Christian Nienhaus und die große Ignoranz

Christian Nienhaus ist einer der beiden Geschäftsführer der WAZ-Gruppe („Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, „Westfälische Rundschau“, „Die Aktuelle“) und Landesvorsitzender des nordrhein-westfälischen Zeitungsverlegerverbands. Er kommt von „Bild“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat heute ein erstaunliches Interview mit ihm geführt.

Herr Nienhaus, die WAZ-Gruppe klagt mit sieben Verlagen gegen die Tagesschau-App der ARD. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH gehört dazu. Was haben Sie denn gegen die öffentlich-rechtliche App?

Nienhaus: Der Rundfunkänderungsstaatsvertrag verbietet die Presseähnlichkeit der öffentlich-rechtlichen Internetdienste. Doch darüber entscheiden die Rundfunkräte, also die eigenen Gremien. Und diese verstehen sich häufig als Beschützer ihrer Rundfunkanstalten. Sie identifizieren sich mit der Anstalt statt diese zu kontrollieren. (…) Wir halten zudem die Kostenfreiheit der Apps für nicht korrekt. Hier wird, finanziert durch Quasi-Steuern, das Geschäftsmodell der privaten Presse angegriffen.

Interessant. In der Klage der Verlage geht es allerdings weder um die Frage, wie und von wem die Öffentlich-Rechtlichen kontrolliert werden sollen, noch um die Kostenfreiheit des Angebots.

Ist das ein Hilfeschrei an die Politik?

Nienhaus: Es gibt eine große Ignoranz der Politik und auch eine Angst der Politik. Führende Politiker haben mir gesagt: „Sie haben Recht, aber ich lege mich mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr an.“ Bei jeder kritischen Frage würden Politiker sofort mit kritischer Berichterstattung in ganz anderen Punkten überzogen. Im Landtag von Nordrhein-Westfalen wurde Abgeordneten gedroht, wenn Sie gegen die Mediengebühr stimmten, würde das in der WDR-Berichterstattung Folgen haben.

Holla. Im Landtag wurde den Abgeordneten gedroht? Und wem genau? Und von wem? Wenn das stimmte, wäre es ein gewaltiger Skandal. Nienhaus nennt keine Namen, keine Quelle, keine Belege, behauptet es aber als Tatsache.

Andererseits nehmen die Politiker Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten, weil sie in deren Gremien sitzen und die wichtigsten Personalentscheidungen treffen.

Nienhaus: Es ist nicht so, dass die Politik die Rundfunkanstalten beeinflusst.

Schön wär’s. Wenn Nienhaus ARD und ZDF von politischem Einfluss freispricht, ist das doppelt erstaunlich. Nicht nur, weil sich leicht Indizien für das Gegenteil finden lassen und das ein entscheidender prinzipieller Kritikpunkt an den Öffentlich-Rechtlichen ist. Sondern, weil er im FAZ-Interview den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland gleich viermal (falsch) als „Staatsrundfunk“ bezeichnet.

Nienhaus: Riesige Heerscharen von Lobbyisten, Beamten und Juristen aus den Rundfunkanstalten beeinflussen die Politik. Solange wir knappe Frequenzen hatten, war dieses System in Ordnung. Aber im Internet ist überhaupt nichts knapp.

Geld.

Geld ist knapp im Internet. Weshalb man auf die Idee kommen könnte, dass es eine gute Idee wäre, wenn ARD und ZDF, die viel Geld haben und viele Inhalte davon produzieren, diese Inhalte auch im Internet entsprechend anbieten und aufbereiten dürfen.

Nienhaus: Der Staatsrundfunk macht im Internet den Markt kaputt. Ich schätze die Qualität der öffentlich-rechtlichen Angebote sehr, aber sie produzieren diese mit Gebührengeld und machen damit Unternehmen ihr Geschäftsmodell im Internet kaputt.

ARD und ZDF machen auch im Fernsehen den Markt kaputt. Rumpelsender wie n-tv oder N24 zum Beispiel könnten sicher leichter überleben, wenn die ARD nicht viele Male am Tag eine — bei allen Schwächen — ordentliche Nachrichtensendung namens „Tagesschau“ zeigen würde. Es handelt sich auch hier um eine Marktverzerrung, und sie ist gewollt, um sicherzustellen, dass Sendungen hergestellt werden, deren Qualität selbst ein WAZ-Geschäftsführer „sehr schätzt“.

Sollen ARD und ZDF gar nicht online vorkommen?

Nienhaus: (…) Wenn die Nutzer einfach Videos herunterladen können, ist das kein Problem. Aber was die alles machen: Partnerschaftsportale, Jugendseiten, alles Mögliche!

„Die“ machen keine Partnerschaftsportale. Der WDR-Jugendsender Eins Live hatte mal eine Flirtcommunity namens „Liebesalarm“. Es gibt sie nicht mehr, weil ARD und ZDF solche Angebote mit dem 12. Rundfunkstaatsvertrag verboten wurden.

Wenn es nur ein öffentlich-rechtliches Videoportal gäbe, fänden Sie das in Ordnung?

Nienhaus: Wir als Verleger hätten nichts dagegen. Zwischen den Verlegern und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab es früher nie Streit.

