Die tote Michelle, die Neonazis — und RTL

Das Mischmagazin „Extra“ ist einer der besonders hilflosen Versuche von RTL, Journalismus zu simulieren. Die Sendung am Montag versuchte sich an dem Thema der Ermordung der achtjährigen Michelle. In der Ankündigung formulierte der Sender:

Der Fall der missbrauchten und ermordeten Michelle aus Leipzig sorgt nicht nur bei Angehörigen für Zorn und Verzweiflung.

Der „Fall der missbrauchten Michelle“? Bis jetzt hat die Polizei ausdrücklich offen gelassen, ob das Mädchen sexuell missbraucht wurde. RTL unterstellt das einfach. RTL muss das auch unterstellen, denn „Extra“ hat — scheinbar passend zum Thema — offenbar in Eile mithilfe von Archivmaterial einen Beitrag zusammengeklöppelt, in dem es um Möglichkeiten der Kastration pädophiler Täter geht.

Am Ende kriegt der Beitrag wieder die Kurve nach Leipzig. Die Sprecherin sagt:

Diese Angst treibt auch die Menschen in Leipzig auf die Straße. Sie machen sich Sorgen um ihre Kinder, solange der Mörder von Michelle noch frei herumläuft und fordern drakonische Strafen. Allein im Raum Leipzig sollen 350 Kinderschänder registriert sein. Die Bürger hier wollen jetzt keine Haftstrafen mehr für verurteilte Pädophile, sie fordern die Todesstrafe.

Das ist zu hören. Gemeinsam skandieren die Menschen „Todesstrafe für Kinderschänder“. Und es ist zu sehen. Es steht auf den Transparenten, hinter denen die Demonstranten, darunter viele junge Frauen mit Kindern, hinterher laufen.

RTL zeigt eines groß:

An dem Banner ist nicht nur die Forderung und die Illustration bemerkenswert. Auch der angegebene Absender ist es. Das „Freie Netz“ ist ein Verbund von Internetseiten meist jüngerer Neonazis in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Nordbayern. Hinter ihrem Banner laufen die Menschen, die RTL zeigt. Ihr Banner, ihre Demonstration ist es, die RTL — ohne ein Wort der Erklärung — als Ausdruck dessen nimmt, was „die Bürger hier“ wollen.

Die ahnungslosen und sensationslüsternen Möchtgernjournalisten von RTL haben der Strategie der Neonazis nichts entgegenzusetzen. Sie gehen ihr gleich doppelt auf den Leim, wenn sie zumindest voreilig die Fixierung auf das Thema „Kinderschänder“ übernehmen und die Nationalen gleichzeitig als diejenigen zeigen, die den Volkswillen repräsentieren.

Dabei ist diese Strategie kein Geheimnis. Schon am Donnerstag, dem Tag, an dem Michelle tot gefunden wurde, gab die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag eine Pressemitteilung heraus, in der sie den Fall als Beweis der „Berechtigung“ ihrer Forderung nach der Todesstrafe für Kindermörder bezeichnete. Fast wie später RTL behauptete die NPD: „Offenbar wurde das Mädchen das Opfer eines Sexualverbrechens.“ Und ganz wie später implizit RTL machte die NPD sich selbst zum Sprachrohr der „berechtigten Empörung der Bürger“.

Ein Beitrag auf Indymedia schildert die Entwicklung am Donnerstag so:

Gegen 17 Uhr am Nachmittag sammelten sich im Leipziger Stadtteil Reudnitz mehrere Nazis des „Freien Netzes“ und meldeten eine Spontankundgebung an. Mit diversen schwarzen Fahnen, Fackeln und Transparenten des „Freien Netzes“ zogen bis gegen 19:30 Uhr bis zu 250 Nazis unter der Parole „Todesstrafe für Kinderschänder“ durch das Viertel. Trotz der Optik des Aufzugs und der Forderung nach der Todesstrafe schlossen sich rund 80 Anwohner der Demonstration an, zudem brachten sowohl Nazis als auch Anwohner nicht wenige Kinder mit zum Aufzug. Die Polizei begleitete die Demonstration mit mehreren Fahrzeugen.

