Minus mal Minus ergibt EinsPlus: Das Digitalkanalelend von ARD und ZDF

Heute lernen wir, wie die ARD sich vorstellt, in Zukunft junge Zuschauer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk begeistern zu können. Keine Sorge: Um Inhalte geht es dabei nicht.

Zur Einstimmung hilft eine Übung: Wir versuchen, die Digitalkanäle der ARD voneinander zu unterscheiden.

Lassen wir tagesschau24 mal weg, das ist zu leicht, da laufen den ganzen Tag Nachrichten und abends Wiederholungen aktueller Magazine, Talkshows und Dokumentationen.

Aber es gibt ja noch Einsfestival und EinsPlus.

Laut „Programmkonzept Digitale Fernsehprogramme der ARD“ ist Einsfestival ein „innovatives, kulturell orientiertes Angebot mit jüngerer Ausrichtung“. EinsPlus hingegen sei zu einem „öffentlich-rechtlichen Service-, Ratgeber- und Wissensangebot weiterentwickelt“ worden, „das schnell Akzeptanz bei den Fernsehzuschauern gefunden hat“.

Marktanteile I/2013
ZDFneo 0,8 Prozent
ZDFinfo 0,6 Prozent
ZDFkultur 0,2 Prozent
Einsfestival 0,3 Prozent
EinsPlus 0,1 Prozent
tagesschau24 0,1 Prozent
Zuschauer ab 3 Jahren. Quelle: ARD

EinsPlus brachte es im ersten Quartal 2013 auf einen Marktanteil von 0,1 Prozent. Das ist ungefähr das Maß an Zuschauer-„Akzeptanz“, das entsteht, wenn mehrere Leute beim Durchzappen versehentlich drei Sekunden bei einem Sender hängen bleiben.

Die Definitionen sind also offenbar nicht hilfreich. Die Namen schon gar nicht. Aber vielleicht hilft ein Blick ins Programm:

Auf EinsPlus läuft die „LateLine mit Jan Böhmermann“. Auf Einsfestival läuft der „1Live Talk“ mit Sabine Heinrich.

EinsPlus zeigt aktuelle Musikvideos in der Sendung „EinsPlus Charts“. Einsfestival zeigt aktuelle Musikvideos in der Sendung „Clipster“.

EinsPlus bringt „Es geht um mein Leben“ mit Pierre M. Krause. Einsfestival bringt die „SWR3 latenight“ mit Pierre M. Krause.

Gut, andererseits zeigt EinsPlus „Die allerbeste Sebastian Winkler Show“ am Dienstagabend und Einfestival am Donnerstagabend. Und der aktuelle „Tatort“ läuft auf Einsfestival am jeweiligen Sonntag nochmal um 21:45 und 23:45 Uhr und auf EinsPlus gar nicht.

Es hilft, das zu wissen, um zu verstehen, warum die Intendanten der ARD dem ZDF am Montag öffentlich vorgeschlagen haben, die jeweils drei Digitalkanäle der beiden zu fusionieren. Die ARD ist mit dem, was man euphemistisch eine Digital-„Strategie“ nennen könnte, umfassend gescheitert. Sie veranstaltet zwei Sender mit irreführenden Namen und unklarem Profil, die niemand auseinanderhalten kann und keiner guckt, sowie eine Nachrichtendauerschleife. Es gelingt ihr nicht, ein klares unterscheidbares Profil für die beiden Kanäle EinsPlus und Einsfestival zu entwickeln, weil das Konzept in Wahrheit darin besteht, dass das eine Programm vom SWR gemacht wird und das andere vom WDR.

Deshalb ist es für die ARD auch unmöglich, das zu tun, was naheliegend wäre: einen ihrer beiden Möchtegernjugendkanäle zu schließen. Denn dann müssten ja der WDR oder der SWR etwas aufgeben. Und wenn ARD-Anstalten so etwas könnten, gäbe es keine fünf wöchentlichen Talkshows und das ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ würde nicht im Wechsel von fünf verschiedenen Moderatoren präsentiert.

Doch nun hat die ARD doch noch eine sinnvolle Verwendung für ihre vermurksten Digitalkanäle gefunden: Sie bietet an, sie zu opfern, und nutzt sie gleichzeitig als Pfand, um das ZDF in eine Senderehe zu zwingen.

Die ARD hat angesichts der dokumentierten Erfolglosigkeit ungefähr nichts zu verlieren, aber einiges zu gewinnen: Gemeinsam mit dem ZDF würde ein Neustart möglich, der nicht nur gesichtswahrend ist, sondern sogar imageträchtig: Es wirkt ungemein einsichtig und sparsam und politisch vorauseilend, mit dem Vorschlag, drei Sender einzusparen, nach vorne zu preschen. Gemeinsam könnten die Kanäle mehr Geld haben. Und auf eine bizarre Art ist es aus ARD-Sicht womöglich sogar tatsächlich einfacher, die Rivalitäten zwischen den eigenen Anstalten zu lösen, wenn man Gemeinschaftssender mit dem ZDF bildet.

Alles würde besser werden. Durch „intensivere Kooperationen“ wäre es möglich, die Digitalkanäle „weiter und besser zu profilieren“ — sagt der Senderverbund, dem es nicht einmal im Ansatz gelungen ist, zwei eigenen Kanälen ein eigenes Profil zu geben.

Wenn die sechs Digitalsender zu dreien zusammengelegt würden, biete das „die Chance zu einer weiteren Profilschärfung der schon bestehenden Gemeinschaftsprogramme Phoenix und 3sat“, träumt die ARD. Als ob es da bislang an „Chancen“ gemangelt hätte und nicht am Willen! Was die ARD und das ZDF bisher daran hindert, das Profil von Phoenix und 3sat zu schärfen, verrät die Pressemitteilung der ARD nicht.

