Kurz verlinkt (47)

A respected Swiss scientist, Conrad Gessner, might have been the first to raise the alarm about the effects of information overload. In a landmark book, he described how the modern world overwhelmed people with data and that this overabundance was both „confusing and harmful“ to the mind. The media now echo his concerns with reports on the unprecedented risks of living in an „always on“ digital environment. It’s worth noting that Gessner, for his part, never once used e-mail and was completely ignorant about computers. That’s not because he was a technophobe but because he died in 1565. His warnings referred to the seemingly unmanageable flood of information unleashed by the printing press.

„Slate“: „Don’t Touch That Dial! A history of media technology scares, from the printing press to Facebook.“

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In der Bunten stoßen wir auch auf das Bikinifoto eines Mädchens, dessen Anblick beim Schreiber die Hormone verrücktspielen lässt: „Eine neue Göttin der Erotik scheint aus dem Himmelblau des Meeres aufzutauchen – wie einst die Aphrodite der alten Griechen“, deliriert er über die „zauberhafte Kindfrau“, Madonnas Tochter Lourdes Maria. Das Mädchen ist 13.

Liebe Kollegen bei der Bunten: Falls es bei euch im Haus eine Dusche gibt, dann dreht sie doch mal kalt auf und stellt den Mann (eine Frau wird es doch nicht gewesen sein?) drunter. Und noch ein Tipp: Wer auch immer bei euch über den Polanski-Prozess schreibt – es sollte jemand anderes sein.

Jörg Thomann in den „Herzblatt-Geschichten“ der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

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February 2, 2010: Arc Energy
Just as planned, these scientists are truly delighted that Obama has gone through the effort of pretending to inspect this small disklike object.

„New York Magazine“: „A History of Obama Feigning Interest in Mundane Things“.

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Nirgends zählt ein Toter so viel wie in Österreich. Was das über die Mentalität aussagt, sei dahingestellt, Faktum ist: Die Verstorbenen werden in Österreich automatisch für heilig erklärt. So konnte sich Thomas Bernhard nicht mehr gegen die Umarmungen derer wehren, die zu Lebzeiten seinen Landesverweis verlangten. Die Kaiserin Sissi wurde von einer schwer verhaltensgestörten Persönlichkeit zum eigenwilligen, aber charmanten Mäderl verfilmt – gespielt von Romy. Schneider, die Österreich zwar fluchtartig verlassen hatte, um ihre größten Erfolge in Frankreich zu feiern, aber der totalen Vereinnahmung dennoch nicht entkam. Nur Hitler wurde am Ende zum Deutschen erklärt.

Wunderbar geschriebener Artikel des österreichischen Autors David Schalko, der für seinen satirischen Roman über Jörg Haider von dessen „Lebensmensch“ Stefan Petzner verklagt wurde — und schon für die Art, wie er da das Wort „verfilmt“ gebraucht hat, liebe ich diesen Text.

„Welt“: „Die bizarren Klagen von Haiders Lebensmensch“.

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Ich habe es damals bei Second Life jedenfalls echt im Guten versucht. Heute bin ich Feuilletonist bei der FAZ und warne die Spreeblick-Knallchargen vor Twitter. Das ist doch klar, dass da nix bei rumkommen kann. 140 Zeichen, pfff, da kann man – mit Leerzeichen – maximal fünfunddreißigmal „Ich“ unterbringen. Was soll man denn da groß reinschreiben können? Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum sich Sascha Lobo, dieser Vollkoffer, so an den Zensurprovider Vodafone ranwanzt: Darum! Es ist immerhin mein Internet, und ich mag es nicht, ebendieses von solcherlei Gewürm repräsentiert zu sehen.

Don Alphonso an der Blogbar Donald von Soundso an der Blubbar.

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Stargate Studios‘ Virtual Backlot Reel 2009.

Curling

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Von mir aus könnte das ewig so weitergehen mit diesem Olympia. Ungefähr immer, wenn ich gucke, läuft gerade Curling, eine Sportart, die von den Kommentatoren reflexartig „Schach auf Eis“ genannt wird, obwohl ich „Mühle auf Haschisch“ treffender fände. Die hypnotische Wirkung als Fernsehsendung, gerade in der Dämmerphase kurz vor dem Einschlafen, liegt irgendwo zwischen den „schönsten Bahnstrecken der Welt“, die die ARD sonst anstelle der nächtlichen Olympia-Sendungen abfährt, und einer Liveübertragung vom Trocknen frisch aufgetragener Farbe, und ich meine das positiv.

