Nachrichtenleute unter sich

Liebe Kollegen von „Spiegel Online“,

was kann ich tun, damit Ihr aufhört, die gerade eingestellten Mischmagazine „Sat.1 am Mittag“ und „Sat.1 am Abend“ als „Nachrichten“ zu bezeichnen?

Ich müsste hier irgendwo noch ein, zwei Folgen rumliegen haben, die könnte ich Euch auf DVD brennen. Ich könnte Euch die noch bestehende Homepage zur Sendung ausdrucken und in die Post packen. Der Kollege Schader hat mehrere Artikel über „Sat.1 am Mittag“ geschrieben, die leiht er Euch bestimmt. Ihr könntet Euch, um ein grobes Bild zu bekommen, eine Ausgabe der RTL-Sendung „Punkt 12“ ansehen und die darin enthaltenen Spurenelemente von Relevanz sowie 80 Prozent der aktuellen Bezüge abziehen. Ich würde Euch nachträglich diesen Ausschnitt aus einem Artikel von mir widmen, der am 26. März 2006 in der „FAS“ erschien:

Diese Woche im aktuellen Magazin „Sat.1 am Mittag“: ein täglicher Gang durch das hochsommerliche Berlin mit den Stromkontrolleuren von der Bewag. Die Bewag gibt’s längst nicht mehr, und ob es je wieder einen Sommer in Berlin geben wird, ist auch gerade offen. Sehen Sie demnächst bei „Sat.1 am Mittag“: Was beim Transit in die DDR zu beachten ist. Und: Unterwegs mit dem Heizer – wie Dampflokomotiven unser Leben verändern werden.

Ich würde Euch das Video runterladen, in dem eine Familie beim Weihnachtseinkauf mit Kindern begleitet wird, und ein Mädchen heult, „weil der Weihnachtsmann immer denkt, eine große Sache reicht“; ein Ausschnitt, der 2002 bei „TV Total“ rauf und runter lief und Weihnachten 2006 in „Sat.1 am Mittag“ als neu verkauft wurde. Bestimmt ließe sich zur Not auch „Sat.1-am Mittag“-Expertin Betty Ballhaus als Zeugin laden, ein dickbusiges Model, das in einem investigativen Beitrag für die Sendung zum Beispiel zur Fußball-WM versuchte, Männer mit dem Angebot einer erotischen Autowäsche vom Fernseher wegzulocken. Womöglich könnte es uns mit vereinten Kräften sogar gelingen, ein paar der Mädels aufzutreiben, die für „Sat.1 am Mittag“ Push-Ups, C-Strings, Strapse, Pumps, Print-Bikinis und Gefrierbeutel getestet haben.

Also, was kann ich tun, damit Ihr versprecht, „Sat.1 am Mittag“ nicht mehr als Nachrichtensendung zu bezeichen, insbesondere dann, wenn Ihr das mit falschen Zahlen kombiniert wie hier:

PS: Und um vielleicht noch einen relativ aussichtslosen Versuch zu unternehmen, in die Diskussion, ob Sat.1 in Zukunft überhaupt noch die Bedingungen eines Vollprogrammes erfüllt, so etwas abwegiges wie Fakten einzustreuen…

Ich finde die Logik der Sat.1-Sparmaßnahmen und die Art ihrer Ausführung ja auch höchst beunruhigend. Aber: „Sat.1 am Mittag“ ist überhaupt erst vor eineinhalb Jahren eingeführt worden. Vorher liefen auf dem Sendeplatz schön „Vera am Mittag“ und Wiederholungen von „Lenßen & Partner“ und „Verliebt in Berlin“. Und die Nachtausgabe der Sat.1-News, die jetzt ebenfalls abgeschafft werden soll, gibt es auch erst seit März 2001. Oder auf die Lebenswelt von „Spiegel“-Mitarbeitern übertragen: Nach „Harald Schmidt“ kamen keine Nachrichten, sondern das „Girls Camp“. Die Sendelizenz von Sat.1 war deshalb nicht in Gefahr.

