Büchner-Preisträgerin ekelt sich vor auf „abartigen Wegen“ gezeugten Halbmenschen

Die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat am vergangenen Sonntag in Dresden eine ungeheuerliche Rede gehalten, in der sie die künstliche Befruchtung verurteilte und sich voller „Abscheu“ über Kinder äußerte, die auf solch „abartigen Wegen“ entstanden sind: Sie seien „Halbwesen“, „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“.

Ungeheuerlich ist auch, was danach passierte: fast nichts. Es gab keinen Aufschrei, keine bestürzten Reaktionen im Literaturbetrieb, der Sibylle Lewitscharoff seit Jahren mit Preis um Preis auszeichnet, keine aufgeregten Debatten in den Feuilletons, die sie im vergangenen Jahr feierten, als sie auch noch die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes erhielt, den Georg-Büchner-Preis.

Die „Sächsische Zeitung“ attestierte Lewitscharoff in ihrem Bericht über die Rede „Mut“, dass sie mit dem Thema ihrer Rede „vermintes Gelände“ betreten habe. Die Berichterstatterin scheint zwar verblüfft über einige Positionen und Worte von Lewitscharoff und darüber, dass kein Protest aus dem Publikum zu hören gewesen sei. Aber sie kommt zu dem versöhnlich-verdrucksten Schluss, die Schriftstellerin habe immerhin „Stoff zum Nachdenken und Diskutieren“ geboten, „auch zur empörenden Reaktion auf die Empörung“.

Aber die „Sächsische Zeitung“ kann oder will offenbar auch nicht unbefangen über Lewitscharoff berichten und angemessen scharfen Reaktionen keinen Raum geben. Weil sie Mitveranstalterin der „Dresdner Reden“ ist und insofern auch Mit-Einladerin der Schriftstellerin.

Der Chefdramaturg des Schauspielhauses, Robert Koall, wollte und konnte die Rede dennoch nicht unwidersprochen lassen. Ich dokumentiere seine Antwort mit freundlicher Genehmigung Koalls.

 

Offener Brief an die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff
als ­Antwort auf ihre Dresdner Rede vom 2. März 2014
von Robert Koall

Die Autorin Sibylle Lewitscharoff hat am 2. März im Dresdner Schauspielhaus im Rahmen der traditionsreichen „Dresdner Reden“ auf Einladung des Staatsschauspiels Dresden und der „Sächsischen Zeitung“ gesprochen. Frau Lewitscharoff gehört zu den profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis. Ihr Vortrag war angekündigt unter dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“.

Sehr geehrte Frau Lewitscharoff,

als Chefdramaturg des Staatsschauspiels bin ich mitverantwortlich für Ihre Einladung nach Dresden — was eine öffentliche und kritische Antwort auf Ihre Rede eher ungewöhnlich machen mag.

Aber lieber verletze ich die guten Sitten und Gebräuche der Gastgeberschaft als Ihnen nicht zu widersprechen. Ich fühle mich durch Ihre Worte zu sehr persönlich getroffen. Nach der Rede im Foyer ließ sich feststellen, dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine bin. Im Übrigen weiß ich, dass Sie Einspruch schätzen.

In Ihrer Einleitung hatten Sie am Sonntag mit einem feinen Lächeln vorgewarnt und um Entschuldigung dafür gebeten, dass es heute wohl nicht gelingen werde, der Rede „durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen“. Die Rede sei ernst. Nach dem Vortrag lässt sich ­sagen, dass „ernst“ nicht das richtige Wort war. Welcher Ausdruck wäre besser? Menschenverachtend? Gefährlich?

Im ersten Teil ihres Vortrags widmeten Sie sich dem Tod und dem Sterben. Ihre Thesen dazu sind wenig spektakulär, im Wesentlichen sprachen Sie über das Gottvertrauen, dessen Sie sich zu bemächtigen versuchen, wenn Sie sich überfordert fühlen von den Zumutungen der Existenz. Und darüber, dass die moderne Medizin und die Möglichkeit der Patientenverfügung Ihnen zu sehr eingreifen in das, was nach Ihrer Auffassung Aufgabe der Schöpfung wäre: den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen.

Ich teile Ihre Sicht nicht, aber das ist unerheblich.

Danach jedoch ging es um das menschliche Leben und seinen Beginn.

Und erstaunt musste ich feststellen: Eine der meistbeachteten deutschen Schriftstellerinnen pflegt öffentlich ein Menschenbild, das Verklemmung mit Verachtung paart. Ein beängstigendes Menschenbild.

Sie, Frau Lewitscharoff, um es mal zusammenzufassen, plädieren für die Kopulation. Die lassen Sie gelten. Zwischen Mann und Frau natürlich. Das ist der einzige Weg zur Menschentstehung, den Sie akzeptabel finden.

Leihmutterschaft aber ist Teufelswerk, und Onanie mögen Sie auch nicht, wie Sie uns wissen lassen. Ein „Onanieverbot“ erscheint Ihnen „weise“. Vor allem die Abgabe von Samen zum Ziele der künstlichen Befruchtung ist Ihnen „nicht nur suspekt“, sondern Sie finden sie „absolut widerwärtig“.

Und was folgt für Sie daraus? Dass Menschen, die auf künstlichem Wege gezeugt wurden, nicht menschlich sind. Sondern monströs:

„Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei […] aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.“

Diejenigen, die hier einwenden mögen, dass die Reproduktionsmedizin ein Segen für Menschen mit unerfüllbarem Kinderwunsch ist und ein Segen für die Kinder, die ihre Existenz nur dieser Wissenschaft verdanken, werden von Ihnen brüsk belehrt:

„So simpel können nur Menschen denken, die auf die psychische Bedeutung von Ursprungskonstruktionen noch nie einen Gedanken verschwendet haben. Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt.“

Das alles ist schon sehr herablassend und abwertend. Aber nun wird es grotesk:

„Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, […] in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern.“

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz einhaken: Es gibt in meinem Bekanntenkreis ein dreijähriges Mädchen, das nicht in einem klassischen Familienmodell aufwächst — sie hat eine Mutti und eine Mama. Ihre Existenz verdankt sie der Wissenschaft, die Sie verteufeln. Sie ist ein intelligentes, fröhliches und geliebtes Mädchen, sie ist ein Kind Gottes, und ihr Dasein ein Segen.