Sympathisch am Curling ist schon, wie sehr es sich den üblichen Inszenierungsmustern olympischer Spiele im Fernsehen entzieht. Mag zum Beispiel sein, dass diese Schrubber Hochpräzisionsgeräte sind, die durch technischen Fortschritt den Sport immer wieder in neue Dimensionen führen – aber dass eine ernsthafte, skandalträchtige oder gar stammtischtaugliche Diskussion wie um die Wunder-Bindung der Schweizer Skispringer ausbricht, ist dann doch eher unwahrscheinlich. Dramatische Slow-Motion-Aufnahmen sind unnötig, weil der Wettbewerb selbst freundlicherweise schon in Zeitlupe stattfindet. Gelegentlich versuchen die Fernsehleute, die Höhepunkte einer Partie trotzdem zu den klassischen Collagen mit whitneyhoustonesker Musik zusammenzuschneiden – aber da sieht man dann nur, wie Leute, die auch gerade aus dem Kegelclub in der Eckkneipe dahin geschlendert sein könnten, auf dem Eis knieen und Grimassen schneiden, die vermutlich die Curlingsteine einschüchtern sollen, und das wirkt entsprechend unangemessen.

Ich schreibe das natürlich aus der Perspektive pubertärer Ignoranz, die aber ganz angenehm ist beim entspannten Zuschauen und sich auch nicht so groß von den Fachkenntnissen der Fernsehkommentatoren zu unterscheiden scheint. Die Grundregeln sind in 20 Sekunden erklärt, obwohl sich die Sprecher alle Mühe geben, den Mythos einer verborgenen Komplexität aufzubauen und sie deshalb alle 30 Sekunden wiederholen. Und wenn sich die Kommentatoren mal nicht darauf beschränken, das zu beschreiben, was man eh sieht, sondern vorherzusagen, welche Strategie der Skip (!) als nächstes anwenden wird, kann man darauf wetten, dass der Mann oder die Frau das Gegenteil tut (woraus sich auch ein schönes Trinkspiel machen ließe, wenn das nicht viel zu anstrengend wäre).

Neulich ist einer der Wischer ausgerutscht. Ist aber nichts passiert.

Sarah Palin und der Down-Syndrom-Witz

Für eine Serie wie „Family Guy“, die so viel Spaß daran hat, jedermanns Gefühle zu verletzen, klingt die Handlung der Folge, die am vergangenen Sonntag in den USA Premiere hatte, geradezu aufklärerisch. Chris, der Sohn, geht mit Ellen aus, einem Mädchen aus seiner Klasse mit Down-Syndrom. Beim Date stellt sich heraus, dass Ellen eher anstrengend und anspruchsvoll ist und nicht so anhänglich, wie es dem Stereotyp entspräche, und Chris trennt sich von ihr mit den Worten: „Ich hab immer gehört, dass Leute mit Down-Syndrom anders sind als wir, aber das seid ihr nicht. Ihr seid überhaupt nicht anders. Ihr seid nur ein Haufen blöder Arschlöcher wie jeder andere.“

Ich kann oft wenig mit dem speziellen Humor von „Family Guy“ anfangen, aber das klingt nach einer schönen Comedy-Idee, eine positive Botschaft gegen Diskriminierung von Behinderten als Beschimpfung einer Behinderten zu verpacken.

Es wäre interessant zu wissen, ob Sarah Palin, deren jüngster Sohn (oder wahrscheinlicher: Enkelsohn) Down-Syndrom hat, an dieser Episode auch dann Anstoß genommen hätte, wenn die „Family Guy“-Leute nicht noch einen merkwürdigen Sarah-Palin-Witz eingebaut hätten. Auf die Frage von Chris, was ihre Eltern beruflich machen, antwortet Ellen nämlich: „Mein Vater ist Buchhalter, und meine Mutter ist die frühere Gouverneurin von Alaska.“

Palin reagierte prompt und beklagte sich erst auf Facebook (wo sie die Empörung ihrer Tochter Bristol zitierte, die ironischerweise glaubte, klarstellen zu müssen, dass Menschen mit Down-Syndrom die nettesten und liebevollsten Menschen sind, die man sich vorstellen kann) und dann im Programm ihres Fernsehsenders „Fox News“:

Nun würde es mir schwer fallen zu erklären, worin genau der Witz in dem Satz „meine Mutter ist die frühere Gouverneurin von Alaska“ besteht. Aber umgekehrt wüsste ich auch nicht, inwiefern dieser Satz ein Witz auf Kosten von Behinderten sein soll. Wenn er überhaupt auf irgendwen zielt, dann auf Palin.