Schreib das ab, Kisch!

Man merkt dem „Focus Online“-Artikel über Natascha Kampusch ein gewisses Unbehagen an, einfach so eine „Bild“-Meldung zu übernehmen. Die Autorenzeile lautet verblüffender-, aber irgendwie ehrlicherweise:

it/“Bild“

und Herr oder Frau „it“ haben sich nicht davor gescheut, extensiven Gebrauch vom Konjunktiv zu machen:

Die 19-Jährige sei kürzlich mit dem 21-jährigen Sohn ihres Anwalts im Wiener In-Club „Babenberger Passage“ gesehen worden, vermeldete die „Bild“-Zeitung am Dienstag unter Berufung auf das österreichische Boulevardblatt „Krone“. Der Jüngling mit Drei-Tage-Bart habe Kampusch vertraut seine Hand an den Kopf gelegt und sie gedrückt. Kampusch habe im silberfarbenen Paillettenkleid ausgelassen getanzt und die Arme hochgeworfen.

Er wirkt fast rührend, dieser Versuch journalistischer Distanz, dabei hätte der „Focus Online“-Autor nur in eine „Bild“-Zeitung schauen müssen, um sich selbst ein Bild von dem „silberfarbenen Paillettenkleid“ machen zu können. Auch die hochgeworfenen Arme hätte er mit Augen gesehen und selbst beschreiben können. Notfalls hätte es schon ein Besuch bei bild.de getan.

Immer, wenn ich auf irgendwelchen Podien oder vor Journalistenschülern sitze, schwärme ich davon, dass man sich im Internet-Zeitalter nicht mehr auf die Kolportagen und Zusammenfassungen von Journalisten verlassen muss, sondern sich eine erstaunliche Zahl von Quellen selbst im Original ansehen kann. Online-Journalisten bei vermeintlichen Qualitätsmedien ist dieser Gedanke vollständig fremd.

Der „Focus Online“-Mensch kam, wie viele seiner Kollegen, auch nicht auf die Idee, wenigstens schnell nachzusehen, ob er die Ursprungsmeldung in der Online-Ausgabe der „Kronen“-Zeitung findet. Dort hätte er die verblüffende Entdeckung machen können, dass die „Krone“, die der „Bild“ vermeintlich als Quelle dient, an der Enthüllung überhaupt keinen Anteil hat. Sie schreibt:

Ist Natascha Kampusch nach ihrem Martyrium zum ersten Mal richtig verliebt? Das zumindest behauptet die Gratiszeitung „heute“ und zeigt Bilder der 19-Jährigen (…) beim Tanzen mit einem „supernetten Burschen mit Hugh-Grant-Mähne“.

Mit ein bisschen tricksen hätte der „Focus Online“-Autor sogar die Ursprungsmeldung in „heute“ noch online gefunden — die Zeitung hat ihren Tabubruch, unautorisierte Fotos von Kampusch zu veröffentlichen, wirklich außerordentlich eklig verpackt:

Blitz! Blitz! Und noch ein Blitz! Was ein Paparazzo beim In-Clubbing in der Wiener Babenberger-Passage auf seinem Foto-Chip festhält, ist zu schön, um nicht erzählt zu werden: Der Welt traurigstes Mädchen, einst blass-kränklich, fast nicht mehr an eine Flucht aus seinem Kellerverlies glauben wollend, es ist glücklich – und sooooo fantastisch-glücklich verliebt.

Natascha Kampusch (19), die zarte Starke, die 3096 Tage einem Kidnapper ausgeliefert war, fühlt ihre erste große Liebe: Der supernette Bursch mit der Hugh-Grant-Mähne, den sie auf der knallvollen Tanzfläche herzt, umarmt sie, drückt sie, küsst sie. (…)

Noch ein Schnappschuss, der die volle Lebensfreude dieser zwei süßen Teenager einfängt, noch ein Digi-Shot, der Nataschas neues, gutes Leben ein Jahr nach ihrer gelungenen Flucht zeigt. Mädchen, wir freuen uns mit Dir!