Der Plan der ARD sieht vor, EinsPlus und ZDFkultur zu einem neuen Kanal für 14- bis 29-Jährige zu vereinen und Einsfestival und ZDFneo zu einem für 30- bis 49-Jährige. (Dass die ARD letztere als „jüngere Erwachsene“ bezeichnet, spricht Bände.)

Das öffentlich vorzuschlagen und das ZDF so unter Druck zu setzen, ist frech. Aber schon das Konzept auf der Grundlage einer solchen Altersaufteilung an sich ist Unsinn. Ist „Mad Men“ eine Sendung für 30- bis 49-Jährige? Wie groß ist die Übereinstimmung zwischen dem, was ein frisch Pubertierender und ein Familienvater mitten im Berufsleben sehen will? Angesichts der gründlich dokumentierten Schwierigkeit der Öffentlich-Rechtlichen, überhaupt Zuschauer unterhalb von 50 Jahren anzusprechen, wäre „ambitioniert“ ein schillernder Euphemismus für den Versuch, diese dann auch noch nach zwei Altersgruppen zu differenzieren.

Aber genau so scheint sich die ARD die zukünftige öffentlich-rechtliche Lebensbegleitung der Menschen vorzustellen. Erst gucken sie den gemeinsamen Kika, mit einsetzender Pubertät schalten sie zum gemeinsamen Jugendkanal um, mit 30 wechseln sie dann zum gemeinsamen jüngeren Älterenkanal.

Deshalb sei es auch keine Lösung, dass die ARD einfach einen ihrer Digitalkanäle abschalte und sich mit dem anderen auf ein junges Publikum konzentriert, sagte Lutz Marmor, der NDR-Intendant und amtierende ARD-Vorsitzende, heute Vormittag bei der Pressekonferenz nach der Frühjahrstagung der Intendanten: Wie soll das gehen? „Die ARD hat die ganz Jungen, und dann wechseln sie zu ZDFneo?“

Mit keinem Wort wurde bei der weit über einstündigen Pressekonferenz angesprochen, was jüngere Leute überhaupt sehen wollen, welche Formen der Ansprache richtig wären, welche Inhalte fehlen. „Die Zielgruppen fächern sich auf, deshalb brauchen wir Zusatzangebote für diese Zielgruppen“, sagte Marmor — als ließen sich diese Zielgruppen formal-technisch aufgrund ihres Alters unterscheiden.

Das ZDF hatte mit seinen Digitalkanälen ZDFkultur und ZDFneo ein besseres Konzept: ZDFkultur ist elitär, ZDFneo populär. Auf ZDFkultur liefen Konzerte, auf ZDFneo Serien wie „Mad Men“ und „30 Rock“. Gleich drei Sendungen von ZDFkultur sind in diesem Jahr für einen Grimme-Preis nominiert worden. Kein Wunder.

Dass das ZDF mit seinen Kanälen ungleich erfolgreicher ist als die ARD, liegt aber auch daran, dass es besonders schamlos ist, was das besinnungslose Wiederholen von zuschauerträchtigen Programmen angeht. Auf ZDFkultur läuft pro Woche 12-mal „Unser Charly“, 13-mal „Ein Heim für Tiere“, 15-mal „Tierarzt Dr. Engel“ und 39-mal die „Hitparade“. ZDFneo macht seine Quoten nicht zuletzt mit Wiederholungen von irgendeiner „Soko“, „Inspector Barnaby“, „Raumschiff Enterprise“ und der schon von RTL endlos wiederholten „Nanny“. Und ZDFinfo punktet mit Hitler.

Eigentlich hat der feine „Elektrische Reporter“ seine Heimat auf ZDFinfo. Sein origineller regulärer Sendetermin scheint inzwischen der Sonntagvormittag um 11:30 Uhr zu sein. ZDFinfo wiederholt die Sendung aber auch montags gegen 4:40 Uhr, mittwochs gegen 4:35 Uhr, donnerstags gegen 0:20 Uhr, samstags gegen 4:30 Uhr und sonntags gegen 4:45 Uhr. Es scheint eine interne Vorschrift zu geben, die Sendung nicht zu einer Zeit ins Programm zu nehmen, in der mehr als zwei Dutzend Menschen sie zufällig entdecken und schätzen lernen könnten.*

Was aus dem einstigen Anspruch (oder wenigstens: Versprechen) von ZDFneo („Wenn ich mich nur berieseln lassen will, geh ich unter die Dusche“) geworden ist, hat Peer Schader neulich anschaulich dokumentiert. Zwischen den ganzen Wiederholungen und dem „Hollywood-Freitag“ fand er in einer Woche exakt 45 Minuten neues eigenproduziertes Programm. Sein Fazit über den Kanal:

Bloß ein auf Quotenoptimierung getrimmter Programmplanersender, der sein Publikum ausschließlich als Zahl hinter der Kommastelle bei der Marktanteilsauswertung kennt.

Und ZDFkultur ist praktisch schon Geschichte: Der Sender, der mit seiner Spezialisierung insbesondere auf Musik immerhin eine klare Identität hatte, eine höchst öffentlich-rechtliche noch dazu, soll „so rasch wie möglich“ auf ein „Wiederholungs- und Schleifenmodell umgestellt werden“, wobei eh längst schon nicht mehr klar ist, woran man erkennen können sollte, wann damit begonnen wird.

Ausgerechnet diesen — von Intendant Thomas Bellut ungeliebten — Sender glaubt sich das ZDF nicht mehr leisten zu können. Und hat dadurch, dass es ihn quasi schon als eingestellt betrachtet, den Trumpf in der Hand, dass der Etat, den es nach den Träumen der ARD mit in eine Jugendkanalehe einbringen soll, gar nicht mehr vorhanden ist.

