In der Sauna ist es wärmer als draußen

Drei Sondersendungen gleichzeitig hat die ARD gestern nach der „Tagesschau“ zum kalten Wetter ausgestrahlt. Der ARD-„Brennpunkt“ schaltete live zur Autobahnraststätte Osterfeld, wo ein Reporter berichtete, dass es keine Probleme gebe:

Das „Hessen Extra“ (Video) schaltete live in eine Sauna, wo ein Reporter herausfand, dass es dort viel wärmer sei als draußen:

Und ein „WDR-Extra“ schaltete live zu einer Eisbahn, wo eine Reporterin ausprobierte, was es mit diesem Schlittschuhlaufen auf sich hat, von dem man jetzt so viel hört:

(Der RBB schaltete erst, als die anderen fertig waren, in seinem „RBB-Spezial“ live zur Friedrichstraße, wo der Reporter meldete, dass die Temperaturen von minus drei auf minus vier Grad gesunken seien, die Bevölkerung auf diese Entwicklung aber erstaunlich gelassen reagiert habe.)

Das muss sie sein, die berühmte Informationskompetenz der ARD: an einem Abend gleich vier Programme kurzfristig ändern, um um die Wette Straßenumfragen zu machen und mit dem Aufwand, der einem Terrorangriff angemessen wäre, zu melden, dass es ein unspektakulärer kalter Tag war in Deutschland.

Die ganze Geschichte habe ich im Fernsehblog auf FAZ.net aufgeschrieben. (Und wo ich schon bei Werbung in eigener Sache bin, würde ich Ihnen da auch noch Peers Beobachtungen, wie die Kälte ins ZDF- und RTL-Programm einzog, ans Herz legen und meine Bildergeschichte über den sympathischen Raben, der sich von Uri Geller nicht verbiegen ließ.)

Rauch aus dritter Hand (2)

Die Geschichte, wie aus einer Meinungsumfrage in Amerika eine weltweite Welle von Berichten über angeblich neu entdeckte oder unterschätzte Gefahren durch Rückstände von Zigarettenrauch an Möbeln und Kleidungsstücken („Third-Hand Smoke“) wurde, habe ich — nach einer Vorlage von Scienceblogger Ulrich Berger — versucht, hier aufzuschreiben.

Markus Becker, studierter Anglist, aber Ressortleiter Wissenschaft bei „Spiegel Online“, hat darauf hier geantwortet (mit weiterem Hin und Her und Hin zwischen mir und ihm).

Nun hat Ulrich Berger wiederum eine lesenswerte ausführliche Replik auf Beckers Vorwürfe geschrieben.

Dieter Bohlen guckt lieber andere Programme als RTL

Lassen Sie sich das TV-Programm vorschreiben? Dieter Bohlen nicht. „Das TV-Programm lass ich mir nicht vorschreiben“, sagt er. „Ich schau Bohlen-TV auf Save.TV!“

Bei Save.TV handelt es sich um ein Angebot, mit dem man Fernsehsendungen online aufnehmen kann, und bei Bohlens Sätzen um Werbung. Es sagt noch mehr davon:


Screenshot: gmx.net

Nun weiß ich nicht, was Dieter Bohlen unter Vollnarkose kann (außer Musik komponieren), aber ich weiß, was der Online-Rekorder von Save.TV nicht kann: Sendungen von RTL aufnehmen. RTL hat nämlich (als einziger Sender) gegen die ungenehmigte Nutzung seines Programms durch Save.TV geklagt und in zwei Instanzen vor dem Landgericht Leipzig und dem Oberlandgericht Dresden Recht bekommen. Nun liegt der Fall beim Bundesgerichtshof (BGH).

Save.TV tut alles, dieses Manko vor seinen (teils zahlenden) Kunden zu verheimlichen, wirbt sogar mit „Aufnahmetipps“ aus dem RTL-Programm für sich, gibt beim Versuch, sie doch zu programmieren, nur die kryptische Fehlermeldung „Leider ist die Aufnahme momentan nicht möglich. (705)“ aus und hat lange behauptet, es handele sich nicht um juristische, sondern technische Probleme. Dabei gilt schlicht: Save.TV darf bis zu einer gegenteiligen Entscheidung des BGH die RTL-Sendungen nicht aufnehmen.