Nicht aber für Sie, Frau Lewitscharoff. Für Sie ist dieses Mädchen kein vollwertiger Mensch. Sie haben nur Abscheu für sie übrig,

„weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

Halbwesen. Widerwärtig. Abscheulich. Abartig. Man muss sehr viel Selbstbeherrschung aufbringen, um sich vom Sprachduktus nicht an Zeiten erinnert zu fühlen, in denen eine solche Wortwahl dazu diente, die Würde von Menschen antastbar zu machen.

Sie aber, Frau Lewitscharoff, fahren ungebremst fort:

„Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe […].“

Was wollen Sie mit dem letzten Satz sagen? Dass nur, weil man etwas sagt, das noch lange nicht heißt, dass man es auch so meint?

Das wäre eine enttäuschende Haltung für einen denkenden Menschen.

Sie sind Schriftstellerin. Sie sind in der Sprache zuhause. Eine Unschuldsvermutung gibt es für Sie in diesem Fall kaum.

Es fällt sehr schwer zu glauben, dass Sie nicht wussten, welche Worte Sie wählten, welche Vergleiche Sie zogen. Dass Sie nicht bemerkten, in welchem Sprachraum Sie sich bewegen.

Wir haben Sie, Frau Lewitscharoff, als streitbaren Geist eingeladen. Wir begreifen Theater als Ort der lebendigen, kritischen Auseinandersetzung. Wir setzen uns ein für Differenz, für das Unbequeme und für Haltung und Gegenhaltung. Das alles muss eine Gesellschaft und das alles muss ein Theater aushalten. Wenn aber die Würde der Menschen angetastet wird, kann das nicht unwidersprochen geschehen.

Man könnte Ihre Worte abtun und hoffen, dass sie schnell vergessen werden.

Man könnte aber auch sagen, dass man es leid ist, dass immer wieder so getan wird, als würden Worte nichts bedeuten. Es gibt einen Punkt, der die Dresdner Rede vom 2. März gefährlich macht. Das ist das Tendenziöse, die Stimmungsmache, das tropfenweise verabreichte Gift.

Die Art der Argumentation und die Wortwahl verbreiten sich immer mehr.

Wenn der durchaus prominente Journalist Matthias Matussek jüngst in der „Welt“ offen darüber schwadroniert, dass sein privates Unbehagen gegenüber Schwulen für viele ja offenbar schlimmer sei als Antisemitismus (und damit nur sagt, dass er ein bisschen Homophobie offenbar für absolut okay hält). Wenn Populisten wie der verwirrte Thilo Sarazzin öffentlich beklatscht vor dem „Tugendterror“ warnen (und damit eigentlich nur Raum für Vorurteile, Lügen und Ressentiments schaffen wollen). Wenn schließlich in einer Rede Leihmutterschaft und lesbische Elternpaare als Fortführung nationalsozialistischer Familienpolitik mit anderen Mitteln bezeichnet werden (und dann als harmlose rhetorische Volte abgetan werden).

Dann befördert all das einen schleichenden Klimawandel in der Gesellschaft.

Das alles bemüht sich nicht um Toleranz und Solidarität, um Gemeinschaft und Gemeinwohl. Das befördert Absetzung, Ausgrenzung, Abschottung, Abschaffung.

Ihre Worte sind nicht harmlos, Frau Lewitscharoff. Aus falschen Worten wird falsches Denken. Und dem folgen Taten. Deshalb sind es gefährliche Worte.

Hochachtungsvoll
Robert Koall
Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden

  • Auf den Seiten des Staatsschauspiels Dresden kann man Lewitscharoffs Rede anhören und jetzt auch nachlesen.
Nachtrag, 20:00 Uhr. Lewitscharoff hat sich gegenüber der „FAZ“ geäußert: „Darf ich nicht sagen, was ich denke?“

Wie Wulff ohne „Bild“ nach Afghanistan reiste und so vielleicht einen „Krieg“ auslöste

Nikolaus Harbusch hatte sich vorbereitet. Der preisgekrönte „Bild“-Reporter saß in der „BILD-Live-Sendung“, die während der Werbepausen des „Bild“-„Spiegel“-Sat.1-Filmes „Der Rücktritt“ lief. Die Moderatorin kündigte an, gleich die nachgesprochene Nachricht abzuspielen, die Christian Wulff auf der Mailbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hinterlassen hatte. Und Harbusch faltete einen Zettel auseinander, den er mitgebracht hatte.

So ein Bundespräsident hätte ja nicht viele handfeste Aufgaben, sagte er sinngemäß, aber eine dann doch: Den Verteidigungsfall, den Kriegszustand, zu verkünden, wenn das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird. Vom Zettel las er die entsprechenden Passagen aus dem Grundgesetz vor.

Ja, den Kriegszustand ausrufen, das kann der Bundespräsident. Und Wulff habe das getan, suggerierte Harbusch, als er Diekmann auf die Mailbox sprach und sagte, man solle sich doch nach seiner Rückkehr nach Deutschland zusammensetzen — „und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen“.

Krieg! Er hat „Bild“ irgendwie den Krieg erklärt, was er als Bundespräsident, der ja sonst fast nichts kann, kann. So stellen es die preisgekrönten Redakteure der Zeitung noch heute dar.

Natürlich lässt sich der Wortlaut der Nachricht, den die „Bild“-Zeitung heute mit einem Mal vollständig veröffentlicht hat und von dem es inzwischen heißt, dass er gar nicht aggressiv-wütend, sondern im üblichen ruhigen Tonfall Wulffs vorgetragen wurde, auch ganz anders lesen. Nämlich so, dass Wulff das Gefühl hatte, dass „Bild“ ihm den Krieg erklärt hat.