„Wir haben ein Manko“, sagte Marmor. „Wir haben kein klar definiertes Angebot für die ganz jungen, die 14- bis 29-Jährigen.“
Und ich dachte, dass EinsPlus genau so ein Angebot sein wollte und sich bloß mangels Ausstattung, Kreativität und Kompetenz dabei nicht gut anstelle.

Was hätte das ZDF davon, mit der ARD zu kooperieren? Marmor sagte, man könne sich heute schon vorstellen, wie attraktiv ein Sender wäre, der die Stärken, die ZDFneo und Einsfestival haben, kombiniert. Worin die „Stärken“ von Einsfestival aktuell bestehen, sagte er nicht. Andererseits deutete er an, dass sich, wenn man Einsfestival und ZDFneo zusammenlegte, vielleicht Geld sparen könnte, das man dann wiederum in den Jugendkanal stecken könnte.

Wie sich tagesschau24 und ZDFinfo sinnvoll zusammenlegen ließen, weiß die ARD auch noch nicht. Aber das klingt natürlich erstmal gut, und der Privatsenderverband VPRT klatschte prompt Beifall.

Die Diskussion um die Zahl der Digitalkanäle ist ohnehin irreführend. Es kommt nicht darauf an, ob es sechs sind, fünf oder drei, sondern darauf, wie die Sender sie nutzen und ob sie einen klaren Mehrwert darstellen, und sei es auch nur für eine kleine Gruppe. ZDFkultur hat das im Ansatz gezeigt. Aber ZDFkultur wird gerade abgewickelt.

*) Nachtrag, 16:30 Uhr. ZDFinfo weist mich darauf hin, dass der „Elektrische Reporter“ um 0:20 Uhr nicht versteckt wird, sondern dort erwiesenermaßen mehr Zuschauer finde, auch in absoluten Zahlen, als wenn er nicht so spät in der Nacht liefe.

„Gold: Über jeden Zweifel erhaben“

Das ist die Entwicklung des Goldpreises im vergangenen Jahr:

Die fast senkrechte Linie ganz am Ende, das ist ein Absturz um rund elf Prozent. Es ist der dramatischste Preissturz am Goldmarkt seit 30 Jahren.

Das kam vermutlich für manche unerwartet, aber für niemanden so sehr wie für die Käufer von „Focus Money“. Die lesen seit Jahren, dass auf nichts in der Politik, der Wirtschaft, ach was, der Welt Verlass ist, außer auf eines:

Differenziert wie ein Buschbrand warb die Postille des Freundeskreises der Apokalyptischen Reiter noch im vergangenen Oktober für den Kauf von Gold:

Und als sich im vergangenen Monat die Anzeichen häuften, dass es mit dem Goldpreis vorerst eher nach unten als noch oben gehen könnten, setzte das Blatt gegen die ungewohnt zweifelnde Titelfrage: „Goldrally am Ende?“ die Antwort von nicht weniger als 30 Experten, die auf einen Goldpreis von 3000 Dollar und mehr wetteten („Richtung 15.000 Dollar“):

Die Titelgeschichte im Inneren trägt sicherheitshalber die Überschrift:

Gold: Über jeden Zweifel erhaben

Sie beginnt so:

Gold hat an Glanz verloren. Schon rufen die Ersten das Ende der Hausse aus. Zu früh, wie FOCUS-MONEY herausgefunden hat.

Eher widerwillig referieren die „Focus Money“-Redakteure die kritischen Einschätzungen von Goldman Sachs und der Rohstoffexperten der DZ Bank, um dann zu kontern:

Die Fürsprecher des Goldes, sogenannte Gold-Bullen. Deren Anzahl ist nach wie vor hoch. (…)

FOCUS-MONEY (…) fand gewichtige Argumente, die weiterhin für Gold sprechen.

10 000 Dollar je Unze? Der Blick auf die aktuelle Situation zeigt: Auf Dauer spricht nach wie vor vieles für einen starken Goldpreis.

Der Artikel endet mit der Goldpreis-, äh, -Prognose von „Brooklyn-College-Associate-Professor“ Mitchell Langbert: „It may go to infinity“, „Es kann bis ins Unendliche gehen“. (Der Mann scheint allerdings, im Gegensatz zu „Focus Money“, zu wissen, welchen Wert solche Vorhersagen in der Praxis haben: Am Montag vor einer Woche bloggte er, dass er eine Hälfte seines Gold- und Silber-Besitzes abgestoßen habe.)

Mats und Moritz gehen ans Ende des Regenbogens

Schon der Name ist schön. „Topf voll Gold“ haben Mats Schönauer und Moritz Tschermak ihr Blog genannt, in dem sie über den Markt der Regenbogenpresse in Deutschland berichten. Sie meinen nicht die Boulevardzeitungen wie „Bild“ oder sogenannte „People-Magazine“ wie „Gala“ und „Bunte“, nicht einmal viertelseriöse Angreifer wie „Closer“, sondern das Segment, dessen journalistische Ansprüche noch darunter liegen: Hefte wie „Freizeit Revue“, „Das goldene Blatt“, „Neue Woche“ und meine alte Freundin, „Die Aktuelle“, die Woche für Woche viele Hunderttausend Exemplare verkaufen.

Aus irgendeinem Grund gibt es kaum journalistisches Interesse an diesen schillernden Produkten und ihrer Art, sich auszumalen, was in der Welt der Reichen und Schönen wohl gerade vielleicht hätte passiert sein können, wenn das Leben die besten Geschichten schreiben würde und das nicht doch Woche für Woche die Redakteure dieser Blätter übernehmen müssten. Nur Jörg Thomann veredelt in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die (Fehl-)Leistungen der Blätter regelmäßig zu „Herzblatt-Geschichten“.