Trotzdem zeigt einem ausgerechnet RTL-Star Dieter Bohlen auf Save.TV an jeder Ecke als Werbemodel seine Zähne:


Screenshots: Save.TV

„Das ist problematisch, klar“, sagt eine Save.TV-Sprecherin, „aber es handelt sich ja um eine Kampagne für alle Sender und nicht nur RTL.“ Und bei RTL heißt es, dass Dieter Bohlen seine Werbeengagements selbst auswähle – empfohlen hätte man es ihm sicher nicht.

Wenn es aber stimmt, was Bohlen sagt, dass er mit Save.TV seine „Lieblingssendungen“ und „Bohlen-TV“ aufnimmt, wäre es interessant, um welche Programme es sich handelt. „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Supertalent“ und ihre diversen Begleitshows können es ja nicht sein.

Rauch aus dritter Hand

Und dann war da noch die Gruppe amerikanischer Wissenschaftler, die im Grunde nicht mehr gemacht haben als rund 1500 Leute zu fragen, ob sie glauben, dass es Kindern oder Kleinkindern schadet, in einem Raum zu sein, in dem am Tag zuvor geraucht wurde. Rund 65 Prozent der Nichtraucher und 43 Prozent der Raucher sahen diese Gefahr. Und wer diese Gefahr sah, sorgte mit größerer Wahrscheinlichkeit dafür, dass in seinem Haus gar nicht geraucht wurde — und nicht nur dann nicht, wenn Kinder anwesend waren.

Und wie sehr können Partikel, die noch vorhanden sind, wenn der Rauch längst verzogen ist, der Gesundheit tatsächlich schaden? Dazu hat die Studie keine neuen Erkenntnisse, denn das war nicht ihr Thema, und genau so stand es auch schwarz auf grün vor dem Artikel über die Umfrage in der Fachzeitschrift „Pedriatics“ [pdf]:


Weil die Verfasser aber clever sind und vermutlich das ein oder andere über PR wissen, gaben sie den Journalisten ein paar knackige Zitate und das schöne Schlagwort „Third-Hand Smoke“, um das Phänomen zu beschreiben — und Journalisten können dann nicht widerstehen. Und so wurde aus einer jenseits von Fachkreisen eher sehr uninteressanten Umfrage unter 1500 Amerikanern darüber, was sie über „Third-Hand Smoke“ glauben, eine spektakuläre Nachricht über die angeblich neu erforschten Gefahren des „Third Hand Smoke“, die um die Welt ging.

Die „New York Times“ widmete ihr einen langen Artikel, „Telepolis“, ORF.at, der österreichische „Standard“ — und natürlich „Spiegel Online“:

Der Autor verweist erst korrekt darauf, dass die Möglichkeit, dass Rauchrückstände gefährlich sein können, längst bekannt ist. Das wäre aber natürlich noch keine „Spiegel Online“-Geschichte. Also muss es zum „riesigen Problem“ werden — und vor allem zu einem größeren als bisher angenommen:

Die Forscher um Winickoff verweisen nun darauf, dass Kinder von Rauchern den schädlichen Stoffen weit stärker ausgesetzt sein könnten als vielfach gedacht. Die gefährlichen Rückstände aus dem blauen Dunst hielten sich zum Beispiel in Wohnräumen lange – selbst wenn diese nach dem Rauchen gelüftet würden. Kindern drohe Gefahr, weil sie die Substanzen auch über kontaminierte Oberflächen und Teppiche aufnehmen könnten.

Dabei haben Winickoff und seine Kollegen, wie gesagt, all das gar nicht überprüft. Sie haben sich ausschließlich auf bereits vorhandene Studien berufen. Sie haben exakt keine neuen Ergebnisse darüber, wie groß das Gesundheitsrisiko durch „Third-Hand Smoke“ ist.

Mehr in Ulrich Bergers Scienceblog „Kritisch gedacht“.

[mit Dank an sapereaude]

Nachtrag, 18.05 Uhr. Markus Becker, Ressortleiter Wissenschaft bei „Spiegel Online“, widerspricht.

„Wir, Thüringen, sind nicht irgendein Land!“

Meilensteine des Journalismus (2):

Beinahe-Nachruf von Chefredakteur Hans Hoffmeister auf den verunglückten Ministerpräsidenten Dieter Althaus, „Thüringische Landeszeitung“, 1. Januar 2009.