Falsch. Seit sechzig Jahren haben die deutschen Zeitungsverleger und vor allem Axel Springer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer wieder und dauerhaft angegriffen, weil sie seine nicht-privatrechtliche Konstruktion für widernatürlich, unzulässig und existenzgefährdend hielten und selbst Rundfunk veranstalten wollten. Jahrelang kämpften Verleger auch dagegen, dass ARD und ZDF einen Teletext anbieten dürfen.

Nienhaus: Das Lesen der gedruckten Ausgaben ist rückläufig: Wenn wir als Zeitungsleute eine Zukunft haben wollen, müssen wir nicht nur Journalismus umsetzen, sondern auch unser Geschäftsmodell. Journalismus funktioniert ja im Internet. Das ist kein Versagen der Journalisten. Aber keiner bezahlt dafür, alles ist umsonst.

Das ist falsch, wird ungefähr täglich falscher und selbst wenn es richtig wäre, wäre das nicht die Schuld von ARD und ZDF.

Es wird sich kaum ändern, dass Menschen nicht zahlen wollen. Wie soll ein sinnvolles Modell mit Bezahl-Inhalten aussehen?

Nienhaus: Ich bin optimistisch — gerade bei mobilen Geräten. Aber der Markt wird zerstört. Wir können nicht ein Sportportal der WAZ kostenpflichtig machen, wenn in der Sportschau nicht nur alles gezeigt, sondern eben auch beschrieben wird.

Die Frage hat er natürlich nicht beantwortet. Aber wenn die Zukunft der WAZ davon abhängt, dass niemand im Internet kostenlos beschreibt, was in der „Sportschau“ zu sehen ist, ist die WAZ tot.

Sie haben in den vergangenen Jahren 300 Stellen in der Redaktion gestrichen. Planen Sie auch wieder in Journalismus und in Köpfe zu investieren?

Ich glaube, man tut Nienhaus nicht unrecht, wenn man die vielen Sätze, die er anstelle einer Antwort sagt, mit „Nein.“ zusammenfasst. Als Euphemismus für „Stellen streichen“ benutzt er „kreativ werden“.

Wie sieht es mit Ihren Internetaktivitäten unter DerWesten aus? Können Sie mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten mithalten?

Nienhaus: Nein, in keiner Weise können wir konkurrieren. Das ist ja gerade das Ärgernis. Der Staatsrundfunk hat zig Millionen zur Verfügung, die haben wir natürlich nicht.

Die „WAZ“ kann im Internet „in keiner Weise“ mit ARD und ZDF konkurrieren? Nicht einmal bei der Lokalberichterstattung aus dem Einzugsgebiet, die ich jetzt naiv für die ureigene journalistische Aufgabe der „WAZ“ und ihres Internetangebots gehalten hätte?

Und: Meint Nienhaus eigentlich, wenn ARD und ZDF nur Filme im Internet zeigen dürften, bekäme „der Westen“ ein großes Stück von den Millionen des „Staatsrundfunks“? Oder wäre es dann nur so, dass sich das Publikum eher mit der — nach seiner eigenen Aussage — minderwertigen Qualität der „WAZ“-Produkte abgeben würde und müsste?

Ich halte viele der Positionen der Verlagslobby im Kampf gegen ARD und ZDF oder Google für falsch, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass man über diese Positionen kaum ernsthaft streiten kann, weil die Debatte beherrscht wird von ahnungslosen Lautsprechern wie Nienhaus, der eigentlich nicht satisfaktionsfähig ist und dem tatsächlich in einem Interview über ARD und ZDF im Internet auf die Frage, was ARD und ZDF Schlimmes im Internet machen, nur einfällt: „Partnerschaftsportale, Jugendseiten, alles Mögliche!“

Und Nienhaus ist ja nicht allein — obwohl neben ihm ein Mann wie Springer-Außenminister Christoph Keese fast vernünftig und kenntnisreich wirkt. Keeses Satisfaktionsfähigkeit können Sie aktuell an einem Eintrag in seinem Privatblog überprüfen, in dem er eine lustige Verschwörungstheorie um die Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL) entwickelt (ich unterstütze IGEL).

[Offenlegung: Ich arbeite frei für die FAZ. Dies ist meine private Meinung.]

Die Arschlm

Wenn man, wie ProSieben, keinen Ruf mehr zu verlieren hat, erhöht das deutlich die Handlungsoptionen. Und so griff der Sender in seiner Verzweiflung, dass die Leute sich nicht massenhaft dazu hinreißen lassen, die als Sommerhit geplante Sendung „Die Alm“ der sendereigenen Schrottproduktionsfirma Red Seven zu gucken, am späten Mittwochnachmittag zu einem erstaunlichen Mittel.

Er gab eine Pressemitteilung heraus, die man beim flüchtigen Hinsehen für eine Nachricht, sogar eine dringende Nachricht halten konnte. Sie lautete:

(Eil) Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen „Die Alm“

Unterföhring (ots) – Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas „Der Checker“ Karaoglan haben „Die Alm“ verlassen. Wie es weitergeht: Heute Abend um 22.15 Uhr live auf ProSieben.

(Vollständiges Zitat.)

