Verschwundene Maddie: Spekulieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen

2007 verschwand die dreijährige Madeleine McCann aus einem Hotelzimmer in Portugal. Der Fall sorgte damals für großes Aufsehen. Medien berichteten weltweit darüber. Maddies britische Eltern nutzten die Öffentlichkeit, um nach ihrer Tochter zu suchen und wurden zwischenzeitlich auch selbst verdächtigt, etwas mit deren Verschwinden zu tun zu haben. Und Maddie – ist bis heute nicht aufgetaucht.

Journalisten stürzen sich deshalb gerne auf jeden Hinweis, wo Maddie sein könnte. Und wenn der Hinweis noch so abwegig ist. Die HNA meldet heute:

Screenshot HNA.de 28.7.2015

Wer das liest, könnte zunächst denken, dass es sich bei der Leiche im Koffer um Maddie handelt – und dann auf den Artikel klicken. In der dpa-Meldung unter der HNA-Überschrift erfahren die HNA-Leser dann:

Die Polizei in Australien geht der Nachrichtenagentur PA zufolge nicht davon aus, dass es die Leiche von Madeleine McCann sein könnte.

Sie geht nicht davon aus. Weil es höchst unwahrscheinlich ist. Maddie verschwand in Portugal; die Leiche wurde nun gut 17.000 Kilometer entfernt gefunden – in Australien. Weil das tote Mädchen zwischen zwei und vier Jahren alt gewesen sein soll, auch blond und weil es vermutlich 2007 starb, also im Jahr, in dem Maddie verschwand, hat sich die britische Polizei, die in dem Fall ermittelt, an die Kollegen in Australien gewendet. Ist ja klar. Die gehen jeder Spur nach, sicherheitshalber.

Aber mal abgesehen von der Frage, wie Maddie von Portugal nach Australien gekommen sein soll, sagt die Polizei, dass neben der Leiche andere Kleidung lag als jene, die Maddie zuletzt trug. Und weiter heißt es, wie der „Guardian“ schreibt:

Australian police commissioner Grant Stevens told a parliamentary committee hearing: „There is absolutely no evidence at this point in time that the child is Madeleine McCann … to suggest something like that at this point in time would purely be speculating to get attention.“

Spekulieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder eben: Klicks, Leser. An einem Punkt, an dem es eher unwahrscheinlich ist, dass es Maddies Leiche ist. Möglich, aber unwahrscheinlich. Doch eine Möglich-aber-unwahrscheinlich-Überschrift bringt nicht so viel Aufmerksamkeit. Die mit dem Alibi-Fragezeichen hingegen… Und dann noch ein Foto von der blonden Maddie drunter… Läuft.

Screenshot Bild.de 28.7.2015(Bild)

Screenshot Focus.de 28.7.2015(Focus Online)

Screenshot news.de 28.7.2015(news.de)

Screenshot krone.at 28.7.2015(krone.at)

Screenshot abendzeitung-muenchen.de 28.7.2015(Abendzeitung)

Mehr Flüchtlinge sind besser für die Überschrift – und für den Alarm

Die „Berliner Morgenpost“ schlägt Alarm:

„Mehr als 400 Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Oder, wie es in der Online-Version heißt, „Mehr als 400 Flüchtlinge kommen pro Tag nach Berlin“.

Das sind ganz schön viele. Und die kommen gerade im Durchschnitt jeden Tag nach Berlin?

Nein. Im Durchschnitt waren es im Juli bis einschließlich vergangenen Freitag 213 Flüchtlinge, die pro Tag nach Berlin gekommen sind. „Mehr als 400“ kamen nur an drei einzelnen Tagen.

So steht es auch im Artikel der „Morgenpost“ selbst. Aber für die Überschrift war das wohl nicht dramatisch genug.

In der „Morgenpost“ heißt es:

In Berlin kommen zurzeit teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag an. Am 6. Juli waren es 435, am 21. Juli mehr als 460, am 13. Juli sogar 473. Die Mehrzahl wird in Berlin aufgenommen und durchläuft hier das Asylverfahren. Der Anteil der Menschen, die auf andere Bundesländer verteilt werden, reichte an diesen Tagen von 125 bis 225. Das bestätigte Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle der Berliner Morgenpost. An sieben weiteren Juli-Tagen wurden in der Zentralen Aufnahmestelle an der Turmstraße (Moabit) jeweils mehr als 250 Flüchtlinge registriert. Insgesamt kamen in diesem Monat bis einschließlich vergangenen Freitag mehr als 5100 Flüchtlinge nach Berlin, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben.

5100 Flüchtlinge, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben – das ergibt einen Schnitt von ungefähr 213 Neuankömmlingen pro Tag, von denen 133 vorerst bleiben. Ja, womöglich sind die immer noch ein Anlass für den Senat, „Alarm zu schlagen“.

Populisten und Rechtsradikale machen Stimmung gegen Flüchtlinge, und fast täglich werden Anschläge auf Unterkünfte verübt. Und in diesem Klima erweckt die „Berliner Morgenpost“ für eine möglichst knallige Schlagzeile auf der Titelseite den Eindruck, die Zahl der hier ankommenden Menschen sei noch viel größer, als sie tatsächlich ist. Das ist schon von besonderer Fahrlässigkeit.

[via Falk Steiner]

Nachtrag, 14:10 Uhr. Online hat die „Morgenpost“ die Überschrift geändert zu: „Teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Unter dem Text merkt sie an: „Die ursprüngliche Überschrift dieses Artikels war ungenau und wurde geändert.“

Häkelmütze im Pegida-Land

Von Ulrich Wolf

Ulrich Wolf arbeitet seit 2000 bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden. Nach elf Jahren in der Wirtschaftsredaktion wechselte er als Spezialist für Hintergründe und komplexe Reportagen in das Ressort Gesellschaft/Seite 3. Dieser Text von ihm ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft, „Communicatio Socialis“, erschienen.

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Sie wusste um meine Fußball-Leidenschaft, und es war nur eine Geste. Kurz vor der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr schenkte eine Nachbarin mir eine schwarz-rot-goldene, von ihr gehäkelte Mütze. „Als Sonnenschutz beim Public Viewing für dein spärlich behaartes Haupt“, sagte sie. Ich fand das nett, habe das Ding dann aber doch nicht getragen und mir stattdessen eine Deutschland-Fahne um die Schultern gehängt. Die Mütze landete in der „Freizeitkiste“ im Keller. Bis zum Herbst.

