Plagiatsvorwürfe nur geklaut?

Grand-Prix-Betrug?

(…) Schlager-Star Costa Cordalis (51) war über den Grand Prix erbost. Er spricht von Betrug: „Das Sieger-Lied ‚Diva‘ ist von mir geklaut. Gar keine Zweifel.“

„Bild“, 11.5.1998

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Grand-Prix-Skandal: Siegerin wurde disqualifiziert

(…) Aus der Traum vom Grand-Prix-Finale: Die blinde Sängerin Corinna May ist disqualifiziert worden. Ihr Sieg-Song „Hör den Kindern einfach zu“ ist geklaut. Manager und Komponist haben es gewußt.

„Express“, 17.3.1999

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Grand Prix: Ein neuer Skandal. Auch der Song von „Sürpriz“ nicht taufrisch

(…) Gestern fiel dem europäischen Musikverband OGAE auf, daß auch der Hit der zweitplazierten Gruppe „Sürpriz“, die uns jetzt in Jerusalem vertreten soll, nicht ganz frisch ist. 1984 brachte Komponist Ralph Siegel einen ähnlichen Song raus. Titel: „Wo geht die Reise hin?“

„Express“, 18.3.1999

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Grand-Prix-Siegerin Charlotte: Ist ihr Erfolg nur geklaut?

(…) während die Schwedin in Jerusalem feiert, meldet sich in Deutschland Komponist David Brandes (30).

Er will klagen! Grund: „ICH habe den Song komponiert, schon 1997. Der Titel des Originals lautet ‚Out of the Blue‘, gesungen haben ihn ‚Bad Boys Blue‘, In Skandinavien ein großer Erfolg, bekam Platin.“ (…) Auch Musikproduzent Hans Steingen bestätigt: „Ganz klar geklaut. Die harmonische und melodische Abfolge in der Strophe ist vollkommen identisch.“ (…) Fazit Brandes: „Ich bin fassungslos. Heute gehe ich zum Anwalt.“

„Bild“, 31.5.1999

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STEFAN RAAB – da hadde du geklaut

Sein Erfolgshit – nicht nur von einem, sondern gleich von zwei Songs abgekupfert?

BILD zeigt am Noten-Vergleich, wie identisch die Melodie-Folgen sind. Zum einen die Songsrücke „I am so curious…“ aus dem Raab-Song mit dem Refrain aus „Say you’ll be there“ (I’m giving you everything…) von den Spice Girls. Zum anderen der Raab-Refrain „Wadde hadde dudde da“ mit der Hauptzeile auf der Nummer „Burn rubber on me“ von der US-Gruppe GAP.

„Bild“, 9.3.2000

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Michelles Siegerlied – alles nur geklaut?

(…) Die Kölner Sängerin Ava Cimiotti (36) behauptet: „Michelle hat das Lied von mir geklaut. Ich habe es schon vor zwei Jahren für Michelles Plattenfirma auf CD eingesungen. Die haben dann zwar das Lied behalten, aber mich einfach abserviert.“

„Bild am Sonntag“, 4.3.2001

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„Bild“: Haben Sie [Ihrem Noch-Ehemann] Gavin das Grand-Prix-Lied geklaut?

Ireen Sheer: Nein! Der englische Text stammt nicht von Gavin, sondern von mir. Er hat nur bei einigen Passagen geholfen. Zum Grand Prix haben wir aber den alten Text rausgeschmissen. Der Song ist jetzt kein Liebeslied mehr, sondern ein Friedenslied.