Genau das meint auch Andrea Fay Friedman, die Schauspielerin, die in der „Family Guy“-Episode Ellen spricht und selbst Down-Syndrom hat. Vermittelt wurde sie an die Produzenten über Gail Williamson von der Down-Syndrom-Vereinigung von Los Angeles, die die „New York Times“ mit den Worten zitiert, dass es egal sei, ob die Folge ihrem Humor entspreche. Entscheidend sei, dass die Figur der Ellen „völlig integriert, vielseitig, dynamisch, ohne stereotype Down-Syndrom-Thematiken“ gewesen sei.

Und Andrea Fay Friedman sagt:

In meiner Familie glauben wir, dass Lachen etwas Gutes ist. Meine Eltern haben mich so dazu erzogen, einen Sinn für Humor zu haben und ein normales Leben zu leben. Meine Mutter hat mich nicht dauernd unter dem Arm mit sich herumgetragen wie ein Baguette, wie es die frühere Gouverneurin Palin mit ihrem Sohn Trig tut und nach Mitleid und Stimmen heischt.

Sarah Palin hat darauf nicht geantwortet.

Eisaufditsch-Berichterstattung

Dank Tauwetter geht die Vergletscherung Berlins zwar gerade nach endlosen Wochen langsam zurück, und auf der Insel ist es wohl sogar schon frühlingshaft, aber Charlie Brookers Abrechnung mit dem Schneekatastrophenwahnsinn der Fernsehleute ist von zeitloser Schönheit und lässt sich mühelos auf das deutsche Fernsehen übertragen.

Doof wie RP-Online (9)

(Nur um diese schöne Reihe mal wieder zu beleben.)

Den einjährigen Jahrestag der Veröffentlichung eines Artikels über den blutigen Verlauf der Altweiberfastnacht 2009 in Köln begeht das Online-Angebot der „Rheinischen Post“ dadurch, dass es den Original-Artikel umdatiert auf heute einfach noch mal ins aktuelle Programm mischt.



Was am Tag nach Aschermittwoch irgendwie besonders lustig ist und eigentlich jedem auffallen müsste. Also, eigentlich jedem.

[entdeckt von svephi]

Hach.

Wenn ich heute zu nichts mehr komme, liegt das daran, dass ich die ganze Zeit auf die Webcam von der zugefrorenen Außenalster gucken muss, wo jemand ein großes Herz im Schnee pflegt.

Ich weiß gar nicht, warum ich das so rührend finde, aber ich kann nicht aufhören den Kopf auf die Hände zu stützen und zuzugucken, wie diese kleine schwarze Figur alle 30 Sekunden, wenn das Bild neu lädt, an einer anderen Ecke steht und schippt. Und gleich geht auch noch die Sonne unter.

[via Isabo, die schon länger guckt]

Wozu noch Journalismus?

Falls Sie sich fragen, was das für ein merkwürdiger Text ist, der von mir am Sonntag auf sueddeutsche.de erschienen ist, und vor allem: Warum der so kryptisch anfängt —

Es fehlt der erste Satz. Irgendwie ist der erste Satz verloren gegangen. Auf den sich die nächsten zehn Sätze bezogen, die nun da frierend ohne Anschluss herumstehen. Der erste Satz lautete:

Und dann war da plötzlich ein Medium, mit dem man alles machen konnte.

Der Text ist Teil einer Reihe von Gastbeiträgen, die der Online-Ableger der „Süddeutschen Zeitung“ gerade unter dem Titel „Wozu noch Journalismus?“ veröffentlicht. Vor ein paar Tagen formulierte der Zeitschriftenmann Manfred Bissinger („Stern“, „Natur“, „Merian“, „Die Woche“) dort u.a.:

Wie erfolgreicher Journalismus immer besser werden kann, führt seit Monaten die „Seite 3“ der Süddeutschen Zeitung vor, die dank des Engagements ihrer Redakteure und Reporter von Woche zu Woche neuen Höhepunkten entgegeneilt. Sie liefert zudem den Beweis, dass Print dem Internet immer überlegen sein wird.

