Programmhinweis (20)

Am kommenden Mittwoch, 8. Oktober, bin ich in Halle (Saale) bei einer Veranstaltung der — Luftholen! — Halleschen Europäischen Journalistenschule für Multimediale Autorschaft / Alfred Neven DuMont (HALESMA A.N.D.) des Halleschen Instituts für Medien (HIM) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Beim „6. Europäisches Journalistengespräch“ reden Jörg Biallas, Chefredakteur der „Mitteldeutschen Zeitung Halle“, Erik Staschöfsky, Vorsitzender des Verbandes junger Medienmacher Sachsen-Anhalt (fjp>media), Jochen Wegner, Chefredakteur von „Focus Online“, und ich über die „Zukunft des gedruckten Wortes in den Medien“. Der Eintritt ist (nach telefonischer Anmeldung) frei.

Weitere Informationen hier.

(In dem Zusammenhang habe ich einen Artikel für die „Mitteldeutsche Zeitung“ über den Klickwahn der Online-Medien geschrieben. Für regelmäßige Leser dieses Blogs steht da aber eher wenig Neues drin.)

Die „Krone“ als Königsmacher

Die österreichische „Kronen-Zeitung“ ist wahrscheinlich die, relativ zur Bevölkerungszahl, größte Zeitung der Welt. Sie wird täglich von über vierzig Prozent der Österreicher gelesen. Und sie ist bekannt dafür, besonders wenig Skrupel zu haben, diese Position für eigene Ziele zu missbrauchen. Der Aufstieg von Jörg Haider ist ohne die „Krone“ und ihre Kampagnen undenkbar.

Vor der Nationalratswahl vor einer Woche gab es eine Art Pakt zwischen SPÖ und „Krone“: Die SPÖ schwenkte mit einem offenen Brief an „Krone“-Herausgeber Hans Dichand auf die Linie der EU-feindlichen Boulevardzeitung ein, sprengte damit die große Koalition und wurde dafür von der „Krone“ im Wahlkampf mit positivsten Schlagzeilen und Berichten beschenkt.

Bei der Wahl erzielte die SPÖ das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte, schaffte es aber, stärkste Partei zu bleiben und ihren Vorsprung vor der — von der „Krone“ systematisch diffamierten — ÖVP deutlich auszubauen. Wie groß ist die Macht der „Krone“ (für die auch der ehemalige RTL-Informationsdirektor Hans Mahr schreibt) also wirklich?

Das Wahlverhalten von Nur-„Krone“-Lesern unterscheidet sich nach einer Umfrage der GfK dramatisch von denen, die nur andere Zeitungen lesen:

(Vorsicht bei der Interpretation der Zahlen: Sie besagen zwar, dass die „Krone“-Leser ganz überwiegend im Sinne der „Krone“-Berichterstattung wählen. Ob sie das aber tun, weil sie die „Krone“ lesen, oder ob sie die „Krone“ lesen, weil sie bestimmte Parteien bevorzugen, ist damit nicht gesagt. Der Unterschied im Wahlverhalten ist jedenfalls frappierend.)

Mehr über die Macht der „Krone“:

Palin vs. Biden — Live

Ich werde mir heute die Nacht um die Ohren schlagen und so ab 2 Uhr die Vizepräsidentschaftsdebatte (die bestimmt aufregender wird als die erste Debatte von Obama und McCain) nebenan im Fernsehlexikon live begleiten — möglicherweise sogar mit Unterstützung durch den unnachahmlichen Herrn Schwenzel.

Zur Einstimmung das aktuelle Cover des „New Yorker“:

Fair and Balanced

Ein Reporter von „Fox News“, Rupert Murdochs rechtem Nachrichtensender (nach wie vor der mit Abstand meistgesehene Nachrichtensender in den USA), demonstriert anhand einer kleinen Abstimmung in einem Restaurant, wie sehr die Wähler in Pennsylvania zwischen Barack Obama und John McCain „gespalten“ sind:

(Man beachte auch sein eigenes Abstimmungsverhalten und das ältere Ehepaar im Hintergrund, das sich erst verwählt.)