Am 27. Oktober berichte ich erstmals über eine Demonstration der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die als „Pegida“ berühmt werden sollten. Gut tausend Menschen ziehen da um die Dresdner Frauenkirche, üppig ausgestattet mit Nationalflaggen. Hooligans sind darunter, jede Menge Leute aus der Dresdner Gastronomie- und Rotlichtszene, ein paar stadtbekannte Nazis, dauernörgelnde Rentner und einige Gesichter von der Patriotischen Plattform der sächsischen AfD. Sie pöbeln, sie nennen mich „linksversifft“. Einige rufen nur: „Lügenpresse!“

Eine Woche später kommt die Häkelmütze ins Spiel. Sie wirkt wie eine Tarnkappe. Es gibt keinen Ärger mehr, wenn ich einen Block zücke, um mir Notizen zu machen oder mit dem Smartphone fotografiere. Ich kann meine Recherchen vor Ort Montag für Montag mit denen im Internet abgleichen. Die Kontaktversuche zum Pegida-Gründer Lutz Bachmann aber laufen ins Leere. Er reagiert nur einmal, per Telefon, Ende November: „Sind Sie Herr Wolf?“ – „Ja.“ – „Unterlassen Sie es, mich und meine Familie zu belästigen!“ – „Ich habe niemanden belästigt, ich habe nur versucht, Sie zu erreichen.“ – „Es wird kein persönliches Gespräch geben. Nehmen Sie das zur Kenntnis.“ Ich schicke ihm Fragen, er stellt sie auf die „Facebook“-Seite von Pegida. Und kommentiert: „Werter Herr Wolf, seriöser Journalismus sieht anders aus! Was hat meine Vergangenheit mit Pegida zu tun? Ich bin nur ein ganz kleines Zahnrad in einem Getriebe, welches Sie mit Ihren medialen Methoden der Diffamierung und Diskreditierung nicht zerstören werden.“

Einen Tag nach der siebten Pegida-Demonstration am 2. Dezember erscheint das Porträt „Pegida persönlich“ über Lutz Bachmann. Es zeichnet einen Mann, der wirtschaftlich wenig bis gar nichts auf die Reihe bekam. Der während seiner Zeit im Rotlicht-Milieu die Welt der grapschenden Autohändler, Immobilienmakler, Versicherungsvertreter und Anlageberater kennenlernte. Es ist das Porträt eines Mannes, der unbedingt dazugehören will: weniger zum Bildungsbürgertum als viel- mehr zur Schickeria. Politische Ignoranz kompensiert er mit Bauernschläue sowie der Fähigkeit, Menschen zu begeistern mit Parolen, die an die Refrains deutscher Schlager erinnern.

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Der Artikel schlägt Wellen. „Zeit“, „Stern“, „Spiegel“, „Focus“ – alle rufen an. Die Zahl der Journalisten bei der Pegida-Demo eine Woche später schnellt empor, die der Mitläufer auch. Bachmann schafft es in die „New York Times“, Pegida in die „Tagesschau“. Das mediale Bashing wirkt in der Bewegung identitätsstiftend, denn der Großteil der Journalisten reduziert Pegida auf eine tumbe rechtsradikale Masse. Viele wollen nicht wahrhaben, dass sich ein außerparlamentarischer Protest von rechts entwickelt, der in der fremd-fremdelnden Bürgerschaft Dresdens auf fruchtbaren Boden fällt.

Am Morgen des 22. Dezembers erscheint die zweite große Geschichte: „Pegida – wie alles begann“. Am Abend dieses Tages habe ich wieder meine Häkelmütze auf und stehe unter 20 000 Pegidisten auf dem Theaterplatz. Bachmann verliest ein Ranking der Lügenpresse. Die „Sächsische Zeitung“ landet nach „Spiegel“ und „NDR-Panorama“ auf Rang drei. Ich bin der einzige, dessen Namen er ausruft. Die Zeitung wird mit Leserbriefen überschwemmt, bis Mitte Januar sollten es fast 4000 Briefe und Mails werden. Im Online-Auftritt schalten wir unter Artikeln, in deren Überschriften Pegida auftaucht, die Kommentarfunktion ab. Die Flut der dort eingehenden Meinungen hätte rund um die Uhr moderiert und kontrolliert werden müssen, dafür fehlt das Personal. Abonnenten, die in einem zutiefst beleidigenden Ton mit der Kündigung drohen, schreibt der Chefredakteur zurück: „Dann kündigen Sie doch.“

Nahezu ohnmächtig müssen wir mit ansehen, wie viele Menschen für Fakten und Argumente nicht mehr zugänglich sind. Sie haben ja „Facebook“, den größten Stammtisch im Land. Dort tauschen sie ihre Wahrheiten ungestört aus. Das soziale Netzwerk ersetzt bei Pegida fehlende Organisations- und Kommunikationsstrukturen. Rund 160.000 Menschen mögen diese „Facebook“-Seite, rund 500 000-mal ist dort bislang kommentiert worden. Die Seite lässt das Ausmaß an Hass erahnen, das in den Köpfen der Nutzer steckt. Dabei scheuen sich immer weniger Menschen, unter Klarnamen ihre Ressentiments kundzutun: „Hauptsache, der Dreck verschwindet von unseren Straßen. Wie, ist mir mittlerweile egal.“ – „Können wir nicht mal einen Lkw voll mit solchen Fach-Sexkräften im Regierungsviertel abladen?“ „Ich würde dem die Eier so zerschmettern, dass er nie wieder eine Frau anschaut.“ „Schmeißt die Arschlöcher raus aus Deutschland!“ Offenbar gilt nun: Durfte in der DDR kaum jemand sagen, was er denkt, so darf seit Pegida jeder alles sagen, ohne dabei zu denken.

Muss die demokratische öffentlichkeit diesen Radikalismus aushalten? Natürlich muss sie das. Aber Aushalten hat ja nichts mit Nichtstun zu tun. Wenn es etwas Positives an Pegida gibt, dann zumindest das: Die westdeutsche Wohlfühl-Demokratie hat in Sachsen ausgedient. Hier muss man kämpfen um den Grundkonsens, auch Mainstream genannt.

Sicher, Pegidas „Facebook“-Welt samt seiner radikal-rhetorischen Inhalte ist eher als verlängerter Kneipentresen nach 20 Uhr zu betrachten, denn als Plattform ernsten politischen Dialogs. Doch Pegida ist auch nach seiner Spaltung im Januar sowie tendenziell rückläufiger Teilnehmerzahlen nicht tot. Im Gegenteil. Das gesellschaftliche Klima wird weiter vergiftet durch Demokratiegegner, die ernster zu nehmen sind als Bachmann und sein Partyszenen-Team. Es geht um jene, die als Neue Rechte fungieren. Ihre Mitglieder sind die Stichwortgeber für Pegida, aus ihren Federn stammen die im Ton gemäßigten Forderungen und Thesen von Pegida, auf ihren Internet-Plattformen formulieren sie eine zielgruppenorientierte Dauerberieselung. Das sind ihre medialen Waffen:

  • Die „Politically Incorrect (PI) News“ sind das Leitmedium. Einer der führenden Köpfe ist der Ex-CDU-Politiker René Stadtkewitz, der mehrfach bei Pegida in Dresden geredet hat. über ihn lief der Kontakt zum niederländischen Rechtsaußen-Politiker Geert Wilders, der auf einer Kundgebung im April vor 15.000 Menschen sprach. Als „mutigsten Journalisten Deutschlands“ bezeichnet „PI-News“ den Heilbronner Karl-Michael Merkle (Pseudonym: Michael Mannheimer). Für ihn wird „Sachsen das Epizentrum eines politischen Rucks, auf den wir Deutsche lange haben warten müssen“.
  • Der Kopp-Verlag in Rottenburg am Neckar vereint rechte Esoterik mit Verschwörungstheorien. Dort schreibt der frühere Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Udo Ulfkotte. Dessen Buch „Gekaufte Journalisten“ ist so etwas wie die Bibel der Lügenpresse-Fans. Ulfkotte trat ebenfalls bei Pegida in Dresden auf.
  • Die rechtspopulistische Zeitschrift „Compact“ von Jürgen Elsässer verfügt über gute Kontakte zu russischen Nationalisten. Die staatlich-russische Video-Nachrichtenagentur „Ruptly“ überträgt Pegida-Demos regelmäßig live. Russische Fahnen sind auf Pegida-Protesten allgegenwärtig, die angebliche Kriegstreiberei gegen Russland ist eines der wichtigsten Themen.
  • Das Magazin „Sezession“ von Götz Kubitscheck ist das intellektuelle Vorzeigeblatt. Der Mann redete bei Pegida unmittelbar nach dem Auftritt von Wilders. Er betreibt im Süden von Sachsen-Anhalt ein Institut für Staatspolitik (IfS). Dieses gehört zum Umfeld der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, der Bachmann ausführliche Interviews gewährt. Zum Dunstkreis des IfS zählt die „Blaue Narzisse“ des Vereins Journalismus und Jugendkultur. Vorsitzender Felix Menzel studierte Kommunikationswissenschaft in Halle, sein Credo lautet: „Wir brauchen Niemanden. Das deutsche Volk kann gesundschrumpfen.“
  • Das Internetportal „Blu-News“ betreibt ein gleichnamiger Verein in München, geführt vom ehemaligen bayerischen Landesvorsitzenden der Partei Die Freiheit, Christian Jung. „Blu-News“ interviewt Pegida-Organisatoren, darunter auch deren Kandidatin für die Dresdner Oberbürgermeis- terwahlen im Juni, die ehemalige AfD-Frau Tatjana Festerling. Der Vorsitzende der Freiheits-Partei, der frühere CSU-Pressesprecher Michael Stürzenberger, ist regelmäßig Gast bei Pegida und betreut mehrere Ableger in Süddeutschland.
  • Hinter dem Blog „Journalistenwatch“ steht der Berliner Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit. Der ehemalige „taz“-Journalist Thomas Böhm betreibt das Portal von Jena aus. Die von ihm angegebene Adresse ist identisch mit der des Landesverbands der Freiheits-Partei in Thüringen. Zum Auftritt von Wilders bei Pegida stellt Böhm fest: „Nach dem Motto ‚Wer schreit, hat Recht‘ pöbeln die linken Journalisten ungehindert herum.“
  • Beliebt bei Pegidisten ist zudem die rechtskonservative Wochenzeitung „Weltwoche“ aus der Schweiz. Ihr Verleger Roger Köppel war von 2004 bis 2006 Chefredakteur der „Welt“. Zu seinen Autoren zählt unter anderem Henryk M. Broder. Für die „Weltwoche“ schrieb Pegidas OB-Kandidatin Festerling eine Eloge über Hooligans. Indirekt lernte sie dadurch Ignaz Bearth kennen, den Gründer der Rechtsaußen-Partei Direktdemokratische Partei Schweiz. Auch Bearth spricht bei Pegida in Dresden.

In der Summe entfalten „PI-News“, „Blu-News“, „Compact“ und Co. eine beträchtliche Wirkung. Als ich im März darüber berichte, dass Bachmanns Hitler-Bild im Netz manipuliert worden sein könnte, schaffe ich es als „Quasi-Kronzeuge“ der Neu-Rechten auf die erste Seite der PI-News. Bachmann lädt mich zu einem Hintergrundgespräch ein, bei den autonomen Linken aber gerate ich in einen Shitstorm. Meine Quellen bei „Dresden nazifrei“ versiegen. Auch meine Häkelmütze werde ich los: Als ich nach dem Wilders-Auftritt in eine Gruppe von Gegendemonstranten gerate, reißt sie mir ein Vermummter mit den Worten „Du Nazi-Schwein“ vom Kopf.

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Ob links- oder rechtsextreme Nischen-Publizistik im Internet: Sie bedroht den auf seriösem Journalismus basierenden Diskurs. Das zeigen zahlreiche Leserreaktionen. Hier ein repräsentatives Beispiel: „Seit Längerem bemerke ich, dass Ihr Blatt Tatsachen verfälscht oder verändert oder beeinflusst. […] Ihren unterschwelligen Ton gegen Pegida nehme ich zum Anlass, mein Abonnement zu kündigen. Ich hoffe, dass Ihre Rezipienten Ihnen in Scharen davon laufen.“ Der Verfasser dieses Leserbriefes ist auch auf „Facebook“ unterwegs. Dort mag er Gruppen wie „Der Lügenpresse den Kampf ansagen“, „Töchter und Söhne Germaniens“ oder „Merkel stressen“. Sachsens evangelischer Landesbischof Jochen Bohl konstatiert: „Es hat sich eine gefährliche Mischung aus geschürten Ängsten, persönlichem Scheitern und des Verdrusses an demokratischen Prozeduren zusammengebraut, die uns nicht ruhig lassen darf.“

Doch der Großteil ruht. Ein öffentlicher Aufschrei gegen Pegida ist im Osten kaum zu hören. Die westdeutschen Leitmedien haben sich zurückgezogen. Im Hintergrund aber arbeiten Pegidas Stichwortgeber zusammen. So treffen sich „Sezession“-Chef Kubitscheck und „Compact“-Macher Elsässer Mitte April mit 150 Gleichgesinnten in Dresden. Beide sehen in Pegida eine „echte Volksbewegung“, deren Aufgabe es sei, „Systemkritik in jedweder Form zu artikulieren“. Pegida-Anhänger sollten Initiativen gründen. „Ob Bürgerbündnisse gegen die Einrichtung von Asylheimen, ob Stammtische oder Debattierklubs: Man muss die Vernetzung fördern und den Impuls dahinter zum Thema machen. Er lautet: Die Lage der Nation ist bedrohlich.“ Zwei Tage nach dem Treffen gibt Pegida seine Zukunftsstrategie bekannt. Demnach werde man „als Bürgerbewegung zu allererst auf kommunaler Ebene Missstände benennen“. Das Pegida-Netzwerk solle „durch eine zentralere Betreuung“ gestärkt werden. Perspektivisch sei eine parlamentarische Arbeit auf kommunaler Ebene ab 2016 angedacht. Der letzte Satz des Papiers lautet: „Pegida ist gekommen, um zu bleiben.“

Mit freundlicher Genehmigung von „Communicatio Socialis“. Die aktuelle Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift für Medienethik hat das Thema „Glaubwürdigkeit & Vertrauen – Journalismus zwischen Ressourcenkrise und entfesseltem Publikum“.

Teletext: Lars Reichow

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die beste Erklärung für die Existenz der „Lars-Reichow-Show“ ist, dass es sich um so eine Yin-Yang-Sache handelt. Dass das ZDF in den vergangenen Jahren so viele moderne, schlaue Unterhaltungssendungen am späteren Abend in sein Programm genommen hat, dass aus Gründen des kosmischen Ausgleichs eine Sendung hermusste, die den Muff und die Bräsigkeit längst vergangener Humorjahrzehnte atmet.