Die Pressemitteilung ist eine Unverschämtheit. Die drei Unbekannten hatten die Alm schon am Dienstagmorgen verlassen. Und waren bereits am Dienstagabend zurückgekehrt. Wenn überhaupt, hatten die Kandidaten vorübergehend die Alm verlassen, aber nicht „Die Alm“.

Nun ist es für einen Sender wie ProSieben vermutlich bloß Ausdruck von Realitätssinn, bei seinen Pressemitteilungen nicht mehr auf Qualität Wert zu legen als bei der Produktion seiner Fernsehprogramme. Und wie viel Glaubwürdigkeit bei ProSieben zählt, bewies der Sender schon vor zwei Jahren, als er Werbung für eine neue Mystery-Serie so aussehen ließ, als handelte es sich um echte Breaking News. Trotzdem musste man bislang nicht unbedingt davon ausgehen, dass ProSieben über den üblichen Presseverteiler und unter dem Namen der tatsächlichen Pressesprecherin eine solche Lügengeschichte verbreiten würde.

Andererseits: Eine Ein-Satz-Mitteilung inklusive Schalten-Sie-ein-Teaser — kann das ernsthaft die Grundlage sein, auf der Journalisten Berichte verfassen?

Es kann.

Der Branchendienst DWDL verlieh der Ente zusätzliche Glaubwürdigkeit, indem er behauptete, sowas schon vorher gehört zu haben:

Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen „Die Alm“

Schon seit Mittwochmorgen ging das Gerücht um, der ProSieben-Realityshow „Die Alm“ würden die Promis weglaufen. Tagsüber dementierte der Sender noch. Am frühen Abend dann aber die Bestätigung per Eilmeldung über die üblichen Presseverteiler.

Eine Stunde später korrigierte DWDL sich und entschuldigte sich für die „kurzfristige Verwirrung“.

Auf Bild.de steht immer noch folgendes Nachrichtenfragment:

Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen „Die Alm“

Unterföhring (Bayern) — Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas „Der Checker“ Karaoglan haben „Die Alm“ verlassen. Die Sendung wird auf ProSieben ausgestrahlt.

Und in Rekordzeit interpretierte der über die dramatischen Vorgänge in der Sendung offenbar bestens informierte Online-Ableger der „Rheinischen Post“ die Breaking News:

Gina-Lisa, Rolf und der Checker
Promis verlassen die Alm von Prosieben

Düsseldorf (RPO). Die Promis hatten offenbar genug vom Landleben: Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas „Der Checker“ Karaoglan haben „Die Alm“ verlassen. Das teilt Prosieben am Mittwochabend mit.

Es war nicht immer alles sonnig bei der Promi-Trash-Show „Die Alm“ — aber das ist ja auch das Konzept. Nun haben laut Sender aber gleich drei Bewohner ihre Rucksäcke gepackt und sind abgerauscht. Und das zeichnete sich bereits ab.

Rolf(e) Scheider drohte bereits mit Ausstieg. Denn die Bedingungen auf der Alm sind einfach zu hart für den sensiblen Castingdirektor, meint Prosieben. (…)

Moderatorin Charlotte und Ex-Topmodel-Anwärterin Tessa haben erst Thomas „Checker“  Karaoglan die Schlafdecke versteckt, dann haben sie Gina-Lisa auf dem Kieker (…).

Sollte es damit jetzt vorbei sein, mit allen diesen Lästereien und Boshaftigkeiten? Oder geht es ohne Rolf, den Checker und Gina-Lisa weiter? Prosieben hüllt sich in Schweigen — und verweist auf die Sendung um 22.15 Uhr. Vielleicht lassen sich die drei ja überreden, zurückzukommen.  Viel Lärm um nichts, würde man das dann wohl nennen.

Joa. Obwohl mir da noch andere Formulierungen einfielen, wie man das „wohl nennen“ würde. „Deppen unter sich“, vielleicht. Oder: „Wenn PR-Simulation auf Journalismus-Simulation trifft“. Oder irgendwas mit Fäkalien.

Würden Sie dem Briefträger kündigen, wenn es Stille Post als iPad-App gäbe?

Ich fürchte, die Behauptung, dass vier von zehn Tablet-Besitzern ihr Zeitungsabonnement kündigen werden, kann jetzt als erwiesene Tatsache gelten. Sie steht heute zum Beispiel im Braanchendienst „Meedia“, der sie aus einer Pressemitteilung der holzverarbeitenden Industrie abgeschrieben hat, die sich auf eine Untersuchung von Morgan Stanley beruft, die eine Umfrage des Reynolds Journalism Institutes (RJI) an der Universität von Missouri zitiert.

Diese Umfrage ist dieselbe, die schon die deutschen Zeitungsverlage in der Begründung ihrer Klage gegen die „Tagesschau“-App falsch wiedergegeben haben, als sie behaupten, drei von fünf Menschen, die ein iPad besitzen, wollten ihre Zeitungsabonnements kündigen.

Auch die Experten von Morgan Stanley zitieren die Umfrage in seinem „Blue Paper“ über „Tablet Demand and Disruption“ nicht korrekt, wenn sie schreiben:

In a recent survey by the Reynolds Journalism Institute at the University of Missouri, 11% of iPad users had already cancelled a print newspaper subscription and another 31% said they were very likely to cancel a subscription within the next six months (exhibit 76).