Da aufgrund der tagesaktuellen Berichterstattung auch mehrere Kamerateams vor Ort waren, wurden Bilder des Aufmarschs auch im ZDF gezeigt. Zu sehen war der vordere Teil, inclusive der Forderung nach Todesstrafe auf Transparenten sowie dutzende Fackeln und Fahnen. Kommentiert wurde die Herkunft der Initiatoren mit „…nicht zuordenbaren Jugendlichen.“.

Die NPD beschreibt den Verlauf so:

So schaffte man es innerhalb kürzester Zeit eine Demonstration zu organisieren. In nicht einmal einer halben Stunde wurden Megaphone, Fahnen, Transparente und Fackeln organisiert, ein Ordnerdienst gebildet welcher sich eine Umfassende Strategie ausdachte um eine würdevolle Demonstration zu gewährleisten. Während die Polizei sich kooperativ zeigte, strömten immer mehr Menschen und Nationale Sozialisten auf den Platz vor der Schule. Die Beamten mussten die komplette Straße absperren, dass passieren der Straße wurde aufgrund der Menschenmenge unmöglich. Für jeden Teilnehmer war bekannt, wer die Demonstration angemeldet und organisiert hatte und dennoch blieb keiner Fern und keiner wurde ausgeschlossen. So entschied man sich auch politische Parolen, egal welcher Art zu unterlassen.

Nicht unwichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Onkel des ermordeten Mädchens Isztvan Repaczki ist — ein bekannter Aktivist der örtlichen Neonazi-Szene. (Das Nazi-Portal altermedia.info zeigt ihn im Gespräch mit einer RTL-Reporterin.) Das scheint eine Ursache für das große Engagement der NPD gewesen zu sein — und natürlich vor allem die Tatsache, dass die rechtsextremistische Szene, wie die „Südwest-Presse“ berichtet, „das Thema Kinderschändung für sich entdeckt“ habe: „Sie instrumentalisiert es gezielt.“

Im Bericht des rechtsextremen „Freien Netzes Leipzig“ liest sich das so:

Außer den etwa 200 nationalen Sozialisten beteiligten sich noch Hunderte Bürger an dem Gedenkzug. Bei einer kurzen Kundgebung sprach der Onkel der Mädels, selbst volkstreuer Aktivist, einige Worte zu den Anwesenden.

Als Deutscher unter Deutschen, sprach er davon, dass nur eine gesunde Volksgemeinschaft eine sichere Zukunft für unsere Kinder bieten kann. Kinder müssen wieder das höchste Gut unseres Volkes sein, ihr Schutz und ihr behütetes Aufwachsen muss zur heiligen Aufgabe aller deutschen Menschen werden. Kranke die sich an ihnen vergehen sind aus der Gemeinschaft zu entfernen da sie eine Gefahr für sie darstellen. Die moderne Hirnforschung hat bewiesen, dass das sexuelle Verlangen nach Kindern nicht heilbar ist, sondern eine Störung im Kleinhirn. Damit steht unwiderrufbar fest, dass es für diese Subjekte keine andere Strafe geben kann als die Todesstrafe. Im Knast liegen diese perversen dem schaffenden Volk nur auf der Tasche, und wenn sie frei herumlaufen sind sie eine tickende Zeitbombe.

Wer eine Ahnung davon bekommen will, was es bedeutet, wenn sich die kalkulierte Agenda der Neonazis und die ehrliche Erschütterung der Bürger treffen, mischen und hochschaukeln, muss lesen, was „Flohbude“ darüber schreibt, der dabei war:

Ein bulliger Mann trifft ein. Großes Hallo. Wüsste man sich nicht auf einer Demo anlässlich einer Kindstötung, könnte man dem Trugschluss erliegen, einer großen Familienfeier beizuwohnen. „Todesstrafe für Kinderschänder“ steht in großen Buchstaben auf der Heckscheibe seines BMW. Er übernimmt die Organisation. Keine zehn Minuten später: Ein gutes Dutzend schwarzer Fahnen am Anfang des Zuges. Schwarzgekleidete Jugendliche mit Sonnenbrillen und Handschuhen. Es werden die Auflagen der Stadt verlesen: Der Todesstrafen-Slogan ist nicht erwünscht, ebenso das Trinken von Alkohol und Rauchen. Gelächter.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Von der Schule aus geht es ins Stötteritzer Wäldchen. Abgelaufen wird die Strecke, die wahrscheinlich Michelles letzter Weg war. Auch hier dauert es keine Viertelstunde, dann erschallt der Ruf nach Todesstrafe. Die gnadenlos unterbesetzte Polizei ist handlungsunfähig, kann gerade so den Verkehr regeln. Fackeln werden neben den schwarzen Fahnen entzündet. Die ursprünglichen Organisatoren erscheinen ratlos. Weder können sie sich erklären, woher die Fahnen kommen, noch wieso sechsmal so viele Menschen erschienen sind als geplant. Weiter hinten im Zug versucht man die Radikalforderungen der Vorderleute abzuschwächen: „Keine Gnade für Kinderschänder!“. Vergebens. (…)