Die erste Ausgabe am vergangenen Dienstag hatte das Thema „Urlaub“, und Reichow begann sie damit, dass er, noch vor dem Vorspann, im Bademantel Handtücher auf die Sessel legte, um sie für seine Gäste Verona Pooth und Lutz van der Horst zu reservieren, Handtücher, haha, wie die Deutschen im Urlaub immer, bohoho. Fast möchte man die Verantwortlichen dieser Sendung dafür beschimpfen, dass sie sich für die erstbeste Idee entschieden haben. Andererseits handelt es sich mit etwas Pech auch um die letztbeste Idee dieser Redaktion. Vermutlich besteht sie aus Überresten der „Wetten, dass“-Abteilung im ZDF, der zu „Bremen“ auch nach jahrelangem Nachdenken nichts einfiel als „Stadtmusikanten“. (Eine Rubrik, in der die Gäste Geräusche erkennen und kommentieren sollen, heißt – wie sonst? „Hört, hört“.)

Reichow erzählt dann eine nicht enden wollende Geschichte darüber, wie eng es in Wohnmobilen ist, deren Höhepunkt die Stelle ist, an der er seine Frau, die zu ihm nachts in den winzigen Alkoven will, anfährt: „Wie? Ich denk‘, du schläfst in der Küche?“ Er fragte Lutz van der Horst, den man als Reporter aus der „Heute Show“ kennt, ob er im Urlaub auch Leuten immer ein Mikro ins Gesicht hält, und nächste Woche fragt er Sabine Lisicki, die Tennisspielerin, die in Florida lebt, ob sie dort in einer Tennisanlage lebt, und am Ende singen alle immer gemeinsam schrecklich schief ein Lied, und Reichow kommt am Klavier aus dem Rhythmus, und dass er laut Wikipedia ein „Musikkabarettist“ ist, muss irgendetwas anderes bedeuten, als man denken könnte.

Fürs noch Gröbere hat er Wolfgang Trepper, der rätselhafterweise in den Zoo geht und so tut, als wären die Pinguine Italiener. Als er einen trifft, der „nur das Maul aufmacht und sich alles reinfüttern lässt“, fügt Trepper hinzu: „Das ist der einzige griechische Pinguin, den wir finden konnten.“ In der zweiten Folge zum Thema „Partnerschaft“ ist Trepper auf einer Hochzeitsmesse und freut sich, als er eine Schaufensterpuppe sieht: „Frau zum Heiraten. Sacht nix, fragt nix, nervt nicht.“

Viele harte Schnitte deuten darauf hin, dass es nicht so leicht war, die Aufzeichnung so zu kürzen und neu zusammenzusetzen, dass es wirkt, als hätte sich wenigstens das Studiopublikum blendend amüsiert. Nach der selig vergessenen Verbrauchershow „Ohne Garantie“ im vergangenen Jahr ist es schon der zweite Versuch des ZDF, Reichow aus seinem natürlichen Lebensraum beim SWR herauszuholen. Es ist ein überaus rätselhafter Ehrgeiz.

Fotos: ZDF/Pascal Amos Rest

Die Premium-Community von stern.de

Bei stern.de wünschen sie sich, dass die Leute mit ihnen diskutieren. Auf vier Artikeln auf der Startseite haben große Bapperl geklebt mit der Aufforderung: „Diskutieren Sie mit“!



Die Gesamtzahl der unter diesen Artikeln abgegebenen Kommentare: null.

Das klingt jetzt erstmal nicht so viel, muss man aber natürlich durch die Zahl der Artikel teilen. Die so ermittelte Diskussionswilligkeit pro gefeatureten stern.de Artikel liegt dann ziemlich genau bei: null.

In einem Interview mit der Fachzeitung „Horizont“ zum Relaunch der Seite vor vier Wochen hatte „Stern“-Online-Chef Philipp Jessen gesagt:

Wir wollen Premium-Inhalte und wir wollen auch eine Premium-Community. Der Community-Bereich soll eine Bereicherung darstellen und einen echten Mehrwert bieten. Das heißt, wir werden nicht alle Artikel kommentierbar machen, sondern nur die, bei denen wir das Gefühl haben, da lohnt es sich. Die Diskussionen werden immer von einem Community-Manager, dem Autor selbst oder einem Experten begleitet. Das Ziel ist eine lebhafte Debatte, bei der vernünftig miteinander geredet wird, und die auch für die Teilnehmer und die Autoren einen echten Mehrwert bietet. Wir wollen keine Abladestelle für Frust oder für Trolle aus Osteuropa sein. Zum Start werden wir lediglich ein bis drei Artikel zur Diskussion freigeben, aber ich will das natürlich schnell ausweiten. Wir müssen aber unsere Qualitätsstandards sicherstellen.

Und das mit dem Qualitätsstandards scheint ja soweit geklappt zu haben.

Nachrichten mit Bart

Der Trend, dass Menschen Vollbart tragen, ist nach Annahmen der Deutschen Bartagentur (dba) so gut wie vorbei. Unter ihrem Tarnnamen „Deutsche Presseagentur (dpa)“ veröffentlichte die dba am vorigen Freitag ein Video, das diverse deutsche Medien übernahmen. Die Illustrierte „Stern“ titelte:

Screenshot stern.de 20.7.2015

Die Deutsche Bartagentur hatte das Video unter dem Titel „Ist der Bart ein Auslaufmodell?“ angeboten und berichtet, dass 45 Prozent aller deutschen Männer einen Bart tragen und überwältigende 12 Prozent „sogar einen Vollbart“. Weil beim hauseigenen dba-Friseur aber in letzter Zeit immer wieder Leute erzählen, dass der Vollbart-Trend allmählich auslaufe, berichtete dba weiter: „Allerdings, so hören wir in letzter Zeit immer wieder, soll der Vollbart-Trend allmählich auslaufen.“

Im Beitrag wird das unter anderem belegt durch eine „Mode-Expertin“, die sagt, dass es Männer gibt, die mit Bart toll aussehen und andere, bei denen ein Bart wie eine Verkleidung wirkt. Außerdem sagt ein Vollbartträger, dass sein Vollbart kaum von der Vollbart-Mode beeinflusst ist. dba schlussfolgert: „Im Klartext, wie so oft: Erlaubt ist halt einfach, was gefällt. Aber will man den aktuellen Trends zumindest ein wenig folgen, man darf sich schon mal wieder rasieren.“

Mit Bart-Trends kennt sich dba aus; die Agentur berichtet seit Jahren darüber.

Bereits am 28.2.2013 fragte dba, schon etwas bang:

„Was wird aus dem Vollbart?“

Grund dafür war, dass der Schauspieler Ben Affleck im Film „Argo“ einen Bart trug, diesen aber nach der Oscar-Verleihung abrasierte: „Doch hat Afflecks Rasur das Ende des Vollbarts eingeläutet – ist der Trend vorbei?“ Im Text ist zu erfahren, dass die einen so sagen, die anderen so, und dass sich ingesamt sagen lässt: „Zahlreiche Bartträger können die Gesichtsbehaarung also noch ein bisschen länger behalten.“

Am 19.12.2013 berichtet dba im „Szene-ABC: Was 2013 angesagt war“:

„B wie Bart: der wachsende Trend bei Männern, vom Hipster bis zum ‚Bild‘-Chefredakteur. Zeit fürs ‚Glattrasiert‘-Comeback?“

Offenbar nicht. Am 28.1.2014 bietet dba einen KORR-Bericht an:

„Haarige Zeitreise – Männer gehen wieder zum Barbier“

(These: „Bärte sind nicht nur voll im Trend, sondern müssen auch gepflegt werden.“)

Am 23.4.2014 meldet dba den:

„Bart des Tages“

(Besitzer: Franz Beckenbauer.)