Die „heute“-Zeitung war übrigens stolz darauf, die Privatsphäre des angeblichen Liebhabers zu schützen („Bewusst wählten wir ein Bild, das seine Identität keinesfalls preisgibt“). Das Outing übernahmen dann die Boulevardkollegen von „Österreich“, die von der „Kronen“-Zeitung zitiert wurden, die sinnentstellend von der „Bild“-Zeitung zitiert wurde, die von „Focus Online“ zitiert wurde.

(Die „Augsburger Allgemeine“ entschied sich für einen anderen, etwas kürzeren Weg: Sie beruft sich bizarrerweise auf „Welt Online“, deren Meldung keinen Hinweis auf Autor oder Nachrichtenagentur hat, über weite Strecken aber mit einer vorher veröffentlichten Meldung der Schweizer Boulevardzeitung „20 Minuten“ identisch ist und sich wie sie auf „heute“ beruft.)

Mit fünf, sechs Klicks und zehn Minuten Recherche hätte jeder Online-Redakteur, der wollte, eine Natascha-Kampusch-Geschichte haben können, die nicht nur richtiger gewesen wäre als die „Bild“-Variante, sondern auch weniger voyeuristisch, origineller und spannender: Die Geschichte eines doppelten Tabubruchs.

Aber aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstehe, glauben die kommerziellen Online-Medien in Deutschland, es sei wichtig für ihren Erfolg, dass bei ihnen dasselbe steht wie überall sonst.

(via BILDblog, natürlich)

Die Quote ist tot, es lebe die Rendite

Man kann es nicht deutlich genug sagen: Es geht bei Sat.1 nicht darum, dass da gerade kluge, informative, relevante, irgendwie nachrichtliche Sendungen abgewickelt würden. Wer die Formate „Sat.1 am Mittag“ oder „Sat.1 am Abend“ als „Nachrichten“ oder „wichtige Informationssendungen“ bezeichnet, wie u.a. die „Süddeutsche Zeitung“, Spiegel Online und die Agentur ddp, beweist damit, dass er die Programme nie gesehen hat. Es handelt sich um Sendungen, in denen Strapse, Push-Up-BHs und „sexy Badeanzüge“ getestet, teils Jahre alte Doku-Soaps in Häppchen zerlegt wiederverwertet und idiotische Gewinnspiele veranstaltet wurden.

Das Problem ist nicht, dass den neuen Besitzern von Sat.1 die Produktion von Nachrichtenmagazinen zu teuer geworden ist. Das Problem ist, dass den neuen Besitzern von Sat.1 selbst die Produktion dieser billigsten Magazinattrappen zu teuer geworden ist.

Man könnte das für eine gute Nachricht halten, ein Ende der Heuchelei: Informationssendungen in nennenswertem Umfang haben die Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe schon lange nicht mehr im Programm, warum soll man den Schein-Informationssendungen, die sie stattdessen ausgestrahlt haben, nachtrauern?

Darum: Weil sie ein Zeichen dafür waren, dass den Sendern noch nicht alles, was nicht „Rendite“ hieß, ganz egal war. Die Sendungen hatten ja nicht zufällig Namen und Verpackungen, die sie seriöser wirken ließen, als sie waren: Ihre Existenz verdanken sie unter anderem der Annahme, dass es sich für einen großen Sender, auch für einen Privatsender, auszahlt, wenn er ein gutes Image hat. Wenn er als irgendwie relevant wahrgenommen wird und nicht nur als beliebige Abspielstation mit den schönsten Serien der 80er und 90er und dem Besten von heute.

