Laubsägearbeiten?

Sehr verwirrend, diese Startseite von „Zeit Online“. Stehen Angela Merkel und Dimitri Medwedjew in Sotschi vor einem Fenster, durch das die „Zeit Online“-Werbung durchschimmert? Oder stehen sie in Wahrheit vor der chinesischen Mauer, und jemand hat nur die „Zeit Online“-Homepage mit ausgesägtem Foto-Fenster davorgehalten?

Michael Johnson trifft Johannes B. Kerner

Gestern abend im ZDF:

Johannes B. Kerner: Zwei Mitglieder [der amerikanischen 4×400-Meter-Staffel von Sydney] sind des Dopings überführt worden. Einer hat gesagt, er hat’s getan. Sie haben gesagt, Sie haben nicht gedopt. Können Sie verstehen, dass es kritische Stimmen gibt, die sagen: Mensch, ausgerechnet der schnellste aus der Staffel von damals, der soll nichts genommen haben?

Michael Johnson: That’s a stupid question and I’m not gonna answer it.

Mal abgesehen davon, dass es schade ist, dass Senta Berger und Margarethe Schreinemakers nicht dabei sein konnten — gibt es wirklich niemanden im ZDF, dem sich die Fußnägel aufrollen, wenn er diese Gespräche sieht?

Es ist gut und richtig, dass Michael Johnson sich diese Fragen anhören muss. Es ist nur ein billiges Ablenkungsmanöver, wenn Michael Johnson am Ende daraus eine Verirrung der Deutschen oder des deutschen Fernsehens machen will.

Aber müsste Kerner nicht irgendwann erkennen (oder müsste ihn nicht irgendwann jemand vom ZDF beiseite nehmen und sagen), dass seine Form, Gespräche zu führen, untauglich ist, wenn ihm jemand anderes gegenübersitzt als Verona Pooth?

Er hat sie in seiner Sat.1-Vormittagstalkshow entwickelt, seine spezielle Form der Uneigentlichkeit, des Nicht-Fragens, und in seiner ZDF-Talkshow perfektioniert. Es ist seine Möglichkeit, tief im Schmutz zu wühlen, ohne selbst dreckig zu werden. Er, Kerner, hat ja immer nur gefragt und manchmal nicht einmal das. Nur zitiert, was andere meinen könnten. Angesprochen, was andere angesprochen haben, ohne es selbst angesprochen zu haben. Besonders eindrucksvoll demonstrierte er diese Methode, als vor Jahren die Schlagersängerin Michelle zu Gast war, der damals eine Affaire mit Oliver Kahn nachgesagt wurde. Das Gespräch begann so:

Kerner: Hallo Michelle, herzlich willkommen. Ja, übrigens Oliver Kahn war eigentlich angesagt für diese Sendung. Der FC Bayern hat ihm nach den glorreichen Spielen zuletzt verboten, die Stadt zu verlassen, und deshalb konnten wir das schöne Treffen mit Ihnen… Hätten Sie ihn gerne mal kennengelernt?

Michelle: Das ist schade, weil man sagt ja, ich hätte ein Verhältnis mit ihm, und ich hätte ihm zumindest vorher gerne einmal die Hand geschüttelt.

Kerner: Ach, Sie haben ihn noch nie getroffen?

Michelle: Nein, ich kenne ihn leider nicht.

Kerner: Ich kannte das Gerücht. Ich hätte nicht die Frechheit besessen, Sie darauf anzusprechen. Aber er ist ja glücklich verheiratet, wird Vater, zum zweiten Mal, das müßten Sie eigentlich wissen?

Nun versucht er, mit dieser Methode kritischen, nachhakenden, mutigen Journalismus zu simulieren: Michael Johnson, „Können Sie verstehen, dass es kritische Stimmen gibt, die sagen“? Er traut sich nicht selbst aus der Deckung, weshalb es auch so unwürdig ist, ihm dann beim Zurückschliddern zuzusehen. Bei seinem Kampf, seine Frage gleichzeitig als zulässig zu verteidigen, aber auch klarzumachen, dass es gar nicht seine Frage war. Bei seinem Rückzug auf ein schlichtes Rollenspiel, in dem Johnson und er nur tun, was sie tun müssen.