Welch skurriler Anblick: Zwischen Transparenten mit der Aufschrift „Nationaler Sozialismus, jetzt!“ laufen Nachbarn, Supermarktmitarbeiter, ältere Leute. Ist ihnen Wohl bei der ganzen Sache? Wissen sie, wer vor und hinter ihnen läuft, mit wem sie sich in diesen zwei Stunden gemein machen? Ich mag nicht darüber urteilen, denn ein Befragen ist angesichts der Menge an Aufpassern zu riskant. (…)

Die Köpfe der Bewegung können sich auf eine breite Basis stützen. Sie sind in die Wohnstuben derer eingesickert, deren Selbstbild das des Verlierers ist, der sich aber trotz aller Benachteiligungen ein ordentliches Maß an Kampfgeist und Widerspruchsrecht bewahrt. Der alle Schuld beim “System” findet, bei „denen da oben“. Wenn es eine unausgesprochene, aber von jedem im Kopf mitgeführte Parole gibt, dann lautet sie „Wir sind denen doch egal!“. Man fühlt sich verlassen, nicht ernst genommen. Eine Forderung will, dass OBM Jung auf einer der kommenden Demos spricht. Geschickter Schachzug: Tut er es, sind die Fordernden ganz oben angekommen und können ihrer Folgschaft zeigen, zu was sie in der Lage sind. Spricht er nicht, ist das wieder willkommene Selbstbestätigung. „Gesinnungsentscheidung“ werden die einen dann märtyrern. „Da sieht man’s wieder: Egal!“, die anderen. Schlechte Menschen sehen dennoch anders aus. Wo der akademische Ignorant Bosheit vermuten mag, herrscht pure Ratlosigkeit. Nicht nur im Fall des Kindermordes. Es geht um die gesamte Situation einer hetrogenen Gruppe, die sich in einem System verliert, welches sie nicht auffangen kann. Alles mündet in den Willen des Geführtwerdens. Jede Alternative ist willkommen, so lange sie einfach begreifbar ist. Und die Führer stehen bereit.

(Filme von den Demonstrationen bei YouTube.)

[mit Dank an Torsten Schilling!]

Nachtrag, 19:50 Uhr. Das Online-Medienmagazin „Meedia“ zitiert einen RTL-Sprecher mit den Worten:

„Uns sind Fehler unterlaufen. Das ist ärgerlich und darf trotz des grossen Zeitdrucks unmittelbar vor der Sendung nicht passieren. Wir haben das zum Anlaß genommen, unsere diesbezüglichen Kontrollmechanismen noch einmal zu verschärfen.“

Nachrichten aus tausendundeiner Nacht

Nach Angaben der US-Armee hat sich ein Mädchen im Irak, das von Terroristen mit einer Sprengstoffweste für ein Selbstmordattentat präpariert wurde, am vergangenen Sonntag der Polizei gestellt.

Laut „Welt Online“ gibt es in den Berichten über den Vorfall „zahlreiche Ungereimtheiten und widersprüchliche Angaben“ – außer, wie es scheint, für den „Berliner Kurier“:

„Einen töten, Tausend retten“

Der Online-Ableger von RTL versucht, seine Einnahmen jetzt auch dadurch zu erhöhen, dass er Werbung in die laufenden Videos einblendet. Die Profis von rtl.de haben so einen Bericht über den ersten Schultag nach der Ermordung von Michelle in Leipzig mit Werbung für den Film „Wanted“ („Bestimme dein Schicksal! Lass die Kugeln sprechen!“) kombiniert:

Heike Lippertz lässt ihre Tochter Celina nicht mehr aus den Augen, bringt sie heute morgen natürlich persönlich zur Schule. Zu groß ist die Angst. „Man weiß ja nie, was kommt, wo er steht. Er könnte da sein, da sein.“