„Und so läuft das Geschäft unterm Regenbogen, ohne dass sich jemand groß damit auseinandersetzt“, schreiben Mats und Moritz, was angesichts der üblen Methoden und dreisten Lügen schon erstaunlich ist. So berichtet die Zeitschrift „Promi-Welt“, dass die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit „in einer Nacht- und Nebel-Aktion [in Indien] zwei Säuglinge aus einer Kinderklinik entführte“.

Schönauer und Tschermak studieren am Institut für Journalistik der TU Dortmund und betreiben den „Topf voll Gold“ als Teil ihrer Bachelorarbeit. Im schriftlichen Teil wollen sie unter anderem vergleichen, wie sich die Zeitschriften untereinander unterscheiden und im Lauf der Zeit verändert haben, und fragen, welchen Einfluss und welche Funktion Blogs neben der herkömmlichen Medienkontrolle und -kritik haben können.

„Vor allem aber interessiert uns die Frage“, sagt Mats Schönauer, der auch fleißig fürs BILDblog schreibt, „warum Medienjournalisten diesen riesigen Markt der Regenbogenpresse zum größten Teil unbeobachtet lassen. Das gilt interessanterweise auch für die Wissenschaft: Es gibt kaum Literatur und so gut wie keine Forschung zu diesem Bereich, obwohl er — allein gemessen an der Auflage — ohne Frage von Relevanz ist.“

Das Blog soll die praktische Ergänzung dazu sein. Dort sammeln sie auch die „Verrenkungen der Woche“ — das ist das Gegenstück zu meinem „die aktuelle“-Bingo und bietet ebenfalls die Möglichkeit mitzuraten, welche harmlose Nachricht für die absurd spektakulären Schlagzeilen der Titel verantwortlich ist. Das ist manchmal amüsant, wenn die „Neue Welt“ über Schlagersängerin Nicole titelt: „Knapp am Tod“, wohinter sich Folgendes verbirgt:

Dreimal schon ist Nicole dem Tod noch gerade so von der Schippe gesprungen — drei „Erlebnisse, die einem kalte Schauer über den Rücken jagen …“

  • 1988 wollte sich Ehemann Winfried unbedingt die Flugschau in Rammstein angucken. „Weil seine Frau zu Hause zu lange herumtrödelte, wurde daraus nichts.“
  • 2004 planten die beiden eine Reise nach Südostasien. Exakt zu dem Zeitpunkt, als dort der Tsunami wütete. Das Paar „entschied sich dann jedoch kurzfristig für Südafrika“.
  • Irgendwann krachte mal bei einer Liveshow ein schweres Scheinwerfer-Gestell um — „es hätte Nicole erschlagen können, fiel aber in die andere Richtung.“

Und manchmal von ausgesuchter Ekligkeit, wenn die „Freizeit Monat“ auf ihrem Titel alles tut, um den Eindruck zu erwecken, dass Friso, der Sohn von Beatrix, der seit einem Unfall im Koma liegt, gestorben sei, wenn sie in Wahrheit nur die angekündigte Abdankung der niederländischen Königin meint.

„Kein Plan, wie lange wir das aushalten“, sagt Mats, „aber noch sind wir hochmotiviert.“ Ich drücke die Daumen.

Obamas schöne Staatsanwältin: Vom Schaden, den ein Kompliment anrichten kann

Der amerikanische Präsident Barack Obama hat sich dafür entschuldigt, dass er Kamala Harris als „mit Abstand bestaussehende Generalstaatsanwältin“ im Land bezeichnet hat.

„Dämlicher geht es kaum“, schimpfte Andrea Seibel in der „Welt am Sonntag“ und behauptete: „Man darf in Amerika nicht mehr sagen, wenn ein Mensch schön ist, sondern nur, dass er gut arbeitet. Mann und Frau können sich so einzig als aseptische Roboter im öffentlichen Raum begegnen, da jede menschliche Regung als Sexismus ausgelegt und von einer unerbittlichen Gesinnungspolizei geahndet wird.“

Ihre Fassungslosigkeit reichte noch für einen weiteren Text zwei Tage später in der „Welt“, in der ihr Kollege Ansgar Graw dann den Lesern zudem ausführlichst die — angeblichen — Konzepte von „Political Correctness“ und „Sexual Correctness“ erklärte und beschrieb, wie idiotisch das alles ist. Und die Springer-Leute waren mit diesem Reflex nicht allein.

Nun hat das Projekt „Name It Change It“, das gegen sexistische und frauenfeindliche Darstellungen in den Medien kämpft, eine interessante Studie mit 1500 befragten Wählern vorgelegt. Darin geht es um den — hypothetischen — Wahlkampf zwischen einer Frau und einem Mann um einen Kongresssitz.

Ursprünglich, nach einer kurzen Vorstellung der Kandidaten, liegen beide fast gleichauf in der Wählergunst: Frauen bevorzugen leicht die Frau, Männer den Mann.

Dann bekommen sie jeweils zwei Artikel zu lesen. Einen über den Mann, der immer derselbe ist: Er schildert sachlich dessen Position zu einem Schulgesetz. Und einen über die Frau, der variiert.

Ein Viertel der Befragten bekommt eine Fassung, die sich ebenfalls nur mit der politischen Position der Kandidatin befasst. Als sie hinterher wieder befragt werden, für wen sie stimmen, liegen Mann und Frau immer noch ungefähr gleichauf.

Ein zweites Viertel bekommt eine Version, in der der Bericht um eine neutrale Beschreibung der Kleidung der Kandidatin ergänzt ist („Smith dressed in a brown blouse, black skirt, and modest pumps with a short heel“). Diese Wähler stimmen danach nicht mehr zu 49 Prozent, sondern nur noch zu 46 Prozent für die Frau.