Warum tat sie das überhaupt? Warum hörte sie scheinbar plötzlich damit auf, den Mann hochzuschreiben, und begann damit, ihn runterzuschreiben? Warum konfrontierte sie ihn mit unangenehmen Tatsachen anstatt sie, wie zuvor, schönzufärben?

Michael Götschenberg, der das MDR-Hörfunkstudio im ARD-Hauptstadtstudio leitet, hat darauf eine verblüffende Antwort. Für ihn markiert eine Afghanistan-Reise des Bundespräsidenten im Oktober 2011 den endgültigen Bruch der „Bild“-Zeitung mit Christian Wulff, die Änderung der Geschäftsbeziehung.

Eigentlich hätte Wulff schon im September 2011 nach Afghanistan reisen sollen. Begleiten sollten ihn nur fünf Journalisten: je ein Radio- und Fernsehreporter der ARD sowie drei Vertreter von Nachrichtenagenturen. Eine Auswahl unter Zeitungsjournalisten wollte das Bundespräsidialamt nicht treffen, um sich nicht den Zorn der nicht Erwählten zuzuziehen.

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage wurde dieser Besuch jedoch im letzten Moment abgesagt. Solche Reisepläne werden üblicherweise bis zur Ankunft vor Ort streng geheim gehalten, und das Bundespräsidialamt versuchte auch zu verhindern, dass die kurzfristige Absage an die Öffentlichkeit kommt, weil Wulff die Reise schon bald nachholen sollte.

Als die „Bild“-Zeitung von der Absage erfuhr, bat das Präsidialamt, nicht darüber zu berichten. Präsidentensprecher Olaf Glaeseker bot dem Blatt einen Handel an: Als Gegenleistung für das Schweigen dürfe „Bild“ mitfahren, wenn Wulff die Reise nach Afghanistan nachhole.

Anstelle von „Bild“ machte aber dann der „Spiegel“ die abgesagte Reise öffentlich. Man kann sich vorstellen, dass die „Bild“ nicht glücklich war, die eigene Exklusivmeldung der Konkurrenz überlassen zu haben, aber immerhin gab es ja dafür das Versprechen, beim nächsten Anlauf mitzukommen.

Das Problem war — laut Götschenberg — nur, dass Gläseker sein Versprechen nicht mit den zuständigen Stellen im Bundespräsidialamt abgesprochen hatte, und als der nächste Reisetermin anstand, war er im Urlaub.

Als die Präsidentenmaschine in Kabul ohne einen „Bild“-Reporter landet, findet bei „Bild“ gerade eine Redaktionskonferenz statt. Als „Bild“-Chef Kai Diekmann sich erkundigt, wer mit in Afghanistan sei, bekommt er die Antwort: Von „Bild“ niemand. Diekmann, so berichtet ein Teilnehmer der Sitzung, habe daraufhin nur geschwiegen: „Nichts sagt so viel, wie wenn Diekmann schweigt.“

Diese Entscheidung, so sieht man es später im Bellevue, habe für „Bild“ das Fass zum Überlaufen gebracht. Nach einer langen Phase der Entfremdung zwischen dem ehemaligen „Bild“-Liebling Wulff und der „Bild“-Zeitung, die ihren Anfang nimmt, als Wulff Bundespräsident wird, sei mit der Afghanistanreise endgültig der Ofen aus gewesen, erklärt man sich im Bellevue den weiteren Lauf der Dinge.

So schildert es Götschenberg in seinem Buch „Der böse Wulff?“.

Ich weiß nicht, ob es so war. Aber es entspräche der Art, wie Kai Diekmann entscheidet, wer in seinem Blatt gut wegkommt und wer schlecht. Wichtig sind dabei allem Anschein nach weniger inhaltliche Positionen als ein schlichtes Freund/Feind-Denken. Wer mit „Bild“ kooperativ zusammenarbeitet und ihr gibt, was sie braucht, hat beste Chancen, von ihr gut behandelt zu werden, solange sich das für sie lohnt.

Die scheinbar so läppische vergeigte Sache mit der Afghanistan-Reise, der nicht eingehaltene Deal, das könnte aus „Bild“-Sicht wie das letzte, unmissverständliche Signal wirken, dass kein Verlass mehr darauf ist, dass Christian Wulff ihr gibt, was sie braucht. Und wenn er kein Freund mehr ist, ist er ein Feind. Und der berühmte Fahrstuhl-Schalter wird umgelegt.

Natürlich ist die Afghanistan-Geschichte, wenn sie stimmt, nur ein letzter Anlass, der Schlusspunkt einer Entwicklung, bei der das übliche Prinzip des Gebens und Nebens zwischen Wulff und der Zeitung aus Sicht von „Bild“ ohnehin immer schlechter funktioniert hatte. Götschenberg schreibt:

In den Wochen vor der Wahl zum Bundespräsidenten wahrt „Bild“ wohlwollende Neutralität, obwohl der Mainstream ganz klar zugunsten von Gauck verläuft. Man kann davon ausgehen, dass „Bild“ sich dafür eine Gegenleistung erwartet, vor allem in Gestalt von Exklusivgeschichten aus dem Bellevue. (…)

Doch je länger Wulff Bundespräsident ist, desto mehr reift in „Bild“ die Erkenntnis, dass der ehemalige Liebling die „Geschäftsbeziehung“ aus Hannover aufgekündigt hat. „Bild“ wartet vergeblich auf Exklusivgeschichten aus dem Schloss, selbst ein Interview bekommt die Zeitung nicht. (…) Wulff „liefert“ nicht: Letztlich ist er der Ansicht, dass Bundespräsident und „Bild“ nicht zusammenpassen. Umso intensiver beginnt man bei „Bild“ an einer Geschichte zu recherchieren, für die sich auch schon andere interessieren (…)

… die Geschichte des Hauskaufs in Großburgwedel.