Und bei seiner nachhaltigen Irritation, dass er das Publikum plötzlich gegen sich hat. Wäre er kritischer Journalist und würde nicht nur gelegentlich in diese Rolle zu schlüpfen versuchen, wüsste er, dass es von den Fans natürlich keinen Applaus gibt für die Spielverderber, die ihre schönen Spiele kaputtmachen und an ihren Idolen sägen wollen. Kerner aber ist Showmaster.

Das ganze Gespräch in der ZDF-Mediathek

Kurzhaarjournalismus

Das Problem mit Internetangeboten wie dem der „Rheinischen Post“ ist, dass sie sich einer Kritik inzwischen fast vollständig entziehen. Es ist nicht so, dass das, was sie produzieren, journalistisch schlecht wäre. Das, was sie produzieren, lässt sich auf einer journalistischen Skala gar nicht mehr verorten. Es ist nicht damit getan, die Etage, die man bislang „unterstes Niveau“ nannte, noch einmal zu unterkellern. Das, was RP-Online produziert, befindet sich unter einem ganz anderen Haus.

Das Problem mit Internetangeboten wie dem der „Rheinischen Post“ ist, Sie merken es, dass mir die Superlative ausgehen. RP-Online symbolisiert für mich wie kein zweites Angebot einer deutschen Tageszeitung, was schiefläuft im Onlinejournalismus in Deutschland: Die Möglichkeit einer Bildergalerie oder Klickstrecke als wichtigstes Auswahlkriterium von Nachrichten. Die enthemmte Boulevardisierung. Der Verzicht auf Quellenangaben, transparente Korrekturen, Sorgfalt jeder Art. Die völlige Irrelevanz von Relevanz.

Man kann natürlich versuchen, das Grauen systematisch zu erfassen. Man kann sich zum Beispiel Checklisten vorstellen, mit Punkten, die die Autoren von RP-Online beim Schreiben ihrer Artikel abhaken müssen, und wenn nicht mindestens vier von sieben Kriterien erfüllt sind (unglaubwürdige Quelle / unwahrscheinlicher Inhalt / Rechtschreibfehler / Symbolfoto / unnötige Bildergalerie / latenter Sexismus / Text-Bild-Schere), verweigert das Redaktionssystem die Veröffentlichung.

Aber man wird dem täglichen Wahnsinn damit nicht gerecht. Dafür muss man die Vogelperspektive verlassen und ganz nah rangehen. Muss sich einzelne Artikel ansehen und versuchen, die verschiedenen Krusten von geronnenem Irrsinn von ihnen abzuknibbeln.

Nehmen wir diesen Artikel aus dem Gesellschafts-Ressort von RP-Online:

Versuchen wir doch einmal gemeinsam, den nächsten Satz zu erraten. Auf welche Veränderungen im Liebesleben von Katie Holmes mag ihre neue Frisur hindeuten? Hat sie sich neu verliebt? Getrennt? Ist sie schwanger?

Sie kommen nicht drauf.

Der Artikel selbst beginnt dann mit einem Rückblick auf die Haarhistorie der Katie Holmes.

Und falls Ihr Gehirn nicht längst den Not-Aus-Knopf gedrückt hat (oder sich freut, dass das Adjektiv „flott“ gar nicht, wie vermutet, Ende der sechziger Jahre ausgestorben ist), könnte es sich jetzt mit einem „Hm?“ melden und fragen, warum die schöne, schöne Katie Holmes ausgerechnet mit dem Kurzhaarschnitt jetzt wieder aussieht wie früher mit den langen Haaren.

Nein, kürzer wirklich nicht. Sonst ist sie womöglich auch nicht mehr so gut gelaunt wie früher mit den langen Haaren, und das will ja keiner.