„Bild“, 21.1.2002

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Grand-Prix-Skandal

Grand-Prix-König Ralph Siegel (56) ist frisch verliebt! Aber seine neueste Eroberung, die schöne, junge Kriemhild (29), ist verheiratet. Ihr Ehemann ist wütend, sagt: „Siegel hat mir die Frau geklaut!“

„Bild“, 28.2.2002

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Das Siegerlied beim Grand Prix ist geklaut! Das behauptet der deutsche Latino-Sänger Lou Bega (26, „Mambo No. 5“). „Es gibt starke Ähnlichkeiten zwischen meinem Song und Marie N.s Lied“, sagte Lou Bega. Er will die lettische Grand-Prix-Gewinnerin aber nicht verklagen. Lou Bega: „Es erfüllt mich mit Stolz.“

„Bild“, 28.5.2002

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Jean-Pierre Valance warf Lous Komponist Ralph Siegel vor, bei ihm geklaut zu haben. „Die ersten vier Takte des Refrains sind identisch mit dem Refrain meines Liedes ‚Weiß der Geier oder weiß er nicht“, sagte Valance, der sein Lied für Wolfgang Petry verfasste.

„Berliner Zeitung“, 10.3.2003

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Alles nur geklaut? Wirbel um Grand-Prix-Hit von Texas Lightning

Musikproduzent Marco Delgardo (37, 183 Goldene, 54 Platin-Schallplatten) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Band „Texas Lightning“. Der Song „No No Never“, mit dem die fünf Country-Musiker beim Grand Prix in Athen antreten wollen, soll geklaut sein.

Der Komponist behauptet: „Die Nummer ist ganz klar abgekupfert vom dänischen Grand-Prix-Beitrag ,Never ever let you go‘ von der Band ,Rollo & King‘ aus dem Jahr 2001. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.“

„Bild“, 21.3.2006

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Hat Heinz Rudolf Kunze seinen Grand Prix-Hit geklaut? Angeblich klingt sein Song wie der 80er-Hit „Heat of the Moment“ von Asia.

„B.Z.“, 27.1.2007

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Schwere Vorwürfe gegen Grand-Prix-Gewinnerin: Sieger-Hit in Albanien geklaut?

(…) [Beim albanischen Musikfestival „Top Fest“ 2006] sang die schöne Soni Malaj ihre Ballade „Ndarja“ — und die klingt verdammt nach dem Gewinner-Song. Doch der kommt wie gesagt aus Serbien und heißt „Molitva“. Also alles nur geklaut?

„Berliner Kurier“, 15.5.2007

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„No Angels“ unter Verdacht: Haben sie ihren Grand-Prix-Song „Disappear“ geklaut?

(…) Das meint zumindest Daniel Lutz vom Augsburger „Hitradio rt.1“, wie die „Rheinische Post“ berichtet. Hinter „Disappear“ vermutet dieser eine Abkupferung des Titels „Break The Silence“, den die drittplazierte Steffi List im Januar bei Stefan Raabs Castingshow zum Besten gab.

„Bild“, 11.3.2008

Bundestagswahl 2009 gelaufen

Ich hatte mich gerade schon in Rage gedacht über diese Überschrift bei „Spiegel Online“, die im Artikel durch nichts gedeckt wird als diese Formulierung:

Aber zum Glück muss ich mich darüber nicht mehr aufregen wundern, denn das hat Malte Dahlgrün im „Dummy“-Blog schon getan.

(Überhaupt eine gute Gelegenheit, endlich mal darauf hinzuweisen: Seit ein paar Wochen hat Oliver Gehrs‘ feine Zeitschrift auch ein Blog, in dem es anfangs fast ausschließlich um Stefan Aust ging, inzwischen aber auch um dies und das, meistens aus der Medienwelt.)

Und noch ein Gedanke zu Peer Steinbrück. Ich weiß nicht, was er über die Chancen der SPD bei der nächsten Bundestagswahl denkt. Aber ich kann eine kleine Plausibilitätsrechnung anstellen. Es sind noch 18 Monate bis zur Wahl. Die SPD liegt in den Sonntagsfragen zehn Prozentpunkte hinter der CDU/CSU. 18 Monate vor der letzten Bundestagswahl lag die SPD in den Sonntagsfragen über zwanzig Prozentpunkte hinter der CDU/CSU. Bei der Wahl betrug der Rückstand dann einen Prozentpunkt.

