Deutschlandfunk-Experte leugnet Ermittlungen wegen Landesverrat gegen netzpolitik.org

Seit gestern Nachmittag ist bekannt, dass die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen die Verantwortlichen von netzpolitik.org wegen des Verdachts auf Landesverrat und die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen eingeleitet hat. Das entsprechende Schreiben, in dem der Generalbundesanwalt Markus Beckedahl diese Tatsache mitteilt, kann man sich seit gestern Nachmittag ansehen.

Aber der vermeintliche Sicherheitsexperte des vermeintlich seriösen Deutschlandfunks, ein verfassungsschutznaher Mann namens Rolf Clement, erzählt den Hörern noch heute Morgen, dass gar nicht gegen netzpolitik.org ermittelt werde, sondern gegen Unbekannt. Und dass die ganze Aufregung darüber, dass nach Jahrzehnten in Deutschland wieder gegen Journalisten wegen „Landesverrates“ ermittelt wird, schon deswegen unbegründet sei, weil gar nicht gegen Journalisten ermittelt werde und es dem Verfassungsschutz und der Bundesanwaltschaft nur um die Quellen der vertraulichen Dokumente gehe.

Lesen und staunen Sie. Deutschlandfunk, heute früh, 7:38 Uhr, die Sendung „Informationen (sic!) am Morgen“ (Hervorhebungen von mir):

Moderatorin: Es wurden Ermittlungen eingeleitet, genau genommen gegen Verantwortliche des Internetblogs „Netzpolitik“, und zwar wegen des Verdachtes auf Landesverrat. Der Paragraph stellt nicht nur die Weitergabe von Staatsgeheimnissen an eine, so wörtlich, fremde Macht unter Strafe, sondern auch, wenn man diese öffentlich bekannt macht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen, Zitat Ende. Unser Korrespondent für Sicherheitsfragen, Rolf Clement, hatte diese Geschichte schon vor einigen Wochen recherchiert und wir sind jetzt mit ihm verbunden. Herr Clement, was genau ist jetzt der Hintergrund für dieses Strafverfahren?

Clement: Also, es ist zunächst einmal ein Strafverfahren gegen Unbekannt, nicht gegen Journalisten, weil es nämlich um folgenden Sachverhalt geht: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz hat festgestellt, dass geheime Unterlagen, die operative Rückschlüsse zulassen, in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind. Und da geht es also um Fragen des Haushaltes, und aus dem Haushalt ablesen kann man Arbeitsweisen des Verfassungsschutzes, wenn man solche Haushalte richtig lesen kann.

Und das kann man nicht, wen man einfach über ein solches Papier berichtet, das kann man aber, wenn man das Papier selber in der Hand hat. Die Zielrichtung dieses Verfahrens – angeregt, wie gesagt, durch den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz – ist nicht so sehr die Presse an sich, sondern ist derjenige, der uns informiert. Also sozusagen die Stufe vorher. Dass wir, wenn wir solche Informationen haben, diese verbreiten, ist sicherlich etwas, wo die Politiker und die Leute in der Administration sagen: „Das ist euer Job, das müsst ihr machen“, aber die Weitergabe, das ist das Problem, und das ist auch das, was den Präsidenten des Bundesamtes für den Verfassungsschutz sehr ärgert. Und soweit ich weiß, spielt das eine Rolle, dass manchmal oder sehr häufig solche Informationen in dem Moment weitergegeben werden an Medien, in dem sie im Bundestag angekommen sind. Das ist der Eindruck, den viele im Verfassungsschutz und in anderen Gremien haben. Und da vermutet man, dass aus dieser Ecke die Weitergabe erfolgt und das möchte man mal aufgeklärt haben.

Moderatorin: Sie sagen, Ermittlungen gegen unbekannt, zunächst einmal. Weshalb lesen wir jetzt überall, dass Strafanzeige eben gegen genau diese Verantwortlichen dieses Blogs erhoben wurde?

Clement: Also, ich habe die Sache, wie gesagt, recherchiert. Und mir haben alle gesagt, mit denen ich darüber gesprochen habe, die Strafanzeige geht gegen Unbekannt. Weil man nämlich genau herausbekommen will, wo sind denn die Löcher? Und das führt dazu, dass die Generalbundesanwaltschaft anfängt zu ermitteln, zunächst einmal bei dem, der das Papier erstellt hat, also im Verfassungsschutz. Dann, wohin geht ein solcher Haushaltsplan dann. (…) Und diesen ganzen Weg sollten nach dem Wunsch des Verfassungsschutzes und auch nach normalen Ermittlungsmethoden die Ermittler dann durchgehen.

Und die werden, daraus schließe ich nun die jetzige Bekanntgabe oder die jetzige andere Zielrichtung, die werden an die Kollegen von dem Internetdienst herangegangen sein und gesagt haben: „Sacht mal Leute, sagt ihr uns denn woher ihr das habt?“ Denn das wäre natürlich das Einfachste, wenn man es über die bekäme. Und daraufhin haben die [bei Netzpolitik] geschlossen: Mensch, die ermitteln gegen uns. Das ist nicht die erste Zielrichtung, soweit ich das bisher beobachtet habe, aber uns Journalisten steht ja auch ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Wir sagen auch nicht, woher wir sowas haben.

Moderatorin: Es geht einerseits um die Quellen; auf der anderen Seite um diejenigen, die sie verbreiten. Was könnte denn Journalisten drohen, die das veröffentlichen?

Clement: Naja gut, wenn man solche Unterlagen veröffentlicht und man zu dem Ergebnis kommt, das ist Geheimnisverrat, dann kann natürlich daraus ein Strafverfahren entstehen. Und dann kann man theoretisch deswegen auch verurteilt werden. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Gefahr konkret besteht in diesem Fall. Wobei es immer noch etwas anderes ist, wissen Sie, wenn wir Informationen bekommen, wo auch mal ein Stempel drauf ist, dass das vielleicht geheim ist, dann erschrecken wir da nicht vor. Sondern dann sagen wir, das berichten wir auch. Ich würde es aber nie machen, dass ich ein ganzes Dokument irgendwo veröffentliche, sondern ich würde über das Dokument berichten. Und das ist immer noch was anderes, als wenn ich das Dokument selber reinstelle. Denn Experten, Fachleute, auch andere Dienste, können daraus Dinge lesen, die für die Operation von Geheimdiensten ganz wichtig sind und in operative Abläufe dann eingreifen.

Der Deutschlandfunk-Experte für Sicherheitsfragen hat also völlig verpasst, was seit gestern Nachmittag passiert ist und dass seine Meldung von vor vier Wochen, wonach sich die Ermittlungen nicht gegen die Medien richten, hinfällig ist. Wenn nun überall zu lesen ist, dass doch gegen Journalisten ermittelt wird, muss das für den Deutschlandfunk-Korrespondenten ein Fehler sein, ein Missverständnis der jungen Blogger-Kollegen, die nicht kapiert haben, dass die Ermittler einfach nur mal freundlich bei ihnen nachhören wollten, ob sie ihre Quelle nicht einfach verraten wollen, spart ja allen viel Arbeit sowas. Und am Ende distanziert er sich noch von den netzpolitik.org-Leuten, weil die Dokumente einfach veröffentlichen, anstatt das zu tun, was erfahrene Kollegen wie er täten, wenn sie sie bekämen: Nur darüber zu berichten. Und dagegen könne ja niemand etwas haben.