Auf eine genaue Quellenangabe verzichtet Morgan Stanley; es muss sich aber um diese Umfrage des RJI handeln. Die entsprechende Frage darin bezieht sich aber explizit darauf, wie wahrscheinlich es ist, dass die Befragten ihr Print-Abo gegen ein elektronisches Abo derselben Zeitung tauschen. (“ If you subscribe to a printed newspaper now, how likely are you to cancel that subscription and a switch to a subscription-based electronic version of that newspaper on your iPad or a similar device in the next six months?“)

Vor allem aber ist die RJI-Umfrage, auf die sich direkt oder über Umwege Morgan Stanley, die holzverarbeitende Industrie, „Meedia“, die deutschen Zeitungsverleger, vermutlich bald jeder Interessensverband, dem die Ergebnisse argumentativ nützen, sowie jedes Medium, das auf dessen PR hereinfällt, stützen, diese Umfrage also ist sehr speziell. Dies sind die Leute, die befragt wurden:

Nearly 1,600 iPad users completed the initial survey. Respondents were recruited from stories with links to the survey on several media and technology websites and blogs in addition to the RJI website. A promo with a link to the survey also appeared on the AP News iPad app in October and November. SurveyGizmo was used to host this survey. Questions are shown below as they appeared online.

Befragt wurden Leute, die auf speziellen Medien- und Technologie-Seiten lasen oder die iPad-App von AP nutzten und Lust hatten, an dieser Umfrage teilzunehmen. Sie ist in keiner Weise repräsentativ.

Aber die Quelle ist ja in der Berichterstattung ohnehin längst nicht mehr die halbgare RJI-Umfrage, sondern Morgan Stanley. Oder, demnächst, jeder, der sich wiederum darauf bezieht.

Christoph Lütgert

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Das Jahresende 1999 verbrachte Stefan Raab damit, Heiner Bremer aufzulauern. Er wollte sich über dessen Moderationsversuche im RTL-„Nachtjournal“ lustig machen. Bremer sagte, er habe „aus guten Gründen was gegen Überfall-Kommandos“. Für Raab war das perfekt. Wochenlang füllte er seine Show mit dem vergeblichen Versuch, Bremer zu erreichen und ihm ein „Raabigramm“ zu singen.

Der NDR-Reporter Christoph Lütgert betreibt eine Art Stefan-Raab-Journalismus. Er macht aus Filmen über brisante Themen Filme über sich selbst, wie er versucht, Verantwortliche dazu zu bringen, mit ihm zu reden. Das ist — trotz klassischer Einstellungen wie dem Hinterherlaufen mit der Kamera und spektakulär plumper Ausweichversuche der Betroffenen — , nicht ganz so unterhaltsam wie bei Raab. Vor allem aber geht es in einem Film wie „Rot-Grün macht Kasse“, den das Erste in dieser Woche zeigte, dann nicht mehr um das eigentliche Ärgernis, die Hemmungslosigkeit und Gier ehemaliger Regierungspolitiker, sondern bloß um das für jeden außer Lütgert ungleich kleinere Ärgernis, dass sie sich gegenüber Lütgert nicht erklären wollen.

Es ist natürlich eine fantastische Unverschämtheit, wenn der Öl-Förderer Gerhard Schröder ihm ein Interview mit dem Satz verweigert: „Das ist kein politisches, sondern ein ästhetisches Problem.“ Es fällt nur so schwer, ihm zu widersprechen, wenn man gerade fast dreißig Minuten lang fast ununterbrochen das Gesicht Christoph Lütgerts gesehen hat, das kein Fernsehgesicht ist (immerhin ist Lütgerts Kameraleuten inzwischen der Trick eingefallen, teilweise von hinten über seine Schulter durch seine Brille zu filmen, so dass es möglich ist, gelegentlich noch etwas anderes im Bild zu zeigen als ausschließlich den Reporter). Wenn man gesehen hat, wie er einen Rechercheur darstellt, indem er im Flugzeug in einem Werbeprospekt wichtig auf das Wort „Safety“ tippt, oder einen knallharten Hund, indem er bei einer BMW-Pressekonferenz fragt, ob die neuen umweltfreundlichen Autos von Joschka Fischer selbst entwickelt wurden. Und wenn man gesehen hat, in welchem Maße bei Lütgert Empörung Argumente ersetzt. Über Marianne Tritz, die sich von Kollegen (aber nicht von ihm) durchaus kritisch befragen lässt, sagt er: „Von der grünen Kämpferin gegen den Atomtod zur obersten Lobbyistin für die todbringende Zigarettenindustrie. Ein wahrhaft atemberaubender Wechsel.“

Sein stärkster Beleg, dass er im Recht ist, ist die Weigerung der Betroffenen, mit ihm zu reden. Tun sie es doch, ist er erstaunlich hilflos. Raab hatte dann immerhin noch seine Ukulele.

Bei Hans Meiser war noch alles echt

RTL-Rentner Hans Meiser schreibt ein Buch, „über die Geschichte des Fernsehens — wie es hätte sein sollen und was daraus geworden ist.“ Schöne Sache. Ich bin mir nur nicht sicher, ob seine größte Stärke ist, Soll und Ist voneinander zu unterscheiden.