Der „endgültige Bruch“ mit Springer, mit dem Wulff Diekmann auf dem Anrufbeantworter droht, er ist von der anderen Seite ohnehin längst vollzogen worden. In den Worten Götschenbergs:

Nachdem Wulff das Verhältnis zu „Bild“ still und leise aufgekündigt hat, tut „Bild“ das nun auch — nur nicht still und leise.

Kai Diekmann hatte in einem Kommentar geschrieben:

Wer den Fall und die Probleme des Bundespräsidenten jetzt zu einem Machtkampf zwischen dem ersten Mann im Staat und der größten Zeitung im Land aufpumpt, der geht wahrhaft völlig in die Irre.

Götschenberg urteilt:

Richtig ist zweifellos, dass die Krise um den Bundespräsidenten deutlich mehr ist als ein Machtkampf zwischen Diekmann und Wulff. Die Auseinandersetzung um die Mailbox-Nachricht macht allerdings sehr deutlich, dass sie das eben auch ist.

Wulff habe „Bild“ mit seiner Mailbox-Nachricht den „goldenen Dolch“ überreicht.

Götschenbergs Buch „Der böse Wulff?“ ist bereits Anfang 2013 erschienen. Für alle, die sich nicht nur auf die „Bild“- und „Spiegel“-Version der Geschichte verlassen wollen, ist es eine sehr empfehlenswerte Lektüre, weil Götschenberg sich große Mühe gibt, Christian Wulff und seiner Amtszeit gerecht zu werden. Er beschreibt nicht nur seine — zweifellos katastrophalen — Fehler, sondern auch die üblen Reflexe der Medien.

Nachtrag, 8:30 Uhr. Kai Diekmann twittert dazu: „Schöne Szene — leider falsch! Blick in Kalender: Wulff landet Sonntagfrüh in Kabul — BILD-Chef schläft aus, geniesst sunday at home!“

GEW distanziert sich von schwul-lesbischer Aufklärungsbroschüre

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg hat sich von ihren Lehrmaterialien zum Thema „Lesbische und schwule Lebensweisen“ distanziert.

Ein Fragebogen, der heterosexuelle Jugendliche mit den Vorurteilen konfrontierte, denen üblicherweise homosexuelle Jugendliche ausgesetzt sind, hatte in den vergangenen Wochen für Aufregung gesorgt. Konservative Kritiker hatten ihn so verstanden oder verstehen wollen, als sollten hier Jungen und Mädchen in ihrer Heterosexualität verunsichert und irgendwie schwul gemacht werden.

Als „in jeder Hinsicht unterirdisch“ und „Machwerk“ bezeichnete FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke laut „Stuttgarter Nachrichten“ den Fragebogen, den der renommierte amerikanische Psychologe Martin Rochlin vor über 40 Jahren entwickelt hatte, damit Heterosexuelle nachempfinden können, wie sich Homosexuelle fühlen. CDU-Fraktionschef Peter Hauk nannte den Fragebogen „unmöglich“.

Der GEW-Landesvorstand verteidigte das eigene Lehrmaterial nicht. „Wir finden beide den Fragebogen auch nicht wirklich glücklich“, sagte GEW-Landesgeschäftsführer Matthias Schneider, auch im Namen der GEW-Landeschefin Doro Moritz.

Laut „Stuttgarter Nachrichten“ wollte die GEW Baden-Württemberg die Broschüre mit dem Fragebogen dennoch (noch) nicht aus dem Netz nehmen. Sie ist jetzt allerdings von ihren Internetseiten verschwunden.

Nachtrag, 21:05 Uhr. Die GEW wehrt sich nun doch gegen die Verunglimpfungen von FDP und CDU. GEW-Sprecher Matthias Schneider sagte, Kritiker hätten die Fragen bewusst missverstanden und aus dem Kontext gelöst. Eine Arbeitsgruppe werde den Fragebogen mit einem noch deutlicheren Hinweis auf die Methodik der Verfremdung und Satire versehen.

Nachtrag, 26. Februar. Markus Hanisch aus dem GEW-Hauptvorstand schreibt mir und widerspricht meiner Darstellung:

Ihre Darstellung, die GEW distanziere sich von der Broschüre oder ihren Inhalte — oder habe dies getan — trifft allerdings nicht zu. Es kann keine Rede davon sein, dass wir vor der von konservativer Seite auf uns einprasselnden Kritik einknicken.

Das von Ihnen aufgeführte Zitat ist zwar korrekt, allerdings aus dem Zusammenhang gerissen. Zu keinem Zeitpunkt hat sich die GEW, auch nicht die zitierten Personen, von den Inhalten oder der Broschüre insgesamt distanziert. Es wurde lediglich eingeräumt, dass Fehlinterpretationen der Arbeitsmaterialien durch eine noch deutlichere Erläuterung von Sinn und Zweck des „heterosexuellen Fragebogens“ vielleicht hätten vermieden werden können. Auch wenn uns bewusst ist, dass der Fragebogen von einem Großteil der Kritiker ganz bewusst falsch verstanden wurde. Um es diesen Kritikern der Akzeptanz sexueller Vielfalt nicht zu einfach zu machen, hat sich die GEW Baden-Württemberg entschieden, die Broschüre zu überarbeiten und mit einer Erläuterung zu versehen. Diese Überarbeitung ist aber auf keinen Fall als Rolle rückwärts oder Distanzierung zu verstehen. Je länger wir uns die — seit 16 Jahren existierende — Broschüre angeschaut haben, umso überzeugter sind wir von ihrem Inhalt.

Matthias Matussek scheitert an Fragebogen für Siebtklässler

Okay, ich bin dann doch nicht so wahnsinnig gut darin, Matthias Matussek zu ignorieren. Aber ich habe einen winzigen Rest Hoffnung, dass es gelingen könnte, ihm eine Sache zu erklären, nur diesen einen Punkt, den er an dieser Homosexualitätssache so grotesk missverstanden hat und der einen furchtbaren und furchtbar unnötigen Schnappatmungsanfall bei ihm ausgelöst hat.