Am 24.4.2014 meldet dba dann:

„Der Kaiser trägt Bart – Beckenbauer mit neuem Look“

Am selben Tag bringt dba dazu ein Experten-Interview („Bartweltmeister: ‚Als Kaiser ist man zum Bart verpflichtet’“) und eine Zusammenfassung („Des Kaisers neuer Bart – Hype um Beckenbauers neuen Look“).

Einen Tag später, am 25.4.2014, bietet dba/audio einen Korri-Talk, O-Töne und ein Umfrage zum Thema „Bart im Trend“ an (These: „Männliche Zottelgesichter und kein Ende in Sicht – der Bart-Trend sprießt weiter.“).

Eine Monat später, am 25.5.2014, meldet dba:

„Kaiser Franz wieder ohne Bart“

Am 19.6.2014 dann eine Sport-Meldung:

„Beim Barte des Profis: Pirlo und Co. Sorgen für Wildwuchs bei WM“

(Die Korrespondentin berichtet, dass viele Fußballer bei der WM über den Platz laufen, „als sei die Rasierklinge noch nicht erfunden“. Und dass das „viele“ andere nicht so gut finden. Zitat dba: „A-bart-ig! So urteilen viele über den Schnauzer von Hugo Almeida“. Und über all die anderen Bärte. Denn: „Ob Milch-, Ziegen-, Spitz-, Kinn-, Backen- oder Stoppelbart: Glatt wie ein Kinderpopo ist nur der Ball.“)

Am 26.6.2014 verkündet dba/video:

„Eigentlich waren immer Rocker, Althippies und Bergbauern bekannt für Vollbärte. Doch die Gesichtswolle liegt voll im Trend.“

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Am 24.7.2014 meldet dba in „Neues aus der Szene“:

„Der Mann von heute zupft sich nicht nur die Augenbrauen und hört Helene Fischer. Er trägt seit längerem Vollbart, wie gerade beim Start der RTL-Kuppelshow ‚Die Bachelorette‘ zu sehen war.“

Am 16.10.2014 entdeckt dba:

„Banker mit Bärten“

(Die Meldung wird natürlich über das dba-Wirtschaftsressort verschickt. These: „Der Bart als Accessoire für modebewusste Männer ist nun auch in den Chefetagen deutscher Banken angekommen.“)

Am 1.12.2014 meldet dba im „Szene-ABC: Was 2014 angesagt war“:

„B wie Burger und Bart: Zwei Szene-Phänomene, die fast schon totgeglaubt waren, denen aber 2014 noch immer in Trendlokalen und im Gesicht vieler Männer gehuldigt wurde. Ist’s 2015 endlich vorbei?“

Anderthalb Monate später, am 12.1.2015, ist klar: Nee, nicht endlich vorbei.

„Matthew McConaughey ist jetzt Bartträger“

Am 22.1.2015 meldet dba in „Neues aus der Szene“:

„’Supergeil‘-Sänger zieht blank: Ende des Bart-Trends?“

(Weil im Werbespot einer Supermarkt-Kette der Hauptdarsteller seinen Bart abrasiert und singt, dass es zu viel Bartträger gibt, wähnt dba, naja, mal wieder das Ende. Aber da haben sie die Rechung ohne den Dings von der CSU gemacht!)

Am 27.4.2015 meldet dba:

„Guttenberg hat jetzt einen Bart“

(Was sich offenbar auf Guttenbergs Leben nachhaltig auswirkt, wie dba schreibt: „Mit Bart schloss der CSU-Politiker am Montag bei einem Auftritt in Oberbayern eine Rückkehr in die deutsche Politik bis auf Weiteres aus.“ Ohne Bart wäre ihm das bestimmt nicht passiert.)

Unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass nun auch der supercoole Guttenberg Bart trägt, fragt dba am 29.4.2015 gemeinerweise:

„Ist der Vollbart out?“

Man sehe ihn an „Kneipen-Tresen in Berlin-Neukölln“, in der Fernsehwerbung und sogar „auch an Karl-Theodor zu Guttenberg“: „Dabei soll er schon wieder out sein, war bereits öfter zu lesen.“

Ist er aber wohl doch nicht.

Am 25.5.2015 meldet dba das Ergebnis einer YouGov-Umfrage:

„Dreitagebart ist der Lieblingsbart der Deutschen“

Und:

„Umfrage: Männer mit Bart besonders attraktiv“

Tja, aber jetzt, wie eingangs erwähnt, läuft der Bart-Trend echt mal langsam aus. Darauf können Sie sich verlassen, denn ihre Kompetenz im Bart-Journalismus beweist dba seit Jahrzehnten. Der formschönste Leadsatz einer dba-Meldung ist bereits mehr als 20 Jahre alt; er wurde am 13.10.1992 veröffentlicht, wieder, wie alle anderen Meldungen auch, unter dem Tarnnamen „Deutsche Presseagentur (dpa)“:

„Ob Affe oder Mensch, beim Manne sprießt er im Gesicht – der Bart, ein sekundäres Geschlechtsmerkmal.“

Forsa-Chef Güllner entkräftet Kritik von drei Leuten an seiner Umfrage

Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hat am Wochenende im Deutschlandfunk Stellung genommen zur Kritik an den Methoden einer „Stern“-Umfrage. Unter dem Hashtag #forsafragen hatten sich viele Menschen auf Twitter über die Art der Fragestellung lustig gemacht, bei der man nur zwischen den Alternativen wählen konnte, Merkel für ihre Griechenland-Politik zu loben oder für einen erzwungenen Grexit zu sein. Auch renommierte Sozialforscher hatten Forsa handwerkliche Fehler vorgeworfen.

Martin Zagatta, Deutschlandfunk: (…) Ihr Institut ist ja zu dem Ergebnis gekommen in der jüngsten Umfrage, glaube ich, die Mehrheit hier in Deutschland sei mit Merkels Griechenland-Kurs zufrieden und vor allem vielen Anhängern der Grünen gefalle die Griechenland-Politik von Frau Merkel. Das ist von Experten ganz heftig kritisiert worden. Bleiben Sie bei diesen Aussagen oder war da die Fragestellung doch etwas verkürzt?

Manfred Güllner: Nein. (…) Wir haben ja hier tatsächlich danach gefragt, ob das, was Merkel an dem konkreten Wochenende gemacht hat, von der Mehrheit der Menschen gebilligt wird, und das ist eindeutig gebilligt worden, da gibt es ja auch andere Zahlen. Und die Kritik kam ja nur von drei Leuten, wenn ich das richtig sehe. Das eine war Herr Niggemeier, nun, dem haben wir mal versucht …

Zagatta: Ein Blogger.

Güllner: Ja, der schreibt ab und zu mal irgendwas …

Zagatta: Ja, der bekannteste Blogger in Deutschland.