(…) Ein Bewusstsein, dazusein, es in allen Lagen, egal wie, zu bringen, es zu schaffen – gegen jede Unbill, dieses Bewusstein wurde durch ihn im Wortsinn verkörpert – bis gestern, als ihm dieses unfassbare Unglück zustieß. Der Mann, der gerade dabei war, sich in äußerster Lage selbst politisch noch einmal völlig neu zu erfinden – er wurde aus der Bahn geworfen, im doppelten Wortsinn. (…)

Man spürt, was ist Thüringen ohne diesen vitalen, umtriebigen Treiber Althaus, mit dessen Kraft und äußerster Entschiedenheit, einer fordernden Umgangsform, ein Kabinett, eine Truppe in den sprichwörtlichen Senkel zu stellen, diesen Schuss Aggressivität, den gestaltende Politik braucht, die manchmal auch vor lauter Entschiedenheit in Fehlentscheidungen mündete.., die aber unser Land immer vorn sehen wollte und will. Das war und ist sein Programm. Wir, Thüringen, sind nicht irgendein Land! Wir bringen Deutschland, den Osten, nach vorn! Wir sind innovativ, wir haben die besseren Konzepte! Dies war und ist die Haltung, die Dieter Althaus nicht nur auf nahezu alle unternehmerischen Menschen – und das sind beileibe nicht nur die Unternehmer – übertrug, die sie mitriss. (…)

Man mag nicht darüber nachdenken – in diesen Schreckensstunden: Was wären wir ohne ihn? Ohne diese seine Power, ohne seine Flexibilität, ohne seine Bereitschaft zum Umdenken, zum Umlernen, diese seine Einsicht, ja, wir müssen noch einmal ganz neu nachdenken. (…)

Unser Land wäre ärmer ohne ihn – und weit schweift der Blick, denkt man an das Undenkbare, an das man an diesem Neujahrsabend plötzlich nicht zu denken wagt.

[mit Dank an Kuzy!]

„Bald schon gibt es Kaffee“

Meilensteine des Journalismus (1):

Annette Bosetti trifft Iris Berben, „Rheinische Post“, 4. Januar 2009.

(…) Ihre Frisur ist für den Festakt schon hochgesteckt. Elegant auch das Make up. Ihre Nägel trägt sie kurz geschnitten und unlackiert. Hübsche Ohrringe, das markante Grübchen und echte Zähne fallen auf – keine Kronen, wie sonst in der Filmbranche üblich. Iris Berben wirkt natürlich. Noch trägt die 1,68 Meter große, mit ihren 57 Kilo recht zierliche Frau schwarzblaue Jeans mit Schlag und einen gemütlichen Pullover in Schwarz. Am Abend wird sie in Gala-Garderobe auftreten. Profi, der sie ist, lässt sie sich auf jede Situation hundertprozentig ein, jetzt eben auf ein Interview.

Bald schon gibt es Kaffee, eine Zigarette („Ja, ich bin ein Suchtmensch“) und ein Gespräch von Frau zu Frau – ein Gespräch, das tief gründelt, spontan ist und lustige Wendungen nimmt, am Ende sehr ernst das Thema Leben behandelt. (…)

Schicksalsstromausfall bei Herrn Lestat

Der Mann nennt sich Malkiël Rouven Dietrich, Christian-Lestat Dietrich oder auch nur Lestat, bezeichnet sich als „Astrologe, Trance-Medium, Reiki-Meister-Lehrer, Hypnosetherapeut“, ist nach eigenen Angaben Besitzer eines seit sieben Generationen vererbten zweiten Gesichts und verfügt über einen „Medien-Anwalt“. Mit letzterem droht er nun dem Mathematiker Michael Kunkel. Kunkel überprüft seit langem regelmäßig, ob die Weissagungen von Leuten wie Dietrich eintreten, und hatte auch Dietrichs Prognose für 2009 zitiert. Dietrich und sein Geschäftspartner Jochen U. Lieblein beschwerten sich:

Einer Verlinkung muss gemäß unseren AGB´s zugestimmt werden, hiermit widerspreche ich Ihrer Verlinkung meiner Website auf Ihre Seite. Ich fordere Sie auf den Link, Ihren Kommentar bis zum 31.12.2008 zu entfernen. Für alle meine Texte liegt das Copyright bei mir, sie sind weder befugt diese Texte zu kopieren, speichern oder in Teilen zu veröffentlichen.