Der Deutschlandfunk-Experte Rolf Clement ist schön früher auffällig geworden. Im vergangenen Jahr hat er fälschlicherweise behauptet, es habe „massive“ Verletzungen des „europäischen Luftraums“ durch russische Flugzeuge gegeben. Der DLF-Intendant hat sich dafür später entschuldigt. Clement vertritt auch sonst durchaus extreme Positionen.

Im Mai hat Clement ein Symposium des Verfassungsschutzes moderiert.

Auf Twitter verbrämt der Deutschlandfunk die ausdauernd und systematisch falsche Darstellung Clements als „Versprecher“.

Hereingefallen auf die Falschdarstellung des Deutschlandfunks ist übrigens Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Auf Twitter antwortete er heute früh auf die Frage des Grünen Politikers Malte Spitz, warum sich „Bild“ zurückhalte bei der Berichterstattung über den Fall:

Nachtrag, 16:30 Uhr. Der Deutschlandfunk hat eine Stellungnahme veröffentlicht:

Zur Kritik am Gespräch mit Rolf Clement in den „Informationen am Morgen“

Der Deutschlandfunk hat Kritik und verschiedene Anfragen erhalten zu einem Gespräch, das die Moderatorin der „Informationen am Morgen“ heute mit unserem Sicherheitsexperten Rolf Clement geführt hat. Thema waren die Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen zwei Journalisten des Blogs „Netzpolitik.org“ und gegen Unbekannt. Grund der Kritik ist, dass Rolf Clement mehrfach und anders als die Moderatorin lediglich von einer „Strafanzeige gegen Unbekannt“ gesprochen hat.

Diesen Fehler bedauern der Deutschlandfunk und Herr Clement sehr. Rolf Clement ist ein erfahrener und respektierter Kollege mit einer großen sicherheitspolitischen Expertise. Wir werden die Situation intern besprechen und Rückschlüsse für die redaktionelle Arbeit ziehen.

Seit Bekanntwerden der Ermittlungen gegen „Netzpolitik.org“ gestern am späten Nachmittag hat der Deutschlandfunk ausführlich darüber berichtet. Es war ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Thema in unseren Nachrichten, in unserem übrigen Programm und auf unserer Seite deutschlandfunk.de.

In der gesamten Berichterstattung hat der Deutschlandfunk durchgängig auf die Ermittlungen gegen Journalisten verwiesen. Die Nachrichtenmeldung von gestern, 19:00 Uhr, etwa begann mit dem Satz „Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf Landesverrat gegen Journalisten“. Im Internet war dieser Meldung als Bild ein Screenshot von der Seite von Netzpolitik.org beigefügt, mit dem Text, in dem die Kollegen des Blogs über die Ermittlungen gegen sie informieren. Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass der Deutschlandfunk bis auf diese Ausnahme korrekt berichtet hat. Das gilt auch für die heutigen „Informationen am Morgen“ – bis auf dieses eine Kollegengespräch.

Herr Clement berichtet seit Jahren als festangestellter sicherheitspolitischer Korrespondent u.a. über Themen der Inneren Sicherheit. In dieser Funktion pflegt er selbstverständlich professionelle Kontakte sowohl zum Bundesamt für Verfassungsschutz wie zu den Landesämtern für Verfassungsschutz.

Im Mai hat Herr Clement im Rahmen einer Nebentätigkeit mit Genehmigung von Deutschlandradio ein Fachsymposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter dem Titel „Islamistischer Terrorismus in Europa“ moderiert. Es handelte sich dabei um eine Folgeveranstaltung aus dem Jahr 2014. Deutschlandradio sieht hierin keinerlei Grund zu der Annahme, Herrn Clements journalistische Unabhängigkeit stünde infrage.*

Deutschlandradio hat interne Richtlinien für Aufträge an Journalisten, die sicher stellen, dass einheitliche Standards bei Recherche und Berichterstattung gewahrt bleiben. Deutschlandradio wird diese Richtlinien in Form eines „Journalistischen Selbstverständnisses“ in Kürze veröffentlichen.

Das erklärt meiner Meinung nach nichts.

Nachtrag, 19:20 Uhr. Mehr über Rolf Clement hier.

*) Nachtrag, 1. August. Dieser Absatz fehlte in der Antwort, die mir der Deutschlandfunk geschickt hat, zunächst.

Sex auf dem Stromkasten

Durch einige Redaktionen des Landes hallte dieser Tage ein kollektives „Höhö“, mancherorts war auch ein leises Hecheln zu hören oder, im Zimmer eines Chefredakteurs, sogar ein Grunzen. Der Grund: die Aufklärungssendung „Make Love“ im ZDF, die schon von sich reden machte, als sie noch im MDR lief.

Nun erklärt das ZDF: „Liebe machen kann man lernen“. Und wieder stürzt sich die einschlägige Journaille auf die durchaus expliziten Sex-Szenen, die allerdings so behutsam inszeniert sind, dass man schon äußerst katholisch leben muss, damit einem das aufstößt. Aber ein erigierter Penis, zumal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sorgt eben auch 2015 noch für catchy Überschriften (siehe oben) und ein wenig schwülwarme Restempörung, die manchmal lustig ist, manchmal bigott, wenn sie ausgerechnet aus der Redaktion der „Bild“ herüberweht.

Worüber kaum jemand spricht, ist die altbackene, teils rätselhafte Bildsprache, auch jenseits der Sexszenen, mit der „Make Love“ schon im MDR auffiel. Zu Beginn dieser Staffel nun sieht man zunächst, wie sich Moderatorin und Sex-Therapeutin Ann-Marlene Henning ein Paar beim Sex ansieht. Auf einer Hauswand.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Manchmal scheint sie selbst überrascht, was da auf der Hauswand so passiert, auch wenn sie das beim Dreh gar nicht sehen konnte, weil die Szenen ja erst im Schnitt eingefügt wurden. Aber Phantasie ist beim Sex bekanntlich nicht abträglich.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Eigenartiger wird es, wenn ein Professor die Dinge einordnet, aber nie im Vollbild zu sehen ist. Auch der Professor redet auf Häusern, über die er halbtransparent gelegt wird. Was leider dazu führt, dass der Professor Fenster auf der Wange hat. Oder auf dem Ohr. Jedenfalls in den Fällen, in den man ihn nicht erst suchen muss. Das sieht alles nicht nur komisch aus, ich kann mich auch nicht mehr erinnern, was der Professor überhaupt gesagt hat.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Beim letzten Bild ist es übrigens offenbar so, dass der Professor das, was er sagt, zu Frau Henning sagt, die – kaum zu erkennen – links neben dem Professor über den Bürgersteig schlendert. Ist jetzt nicht so nett. Läuft sie einfach weg, während der Professor mit ihr spricht. Aber, andererseits: Sie haben den Professor ja auch auf Heuballen projiziert. Ein Meilenhaufen der Bildgestaltung.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Vermutlich liegt der inhaltliche Bezug zum Thema irgendwo hinten im Feld und zieht sich gerade aus, aber so richtig erschließt sich das nicht. In der ersten Staffel wurde der Professor manchmal auf eine aus der Vogelperspektive aufgenommene Straße projiziert, auf der Autos fahren. Er lag quasi auf der Fahrbahn. Ein Kollege wies mich damals darauf hin, dass der Professor ja über, höhö, Verkehr rede, es also logisch sei, dass er das auch im Verkehr mache.

Das Schlimme ist: Ich fürchte seither, dass das tatsächlich so gemeint war.

