Kurz verlinkt (28)

(…) What if everything you thought you knew about Aids was wrong? That was the title of a book by Christine Maggiore, an HIV/Aids-denialist lauded in the American media. She is now dead.

Maggiore decided that HIV does not cause Aids, and that antiretroviral drugs do not treat it. She was HIV positive, which the media loved. She declined to take ARV drugs and specifically decided not to take HIV drugs during her pregnancy, despite the strong evidence that they massively lower the risk of maternal transmission. She insisted on breastfeeding her children, even though it has been shown that this increases the risk of maternal transmission. She also refused to have her children tested for HIV. Her daughter, Eliza Jane Scovill, died three years ago. The coroner attributed the death to Aids and Pneumocystis carinii pneumonia. She was three years old. (…)

Ben Goldacre über die tragische Geschichte einer Frau, die — auch mithilfe von Medien — eine sehr erfolgreiche Aktivistin für einen tödlichen Irrglauben wurde. Mehr über den Fall (mit der erwartbaren heftigen Diskussion in den Kommentaren) im Scienceblog „Respectful Insolence“ (mit Fortsetzung hier). Die „Los Angeles Times“ stellt den Fall in den größeren Zusammenhang der Frage über die Notwendigkeit und die Gefahren, vorherrschende Annahmen zu hinterfragen.

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2009 – Was für ein Jahr! Das Super-Wahljahr, das Jahr der Entscheidungen. So eine geballte Zahl von Wahlen hatten wir noch nie, 16 werden es bis September sein, dann der Höhepunkt: die Bundestagswahl. Viele fragen sich: Tut das gut, Dauerwahlkampf ausgerechnet in einem der schwersten Krisenjahre? Erwartet uns in den kommenden Monaten Pragmatismus und Populismus statt kluger Konzepte und kühler Köpfe? (…)

Ein spannendes Jahr, von Woche zu Woche mehr. Berlin blickt nicht nur in den September, nein, jede einzelne Wahl wird als Test für das große Ganze gewertet. Die Schönredner werden an den Wahlabenden wieder Hochkonjunktur haben, während die Schwarzmaler der Weltkonjunktur hoffentlich nicht recht behalten.(…)

Peter Hahne bloggt als erster für das ZDF über die Wahl, und es wird sicher ein Super-Wahlblog, das Blog der Phrasen, über das wir spätestens im Herbst sagen werden: So eine geballte Zahl von Platitüden hatten wir noch nie. Berlin blickt in den September, Dinslaken in den Juli, und der Krug so lange in den Brunnen, bis er bricht.

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Was passiert wenn eine solche Waffe in geschlossenen Gegenständen explodiert? Ein Versuch in einem Briefkasten soll die hohe Sprengkraft verdeutlichen… Die Reste des Briefkastens fliegen teilweise ZWANZIG METER weit. … Knaller im Briefkasten (KAWUMM) – kein Lausbubenstreich, sondern eine Straftat.

Nachdem ein „Galileo“-Zuschauer sich durch einen viertelstündigen Beitrag, der zeigte, wie krass geil gefährlich so Böller sein können, offenbar zum Bau einer Rohrbombe hat inspirieren lassen, ist das Rennen um die größere Doofheit zwischen dem Magazin und seinen Zuschauern wieder völlig offen. Mehr im „Notizblog“ von Torsten Kleinz: „Bitte nicht nachmachen“.

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Das Jahr ist zu Ende und hat erneut zahlreiche Zeitschriften-Tode gesehen. Wie in jedem Jahr wollen wir die verstorbenen Print-Produkte ein letztes Mal ehren – in unserem Zeitschriften-Nekrolog. In unseren ausführlichen Recherchen haben wir 92 Publikumszeitschriften gefunden, die 2008 zum letzten Mal das Licht des Kiosk-Tresens erblickten.

Auf retromedia.de eine weitere Fleißarbeit von Jens Schröder.

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Und dann ist da noch dieses Foto von Barack Obama und Hillary Clinton, ein einziges Bild, das den ganzen Wahlkampf zusammenfasst.

[via Andrew Sullivan]

Cindy aus Marzahn

Ich muss jetzt doch mal fragen, ob mir jemand Cindy aus Marzahn erklären kann. Das schien bislang keine Dringlichkeit zu haben, denn wie lange soll sich eine Comedyfigur halten, an der das Witzigste schon der Name und die Art Schlafanzug ist, die sie trägt, wenn sie sich nicht gerade in hautenge pinkfarbene Leggins zwängt? Cindy ist prollig und ostig und eine Mischung aus den Hartz-IV-Empfängerinnen, die man im „Frauentausch“ auf RTL 2 trifft, und den jungen Möchtegern-Schlampen, die sich für Oliver Geissen auf RTL herausputzen. Cindy ist das Projekt, mit dem sich Ilka Bessin selbständig gemacht hat, um aus dem Elend der Langzeitarbeitslosigkeit herauszukommen, und natürlich muss man ihr dazu von Herzen gratulieren.