Die NPD in der „Torgauer Zeitung“ (2)

In der „Frankfurter Rundschau“ äußert sich die „Torgauer Zeitung“ zu der Frage, warum das Blatt (wie berichtet) eine Pressemitteilung der NPD unkommentiert, in voller, erstaunlicher Länge und inklusive des NSDAP-Kampfbegriffs „Systempartei“ abdruckte:

Chefredakteur Thomas Stöber räumt ein, dass eine redaktionelle Auseinandersetzung besser gewesen wäre: „Der Kollege hat das nicht ordentlich bearbeitet, weil ihm da der Einblick fehlt“, sagte er der FR. Der für die Rechtsextremen zuständige Redakteur war in Urlaub.

Stöber klagt zudem, dass ihm gute Leute und Geld fehlten.

Gegenüber dem „Störungsmelder“ der „Zeit“ schloss Stöber aus, die Pressemitteilung von der Internetseite seiner Zeitung zu entfernen: Schließlich würden auch die Pressemitteilungen anderer Parteien mitunter kommentarlos veröffentlicht.

Das ist die beste Begründung von allen. Im Klartext lautet sie: Wir arbeiten doch sonst auch nicht journalistisch, warum sollten wir es bei Neonazis tun?!

Die „Torgauer Zeitung“ ist eine Lokalausgabe der „Leipziger Volkszeitung“, die je zur Hälfte der Axel-Springer-AG und der Verlagsgesellschaft Madsack gehört. Madsack wiederum gehört zu gut einem Fünftel der SPD. Da sind ja alle staatstragenden Garanten für guten Journalismus zusammen.

Das NPD-Blog kommentiert die Sache ausführlicher.

Klarstellung, 27. August: Die „Torgauer Zeitung“ ist eine Regionalausgabe der „Leipziger Volkszeitung“, gehört ihr aber nur zu 24,9 Prozent.

Komma- und Sinnkrise bei Wlet Online

„Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit.“

(Christoph Keese, ehemaliger Chefredakteur von „Welt“ „Welt am Sonntag“ und „Welt Online“, im Juli 2007)

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Aus einem „Welt Online“-Artikel vom vergangenen Freitag:

(…) Patricia Williams behauptete, dass sie kürzlich „entlassen worden sei“ nachdem Rihanna sie des Diebstahls bezichtigt hatte als sie entdeckte dass ihr Vermögen plötzlich verschwunden war. Williams sagte: „Es ist nicht meine Schuld dass sie nur noch 20.000 Dollar auf ihren Namen zur Verfügung hat, ich habe für viele bekannte Schauspieler, Musiker und Aktiengesellschaften gearbeitet, die über eine vielfache Millionensumme verfügten. (…)“

Rihannas letztes Album „Good Girl Gone Bad“ verkaufte sich weltweit ungefähr fünf Millionen mal und die karibische Sängerin machte dieses Jahr eine ausgedehnte Tour durch die USA und Europa. (…)

Williams wird auf der Website blackarazzi.com zitiert: „Def Jam hat Rihanna nicht richtig gefördert, also benutzt Marc [ihr Manager] das Geld, damit sie durch Touren und über Dritte verdient, um ihre Alben und ihre Musikvideos zu promoten. Ich will Marc nicht respektlos begegnen, er ist ein fantastischer Manager und glaubt wirklich an Rihanna. Aber er nimmt ihr Geld um ihre zukünftigen Projekte zu finanzieren.“

Die Verkaufszahlen von Rihannas Alben seien nach Angaben von Williams nicht so hoch wie die ihrer Singles. Leider habe der Manager Rihanna das nicht seiner Klientin nicht mitgeteilt. „Deshalb“, so Willisams, „bekomme ich alles ab.“

(Und sind für manche Themen medienübergreifend die Redaktions-Legastheniker zuständig?)

Schöner Trennen mit „TV Movie“

Jetzt gibt es aus dem Hause „TV Movie“ eine neue Zeitschrift. Sie heißt „TV Movie Digital“. Und sie hat „TWIN VIEW“.

