frühen Redaktionsschlusses zu verschleiern. Aber sie waren beeindruckend offen und transparent – einem Blog angemessen.

Diese Offenheit zahlte sich nicht aus. In Dutzenden Kommentaren wurde Harnden teils heftig beschimpft. Am Donnerstag wurde es dem „Daily Telegraph“ wohl zuviel mit der Transparenz – er entfernte den Eintrag mitsamt den Kommentaren ohne Erklärung von der Seite. Ein Sprecher der Zeitung sagte später, dies sei aus „rechtlichen Gründen“ geschehen.

Und der „Telegraph“ beließ es nicht dabei. Seine Blogger sollen nach einem Bericht des „Guardian“ nun nicht mehr über die Zeitung selbst oder Kunstgriffe und Praktiken der Branche schreiben und ihre Einträge vor der Veröffentlichung von einem Redakteur gegenchecken lassen.

Der „Telegraph“-Online-Nachrichtenchef Shane Richmond teilte seinen bloggenden Kollegen mit, dass Beschimpfungen des Bloggers oder von Lesern nicht mehr geduldet würden, und riet ihnen, auf solche ausfälligen Leser auch nicht in den Kommentaren einzugehen. Vor allem aber warnte er sie:

Please avoid blogging about your relationship with your employer, whether the Telegraph Media Group as an entity, ‚the desk‘ or ‚my boss‘, even in jest. Such comments are frequently misconstrued and can easily backfire.

Think carefully before blogging about journalistic ‚tricks of the trade‘. We don’t want to discourage this because it is one of the things people enjoy reading on the blogs but please be aware of anything that could be misunderstood or turned against you.

In seinem ursprünglichen Eintrag [zu finden hier unter den Kommentaren] hatte Harnden noch unter der Überschrift „Come on reader, make my day“ geschrieben, er könne mit dem heftigen, direkten Feedback der Leser in der heutigen Zeit umgehen. Seine Zeitung kann es offenkundig nicht. Und sie lässt ihn nicht einmal mehr das Dilemma selbst thematisieren.

2+2-6=4

Joachim Huber, Medienredakteur des Berliner „Tagesspiegels“, versucht anlässlich der Jauch-Geschichte das Wesen der ARD mathematisch zu erklären:

Die ARD besteht aus neun Landesrundfunkanstalten. Das sind eine Intendantin und acht Intendanten, multipliziert mit rund 600 Gremienmitgliedern, potenziert durch Dutzende Kommissionen.

Das ist rechnerisch abwegig, aber wenigstens ahne ich, was er meint: Die ARD hat zuviele Entscheider. Aber es geht weiter:

Im Leben des gemeinen Zuschauers ist zwei und zwei gleich vier. Im ARD-Leben geht das anders: zwei und zwei ist zehn minus sechs macht vier.

Hä?

Interviewsimulation der Woche

Diesmal [pdf] im „Interview der Woche“ mit „V.i.S.d.P.“, dem „Magazin für Medienmacher“: N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann.

V.i.S.d.P.: Herr Rossmann, neuerdings droht Ihnen Konkurrenz aus dem Internet, seitdem dort immer mehr Videos zu sehen sind. Wie positionieren Sie sich dagegen mit Ihrem Onlineangebot?

Torsten Rossmann: Natürlich muss das Internet für einen Nachrichtensender im Fokus stehen. Deshalb startet N24 im Jahr 2007 eine Newsoffensive in der digitalen Welt.

V.i.S.d.P.: „Newsoffensive in der digitalen Welt“ ist lustig. Zur Zeit füllen Sie Ihren Internet-Auftritt nicht einmal selbst mit Nachrichten, sondern lassen das von der Netzeitung übernehmen!

Torsten Rossmann: Sie haben ja Recht. Das war, unter uns, auf Dauer kein Zustand für einen Nachrichtensender, für den das Internet natürlich im Fokus stehen muss, sondern ein Armutszeugnis: Nachrichtensender ohne eigene Nachrichten im Internet… Aber wir arbeiten dran. Fragen Sie mich, wie konkret, vielleicht sag ich’s Ihnen.

(via Zeitschriftenblog und Peerblog)

Plogs Klartext über die ARD

So deutlich wie heute NDR-Intendant Jobst Plog hat wohl selten ein leitender ARD-Mitarbeiter in einer Pressemitteilung den Anachronismus und die selbstzerstörerischen Mechanismen des Senderverbundes formuliert:

„Der Vertragsschluss [mit Günther Jauch] wurde durch eine Reihe von Indiskretionen und Nachforderungen aus einigen Landesrundfunkanstalten und deren Gremien gefährdet. Vor diesem Hintergrund habe ich Verständnis für den Entschluss von Günther Jauch. Ich bin zugleich in Sorge, ob es der ARD in Zukunft noch gelingen wird, einen Fernsehstar ähnlichen Formats für sich zu gewinnen.“

RTL macht aus Schulden Geld

Am Mittwochabend lief auf RTL erstmals „Raus aus den Schulden“, offenbar eine Kopie des WDR-Formates „Der große Finanzcheck“, vielleicht aber auch eine Kopie des DMAX-Formates „Money Coach“. Es geht um Menschen, die fast aussichtslos verschuldet sind.

Während der Sendung informierte der Sender die Zuschauer mit einer Einblendung darüber, dass man auf RTLtext-Seite 442 Informationen bekommen könne, wie sie aus der Schuldenfalle herauskommen.

Die RTLtext-Tafel 442 besteht aus drei Seiten. Auf einer stehen ein paar dürre Informationen über die Menschen, um die es in der Folge geht. Die beiden anderen versprechen:

Jetzt frei von Schulden & Schufa
(…) So werden Sie sogar Schufa-Einträge und XXL-Schulden ohne Rückzahlung los.

Und was müssen die überschuldeten Menschen tun, um diese Zauber-Tricks zu erhalten? Nur ein bisschen Geld investieren. Zum Beispiel 5,99 Euro für ein Telefonat ausgeben, um drei doppelseitig bedruckte Blatt Papier zu bekommen. Oder eine 3,99-Euro-teure SMS abschicken, um die sechs Seiten als PDF per E-Mail zu erhalten:

Das kleine „-w-“ auf den Teletextseiten oben bedeutet übrigens, dass es sich um Werbung handelt. In diesem Fall von der Firma Economedia, die einem ehemaligen leitenden Mitarbeiter der RTL-Multimedia-Tochter gehört.

Ich bin kein Experte, aber ich habe auf den teuer bezahlten sechs Seiten (die ich natürlich hier nicht veröffentlichen darf) keinen einzigen Tipp gefunden, wie ich Schufa-Einträge und XXL-Schulden ohne Rückzahlung loswerde. Es hätte mich auch gewundert.

Aber wenn es etwas gibt, das überschuldete Menschen wirklich dringend brauchen, dann eine 3,99-Euro-SMS auf ihrer Telefonrechnung. Und jede Wette: Bei passender Bezahlung würde RTL auch die Zuschauer eines Programmes für Selbstmordgefährdete an einen Hersteller von garantiert reißfesten Stricken verkaufen.