In einer dritten Version ist die Erscheinung der Kandidatin positiv beschrieben („In person, Smith is fit and attractive and looks even yonger than her age. At the press conference, smartly turned out in a ruffled jacket, pencil skirt, and fashionable high heels…“). Das schadet ihr noch mehr bei der Abstimmung: Von dieser Gruppe der Wähler bekommt sie nur 43 Prozent.

In der vierten Gruppe schließlich, deren Artikel eine negative äußerliche Beschreibung enthält („Smith unfortunately sported a heavy layer of foundation and powder that had settled into her forehad lines, creating an unflattering look for an otherwise pretty woman, along with her famous fake, tacky nales“), fällt der Wähleranteil auf 42 Prozent.

Vor allem bei den Männern führt die bloße Erwähnung von Äußerlichkeiten der Kandidatin oder einer positiven Beschreibung zu einem drastischen Rückgang an Zustimmung.

Nachdem die Wähler die Berichte gelesen hatten, in dem das Erscheinungsbild der Kandidatin erwähnt wurde, wurden ihr weniger positive Eigenschaften zugeschrieben. Besonders stark war ihr Rückgang in den Kategorien Verbundenheit, sympathisch, selbstbewusst, wirkungsvoll und qualifiziert. Anscheinend reicht es, das Äußere einer Frau zu erwähnen, um bei einem Teil der Wähler ihre Qualifikation vergessen zu lassen.

In der Zusammenfassung von „Name It Change It“:

Wenn sich die Medien auf die äußere Erscheinung einer weiblichen Kandidatin konzentrieren, zahlt sie dafür in den Umfragen einen Preis. Das gilt, wenn die Berichterstattung über die Erscheinung einer Kandidatin positiv, negativ oder neutral daherkommt.

Mehr als kompensieren ließ sich in der Studie der negative Effekt bei den Wählern übrigens dadurch, dass die Kandidatin oder eine Organisation sich über diese Art der Berichtertattung über Äußerlichkeiten beschwerte.

[via Andrew Sullivan]

Mit Geld, aber ohne Auftrag? Das komische PR-Engagement von Platoon für arte

Die Mail begann mit den Worten:

Hier ist (…), wir kennen uns leider noch nicht persönlich, aber natürlich weiß ich, dass du einer DER TV-Blogger in Deutschland bist.

Ein bisschen unglücklich war, dass sie an meinen Kollegen Peer adressiert war, aber mit den Worten „Hallo Peter“ begann. Und dass es etwas später in ihr hieß:

Vielleicht passt es in den FAZ Fernsehenblog, oder eine andere Platform für die du, oder Stefan schreibst.

(Das FAZ-Fernsehblog gibt es seit fast einem halben Jahr nicht mehr, und ich war sogar schon seit Herbst 2011 nicht mehr dabei.)

Der Absender, ein Mitarbeiter der PR-Agentur Platoon (Berlin/Seoul), schrieb, seine Aufgabe sei es, dem Start der Serie „Real Humans“ auf arte „ein wenig mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen“. Er habe einen Trailer und Informationen. Und:

Außerdem gibt es ein Budget mit dem ich arbeiten kann, falls dies von Interesse sei.

Ein ebenso rätselhafter wie verheißungsvoller Konjunktiv, da am Ende. Auf die Nachfrage, um was für ein Budget es sich handele, kam als Antwort:

Nun, dieses Projekt ist ein kleineres. Hier habe ich die Möglichkeit einen Tagessatz von 250.- Euro für einen Blogpost auszugeben. Aber im direkten Anschluss wird eine größere Sache für den gleichen Sender anlaufen. Vergleichbar mit dem BBC Science Format. Mehr kann ich dazu leider zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber darüber würde ich mich ebenfalls gerne mit dir unterhalten…

Ich hoffe die 250.- sind erstmal OK. Ich würde dir dann gleich das uns zur Verfügung stehende Material zusenden…

250 Euro sind mehr, als die meisten Tageszeitungen oder Online-Medien für eine Rezension der Sendung bezahlen würden.

Lässt arte Blogger oder Journalisten dafür bezahlen, dass sie über arte-Programme schreiben?

Die Pressestelle bestreitet das:

Nein, wir bezahlen keine Journalisten, um über ARTE zu schreiben. Blogger sprechen wir genau so wie andere Journalisten über klassiche Wege an: Meldung, Pressekonferenzen, Telefon. Nicht mehr und nicht weniger. Von Bezahlung war in der Pressestelle noch nie die Rede.

Die Marketingleute von arte hätten zwar Kontakt mit Platoon gehabt. Die Agentur sollte „Vorschläge für Marketing- und Socialmedia-Aktionen für ‚Real Humans‘ entwerfen“, aber „es gab und es gibt keinen Auftrag“.

Auch ein Schreiben von Platoon an andere Blogger, das scheinbar im Auftrag von arte auf die Sendung hinweist, aber auf den „Budget“-Hinweis verzichtet, sei nicht im Auftrag von arte verschickt worden und wäre vom Sender nicht autorisiert worden, sagt Paulus G. Wunsch, Leiter für Marketing und Sponsoring bei arte.

Auf Nachfrage bei Platoon, in wessen Auftrag sie tätig sind und von wem das Geld kommt, antwortet Agentur-Inhaber Christoph Frank:

wir versuchen gerade die marketing abteilung von ARTE als neu-kunden im bereich online-PR zu gewinnen.

dazu haben wir den freien mitarbeiter (…), in unser team genommen um pro-aktiv (ohne beauftragung) eine online PR-strategie zu erarbeiten und auszuprobieren.

