Die hohe Kunst der Moderation

Gerade berichteten die „Tagesthemen“ in ihrem Nachrichtenblock darüber, dass Anne Will die Nachfolgerin von Sabine Christiansen wird, inklusive Film und O-Tönen von Intendanten, die ihre besondere Befähigung rühmten. Und jeder Zuschauer wusste, dass die Gerühmte währenddessen daneben saß und die Sendung moderierte.

Fiese Situation. Soll sie hinterher weitermoderieren, als wäre nichts gewesen? Geht eigentlich nicht. Irgendeinen selbstironischen Witz machen? Wirkt mit großer Wahrscheinlichkeit eitel oder unpassend. Eine ernste Erklärung abgeben? Geht gar nicht.

Ich sitz in solchen Situationen immer mit alberner Angst vor dem Fernseher, den Finger auf der Fernbedienung, falls etwas ganz Peinliches passiert (leider kann ich dann immer erst recht nicht umschalten).

Anne Will aber sagte hinterher einfach so etwas wie: „Ich bleib übrigens noch ein paar Monate“, lächelte, leitete über zum Wetter, und es war wunderbar elegant: unaufgeregt, unpeinlich, unprätentiös.

Ich mag Leute im Fernsehen, die können, was sie tun. Hab ich schon gesagt, dass ich Anne Will toll finde?

Thomas Gottschalk

Ich fürchte, mit kalten Duschen ist es nicht mehr getan. Vielleicht müsste man doch Jungfrauen opfern. Dann würde man Herrn Gottschalk am Nachmittag vor einer großen Sendung ein Mädchen aufs Hotelzimmer schicken. Für den guten Zweck.

Am Donnerstag bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ hat Thomas Gottschalk ungefähr keine Frau auf die Bühne gelassen, ohne ihr seine ausdrückliche Paarungsbereitschaft versichert zu haben. Yvonne Catterfeld erzählte er, dass er gerne mit dem Satz prahle: „Die hatte ich auch schon auf der Couch.“ Eva Mendes, mit der er eine Laudatio hielt, erklärte er: „Wir machen das jetzt gemeinsam. Ich erzähl‘ ein bisschen, und du siehst wunderschön aus.“ Und über den Partner von Veronika Ferres sagte er: „Da isser wieder. Er lässt sie nie allein weg. Aber irgendwann krieg ich dich.“

Längst nimmt Gottschalk beide Teile des Wortes Lustgreis ernst und betont, dass er der Großvater all der Frauen sein könnte, die er öffentlich begehrt. Jede Popgruppe moderiert der 56-jährige mit dem Hinweis an, dass er mit dem Zeug der jungen Leute von heute wenig anfangen kann. Minh-Khai Phan-Thi stellte er mit den Worten vor: „Als sie geboren wurde, habe ich gerade die Hosen der Bay-City-Rollers als Radio-DJ verlost.“ Kim Fisher mit dem Satz: „Als ich geheiratet habe, kam sie gerade in die Schule.“ Längst wird Gottschalk nicht mehr nur von einem anderen Kontinent in unser Fernsehen eingeflogen, sondern aus einer anderen Epoche.

Er wirkt zunehmend wie ein älterer Bruder von Jopi Heesters. Die Menschen, mit denen er da zu tun hat, sind ihm sichtlich fremd, wenn er ihnen nicht schon einmal ein Haus in Malibu verkauft hat. Es hilft auch nicht, dass er seine Texte fast Wort für Wort irgendwo abliest, weshalb er immer an der Kamera vorbeiguckt. Schön war nur der Moment, als er über die Gruppe US5 improvisierte, „ihre großen Erfolge reichen für ein Medley“, und sich herausstellte, dass es konkret aus exakt zwei Stücken bestand.

Ach, und falls das mit den Jungfrauen nicht klappt, könnte man vielleicht Nina Ruge bitten, Gottschalk vor der Sendung regelmäßig irgendwohin zu treten. Als er mit der Kamera das Publikum filmte und sie endlich richtig im Fokus hatte, entfuhr es ihm: „Einmal im Leben hab ich sie scharf gekriegt!“

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Serienverschnitt auf Kabel 1

Sie haben es wirklich getan. Kabel 1 hat die feine britische Polizeiserie „Life On Mars“, die eigentlich ein seltenes Highlight im Programm wäre, verstümmelt.