Aber das ist nun auch schon vier Jahre her. Ihr Witz trägt fünf Minuten, zusammen mit ein bisschen Publikumsbeschimpfung vielleicht zehn, aber selbst wenn man für Warhol noch fünf draufgibt, müssten die längst abgelaufen sein.

Doch der Erfolg reißt nicht ab. Bessin hat schon vor fast zwei Jahren öffentlich gegrübelt, dass diese Cindy nicht ewig als Figur funktionieren werde, aber da hat sie die Anspruchslosigkeit des deutschen Comedypublikums unterschätzt. Sie sehen sich nicht satt an den auftoupierten Haaren, hören sich nicht satt an dem Witz über ihre Alzheimer-Bulimie (erst fressen, dann das Kotzen vergessen), lassen sich nicht sattbeschimpfen von der ebenso doofen wie aggressiven Frau auf der Bühne. Sie lebt jetzt praktisch im Fernsehen (heute in „World of Comedy“, 14.15 Uhr, RTL; Freitag in den „Hit-Giganten“, 20.15 Uhr, Sat.1) und wird vermutlich nie wieder weggehen.

Und das ist vielleicht das Schlimmste an der Fernsehcomedy von heute: dass jedes One-Hit-Wonder gleich zum Evergreen wird.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die scheinheilige Begnadigung der Andrea Kiewel

Wie lange soll eine Fernsehmoderatorin büßen müssen, die von einem Unternehmen Geld dafür bekommen hat, in Sendungen Schleichwerbung für ein Diät-Programm zu machen?

Ein Jahr ist es her, dass sich das ZDF mit scheinbar klaren Worten von Andrea Kiewel trennte. „Schleichwerbung in Sendungen des ZDF ist nicht akzeptabel“, formulierte der Intendant Markus Schächter damals (meinte damit aber natürlich nur solche Schleichwerbung, die mit dem ZDF nicht abgesprochen ist – dass Thomas Gottschalk den Millionen „Wetten, dass“-Zuschauern Markenlogos hinhält, ist für den Sender überaus akzeptabel). Kiewels Aktivitäten hätten „die Vertrauensbasis zwischen uns zerstört“.

Heute nun bestätigt ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut offiziell, was als Gerücht schon seit Monaten kursiert: Kiewel wird begnadigt und darf vom Mai an wieder den ZDF-„Fernsehgarten“ moderieren. „Wenn einer einsichtig ist, sollte man ihm eine zweite Chance geben“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Als die sich erkundigte, wie er denn „Klarheit und Ehrlichkeit durchsetzen“ wolle, „wenn niemand ernste und nachhaltige Sanktionen fürchten braucht“, fragte er zurück: „Wie viel Strafe wäre denn angemessen?“

Das ist theoretisch eine gute Frage, die praktisch relativ bedeutungslos ist. Natürlich wäre es übertrieben, jemanden wie Andrea Kiewel lebenslang zu sperren – obwohl die Art, wie sie Sender und Zuschauer täuschte, schon von ausgesuchter Dreistigkeit war. Und theoretisch könnte man durchaus argumentieren, dass „ein Jahr auf dem Abstellgleis“, wie Bellut es formulierte, eine angemessene Strafe sind.

Und doch sollte man dem ZDF nicht den Gefallen tun, darüber zu diskutieren, denn in Wahrheit sind solche Fragen nur ein Ablenkungsmanöver. Dass das ZDF Andrea Kiewel jetzt zurückholt, hat mutmaßlich einen einzigen Grund: Die Quoten des „Fernsehgartens“ sind unter ihrem Nachfolger Ernst-Marcus Thomas gesunken, und das ZDF traut ihr zu, sie wieder steigen zu lassen. Jede Wette: Wenn es diese Not nicht gegeben hätte, hätten die Verantwortlichen beim ZDF genau so überzeugend erklärt, dass man Frau Kiewel keineswegs schon wieder trauen könne. Entscheidend sind nicht irgendwelche ethischen Fragen. Entscheidend ist die Quote.