ARTE hatte uns dafür bisher nicht beauftragt, sondern wir wollten uns positiv ins spiel bringen.

dieser schuss ging offensichtlich nach hinten los.

Meine Fragen, ob das Angebot, für Blogbeiträge zu zahlen, üblich sei und andere Journalisten das Angebot angenommen hätten, lässt er unbeantwortet.

Was für eine merkwürdige Geschichte. Platoon ist keine unbekannte Firma. Sie hat mit den Containern, aus denen sie in Berlin-Mitte arbeitet, von sich reden gemacht, und spielte in der arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“ in einer Folge mit den Politikberatern Uwe-Carsten Heye und Michael Spreng eine größere Rolle. Die Agentur nennt sich heute „Platoon Cultural Development“ oder auch „Platoon Kunsthalle“.

Und die wollen so dringend mit arte ins Geschäft kommen, dass sie sogar eigenes Geld in die Hand nehmen und auf eigene Faust aktiv werden? Und stellen sich dabei, andererseits, so sensationell ungeschickt an, vom fehlerhaften Anschreiben bis zum plumpen Wedeln mit Geldscheinen?

Kann mir das jemand erklären?

Harald Martenstein sieht sich als Opfer der Opfer

Ich habe Mitleid mit Harald Martenstein.

Das ist vermutlich in seinem Sinne. Seit Monaten schon schreibt er mitleiderregende Kolumnen ins „Zeit Magazin“. Aber anscheinend ist so immer noch nicht genug Mitleid für ihn zustande gekommen.

Martenstein fühlt sich benachteiligt, weil er keiner benachteiligten Minderheit angehört.

Er ist damit nicht allein. Er schreibt stellvertretend für die sich für schweigend haltende Mehrheit weißer, heterosexueller, alter Männer, die die Welt nicht mehr verstehen.

Martenstein hält sich sicher für liberal, aufgeschlossen, aufgeklärt. Er ist bestimmt für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Aber er hat offenbar das Gefühl, dass es jetzt langsam mal reicht. Dass ihm und Seinesgleichen die Welt entgleitet.

Er schreibt gegen diesen Machtverlust an und benutzt dabei regelmäßig die stärkste stumpfe Waffe, die ihm zur Verfügung steht: Ignoranz.

In der vergangenen Woche hat er sich darüber geärgert, dass die Berliner Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg beschlossen hat, in öffentlichen Gebäuden neben Toiletten für Männer und Frauen auch Unisextoiletten einzurichten — für Menschen, die sich entweder keinem der beiden Geschlechter zuordnen können oder wollen oder aber einem Geschlecht, das sichtbar nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht.

Martenstein schreibt:

Mir ist klar, dass Inter- und Transsexuelle sich in einer schwierigen Situation befinden und dass solche Menschen Anspruch auf Respekt und Toleranz haben.

Das ist bloß eine Variante des klassischen Satzes „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber.“ Martenstein fährt fort:

Warum man deswegen Toiletten umbauen muss, ist mir hingegen unklar.

Der Witz ist: Man muss deswegen gar keine Toiletten umbauen. Jedenfalls hat die Bezirksverordnetenversammlung nichts dergleichen beschlossen. Beschlossen hat sie, prüfen zu lassen, wo es möglich ist, eine bereits vorhandene Toilette pro Gebäude durch schlichte Änderung der Beschilderung in eine Unisextoilette umzuwidmen. Das kostet fast nichts.

Martenstein hat das nicht interessiert. Die behauptete Geldverschwendung ist sein Scheinargument, um gegen die ihm bizarr vorkommenden Spezialinteressen einer Minderheit anschreiben zu können.

Schon über seinem Text steht:

Inter- und Transsexuelle bekommen in Berlin-Kreuzberg eigene Toiletten. Harald Martenstein meint: Mehr Respekt für die Not kommunaler Haushalte würde auch nicht schaden.

Er kontert die Forderung, dass er „Respekt und Toleranz“ für Inter- und Transsexuelle aufbringen soll, mit der Forderung, dass Inter- und Transsexuelle „Respekt und Toleranz für die Lage der kommunalen Haushalte aufbringen“ sollen, indem sie auf einen teuren Umbau von Toiletten verzichten.

Gleich dreimal benutzt er in seiner Kolumne das Wortpaar „Respekt und Toleranz“ und demonstriert, dass er es für eine Zumutung hält, dass das jetzt dauernd von ihm gefordert wird — sogar auf (von ihm selbst imaginierte) Kosten des Haushaltes.

Und er beweist, wie wenig ihn die Nöte und Befindlichkeiten anderer Menschen tatsächlich interessieren, indem er erzählt, wie unkompliziert die Welt sein könnte, wenn nur alle so normal wären wie er oder sich wenigstens so normal gäben.

Er erzählt: „Wenn die Männertoilette kaputt war, bin ich immer auf der Frauentoilette gewesen. (…) Ich habe gelächelt und habe gesagt: ‚Tschuldigung. Das andere Klo ist kaputt.'“ Er schlägt vor, dass Inter- und Transsexuelle beim Gang auf die Toilette diese „kleine Notlüge“ benutzen sollen: „Was kostet es denn, zu sagen: ‚Das andere Klo ist kaputt‘?“

Die Antwort auf die Frage, was die Betroffenen eine solche Notlüge denn koste, interessiert ihn genauso wenig wie die Antwort auf die Frage, was es die Kommune kosten würde. Sonst wäre er vermutlich selbst darauf gekommen, was es für das Leben, die Selbstachtung, eines Menschen bedeuten kann, wenn er etwas so Alltägliches wie einen Toilettengang nur unter Rückgriff auf eine „kleine Notlüge“ absolvieren kann. Er hätte, wenn ihm schon die Empathie fehlt, sich das selbst auszumalen, auch in der Stellungnahme des Ethikrates nachlesen können, in der „das Verstecken der eigenen Intersexualität, die tägliche Entscheidung zwischen den Geschlechtern (zum Beispiel auf öffentlichen Toiletten)“ ausdrücklich als „Hürde im Alltag“ für die Betroffenen erwähnt wird.