Die Absetzung der Magazine zeigt, dass die Finanzinvestoren, denen ProSiebenSat.1 jetzt gehört, auf solche Strategien, die langfristig zum Erfolg eines Senders beitragen, pfeifen. Wenn es aber ausschließlich darum geht, in möglichst kurzer Zeit mit möglichst wenig Einsatz eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften, dann geht es um die Existenz von viel mehr als ein paar Boulevardmagazinen. Dann lohnt es sich auch nicht mehr, in die Entwicklung eigener Serien zu investieren oder hochwertige Fernsehfilme zu produzieren. Dann wird es nie wieder gewagte Experimente geben und Prestigeprogramme, keinen langen Atem und keinen Glauben an die eigene Kreativität, kein Durchhalten, weil man von der Qualität oder gar Relevanz eines Programms überzeugt ist. Dann wird es, in einem noch viel stärkeren Maße als bisher, ausschließlich billige Dokusoaps, billige Gerichtsshows, billige Pseudo-Dokumentationen, eingekaufte Serien und tausendfache Wiederholungen, Kopien und Imitate geben.

Natürlich wird ein Sender wie Sat.1 dadurch Zuschauer verlieren. Das wird den neuen Besitzern aber noch egaler sein, als es den alten schon war. Ziel der Privatsender ist es ja nicht, so viele Zuschauer wie möglich zu erreichen. Ihr Ziel ist es, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Und beides hängt nicht zwingend zusammen. Das Beispiel „Sat.1 am Mittag“ zeigt es: Es ist unmöglich, die Absetzung der Sendung mit ihrem mangelndem Erfolg zu begründen. Nach einer schwierigen Anfangsphase hat die Sendung in den vergangenen Wochen hervorragende Quoten erzielt. Die letzte Sendung gestern hatte in der Zielgruppe einen Marktanteil von 18 Prozent – Sat.1 kommt in diesem Monat bisher auf im Schnitt 10,9 Prozent. Auch „Sat.1 am Abend“ lag gestern über diesem Wert. Aber natürlich lassen sich Sendungen produzieren, die etwas weniger Zuschauer haben, aber viel weniger kosten – und ein besseres Verhältnis von Aufwand zu Ertrag haben, rein finanziell gerechnet.

Es ist natürlich eine Lüge, wenn sich ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch hinstellt und behauptet, die Entlassungen und Absetzungen hätten etwas damit zu tun, dass gerade die Quoten von Sat.1 so schlecht sind. Es ist genauso eine Lüge wie all die Beteuerungen der vergangenen Monate, es werde nicht zu Sparmaßnahmen im Programm und nicht zu größeren Entlassungswellen kommen. Aber auch das ist Teil der neuen, verschärften Privatfernsehlogik: Wer nur auf den kurzfristigen Ertrag setzt, kann es sich auch leisten, in der Öffentlichkeit als Lügner dazustehen. Er kann es sich auch leisten, treue Serienfans ununterbrochen zu verprellen, wie es ProSieben seit einiger Zeit mit großer Konsequenz tut, offenbar immer mit dem Kalkül, dass es wichtiger ist, kurzfristig die Zahlen zu bessern als sich langfristig eine treue Fangemeinde aufzubauen.

Bei Sat.1 zeigt sich gerade in besonders krasser Form, was Günther Jauch mir in einem Interview vor zweieinhalb Jahren gesagt hat:

Es gibt eine Entwicklung, der zumindest ARD, ZDF, RTL, Sat.1 und Pro Sieben nicht folgen sollten. Es funktioniert so: „Wir holen eine alte Krimiserie aus dem Keller oder produzieren zu absoluten Billigpreisen irgendein neues Schrottprogramm nach amerikanischem Vorbild. Selbst wenn wir damit nur eine schwache Quote schaffen, bleibt letztlich mehr in der Kasse, als wenn wir ein Qualitätsprogramm mit Quote produzieren.“ Dann wäre die Quote sogar im kommerziellen Fernsehen nicht mehr so wichtig. An ihre Stelle tritt die Rendite – oder bei den Öffentlich-Rechtlichen die möglichst billige Produktion. Wenn keiner mehr den Ehrgeiz hat, Qualität zu machen, oder Quote – oder Qualität mit Quote zu verbinden, was durchaus geht -, dann krieg‘ ich als Journalist und Moderator, aber auch als Produzent ein Problem. Denn dann wird das Fernsehen richtig freudlos. Bisher war alles ganz einfach: „Mach ’ne schöne Quote“, das war das wichtigste, „und ’ne schöne Sendung haste auch noch gemacht, prima.“ Danach wurde man bewertet. Da droht gerade ein Paradigmenwechsel, der für Leute, die auf Quote und Qualität setzen, zum Problem werden kann.

Man sollte sich nicht davon täuschen lassen, dass diesem Paradigmenwechsel gerade Sendungen wie „Sat.1 am Mittag“ zum Opfer fallen, denen man, wenn man mit ihnen nicht seinen Lebensunterhalt verdient, wirklich keine Träne nachweinen mag. Die Freudlosigkeit des Fernsehens hat gerade erst richtig begonnen.

Lesetipps (teils Eigenwerbung):

— medienpiraten.tv über Sat.1 am Mittag
— Der Popkulturjunkie über die skandalösen Falschmeldungen der Gewerkschaften und die Mär, dass Sat.1 ein Lizenzentzug droht
— „Das Fernsehlexikon“ über Hilferufe aus dem Sat.1-Text und das Programmrecycling bei Sat.1
— DWDL.de über die offizielle Begründung der Absetzungen und Kündigungen

Beste Informationsquelle über die Vorgänge bei ProSiebenSat.1 ist übrigens ohne Zweifel das Online-Medienmagazin DWDL.de. Die entsprechende Eigenlobhudelei von DWDL-Chef Thomas Lückerath im Redaktionsblog liest sich zwar, freundlich formuliert: ein bisschen merkwürdig. Aber im Kern hat er Recht.

Super-Symbolfotos (19-20)

Der Wahnsinn hat System.

In Mecklenburg-Vorpommern haben Rechtsextremisten an einem See ausländerfeindliche Parolen gebrüllt, den Hitlergruß gezeigt, Badegäste belästigt und mit einer Maschinenpistole in die Luft geschossen? Da haben die Leute von n-tv doch eine lustige Illustrationsidee:

Gut, selbst schuld, wer sich bei n-tv.de infomiert. Bei sueddeutsche.de, das seit einigen Monaten von einer Qualitätsoffensive erschüttert wird, sieht das natürlich ganz anders aus:

(Nachdem ich bei n-tv.de nachgefragt habe, ob das ihr Ernst sei, ist das Foto ausgetauscht worden.)

[Via Zapp und Theo in den Kommentaren]

Super-Symbolfotos (18)

Vielleicht sollte jemand den Kollegen von sueddeutsche.de sagen, dass die Frau auf dem Foto, mit dem sie ihre Meldung bebildern, dass die Deutschen seltener krank feiern, seit fast vier Jahren nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen ist. Ute Mora, die Schauspielerin der Berta Griese in der „Lindenstraße“, aus der das Foto stammt, ist am 3. September 2003 gestorben.

(Endeckt von Marc.)

Nachtrag, 14.30 Uhr. Offenbar fand sich nun doch noch ein anderes Symbolfoto.

Monika Piel

Bestimmt gibt es einen Grund, warum die WDR-Intendantin Monika Piel den „Presseclub“ moderiert und nicht jemand, der sowas kann.

Schön wäre zum Beispiel jemand, der es schaffte, bei der Begrüßung von vier Journalisten die Namen von mehr als zwei Zeitungen richtig auszusprechen. Aber das wäre sogar optional, wenn es nur jemand wäre, der wüsste, wer diese Menschen überhaupt sind, mit denen er oder sie da eine Dreiviertelstunde lang am Sonntagmorgen über Politik redet. Und, in einer idealen Welt, die Zuschauer an diesem Wissen sogar teilhaben ließe.