Wer hat’s erfunden? (2)

Zu meinem Beitrag über den wenig einfallsreichen Claim von Roger Schawinskis neuem Radiosender erreicht mich die folgende Leserzuschrift von Roger Schawinski:

1. Der Name Radio 1 (oder RadioEins) ist keine Erfindung des RBB. Seit vielen Jahren sendet Radio One der BBC. Auch in anderen Städten der Welt gibt es Radios mit diesem Namen. Grund: Es ist der einfachste Namen für ein Radiosender, der keine weiteren Erklärungen mehr braucht.

2. Der Claim „Nur für Erwachsene“ hat mich tatsächlich fasziniert. Ich halte ihn für genial, unvergleichlich viel besser als die Claims der privaten Sender mit dem Hinweis auf „den besten Mix“ und ähnliches. Obwohl er für die Schweiz nicht geschützt ist, habe ich mich beim RBB erkundigt, ob ich ihn für das Gebiet der Schweiz kaufen kann. Der frühere Chef und Gründer von RadioEins, Helmut Lehnert, der diesen Claim erfunden hat, hat mir in einem Gespräch mitgeteilt, dass er sich beim RBB erkundigen werde. Anschliessend erhielt ich von ihm eine Mail, in der er mir mitteilte, dass ich ihn frei nutzen könne, und zwar – Zitat – „als Geschenk des Hauses.“ Insofern habe ich mich also absolut korrekt verhalten, finde ich. In all meinen öffentlichen Erklärungen habe ich immer darauf hingewiesen, dass ich diesen Claim nicht erfunden, sondern vom Berliner Sender übernommen habe. In keiner Phase habe ich mich mit fremden Federn geschmückt.

3. Radio 1 wird in Sachen Musik ein völlig anderes Programm anbieten also RadioEins Berlin. Das ist ein wichtiges Unterscheidungskriterium. Hingegen habe ich beider Firma Apparat die Rechte für die Popsplits erworben, die RadioEins seit Jahren ausstrahlt, und zwar für die gesamte Schweiz. Diese Rechte gehören dieser Firma und nicht RadioEins. Es ist also eine Form von Franchising, nicht ganz unüblich bei den elektronischen Medien. Dies nur als Hinweis, damit mir nicht unterstellt wird, ich habe auch in diesem Bereich abgekupfert.

4. Radio 1 ist im Gegensatz zu RadioEins ein privates Radio. Trotzdem habe ich dem RBB eine Zusammenarbeit angeboten. Es erschien mir reizvoll, das spannendste Radio von Berlin mit dem hoffentlich spannendsten Radio von Zürich in eine für beide Seiten sinnvolle Beziehung zu bringen. Der RBB hat dies jedoch abgelehnt.

5. Ich bin der Meinung, dass die privaten Radio sowohl in der Schweiz wie in Deutschland durch das Formatkonzept beschädigt worden sind, welches ihnen in den letzten Jahren durch Berater überall verordnet worden ist. Radio 1 möchte zu den alten Tugenden des Privatradios zurückfinden, welche ich als erster im deutschsprachigen Raum bereits 1979 eingeführt habe.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist keine Gegendarstellung, und Herr Schawinski hat auch nicht von mir verlangt, dass ich diese Anmerkungen veröffentliche — es aber erlaubt.)

Kurz verlinkt (15)

Johnny Haeusler im Spreeblick über Kommentare, allgemein:

(…) obwohl ich gelernt habe, Trolls zu ignorieren, Rassisten zu löschen und auf Unterstellungen oder Lügen möglichst nicht zu reagieren, bleibt nicht nur für den oder die Betreiber eines Blogs oft ein bitterer Beigeschmack und ein Verlust an Spaß übrig, wenn auf einen längeren Artikel persönliche Anfeindungen gegen den Autor, andere Leser oder Dritte in den Kommentaren stattfinden.