Die schriftlichen Infos bei „Make Love“ sind ebenfalls Text-Bild-Rätsel. Meistens stehen sie so in der Landschaft rum, zum Beispiel vor einer Kirche. Manchmal läuft die Moderatorin auch an den Buchstaben vorbei und wirft einen Schatten auf sie, was sicher die ein oder andere Graphik-Stunde gekostet hat.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Oder die Buchstaben werden lustig von Wasser aus einem Wasserrad weggespült.

Screengif "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Und irgendeinen Grund wird es haben, dass die „weibliche Ejakulation“ aus dem Himmel purzelt und auf einer Dachrinne landet, wo sie dann, wie ihre Freunde vor der Kirche, ein wenig rumsteht.

Screengif "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Die „weibliche Ejakulation“ auf der Mauer vor dem Wasserrad einzublenden, wäre ja noch halbwegs einleuchtend gewesen – aber auf einer Dachrinne?

Und was soll uns das nächste Bild sagen? Wir sehen: Eine Frau, die offenbar mit ihrem Smartphone eine Hauswand aufnimmt, auf der ein Paar Sex hat, was mittels einer Art Röntgen-Graphik verdeutlicht wird. Sehr modern. (Bis auf den Rock.)

Aber was wird eingeblendet und worum geht es im Off-Text?

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Genau, um die Zeit „300 v. Chr.“ – und, ja, ich weiß, dass es aus dieser Zeit keine Filmaufnahmen gibt. Aber ich glaube, dass man das mit den Mitteln des Fernsehens alles logischer, packender, also kurz: besser machen kann, machen muss.

Allerdings geht einem dann unter Umständen, wenn man anschließend darüber schreibt, eine super klickbare Überschrift (siehe oben) flöten.

Screenshot "Make Love" (ZDF) 28.7.2015

Die nächste Folge von „Make Love“, dann zum Thema „Sex trotz Hindernissen“, läuft am 4. August 2015 um 22.45 Uhr im ZDF. Die erste Folge ist hier (immer ab 22 Uhr) zu sehen.

Wofür das „F“ in „FAZ“ steht

Und dann schlendert Sebastian Vettel an einem dunkel glänzenden Sportwagen vorbei, die Sonne scheint, und Vettel sagt, dass die Sonne scheint und der Wagen ganz toll ist. Dass Vettel das sagt, ist kein Wunder. Bei dem Auto handelt es sich um einen Ferrari, und bei Ferrari verdient Sebastian Vettel sein Geld; da muss man dann zwangsläufig schon mal in Werbevideos so Sachen erzählen:

So, here we are. We obvisiouly picked the right day. Sunshine. And a perfect car, California T from Ferrari. Obviously a lot of horse power and the usual turbo lag, thank God, is not there, so, äh, yeah, it’s really amazing. It’s a great car to drive, to enjoy every day on the Road.

Das Video läuft im youtube-Kanal von Ferrari und gedreht wurde es Mitte Juli, als Vettel eine Dependance seines Arbeitgebers in Wiesbaden besuchte. Am Tag, an dem der Werbeclip entstand, hat Ferrari noch ein weiteres Video produziert; nicht für sich selbst, sondern für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Gleich zu Beginn des Videos schlendert Sebastian Vettel an einem dunkel glänzenden Sportwagen vorbei, die Sonne scheint, und Vettel sagt, dass der Tag perfekt und das Auto ganz toll ist; dieses Mal auf Deutsch, ist ja für die FAZ.

Also, heute haben wir uns natürlich den perfekten Tag ausgesucht und das perfekte Auto dafür. Der neue Ferrari California T. Wie das T schon verrät, eben mit Turbomotor. Normalerweise gibt’s ja da das normale Turbo-Loch, aber das ist hier wirklich nicht vorhanden. Ansprechverhalten ist perfekt und Leistung hat es genug, also macht richtig Spaß.

Vettel sagt also in etwa das, was er im Werbevideo sagt, sogar noch ein klein wenig ausführlicher – und eben in der FAZ. Danach sieht man ihn und FAZ-Redakteur Boris Schmidt aus dem Ressort „Technik & Motor“ im beworbenen Ferrari-Modell durch die Landschaft gurken, Vettel fährt, Schmidt mit, und beide tragen knallrote Ferrari-Kappen. Anschließend interviewt Schmidt Ferrari-Mann Vettel vor dem Ferrari und hessischer Weinrebenkulisse. Schöne Werbung.

Screenshot Video FAZ.net

Screenshot Video FAZ.net

Die FAZ hat zwar ihr Dauerlogo oben links auf das Video gepappt, für die Produktion war sie aber gar nicht zuständig. Laut Abspann erledigte Ferrari „Kamera und Schnitt“, übernahm also die inhaltliche Komposition und war somit frei, vor das FAZ-Video den deutschen Ferrari-Werbeclip zu schneiden und unter die Spritztour dasselbe Werbemusikgeklonger wie im Werbeclip. Und bei der FAZ hat nicht mal einer aufgezeigt und „Hö?“ gesagt. Oder: „Äh?“

FAZ-Redakteur Schmidt hat mir auf meine Anfrage geantwortet, dass Ferrari „keinerlei Einfluss“ auf das Interview gehabt habe: „Das gefilmte Interview hat genau so stattgefunden wie im Video zu sehen, es wurde nichts nachbearbeitet oder herausgeschnitten.“ Wobei „keinerlei Einfluss“ nicht ganz stimmt. Geschnitten wurde das Video ja schon mal von Ferrari. Und an der langen Text-Fassung des Interviews, die in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erschienen ist, hat das Unternehmen auch mitgewirkt. Steht sogar im Text:

Und über die Formel 1 wollen wir nicht sprechen, das ist vereinbart.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 26.7.2015

Richtiger müsste es wohl heißen: „Und über die Formel 1 will Sebastian Vettel nicht sprechen, das ist vereinbart.“ Ferrari möchte ja das neue Auto zeigen, in schöner Landschaft und mit einem lockeren Plausch über Autofahren und Bratwurst. Redakteur Schmidt schreibt: „Das Wortlaut-Interview in der FAZ-Sonntagszeitung wurde nur mit Vettel bzw. seiner Managerin realisiert.“ Und es wurde, wie häufig bei Print-Interviews, noch mal geglättet, was man hier gut sehen kann, wenn man die Passagen im Video mit der gestrafften Druckfassung vergleicht.

Unwohl ist ihnen bei der FAZ dabei offenbar nicht, wenn ein halbes Werbevideo, fertig geschnitten und geliefert vom Unternehmen, um das geht, in einen Beitrag platziert wird, in dem Fragen nach der Formel 1 per se untersagt ausgeschlossen sind. Aber vielleicht ist das auch noch zu undeutlich.

Stellen wir uns deshalb abschließend vor, dass es kein Motor-Journalist gewesen wäre, sondern ein Politik-Journalist. Und dass der mit einer Unions-Mütze auf dem Kopf zum Interview mit Angela Merkel erschienen wäre und gesagt hätte: „Über Griechenland wollen wir nicht reden, das ist vereinbart.“ Und dann hätte Merkels Pressesprecher das Interview so geschnitten, dass man gleich zu Beginn Merkel sieht, wie sie am hell glänzenden Bundskanzlerinnenamt vorbei schlendert und sagt, dass die Sonne scheint und alles toll ist.

Solange der unter der Unions-Mütze nicht Sigmund Gottlieb ist, müsste man das mindestens merkwürdig finden; vor allem in einer Welt, in der Verlage gerne betonen, wie wichtig es sei, dass die Leser durch unabhängige Journalisten informiert werden. Unabhängig heißt in diesem Fall offenbar, dass man den eigenen Redakteur und das FAZ-Logo in einem Firmenvideo unterbringt.

Der Rest ist dann eher egal.