Der Artikel endet hier, aber das Beste kommt natürlich erst noch: die Bildergalerie. In diesem Fall besteht sie aus 17 Bildern, von denen eines unbeschriftet blieb. Die anderen 16 Texte habe ich der Einfachheit halber mal untereinander gelegt:
















Nun gilt bei RP-Online aber die Regel „Eine Klickstrecke ist keine Klickstrecke“ (oder genauer, vermutlich: „[Beliebige Zahl] Klickstrecken sind keine Klickstrecke“). Und so ist in dem Katie-Holmes-hat-jetzt-kürzere-Haare-Artikel eine zweite Bildergalerie verlinkt, die erstaunlicherweise ebenfalls von der „Tropic Thunder“-Premiere handelt, diesmal nur in elf Teilen und u.a. mit diesen Beschriftungen:




Diese Galerie war als Begleitmaterial für einen anderen Artikel über dieselbe Veranstaltung veröffentlicht worden, in dem die Leute von RP-Online bereits gestern Mittag ihrer Haarchronistenpflicht nachgekommen waren — quasi schon mal vorab als Breaking News:

Glücklich und entspannt wirkt Katie Holmes an der Seite ihres Ehemanns Tom Cruise. Ihre Haare werden immer kürzer - mittlerweile hat die US-amerikanische Schauspielerin ihre einst lange Haarpracht gegen einen flotten Kurzhaarschnitt eingetauscht.

Eigentlich ging es in dieser Holmes-Story aber vor allem um ein anderes Thema, mit dem die Schauspielerin die Welt in Atem hält:


Und wenn Sie bis hierher durchgehalten und mitgedacht und sich in die kranke Welt von RP-Online eingefühlt haben, können Sie womöglich sogar erraten, welche Überschrift dieser Artikel trägt.

Enges Kleid bei Filmpremiere: So schwanger ist Katie Holmes

Kurz verlinkt (22)

Die Geschichte um die dubiose „Gesellschaft für Rationelle Psychologie“ (GRP), die mit pseudowissenschaftlichen Studien unter anderem im Auftrag des Möchtegernmagazins „Men’s Health“ Scheinnachrichten produziert, wie das Magazin „Zeit Wissen“ berichtete, ist weiter gegangen.

Die „taz“ beschrieb in der vergangenen Woche, wie sich GRP mit seriösen Auftraggebern schmückt, die eine Zusammenarbeit in den letzten Jahrzehnten bestreiten.

Und „Zeit Wissen“-Chefredakteur Jan Schweitzer berichtet, wie GRP-Mann Henner Ertel versucht, auf die Redaktion und Kritiker Druck auszuüben:

In dem Schreibens bezichtigt er den Autor der „Schlampigkeit“, weil er vom „Institut für Rationelle Psychologie in Stuttgart“ schreiben. Ertel wörtlich: „Wir sind seit 1969 ein Münchner Institut, das auch in München steuerlich erfasst ist und kein Stuttgarter Institut.“ Dumm nur, dass wenige Zentimeter über dieser Behauptung im Briefkopf die Adresse „Industriestr. 4 – 70765 Stuttgart“ steht.

(Einen entlarvenden Kommentar hat Ulrike Ertel, die Geschäftsführerin des Instituts, auch hier im Blog abgegeben.)

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Der gemeinsamen öffentlichen Begehung des Sommerlochs in Dinslaken hat sich nun auch die „Neue Rhein-Zeitung“ angeschlossen.

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Und wenn Sie eine Ahnung haben wollen von meiner Arbeitsweise (ach was: meinem Leben!), lesen Sie heute noch (oder spätestens morgen) den Text von Kathrin Passig in „Zeit Campus“ übers Aufschieben:

Als Abgabetermin schreiben wir Ende Februar ins Konzept. Die handelsübliche Arbeitszeit für ein Buch beträgt zwar ein ganzes Jahr, aber wir überspringen die Hälfte des Jahres, die man sowieso nur mit Prokrastination verbringt, und steigen direkt in die Torschlusspanik ein.