Natürlich ist es eine Utopie, dass sich alle „Hürden“, die von einer speziellen Gruppe von Menschen im Alltag beklagt werden, beseitigen ließen. Und natürlich ist es auch richtig, eine Abwägung vorzunehmen, ob die Kosten, die für eine bestimmte Beseitigung von Hürden anfallen, in einem akzeptablen Verhältnis zu deren Größe stehen.

Aber Martensteins dummstolzes Ich schaff das doch auch zeigt, dass er sich für beides gar nicht interessiert.

Er hat die Haltung von jemandem, der eigentlich nicht dagegen war, öffentliche Gebäude — auch für teures Geld — für Rollstuhlfahrer zugänglich zu machen, das aber im Nachhinein bereut, weil er sieht, wohin das führt, wenn alle möglichen Leute plötzlich Rampen durchs Leben gebaut bekommen wollen, das normale Menschen doch eigentlich ganz gut bewältigen können.

Er hat eine Form gefunden, dem bürgerlichen „Zeit“-Publikum, das sich eigentlich ungern mit der „Bild“-Zeitung identifizieren möchte, dieselbe Mischung aus Ignoranz, Intoleranz und Desinteresse an Fakten zu servieren. In „Bild“ war der Kommentar zum Thema Unisextoiletten überschrieben mit: „Wir haben andere Sorgen.“ Das Wir, das sind Martenstein, „Bild“ und die dröhnende Mehrheit der Normalen.

Harald Martenstein meint, sich Respekt und Toleranz nicht mehr leisten zu können, nicht einmal dann, wenn sie so wenig kosten wie im Fall des Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Das ist keine Frage des Geldes. Er hat einfach das Gefühl, dass sein Respekt-und-Toleranz-Konto als normaler Mensch längst über Gebühr belastet wurde und die anderen jetzt erstmal ohne seinen Beitrag auskommen müssen.

Vielleicht hilft es, wenn wir ihm alle Mitleid spenden. Meins hat er.

„Die Subjektivität der Blogger als Qualitätsmerkmal“

Morgen soll ich auf den 11. Frankfurter Medienrechtstagen einen Vortrag mit dem Thema halten: „Berufsethik und Rollenverständnis — Nur sich selbst verpflichtet? Die Subjektivität der Blogger als Qualitätsmerkmal“. Weil ich mal wieder spät dran bin und nicht nur meine üblichen Beispiele nennen möchte, frage ich mal vage in die Runde:

  • Welche (journalistisch relevanten) Blogs sind für Sie und Euch beispielhaft dafür, dass die subjektive Perspektive einen Gewinn darstellt?
  • Und warum ist das so?

Katja Riemann verursacht Auflaufunfall auf dem roten Sofa

Der NDR-Moderator Hinnerk Baumgarten hat viel gelernt, gestern bei der Arbeit. Er hat gelernt, dass Schauspieler ihre Haarfarbe und Frisur und damit ihren ganzen Typ verändern können, indem sie sich eine Perücke aufsetzen. Er hat gelernt, dass nicht jeder Gast, der sich aus PR-Gründen neben ihn aufs rote Sofa setzt, gleichermaßen willig und geeignet ist für diese Art Scheinunterhaltung in der Vorabendhölle des deutschen Fernsehens. Und vor allem hat er gelernt, dass nichts mehr hilft, wenn ein Gespräch erst einmal so entglitten ist, dass das Gegenüber mit verschränkten Armen dasitzt und nur noch zwischen Hass und amüsiertem Unglauben schwankt — nicht einmal plumpe Schleimerei, ganz besonders nicht plumpe Schleimerei.

Katja Riemann war zu Gast bei „Das!“.

Den Gedanken, dass sie im falschen Film ist, scheint sie erstmals nach ziemlich genau sechs Sekunden zu haben. Danach sinkt ihre Mitmachbereitschaft von fast gar nicht in den negativen Bereich.

Es ist ein grandioser, klassischer Zusammenstoß zwischen einer schwierigen Schauspielerin und einem überforderten Sachenwegmoderierer. Halb lustvoll, halb verzweifelt lässt sie ihn auflaufen, während er immer hilf- und hoffnungsloser in seinem Repertoire aus Floskeln und Standardsituationen kramt.

Im Original entwickelt sich das über 45 Minuten mit der verstörenden Faszination eines grausamen Autounfalls in Zeitlupe: Man will nicht hinsehen, aber weggucken geht erst recht nicht.

Es ist mir nicht gelungen, das auf weniger als elf Minuten zu kondensieren. Andererseits lebt es auch gerade von der Schrecklichkeit der Länge. Aber denken Sie daran, zwischendurch den Mund wieder zuzumachen.

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Günther Jauchs gebührend finanzierte Gehaltlosigkeit

So sprach Günther Jauch, als er vor Jahren neben Carsten Maschmeyer vor einem großen AWD-Logo auf der Bühne stand:

Ich mach solche Veranstaltungen relativ selten. Zum einen, weil ich ja relativ viel zu tun habe, und zum anderen, weil man natürlich dann ja immer fragt: Was kommen da für Leute, wer ist da der Chef, in welchem Rahmen ist das?