Die Pilotfolge, die im BBC-Original 59 Minuten lang ist, war auf Kabel 1 netto (also ohne Werbung) nur 52 Minuten lang. Das sind fast zwölf Prozent Verschnitt.

Und Kabel 1 hat nicht nur unmotiviert hier und da mal eine Szene ein bisschen gekürzt. Kabel 1 hat auch eine zwei Minuten lange Schlüsselszene vollständig entfernt. In dieser Szene entwickeln die Polizisten nicht nur die (sich später als richtig herausstellende) Theorie über das Motiv des Serienmörders. Sie stoßen auch auf die entscheidende Frage, warum man seine Opfer nicht hat schreien hören, obwohl er sie nicht geknebelt hat — es ist die Frage, die sie am Ende auf die Spur des Täters führt. Man hätte ungefähr jede andere Szene besser schneiden können als diese.

Aber warum musste Kabel 1 das eine schöne Stück Fernsehen, das sie ausstrahlen dürfen und für das sie in den letzten Tagen heftig geworben haben, überhaupt kürzen? Um inklusive Werbung ins übliche Stundenschema zu passen, ist „Life On Mars“ eh zu lang, mit und ohne Kürzungen. Und was wäre so schlimm daran gewesen, wenn die Drittausstrahlung des Spielfilms „Get Carter“ heute nicht um 22.25 Uhr, sondern vielleicht um 22.40 Uhr begonnen hätte? Mal ganz abgesehen davon, dass Kabel 1 es (wie Deutschland üblich) nicht geschafft hat, die Werbeblöcke zwischen zwei Szenen zu platzieren und einfach die halbe Szene, die vor einer Werbepause anfing, hinterher noch einmal zeigte.

Noch einmal: Bei Kabel 1 schneidet man wichtige Szenen aus den Serien heraus und zeigt andere doppelt. Keiner kann mir erzählen, dass das deutsche Privatfernsehen von Leuten gemacht wird, die das Fernsehen lieben.

[Nachtrag: Bei Nobbi ist das Elend ausführlich dokumentiert.]

Nachtrag, 5. Februar: Das Peerblog berichtet, dass tatsächlich nicht Kabel 1, sondern die BBC selbst für die Kürzungen verantwortlich ist. Unfassbar.

2000 Tage Zuschauerbetrug

„Bei 9Live sind die Spiele transparent, fair und verständlich.“
(Running-Gag des Senders.)

9Live feiert heute eine Art Geburtstag. Und ich möchte gratulieren mit einem weiteren E-Mail-Wechsel mit der Pressestelle des Senders:

Liebe Frau …,

diesmal versuche ich es mit einer einzigen Frage:

Sie schreiben, 9Live sei „bei der Formulierung und Ausgestaltung der Gewinnspiel-Regeln der Landesmedienanstalten maßgeblich beteiligt“
gewesen. In diesen Regeln heißt es: „Der Aufbau von nicht vorhandenem Zeitdruck ist unzulässig.“ Wann immer ich 9Live einschalte, erweckt der Moderator gerade den Eindruck, das Spiel sei sofort zu Ende, die Sendezeit sei abgelaufen, man müsse sofort anrufen etc. In fast allen Fällen stimmen diese Aussagen nicht. Meine Frage lautet deshalb: Inwiefern hält sich 9Live an die von 9Live maßgeblich mitformulierte und ausgestaltete Regel, dass der Aufbau von nicht vorhandenem Zeitdruck unzulässig sei?

Darauf 9Live:

Lieber Herr Niggemeier,

hier meine Antwort auf Ihre Frage:

Wir können nicht ohne zufriedene Zuschauer seit über fünf Jahren erfolgreiches und unterhaltsames Call-TV betreiben. Dazu gehört auch Raum für redaktionelle Gestaltung von Live-Shows im Rahmen der Regeln für TV-Gewinnspiele.

Nun wieder ich:

Liebe Frau …,

dann lassen Sie es mich einfacher formulieren: Baut 9Live nicht vorhanden Zeitdruck auf?