[Mit Dank an Bubi.]

Nachtrag, 14.00 Uhr. Die FAZ hat das Video entfernt. Unter der Text-Fassung des Interviews steht nun folgender Hinweis:

Anm. der Redaktion: In diesem Text befand sich in einer vorherigen Version ein Video mit Fahrszenen und einem Interview, das unser Redakteur mit Sebastian Vettel geführt hat. Wir haben dieses Video entfernt, weil es nicht unseren redaktionellen Standards entsprach.

Verschwundene Maddie: Spekulieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen

2007 verschwand die dreijährige Madeleine McCann aus einem Hotelzimmer in Portugal. Der Fall sorgte damals für großes Aufsehen. Medien berichteten weltweit darüber. Maddies britische Eltern nutzten die Öffentlichkeit, um nach ihrer Tochter zu suchen und wurden zwischenzeitlich auch selbst verdächtigt, etwas mit deren Verschwinden zu tun zu haben. Und Maddie – ist bis heute nicht aufgetaucht.

Journalisten stürzen sich deshalb gerne auf jeden Hinweis, wo Maddie sein könnte. Und wenn der Hinweis noch so abwegig ist. Die HNA meldet heute:

Screenshot HNA.de 28.7.2015

Wer das liest, könnte zunächst denken, dass es sich bei der Leiche im Koffer um Maddie handelt – und dann auf den Artikel klicken. In der dpa-Meldung unter der HNA-Überschrift erfahren die HNA-Leser dann:

Die Polizei in Australien geht der Nachrichtenagentur PA zufolge nicht davon aus, dass es die Leiche von Madeleine McCann sein könnte.

Sie geht nicht davon aus. Weil es höchst unwahrscheinlich ist. Maddie verschwand in Portugal; die Leiche wurde nun gut 17.000 Kilometer entfernt gefunden – in Australien. Weil das tote Mädchen zwischen zwei und vier Jahren alt gewesen sein soll, auch blond und weil es vermutlich 2007 starb, also im Jahr, in dem Maddie verschwand, hat sich die britische Polizei, die in dem Fall ermittelt, an die Kollegen in Australien gewendet. Ist ja klar. Die gehen jeder Spur nach, sicherheitshalber.

Aber mal abgesehen von der Frage, wie Maddie von Portugal nach Australien gekommen sein soll, sagt die Polizei, dass neben der Leiche andere Kleidung lag als jene, die Maddie zuletzt trug. Und weiter heißt es, wie der „Guardian“ schreibt:

Australian police commissioner Grant Stevens told a parliamentary committee hearing: „There is absolutely no evidence at this point in time that the child is Madeleine McCann … to suggest something like that at this point in time would purely be speculating to get attention.“

Spekulieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder eben: Klicks, Leser. An einem Punkt, an dem es eher unwahrscheinlich ist, dass es Maddies Leiche ist. Möglich, aber unwahrscheinlich. Doch eine Möglich-aber-unwahrscheinlich-Überschrift bringt nicht so viel Aufmerksamkeit. Die mit dem Alibi-Fragezeichen hingegen… Und dann noch ein Foto von der blonden Maddie drunter… Läuft.

Screenshot Bild.de 28.7.2015(Bild)

Screenshot Focus.de 28.7.2015(Focus Online)

Screenshot news.de 28.7.2015(news.de)

Screenshot krone.at 28.7.2015(krone.at)

Screenshot abendzeitung-muenchen.de 28.7.2015(Abendzeitung)

Mehr Flüchtlinge sind besser für die Überschrift – und für den Alarm

Die „Berliner Morgenpost“ schlägt Alarm:

„Mehr als 400 Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Oder, wie es in der Online-Version heißt, „Mehr als 400 Flüchtlinge kommen pro Tag nach Berlin“.

Das sind ganz schön viele. Und die kommen gerade im Durchschnitt jeden Tag nach Berlin?

Nein. Im Durchschnitt waren es im Juli bis einschließlich vergangenen Freitag 213 Flüchtlinge, die pro Tag nach Berlin gekommen sind. „Mehr als 400“ kamen nur an drei einzelnen Tagen.

So steht es auch im Artikel der „Morgenpost“ selbst. Aber für die Überschrift war das wohl nicht dramatisch genug.

In der „Morgenpost“ heißt es:

In Berlin kommen zurzeit teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag an. Am 6. Juli waren es 435, am 21. Juli mehr als 460, am 13. Juli sogar 473. Die Mehrzahl wird in Berlin aufgenommen und durchläuft hier das Asylverfahren. Der Anteil der Menschen, die auf andere Bundesländer verteilt werden, reichte an diesen Tagen von 125 bis 225. Das bestätigte Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle der Berliner Morgenpost. An sieben weiteren Juli-Tagen wurden in der Zentralen Aufnahmestelle an der Turmstraße (Moabit) jeweils mehr als 250 Flüchtlinge registriert. Insgesamt kamen in diesem Monat bis einschließlich vergangenen Freitag mehr als 5100 Flüchtlinge nach Berlin, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben.

5100 Flüchtlinge, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben – das ergibt einen Schnitt von ungefähr 213 Neuankömmlingen pro Tag, von denen 133 vorerst bleiben. Ja, womöglich sind die immer noch ein Anlass für den Senat, „Alarm zu schlagen“.

Populisten und Rechtsradikale machen Stimmung gegen Flüchtlinge, und fast täglich werden Anschläge auf Unterkünfte verübt. Und in diesem Klima erweckt die „Berliner Morgenpost“ für eine möglichst knallige Schlagzeile auf der Titelseite den Eindruck, die Zahl der hier ankommenden Menschen sei noch viel größer, als sie tatsächlich ist. Das ist schon von besonderer Fahrlässigkeit.

[via Falk Steiner]

Nachtrag, 14:10 Uhr. Online hat die „Morgenpost“ die Überschrift geändert zu: „Teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Unter dem Text merkt sie an: „Die ursprüngliche Überschrift dieses Artikels war ungenau und wurde geändert.“

Häkelmütze im Pegida-Land

Von Ulrich Wolf

Ulrich Wolf arbeitet seit 2000 bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden. Nach elf Jahren in der Wirtschaftsredaktion wechselte er als Spezialist für Hintergründe und komplexe Reportagen in das Ressort Gesellschaft/Seite 3. Dieser Text von ihm ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft, „Communicatio Socialis“, erschienen.

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Sie wusste um meine Fußball-Leidenschaft, und es war nur eine Geste. Kurz vor der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr schenkte eine Nachbarin mir eine schwarz-rot-goldene, von ihr gehäkelte Mütze. „Als Sonnenschutz beim Public Viewing für dein spärlich behaartes Haupt“, sagte sie. Ich fand das nett, habe das Ding dann aber doch nicht getragen und mir stattdessen eine Deutschland-Fahne um die Schultern gehängt. Die Mütze landete in der „Freizeitkiste“ im Keller. Bis zum Herbst.