Güllner: Ja, was heißt Blogger? Wir müssen auch immer sehen, repräsentieren die Blogger nun auch 80 Millionen Menschen in Deutschland und über 60 Millionen Wahlberechtigte. Und wenn da Herr Niggemeier mal ein paar Leute lesen, ist das ja weiß Gott nicht die Mehrheit.

Zagatta: Ja, aber Ihre Umfrage ist ja auch kritisiert worden von relativ renommierten Universitätsprofessoren.

Güllner: Ja, das sind zwei Leute. Ich habe gerade einen davon, das Buch hier, das ist der Herr Diekmann, der ein Buch über empirische Sozialforschung geschrieben hat, was ich meinen Studenten immer nicht empfehle zu lesen, weil es ein merkwürdiges Buch ist. Der sagt beispielsweise, um 1.000 Leute zu befragen, braucht man drei Wochen. Stellen Sie sich mal vor, wir würden für Sie eine Umfrage machen und würden Ihnen in drei Wochen Ergebnisse liefern, dann ist das doch schon längst im Hut! Nein, das sind Leute, die ich natürlich kenne und wie gesagt …

Zagatta: Ja, Herr Güllner, in diese Fachdiskussion will ich mich auch gar nicht einmischen!

Ein Anwalt für die Leser

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ombudsleute vermitteln weltweit zwischen Redaktion und Leser. In Deutschland aber selten.

Der „Spiegel“ Titel der vergangenen Woche war etwas kontrovers. „Unsere Griechen“, stand da, „Annäherung an ein seltsames Volk“. Ein Angehöriger dieser merkwürdigen Gattung war darunter gezeichnet, schnurrbärtig, dickbäuchig, Zigarette im Mund, Ouzo in der Hand, Sirtaki tanzend, im Arm einen rotgesichtigen, widerwilligen Deutschen im Fußballtrikot, der krampfhaft sein Geld festhält.

Als auf Twitter und Facebook Kritik an dem Cover laut wurde, reagierte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer mit einem Eintrag im „Spiegel-Blog“. Er fragte die Leserinnen und Leser: „Darf man in Krisenzeiten dennoch Humor haben? Karikaturen drucken? Auf einem Titelbild?“ Rhetorische Fragen, aber sicherheitshalber schrieb er die richtige Antwort dazu: „Ja, natürlich.“

Er forderte die Kritiker dazu auf, genauer hinzusehen, und erklärte, dass es sich eben um eine Karikatur handele. Auf inhaltliche Kritik, auch an den Titelzeilen, ging er nicht ein.

Nicht alles, was wie ein Dialog aussieht, ist eine gelungene Kommunikation. Eine Debatte mit dem Publikum oder den Kritikern kam nicht zustande. Es hätte geholfen, wenn Brinkbäumer anders reagiert hätte. Es hätte aber vielleicht auch geholfen, wenn jemand anderes reagiert hätte. Wenn der „Spiegel“ eine Instanz hätte, die in solchen – und ungleich brisanteren – Fällen vermitteln könnte zwischen Lesern und Journalisten. Wenn es jemanden geben würde, der sich die Entscheidungen von der Redaktion erklären lässt, und die Kritik der Leser zusammenfasst.

Er müsste am Ende nicht einmal unbedingt, wie ein Schiedsrichter, ein Urteil fällen. Es würde reichen, wenn er ein konstruktives, kontroverses Gespräch ermöglichen könnte.

Man müsste eine solche Instanz nicht einmal neu erfinden. Sie ist vor Jahrzehnten schon erfunden worden. Es gibt sie in vielen Redaktionen auf der Welt. Es ist die eines Ombudsmanns oder einer Ombudsfrau. In Deutschland ist sie allerdings weitgehend unbekannt, und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich das ändern wird. Dabei könnte gerade sie in Zeiten, in denen Glaubwürdigkeit für Medien eine so kritische Größe ist, ein gutes Mittel sein, um Vertrauen zu schaffen. Wenn man, wie der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, eine akute Beziehungskrise zwischen Publikum und Medien diagnostiziert, scheint es naheliegend, bei der Therapie auf Vermittler zu setzen.

„Ombudsleute können sehr viel erreichen: Verständnis wecken, Brücken bauen, Glaubwürdigkeit stärken“, sagt Stephan Ruß-Mohl von der Universität Lugano. Der Publizistik-Professor wirbt schon lange dafür und gerät fast in Rage, wenn man mit ihm darüber redet. Chefredakteure und Verlage nämlich seien „erstaunlich unsensibel“, was das Thema der Media Accountability, der Rechenschaftspflicht von Medien, angehe. Insofern „geschieht es ihnen recht“, wenn sie feststellen, dass es mit dem Vertrauen des Publikums nicht weit her sei. Und Vertrauen sei Voraussetzung für Zahlungswillen. „Deshalb wundere ich mich umso mehr, dass es nicht gelingt, die simple Wahrheit an den Mann zu bringen.“ Schon rein ökonomisch spreche viel für Ombudsleute: „Sie kosten nicht viel und können viel bewirken.“ Anton Sahlender bezeugt das gerne. Er ist „Leseranwalt“ der Würzburger „Main-Post“. Als Redakteur der Zeitung und langjähriger Stellvertreter des Chefredakteurs ist er seit kurzem im Ruhestand, aber als Ombudsmann macht er noch weiter: „Da bin ich Überzeugungstäter.“ Die Zeitung erklärt die Funktion, die er seit elf Jahren innehat, kurz so: „Als Leseranwalt vertritt er die Interessen der Leser in der Redaktion.“

Sahlender erklärt in seinen Kolumnen, warum die Redaktion Polizisten auf einem Foto unkenntlich gemacht hat (und warum das eigentlich rechtlich gar nicht nötig gewesen wäre). Er diskutiert die heikle Berichterstattung über den 16-jährigen Sohn von Michael Schumacher als Rennfahrer. Er kritisiert Fehler in der Zeitung, wägt Argumente von Beschwerdeführern ab, erläutert die Entscheidungsprozesse und Motive der Redaktion. Und zwischendurch schreibt er noch eine Ode an die Leserbriefschreiber an sich.

Unter der Überschrift „Zur Neutralität des Leseranwaltes zwischen zwei Stühlen, von denen einer dem Brötchengeber gehört“ erklärt er ausführlich, wie er seine Rolle versteht. Seine Antwort auf die Frage: „Könnte mir bitte jemand erklären, warum Leser einen Anwalt brauchen?“ beendet er damit, dass er sich mit dem Wunsch eines Lesers identifiziert, der schrieb: „Mir reicht es, wenn die Redaktion zusätzlich zum Pressekodex das Gewissen als eigene Instanz einschaltet.“ Sahlender fügt hinzu: „Dabei will ich helfen.“

Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit findet nicht in der Öffentlichkeit statt, sondern in Gesprächen mit Kollegen. „Es gibt einen Effekt nach innen“, sagt er. „Die ganze Redaktion verändert ihr Handeln; das Nachdenken über die Arbeit nimmt zu.“ Darüber hinaus gehe es um etwas, das im Journalismus erstaunlicherweise manchmal weniger selbstverständlich erscheint als in anderen Branchen: „Beschwerdemanagement“. Leser bekä- men schneller Antwort; oft entschärfe er einen Streit, auch die Anrufung des Presserates erübrige sich manchmal. „Ich pflege auch auf Idioten zu antworten“, sagt Sahlender, denn wenn man Beschimpfungen und Unterstellungen abziehe, bleibe oft genug ein sachlicher Anlass für den Ärger. Was genau er erreicht hat für die Wahrnehmung der „Main-Post“, kann er nicht sagen. „Aber wenn es sinnlos wäre, hätte ich längst hingeschmissen.“

Sahlender war der erste Ombudsmann in Deutschland. Inzwischen leitet er eine „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“, die gerade einmal elf solche Institutionen umfasst, darunter auch den „Leserbotschafter“ des „Hamburger Abendblattes“, obwohl der sich vor allem um Beschwerden der Leser über Behörden und Unternehmen kümmert. Gruppen wie die „Initiative Qualität im Journalismus“ fordern schon lange mehr Ombudsleute in den Medien – aber es tut sich fast nichts, nicht einmal jetzt, wo viele ein zerrüttetes Verhältnis zwischen Teilen des Publikums und der Medien beklagen. „Ombudsleute wären mehr denn je notwendig, obwohl das Konzept so altmodisch klingt“, sagt Sahlender. „Aber viele Chefredakteure fürchten, die Deutungshoheit zu verlieren.“

Allerdings geschieht das heute ohnehin schon, in Form von Kritik, die Leser im Internet, in Kommentaren und Blogs, auf Facebook und Twitter üben. Ombudsleute und andere Formen der Selbstreflexion wären eine Chance, den Lesern eine eigene Stimme hinzuzufügen, „nicht den Trolls und Hasspredigern das Feld zu überlassen“, wie Ruß-Mohl es formuliert.

Um der Idee von Ombudsleuten in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, müsste ein großes Leitmedium sie aufnehmen, meint Ruß-Mohl, aber damit ist vorerst nicht zu rechnen. Der stellvertretende Chefredakteur des „Spiegels“, Alfred Weinzierl, sagt zwar, dass man mehr „in den Dialog“ mit den Lesern geht als früher – aber von der Einrichtung eines Ombudsmannes bei Medien hat er noch nie etwas gehört. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es einen Mann, der sich im Lokalen um Anliegen von Abonnenten kümmert, und „Leserdialogteams“ – das erklärte Ziel sei es, dass inhaltliche Bedenken und Fragen angenommen würden und dass jeder Leser eine Antwort bekomme. Berthold Kohler, einer der Herausgeber dieser Zeitung, sagt, die Einsetzung eines Ombudsmanns sei bisher kein Thema in der F.A.Z. gewesen. „Daraus schließe ich, dass ich nicht der Einzige in unseren Reihen bin, der auch in Streitfällen den direkten Kontakt mit den Lesern bevorzugt.“

Die „Welt“ lässt ausrichten, man finde die Idee von Ombudsleuten „generell gut“ und beschäftige sich auch damit. Aktuell setze man den Dialog mit den Lesern vor allem über Social Media um. Der Chefredakteur der „Welt“ habe dar- über hinaus einen Referenten, zu dessen Aufgaben es gehört, mögliche Konfliktfälle im Dialog zwischen Chefredaktion, Redaktion und Leser zu klären.

Das ZDF verweist darauf, dass in Programmfragen der Fernsehrat „das maßgebliche Kontrollorgan“ sei und sich dessen Vorsitzender Ruprecht Polenz als „Anwalt des Zuschauers“ verstehe. Dafür gebe es auch die „Programmbeschwerde“ über den Fernsehrat – ein streng formales Verfahren, das das Gegenteil dessen ist, was ein guter Ombudsmann tun könnte: unbürokratisch, schnell und formlos für einen Ausgleich der Interessen sorgen, Verbündeter der Öffentlichkeit sein und sie als Verbündeten nutzen.

Natürlich sind Ombudsleute nicht die einzige Möglichkeit, sich der Kritik zu stellen, Rechenschaft abzulegen, Diskussionen über Maßstäbe für Qualität zu organisieren. Aber sie können eine besonders elegante, wirkungsvolle Möglichkeit sein. In den Vereinigten Staaten beweist das Margaret Sullivan, „Public Editor“ der „New York Times“. Sie beschäftigt sich kritisch-abwägend mit Beschwerden über die Berichterstattung der Zeitung und führt einen eigenen Kampf gegen den inflationären Gebrauch von anonymen Quellen.

Hierzulande scheitert es oft auch daran, eine geeignete Person zu finden; jemand, dessen Wort sowohl in der Redaktion Gewicht hat, als auch von außen anerkannt ist, jemand, der „nicht auf der Wassersuppe daherkommt“, wie Sahlender sagt. „Es müsste jemand sein, der im Haus sitzt, aber nicht zum Haus gehört“, meint Lorenz Maroldt, einer der beiden Chefredakteure des Berliner „Tagesspiegels“. „Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, wenn es nicht nur ein Grüßaugust sein soll.“ Anders als vor Jahren, als schon die Einrichtung regelmäßiger Korrekturen von Lesern nicht als Ausweis von Qualität, sondern ihrem Gegenteil bewertet wurde, glaubt er, dass heute diese Form der Selbstkritik funktionieren könnte.

Nötig wäre es, insbesondere wenn hochwertige Medien ihre Leser angesichts der vielen kostenlosen Alternati- ven davon überzeugen wollen und müssen, dass es sich lohnt, Geld für sie auszugeben. „Wer hochwertige Produkte verkaufen will, muss spezielle Strategien entwickeln, um die Qualität der Angebote zu kommunizieren“, sagt Ruß-Mohl. Dazu gehöre es auch, mit dem Publikum über die Maßstäbe der eigenen Arbeit ins Gespräch zu kommen.

Jörg Kachelmann und die Verbrecher von kabel eins

Schalten wir um zu kabel eins. Dort läuft am Sonntag eine neue Doku des Grauens: „Die spektakulärsten Kriminalfälle – dem Verbrechen auf der Spur“.

Der Sender bewirbt sie mit einem dreißigsekündigem Trailer, in dem es heißt:

Dunkle Geheimnisse.

Undurchschaubare Abgründe.

Verhängnisvolle Taten.

Diese Menschen sind bis zum Äußersten gegangen und wurden zu Verbrechern, die jeder kennt.

Welche Motive hatten sie? Und warum ziehen uns wahre Kriminalfälle so in ihren Bann?

Die Faszination des Grauens in der neuen Doku.

„Die spektakulärsten Kriminalfälle – dem Verbrechen auf der Spur“. Am Sonntag um 20:15 Uhr.

Man muss es im Original gesehen und die Stimme des Sprechers und die dramatische Musik gehört haben, um es angemessen würdigen zu können:


 

Im Bild, unter anderem: Hans-Jürgen Rösner und O.J. Simpson, Marianne Bachmeier und Jürgen Harksen – und Jörg Kachelmann, der Wettermoderator, der von dem Vorwurf, eine Frau vergewaltigt zu haben, freigesprochen wurde.


Und kabel eins zeigt den — noch einmal: rechtskräftig freigesprochenen — Moderator als Verbrecher, den jeder kennt – was auf eine ironische Weise fast schon wieder treffend ist, angesichts der Vorverurteilung und der anhaltenden Folgen des Prozesses und der Berichterstattung für Kachelmann.