Es ist die Sache mit der Handreichung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) „Lesbische und schwule Lebensweisen – ein Thema für die Schule“. Darin hat Matussek etwas gefunden, was er für „das Dümmste und Seichteste an versuchter Gehirnwäsche und Erziehung zum ‚Neuen Menschen'“ hält, das er „seit Jahren“ gelesen hat. Und was er für den zentralen Punkt hält, um den es in Baden-Württemberg („und auch in den Millionenmärschen in Paris“) geht.

Ich zitiere mal ausführlich und am Stück aus dem, was er im „European“ schreibt, damit man eine Ahnung davon bekommt, wie sehr die Pferde mit ihm durchgegangen sind:

In einem „heterosexuellen Fragebogen“ für Siebtklässler, also pubertierende 13- bis 14-Jährige wird diese Gewissenserforschung betrieben:

  • Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?
  • Wann und warum hast Du dich entschlossen, heterosexuell zu sein?
  • Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?
  • Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen gleichen Geschlechts kommt?

Und ist es möglich, dass da ein paar schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger in selbstgestrickten Pullovern ebenso selbstgestrickte Kulturstrategien ausknobeln, die zwischen Unverschämtheit und Klippschusterwissen hin und herpendeln, um den „neuen Menschen“ zu erziehen?

Was soll ein 13-Jähriger auf die Frage antworten, woher seine Heterosexualität kommt? Und was, ob diese eine Phase ist? Ganz nebenbei wird hier übrigens insinuiert, dass Homosexualität kein genetisches Schicksal ist, sondern eine frei zu entscheidende Wahl. Ihr müsst euch mal langsam entscheiden, Leute! Um die pubertierenden 14-Jährigen völlig verrückt zu machen, wird ihnen die beliebte Vermutung, dass die Normalen, die man „Heterosexuelle“ nennt, eine „neurotische Angst vor Menschen gleichen Geschlechts“ hätten, in eine Frage gegossen — sind die noch zu retten?

Doch damit nicht genug. Während Homosexualität offenbar als genetisch bedingt angesehen wird, wird nun die Heterosexualität zu einer Variablen; zu einer Wahl, die sich ändern lässt.

Denn Frage 11 — und jetzt kommt’s — lautet: „Es scheint sehr wenige glückliche Heterosexelle zu geben; aber es wurden Verfahren entwickelt, die es dir möglich machen könnten, dich zu ändern, falls du es wirklich willst. Hast du schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschock-Therapie zu machen?“

Das steht da tatsächlich! Das haben sich diese Frankensteins tatsächlich aus ihren wirren Schädeln qualmen lassen.

Vielleicht kann mir ein Deutschlehrer unter den Lesern sagen, ab welcher Klasse man ein Leseverständnis bei den Schülern voraussetzen würde, das zur richtigen Interpretation dieses Fragebogens befähigt.

Ich versuche es, für Matussek, mit einfachen Worten zu erklären. Das Ziel dieses Fragebogens ist nicht, die Schüler an ihrer Heterosexualität zweifeln zu lassen. Das Ziel dieses Fragebogens ist es, die Schüler am Sinn dieser Fragen zweifeln zu lassen.

Es handelt sich um Fragen, mit denen sich klassischerweise Lesben und Schwule konfrontiert sehen. Dadurch, dass die Fragen, Mythen und Stereotypen (Homosexualität ist nur eine Phase / Homosexualität ist eine Neurose / Homosexuelle haben besonders häufig Geschlechtskrankheiten und sind besonders häufig Päderasten / Homosexuelle sind unglücklich, aber Homosexualität lässt sich mit der richtigen Therapie wieder aberziehen) umgekehrt und auf Heterosexualität angewandt werden, sollen die Schüler erkennen, wie sinnlos diese Fragen sind, wie merkwürdig die Annahmen sind, die ihnen zugrunde liegen, wie groß die Zumutung ist, ihnen ausgesetzt zu sein.

Lesen Sie sich den Fragebogen durch (hier, Seite 20/21), das kann man doch gar nicht missverstehen, wenn man nicht komplett verbohrt ist? (Birgit Kelle und viele ihrer Mitstreiter haben es auch nicht verstanden oder nicht verstehen wollen.)

Das Ziel des Fragebogens ist in der Handreichung selbst angegeben: „Vorurteile und Stereotype“ sollen „deutlich gemacht“ werden.

Und die Vorlage für diesen Fragebogen ist auch angegeben: Es ist das „Heterosexual Questionnaire“ von Dr. Martin Rochlin, dem Gründer der Society for the Psychological Study of Lesbian and Gay Issues, einem Teil der Psychologen-Vereinigung in den USA.

Rochlins Fragebogen ist von 1972. Er ist über vierzig Jahre alt. Und mit einer schlichten Google-Suche hätte Matussek nicht nur das Original gefunden, sondern sogar eine Interpretationshilfe:

The heterosexual questionnaire was created back in 1972 to put heterosexual people in the shoes of a gay person for just a moment. Questions and assumptions made of gays and lesbians that are unfair, are reversed and this time asked to straight people to demonstrate their absurdity.

Ja: Die Fragen, über die sich der homophobe Publizist so echauffiert, sind schlimm, falsch und grotesk. Genau das ist der Witz. Das zu erkennen und auf die Fragen zu übertragen, mit denen sonst Homosexuelle konfrontiert werden, ist das Lernziel dieses Fragebogens.

Dieses Fragebogens für Siebtklässler.

Und der Mann, dessen Leseverständnis nicht ausreicht, um das richtig zu interpretieren, und der sich stattdessen in einen Empörungsrausch über die „Frankensteins“ schreibt, die so etwas „tatsächlich aus ihren wirren Schädeln qualmen lassen“, war eine Weile Kulturchef beim „Spiegel“.

Das wär jetzt wirklich mal ein Punkt zum Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen.