„TWIN VIEW“ ist ein Konzept mit revolutionärer Doppelwirkung. Sein eingebauter Supernebel sorgt dafür, dass man nicht sofort erkennt, dass es sich bei „TV Movie Digital“ nur um dasselbe Zeitschriftenkonzept handelt, mit dem „TV Digital“ schon seit Jahren und höchst erfolgreich auf dem Markt ist. Und der integrierte Deppenmagnet ermöglicht es, gezielt die Leser anzusprechen, die auf jeden Marketingunsinn hereinfallen und eine entsprechend attraktive Zielgruppe für die Werbewirtschaft darstellen.

Das schreibt „TV Movie“ aber natürlich selbst nicht so deutlich. „TV Movie“ schreibt, dass man mit „TWIN VIEW“ ganz schnell seine persönlichen Fernseh-Highlights finde — „übersichtlich getrennt nach Digital- und Free-TV.“

Ganz Schlaue werden nun natürlich anfangen, am Kiosk nach einer Schwesterzeitschrift zu suchen, die den Rest des Fernsehprogramms enthält, vermutlich ähnlich übersichtlich getrennt nach Analog- und Pay-TV.

Aber das Konzept ist fraglos revolutionär — und wird sicher, wenn „TV Movie Digital“ erst einmal ein Erfolg ist, auf viele andere Lebensbereiche übergreifen. Restaurants mit dem „TWIN VIEW“-Markenzeichen werden ihre Speisen sortiert nach vegetarischen Gerichten (blau hinterlegt) und Suppen (rot hinterlegt) präsentieren. Und Schuhgeschäfte werden mit dem „TWIN VIEW“-Logo im Schaufenster dafür werben, dass bei ihnen die Schuhe übersichtlich getrennt nach Damenschuhen (Erdgeschoss) und braunen Schuhen (1. Stock) sortiert sind.

[via DWDL]

Die NPD in der „Torgauer Zeitung“

Der Axel-Springer-Verlag hat bekanntlich vor der letzten Bundestagswahl beschlossen, dass keine seiner Zeitungen oder Zeitschriften Anzeigen der „Linken“ abdruckt. Es gebe Zweifel an der „Verfassungskonformität“, begründete der Verlag seinen Boykott, der „ein sachlicher Vorgang und nicht politisch motiviert“ sei.

Und damit zu einem ganz anderen Thema.

Am vergangenen Mittwoch gab der NPD-Landesverband Sachsen eine Pressemitteilung heraus, in dem der Kreisverband Nordsachsen die „Selbstbedienung“ der von der NPD so genannten „Systemparteien“ kritisierte. Und wie gingen die Journalisten der „Torgauer Zeitung“, einer Lokalausgabe der „Leipziger Volkszeitung“, die von der Axel-Springer-AG gemeinsam mit dem Madsack-Verlag herausgegeben wird, mit dieser Pressemitteilung um?

Sie veröffentlichten sie ungekürzt und im Wortlaut.

[via NPD-Blog, Stralau-Blog]

Klarstellung, 27. August: Die „Torgauer Zeitung“ ist eine Regionalausgabe der „Leipziger Volkszeitung“, gehört ihr aber nur zu 24,9 Prozent.

Olympia und die Fragen der Journalisten

Channel 4 News, 14. August 2008:

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Thomas Kistner, „Süddeutsche Zeitung“, 19. August 2008:

Die Luft war täglich dicker geworden im Hauptpressezentrum der Spiele, jetzt verhängten Internationales Olympisches Komitee (IOC) und das Veranstalterbüro Bocog einen Presseboykott light. Nachdem die Sprecher beider Organe am Samstag und auch am Sonntag die täglich terminierten Konferenzen mit der Weltpresse gestrichen hatten, beendete Bocog-Sprecher Sun Weide die wie üblich stark kontroverse Gesprächsrunde am Montag mit dem Hinweis: „Die nächste Konferenz ist Mittwoch, die übernächste am Freitag.“ Fragen nach dem Grund der restriktiven Informationspolitik brachten IOC-Sprecherin Giselle Davies in Rage: „Es gibt doch Handys und E-Mail, oder?“ (…)