In diesem Fall war das furchtbar einfach. Weil: Ich frage zu diesem Zweck immer den Kollegen Thomas und sage: „Pass mal auf. Da hat jemand angerufen und hat gefragt.“ Und dann runzelte er so ein wenig die Stirn. Und als ich ihm dann erzählte, wo ich da hingehe und mit wem das ist und für wen das ist, sagte er: „Kenn ich, kenn ich. War ich auch schonmal. Hab ich doch selber schon gemacht. Kannste hingehen, überhaupt kein Problem. Die Leute sind prima, und der Chef“ — hat er mir zumindest gesagt, ich weiß nicht, wie gut Sie sich kennen — hat er gesagt, „ist auch in Ordnung.“

Günther Jauch war jung, brauchte aber mutmaßlich damals schon nicht mehr das Geld. (Ich weiß natürlich nicht, ob er überhaupt Geld für diesen Auftritt vor AWD-Mitarbeitern bekommen hat, aber als reiner Freundschaftsdienst wäre es ja noch schlimmer.)

Das Video von diesem Besuch Günther Jauchs bei Carsten Maschmeyer machte in den vergangenen Tagen die Runde, als bekannt wurde, dass Carsten Maschmeyer zu Besuch bei „Günther Jauch“ sein würde. Es trägt bei YouTube die Überschrift „Auch Günther Jauch stand auf der Payroll des Drückerkönigs“.

Wer es gesehen hatte, fragte sich, wie Jauch in der Sendung mit seiner so dokumentierten eigenen Rolle umgehen würde, insbesondere weil das Verhältnis zwischen Jauchs Sender, dem NDR, und Maschmeyer sonst einigermaßen zerrüttet ist.

Jauch tat es fast beiläufig und mit einer Flucht in eine Achtelwahrheit. Nachdem er einen Film von einem Auftritt Maschmeyers gezeigt hatte, sagte er:

Ich hab selber mal vor mehr als 20 Jahren bei Ihnen erlebt, wie Sie da Leute motivieren.

Das war alles. Jauch hielt es offenbar für notwendig, die Sache nicht ganz unangesprochen zu lassen, aber nicht für zweckdienlich, irgendetwas zu sagen, das eine ehrliche Erklärung seiner eigenen Befangenheit dargestellt hätte.

Ich kann das schon verstehen. Er möchte nicht Thema seiner eigenen Talkshow werden. Das Problem ist nur: Er ist es längst.

Er war es schon, als er mit Peer Steinbrück über Transparenz redete, der ihn auf seinen eigenen geheimen Vertrag mit der ARD ansprach und Jauch sich in die Unwahrheit flüchtete, zu behaupten, der sei öffentlich.

Gestern in der Sendung mit dem Titel „Den Managern ans Gehalt! Brauchen wir ein Gesetz gegen die Gier?“ ging es sechzig Minuten lang um Chefs, die unfassbar viel mehr verdienen als ihre Mitarbeiter, um die Frage, unter welchen Voraussetzungen das gerecht sein könnte, und darum, wer darüber bestimmen sollte.

Im Englischen gibt es die schöne Redensart vom „Elefanten im Raum“: einer großen, eigentlich unübersehbaren Wahrheit, die trotzdem von allen ignoriert wird. Der Elefant in Günther Jauchs Studio war Günther Jauch: die Tatsache, dass all die kritischen Fragen, was denn jemand verdienen dürfe, nicht zuletzt ihm selbst gestellt werden müssten.

Jauch spielte den millionenschweren Anwalt des kleinen Mannes gegenüber den Millionären — mit der besonderen Ironie, dass er seinen unbekannten, aber mutmaßlich üppigen Lohn für diese Sendung von uns Zuschauern und Nicht-Zuschauern bekommt. Maschmeyer sprach das einmal kurz an, als er fragte, was wohl dabei rauskäme, wenn die Gebührenzahler über sein Honorar abstimmen dürften, aber zum Glück für Jauch fiel ihm jemand ins Wort, bevor er hätte antworten können oder müssen, und führte das Gespräch von ihm weg. Es gab auch später noch eine Situation, in der Jauch wirkte, als müsste er die Richtung fürchten, in die Maschmeyer den Ball dribbelte.

Wäre es nicht schön, wenn der Moderator der am wichtigsten gemeinten öffentlich-rechtlichen Talkshow im deutschen Fernsehen einem Carsten Maschmeyer frei von Angst und Interessenskonflikten gegenübertreten könnte? Wäre das nicht, genau genommen, das Mindeste?

Natürlich wäre es populistisch, Jauch zu fragen, ob es nicht gut wäre, wenn er mit der Sendung nicht mehr als das 20-fache eines Cutters verdienen würde. Aber genau das ist die Frage, die bei Jauch verhandelt wurde, und wo, wenn nicht bei einem von Gebührengeldern finanzierten Programm, wäre es legitim, sie zu stellen?

Jauch hat offenbar in keiner Weise das Gefühl, dass er seinen Zuschauern und den Finanzierern seines ARD-Einkommens Rechenschaft schuldig ist. Das ist schon traurig genug. Besonders scheinheilig wird es aber, wenn er glaubt, stellvertretend für seine Zuschauer anderen solche heiklen Fragen stellen zu können.

Ich weiß nicht, ob das Kalkül ist oder nur Selbstblindheit, weil er als einziger den Elefanten im Raum wirklich nicht sieht: Dass es eine Unmöglichkeit ist, als jemand, dessen mutmaßlich exorbitantes Einkommen in der Diskussion ist, über exorbitante Einkommen zu diskutieren, ohne die eigene Rolle in irgendeiner Weise zu thematisieren, und sei es, wenn schon nicht mit Transparenz, dann wenigstens mit einem Augenzwinkern und einem Hinweis auf die eigene Befangenheit.

Aber wenn er es nicht einmal schafft, offen und ehrlich mit einem zwanzig Jahre alten Werbe-Einsatz für Carsten Maschmeyer umzugehen, ist das natürlich viel zu viel erwartet.