(…) Der Ton mancher Kommentare, die Art der Auseinandersetzung, wie sie teilweise in Blogs geführt wird, scheint zu einem Blog-Image zu führen, das dem Medium nicht gerecht wird und das vielleicht potentielle Leser abschreckt und somit ein Wachstum der Blogosphäre verhindert.

Und Anke Gröner über die Kommentare hier, konkret.

Monster, unautorisiert

Gestern ist eine Beraterin von Barack Obama zurückgetreten, die Hillary Clinton in einem Interview ein „Monster“ genannt hatte. Samantha Power hatte unmittelbar hinzugefügt, die Bemerkung sei „off the records“, also nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Kritiker warfen der britischen Zeitung „The Scotsman“, die das Interview führte, deshalb vor, sie hätte das Zitat nicht verwenden dürfen. Der „Scotsman“ dagegen betont, es sei vereinbart gewesen, das Interview „on the record“ zu führen — was der Gesprächspartner dann sagt, dürfe auch veröffentlicht werden; ein nachträgliches Zurückziehen gebe es nicht.

In Deutschland ist es immer noch die Regel, dass alle Interviews nachträglich autorisiert werden. Wenn ein Interviewpartner (oder sein Pressesprecher) hinterher pointierte Bemerkungen und offenherzige Kommentare bereut, kann er sie in aller Regel und Ruhe nachträglich revidieren. Was Frau Power wirklich von Frau Clinton hält, hätte bei einem deutschen Printmedium vermutlich niemand je erfahren.

Andererseits kam auch die neue weiche Linie von Kurt Beck gegenüber der Linkspartei im Westen offenbar dadurch an die Öffentlichkeit, dass ein Journalist der „Neuen Presse“ gegen die Gepflogenheit aus einem Hintergrundgespräch mit dem SPD-Chef berichtete und die vereinbarte Vertraulichkeit brach.

Der „Monster“-Fall beschäftigte auch den konservativen amerikanischen Fernsehmoderator Tucker Carlson (mit dem sich der Komiker und Medienkritiker Jon Stewart vor Jahren eine denkwürdige Auseinandersetzung lieferte). In seiner MSNBC-Show „Tucker“ stellte Carlson die britische Journalistin zur Rede, die das Interview mit Samantha Power geführt hatte, und schuf einen dieser Fernsehmomente, die so schrecklich sind, dass man weder hin- noch wegsehen kann:

(„Acquiescent“ heißt übrigens „fügsam“ oder „ergeben“.)

Es lohnt, sich auf MSNBC.com auch einen längeren Ausschnitt aus der „Tucker“-Sendung anzusehen. Carson scheint ein größeres Problem mit britischen Medien zu haben — und schon den Gebrauch der Landesbezeichnung „United Kingdom“ für exzentrisch zu halten.

(via Huffington Post)

Nachtrag: Einige lesenswerte Gedanken zur „off the record“-Praxis stehen im Time-Blog von James Poniewozik.

Wer hat’s erfunden?

Seit Roger Schawinski nicht mehr Sat.1-Chef ist, kennt er sich mit dem Fernsehen aus. Kaum eine Woche vergeht, in der er seinen unfähigen Nachfolgern und ehemaligen Konkurrenten in Aufsätzen, Interviews und Büchern nicht erklärt, was sie alles falsch machen. Kurz gesagt: Sie kopieren zuviel und sind zu wenig kreativ.

Roger Schawinski ist nach seinem Abschied von Berlin zurückgegangen in die Schweiz. Dort hat er den Radiosender „Radio Tropic“ übernommen. In zehn Tagen soll er runderneuert als angeblich erstes privates Programm für 30- bis 60-Jährige in der Schweiz den Regelbetrieb aufnehmen.

Roger Schawinski hat seinen Sender „Radio 1“ genannt. Und ein guter Slogan ist ihm auch eingefallen:

[audio:https://stefan-niggemeier.de/wp-content/radio1b.mp3] [audio:https://stefan-niggemeier.de/wp-content/radio1.mp3]

Ja. Darauf muss man erst einmal kommen.