Er demonstriert damit unfreiwillig, auf welchem Niveau diese Debatte immer noch geführt wird. Er versucht nicht einmal, seine Aussage zu begründen. Es übersteigt einfach das Vorstellungsvermögen des alten Print-Mannes, dass Dinge einmal anders sein könnten, als sie heute sind, und deshalb schließt er es für alle Zeiten aus. Es ist schon richtig, dass das Internet im Augenblick die Strukturen, die hinter der Qualität einer „Seite 3“ in der SZ stehen, noch nicht finanziert. Aber richtig ist auch, dass Print diese Strukturen jetzt schon kaum noch oder nicht mehr finanziert. Oder was meint Bissinger? Und benutzt er Telefon und E-Mail, obwohl doch handgeschriebene Briefe, transportiert per Post (obwohl sie sich, leider, nicht mehr auf die bewährte Qualität der Kutsche verlässt), der Elektronik immer überlegen… Ich schweife ab.

Hier ist jedenfalls das unredigierte (und deshalb womöglich Tippfehler, aber immerhin auch den ersten Satz enthaltende) Manuskript meines Textes für die Reihe von sueddeutsche.de:

Wozu noch Journalismus?

Und dann war da plötzlich ein Medium, mit dem man alles machen konnte.

Journalisten, die ein langes Interview geführt hatten, für das in der Zeitung nicht genügend Platz war, konnten es trotzdem in ganzer Länge veröffentlichen. Kritiker konnten ihrem Publikum zeigen, worüber sie schrieben: die Kunst, das Bauwerk, den Film, mit beliebig vielen Fotos oder bewegten Bildern. Meldungen konnten sich auf die Neuigkeiten des Tages beschränken und für diejenigen, die die Vorgeschichte nicht mitbekommen hatten, einen Link auf die entsprechende Meldung vom Vortag setzen. Kommentatoren konnten eine echte öffentliche Debatte führen und auf widersprechende Meinungen in anderen Medien verweisen, und die Leser konnten sich daran beteiligen und untereinander und mit den Autoren diskutieren. Nachrichten konnten das Publikum sofort erreichen, egal wann sie passierten. Fehler konnten an Ort und Stelle korrigiert werden. Rechercheure konnten dem interessierten Publikum die brisanten Dokumente, die sie aufgetan hatten, zeigen. Aufklärer konnten ihre Argumente mit Quellen untermauern, von deren Aussagekraft sich die Leser ein eigenes Bild machen konnten.

Die aufwändig produzierten Inhalte von gestern verstaubten nicht mehr in irgendwelchen Archiven, sondern blieben zugänglich. Und sie mussten nicht erst teuer und zeitraubend auf Papier gedruckt und durch das ganze Land verschickt werden, um zu den Lesern zu kommen.

Eigentlich müssten La-Ola-Wellen von Journalisten durch das Land schwappen, vor lauter Begeisterung darüber, wie das Internet ihre Arbeit erleichtert und verbessert und ihre Möglichkeiten potenziert hat. Das Gegenteil ist der Fall. Die Online-Welten werden abgetan und belächelt, als Heimat für Betrüger und Perverse denunziert, die digitalen Vorreiter als „Internet-Apologeten“ verspottet. Jedes Indiz dafür, dass die junge Internet-Welt noch nicht mithalten kann mit den über viele Jahrzehnte, Jahrhunderte etablierten Formen der Produktion und Finanzierung von Journalismus, wird als Scheinbeleg für die vermeintlich immanente Überlegenheit der Wissensvermittlung auf Papier gefeiert.

Dem Internet wird das egal sein. Es ist nicht auf gute Presse angewiesen. Seine technischen Vorteile sind für die meisten Menschen, die jungen zumal, so offenkundig, dass sie auch nicht darauf hereinfallen, dass in der Rhetorik der Papierjournalistenlobby das Internet synonym ist mit marodierenden Kinderschänderbanden, der Kiosk hingegen anscheinend nur edle Hochglanzzeitschriften feinster Recherchekunst anbietet.

Ein Problem wird die Internetfeindlichkeit der klassischen Medien und Journalisten nur – für die klassischen Medien und Journalisten.