Zünglein an der Gage

Vielleicht hat Marco Angelini, der aus dem RTL-Dschungelcamp unbekannte österreichische Sänger, neulich hinter den Kulissen einer Wiedersehensshow seine Garderobe verwüstet. Vermutlich nicht.

Ist auch egal, werden Sie jetzt sagen. Egal.

Am Dienstag meldete „Bild“, dass Angelini „komplett“ ausgerastet sei. Mit „komplett“ ist gemeint:

DER ÖSI SOLL SEINE GARDEROBE VERWÜSTET HABEN!

Jaha, soll, Verzeihung: SOLL!

Für ein Blatt, dem es sonst wirklich nicht drauf ankommt, ob etwas stimmt, formuliert „Bild“ erstaunlich vorsichtig:

Dann stürmte ANGRYlini in seine Garderobe und soll seinem Frust freien Lauf gelassen haben — wie ein echter Rockstar. Tische und Stühle sollen geflogen sein, das Fenster der Garderobe ging wohl zu Bruch. Man spricht von 1000 bis 3500 Euro Schaden.

Es klingt nicht so, als ob „Bild“-Reporter Daniel Cremer selbst überzeugt wäre, dass das Fenster der Garderobe zu Bruch ging, oder jemanden gefunden hätte, der wüsste, was für ein Schaden dabei entstand. („Tja, keine Ahnung, was so ein Garderobenfenster kostet. Tausend Euro? Vielleicht auch das dreieinhalbfache, wasweißich.“)

Nun beschäftigt die „Bild“-Zeitung für solche Fälle jemanden, der sich vorstellen kann, wie etwas passiert ist, von dem man nicht einmal weiß, ob es passiert ist: Die Zeichnerin Silke Bachmann.

Wenn Sie einmal schauen mögen.

Das ist also offensichtlich ein Ikea-„Lack“-Tischchen, das da, öh, hm. (Nach meiner persönlichen Erfahrung wäre es in dieser Konstellation nicht das Fenster, das kaputt geht, aber gut.)

Soweit, so „Bild“.

Nun sagt RTL aber: „An der Verwüstungs-Geschichte ist nichts dran: Weder RTL, der Produktion, noch dem Studiobetreiber ist die angebliche Demolierung bekannt, die Garderobe ist völlig in Ordnung.“

Und verweist unter anderem auf einen Artikel der österreichischen Seite news.at, wo Angelini mit den Worten zitiert wird: „Das ist alles erstunken und erlogen, dafür habe ich Zeugen.“ Er kündigt an, rechtlich gegen „Bild“ vorzugehen, bzw. auf österreichisch: „Ich bin stinksauer. Das ist das erste Mal, dass ich ein Medium klagen werde.“

Nun dachten wir bei BILDblog (genauer: der Mats), fragen wir doch einfach mal direkt beim Management von Angelini nach, was denn da passiert ist und wie genau die rechtlichen Schritte sein sollen. Es handelt sich um die Berliner Firma 2DayRecords GmbH von Alexander J. Benz („Label Owner / Manager / Producer / Songwriter“).

Erst bekamen wir keine Antwort.

Dann doch:

Hallo Herr Schönauer,

dazu können wir uns nur gegen eine Gagenzahlung äußern.

Beste Grüße
Alexander

Ah. Tja, blöd.

Auf dem Fahrrad zu Al-Qaida: Freie Journalisten werben wie die „Zeit“

Die „Zeit“ hat vor ein paar Tagen eine etwas merkwürdige Werbekampagne gestartet, in der man einigen ihrer Autoren beim Laufen, Fahren und Gefahrenwerden zusehen und beim Reden zuhören, aber nicht beim Reden zusehen kann. Das hat bestimmt irgendetwas zu bedeuten, soll aber hier gar nicht das Thema sein.

Die „Freischreiber“, der Verband der freien Journalisten (bei dem ich Mitglied bin), fanden das jedenfalls eine wunderbare Vorlage für eine Parodie. Für eigene Filme („ebenfalls hochemotionale, sehr persönliche Erzählstücke“), die nicht das Autorensein poetisch illustrieren, sondern sich mit den Bedingungen beschäftigen, unter denen freie Autoren arbeiten.

Anstelle von Wolfgang Bauer, der auf dem Fahrrad fährt und dabei über Al Qaida redet („Ich glaub, die Welt wird zusammengehalten von Emotionen und gesteuert durch Emotionen“) …

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… sehen wir zum Beispiel Jakob Vicari, der auf dem Fahrrad zu Al-Qaida fährt („Ich habe dann lange versucht, ein richtiges Gefährt zu bekommen. Ich wollte einen Panzerwagen, wenigstens einen Jeep. ‚Das Fahrrad reicht‘, hat die Redaktion gesagt“):

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Weitere Informationen

Auf der „Freischreiber“-Seite kann man sich alle fünf Originale und Parodien ansehen. „Wir begrüßen das Ansinnen, die Menschen und Bedingungen zu zeigen, die Qualitätsjournalismus schaffen“, erklärt der Verband. Der Vorsitzende Benno Stieber sagt: „Gerne nehmen wir diese Einladung an. Lassen Sie uns gemeinsam für Autoren und faire Produktionsbedingungen im Journalismus werben.“

Das Ende der Toleranz

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ist das wirklich das Jahr 2014? Ist es wirklich wahr, dass Homosexualität zwar geduldet wird – aber nur dann, wenn Lesben und Schwule möglichst unsichtbar bleiben? Ein paar notwendige Worte zum Kulturkampf.

Johann Wolfgang Goethe hätte der Diskussion gutgetan. Gleich am Anfang der Talkshow von Sandra Maischberger in dieser Woche, als sich die Runde hoffnungslos in der Frage verhedderte, ob man von den Menschen verlangen dürfe, dass sie Homosexualität akzeptieren, oder nur, dass sie sie tolerieren.

