Henryk M. Broders Recherchophobie (271)

Weil sich der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), dafür ausgesprochen hat, die islamfeindliche Internetseite „Politically Incorrect“ vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, hat der Publizist und „Spiegel“-Autor Henryk M. Broder ihm einen Brief geschrieben. Er fragte ihn,

(…) ob sie den verfassungsschutz auch darum gebeten haben, websites wie z.b. „muslimmarkt.de“ (http://www.muslim-markt.de/) zu beobachten, weil dort antisemitische propaganda betrieben wird.

Es entwickelte sich ein von beiden Seiten eher unentspannt wirkender E-Mail-Wechsel, den Broder auf der Internetseite „Die Achse des Guten“ veröffentlicht hat. Edathy teilte Broder schließlich mit,

(…) dass meines Wissens die Internetseite http://www.muslim-markt.de vom Verfassungsschutz ausgewertet wird.

Er fügte als Post Scriptum, wie als Beleg, ausgerechnet einen Auszug aus dem Wikipedia-Eintrag zu „Muslim-Markt“ hinzu, was Broder zu einer ironischen Replik veranlasste:

ich bin zutiefst beruhigt, dass der vorsitzende des innenausschusses des bundestages sich über die aktivitäten des verfassungsschutzes aus wikipedia informiert.

Jahaha, was für ein Depp, der Edathy.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob in dem E-Mail-Wechsel, den Broder stolz präsentiert, wirklich der Politiker vorgeführt wird — oder nicht die Recherchophobie Broders.

Broder lässt offen, ob „Muslim-Markt“ nun vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Womöglich hat er’s nicht rausgefunden, und wer will schon einem Innenausschuss-Vorsitzenden glauben, der die Wikipedia zitiert. Allerdings behauptet der Wikipedia-Eintrag nicht nur, dass muslim-markt.de vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sondern gibt auch eine gute Quelle an, auf die man sogar glatt ohne Wikipedia hätte kommen können: den Verfassungsschutzbericht.

Die aktuelle Ausgabe für das Jahr 2007 ist seit einigen Wochen öffentlich und als pdf kostenlos für jedermann einzusehen. Hätte Broder kurz nachgesehen, hätte er auf Seite 207 zwei Absätze über „Muslim-Markt“ gefunden.

Aber was hätte er dann Edathy fragen sollen und worüber sich ärgern?

Geht wieder

Danke der Nachfrage: Es hatte keine juristischen Gründe, dass diese Seite seit gestern Abend nicht erreichbar war. Es waren technische Gründe.

Ob das mit irgendeinem böswilligen Angriff, einem zufälligen Besucheransturm oder einem Schluckauf bei Host Europe zu tun hat, weiß ich allerdings nicht.

Kurz verlinkt (19)

Wie kann man eigentlich erkennen, ob eine Äußerung gegen Persönlichkeitsrechte verstößt? An sich geschützte Meinungsäußerungen können etwa leicht in unzulässige Tatsachenbehauptungen umgedeutet werden. Nach gegenwärtiger Rechtsprechung ist das doch selbst für Experten faktisch unmöglich, die Meinung der Rechtsprechung vorher zu sagen.

Buske: Nicht bei uns. Wir verbieten praktisch immer.

Telepolis hat kein Interview mit dem Vorsitzenden Richter der Hamburger Pressekammer, Andreas Buske, geführt. Leider ist ungefähr alles, was er nicht sagt, keine Satire.

[Disclosure: Unter dem Vorsitz von Buske hat das Hamburger Landgericht in Sachen Callactive gegen mich entschieden.]

Journalismus zu Grabe getragen

Am 20. Mai ist der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin gestorben. Erwin war ein höchst umstrittener Politiker. Aber das ahnt man nicht, wenn man sieht, wie die „Rheinische Post“ publizistisch mit seinem Tod umgeht. Die Sonderseite, die sie in ihrem Online-Auftritt angelegt hat, lässt einen erahnen, wie das Zentralkomitee der SED die Möglichkeiten des Internets genutzt hätte (unter der Voraussetzung natürlich, sie hätte für jeden Mausklick Devisen bekommen).

Der folgende Überblick ist sicher unvollständig.