Und 9Live:

Lieber Herr Niggemeiner,

nein, wir veranstalten täglich 14 Stunden Live-Programm, in das wir die verschiedensten Unterhaltungs-Elemente einbauen.

Gut, dann haben wir das geklärt.

Fit für Axel Springer

Die Axel-Springer-Akademie „will Journalisten fit für das digitale Medienzeitalter machen“, sagt sie. Und deshalb lässt sie ihre Journalistenschüler auch bloggen.

Also, nein, natürlich nicht richtig, gottogottogott, wer weiß, was die dann schreiben! Nein, das Blog der Axel-Springer-Akademie heißt „jepblog“ — „jep“ wie „Jan-Eric Peters“, dem Direktor der Akademie. Und Peters schreibt auf, was seine Journalistenschüler aufgeschrieben haben. Er formuliert dann etwa: „Journalistenschülerin Margita Feldrapp schreibt über…“ und dann kann man einen oder zwei Absätze lang lesen, was Journalistenschülerin Margita Feldrapp womöglich in ihr Blog schrübe, wenn sie eines hätte. Aber muss sie ja nicht, sie darf ja in das von Jan-Eric Peters.

Bemerkenswert ist, was den Journalistenschülern bei Axel Springer offenbar beigebracht wird: Sie scheinen zu lernen, Fragen über Gut und Böse „mal dahinzustellen“ (mutmaßlich dahin, wo sie einem bei der Arbeit nicht dauernd im Weg stehen). Die Verantwortung für das, was sie so publizieren, geben sie entweder dem Leser, dem sie ja das liefern müssen, was er verlangt. Oder den Politikern, in deren Intrigen sie sich willfährig einspannen lassen müssen: Die „Veröffentlichung der Seehofer-‚Affäre'“ (zum strategisch für Seehofer ungünstigsten Zeitpunkt, wohlgemerkt) sei jedenfalls „eine logische Konsequenz der Spielregeln, derer sich Politiker bedienen“. Sagt „Bild am Sonntag“-Chef Claus Strunz, sagt Journalistenschülerin Anna von Bayer, sagt Jan-Eric Peters.

Das ist die digitale Zukunft Gegenwart laut Springer: Schuld sind immer die anderen, und warum selbst aufschreiben, wenn es der Chef machen kann?

(Dass man Peters als Journalistenausbilder schon dafür würgen möchte, dass er über die „Tagesthemen“-Moderatorin und mögliche Christiansen-Nachfolgerin schreibt: „Will Anne?“, ist natürlich noch ein anderes Thema.)

Nachtrag: Thomas Knüwer fürchtet sogar, das jepblog könnte bei den Journalistenschülern Neurosen auslösen.

Fernsehen wird durch „Bild“ erst schön

Das hier ist möglicherweise die dümmste Spiegel-Online-Geschichte seit Wochen. Nur weil die Autorin nicht wusste, was jeder weiß, der es wissen will, dass nämlich die Sendungen von „Deutschland sucht den Superstar“, bei denen das Publikum nicht live abstimmen kann, vorher aufgezeichnet werden, und zwar immer schon, lässt sie die RTL-Sprecherin diese bekannte Tatsache „zerknirscht zugeben“.

Und setzt noch einen drauf:

Und das Erstaunliche für die nun enttäuschten Fans: Es ist das gleiche Prozedere wie bei den vergangenen drei Staffeln.

Ja, Hammer. Ich warte auf die Breaking-News-Meldung bei „Spiegel Online“, wenn die Kollegin erfährt, dass auch die Millionäre bei „Wer wird Millionär?“ aus ganz ähnlichem Grund vorher schon feststehen. Aber vermutlich müsste erst „Bild“ drüber schreiben, damit „Spiegel Online“ drauf kommt.

Nachtrag, 22.15 Uhr. Mooooment mal, Spiegel Online. Ihr habt den Artikel ‚unauffällig geändert. Ich weiß, dass da wörtlich stand, die RTL-Sprecherin habe „zerknirscht zugegeben“, dass die gerade gezeigten Sendungen aufgezeichnet sind. Jetzt steht da:

„Das stimmt“, sagt RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer zu SPIEGEL ONLINE und wirkt zerknirscht.

Okay, das ist nicht besser, aber anders. (Was sich sonst möglicherweise geändert hat, kann ich von hier aus leider nicht sagen.)