Die konservative Journalistin Birgit Kelle hatte auf dieser Unterscheidung bestanden und bot Toleranz, aber keine Akzeptanz. Sie müsse bestimmte Dinge hinnehmen, sagte sie, aber sie müsse sie nicht gut finden. Akzeptanz aber würde bedeuten, „dass ich meinen Standpunkt ändern muss“.

Aber dann sollte sie sagen, ob sie die Travestiekünstlerin Olivia Jones „akzeptiert“ oder „toleriert“, und Maischberger stolperte darüber, dass sie nicht wusste, ob sie den als Frau auftretenden Mann nun als „er“ oder „sie“ bezeichnen sollte, und Frau Kelle verwirrte mit dem Satz, sie müsse ja auch andere politische Meinungen innerhalb des demokratischen Spektrums nicht „akzeptieren“, und die kleine Chance, an einem entscheidenden Punkt der Debatte für Klarheit zu sorgen, verpuffte im allgemeinen Durcheinander.

Goethe hätte geholfen. In seinen „Maximen und Reflexionen“ findet sich der Spruch: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Was er meint, hat der Philosoph und Politikwissenschaftler Rainer Forst anhand von Beispielen aus der Geschichte erläutert. Dem Edikt von Nantes etwa, mit dem Heinrich IV. den protestantischen Hugenotten im katholischen Frankreich 1598 religiöse Toleranz gewährte. Das erlaubte ihnen innerhalb enger Grenzen die Ausübung der Religion, machte aber die Ausbreitung des Protestantismus gleichzeitig faktisch unmöglich. Es erkannte die Hugenotten als Staatsbürger an, fixierte aber ihren Status als Staatsbürger zweiter Klasse.

Oder die „Toleranzpatente“ des deutschen Kaisers Joseph II. von 1781, die es drei christlichen Minderheitskonfessionen in den Habsburger Erbländern erlaubten, ihre Religion auszuüben – im Privaten. Ihre Kirchen durften keine Glocken haben und keinen Eingang von der Straße.

Diese „Toleranz“ war für die betroffenen Minderheiten ein großer Fortschritt. Sie bedeutete das Ende der Verfolgung. Aber sie zementierte zugleich die Ungleichheit. Rainer Forst spricht von „Inklusion bei gleichzeitiger Exklusion“.

Toleranz in diesem Sinne bedeutet, etwas, das man ablehnt, aus pragmatischen Gründen hinzunehmen. Es bedeutet ausdrücklich nicht, es als gleichwertig zu akzeptieren.

Die Begriffe „Toleranz“ und „Akzeptanz“ werden im Alltag so unscharf und austauschbar verwendet, dass der Versuch aussichtslos ist, den Unterschied anhand der Wörter zu erklären. Aber die verschiedenen Konzepte lassen sich sehr klar beschreiben. Konservative wie Birgit Kelle sind bereit, Homosexualität als Tatsache hinzunehmen, und sie sind sogar dafür, dass Homosexuelle nicht mehr verfolgt werden. Aber sie lehnen es scharf ab, Lesben und Schwule und deren Partnerschaften als gleichberechtigt anzuerkennen. Und sie gehen auf die Barrikaden, wenn der Staat den Kindern in den Schulen vermitteln will, dass es „sexuelle Vielfalt“ gibt und dass andere Identitäten als die heterosexuelle nicht minderwertig sind.

Sie lehnen es ab, mehr zu sein als tolerant. Und vor allem lehnen sie es ab, dass der Staat es ist oder wird.

Das ist im Kern der Kulturkampf, der da tobt. Die Menschen, die in Baden-Württemberg und anderswo auf die Barrikaden gehen, kämpfen für das Recht, Homosexualität und Homosexuelle „nicht gut“ finden zu müssen (als ergäbe das irgendeinen Sinn). Sie sind oder geben sich insoweit tolerant, als sie Lesben und Schwule nicht mehr verfolgt wissen wollen. Aber sie sagen: Das muss jetzt gefälligst reichen!

Und die Lesben und Schwulen und ihre liberalen Verbündeten sehen, dass diese Art von Duldung eine Beleidigung ist, und sind nicht mehr bereit, das zu akzeptieren. Es geht um das Ende der Toleranz, auf beiden Seiten.

Ironischerweise können die Leute auf beiden Seiten gerade nicht fassen, was für eine Debatte da gerade stattfindet. Auf der einen Seite die, für die der Umgang mit sexueller Vielfalt längst selbstverständlich ist und die nicht glauben können, dass das in öffentlich-rechtlichen Talkshows im Jahr 2014 noch ein umstrittenes Thema sein könnte. Und auf der anderen Seite die, die eigentlich der Meinung sind, dass dem Thema ohnehin zu viel Aufmerksamkeit zuteil wird, und die doch eigentlich dafür kämpfen, dass sie (und ihre Kinder!) nicht dauernd damit behelligt werden.

Die aufgeklärten Homosexuellen-Gegner von heute haben nichts dagegen, wenn Lesben und Schwule ihre Veranlagungen im Privaten ausleben, solange sie dabei keine Glocken läuten. Aber es ist schon zu viel, wenn ein Unternehmen wie Facebook seinen Nutzern die Möglichkeit bietet, sich auf der Seite nicht mehr als „Mann“ oder „Frau“ identifizieren zu müssen, sondern aus Dutzenden teils sehr spezifischen Geschlechtskategorien diejenigen zu wählen, die sie am besten beschreiben. Angeboten werden etwa: „Gender Fluid“, „Trans Person“ und „Neutrois“.

Jeder Facebook-Nutzer darf weiter einfach „Mann“ oder „Frau“ bleiben, und trotzdem fühlen sich die, denen das als Beschreibung völlig ausreicht, und die finden, dass das gefälligst auch für alle anderen ausreichen sollte, von der neuen Wahlmöglichkeit unterdrückt. „Ich will mich gar nicht erst zu sehr darüber auskotzen“, schreibt sofort ein Kommentator auf „Zeit Online“ unter die Meldung von dem neuen Auswahlfeld: „ich finde es nur unsäglich bis unerträglich, wie penetrante, laut schreiende, winzige Minderheiten die große Mehrheit tyrannisieren.“

Das ist keine Einzelmeinung. Eine vernehmlich große Gruppe von Menschen fühlt sich tyrannisiert und als Opfer.