Erwins Leben dokumentieren drei Bildergalerien: „Sein Leben in Bildern“ (35 Bilder), „Erwin mit großem Herz für Fortuna“ (10 Bilder), „Erwin: Chronologie seiner Krankheit“ (6 Bilder) und ein Nachruf im Video. Weil Erwin in vielen Gremien und Vereinen saß, widmet „RP-Online“ dem Thema nicht nur einen Artikel, sondern auch eine 47-teilige Klickstrecke mit je einem von Erwins Ämtern („ohne Anspruch auf Vollständigkeit“). 274 Teile hat die Übersicht über die „Wünsche für Düsseldorf“, die die Leser äußern konnten.

24 Bilder dokumentieren, wie die Düsseldorfer um Erwin trauern. In rund einem Dutzend kurzen Filmen, die teilweise aus anderen Gründen erschütternd sind, als die „Rheinische Post“ glaubt, erzählen einzelne Düsseldorfer zum Beispiel, dass sie sich jetzt gleich ins Kondolenzbuch eintragen werden.

Von der Beerdigung hat der Videoreporter der „RP“ kleine, karg kommentierte Filme gedreht: über das Versammeln der ersten Trauergäste, das Versammeln weiterer Trauergäste, das Versammeln noch weiterer Trauergäste, eine leichte Verzögerung, das Heraustragen des Sarges aus der Kapelle, den Abschied der Karnevalsgesellschaften, das Verlassen der Kapelle durch die Trauergäste, den Marsch zum Grab, den Auszug aus der Kirche, den Weg durch den Friedhof, das Grablied, die Blumenkränze.

Ein Videobericht von Center.TV schildert, dass bei der Beerdigung „gedrückte Stimmung“ herrschte, die Schützen aber in „voller Uniform“ gekommen seien, ein anderer fasst in einer Viertelstunde die Trauerfeier zusammen, an der unter anderem „Vertreter aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Brauchtum, Sport und Medien“ teilgenommen hätten.

Eine Reporterin schildert den Ablauf von Trauerfeier und Beerdigung in einem minutengenauen Live-Ticker („9.48 Uhr vor der Lambertuskirche: Die Atmosphäre vor der Kirche ist gedämpft. Einige wenige Menschen unterhalten sich leise flüsternd. Alle anderen hören dem Gottesdienst, der über die Lautsprecher nach außen dringt, aufmerksam und bewegt zu.“).

Erwins Tochter Angela hielt eine bewegende Rede, die „RP-Online“ zu einer achtteiligen Bildergalerie, einem Artikel und einer Wortlaut-Dokumenation veranlasst hat. Ihre Zitate und die anderer Redner finden sich außerdem in einer 18-teiligen Bildergalerie und einer 27-teiligen Klickstrecke sowie in einem Bericht „Der Tag begann in Sankt Lambertus“ und einem anderen Bericht „Totenmesse für Joachim Erwin: Passanten bleiben spontan stehen“. Ein langer Artikel schildert zudem den „würdigen Abschied“.

Eine 28-teilige Bildergalerie zeigt die Trauer an der Lambertikirche, eine 7-teilige Bildergalerie die Trauer auf dem Stiftsplatz, eine 24-teilige Bildergalerie die Ankunft der Trauergäste an der Tonhalle.

Die Erschütterung der Bürger („Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet, ich habe Herrn Erwin für einen Titanen gehalten …“) drückt sich in diversen Klickgalerien aus: „Auch die Vereine nehmen Abschied“ (25 Teile), „Leser trauern weit über Düsseldorf hinaus“ (43 Teile), „Wie der Abschied von einem guten Freund“ (24 Teile), „Leser berichten von ihren Erlebnissen mit Joachim Erwin“ (12 Teile), „Leserreaktionen: „Sein Tod ist ein großer Verlust“ (45 Teile), „Weitere Leserreaktionen: ‚Der beste Bürgermeister'“ (34 Teile), „Düsseldorf verliert sein Herz“ (51 Teile), sowie in einem Video. Die Reaktion der Leser auf die Trauerfeier schildert eine weitere, 7-teilige Klickstrecke.

Am Tag danach besucht die „Rheinische Post“ noch einmal das Grab, schildert die Atmosphäre auf dem Friedhof („Es ist so still, dass ein Eichhörnchen ganz in der Nähe des Ehrengrabes über das Gras hüpft“) und gibt den Lesern in einer 26-teiligen Bildergalerie die Möglichkeit, den Kranz des Verwaltungsvorstandes der Stadt Düsseldorf mit dem des Oberbürgermeisers der chinesischen Partnerstadt Chongqing, des Abiturjahrgangs 1968 des Humboldt-Gymnasiums und der FDP zu vergleichen.