Der Nachrichtenagentur dpa sagte Meiser jetzt über seine frühere Talkshow:

Rückblickend sei (…) auch bei „Hans Meiser“ nicht alles optimal gewesen: „Natürlich schäme ich mich für die ein oder andere Sendung, einige würde ich heute nicht mehr machen.“ Aber: „Keiner meiner Gäste war gefaked.“

Bis auf die in den Fake-Sendungen, meint er vermutlich.

[via turi2]

Ein Medienporno

Das ist der Stoff, aus dem heute Medienaufreger sind: Vor vier Wochen ist in einem Filmbericht im Regionalfernsehen des Saarländischen Rundfunks für drei Sekunden klein der Name einer Pornoseite zu lesen gewesen. Auf einem Reiter („Tab“) im Browser konnte man sehen, dass sie hinter der gezeigten Seite des Lebensmittelhändlers Rewe aufgerufen war.

„Sauereien auf Gebührenkosten“, nennt Holger Kreymeier das in der aktuellen Ausgabe seines Magazins fernsehkritik.tv. „Die Sau hat nebenbei auf […] herumgesurft. Unglaublich!“

Der österreichische „Standard“ behauptet:

Ein Redakteur des Saarländischen Rundfunks (SR) wurde nun dabei ertappt, dass er sich während der Arbeitszeit Schmuddelfilme ansieht.

Der Branchendienst „kress“ berichtet unter der Überschrift:

Auf […] erwischt:
 SR-Bericht zeigt Journalisten bei der Arbeit

Der Artikel beginnt sarkastisch:

Es war bestimmt die Recherche im Internet-Porno-Milieu, die hinter dem frivolen Browser-Tab […] steckt.

Auch „Meedia“ hat die Story abaufgeschrieben. Hier steht sie mit dem schönen Satz:

Wozu der Journalist eines öffentlich-rechtlichen Senders während der Arbeitszeit auf einer Webseite für Pornovideos surfte — unklar.

(Felix Schwenzel hält die bescheuerte Ausdrucksweise für eine Marotte der „Meedia“-Konkurrenz „turi2“, aber in Wahrheit ist sie erstens ursprünglich von Kress.de und zweitens von begrüßenswerter Halbehrlichkeit. Noch transparenter wäre es natürlich, wenn „Meedia“ statt „— unklar“ schreiben würde: „wissen wir nicht“, „stand da nicht“, „uns doch egal“, oder, wenn es unbedingt eine Ellipse sein soll: „— unrecherchiert“.)

Jedenfalls: Wenn „Meedia“ die Frage, wozu der Journalist auf einer Porno-Website surfte, nicht bloß in den Artikel geschrieben, sondern dem SR gestellt hätte, hätte die Antwort wie folgt gelautet:

Der Bericht dreht sich um den Hacker-Angriff auf eine REWE-Datenbank. Dort hatten sich überwiegend Kinder und Jugendliche angemeldet, um Tiersticker zu tauschen. Durch den Angriff besteht nach unseren Recherchen die große Gefahr, dass die betroffenen Kinder verstärkt mit Spam- und Phishingmails bombardiert werden, unter anderem auch mit pornographischen Angeboten.

Mehrere dieser „Angebote“ wurden vom Kamerateam abgefilmt. Im endgültigen Schnitt hat sich der Autor aber dafür entschieden, diese Bilder nicht im Vorabendprogramm zu zeigen — auch nicht elektronisch verfremdet.

So erklärt sich der bildliche Zusammenhang zwischen der REWE-Datenbank und dem winzigen Tab zu einer Pornoseite. (…)

Das Schlimmste, das man dem SR und seinem Autor vorwerfen kann, ist also, versehentlich den Namen einer aus beruflichen Gründen besuchten Pornoseite öffentlich gemacht zu haben. Im Filmbericht war er, wie gesagt, rund drei Sekunden klein zu sehen. Kress.de nennt ihn mitsamt dessen Slogan werbewirksam in der Schlagzeile, „Meedia“ im Vorspann.

Kress.de hat allerdings immerhin die Erklärung des Saarländischen Rundfunks nachgetragen (und dabei unauffällig auch die Überschrift geändert). Bei „Meedia“ und dem „Standard“ stehen weiter die skandalisierenden Original-Versionen. Bestimmt fehlt den Mitarbeitern dort die Zeit zur Korrektur, weil sie schon die nächste geile Geschichte, äh, recherchieren.

Ernie & Bert

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die dümmste Antwort kommt ausgerechnet von Steve Whitmire, der nach dem Tod von Jim Henson Kermit den Frosch und Ernie spielte. Auf die Frage, ob Ernie und Bert schwul seien, sagte er: „Es sind Puppen. Sie existieren nicht unterhalb der Hüfte.“ Als ob sexuelle Identität eine Frage des Unterleibs wäre.

Früher war es die fundamentalistische Rechte, wie der amerikanische Pfarer Joseph Chambers, der in den beiden „Sesamstraßen“-Figuren subversive Propaganda für homosexuelle Lebensgemeinschaften sah. Aktuell ist es die Linke, die fordert, dass Ernie und Bert endlich ihr Coming Out haben und heiraten müssten. Die Antwort der Macher ist seit Jahren dieselbe: Ernie und Bert existierten bloß, um Vorschülern zu verdeutlichen, dass auch sehr unterschiedliche Charaktere Freunde sein könnten. Muppets hätten keine Sexualität.

