Apocalypse Then

In Großbritannien ist in der vergangenen Woche der Text veröffentlicht worden, der in den siebziger Jahren im Radio im Fall eines Atombombenanschlags auf das Land durchgegeben werden sollte [pdf]. Er beginnt mit den Sätzen:

This is the Wartime Broadcasting Service. This country has been attacked with nuclear weapons. Communications have been severely disrupted, and the number of casualties and the extent of the damage are not yet known. We shall bring you further information as soon as possible. Meanwhile, stay tuned to this wavelength, stay calm and stay in your own homes.

Und endet mit den Sätzen:

We shall repeat this broadcast in two hours‘ time. Stay tuned to this wavelength, but switch your radios off now to save your batteries until we come on the air again. That is the end of this broadcast.

Zwischendurch wird den Briten erklärt, dass sie kein Wasser verschwenden sollen und sich frische Nahrungsmittel nicht so lange halten wie Essen in Dosen, weshalb sie zuerst gegessen werden sollten. Vor allem aber:

Remember there is nothing to be gained by trying to get away.

Faszinierend ist auch, dass die Regierung sich sehr darum sorgte, dass die Bevölkerung das fatale Gefühl bekommen könnte, die nationale Institution, die BBC, sei ausgelöscht worden. Nur eine vertraute BBC-Nachrichtenstimme könne die Menschen beruhigen, schrieb 1974 der damalige Kommunikationsminister. Das Problem war nur, dass der einzige BBC-Sprecher, der nach Sicherheitsmaßstäben als zuverlässig genug eingestuft wurde, relativ unbekannt war — die Starmoderatoren der damaligen Zeit hatten nicht die nötige Freigabe der Behörden bekommen.

Wer letztlich ausgewählt wurde, ist unbekannt — aber laut „Independent“ ist die Aufnahme mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich produziert worden.

Die Grafik, mit der die BBC die Meldung über die apokalyptische Ansage illustriert, ist aber vermutlich eher nur ein Symbolfoto:

Programmhinweis (20)

Am kommenden Mittwoch, 8. Oktober, bin ich in Halle (Saale) bei einer Veranstaltung der — Luftholen! — Halleschen Europäischen Journalistenschule für Multimediale Autorschaft / Alfred Neven DuMont (HALESMA A.N.D.) des Halleschen Instituts für Medien (HIM) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Beim „6. Europäisches Journalistengespräch“ reden Jörg Biallas, Chefredakteur der „Mitteldeutschen Zeitung Halle“, Erik Staschöfsky, Vorsitzender des Verbandes junger Medienmacher Sachsen-Anhalt (fjp>media), Jochen Wegner, Chefredakteur von „Focus Online“, und ich über die „Zukunft des gedruckten Wortes in den Medien“. Der Eintritt ist (nach telefonischer Anmeldung) frei.

Weitere Informationen hier.

(In dem Zusammenhang habe ich einen Artikel für die „Mitteldeutsche Zeitung“ über den Klickwahn der Online-Medien geschrieben. Für regelmäßige Leser dieses Blogs steht da aber eher wenig Neues drin.)

Die „Krone“ als Königsmacher

Die österreichische „Kronen-Zeitung“ ist wahrscheinlich die, relativ zur Bevölkerungszahl, größte Zeitung der Welt. Sie wird täglich von über vierzig Prozent der Österreicher gelesen. Und sie ist bekannt dafür, besonders wenig Skrupel zu haben, diese Position für eigene Ziele zu missbrauchen. Der Aufstieg von Jörg Haider ist ohne die „Krone“ und ihre Kampagnen undenkbar.

Vor der Nationalratswahl vor einer Woche gab es eine Art Pakt zwischen SPÖ und „Krone“: Die SPÖ schwenkte mit einem offenen Brief an „Krone“-Herausgeber Hans Dichand auf die Linie der EU-feindlichen Boulevardzeitung ein, sprengte damit die große Koalition und wurde dafür von der „Krone“ im Wahlkampf mit positivsten Schlagzeilen und Berichten beschenkt.

Bei der Wahl erzielte die SPÖ das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte, schaffte es aber, stärkste Partei zu bleiben und ihren Vorsprung vor der — von der „Krone“ systematisch diffamierten — ÖVP deutlich auszubauen. Wie groß ist die Macht der „Krone“ (für die auch der ehemalige RTL-Informationsdirektor Hans Mahr schreibt) also wirklich?