Sie können es nicht fassen, welche öffentliche Aufmerksamkeit der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger für sein Coming-out erfahren hat: dass er so viel Anerkennung dafür bekam, dass er sichtbar machte, was nach ihrer Ansicht vielleicht zu tolerieren ist, aber nicht in die Öffentlichkeit gehört.

Dahinter steckt oft auch ein Missverständnis darüber, worüber wir reden, wenn wir über Homosexualität reden. Es geht nicht um Sexualität im Sinne irgendwelcher Praktiken, nicht um Einblicke in das Intimleben eines Menschen. Es geht um einen elementaren Teil seiner Identität, um Aspekte seines Lebens, die bei Heterosexuellen völlig selbstverständlich Teil des öffentlichen Lebens sind.

Der Sozialpsychologe Ulrich Klocke hat auf „Zeit Online“ in diesen Tagen in einem lesenswerten Beitrag erklärt, woher Homophobie kommt und wie sie zu heilen wäre, und dabei erst einmal aufgezählt, wie penetrant Heterosexualität im Alltag zur Schau gestellt wird: „Paare, die händchenhaltend flanieren; Kolleginnen, die auf der Arbeit von ihrem Freund erzählen; Politiker, die auf Wahlplakaten mit Frau und Kindern posieren; Tanten, die ihren Neffen fragen, ob er schon eine Freundin hat.“ Geht es um Homosexualität, ist all das gleich eine Zumutung, ein öffentliches Zurschaustellen von eigentlich höchst Privatem, eine Diskussion über Sex, vor der zum Beispiel Kinder geschützt werden sollen.

Diejenigen, die Homosexualität „tolerieren“, fühlen sich genervt, wenn ein Prominenter öffentlich sagt, dass er schwul ist, obwohl er damit weniger über sein Privatleben sagt, als wenn er sich mit seiner Freundin auf dem roten Teppich zeigen würde. Klaus Wowereit musste sich von Guido Westerwelle vor dessen Coming-out noch öffentlich als eine Art Exhibitionist darstellen lassen, der sein „Schlafzimmer“ ausstellt.

Natürlich ist die Aufmerksamkeit, die Hitzlspergers Coming-out bekommen hat, übertrieben. Natürlich wird der dritte, fünfte oder neunte prominente Fußballspieler, der vielleicht irgendwann mal sein Schwulsein öffentlich macht, keine große Nachricht mehr sein, sondern nur noch eine kleine. Aber Normalität wird auch dann nicht bedeuten, seine Homosexualität gar nicht mehr öffentlich zu machen.

Dabei war das die paradoxe Hoffnung, die sich für Konservative mit der Toleranz gegenüber Homosexuellen verband: dass Schwule und Lesben, wenn sie nicht mehr verfolgt werden, wieder unsichtbar würden.

Der leitende „Weltwoche“-Redakteur Philipp Gut hat das in einem Aufsatz, den die „Welt“ nachdruckte, schon vor fünf Jahren in besonders entlarvender Weise formuliert. Er beschwerte sich, dass es alle möglichen Interessenvertretungen gibt, „von den Schwulen Eisenbahnfreunden in Deutschland über die Schwulen Väter und den LesBiSchwulen Jugendverband bis zu schwulen Offizieren und Polizisten“. Er beschwerte sich über den Lehrer, der seiner Klasse schon am ersten Schultag erzählte, dass er schwul sei, und über die Christopher-Street-Day-Paraden. Er schrieb: „Nach der erfolgreichen Emanzipation der Schwulen dürfte man eigentlich erwarten, dass die Homosexuellenbewegung etwas lockerer wird. Welche Bedeutung hat die penetrante, ja das öffentliche Leben bedrängende ,Sichtbarkeit‘ noch?“

Er wollte nicht verstehen, dass die „Sichtbarkeit“ von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen nicht nur Mittel zum Zweck der Emanzipation ist, sondern ihr Ziel.

Diese Sichtbarkeit empfinden die toleranten Homo-Gegner als Belästigung und als Bedrohung; und die Versuche, Kindern und Jugendlichen sexuelle Vielfalt gleich als Selbstverständlichkeit zu vermitteln, als einen Angriff auf ihr gottgegebenes Recht, Homosexuelle und deren Liebe weiter als unnormal und defizitär abzuwerten. Sie fühlen sich in ihrer Toleranz verraten: So wie für die tolerierten religiösen Minderheiten vor zweihundert oder vierhundert Jahren die Pflicht galt, keine neuen Anhänger zu werben, sollten auch Lesben und Schwule ihren vermeintlichen „Lebensstil“ nicht als „erstrebenswert“ anpreisen dürfen – als ließe sich homosexueller Nachwuchs anwerben.

Vorgestern sprach die 26-jährige kanadische Schauspielerin Ellen Page auf einer Veranstaltung der LGBT-Bürgerrechts- und Lobby-Organisation Human Rights Watch, und man hörte ihrer Stimme an, wie aufgeregt sie war. „Ich will mich nicht mehr verstecken und lügen“, sagte sie. „Ich bin homosexuell.“ Die Zuhörer im Saal sprangen auf und jubelten ihr zu.

Es wird Leute geben, die das wieder missverstehen und glauben, dass da jemand dafür gefeiert wird, dass sie lesbisch ist, und die sich in ihrem Wahn bestätigt sehen, dass es so weit kommen werde, dass man sich dafür entschuldigen müsse, Hetero zu sein. Und die nicht sehen, dass Ellen Page dafür gefeiert wird, dass sie endlich einfach das tut, was für Heterosexuelle völlig alltäglich und selbstverständlich ist, aber anscheinend selbst für kanadische Schauspielerinnen immer noch Mut erfordert.