Ist es nicht erstaunlich, in welch geringem Maße Journalisten Gebrauch machen von den Möglichkeiten des neuen Mediums? Es gibt in Deutschland wenig, das man wirklich als „Online-Journalismus“ bezeichnen könnte. Was es stattdessen im Überflluss gibt: Übernahmen aus Printmedien, ergänzt durch Bildergalerien, hinter denen erkennbar weniger ein publizistisches Interesse steht als der Versuch, möglichst viele Klicks zu generieren. Automatisch oder halbautomatisch übernommene Agenturmeldungen, illustriert mit dem erstbesten Symbolfoto aus dem Archiv. Und hastig ab- und zusammengeschriebene Textchen mit Klatsch und Tratsch.

Das ist natürlich eine Frage der fehlenden Etats. Aber es spricht auch für ein erhebliches Misstrauen gegenüber den neuen Formen und Möglichkeiten – und den ungewohnten Regeln, die im Internet gelten. Schon das Verlinken auf andere Seiten, eine der Ur-Funktionen des Netzes, scheint bei den deutschen Online-Medien auf erhebliche innere Widerstände zu stoßen; nur allmählich setzt sich die Praxis durch.

Als Erklärung für das, gelinde gesagt: zurückhaltende Engagement deutscher Medien im Netz müssen immer wieder die mangelnden Refinanzierungsmöglichkeiten herhalten. Natürlich ist das nicht falsch. Natürlich kann man verstehen, dass ein Verlag zögert, bevor er es riskiert, ein noch halbwegs funktionierendes Erlösmodell möglicherweise durch ein Angebot zu kannibalisieren, bei dem die Werbeerlöse zur Zeit ungleich niedriger und die Vertriebserlöse Fehlanzeige sind. Aber das Risiko einer scheinbaren Risiko-Vermeidungsstrategie dürfte noch größer sein. Wer sein Online-Angebot auf ein Minimum reduziert, um die Menschen zu zwingen, das Print-Produkt zu kaufen, läuft Gefahr, für eine ganze Generation gar nicht mehr präsent zu sein. Der „Stern“ etwa konzentriert sich im Internet im Wesentlichen darauf, Agenturmeldungen hübsch aufzubereiten und mit einzelnen Kolumnen anzureichern. Die einbrechenden Auflagenzahlen des gedruckten „Stern“ deuten eher nicht darauf hin, dass das die Menschen dazu bringt, massenhaft an den Kiosk zu gehen. Und junge Leute, die das Heft selbst womöglich nie in der Hand hatten, kämen angesichts des real existierenden stern.de vermutlich nicht auf die Idee, dass sich hinter der Muttermarke ein traditionsreiches Angebot mit großen Reportagen und üppigen Fotos verbirgt.

Nach der aktuell unter Verlegern vorherrschenden Interpretation schützt der „Stern“ seine Einnahmen dadurch, dass er seine exklusiven Inhalte nicht online verschenkt. Stattdessen verschenkt der „Stern“ aber so die Möglichkeit, sich neue Leser zu erschließen, die das spezielle journalistische Angebot von „Stern“ womöglich zu schätzen wüssten  – was jedenfalls wahrscheinlicher ist als beim Agentureinerlei auf stern.de. Wer glaubt, dass er im Internet nur zweite Wahl anbieten muss, darf sich nicht wundern, wenn das Image seiner Marke leidet.

Die Aussage, dass sich Qualitäts-Journalismus im Internet nicht refinanzieren lässt, wird von den Print-Lobbyisten so oft wiederholt, als handele es sich um ein Naturgesetz. Dabei handelt es sich bislang nur um eine Momentaufnahme in einem Medium, das gerade erst zum Massenmedium geworden ist und sich immer noch rasant verändert. Dabei spricht wenig dafür, dass die Art, wie wir heute Nachrichten und Hintergründe im Internet lesen, in immer neuen Varianten des „Spiegel Online“-Musters, von Dauer sein wird.

Es hat einerseits etwas Beunruhigendes, wie übersteigert die Hoffnungen und Erwartungen sind, die sich mit der Ankündigung eines neuen Apple-Computers in Form eine Tabletts verbinden. Andererseits zeigt dieses Beispiel, wie sehr diese Technologien und dieser Markt sich gerade noch entwickeln und was für Möglichkeiten zur journalistischen Darstellung sie noch versprichen, von denen wir heute nur träumen.