Das Wahlverhalten von Nur-„Krone“-Lesern unterscheidet sich nach einer Umfrage der GfK dramatisch von denen, die nur andere Zeitungen lesen:

(Vorsicht bei der Interpretation der Zahlen: Sie besagen zwar, dass die „Krone“-Leser ganz überwiegend im Sinne der „Krone“-Berichterstattung wählen. Ob sie das aber tun, weil sie die „Krone“ lesen, oder ob sie die „Krone“ lesen, weil sie bestimmte Parteien bevorzugen, ist damit nicht gesagt. Der Unterschied im Wahlverhalten ist jedenfalls frappierend.)

Mehr über die Macht der „Krone“:

Palin vs. Biden — Live

Ich werde mir heute die Nacht um die Ohren schlagen und so ab 2 Uhr die Vizepräsidentschaftsdebatte (die bestimmt aufregender wird als die erste Debatte von Obama und McCain) nebenan im Fernsehlexikon live begleiten — möglicherweise sogar mit Unterstützung durch den unnachahmlichen Herrn Schwenzel.

Zur Einstimmung das aktuelle Cover des „New Yorker“:

Fair and Balanced

Ein Reporter von „Fox News“, Rupert Murdochs rechtem Nachrichtensender (nach wie vor der mit Abstand meistgesehene Nachrichtensender in den USA), demonstriert anhand einer kleinen Abstimmung in einem Restaurant, wie sehr die Wähler in Pennsylvania zwischen Barack Obama und John McCain „gespalten“ sind:

(Man beachte auch sein eigenes Abstimmungsverhalten und das ältere Ehepaar im Hintergrund, das sich erst verwählt.)

[via Roy Greenslade, via Newshounds]

Bloggen als Therapie

Gestern saß ich im Flugzeug in der gleichen Reihe wie Tita von Hardenberg. Sie saß zwei Plätze weiter, auf der anderen Seite des Gangs, und ich habe sie erst nicht gesehen oder erkannt. Ich war müde, hatte einen blöden Mittelplatz und war vollauf damit beschäftigt, mich nicht über den Mann zu ärgern, der neben mir saß und gut gelaunt und kommunikationsfreudig war.

Als ich dann ahnte, dass die Frau auf der anderen Seite des Gangs Tita von Hardenberg sein könnte, war es zu spät. Ich hatte schon einmal, als sie rüberguckte, weggeguckt, so als wollte ich so tun, als hätte ich sie nicht erkannt, dabei hatte ich sie wirklich noch nicht erkannt, und nun erschien es mir (insbesondere nachdem mir einfiel, was ich als letztes über Tita von Hardenberg geschrieben hatte) aus einem schwer zu erklärenden Grund am besten, tatsächlich so zu tun, als hätte ich sie nicht erkannt, obwohl ich sie erkannt hatte, weshalb ich nun angestrengt entspannt abwechselnd las, nach vorne starrte und schlief.

Das klappte als Nichtkommunikationsstrategie so lange, bis wir in Berlin landeten und der Mann neben mir aufstand und sagte: „Ich kenn‘ dich irgendwoher.“ Ich erkannte ihn nicht, was kein Wunder war, weil ich mich ungefähr nie an Gesichter und Namen erinnern kann (vermutlich ein Selbstschutzmechanismus meines Gehirns, das mich auf diese Weise davor zu bewahren versucht, mich in meiner sozialen Inkompetenz ununterbrochen in ähnlichen Ich-tu-einfach-als-hätte-ich-sie-nicht-erkannt-Kamikaze-Routinen zu verheddern). Ich sagte also meinen Namen, und er stellte sich vor und sagte: „Ah, wir sind uns beim Grimme-Online-Award mal begegnet.“

Und dann zeigte er auf Tita von Hardenberg und mich und sagte: „Aber dann kennt ihr euch doch auch!“

Und ihr fiel nichts Besseres ein, als zu sagen: „Ja, er hat ganz gemein über uns geschrieben.“

Und mir fiel nichts Besseres ein, als zu sagen: „Es war aber auch wirklich nicht gut.“

Dann war zum Glück der Weg zum Ausgang frei, und wir hatten zum Glück alle kein Gepäck, auf das wir gemeinsam hätten warten müssen. Geblieben ist aber leider dieses Gefühl, dass die ganze Situation ungefähr so peinlich war wie die durchschnittliche RTL-2-Doku-Soap, nur ohne Fernbedienung.

Aber bestimmt hilft es mir, diese Peinlichkeit mit einer größeren Öffentlichkeit zu teilen.