Obwohl Kunkel Link und Zitate entfernte, ist Dietrich nicht zufrieden und lässt nun juristische Schritte prüfen.

Ich kann verstehen, dass der auch im Fernsehen aktive Meister nicht möchte, dass man seine Texte archiviert. Vermutlich aus dem gleichen Grund, aus dem er sie teilweise von seiner Homepage löscht. Zum Beispiel seine Prognose über den Ausgang der Wahlen in den Vereinigten Staaten, veröffentlicht am 16. Oktober 2008:

Am 4. November wird in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) ein neuer Präsident gewählt.

Ui: Volltreffer! Ach so, das war noch gar nicht die Prognose.

(…) Am 4. November läuft der Mond durch den Steinbock. Der Mond repräsentiert das Volk. Und da der Steinbock ein eher konservatives Zeichen ist, würde diese Verbindung für einen Erfolg der Partei der Republikaner sprechen – zumal der Mond eine Verbindung mit Jupiter eingeht.

Nö.

(…) Mars und Neptun in Spannung lassen auf großen Unmut und Anfeindungen im Zusammenhang mit der Wahl schließen.

Och.

Es dürfte also ein heißer und spannender Wahltag werden.

Nicht wirklich.

Diese Verbindung könnte aber ebenso ein Hinweis auf die geplanten Attentate auf Barack Obama sein.

„Die geplanten Attentate“? Meint er das hier?

Die Wahl wird Aufsehen erregen.

Ach was!

Dazu passt auch, dass dank des Quadrates zwischen Uranus und Venus wohl nicht der Favorit gewinnen dürfte.

Nicht?

Auch eine Täuschung, ein Betrug könnte noch zum Thema der Wahl werden, denn Neptun steht in Spannung zur Venus.

Ja, hätte können.

Denkbar wären demnach Manipulationen bei der Wahl.

Ja, wären gewesen.

Am Ende des Wahltages in den USA steht auch Merkur schwierig. Auch diese Stellung steht für die große Unzufriedenheit des Volkes mit dem Ausgang der Wahl.

Huch! Also: Nee.

Komischerweise ist diese komplett in die Hose gegangene Prognose von der „Prognosen“-Seite Dietrichs verschwunden — die schon vorher abgegebene und wenig gewagte Vorhersage „Talfahrt an den weltweiten Börsen geht noch wochenlang weiter“ steht dagegen noch da.

Nachdem Obama gewählt wurde, wusste Dietrich aber plötzlich nicht nur, dass Obama gewählt wurde, sondern auch, dass man das vorher hätte wissen können: wegen der „Opposition von Saturn und Uranus“. Er schrieb:

Er hat diese Konstellation anhand geschichtlicher Daten und Ereignisse überprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass immer dann, wenn diese Opposition exakt wurde, vor allem links orientierte Parteien (im Falle der USA die Demokraten) mehr Zuspruch erfuhren.

(„Er“ ist Dietrich — der Mann redet von sich selbst in dritter Person, was womöglich seit ebenso vielen Generationen vererbt wird wie das zweite Gesicht.)

Entscheidend ist aber auch, dass Obamas Aszendent im Wassermann steht:

Der Wassermann-Aszendent zeigt außerdem, dass Obama gut bei den Menschen ankommt und dass er große Veränderungen anstoßen kann.

Tja: Ohne Astrologie hätte man sich womöglich auf so unzuverlässige Indizien wie die Bilder der euphorisierten Besuchermassen bei seinen Wahlkampfauftritten verlassen müssen, um zu solchen Urteilen zu kommen. Dietrichs warnendes Fazit:

Nichtsdestotrotz bleibt die aktuelle Sternkonstellation sehr kritisch. Die Bedingungen, unter denen der neue Präsident in sein Amt eintritt, sind alles andere als günstig und stabil. Die Konstellation des Wahltags spricht dafür, dass sich die Amerikaner einen ebenso tatkräftigen wie resoluten Präsidenten wünschen. Die „Werte“ der Bürger sollen dabei aber nicht auf der Strecke bleiben.

Und es gibt Menschen, die diesem Mann ernsthaft Geld dafür geben, dass er ihnen die Zukunft voraussagt oder gar in ihren „Schicksalsstrom“ eintaucht?

[via GWUP, sapere aude, ScienceBlogs]

Nachtrag, 14:20 Uhr. Herr Dietrich nimmt hier in einem Kommentar Stellung.