Googlelos

Ich gehöre zu den (offensichtlich zahlreichen) Leuten, bei denen Google seit rund einer Stunde nicht erreichbar ist. Und wenn ich „Google“ sage, meine ich nicht nur die Suchmaschine, bei der ich im Fall ihrer Nicht-Erreichbarkeit nach Ersatz-Suchmaschinen suchen würde. Ich meine auch den Feedreader meiner Wahl. Und, vor allem: das Mailprogramm meiner Wahl.

Gut, ich wusste immer schon, dass ich von Google abhängiger bin, als gut sein kann. Aber ich hatte immer gedacht, das würde sich in einer Form rächen, dass meine Mails oder die systematische Auswertung meiner Suchanfragen der letzten zehn Jahre an den Meistbietenden versteigert würden. Nicht, dass Google mich einfach eines Tages ausschließen würde.

Das Gefühl ist schlimm. So kündigt sich in unseren Zeiten die Apokalypse an: „Google ist down“. Der Anfang vom Ende. Beunruhigende Gedanken: …soeben ist nun auch in den südlichen Server ein Flugzeug gestürzt…

Dazu die Unfähigkeit, die Tatsache zu akzeptieren, den Computer auszumachen und, sagen wir, das Eisfach abzutauen. Nein. F5. Geht es, wenn ich google.fr eingebe? Nix. Google News? Nix. Google Reader? Nix. Hängt YouTube auch? YouTube hängt auch. Sogar die Google-Ads werden nicht angezeigt. Nochmal nach was suchen. F5. Escape. F5. Ins Postfach gucken. Geht nicht. Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt?

Jetzt?

Nachtrag, 17.31 Uhr: Jetzt.

Chronologie einer Falschmeldung V

Erinnern Sie sich an die Geschichte von der Falschmeldung über eine Demonstration in Rostock gegen den G8-Gipfel? Die Nachrichtenagentur dpa hatte fälschlicherweise behauptet, der Globalisierungsgegner Walden Bello hätte von der Bühne zur Gewalt aufgerufen. Viele Online- und Print-Medien übernahmen den Fehler, manche schmückten ihn aus, kaum einer korrigierte ihn (die „WAZ“ schon gar nicht) — und die „Neue Zürcher Zeitung“ verbreitet ihn trotz diverser Nachfragen und Hinweise unbeirrt bis heute.

Diese Geschichte also dreht gerade eine überraschende kleine Ehrenrunde auf der Meta-Ebene. Der „Journalist“, das Verbandsorgan des Deutschen Journalistenverbandes, berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über Pläne, den Pressekodex auf Online-Medien auszuweiten, und über die Schwachstellen des Online-Journalismus. In dem Artikel heißt es:

Bekannt wurde [Jens] Bergers Blog www.spiegelfechter.com während des G8-Gipfels in Heilgendamm. Berger (…) wies dem reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenportal einen dicken Patzer nach. Spiegel Online hatte bei einer Anti-G8-Demo den philippinischen Globalisierungskritiker Walden Bello nach einer Rede falsch und sinnentstellend zitiert. Das Onlineleitmedium legte ihm die Worte in den Mund: „Wir müssen den Krieg in diese Verstaltung tragen.“ Tatsächlich hatte Bello sich bei seiner Aussage auf den Irak-Krieg bezogen und sinngemäß gefordert, das Thema Irak-Krieg mit in die Veranstaltung zu bringen. Auch dpa und im Gefolge etliche andere Medien hatten die reißerische Schlagzeile verbreitet.

(…) Der Hamburger Onlineprimus musste sich später öffentlich entschuldigen.

Das trifft es nicht.

Nicht Spiegel Online hatte Bello die falschen Worte „in den Mund gelegt“, sondern dpa. Und nicht dpa hatte die reißerische Spiegel-Online-Schlagzeile weiter verbreitet, sondern umgekehrt. Der „Hamburger Onlineprimus“ hatte sich hinterher vorbildlich verhalten, den Fehler frühzeitig korrigiert, die Korrektur deutlich gemacht, seine Genese erklärt.