Back for Good*

Guten Tag. Da bin ich wieder.

Es knirscht und knarzt noch an verschiedenen Ecken, womöglich rumpelt es sogar, aber ich bin guter Hoffnung, dass dieses Blog jetzt ein bisschen weniger weg ist.

Was war passiert? Am Mittwochnachmittag hatte mein Webhoster Host Europe den Zugriff auf diese Seiten gesperrt. Zur Erläuterung teilte mir der, äh, Kundenservice in einer E-Mail mit:

Begründung: Überlastung des Servers
Kommentar: Wahrscheinlich versch. Blog-Funktionen, Feed etc.

Es war dann ein bisschen mühsam, herauszufinden, was genau damit gemeint war. Noch mühsamer aber war es, Host Europe dazu zu bringen, meinen Wunsch, lieber den Server einer anderen Firma zu überlasten, Wirklichkeit werden zu lassen. (Anscheinend muss so ein Umzug gar nicht unbedingt viereinhalb Tage dauern.)

Ein bisschen traurig ist es natürlich, dass in den Totalausfall auch der zweite Geburtstag dieses Blogs fiel. Aber da ich sonst Geburtstage auch überschätzt finde (und wir noch jedes BILDblog-Jubiläum vergessen haben außer dem ersten), will ich da auch nicht jammern.

Ich danke für die Geduld. Und wenn Sie versuchen könnten, vorsichtig aufzutreten und nicht alle gleichzeitig… Sie wissen schon… so ein Server ist schließlich auch nur ein Mensch.

*) hoffentlich

Turi Frutti bei Bild.de

Vielleicht sind Sie auch über den Artikel von Peter Heinlein gestolpert, den Medienexperten der „Bild“-Zeitung, der heute in seiner Bild.de-Kolumne meldet:

Nackte Haut sorgt für Klick-Rekord im Internetangebot der Süddeutschen Zeitung gemacht. Als der Medienbeobachter Peter Turi in seinem Blog darauf hinwies, dass die SZ in einer Klickgalerie zeige, wie unterschiedlich ausgezogen sich die Titeldamen der internatonalen Ausgaben des Playboy präsentieren, war die dazu veröffentlichte Internetadresse prompt der meistgeklickte Link des Tages.

Und für den Fall, dass Sie sich nicht nur gefragt haben: „Liest das denn keiner nochmal, bevor das veröffentlicht wird?“ (nein), sondern auch: „Hä?“, will ich gerne versuchen zu erklären, was Peter Heinlein damit sagen wollte — oder genauer: Was er hätte sagen sollen, wenn er es denn verstanden hätte.

Am 31. März 2007 veröffentlichte sueddeutsche.de eine klickgeile Bilderstrecke mit „Playboy“-Titelbildern.

Nicht einmal eineinhalb Jahre später, genauer: am vergangenen Freitag, wurde sie von der Medienlinkliste turi2.de entdeckt, die auf sie mit dem Satz verwies:

Nackte Fakten, knallhart recherchiert — so muss Qualitätsjournalismus im Netz aussehen: Die „Süddeutsche“ zeigt in einer Nannen-Preis-verdächtigen Klickgalerie, wie unterschiedlich ausgezogen sich die Titelgirls des „Playboy“ weltweit präsentieren.

Der Link war an diesem Tag nach Angaben von turi2 der meistgeklickte auf turi2.de. Das entspricht erfahrungsgemäß ungefähr einer niedrigen dreistelligen Zahl. Die PageImpressions von sueddeutsche.de explodierten also in der Folge um schätzungsweise 0,03 Promille.

Ja, das ist die ganze Geschichte. Und wenn Sie in ihr einen „Klickrekord im Internet-Angebot der Süddeutschen Zeitung“ vermissen, liegt das nicht an mir.

[Disclosure: Bild.de ist „Premium-Werbepartner“ von turi2.de]

Nachtrag: Bild.de hat die Rekord-Meldung gelöscht.