Also eine Moderatorin, die am vergangenen Sonntag Udo Ulfkotte nicht nur als „Publizisten“ vorgestellt hätte, ohne jeden weiteren Hinweis, was er wo publiziert. Eine Moderatorin, die gewusst und gesagt hätte, dass Ulfkotte, der bis 2003 FAZ-Redakteur war, längst weniger Journalist ist als Politiker, seit einem Monat prominentes Mitglied der rechtspopulistischen Bremer Wählervereinigung „Bürger in Wut“* und bekanntermaßen seit längerer Zeit schon intensiv mit der Gründung einer bundesweiten Anti-Islam-Partei beschäftigt (selbst auf der Homepage zur Sendung fehlt jeder Hinweis darauf). Eine Moderatorin, die es wichtig gefunden hätte, dass die Zuschauer in dieser Diskussion über die Bedrohung durch Terroristen wissen, wie Ulfkotte zum Islam steht, über dessen Möglichkeit zur „Läuterung“ er laut „Tagesspiegel“ gesagt hat: „Der Dialog wird immer als Hoffnung dargestellt, aber es wird ihn nicht geben.“ Eine Moderatorin, die jede Diskussion über Ulfkottes durchaus radikale Positionen, seine mangelnde Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus und seine Rhetorik auch in der Sendung von „den Moslems“ auf der einen Seite und „uns“ auf der anderen, nicht schon dadurch verhindert hätte, dass sie diese Positionen stellvertretend für Ulfkotte verklärte und entschärfte.

Aber der „Presseclub“ wird ja nicht von so einer Moderatorin geleitet, sondern von Monika Piel. Einer ARD-Journalistin, die unbeschwert die überraschende (und falsche) These in die Runde warf, man dürfe in Deutschland, wenn man das Grundgesetz ändern würde, auch vollbesetzte entführte Linienflugzeuge abschießen lassen, um zu verhindern, dass sie als Waffen missbraucht werden. Die sich zum Dolmetscher und Weichspüler eines Populisten machte, dessen politische Ambitionen sie nicht einmal andeutete. Und die die Diskussion mit verblüffender Logik begann: „Die versuchten Anschläge in London und in Glasgow haben gezeigt, dass (…) es nicht nur die Briten, sondern auch die Deutschen treffen könnte.“

Wenn es nicht so schlimm wäre, könnte man darüber lachen.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

*) In der „Sonntagszeitung“ steht „Bürger in Not“ statt „Bürger in Wut“, was mein Fehler war und sehr peinlich ist.

Schwarzer-Humor

Alice Schwarzer wirbt für „Bild“.

Die Frau, die vor knapp 30 Jahren den „Stern“ wegen sexistischer Titelbilder verklagt und vor knapp 15 Jahren Aktfotos von Helmut Newton „sexistisch“, „faschistisch“ und „rassistisch“ genannt hat, wirbt für das Blatt, das vielleicht mehr als jedes andere gegen die Gleichstellung der Frau getan hat, in dem irgendwelche Studentinnen zu sexsüchtigen „Nymphomaninnen“ werden und jeden Tag Hupen-Alarm ist und das über eine Mittvierzigerin, die gerade erfahren hat, dass ihr Mann als Mörder gesucht wird, schreibt, es sei für sie „wie ein Hauptgewinn im Lotto“ gewesen, dass sie „noch mal einen zehn Jahre jüngeren Mann abgreifen“ konnte.

Erster Gedanke: Die haben sie nicht gefragt. Die nehmen sie einfach als Werbefigur, ohne eine Genehmigung einzuholen.

Falsch. Die haben sie gefragt. Sie haben bei Frau Schwarzer angefragt, ob sie gegen ein Honorar für „Bild“ werben will, und sie hat Ja gesagt.