Dabei gibt es durchaus vereinzelte, offen heterosexuelle Muppet-Paare: Oskar und Graf Zahl zum Beispiel haben — selten gesehene — Freundinnen. (Und in einem legendären „Sesamstraßen“-Special verspeist das Krümelmonster eine höchst aufreizende Julie Andrews — oder jedenfalls ihren Schmuck und ihre Schuhe.) Die Frage ist nicht ganz abwegig, ob die „Sesamstraßen“-Welt wirklich eine Welt ohne Sexualität ist — oder nicht doch eine nur ohne Homosexualität. Ist das Verhältnis von Ernie und Bert womöglich Ausdruck der „Don’t Ask Don’t Tell“-Ideologie — dass Schwulsein okay ist, solange man nicht darüber redet? Und würden zwei männliche (oder weibliche) Puppen, die einfach ganz selbstverständlich ein Paar sind, nicht Normalität reflektieren und demonstrieren?

Es geht eigentlich um zwei verschiedene Fragen: Dürfen Ernie und Bert schwul sein? Und: Müssen Ernie und Bert schwul sein? Die liberale amerikanische Journalistin Alyssa Rosenberg argumentiert zu recht, dass der Gedanke, dass ein Mann, der mit einem Mann zusammenlebt oder eine enge Freundschaft führt, schwul sein müsse, weder für schwule noch für heterosexuelle Männer hilfreich ist.

In der zweiten Folge der „Muppet Show“ vom 28. Februar 1976 gibt es übrigens einen großen romantischen Auftritt von Bert mit der Schauspielerin Connie Stevens, mit der er „Some Enchanted Evening“ in einer Weise singt, die alle Zweifel an seiner Heterosexualität beseitigen sollte. Das nette schwule „Sesamstraßen“-Paar müssten also dann doch andere sein als die Gay Icons Ernie und Bert.

Börsenturbulenzen: Geht jetzt die Welt unter? Oder doch nur der ARD-„Brennpunkt“?

Man kann nur hoffen, dass die Berichterstattung über die Apokalypse bei der ARD nicht in die Zuständigkeit des Hessischen Rundfunks fällt. Allein der Gedanke, dass Chefredakteur Alois Theisen es sich natürlich nicht nehmen lassen würde, die Welt persönlich armerudernd abzumoderieren, sich dabei vollständig auf die Kompetenz eines einzigen Reiter-Experten verlassen müsste, der dann aber aufgrund anderweitiger Verpflichtungen doch nicht ins Studio käme, so dass der entsprechende „Brennpunkt“ ohne jede Gewissheit endete, ob sich der Kauf eines Apfelbäumchens lohnt oder ein Paar Gummistiefel reicht…

Am Montag sind, wie erwartet, die Kurse an den Börsen eingebrochen. Die ARD nahm deshalb nach der „Tagesschau“ einen viertelstündigen „Brennpunkt“ mit dem Titel „Turbulenzen an den Finanzmärkten“ ins Programm, der damit endete, dass Alois Theisen noch einmal konkret zusammenfasste, welche Fragen von dieser Sondersendung nicht beantwortet wurden:

„Wie wirkt sich das auf die Betriebe aus, der Kurssturz?

Was bedeutet das für unsere Arbeitsplätze?

Kommt jetzt die ganz große Krise der Weltwirtschaft?

Bricht vielleicht am Ende das Weltwirtschaftssystem zusammen?“

Die Antworten, sagte Theisen und entschuldigte sich dafür, musste sein „Brennpunkt“ den Zuschauern schuldig bleiben.

Die einzige Frage, die die Sendung tatsächlich beantwortete, lautete: Kommt Thomas Mayer, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, der von der Redaktion offenbar mangels eigener Fachkenntnisse auserkoren war, all diese Fragen zu beantworten, noch im Laufe der Sendung zu Theisen ins Studio?

Die Antwort: Er kam nicht.

Der „Brennpunkt“ hatte mit einem Filmbericht begonnen, in dem ein Frankfurter Börsenmakler die Kurve des Dax in verschiedene Metaphern übersetzte. „Ich bin seit heute Anhänger von Sebastian Kneipp „, begann er, „Wechselbäder kalt und warm.“ (Lacher, Beifall oder ein närrisches Tätää wurden nicht eingespielt.) Der Mann fügte hinzu: „Es begann sehr positiv, weiß, dann wird es etwas schwieriger in den Märkten, grau, und zum Schluss muss man sagen, ist es dann doch noch ein schwarzer Montag geworden.“ Schön, dass einem endlich mal jemand diese komplexe Farbenmetaphorik erklärt hat.

Der Bericht endete mit einer Art Entwarnung. Der Sprecher sagte: „Es gilt die alte Börsenweisheit: Der Bulle schlägt den Bär – auf lange Sicht geht’s wieder nach oben.“

Im Anschluss setzte sich Alois Theisen ans Steuer des auf Hochtouren laufenden mobilen Bildergenerators: „Die Krise kam nicht mit einem großen Knall. Sie schleicht auf leisen Sohlen.“ Dann erklärte er, dass die negative Kursentwicklung eigentlich gar nicht der Lage der brummenden deutschen Wirtschaft und insbesondere der Automobilindustrie entspreche („Die Auftragsbücher sind voll“).