Der Bocog-Vize findet, es sei Zeit für die Gegenattacke. Er muss hier ein Problem lösen, das er dem IOC solange dargelegt hat, bis die es begriffen haben: Es geht nicht um die Ausländer, es geht um die eigene Presse, die von den Fremden infiziert werden könnte. Das ausländische Publikum hat man fern- und das Gros der Stadien halbwegs leerhalten können – die tägliche gemeinsame Medienkonferenz von Bocog und IOC aber ist das letzte gefährliche Fenster zur Außenwelt. Was hier abläuft vor all den Kameras und Mikros, ist offiziell und könnte nach innen berichtet werden, sofern sich einer traut. Das Fenster muss geschlossen werden, die Fragen der Weltpresse sind wie ein Virus geworden, das täglich in den Staatskörper einzudringen versucht. (…)

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Thomas Kistner, „Süddeutsche Zeitung“, 21. August 2008:

(…) Irgendwann (…) die Chance für eine Frage: „Warum sind die Transkripte der Konferenzen hier nie korrekt verfasst, wer entscheidet über die Veränderung der Inhalte?“

Bocog-Vize Wang Wei pariert die Peinlichkeit vorbildlich: „Das entscheidet die Internet-Redaktion, wir akzeptieren es.“

Der Nächste, bitte.

Der Nächste will zwecks Nachfrage das Mikrofon nicht wieder rausrücken, das ihm der Volunteer gereicht hat. Seine Frage gilt den 77 Protestaktionen, die bei Pekings Behörden für die freizügig angekündigten Protestzonen in der Stadt beantragt worden sind. 77 davon wurden abgeschmettert, zwei mit der Begründung, dass Kinder dabei gewesen wären, die sind vor Missbrauch zu schützen. Da blitzt sie auf, die neue Offenheit. Chinas Kinder werden ja sonst gern von klein auf zu harter Arbeit rangezogen, manche sogar in olympischen Drillcamps, dies ist bei den Spielen hier gut an den Gold-Küken um Turnerin Ke Hexin zu erkennen.

„Geben Sie das Mikro zurück!“, bellt Presseoffizier Sun Weide vom Podium, „Volunteers! Sie haben zu arbeiten!“

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Und ARD und ZDF senden Propagandafilme des IOC. Nicht irgendwo, nachts, versteckt im Digitalprogramm. Sondern zum Beispiel vor der „Tagesschau“. Anscheinend sind sie zur Ausstrahlung vertraglich verpflichtet. Aber sie senden sie nicht mit einem Vor- und Abspann, in dem es heißen könnte: „ARD und ZDF sind zur Ausstrahlung dieser Olympia-Werbespots verpflichtet. Verantwortlich für den Inhalt ist allein das IOC.“ Sie geben nicht einmal den Absender der Werbefilme an.

Auf Nachfrage von „Welt Online“ sagt Rudolf Küffner, Sprecher des Bayerischen Rundfunks, über die PR-Spots:

„Es handelt sich nicht um PR-Spots, sondern um redaktionell abgenommene Sendungen.“

Weiter berichtet „Welt Online“:

Eine Sprecher der bei der ARD verantwortlichen Sendeanstalt NDR sagte WELT ONLINE zu der Frage, wie oft die Spots schon verbreitet worden seien: „Wir haben die Trailer passend zum Programmfluss eingesetzt und werden dies auch weiterhin an geeigneter Stelle tun.“ Das ZDF antwortete auf eine schriftliche Anfrage gar nicht.

Auch Fragen des Branchendienstes epd-Medien zur Olympia-Berichterstattung wollte das ZDF in dieser Woche übrigens nicht beantworten. Man muss anscheinend aufpassen, wenn man vom ZDF Antworten haben will, dass man nicht die falschen Fragen stellt. Oder dass nicht der Falsche die Fragen stellt.

Ich weiß, dass der Vergleich hinkt, aber ich werde den Gedanken nicht los, dass manche Leute bei den öffentlich-rechtlichen Sendern den Umgang des IOC mit kritischen Journalisten ganz inspirierend fanden.

Die toten Roma-Mädchen von Neapel (2)

Vor gut drei Wochen habe ich über die beiden toten Roma-Mädchen am Strand bei Neapel geschrieben — und über das Foto von ihren Leichen inmitten des Badebetriebs, das als Symbol für den Rassismus und die Abgestumpfheit der Italiener um die Welt ging.

Tom Welschen, ein niederländischer Autor, der seit über neun Jahren in Italien lebt und das Land wegen seiner Fremdenfeindlichkeit verlassen will, hat mich auf ein Video aufmerksam gemacht, das gedreht wurde, als auch die Fotos entstanden.

Welschen hat auch Fotos von dem Vorfall montiert.