[via Nobbi und Lukas]

Amerikanischer Bundesstaat mit M

Bisschen peinlich natürlich, dass ausgerechnet die amerikanische Nachrichtenagentur AP in einer Meldung heute früh zwei Sätze lang die Bundesstaaten Montana und Michigan durcheinander gebracht hat:

(…) Vertreter Clintons reagierten gereizt auf den Kompromiss, weil er Obama auch Stimmen in Montana zuspricht, wo er gar nicht auf den Stimmzetteln gestanden hatte. Clinton hatte gefordert, in Montana müssten 73 Delegierten auf sie verpflichtet werden, 55 sollten frei entscheiden können. (…)

Aber weil aus dem Rest der Meldung klar hervorging, dass es bei dem Kompromiss um die Stimmen aus Michigan ging und in Montana erst am Dienstag gewählt wird, haben die führenden deutschsprachigen Online-Redaktionen den kleinen Fehler sicher beim Redigieren der Meldung korrigiert und bei der Gelegenheit das „n“ in „Delegierten“ gestrichen.

Oder?

RP-Online:

FAZ.net:

NZZ-Online:

Ina Müller

Und plötzlich, wie ist aus dem Nichts, ist sie ein Fernsehstar.

Das stimmt natürlich gar nicht. Erstens steht Ina Müller seit fast fünfzehn Jahren auf der Bühne, spielt Kabarett und singt. Und zweitens ist sie noch kein Fernsehstar, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass sie vor einem Millionenpublikum die Showtreppe herunterkommt. Aber mit einem Mal ist sie überall. Sitzt bei Kerner und in „Zimmer frei“, moderiert im NDR-Fernsehen Sendungen wie „Inas Norden“ und „Land und Liebe“ und seit letztem Jahr sogar eine eigene Late-Night-Show. In einer engen Kneipe am Hamburger Hafen empfängt sie Gäste und singt und trinkt mit ihnen und schafft es regelmäßig, die Atmosphäre eines wunderbar ausgelassenen Abends zu schaffen, bei dem man am nächsten Tag das Gefühl hat, dass der Alkohol nicht unwesentlich zum Gelingen beitrug, aber nicht nur im negativen Sinne. Denn neben all der ungebremsten Albernheit gibt es darin besondere Momente, vor allem wenn die Gäste gemeinsam musizieren und man allen Beteiligten anmerkt, dass das der Grund ist, warum sie Künstler geworden sind: dieses Glück, mit anderen Menschen zusammen zu spielen. Und plötzlich passiert es, und man fragt sich, warum darauf nicht vorher schon jemand gekommen ist: Diese tolle Frau in eine winzige Kneipe auf St. Pauli zu stellen, mit Annett Louisan zu singen und sich von einem Wildecker Herzbuben live auf der Trompete begleiten zu lassen, während ein Shanty-Chor vor dem Fenster auf seinen Einsatz wartet. Es sind Kombinationen, die es nur gibt, weil das Fernsehen da ist, bei denen aber keiner wirkt, als macht er das fürs Fernsehen.

Man kann den Zauber von Ina Müller schlecht beschreiben, ohne das abgegriffene A-Wort zu benutzen: Authentizität. Sie hat eine jahrelang auf der Bühne geschulte Natürlichkeit, und auch wenn man weiß, dass ihre Antworten, die sie bei Kerner auf die elende Frage gibt, ob sie, als Frau über 40, denn keiner Kinder will, aus ihrem Bühnenprogramm stammen, ändert das nichts daran, dass man ihr jedes Wort glaubt. Unverstellt und unkalkuliert wirkt sie, und unverkrampft besonders. Und bei aller lauten Energie und sichtbaren Lust, als Entertainerin auf der Bühne und vor der Kamera zu stehen, scheint sie merkwürdig entspannt und ohne jeden Druck, sich zu produzieren.

In der Sendung am Freitag hat sie mit Ingo Pohlmann „Wenn jetzt Sommer wär“ gesungen, nur begleitet von der Gitarre und einem Cellisten, die meiste Zeit war sie nicht einmal im Bild, und es war kleines Fernsehen, so groß, wie es das Große ungefähr nie hinbekommt.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Terrorwerbung auf „PI“ (2)

Auch „Spiegel Online“ berichtet heute darüber, dass sich das islamfeindliche Blog „Politically Incorrect“ (PI) als Werbeplattform für die „Jewish Task Force“ (JTF) zur Verfügung stellt. Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), sagte laut „Spiegel Online“, bei „PI“ finde man „Islamophobie extremster Sorte“; es würden gezielt „antidemokratische Stimmungen“ bedient. Er regte eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz an.