Es hätte ein Film darüber folgen sollen. Aber er kam nicht. Nach einigen Sekunden sagte Theisen:

„So, und der Beitrag liegt noch nicht vor. Es ist heute ganz hektisch. Unser Gesprächspartner, den wir hier im Studio haben wollten, den Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, ist auch noch nicht eingetroffen. Das ist Wahrscheinlich den Aufgeregtheiten, Nervositäten des Tages geschuldet. Wir hoffen noch.“

Zum Glück saß in New York schon die Korrespondentin Anja Bröker im ARD-Studio bereit, die Theisen körpersprachlich engagiert fragte, ob der Dow Jones immer noch weiter nach unten rutsche oder es ein Halten gebe. Sie hatte keinelei Hoffnung.

Nun wieder Theisen:

„Ja, und äh, was sagen denn die Fachleute an der New Yorker Börser, ist jetzt sozusagen die Schuldenkrise der Staaten, ist die jetzt in der realen Wirtschaft angekommen? Hat sich die Wirtschaft mit dem Bazillus infiziert?“

Das ist mal ein originelles Bild, das vielleicht ein klitzekleines Bisschen darunter leidet, dass die die, äh, Erkältung der Staaten nicht zuletzt daher rührt, dass sie so aufopferungsvoll alles dafür getan haben, die schwer verkühlte Wirtschaft dick einzupacken, und dafür die eigenen Mäntel und Schals opferte.

(Frau Bröker wies Herrn Theisen geduldig darauf hin, dass es der amerikanischen Wirtschaft sehr schlecht geht und sie sich nur extrem langsam erholt.)

In der Zwischenzeit war offenbar der Beitrag über die deutsche Wirtschaft fertiggeworden, und Theisen unterstrich deren „Brummen“ noch einmal mit einer Beckerschen Doppelfaust. Wort- und zahlenreich beschrieb der Film, wie unfassbar blendend es der deutschen Autoindustrie gehe und wie ungerecht es angesichts dessen sei, dass gerade deren Unternehmen besonders stark an der Börse verlören.

Zurück zu Alois Theisen:

„Ja, ist das alls nur Panik? Hat es mir der Wirklichkeit nichts mehr zu tun? Das würde ich jetzt gerne fragen Thomas Mayer, den Chefvolkswirt der deutschen Bank, der eigentlich zugesagt hatte, heute Abend hier bei uns zu sein. Noch ist er nicht eingetroffen. Vielleicht es ein Stau. Wir hoffen noch.“

Stattdessen erinnerte er die Zuschauer an den Beginn der Krise, den „verschleierten Bankrott“ Griechenlandes und die Politiker, die durch „Zaudern, Zögern und einen wirren Zickzack-Kurs“ in den Augen vieler Menschen zu „Versagern“ geworden seien. Immerhin habe sich die Krise um den Euro und die Staatsanleihen der hochverschuldeten europäischen Länder dank des Einschreitens der Europäischen Zentralbank nicht weiter verschärft, sagte Theisen, ein „kleiner Lichtblick an einem trüben Tag“ – und eine weitere Metapher im Bild:

„Sind es nur Kratzer an der Oberfläche? Oder ist der Euro auch in seinem Kern beschädigt?“

Zurück zu Theisen:

„Ja, ist das heute die Trendwende in der Schuldenkrise oder nur eine Atempause? (…) Die Märkte haben trotz des Lichtblicks bei den Staatsanleihen die Aktien weiter auf Talfahrt geschickt. Glauben sie den Politikern nicht mehr?“

Thomas Mayer, der all das hätte beantworten sollen, war immer noch nicht im Studio aufgetaucht, aber irgendjemand hatte nun offensichtlich entschieden, dass er es vermutlich in den restlichen fünf Minuten Sendezeit auch nicht mehr tun würde, und so zeigte der „Brennpunkt“ zwei Sätze, die Mayer vorher schon zum Thema in die Kameras des HR gesagt hatte.

Darauf Theisen:

„Ja, leider müssen wir ihnen weitere Antworten von Thomas Mayer schuldig bleiben. Er ist weiter nicht eingetroffen neben mir.“

Und so musste Frau Bröker in New York nochmal ran und wurde von Theisen einfach nochmal dasselbe gefragt:

„Was sagen denn die Experten an der Börse? Rutscht es heute noch weiter ab? Oder kann man davon sagen, die Börse in New York hat sich gefangen? Die Kurse geben nicht weiter nach? Haben wir am Ende des Tages vielleicht einen kleinen Lichtblick?“

Frau Bröker hatte auch jetzt keine aufmunterndere Antwort als fünf Minuten zuvor. Und so verabschiedete sich Theisen mit der oben zitierten Aufzählung sämtlicher Fragen, die dieser „Brennpunkt“ offen lassen musste, weil der einige Mensch auf der Welt, der sie nach Ansicht des Hessischen Rundfunks hätte beantworten können, nicht ins Studio gekommen war. Und fast möchte man diese Art von Journalismus loben, der nicht vorgibt, Antworten zu kennen. Aber es wäre doch schön gewesen, sich wenigstens mit den Fragen beschäftigt zu haben.