Das Video gibt noch einmal eine andere Perspektive auf das Geschehen am Strand an diesem Tag — und scheint auch eine andere Geschichte zu erzählen als das überall verbreitete Foto. Es ändert nichts an meiner Ratlosigkeit, was den ganzen Vorfall angeht, aber ich fand, dass es noch zu der Geschichte gehört.

Mit Sat.1 bei den Sozialschmarotzern (2)

Aus den Kommentaren hier:

Ich arbeite bei der “Hartz-IV-Behörde” des Kreises Offenbach in der Leistungsgewährung – und empfinde diese unsägliche Sendung als … bäh! (sorry, ich sitze 2 Minuten vor den Tasten und mir fällt einfach kein besseres Wort ein).

Nicht nur, dass die Sendung vor sachlichen Fehlern strotzt, Frau Fürst praktisch in jeder Minute ihre Kompetenzen überschreitet und dabei so unglaublich affektiert, prollig und unsympathisch rüberkommt. Dazu kommt noch völlig aus dem Zusammenhang gerissene Details präsentiert werden. Ich kenne die Akte der “türkischen Superschmarotzer” nicht. Und genau deshalb erlaube ich mir auch kein Urteil. Der Zuschauer kennt die Akte auch nicht. Aber SEIN Urteil steht fest.

Und ganz am Rande: Wie ich von Kollegen weiß, häufen sich seit gestern 2 Arten von Anrufen, nämlich a) Denunziationen und b) Anfragen von Hilfeempängern, ob sie nicht auch mal neue Möbel beantragen könnten…

Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen möchte…

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Als Mitarbeiter im Leistungsbereich SGB II schicke ich hin und wieder ebenfalls den Außendienst heraus. Feststellung von Bedarfen, Check möglicher Ortsabwesenheit, Überprüfung auf Bedarfsgemeinschaft oder Wohngemeinschaft usw.

Die Sendung ist für mich lediglich ein großer Witz. Ja, es gibt Betrüger. Für mich steht ebenfalls fest, dass der Anteil der Betrüger über dem Wert von 0,6% liegt. Höher ist allerdings der Anteil der Personen, die de facto nicht vermittelbar sind (aufgrund psychischer Probleme, Suchtproblematiken, fehlender Motivation). Hier bleibt die Politik eine Antwort schuldig und die Gesellschaft zahlt und ist glücklich damit.

Aber egal, zu Sendung (zum Glück habe ich nicht alles gesehen):
1. Rauchen im Dienstfahrzeug – ganz dumm….
2. Vater fährt im X5 des Sohnes.. Alles auf Kamera – Betrug nachgewiesen. Wer’s glaubt… Wäre etwas ganz neues, dass sich ein Leistungsempfänger kein Auto von Verwandten leihen darf.
3. Vater hält sich in der Wäscherei des Sohnes auf. Schwarzarbeit nachgewiesen. Wer’s glaubt… (Die Sozialfahnder sollten das vielleicht den Profis von der FKS des Zolls überlassen)

Mein Eindruck (gefärbt durch die subjektive Darstellung sowie meine Erfahrung in ähnlich gelagerten Fällen von familiär organisiertem Leistungsmißbrauch) spricht auf jeden Fall für einen Beschiss durch die Hilfeempfänger. Fakt ist allerdings, dass Behörden gerichtsfest ermitteln müssen. Angesichts der dargestellten Indizien ist ein rechtmäßiger Nachweis des Leistungsbetruges meines Erachtens nicht möglich.

Die Sendung ist für mich eine Doku-Soap, mehr nicht. Tendiert irgendwo zwischen Richterin Salesch und Unsere erste Wohnung. Wahrheitsgehalt irgendwo bei 20%…

Positiv: Leistungsmißbrauch wird thematisiert. Und wenn die Denunzianten mir nun die Tür einrennen – super. Wer betrügt, soll die Quittung dafür bekommen. Vielleicht kommen manche dann wirklich auf den Trichter, dass ein Job die bessere Alternative darstellt.

Negativ: Wo war Sat1, als Zumwinkel die Steuerfahnung ins Haus lassen musste – vor der Tür und nicht im Haus. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, wenn es um Betrug am Steuerzahler geht.

(Wichtiger Hinweis: Ich habe die Echtheit der Absender nicht überprüft.)