Am 27. Oktober berichte ich erstmals über eine Demonstration der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die als „Pegida“ berühmt werden sollten. Gut tausend Menschen ziehen da um die Dresdner Frauenkirche, üppig ausgestattet mit Nationalflaggen. Hooligans sind darunter, jede Menge Leute aus der Dresdner Gastronomie- und Rotlichtszene, ein paar stadtbekannte Nazis, dauernörgelnde Rentner und einige Gesichter von der Patriotischen Plattform der sächsischen AfD. Sie pöbeln, sie nennen mich „linksversifft“. Einige rufen nur: „Lügenpresse!“

Eine Woche später kommt die Häkelmütze ins Spiel. Sie wirkt wie eine Tarnkappe. Es gibt keinen Ärger mehr, wenn ich einen Block zücke, um mir Notizen zu machen oder mit dem Smartphone fotografiere. Ich kann meine Recherchen vor Ort Montag für Montag mit denen im Internet abgleichen. Die Kontaktversuche zum Pegida-Gründer Lutz Bachmann aber laufen ins Leere. Er reagiert nur einmal, per Telefon, Ende November: „Sind Sie Herr Wolf?“ – „Ja.“ – „Unterlassen Sie es, mich und meine Familie zu belästigen!“ – „Ich habe niemanden belästigt, ich habe nur versucht, Sie zu erreichen.“ – „Es wird kein persönliches Gespräch geben. Nehmen Sie das zur Kenntnis.“ Ich schicke ihm Fragen, er stellt sie auf die „Facebook“-Seite von Pegida. Und kommentiert: „Werter Herr Wolf, seriöser Journalismus sieht anders aus! Was hat meine Vergangenheit mit Pegida zu tun? Ich bin nur ein ganz kleines Zahnrad in einem Getriebe, welches Sie mit Ihren medialen Methoden der Diffamierung und Diskreditierung nicht zerstören werden.“

Einen Tag nach der siebten Pegida-Demonstration am 2. Dezember erscheint das Porträt „Pegida persönlich“ über Lutz Bachmann. Es zeichnet einen Mann, der wirtschaftlich wenig bis gar nichts auf die Reihe bekam. Der während seiner Zeit im Rotlicht-Milieu die Welt der grapschenden Autohändler, Immobilienmakler, Versicherungsvertreter und Anlageberater kennenlernte. Es ist das Porträt eines Mannes, der unbedingt dazugehören will: weniger zum Bildungsbürgertum als viel- mehr zur Schickeria. Politische Ignoranz kompensiert er mit Bauernschläue sowie der Fähigkeit, Menschen zu begeistern mit Parolen, die an die Refrains deutscher Schlager erinnern.

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Der Artikel schlägt Wellen. „Zeit“, „Stern“, „Spiegel“, „Focus“ – alle rufen an. Die Zahl der Journalisten bei der Pegida-Demo eine Woche später schnellt empor, die der Mitläufer auch. Bachmann schafft es in die „New York Times“, Pegida in die „Tagesschau“. Das mediale Bashing wirkt in der Bewegung identitätsstiftend, denn der Großteil der Journalisten reduziert Pegida auf eine tumbe rechtsradikale Masse. Viele wollen nicht wahrhaben, dass sich ein außerparlamentarischer Protest von rechts entwickelt, der in der fremd-fremdelnden Bürgerschaft Dresdens auf fruchtbaren Boden fällt.

Am Morgen des 22. Dezembers erscheint die zweite große Geschichte: „Pegida – wie alles begann“. Am Abend dieses Tages habe ich wieder meine Häkelmütze auf und stehe unter 20 000 Pegidisten auf dem Theaterplatz. Bachmann verliest ein Ranking der Lügenpresse. Die „Sächsische Zeitung“ landet nach „Spiegel“ und „NDR-Panorama“ auf Rang drei. Ich bin der einzige, dessen Namen er ausruft. Die Zeitung wird mit Leserbriefen überschwemmt, bis Mitte Januar sollten es fast 4000 Briefe und Mails werden. Im Online-Auftritt schalten wir unter Artikeln, in deren Überschriften Pegida auftaucht, die Kommentarfunktion ab. Die Flut der dort eingehenden Meinungen hätte rund um die Uhr moderiert und kontrolliert werden müssen, dafür fehlt das Personal. Abonnenten, die in einem zutiefst beleidigenden Ton mit der Kündigung drohen, schreibt der Chefredakteur zurück: „Dann kündigen Sie doch.“

Nahezu ohnmächtig müssen wir mit ansehen, wie viele Menschen für Fakten und Argumente nicht mehr zugänglich sind. Sie haben ja „Facebook“, den größten Stammtisch im Land. Dort tauschen sie ihre Wahrheiten ungestört aus. Das soziale Netzwerk ersetzt bei Pegida fehlende Organisations- und Kommunikationsstrukturen. Rund 160.000 Menschen mögen diese „Facebook“-Seite, rund 500 000-mal ist dort bislang kommentiert worden. Die Seite lässt das Ausmaß an Hass erahnen, das in den Köpfen der Nutzer steckt. Dabei scheuen sich immer weniger Menschen, unter Klarnamen ihre Ressentiments kundzutun: „Hauptsache, der Dreck verschwindet von unseren Straßen. Wie, ist mir mittlerweile egal.“ – „Können wir nicht mal einen Lkw voll mit solchen Fach-Sexkräften im Regierungsviertel abladen?“ „Ich würde dem die Eier so zerschmettern, dass er nie wieder eine Frau anschaut.“ „Schmeißt die Arschlöcher raus aus Deutschland!“ Offenbar gilt nun: Durfte in der DDR kaum jemand sagen, was er denkt, so darf seit Pegida jeder alles sagen, ohne dabei zu denken.

Muss die demokratische öffentlichkeit diesen Radikalismus aushalten? Natürlich muss sie das. Aber Aushalten hat ja nichts mit Nichtstun zu tun. Wenn es etwas Positives an Pegida gibt, dann zumindest das: Die westdeutsche Wohlfühl-Demokratie hat in Sachsen ausgedient. Hier muss man kämpfen um den Grundkonsens, auch Mainstream genannt.

Sicher, Pegidas „Facebook“-Welt samt seiner radikal-rhetorischen Inhalte ist eher als verlängerter Kneipentresen nach 20 Uhr zu betrachten, denn als Plattform ernsten politischen Dialogs. Doch Pegida ist auch nach seiner Spaltung im Januar sowie tendenziell rückläufiger Teilnehmerzahlen nicht tot. Im Gegenteil. Das gesellschaftliche Klima wird weiter vergiftet durch Demokratiegegner, die ernster zu nehmen sind als Bachmann und sein Partyszenen-Team. Es geht um jene, die als Neue Rechte fungieren. Ihre Mitglieder sind die Stichwortgeber für Pegida, aus ihren Federn stammen die im Ton gemäßigten Forderungen und Thesen von Pegida, auf ihren Internet-Plattformen formulieren sie eine zielgruppenorientierte Dauerberieselung. Das sind ihre medialen Waffen:

  • Die „Politically Incorrect (PI) News“ sind das Leitmedium. Einer der führenden Köpfe ist der Ex-CDU-Politiker René Stadtkewitz, der mehrfach bei Pegida in Dresden geredet hat. über ihn lief der Kontakt zum niederländischen Rechtsaußen-Politiker Geert Wilders, der auf einer Kundgebung im April vor 15.000 Menschen sprach. Als „mutigsten Journalisten Deutschlands“ bezeichnet „PI-News“ den Heilbronner Karl-Michael Merkle (Pseudonym: Michael Mannheimer). Für ihn wird „Sachsen das Epizentrum eines politischen Rucks, auf den wir Deutsche lange haben warten müssen“.
  • Der Kopp-Verlag in Rottenburg am Neckar vereint rechte Esoterik mit Verschwörungstheorien. Dort schreibt der frühere Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Udo Ulfkotte. Dessen Buch „Gekaufte Journalisten“ ist so etwas wie die Bibel der Lügenpresse-Fans. Ulfkotte trat ebenfalls bei Pegida in Dresden auf.
  • Die rechtspopulistische Zeitschrift „Compact“ von Jürgen Elsässer verfügt über gute Kontakte zu russischen Nationalisten. Die staatlich-russische Video-Nachrichtenagentur „Ruptly“ überträgt Pegida-Demos regelmäßig live. Russische Fahnen sind auf Pegida-Protesten allgegenwärtig, die angebliche Kriegstreiberei gegen Russland ist eines der wichtigsten Themen.
  • Das Magazin „Sezession“ von Götz Kubitscheck ist das intellektuelle Vorzeigeblatt. Der Mann redete bei Pegida unmittelbar nach dem Auftritt von Wilders. Er betreibt im Süden von Sachsen-Anhalt ein Institut für Staatspolitik (IfS). Dieses gehört zum Umfeld der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, der Bachmann ausführliche Interviews gewährt. Zum Dunstkreis des IfS zählt die „Blaue Narzisse“ des Vereins Journalismus und Jugendkultur. Vorsitzender Felix Menzel studierte Kommunikationswissenschaft in Halle, sein Credo lautet: „Wir brauchen Niemanden. Das deutsche Volk kann gesundschrumpfen.“
  • Das Internetportal „Blu-News“ betreibt ein gleichnamiger Verein in München, geführt vom ehemaligen bayerischen Landesvorsitzenden der Partei Die Freiheit, Christian Jung. „Blu-News“ interviewt Pegida-Organisatoren, darunter auch deren Kandidatin für die Dresdner Oberbürgermeis- terwahlen im Juni, die ehemalige AfD-Frau Tatjana Festerling. Der Vorsitzende der Freiheits-Partei, der frühere CSU-Pressesprecher Michael Stürzenberger, ist regelmäßig Gast bei Pegida und betreut mehrere Ableger in Süddeutschland.
  • Hinter dem Blog „Journalistenwatch“ steht der Berliner Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit. Der ehemalige „taz“-Journalist Thomas Böhm betreibt das Portal von Jena aus. Die von ihm angegebene Adresse ist identisch mit der des Landesverbands der Freiheits-Partei in Thüringen. Zum Auftritt von Wilders bei Pegida stellt Böhm fest: „Nach dem Motto ‚Wer schreit, hat Recht‘ pöbeln die linken Journalisten ungehindert herum.“
  • Beliebt bei Pegidisten ist zudem die rechtskonservative Wochenzeitung „Weltwoche“ aus der Schweiz. Ihr Verleger Roger Köppel war von 2004 bis 2006 Chefredakteur der „Welt“. Zu seinen Autoren zählt unter anderem Henryk M. Broder. Für die „Weltwoche“ schrieb Pegidas OB-Kandidatin Festerling eine Eloge über Hooligans. Indirekt lernte sie dadurch Ignaz Bearth kennen, den Gründer der Rechtsaußen-Partei Direktdemokratische Partei Schweiz. Auch Bearth spricht bei Pegida in Dresden.

In der Summe entfalten „PI-News“, „Blu-News“, „Compact“ und Co. eine beträchtliche Wirkung. Als ich im März darüber berichte, dass Bachmanns Hitler-Bild im Netz manipuliert worden sein könnte, schaffe ich es als „Quasi-Kronzeuge“ der Neu-Rechten auf die erste Seite der PI-News. Bachmann lädt mich zu einem Hintergrundgespräch ein, bei den autonomen Linken aber gerate ich in einen Shitstorm. Meine Quellen bei „Dresden nazifrei“ versiegen. Auch meine Häkelmütze werde ich los: Als ich nach dem Wilders-Auftritt in eine Gruppe von Gegendemonstranten gerate, reißt sie mir ein Vermummter mit den Worten „Du Nazi-Schwein“ vom Kopf.

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Weitere Informationen

Ob links- oder rechtsextreme Nischen-Publizistik im Internet: Sie bedroht den auf seriösem Journalismus basierenden Diskurs. Das zeigen zahlreiche Leserreaktionen. Hier ein repräsentatives Beispiel: „Seit Längerem bemerke ich, dass Ihr Blatt Tatsachen verfälscht oder verändert oder beeinflusst. […] Ihren unterschwelligen Ton gegen Pegida nehme ich zum Anlass, mein Abonnement zu kündigen. Ich hoffe, dass Ihre Rezipienten Ihnen in Scharen davon laufen.“ Der Verfasser dieses Leserbriefes ist auch auf „Facebook“ unterwegs. Dort mag er Gruppen wie „Der Lügenpresse den Kampf ansagen“, „Töchter und Söhne Germaniens“ oder „Merkel stressen“. Sachsens evangelischer Landesbischof Jochen Bohl konstatiert: „Es hat sich eine gefährliche Mischung aus geschürten Ängsten, persönlichem Scheitern und des Verdrusses an demokratischen Prozeduren zusammengebraut, die uns nicht ruhig lassen darf.“

Doch der Großteil ruht. Ein öffentlicher Aufschrei gegen Pegida ist im Osten kaum zu hören. Die westdeutschen Leitmedien haben sich zurückgezogen. Im Hintergrund aber arbeiten Pegidas Stichwortgeber zusammen. So treffen sich „Sezession“-Chef Kubitscheck und „Compact“-Macher Elsässer Mitte April mit 150 Gleichgesinnten in Dresden. Beide sehen in Pegida eine „echte Volksbewegung“, deren Aufgabe es sei, „Systemkritik in jedweder Form zu artikulieren“. Pegida-Anhänger sollten Initiativen gründen. „Ob Bürgerbündnisse gegen die Einrichtung von Asylheimen, ob Stammtische oder Debattierklubs: Man muss die Vernetzung fördern und den Impuls dahinter zum Thema machen. Er lautet: Die Lage der Nation ist bedrohlich.“ Zwei Tage nach dem Treffen gibt Pegida seine Zukunftsstrategie bekannt. Demnach werde man „als Bürgerbewegung zu allererst auf kommunaler Ebene Missstände benennen“. Das Pegida-Netzwerk solle „durch eine zentralere Betreuung“ gestärkt werden. Perspektivisch sei eine parlamentarische Arbeit auf kommunaler Ebene ab 2016 angedacht. Der letzte Satz des Papiers lautet: „Pegida ist gekommen, um zu bleiben.“

Mit freundlicher Genehmigung von „Communicatio Socialis“. Die aktuelle Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift für Medienethik hat das Thema „Glaubwürdigkeit & Vertrauen – Journalismus zwischen Ressourcenkrise und entfesseltem Publikum“.

Teletext: Lars Reichow

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die beste Erklärung für die Existenz der „Lars-Reichow-Show“ ist, dass es sich um so eine Yin-Yang-Sache handelt. Dass das ZDF in den vergangenen Jahren so viele moderne, schlaue Unterhaltungssendungen am späteren Abend in sein Programm genommen hat, dass aus Gründen des kosmischen Ausgleichs eine Sendung hermusste, die den Muff und die Bräsigkeit längst vergangener Humorjahrzehnte atmet.

Die erste Ausgabe am vergangenen Dienstag hatte das Thema „Urlaub“, und Reichow begann sie damit, dass er, noch vor dem Vorspann, im Bademantel Handtücher auf die Sessel legte, um sie für seine Gäste Verona Pooth und Lutz van der Horst zu reservieren, Handtücher, haha, wie die Deutschen im Urlaub immer, bohoho. Fast möchte man die Verantwortlichen dieser Sendung dafür beschimpfen, dass sie sich für die erstbeste Idee entschieden haben. Andererseits handelt es sich mit etwas Pech auch um die letztbeste Idee dieser Redaktion. Vermutlich besteht sie aus Überresten der „Wetten, dass“-Abteilung im ZDF, der zu „Bremen“ auch nach jahrelangem Nachdenken nichts einfiel als „Stadtmusikanten“. (Eine Rubrik, in der die Gäste Geräusche erkennen und kommentieren sollen, heißt – wie sonst? „Hört, hört“.)