Kachelmanns Anwalt hat die Sendergruppe ProSiebenSat.1, zu der kabel eins gehört, abgemahnt. Die „Behauptungen“ über Kachelmann seien „allesamt unwahr“: Es habe schon keine Tat gegeben, deshalb auch kein Motiv und kein „Grauen“, das faszinieren könnte. Die Behauptung, Kachelmann sei ein „Täter“ bzw. „Verbrecher“ werde „in ehrenrühriger Weise und wider besseres Wissen aufgestellt“.

ProSiebenSat.1 bestätigte auf Anfrage, die geforderte Unterlassungserklärung abgegeben zu haben und den Trailer nicht mehr zu zeigen. In der Sendung selbst werde Kachelmann selbstverständlich in keiner Weise als Verbrecher dargestellt.

Kachelmann behält sich vor, eine Geldentschädigung zu verlangen.

Brief an Hermann Beckfeld, Chefredakteur der „Ruhr Nachrichten“

Lieber Hermann Beckfeld,

seit mehr als drei Jahren versenden Sie nun Briefe. Nicht einfach so, mit der Post, wie jeder andere; Sie schreiben Ihre Briefe öffentlich, in die „Ruhr Nachrichten“, weil Sie es können, Sie sind ja Chefredakteur – wer sollte es Ihnen also verbieten?

Mehr als 100 Briefe haben Sie bis heute verfasst, alle zwei Wochen kommt ein weiterer hinzu. Sie schreiben an alle möglichen Menschen: an Prominente, an Politiker, an Lottogewinner, an Mütter, an Ihre Pförtnerin, an andere Chefredakteure und zur Not auch mal an Roman-Figuren oder – als ob die im Himmel die „Ruhr Nachrichten“ läsen! – an Verstorbene.

Eigentlich hätten Sie „längst aufgehört, diese Briefe zu schreiben“, schreiben Sie in einem dieser Briefe, und ich sähe dafür auch gute Gründe, aber Ihre Leser bestärken Sie angeblich weiterzumachen. Sogar ein Verlag hat sich inzwischen gefunden, der die Briefe als Buch vertreibt. Mit diesem Buch gehen Sie auf Lesereise. Da sitzen dann Prominente neben Ihnen, zum Beispiel Peter Maffay. Es wird viel gelacht.

Auch ich lese gelegentlich, was Sie, der Franz-Josef Wagner des Ruhrgebiets, so dichten. Wenn mein Pathos gerade knapp ist oder ich nur noch wenig Schwulst im Haus habe, schaue ich einfach in einen Ihrer Briefe; da ist immer von allem genug, zuweilen gar so viel, dass ich Vorrat für ein ganzes Jahr habe.

scrrenshot ruhrnachrichten.de 14.7.2015

Manchmal frage ich mich dann, wie Sie Ihre Briefe schreiben. Ich stelle mir vor, dass Sie dabei knien oder eine ähnlich anbetende Haltung einnehmen, um zum Beispiel Robbie Williams zuzukumpeln, dass Sie (bis auf den jungen Boris Becker) keinen kennen, der so „unvergleichlich authentisch“ sei, eine so „magnetische Anziehungskraft“ habe und ein so „unwiderstehliches Lächeln“; oder, kurz geschrieben: dass Sie niemanden (bis auf Boris Becker) kennen, der „solch eine Ausstrahlung hat wie Du“.

Oder Sie schreiben an die Eiskunstläuferin Katarina Witt, das „schönste Gesicht des Sozialismus“, den „Kufen- und Kurvenstar“, der „für den Erfolg mit so vielen blauen Flecken bezahlte, nicht nur auf der Haut“.

Oder, und nun wird es interessant: an Klaus Engel, den Chef des Essener Chemie-Konzerns Evonik, ein Unternehmen gleich bei Ihnen umme Ecke. „Sehr geehrter Herr Dr. Engel“, heben Sie an, um den Manager dann für seine „ehrliche[n] Aussagen“ und seine „wertvolle[n] Ratschläge“ zu ehren. Sie preisen das für Engel angeblich „typische Lächeln, das eigentlich gar nicht zu einem Manager passt“, ein Lächeln, „so menschlich natürlich, das Bescheidenheit, ja, fast Schüchternheit ausstrahlt“. Sie himmeln Engel förmlich an, beruflich wie privat: „Ich weiß, dass Sie niemals versäumen würden, den Hochzeitstag mit Ihrer Frau zu feiern.“

Auch wenn Sie an Pressesprecher oder Politiker oder an beide in einer Person schreiben, ist Ihnen so etwas wie journalistische Distanz eher lästig. An den ehemaligen Bürgermeister der Stadt Obertauern, der dort auch ein Hotel betreibt und einst Tourismus-Chef war, schreiben Sie: „Unter all den Weltmeistern bist Du für mich der Champion“, und mit diesem Weltmeister-Champion würden Sie gerne mal wieder „bei einem Gläschen Rotwein“ an seiner Bar sitzen. „Dein Tisch war stets umlagert, weil Du es schon immer blendend verstanden hast, uns Journalisten einzufangen“. Und wie gut der Ex-Tourismus-Bürgermeister darin ist, im Einfangen, dafür ist Ihr Brief der beste Beleg.

Auch die Chefin der Tourismus GmbH in Rheinland-Pfalz, die „liebe Gabi“, hat Ihr Herz geklaut, vor 40 Jahren schon, „40 Jahre, in denen ich Deine Arbeit schätzen lernte“. Und: „Wie habe ich Dich jedes Jahr auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, an Eurem Stand in einer stickigen Messehalle bewundert.“ Also, wäre ich die Gabi, ich würde mich freuen über einen Chefredakteur zu meinen Füßen, der so verlässlich meine Arbeit macht und einen Brief in seine Zeitung tippt, der klingt, als wäre er aus Pressemitteilungen der Tourismus GmbH zusammenkopiert.

Aber sicher liegt es nur an der guten Arbeit der Tourismus-Chefin, dass man zudem etliche Artikel über Ausflugsziele und Veranstaltungen in Rheinland-Pfalz in den „Ruhr Nachrichten“ findet. Und nicht etwa daran, dass Sie Ihren Redakteuren Gabis Pressemitteilungen wärmstens ans Herz legen.

Lieber Hermann Beckfeld,

im Kern, das haben Sie sicher schon gemerkt, bewundere ich Sie ein bisschen.

Nicht für die Briefe. Aber dafür, dass es bei Ihnen im Verlag und in der Redaktion offenbar niemanden gibt, der Ihnen die Tastatur wegnimmt. Und dafür, dass Ihre Leserinnen und Leser Sie angeblich dafür auch noch rühmen, dass Sie so unzertrennlich eng mit allen sind.

Das ist verrückt. Das ist selten. Das wäre mal ein Thema für einen Dankesbrief.

Supernette Grüße
Boris Rosenkranz

PS. Der Vollständigkeit halber: Ich war so zwischen 2001 und 2004 freier Mitarbeiter in der – inzwischen geschlossenen – Bochumer Redaktion der „Ruhr Nachrichten“.