Zweiter Gedanke: Sie muss einen guten Grund haben. Als „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann eine Werbeaktion mit willigen, sexgeilen jungen Frauen erfand, diagnostizierte Schwarzers Zeitschrift „Emma“ bei ihm noch einen „sehr persönlichen Trend zur Pornografie“ und urteilte über die Kampagne, sie ziele „auf eine Verhurung aller Frauen“. Als Sibel Kekilli „Bild“ öffentlich wegen der „dreckigen Hetzkampagne“ gegen sie angriff, lobte „Emma“ sie noch für ihren „Löwinnenmut“. Als die „Bild“-Zeitung vor zweieinhalb Jahren eine Papstaudienz bekam, schrieb „Emma“ noch über die „bigotte Mischung von Frömmelei und Obszönität“ der „Bild“-Zeitung und kennzeichnete das tägliche Seite-1-Mädchen als „die übliche heiße Hündin mit verblödetem Blick und gespitzten Ficklippen“.

Aber vielleicht findet Alice Schwarzer ja, dass „Bild“ sich gebessert hat. Vielleicht hat sie kein so kritisches Verhältnis mehr zu „Bild“ und zweifelt nicht mehr so sehr an dem Wahrheitgehalt dessen, was „Bild“ schreibt. Vielleicht hat sie irgendeinen Grund gefunden, der dafür spricht, für diese Zeitung jetzt doch und trotz allem zu werben.

Falsch. Auf ihrer Homepage beantwortet Alice Schwarzer die Frage, warum sie an dieser Werbeaktion teilnimmt, so:

Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde — von Gandhi bis Willy Brandt — auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu.

Sie selbst.

Womöglich hat sie nicht gemerkt, dass die anderen in dieser Runde — von Gandhi bis Willy Brandt — sich nicht mehr dagegen wehren konnten, von „Bild“ zu „Bild“-Werbefiguren gemacht zu werden. Womöglich glaubt sie sogar, dass „Bild“ mit dieser Kampagne für sie wirbt und nicht sie für „Bild“.

Jedenfalls findet Alice Schwarzer es gut, dass Alice Schwarzer ihren verdienten Platz bekommen hat. Als Alice Schwarzer findet sie es gut. Und als Frau. Denn sie macht das ja nicht nur für sich. Sie macht das als Kämpferin für die Gleichberechtigung: Wo kämen wir denn da hin, wenn nur Männer für dieses bigotte, frauenverachtende Blatt würben?

Von Nornen und externen Nasebohrern

„Norman E. Mailer“ hat sich die Mühe einer detaillierten Bildbetrachtung einer Aufnahme des „Welt“-Newsrooms gemacht.

… Unterstützt wird die maschinelle Unerbittlichkeit des auf die Zukunft gerichteten Prozesses durch die Exponiertheit der technischen Bildschirmaufhängungen, die mit ihren kalten Industriefarben (grau und metall) auf das Fließband als Vorbild tayloristischer Produktionsweisen deuten. Die suggerierte Flexibilität durch schwenkbare Bildschirme wird konterkariert durch die Einheitlichkeit der Ausrichtung und einheitliche Höhe der Bildschirmjustage. Als weiteres, fast schon nostalgisches Attribut journalistischen Arbeitens ist jedem Bildschirm ein Telefon beigesellt. Form und Ausgestaltung der Telefone gemahnen jedoch eher an die Verwendung als „Abteilungstelefone“, als dass sie auf den Verwendungszweck des Telefons als Werkzeug echter Recherche verweisen. Überhaupt ist es nur schwer vorstellbar, dass in der dargestellten Situation von einem, geschweige denn von mehreren dieser Apparate Telefonat geführt werden. …

Sensationell. Lesen!

Wie man aus nichts eine Meldung macht

Auch Herr Knüwer verzweifelt an der schlechten Arbeit der Nachrichtenagenturen und der vielfachen Verbreitung ihrer Fehler. Sein Aufhänger ist die Meldung, die man zum Beispiel bei „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Rowling schürt Hoffnung auf achten Band“ lesen kann. Es ist eine Überschrift, die am Montag sicher häufig geklickt wurde, und sie ist falsch.