Reichow erzählt dann eine nicht enden wollende Geschichte darüber, wie eng es in Wohnmobilen ist, deren Höhepunkt die Stelle ist, an der er seine Frau, die zu ihm nachts in den winzigen Alkoven will, anfährt: „Wie? Ich denk‘, du schläfst in der Küche?“ Er fragte Lutz van der Horst, den man als Reporter aus der „Heute Show“ kennt, ob er im Urlaub auch Leuten immer ein Mikro ins Gesicht hält, und nächste Woche fragt er Sabine Lisicki, die Tennisspielerin, die in Florida lebt, ob sie dort in einer Tennisanlage lebt, und am Ende singen alle immer gemeinsam schrecklich schief ein Lied, und Reichow kommt am Klavier aus dem Rhythmus, und dass er laut Wikipedia ein „Musikkabarettist“ ist, muss irgendetwas anderes bedeuten, als man denken könnte.

Fürs noch Gröbere hat er Wolfgang Trepper, der rätselhafterweise in den Zoo geht und so tut, als wären die Pinguine Italiener. Als er einen trifft, der „nur das Maul aufmacht und sich alles reinfüttern lässt“, fügt Trepper hinzu: „Das ist der einzige griechische Pinguin, den wir finden konnten.“ In der zweiten Folge zum Thema „Partnerschaft“ ist Trepper auf einer Hochzeitsmesse und freut sich, als er eine Schaufensterpuppe sieht: „Frau zum Heiraten. Sacht nix, fragt nix, nervt nicht.“

Viele harte Schnitte deuten darauf hin, dass es nicht so leicht war, die Aufzeichnung so zu kürzen und neu zusammenzusetzen, dass es wirkt, als hätte sich wenigstens das Studiopublikum blendend amüsiert. Nach der selig vergessenen Verbrauchershow „Ohne Garantie“ im vergangenen Jahr ist es schon der zweite Versuch des ZDF, Reichow aus seinem natürlichen Lebensraum beim SWR herauszuholen. Es ist ein überaus rätselhafter Ehrgeiz.

Fotos: ZDF/Pascal Amos Rest

Die Premium-Community von stern.de

Bei stern.de wünschen sie sich, dass die Leute mit ihnen diskutieren. Auf vier Artikeln auf der Startseite haben große Bapperl geklebt mit der Aufforderung: „Diskutieren Sie mit“!



Die Gesamtzahl der unter diesen Artikeln abgegebenen Kommentare: null.

Das klingt jetzt erstmal nicht so viel, muss man aber natürlich durch die Zahl der Artikel teilen. Die so ermittelte Diskussionswilligkeit pro gefeatureten stern.de Artikel liegt dann ziemlich genau bei: null.

In einem Interview mit der Fachzeitung „Horizont“ zum Relaunch der Seite vor vier Wochen hatte „Stern“-Online-Chef Philipp Jessen gesagt:

Wir wollen Premium-Inhalte und wir wollen auch eine Premium-Community. Der Community-Bereich soll eine Bereicherung darstellen und einen echten Mehrwert bieten. Das heißt, wir werden nicht alle Artikel kommentierbar machen, sondern nur die, bei denen wir das Gefühl haben, da lohnt es sich. Die Diskussionen werden immer von einem Community-Manager, dem Autor selbst oder einem Experten begleitet. Das Ziel ist eine lebhafte Debatte, bei der vernünftig miteinander geredet wird, und die auch für die Teilnehmer und die Autoren einen echten Mehrwert bietet. Wir wollen keine Abladestelle für Frust oder für Trolle aus Osteuropa sein. Zum Start werden wir lediglich ein bis drei Artikel zur Diskussion freigeben, aber ich will das natürlich schnell ausweiten. Wir müssen aber unsere Qualitätsstandards sicherstellen.

Und das mit dem Qualitätsstandards scheint ja soweit geklappt zu haben.

Nachrichten mit Bart

Der Trend, dass Menschen Vollbart tragen, ist nach Annahmen der Deutschen Bartagentur (dba) so gut wie vorbei. Unter ihrem Tarnnamen „Deutsche Presseagentur (dpa)“ veröffentlichte die dba am vorigen Freitag ein Video, das diverse deutsche Medien übernahmen. Die Illustrierte „Stern“ titelte:

Screenshot stern.de 20.7.2015

Die Deutsche Bartagentur hatte das Video unter dem Titel „Ist der Bart ein Auslaufmodell?“ angeboten und berichtet, dass 45 Prozent aller deutschen Männer einen Bart tragen und überwältigende 12 Prozent „sogar einen Vollbart“. Weil beim hauseigenen dba-Friseur aber in letzter Zeit immer wieder Leute erzählen, dass der Vollbart-Trend allmählich auslaufe, berichtete dba weiter: „Allerdings, so hören wir in letzter Zeit immer wieder, soll der Vollbart-Trend allmählich auslaufen.“

Im Beitrag wird das unter anderem belegt durch eine „Mode-Expertin“, die sagt, dass es Männer gibt, die mit Bart toll aussehen und andere, bei denen ein Bart wie eine Verkleidung wirkt. Außerdem sagt ein Vollbartträger, dass sein Vollbart kaum von der Vollbart-Mode beeinflusst ist. dba schlussfolgert: „Im Klartext, wie so oft: Erlaubt ist halt einfach, was gefällt. Aber will man den aktuellen Trends zumindest ein wenig folgen, man darf sich schon mal wieder rasieren.“

Mit Bart-Trends kennt sich dba aus; die Agentur berichtet seit Jahren darüber.

Bereits am 28.2.2013 fragte dba, schon etwas bang:

„Was wird aus dem Vollbart?“

Grund dafür war, dass der Schauspieler Ben Affleck im Film „Argo“ einen Bart trug, diesen aber nach der Oscar-Verleihung abrasierte: „Doch hat Afflecks Rasur das Ende des Vollbarts eingeläutet – ist der Trend vorbei?“ Im Text ist zu erfahren, dass die einen so sagen, die anderen so, und dass sich ingesamt sagen lässt: „Zahlreiche Bartträger können die Gesichtsbehaarung also noch ein bisschen länger behalten.“

Am 19.12.2013 berichtet dba im „Szene-ABC: Was 2013 angesagt war“:

„B wie Bart: der wachsende Trend bei Männern, vom Hipster bis zum ‚Bild‘-Chefredakteur. Zeit fürs ‚Glattrasiert‘-Comeback?“

Offenbar nicht. Am 28.1.2014 bietet dba einen KORR-Bericht an:

„Haarige Zeitreise – Männer gehen wieder zum Barbier“

(These: „Bärte sind nicht nur voll im Trend, sondern müssen auch gepflegt werden.“)

Am 23.4.2014 meldet dba den:

„Bart des Tages“

(Besitzer: Franz Beckenbauer.)

Am 24.4.2014 meldet dba dann:

„Der Kaiser trägt Bart – Beckenbauer mit neuem Look“

Am selben Tag bringt dba dazu ein Experten-Interview („Bartweltmeister: ‚Als Kaiser ist man zum Bart verpflichtet’“) und eine Zusammenfassung („Des Kaisers neuer Bart – Hype um Beckenbauers neuen Look“).