Es gibt Prototypen dafür, wie sich Zeitschrifteninhalte auf solche und ähnliche Geräte bringen lassen, die auf brilliante Weise die Opulenz und Haptik von Magazinen in die digitale Welt übertragen und clever mit den Möglichkeiten des Netzes kombinieren. Vielleicht werden die Menschen bereit sein, für solche Angebote in Zukunft zu zahlen. Vielleicht reicht es auch schon, wenn Markenartikler die Präsentationsformen in solchen Angeboten attraktiv genug finden. Sicher ist nur: Das Festhalten an Papier wird in Zukunft für die wenigsten ein Geschäftsmodell sein.

Auch das muss man festhalten: Es mag sein, dass in Zukunft weniger Journalisten gebraucht werden. Jedenfalls nicht die Heerscharen, deren Arbeit vor allem daraus besteht, Agenturmeldungen ins eigene Redaktionssystem zu pflegen und das noch einmal aufzuschreiben, was überall anders schon steht. Der Online-Journalismus wirkt manchmal wie eine reine Vervielfältigungs-Maschine von Inhalten. Das war der Print-Journalismus in vielen Bereichen auch schon, aber den Lesern der „Emder Zeitung“ fiel natürlich nicht auf, wenn in der „Braunschweiger Zeitung“ dieselben Meldungen standen.

Die publizistische Chance und die ökonomische Pflicht wird für die meisten professionellen Medien darin bestehen, eigene Inhalte zu recherchieren und zu produzieren, sich zu spezialisieren und im Dialog mit den Lesern eine eigene Kompetenz aufzubauen und zu pflegen. Viel zu sehr sind die Medienunternehmen im Netz noch damit beschäftigt, besinnungslos Reichweite zu generieren, indem sie alles anbieten und einen bizarren Leser-Sammel-Wettbewerb veranstalten. Matt Kelly, der Digital-Chef des britischen Verlages Trinity Mirror, hat es treffend formuliert: „Die Suche nach einer Fantastillion ‚Unique Users‘ – von woher auch immer und mit egal wie wenig Aufmerksamkeit -, ist schuld daran, dass viele unserer Zeitungsableger der großen Markenkraft und des Wertes und Charakters beraubt wurden, die das, was wir machen, eigentlich von all den Aggregatoren und billigen, wertlosen Nachrichtenseiten da draußen unterscheiden. Solange wir nicht in den sauren Apfel beißen und uns aus diesem wahnsinnigen Nutzerwettrennen verabschieden und uns stattdessen darauf konzentrieren, engagierte, loyale Leserschaften zu bilden, werden wir weiter zusehen müssen, wie der Wert unserer Inhalte online abnimmt. Wir müssen sofort damit anfangen, das, was wir online produzieren, wieder mit einem Gefühl für Werthaftigkeit und Besonderheit zu füllen.“

Hierzulande ist man von diesem Gedanken noch weiter entfernt als in Großbritannien – gegen die Fixierung auf „Page Impressions“, die zu den unseligen Klickstrecken geführt hat und von der man sich allmählich löst, ist der „Unique User“ als Messgröße schon ein großer Fortschritt.

„Wozu noch Journalismus?“ – das ist nicht der Achselzucker eines Twitterers und Facebook-Abhängigen. „Wozu noch Journalismus?“ ist die Frage, die sich Journalisten und Verleger im Internet wieder stellen müssen, um sich auf die Grundlagen zu besinnen. Warum machen wir das hier eigentlich? Was wollen wir? Möglichst viele Leute mit irgendwas erreichen? Möglichst viel Geld mit irgendwas verdienen?

Oder haben wir etwas zu sagen?

An der Notwendigkeit von Journalismus hat sich nichts geändert. Geändert hat sich nur, dass er nicht mehr in einer Welt des Informationsmangels, sondern des Informationsüberflusses stattfindet. Die Aufgabe des Journalisten inmitten des Durcheinanders lässt sich ganz einfach beschreiben: das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und das Richtige vom Falschen. Das Wie hat sich geändert, nicht das Wozu.

Nicht gebraucht wird nur schlechter Journalismus. Aber das war schon immer so. Es fiel früher nur nicht so auf.

Nachtrag, 10.35 Uhr. Die Kollegen von sueddeutsche.de haben den ersten Satz wiedergefunden.