Das „Eigentor“ der ARD

Eigentlich produziert die ARD genug echte Skandale — man müsste ihr nicht noch zusätzliche Aufreger unterschieben. Aber wer will schon zurückstehen, wenn es so leicht scheint, einen Skandal zu erfinden, der all die Zutaten enthält, die dieser Tage das Blut des interessierten Publikums und besonders der unermüdlichen anti-öffentlich-rechtlichen Lobby in Wallung bringen.

Auslöser war unwahrscheinlicherweise ein Artikel in der „Financial Times Deutschland“ vom vergangenen Donnerstag, der eigentlich nur noch einmal all das aufwärmte, was zum Streit um Digitalkanäle und Smartphone-Anwendungen längst bekannt war, und mit ein bisschen Alarmismus („Es geht um die Zukunft der Medienbranche“) würzte. Darin standen die Sätze:

Die Öffentlich-Rechtlichen dagegen haben ihre sicheren Einnahmen. Und werden in diesem Jahr ihre Internetinvestitionen in etwa verdoppeln.

Das ist natürlich falsch. Die ARD will in diesem Jahr 113,9 Millionen Euro für Telemedien ausgeben — gegenüber 109,9 Millionen 2010. Beim ZDF ist ein Anstieg von 38,8 Millionen Euro auf 40,6 Millionen Euro geplant.

Was die FTD vermutlich meint: Der Gesamtaufwand für Online ist in der Gebührenperiode von 2009 bis 2013 ist mehr als doppelt so hoch wie in den vier Jahren zuvor. Das liegt aber zu einem großen Teil daran, dass die Systematik geändert wurde, welche Ausgaben der öffentlich-rechtlichen Sender dem Internet zugeordnet werden.

Die ARD hat in einer Stellungnahme auf den Fehler hingewiesen. Der Medienaggregator turi2 macht daraus nun einen Skandal und ein „Eigentor“. Die ARD habe:

mit ihrem Dementi bestätigt, was Insider schon lange vermutet hatten: Dass die ARD ihre Web-Investitionen jahrelang kleingerechnet hat.

Ich nehme mal an, dass Peter Turi sich diese „Insider“ der Einfachheit halber ausgedacht hat. Denn jeder Interessierte konnte die Zahlen und die Änderung der Systematik, die die ARD vermeintlich jetzt „bestätigt“ hat, immer schon öffentlich nachlesen.

Im 17. Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Sender KEF heißt es:

In den Telemedienkonzepten weisen die Anstalten darauf hin, dass den Meldungen des Aufwands eine neue, gegenüber dem letzten KEF-Bericht deutlich erweiterte Systematik zugrunde liegt. Die Beträge seien deshalb mit den Zahlen in früheren Berichten der Kommission nicht mehr vergleichbar. Durch die neue Systematik soll der Aufwand für Telemedien vollständig erfasst werden.

Dieser Bericht stammt aus dem Dezember 2009. Nun kann man es tatsächlich problematisch finden, dass ARD und ZDF in den Jahren zuvor viele Ausgaben, die ihre Online-Aktivitäten betrafen, nicht in ihre Internet-Etats einberechnet hatten. Die Öffentlich-Rechtlichen hatten ein Interesse daran, diese Etats möglichst kleinzurechnen, weil damals noch Selbstverpflichtungen galten, die die Ausgaben deckeln sollten.

Nichts an dieser Tatsache ist aber neu oder bislang nur von „Insidern“ „vermutet“ worden. Es war, im Gegenteil, detailliert bekannt, wie ARD und ZDF vorgegangen sind. So berichtete etwa die „Zeit“ am 22. November 2007 unter der Überschrift:

ARD und ZDF geben offenbar mehr für ihre Online-Angebote aus als versprochen — die private Konkurrenz schäumt.

Nicht nur die privaten Fernsehsender protestierten damals; auch die KEF war damit nicht einverstanden, wie ARD und ZDF Posten aus den Internet-Etats (teils mit besseren, teils mit schlechteren Argumenten) herausrechneten. Umstritten war zum Beispiel etwas, das den schönen Namen „Überwiegenheitsprinzip“ trug: Die ARD rechnete nur solche Kosten als Internet-Kosten, wenn sie überwiegend für das Internet entstanden sind.

So entstehen Branchennachrichten und Kampagnenstoff im Sommer 2011: Die „FTD“ macht einen Fehler; turi2 entdeckt einen Skandal aus dem Jahr 2007 als neu; „Meedia“, das nicht Abschreibedienst genannt werden will, schreibt ab: „ARD machte falsche Angaben zu Online-Investitionen“.

Und der einschlägig bekannte Ekkehard Kern nutzt es als Munition für die Springer-Propaganda gegen die Öffentlich-Rechtlichen und fragt in der „Berliner Morgenpost“ treuherzig: „Hat die ARD ihre Onlineausgaben kleingerechnet?“

Man könnte sich jetzt noch streiten, ob der Versuch der ARD, die Behauptung der FTD richtigzustellen, tatsächlich, wie Turi behauptet, ein „Eigentor“ war. Oder ob die scheinbaren Schiedsrichter nur, aus Ignoranz oder Eigeninteresse, fälschlicherweise behaupten, dass da ein Ball eine Linie überquert habe. Das Ergebnis ist natürlich leider dasselbe.