Im Gegensatz zu Spiegel Online bis heute nicht entschuldigt hat sich der „Spiegelfechter“ Jens Berger, von dessen ersten Darstellungen der „Journalist“ offenkundig die falschen Abläufe übernommen hat. Berger war zwar damals einer der ersten, die auf die Diskrepanz zwischen verbreitetem und tatsächlichem Zitat hinwies. Er entwickelte daraus aber eine haltlose Verschwörungstheorie gegenüber Spiegel Online:

SPON [Spiegel Online] hat sein sinistres Ziel erreicht – mit rund 2 Millionen Besuchern, die mit dieser gefälschten Meldung gefüttert werden, wird erfolgreich Meinungsmache betrieben (…).

Er ging so weit, Spiegel Online eine „absichtliche Fälschung“ zu unterstellen.

Was für eine schöne Pointe bei einem Artikel über die Fehleranfälligkeit von Online-Medien wegen des Aktualitätsdrucks, unter dem sie im Gegensatz zu Print-Medien leiden, und des Kommerzialisierungs- und Boulevardisierungsdrucks, unter dem sie im Gegensatz zu Bloggern leiden: Dass ausgerechnet eine Monatszeitschrift im Zusammenspiel mit einem Blogger so einen Fehler produziert.

Einfach mal abschalten!

Soeben erreicht mich folgende Pressemitteilung:

Schalter (Symbolfoto).
Foto: Winnie Quan.

Berlin / Hannover. Die CeBIT startet mit einem Paukenschlag. Das erfolgreiche Blog stefan-niggemeier.de/blog, bekannt als Innovationsmarktführer im Bereich der Medienbloggerei und preisgekrönt für seine nach unten offenen Kommentarspalten, hat heute bekannt gegeben, als erstes Blog weltweit eine individuell abschaltbare Kommentarfunktion einzuführen. „Auf diese Weise kommen wir den Wünschen vieler Blog-Leser nach, die sich von diesem interaktiven Moment bedroht fühlten oder das unfassbare Gesabbel unter viele Einträgen nicht mehr ertrugen“, erklärte Blog-Betreiber Stefan Niggemeier das neue Feature in dem nach ihm benannten Blog. Durch das Zu- und Abschalten der Diskussion mit den Lesern kann jeder das Niveau des Blogs mit einem einzigen Klick vervielfachen und halbieren bzw., je nach Standpunkt, halbieren und vervielfachen.

Sascha Lobo, strategischer Berater und Vermarkter von stefan-niggemeier.de/blog, sieht in der Technik einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Professionalisierung der Blogosphäre und erwartet eine Explosion der Werbeerlöse im bis zu einstelligen Prozentbereich: „Die Kommentare auf stefan-niggemeier.de/blog beweisen die intensive Mitmachability von Blogs bis tief in die unteren Zielgruppen hinein. Durch die individuelle Abschaltbarkeit wird sich die Nutzervarianz sehr stark einengen — ein klarer Vorteil für den Werbekunden, weil Kommentare nicht mehr unbeabsichtigt gelesen oder geschrieben werden dürften.“

Lobo plant darüber hinaus eine strategisch parallel aufgestellte Kommentarcommunity, oder kurz Kommmmunity, um sich als „First Mover im Bereich Individualized Commentary Annoyance Modulation“ zu positionieren. Niggemeier will mit der Erweiterung auch philosophisches Neuland erobern: „Ob der Kommentar da ist oder nicht, das bestimmt allein der Nutzer, beides ist gleichzeitig möglich.“ Das Projekt soll gleichzeitig als Hommage an das Digitale Kommentariat verstanden werden, als technisches Denk-Mal, das den Menschen zeigen soll, dass bis heute nicht in allen Ländern Kommentare möglich sind.

Das Feature beruht auf einer Technologie aus der PHP-Manufaktur Dipl.-ix.