Einen Tag später, am 25.4.2014, bietet dba/audio einen Korri-Talk, O-Töne und ein Umfrage zum Thema „Bart im Trend“ an (These: „Männliche Zottelgesichter und kein Ende in Sicht – der Bart-Trend sprießt weiter.“).

Eine Monat später, am 25.5.2014, meldet dba:

„Kaiser Franz wieder ohne Bart“

Am 19.6.2014 dann eine Sport-Meldung:

„Beim Barte des Profis: Pirlo und Co. Sorgen für Wildwuchs bei WM“

(Die Korrespondentin berichtet, dass viele Fußballer bei der WM über den Platz laufen, „als sei die Rasierklinge noch nicht erfunden“. Und dass das „viele“ andere nicht so gut finden. Zitat dba: „A-bart-ig! So urteilen viele über den Schnauzer von Hugo Almeida“. Und über all die anderen Bärte. Denn: „Ob Milch-, Ziegen-, Spitz-, Kinn-, Backen- oder Stoppelbart: Glatt wie ein Kinderpopo ist nur der Ball.“)

Am 26.6.2014 verkündet dba/video:

„Eigentlich waren immer Rocker, Althippies und Bergbauern bekannt für Vollbärte. Doch die Gesichtswolle liegt voll im Trend.“

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Am 24.7.2014 meldet dba in „Neues aus der Szene“:

„Der Mann von heute zupft sich nicht nur die Augenbrauen und hört Helene Fischer. Er trägt seit längerem Vollbart, wie gerade beim Start der RTL-Kuppelshow ‚Die Bachelorette‘ zu sehen war.“

Am 16.10.2014 entdeckt dba:

„Banker mit Bärten“

(Die Meldung wird natürlich über das dba-Wirtschaftsressort verschickt. These: „Der Bart als Accessoire für modebewusste Männer ist nun auch in den Chefetagen deutscher Banken angekommen.“)

Am 1.12.2014 meldet dba im „Szene-ABC: Was 2014 angesagt war“:

„B wie Burger und Bart: Zwei Szene-Phänomene, die fast schon totgeglaubt waren, denen aber 2014 noch immer in Trendlokalen und im Gesicht vieler Männer gehuldigt wurde. Ist’s 2015 endlich vorbei?“

Anderthalb Monate später, am 12.1.2015, ist klar: Nee, nicht endlich vorbei.

„Matthew McConaughey ist jetzt Bartträger“

Am 22.1.2015 meldet dba in „Neues aus der Szene“:

„’Supergeil‘-Sänger zieht blank: Ende des Bart-Trends?“

(Weil im Werbespot einer Supermarkt-Kette der Hauptdarsteller seinen Bart abrasiert und singt, dass es zu viel Bartträger gibt, wähnt dba, naja, mal wieder das Ende. Aber da haben sie die Rechung ohne den Dings von der CSU gemacht!)

Am 27.4.2015 meldet dba:

„Guttenberg hat jetzt einen Bart“

(Was sich offenbar auf Guttenbergs Leben nachhaltig auswirkt, wie dba schreibt: „Mit Bart schloss der CSU-Politiker am Montag bei einem Auftritt in Oberbayern eine Rückkehr in die deutsche Politik bis auf Weiteres aus.“ Ohne Bart wäre ihm das bestimmt nicht passiert.)

Unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass nun auch der supercoole Guttenberg Bart trägt, fragt dba am 29.4.2015 gemeinerweise:

„Ist der Vollbart out?“

Man sehe ihn an „Kneipen-Tresen in Berlin-Neukölln“, in der Fernsehwerbung und sogar „auch an Karl-Theodor zu Guttenberg“: „Dabei soll er schon wieder out sein, war bereits öfter zu lesen.“

Ist er aber wohl doch nicht.

Am 25.5.2015 meldet dba das Ergebnis einer YouGov-Umfrage:

„Dreitagebart ist der Lieblingsbart der Deutschen“

Und:

„Umfrage: Männer mit Bart besonders attraktiv“

Tja, aber jetzt, wie eingangs erwähnt, läuft der Bart-Trend echt mal langsam aus. Darauf können Sie sich verlassen, denn ihre Kompetenz im Bart-Journalismus beweist dba seit Jahrzehnten. Der formschönste Leadsatz einer dba-Meldung ist bereits mehr als 20 Jahre alt; er wurde am 13.10.1992 veröffentlicht, wieder, wie alle anderen Meldungen auch, unter dem Tarnnamen „Deutsche Presseagentur (dpa)“:

„Ob Affe oder Mensch, beim Manne sprießt er im Gesicht – der Bart, ein sekundäres Geschlechtsmerkmal.“

Forsa-Chef Güllner entkräftet Kritik von drei Leuten an seiner Umfrage

Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hat am Wochenende im Deutschlandfunk Stellung genommen zur Kritik an den Methoden einer „Stern“-Umfrage. Unter dem Hashtag #forsafragen hatten sich viele Menschen auf Twitter über die Art der Fragestellung lustig gemacht, bei der man nur zwischen den Alternativen wählen konnte, Merkel für ihre Griechenland-Politik zu loben oder für einen erzwungenen Grexit zu sein. Auch renommierte Sozialforscher hatten Forsa handwerkliche Fehler vorgeworfen.

Martin Zagatta, Deutschlandfunk: (…) Ihr Institut ist ja zu dem Ergebnis gekommen in der jüngsten Umfrage, glaube ich, die Mehrheit hier in Deutschland sei mit Merkels Griechenland-Kurs zufrieden und vor allem vielen Anhängern der Grünen gefalle die Griechenland-Politik von Frau Merkel. Das ist von Experten ganz heftig kritisiert worden. Bleiben Sie bei diesen Aussagen oder war da die Fragestellung doch etwas verkürzt?

Manfred Güllner: Nein. (…) Wir haben ja hier tatsächlich danach gefragt, ob das, was Merkel an dem konkreten Wochenende gemacht hat, von der Mehrheit der Menschen gebilligt wird, und das ist eindeutig gebilligt worden, da gibt es ja auch andere Zahlen. Und die Kritik kam ja nur von drei Leuten, wenn ich das richtig sehe. Das eine war Herr Niggemeier, nun, dem haben wir mal versucht …

Zagatta: Ein Blogger.

Güllner: Ja, der schreibt ab und zu mal irgendwas …

Zagatta: Ja, der bekannteste Blogger in Deutschland.

Güllner: Ja, was heißt Blogger? Wir müssen auch immer sehen, repräsentieren die Blogger nun auch 80 Millionen Menschen in Deutschland und über 60 Millionen Wahlberechtigte. Und wenn da Herr Niggemeier mal ein paar Leute lesen, ist das ja weiß Gott nicht die Mehrheit.

Zagatta: Ja, aber Ihre Umfrage ist ja auch kritisiert worden von relativ renommierten Universitätsprofessoren.

Güllner: Ja, das sind zwei Leute. Ich habe gerade einen davon, das Buch hier, das ist der Herr Diekmann, der ein Buch über empirische Sozialforschung geschrieben hat, was ich meinen Studenten immer nicht empfehle zu lesen, weil es ein merkwürdiges Buch ist. Der sagt beispielsweise, um 1.000 Leute zu befragen, braucht man drei Wochen. Stellen Sie sich mal vor, wir würden für Sie eine Umfrage machen und würden Ihnen in drei Wochen Ergebnisse liefern, dann ist das doch schon längst im Hut! Nein, das sind Leute, die ich natürlich kenne und wie gesagt …

Zagatta: Ja, Herr Güllner, in diese Fachdiskussion will ich mich auch gar nicht einmischen!