Ich notorischer Urheberrechtsverletzer

YouTube hat meinen Account gelöscht. Damit sind all die schönen Videos, die ich für das Fernsehlexikon hochgeladen habe, verschwunden. Das kam nicht ganz überraschend: Kurz zuvor hatte das Portal zum zweiten Mal ein von mir hochgeladenes Video gelöscht, weil ich damit angeblich möglicherweise gegen das Urheberrecht eines Fernsehunternehmens verstoßen hätte. Wenn das passiert, schickt YouTube eine Mail, in der es unmissverständlich heißt:

Dies ist die zweite Urheberrechtsbeschwerde zulasten deines Kontos. Eine einzige weitere Beschwerde führt zur Kündigung deines Kontos. Wenn du dies vermeiden möchtest, lösche sämtliche Videos, an denen du keine Rechte besitzt, und lade in Zukunft keine Videos mehr hoch, die die Urheberrechte anderer verletzen. Weitere Informationen zu den Urheberrechtsrichtlinien von YouTube findest du in den Tipps zum Urheberrecht.

Ich war also gewarnt. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass der Sender ProSieben (oder genauer: sein Vermarkter Seven One) kurz darauf nach über einem Jahr daran Anstoß nehmen würde, dass ich Ende 2008 einen 24-sekündigen Ausschnitt aus dem damaligen Jahresrückblick von „Switch Reloaded“ bei YouTube hochgeladen hatte. Es handelte sich um eine kurze Szene mit der Parodie, in der Elke Heidenreich Marcel Reich-Ranicki von der Bühne schlägt — mit einem leicht veränderten Exemplar des „Fernsehlexikon“, das ich mit Michael Reufsteck geschrieben habe.

Das ist ein interessanter Fall. Natürlich besitze ich keine Rechte an dieser Szene und darf sie deshalb eigentlich nicht bei irgendwelchen Videoportalen hochladen. Andererseits hatte ich das Video in einen Blogeintrag eingebettet, der sich mit dem Gezeigten beschäftigt, wodurch der Gebrauch durch das Zitatrecht gedeckt wäre. Wiederum andererseits sieht man das aber dem Video selbst nicht an, das ja ausschließlich aus dem Inhalt von ProSieben besteht. (Ob es den Sendern wirklich hilft, wenn sie jeden vermeintlich illegalen 24-Sekunden-Mitschnitt ihrer Programme auf YouTube sperren lassen, ist eine andere Frage, aber die Sender sind gerade so sensationell unentspannt, was ihr Leben in der veränderten digitalen Welt angeht, dass Prinzip im Zweifel immer vor Pragmatismus geht.)

Die beiden ersten Videos hatte RTL sperren lassen. Das erste war die Szene aus dem RTL-Mittagsmischmagazin „Punkt 12“, in der eine Reporterin live vom Amoklauf in Winnenden berichtete („hier blinken die Lichter“, „Chaos vom Feinsten“). Anfang Januar ließ RTL dann das auch das ebenso typische wie unwürdige Ende der letzten „Oliver Geißen“-Talkshow löschen. Mag sein, dass der Ausschnitt mit über dreieinhalb Minuten Länge nicht mehr wirklich als Zitat durchgeht. Aber für mich war das auch ein fernsehhistorisches Dokument — und ich würde wetten, dass RTL auch einen Ausschnitt von dreieinhalb Sekunden Länge nicht hingenommen hätte.

Komisch, davon hört man gar nichts, bei all dem Gejammer der Sender über den massenhaften „Diebstahl“ ihrer Inhalte: dass sie längst sehr effektiv und rücksichtslos jeden fremden Gebrauch ihres Materials auf den Videoplattformen verhindern, auch den legalen.

Für das Fernsehblog der FAZ habe ich vor ein paar Wochen ein Video angefertigt und (auf einem anderen YouTube-Account) hochgeladen, das demonstriert, um welchen winzigen Ausschnitt RTL eine Folge von „Deutschland sucht den Superstar“ für die Nachmittagswiederholung gekürzt hatte. Der Sender hatte behauptet, von den Jugendschützern der Landesmedienanstalten für eine Szene kritisiert worden zu sein, die am Nachmittag gar nicht zu sehen war — eine Lüge. In dem einminütigen Ausschnitt war zu sehen, dass all das, was die KJM gerügt hatte, auch in der kürzeren Version vorkam.