Man kann sich nämlich ansehen, was Joanne K. Rowling am Freitag in der BBC zu Jonathan Ross über die Zukunft von Harry Potter gesagt hat, und es war wörtlich:

I think that Harrys story comes to quite a clear end in book seven. But I’ve always said that I wouldn’t say never. I can’t say I’ll never write another book about that world, just because I think: What do I know, in ten years‘ time I might want to return to it. But I think it’s unlikely.

(Ich finde, Harrys Geschichte findet im siebten Band ein klares Ende. Aber ich habe immer gesagt, dass ich nie nie sagen würde. Ich kann nicht sagen, dass ich nie wieder ein Buch über jene Welt schreiben werde, einfach weil ich denke: Ich weiß ja nicht, ob ich nicht in zehn Jahren vielleicht dazu zurückkehren will. Aber ich glaube, das ist unwahrscheinlich.)

Sie spricht nicht von einem Harry-Potter-Buch, sondern von einem Buch, das in dessen Welt spielt, und sie macht selbst darauf wenig Hoffnung. Und doch steht das Gegenteil überall, nicht nur online. Quelle ist die Nachrichtenagentur AFP, die seit Montagnachmittag mehrere entsprechende Meldungen sowohl international als auch auf deutsch verbreitet. Herr Knüwer fragt sich, warum überhaupt erst jetzt, wenn doch das BBC-Interview am Freitag war. Die Antwort ist einigermaßen erschütternd: Weil AFP das Zitat umdatiert und in einen anderen, spannenderen Kontext gerückt hat:

Fans der Romanserie „Harry Potter“ können möglicherweise aufatmen: Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling ist am Montag von ihren vorherigen Äußerungen abgerückt, sie wolle die erfolgreiche Reihe nicht fortsetzen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte Rowling nach Angaben ihres Verlags Bloomsbury. (…)

Mit ihrer Erklärung reagierte Rowling auf eine am Montag im Internet gestartete Initiative zur Fortsetzung der Romanserie. (…)

Aber hat sie das nicht schon am Freitag gesagt, also vor dem Start der Unterschriftenaktion im Internet? Ja, hat sie. Und auf Nachfrage am Montag hat ein Sprecher offenbar auch nur bestätigt: „As she said on Friday night in her BBC interview with Jonathan Ross — never say never.“

Wenn Rowling also von früheren Erklärungen abgerückt ist, dann nicht als Reaktion auf die neuen Protestinitiativen. Im BBC-Interview sagt sie aber ausdrücklich, sie sei von gar nichts abgerückt („I’ve always said…“). Und tatsächlich findet sich zum Beispiel eine Meldung der Nachrichtenagentur AP vom 4. März 2004, in der sie die Frage, ob sie nach dem siebten Band weitere Harry-Potter-Bücher schreibe wolle, so beantwortet:

„Probably not. But I’ll never say never because every time I do, I immediately break the vow.“

Auch am Wortlaut von Rowlings Sätzen in der BBC hat AFP ein bisschen geschraubt. In der deutschen Meldung wird sie mit den Worten zitiert, Harrys Geschichte nehme „traurigerweise“ im siebten Roman einen ziemlich deutlichen Ausgang. In der englischen AFP-Meldung ist der ganze Satz zitiert: „I think that Harry’s story comes to quite a clear end, sadly.“ Aber das „sadly“, das so gut zur Mär von der Autorin passt, die nicht mehr aufhören kann, über ihren Helden zu schreiben, hat sie im Original nicht gesagt.

Wie man es dreht: Die Nachricht ist keine Nachricht. Es ist nur genau die Geschichte, die die Journalisten schreiben und die Leute lesen wollen, und deshalb steht sie überall.