Christian Jakubetz, Journalist, Berater und Dozent unter anderem an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München, hat sich anlässlich unserer Lesung ebenfalls mit der Frage beschäftigt, wie es das BILDblog verändert, wenn wir plötzlich „auf der Showbühne“ stehen — nur kommt er zu dramatisch pessimistischeren Antworten als ich.
Jakubetz vergleicht unsere Entwicklung mit der von Bastian Sick, dem supererfolgreichen Sprachkritiker von „Spiegel Online“:
Aus dem Zwiebelfisch ist eine mittelständische Firma geworden und statt netter Sprachkritik macht Sick heute Linguistik-Entertainment. Apostrophen für die Masse, die sich schenkelklopfend amüsiert und nach zwei Stunden wieder raus an die frische Luft darf mit dem Gefühl: Wir stehen auf der richtigen Seite. Der guten Seite.
Der Vergleich ist interessant und Jakubetz‘ Analyse lesenswert, aber ungefähr in der Mitte ist er so in Fahrt, dass es ihn aus der Kurve schleudert:
Bildblog ist eine perfekt geölte Unterhaltungsmaschine geworden, die den Leuten gibt, was sie wollen: Entertainment.
Eine handelsübliche Unterhaltungsmaschine tat’s nicht, sie musste auch noch perfekt geölt sein? Das sind so Formulierungen, bei denen ich stutze, und in diesem Fall auch deshalb, weil ich weiß, wie wenig bei uns geölt ist, egal von welcher Art Schmiermittel wir reden.
Jakubetz meint jedenfalls, dass das Entertainment die Aufklärung konterkariert. Dass der Abend Anlass zu solchen Fragen gibt, finde ich auch. Aber schließen sich Aufklärung und Unterhaltung aus? Je mehr mir als Journalist ein Thema am Herzen liegt, je wichtiger ich es finde, dass viele Leute einen Artikel lesen, desto mehr Mühe gebe ich mir, ihn unterhaltsam aufzuschreiben, gerade damit er möglichst viele Leute erreicht. Oder, in einer ganz anderen Liga argumentiert: Die „Daily Show“ von Jon Stewart ist sicher sowohl die witzigste als auch die aufklärerischste Nachrichtensendung in den USA.
Um nicht missverstanden zu werden: BILDblog will informieren, und das, wenn es geht, auf unterhaltsame Weise. Nicht unterhalten, und das, wenn es geht, mit ein bisschen Informationen. Ja, bei so einer Lesung verschieben sich die Gewichte vielleicht etwas. Aber, Himmel, da machen wir nach dreieinhalb Jahren zum ersten Mal so etwas wie eine Party und laufen Gefahr, mit Disney World verwechselt zu werden?
Was mich wirklich erschüttert an Jakubetz‘ Text, ist dieser Satz:
Und so, wie wegen Sick kein einziger grammatikalischer Dumpfbeutel weniger unterwegs ist, hat nicht ein einziges Exemplar der verloren gegangenen Bild-Auflage mit Bildblog zu tun.
Sagt Jakubetz das auch seinen Journalistenschülern? Etwa: Glaubt nicht, dass ihr mit euren Artikeln irgendetwas ändern werdet? Es wird kein einziges Gramm CO2 weniger ausgestoßen, nur weil Artikel über die globale Erwärmung erscheinen? Es wird niemand zum Wechselwähler, nur weil ihr über die Abgründe einer Partei berichtet habt? Was immer ihr schreibt, wird nie jemanden klüger machen, die Augen öffnen, zum Nachdenken anregen, sondern immer nur die erreichen, die es vorher schon wussten?
Am Ende meint Jakubetz, wir würden wie „Bild“ und unsere Leser seien schon wie „Bild“-Leser (irgendwie auch wegen der zunehmenden Vermarktung und Entertainmentisierung), und findet hier in den Kommentaren „serviles Gutmenschentum“. Ich glaube, er verkennt gerade das Besondere an der Beziehung zwischen BILDblog und den BILDblog-Lesern. Wir haben erst angefangen, BILDblog-T-Shirts anzubieten, als Leute uns gefragt haben, warum es die eigentlich nicht gibt. Ein Konto haben wir eingerichtet, nachdem Leser uns gefragt haben, ob sie uns eventuell Geld spenden können. Servil sind sie nicht, sie geben uns ordentlich Kontra, wenn wir etwas machen, das ihnen nicht gefällt. Aber viele sind treu und sowas wie Fans, sie versorgen uns mit sachdienlichen Hinweisen und weisen uns auf unsere Fehler hin, und wenn es einen Fragebogen auszufüllen gibt, tun sie das in unfassbarer Zahl.
Mag sein, dass sie auch das Gefühl genießen (oder von mir aus auch nur die Illusion), gemeinsam auf der „richtigen Seite“ zu stehen. Aber sie tun das in einer Welt, die nicht von BILDblog-Lesern, sondern von „Bild“-Lesern dominiert wird. Und sie sind mir allemal lieber als die vielen, denen die Frage, ob sie auf der „richtigen Seite“ stehen, einfach vollständig egal ist.
Wie unfassbar das ist, hat mir unsere Lesung wieder gezeigt: Ich meine, wo gibt es das denn, dass Charlotte Roche einem sagt: Klar, ich les gerne für euch. Dass man bei Fettes Brot anfragt, ob die nicht auflegen wollen, und keine 24 Stunden später sagen die Ja. Einfach so, weil die uns gut finden (und Charlotte Roche). Ach, und überhaupt: Dass man eine Lesung macht und trotz 600 Sitzplätzen nicht alle reinkommen, die reinwollen, und sich mit selbst gemalten „Suche Karten“-Schildern vor die Tür stellen?