Nun ist es gar nicht leicht, Videos, die in irgendeiner Form Inhalte von „DSDS“ enthalten, überhaupt bei YouTube hochzuladen. Durch eine clevere Technik werden sie sofort als RTL-Inhalte identifiziert. Ich musste ausdrücklich bestätigen, dass und warum ich der Meinung bin, sie trotzdem veröffentlichen zu dürfen, und eine „Erklärung in gutem Glauben“ unterzeichnen. Das tat ich — und trotzdem blieb das Video nicht lange online. YouTube teilte mir nach ein paar Stunden mit, RTL habe mein Video „geprüft“ und seine „Ansprüche auf den gesamten Content oder Teile davon erneut bestätigt“. Mein Video sei „folglich weltweit gesperrt“.

Beim deutschen YouTube-Möchtegern-Konkurrenten Sevenload ist alles noch schlimmer. Hier hatte ich das Video hochgeladen, nachdem YouTube es gelöscht hatte. Hier musste RTL nicht einmal einschreiten — Sevenload sperrte es von sich aus. Bei Sevenload bekam ich auch keinen Hinweis per Mail, sondern musste mich einloggen, um die vage klingende und offenbar hastig formulierte Nachricht zu finden:

Hallo fernsehblog,
dein Bild/Video ‚Jugendschutz bei DSDS‘ wurde gesperrt, weil sie gegen unsere Richtlinien (Nutzungsbedingungen) verstößt. Aus diesem Grund ist diese Datei nur noch für dich sichtbar. Falls es sich um ein Missverständnis handelt oder du fragen hast, kontaktiere bitte unseren Support.
%suporterName [sic!]

Der Support ließ sich nicht überzeugen, dass die Verwendung der nachbearbeiteten RTL-Inhalte durch das Zitatrecht gedeckt sein könnte. Sevenload hat sich auch bei den Videos, mit denen das Forum call-in-tv.net die frappierenden Merkwürdigkeiten in den Abläufen von Call-TV-Sendungen dokumentiert, als dafür untaugliche Plattform erwiesen. Ein bizarrer Versuch von Sevenload vor eineinhalb Jahren, sich unter der Marke „watchblog-tv“ als unwahrscheinlicher Kämpfer für kritischen Medienjournalismus zu etablieren, verendete nach wenigen Tagen, sobald das PR-Geklingel vorbei war.

Video-Portale wie YouTube haben es Unbefugten viel leichter gemacht, das Material der Sender zu verbreiten. Aber sie haben es den Sendern auch viel leichter gemacht, die Verbreitung ihres Materials zu kontrollieren und zu unterbinden. Und es reicht offenbar, dass ein Sender behauptet, dass ein Verstoß gegen das Urheberrecht vorliege, um ein Video sperren zu lassen.

Ich versuche schon seit längerer Zeit, eine allgemeine Aussage von RTL zu bekommen, welchen Bedingungen ein Video genügen müsste, das sich mit dem RTL-Programm auseinandersetzt und den Gegenstand auch dokumentiert, um nach dem Verständnis des Senders zulässig zu sein und nicht von den Videoplattformen gelöscht zu werden. Eine wirkliche Antwort habe ich nie bekommen. Vermutlich hat der Sender gar kein Interesse, sie zu formulieren. Da sitzen irgendwo vermutlich Studenten oder Praktikanten, die routinemäßig die Videoplattformen abgrasen und alles löschen lassen, wo das RTL-Logo in der Ecke klebt. Dass das deutsches Urheberrecht keineswegs jede Verwendung und Weiterverarbeitung von RTL-Inhalten ausschließt, wird dem Sender egal sein. Zum Zitatrecht hat er ohnehin ein gespaltenes Verhältnis.

Wer keine Möglichkeit hat, ein Video auf einem eigenen Server zu veröffentlichen, dem bleibt mit etwas Glück ein Trick: Bei ihren eigenen Plattformen „Clipfish“ (RTL) und „MyVideo“ (ProSieben) nehmen es die Sender nicht so genau mit ihrem Urheberrecht. Es ist natürlich ein bisschen gewöhnungsbedürftig, sich ausgerechnet in die bunte Trashhölle eines Angebotes wie „Clipfish“ zu begeben. Aber das Video von dem RTL-Debakel in Winnenden, das der Sender vergessen machen wollte und überall sonst löschen ließ, lebt dort schon seit einem Dreivierteljahr unbehelligt vor sich hin.