Die JTF wird, wie berichtet, von dem verurteilten Bombenleger Victor Vancier alias Chaim Ben Pesach geleitet und stammt aus dem Umfeld terroristischer Organisationen. „Politically Incorrect“ hat sich Vancier auch als Plattform für eine in jeder Hinsicht irreführende Stellungnahme zur Verfügung gestellt.

„Spiegel Online“ berichtet, dass die JTF nach Angaben von „PI“-Gründer Stefan Herre (der allem Anschein nach immer noch für das inzwischen anonym betriebene Blog verantwortlich ist) rechtliche Schritte gegen mich prüft. Aber Stefan Herre glaubt auch, sein Werbekunde Victor Vancier sei vom „Unrechtsregime Sowjetunion jahrelang ins Gefängnis“ gesperrt worden. Tatsächlich ist Vancier wegen seiner Bombenangriffe in den USA zu zehn Jahren Haft verurteilt worden.

Weitere Nachhilfe über den Hintergrund von Victor Vancier:

Henryk M. Broders Kastrationsängste

Henryk M. Broder hat ein Problem mit Tanja Krienen. Er schrieb, ihre „Passion“ sei die „gesellschaftliche Anerkennung der Pädophilie“, empfahl „alleinreisenden Kindern“, einen weiten Bogen um ihren Wohnort zu machen, und nannte sie „eine dumme, ekelhafte, antisemitische schlampe“.

Aber Henryk M. Broder hat es nicht dabei belassen, ihre (tatsächlichen oder unterstellten) politischen Vorstellungen anzugreifen. Henryk M. Broder hat nämlich noch ein anderes Problem mit Tanja Krienen. Sie ist transsexuell.

Dass es so etwas gibt: Menschen, deren gefühltes Geschlecht nicht mit ihrem Körper übereinstimmt, scheint Broders Vorstellungskraft zu übersteigen. Vielleicht empfindet er es als Bedrohung. Vielleicht als Perversion. Vielleicht auch nur als Witz, „Charleys Tante“, man kennt das ja.

Jedenfalls wird Tanja Krienens Transsexualität irgendwann zu seinem Haupt-„Argument“ gegen Tanja Krienen. Er nennt sie „Herr Krienen“ oder „Frau bzw. Herr Krienen“, vergleicht sie mit „Opfern von medizinischen Versuchen“ und schreibt „von einem/einer, der/die nicht weiß, ob er/sie sich zum Pinkeln hinstellen oder hinhocken soll“:

„Sie bzw. er ist naemlich ein antisemitischer Schlamperich und ein weiterer Beweis dafuer, dass man einem Antisemiten brain and balls wegoperieren kann.“

In privater Korrespondenz schrieb er nach Angaben Krienens:

„herr krienen, den Vorwurf, sie seien ‚eine dumme, ekelhafte, antisemitische schlampe‘ nehme ich zurueck. sie sind ein dummer, ekelhafter, antisemitischer schlamper. oder wie man es im amerikanischen geschlechtsneutral sagt: the scum of the world.“

„fraeulein krienen, zu schade, dass ich mich bei ihnen nicht mit einem tritt in die eier bedanken kann, sie verbloedeter paedo-eunuch. b.“

„Den Schwanz hast du schon weg und alles andere bist du auch bald los.“

„kriegen sie erstmal ein kind, dann reden wir weiter.“

Das Landgericht Dortmund hat es Broder gestern untersagt, Frau Krienen als „antisemitischen Schlamperich“ zu bezeichnen oder sich über ihre Transsexualität lustig zu machen, indem er sie „Herr Krienen“ oder „Herr/Frau Krienen“ anredet.

Henryk M. Broder ist Börne-Preisträger und Autor für „Spiegel“ und „Spiegel Online“.

Nachtrag, 30. Mai: Laut „Tagesspiegel“ will Broder Berufung gegen das Urteil einlegen.

 

Weitere Berichte über das Urteil:
„Westdeutsche Allgemeine Zeitung“: Maulkorb für Broder
„Westfalenpost“: Böse Worte auf „Achse des Guten“
Erhard Arendt: „Komödiantenstadl“ vor dem Dortmunder Landgericht
WDR2: Regionalnachrichten Dortmund [Real Audio]
Henryk M. Broder: Niggemeiers faule Eier