[via Roy Greenslade, via Newshounds]

Bloggen als Therapie

Gestern saß ich im Flugzeug in der gleichen Reihe wie Tita von Hardenberg. Sie saß zwei Plätze weiter, auf der anderen Seite des Gangs, und ich habe sie erst nicht gesehen oder erkannt. Ich war müde, hatte einen blöden Mittelplatz und war vollauf damit beschäftigt, mich nicht über den Mann zu ärgern, der neben mir saß und gut gelaunt und kommunikationsfreudig war.

Als ich dann ahnte, dass die Frau auf der anderen Seite des Gangs Tita von Hardenberg sein könnte, war es zu spät. Ich hatte schon einmal, als sie rüberguckte, weggeguckt, so als wollte ich so tun, als hätte ich sie nicht erkannt, dabei hatte ich sie wirklich noch nicht erkannt, und nun erschien es mir (insbesondere nachdem mir einfiel, was ich als letztes über Tita von Hardenberg geschrieben hatte) aus einem schwer zu erklärenden Grund am besten, tatsächlich so zu tun, als hätte ich sie nicht erkannt, obwohl ich sie erkannt hatte, weshalb ich nun angestrengt entspannt abwechselnd las, nach vorne starrte und schlief.

Das klappte als Nichtkommunikationsstrategie so lange, bis wir in Berlin landeten und der Mann neben mir aufstand und sagte: „Ich kenn‘ dich irgendwoher.“ Ich erkannte ihn nicht, was kein Wunder war, weil ich mich ungefähr nie an Gesichter und Namen erinnern kann (vermutlich ein Selbstschutzmechanismus meines Gehirns, das mich auf diese Weise davor zu bewahren versucht, mich in meiner sozialen Inkompetenz ununterbrochen in ähnlichen Ich-tu-einfach-als-hätte-ich-sie-nicht-erkannt-Kamikaze-Routinen zu verheddern). Ich sagte also meinen Namen, und er stellte sich vor und sagte: „Ah, wir sind uns beim Grimme-Online-Award mal begegnet.“

Und dann zeigte er auf Tita von Hardenberg und mich und sagte: „Aber dann kennt ihr euch doch auch!“

Und ihr fiel nichts Besseres ein, als zu sagen: „Ja, er hat ganz gemein über uns geschrieben.“

Und mir fiel nichts Besseres ein, als zu sagen: „Es war aber auch wirklich nicht gut.“

Dann war zum Glück der Weg zum Ausgang frei, und wir hatten zum Glück alle kein Gepäck, auf das wir gemeinsam hätten warten müssen. Geblieben ist aber leider dieses Gefühl, dass die ganze Situation ungefähr so peinlich war wie die durchschnittliche RTL-2-Doku-Soap, nur ohne Fernbedienung.

Aber bestimmt hilft es mir, diese Peinlichkeit mit einer größeren Öffentlichkeit zu teilen.

Krasse Fotos

Die Startseite des Kölner „Express“ wirbt aktuell mit diesen Inhalten um die Aufmerksamkeit des Publikums:

Beim Klick auf den Teaser oben rechts kommt man auf einen Artikel, der so beginnt:

Die Geschichte über den Selbstmordversuch der beiden Frauen (von express.de falsch als „Amoklauf“ bezeichnet) erzählt express.de vollständig im Präsens und ohne Zeitangabe, so als habe sie sich aktuell ereignet. Dazu gibt es eine 17-teilige Bildergalerie mit „krassen“ Fotos.

Die Online-Leute vom „Express“ haben aus einem von der BBC ausgestrahlten und auch auf YouTube zu sehenden Film eine Diashow gemacht. Natürlich verlinken sie nicht auf die Quelle selbst. Und natürlich schreiben sie nicht dazu, wann sich der Vorfall ereignete.

Im vergangenen Mai.

(Aber ich bin sicher, auch diese Leute würden sich auf Nachfrage als Journalisten bezeichnen.)

[via Klaus Helfrich]

Nachtrag, 23:45 Uhr. Das passt ja: Das Foto von Sarah Palin in dem oben abgebildeten Teaser, mit dem express.de für einen weiteren, äh, Artikel wirbt, ist ein Fake. Der Artikel erklärt zwar — korrekt — dass express.de „echte und gefälschte“ Fotos zeige. Nur die Unterscheidung hat nicht geklappt. Aber wen kümmert’s: Sind halt krasse Fotos.

[via Johan in den Kommentaren]