Und wo ich gerade dabei bin, Spiegel Online: Wenn man ausführlich aus einem (drei Wochen alten) Text in einem Internetmagazin zitiert, ist es wirklich so schwer, unter dessen Namen den Link dorthin zu legen?

Nachtrag, 22.30 Uhr. Erst stand es in „Fudder“. Dann in „Bild“. Aber „Spiegel Online“ kündigt den Text oben rechts auf der Startseite als „EXKLUSIV“ an. Nee, is klar.

„Sie haben die Krawatte gewechselt.“

(Okay, es ist schon über eine Woche alt. Aber immer noch schön.)

Am 19. Januar fragte Jörg Schönenborn im ARD-Brennpunkt über den Orkan „Kyrill“ beim ARD-Wettermann Jörg Kachelmann nach, wie gut er denn mit seinen Prognosen gelegen habe. Und um die Antwort (sehr gut) zu untermauern, zeigte Kachelmann Standbilder von seiner Vorhersage. Was einen etwas, nun ja, beunruhigenden Effekt hatte:


Im Original hier anzuschauen (etwa ab 16:30 Min). Sehr schön auch das Kicherschnaufen Schönenborns, das man im Hintergrund hört.

Jörg Kachelmann

Der zweitgrößte Erfolg im Leben des Jörg Kachelmann war es, 1998 nach der Moderation einer „Einer wird Gewinnen“-Pilotsendung, die der Hessische Rundfunk aus budgettechnischen Gründen nicht ungesendet wegwerfen durfte, nicht von den Kandidaten wegen Verstoßes gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verfolgt worden zu sein. Der größte: Dass man ihn auch hinterher noch Sendungen moderieren ließ, in denen nicht nur Blumenkohlwolken und Tagesthemenströmungsfilme zu Gast sind.

Seit vorgestern ist er wieder Gastgeber der MDR-Talkshow „Riverboat“. Als es um Schwangerschaften ging, sagte er ironisch in Richtung der Schauspielerin Uta Schorn, die 60 ist, aber eher wie 61 aussieht: „Bei ihr ist das Thema seit fünf Jahren durch.“ Als das Gespräch darauf kam, dass Nadine Krüger im Frühstücksfernsehen die angenehme Schicht ab acht machen darf, während Andrea Kiewel früher um 5.30 Uhr anfangen musste, sagte er: „Das ist eben der Unterschied, wenn man aussieht wie Nadine Krüger.“ Kiewel saß ihm dabei als Co-Moderatorin gegenüber. So ist der Kachelmann. Er meint das nicht böse. Er kann nicht anders.

Der MDR hatte ihm für die Premiere offensichtlich den Bart gestutzt und versucht, den Haaren so etwas wie eine Form zu geben. Es nutzte alles nichts. Kachelmann sieht außerhalb seiner Wetterschauen immer aus wie einer, den man gerade kurzfristig als Notlösung von der Straße geholt hat und der hier eigentlich gar nicht hingehört, und genau das ist das Angenehme an Kachelmann. Er schafft keines dieser scheinheiligen Fernsehrituale, ohne es entweder bewusst zu ironisieren oder ungeschickt zu versemmeln. Und wenn das DDR-Urgestein Gerhard „Adi“ Adolph hereinkommt, auf dessen Kopf gerade ein Tier verendet zu sein scheint, kann Kachelmann nicht anders, als zu fragen: „Die Haare nicht gefärbt?“ Auch wenn man dabei nur mit erheblicher Konträrfaszination zusehen kann, ist es irgendwie gut für die Hygiene des Fernsehens, dass sie wenigstens einen reinlassen, der so motzelbärig ist wie er.

Das Wort „motzelbärig“ ist von ihm. Schön oder?

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Inter-was?

Also, mal angenommen bei ProSieben hätte in der Sendung „Schlag den Raab“ nach einer über viereinhalbstündigen, dramatischen Sendung gerade ein Kandidat 1,5 Millionen Euro gewonnen. Würden Sie als ProSieben das nicht aktuell irgendwo auf der Internetseite Ihres Senders vermerken? Oder als Produzent Brainpool/Raab-TV zeitnah irgendwo auf der Internetseite der Sendung? Nicht? Ach so.