Das erklärt auch, warum Bellut eine Begnadigung von Elke Heidenreich, die das ZDF im Gegensatz zu Andrea Kiewel nicht betrogen hat, mit ekliger Gönnerhaftigkeit („Ich wünsche ihr alles Gute im World Wide Web“) ausschließt. Ein Quotenbringer war Heidenreichs Sendung „Lesen!“ schließlich nie.

Böse Bescherung bei „Big Brother“

RTL 2 hat sich nach Informationen des Medienmagazins DWDL.de von seinem Programmdirektor Axel Kühn getrennt, und Schuld sein sollen nicht zuletzt die schlechten Quoten von „Big Brother“. Ein großes Rätselraten herrsche im Sender und bei der neuerdings von Ex-9Live-Chef Marcus Wolter geführten Produktionsfirma Endemol, woran das liegen mag, dass die jungen Menschen die tägliche Container-Show plötzlich verschmähen. Dabei sind die Kandidaten extra schon in Dezember für ein Dreivierteljahr in den Container gezogen. „Weihnachten und Silvester im Haus – fern ab von den lieben Verwandten und Bekannten“, hatte Kühn zuvor gesagt, „das ist einfach spannend.“

Nun. Dann schauen wir uns das doch mal an.

Heiligabend im „Big Brother“-Haus. Der Morgen beginnt für viele mit einem Kater. Besonders für Madeleine, die großes Interesse an Daniel hat, der sein Interesse für sie am Abend vorher aber in folgende Worte kleidete:

„Es ist so, dass ich die schönen Sachen an dir sehe. Aber es ist auch so, dass es halt einige Sachen gibt, die nicht mit dem übereinkommen, was ich in einer Partnerin finden möchte.“

Er meint wohl ihr Aussehen.

Die 29-jährige Desi taucht als neue Mitbewohnerin auf. „Schließlich muss ja nicht immer nur Weihnachten vor der Tür stehen“, sagt der Sprecher aus dem Off. Wir werden noch viel von ihm hören.

Alle stellen sich Desi vor. Bussi.

Desiree bekommt das Haus gezeigt, das erneut in einen reichen und einen armen Bereich geteilt ist, die sich diesmal aber „Himmel“ und „Hölle“ nennen, was natürlich ganz etwas anderes ist. Die Leute in der Hölle müssen zum Beispiel auch den Müll der Himmelsbewohner trennen und ihre Wäsche waschen.

Jana erklärt Desi, was blöd ist an der Hölle: das Duschen im Freien:

„Wenn es windig ist, ist blöd, dann stehste nicht mehr unter dem Strahl. Aber das draußen Schlafen ist obercool. Wir haben viel bessere Luft als die da oben.“

Die Frauen sind sich einig, dass das Schlimmste an der Hölle ist, dass man in einer Art Sträflings-Einheitskleidungherumlaufen muss. „Du kannst Dich gar nicht identifizieren“, sagt Madeleine. Desi stellt fest, dass es schwierig ist, ohne eigene Sachen, zu zeigen, ob man Tussi ist, Schickimicki oder eher so locker.

Noch ein neuer Bewohner zieht ein: Oliver. Alle stellen sich vor. Bussi.

Die anderen Himmelsbewohner müssen entscheiden, wer von den beiden Neuen in die Hölle muss. Weil es vier Männer und nur zwei Frauen sind, entscheiden sie sich für Desiree. Hey, nur deswegen, echt.

Oliver muss in die erste Etage gehen, sich dort ausziehen und gelangt durch eine Rutsche wieder ins Erdgeschoss – aber auf die Höllenseite.


Weihnachtsmann. Screenshot: RTL 2

„Besuch ist eingetroffen“, erzählt der Sprecher. „Ho-ho-hoher Besuch, denn kein geringerer als der Weihnachtsmann höchstpersönlich gibt sich die Ehre.“ Tatsache: Ein trauriger alter Mann mit Bart steht da. Er sagt unbewegt:

„Das Leben hält immer Überraschungen bereit. Und was eben noch dunkel und ausweglos erschien, dreht sich vielleicht im nächsten Moment. Heute feiert ihr den Heiligen Abend, wie ihr ihn noch nie gefeiert habt. Und nicht nur ihr feiert ihn anders, sondern eure Leute zuhause auch. Mit einer, einer Sicherheit könnt ihr natürlich hier bleiben: Sie denken an euch. Sie denken an euch.“

Seine Ansprache treibt mehreren Kandidaten die Tränen in die Augen, vielleicht aber nur aus Rührung.

Nur die Himmelsbewohner bekommen nun je ein Päckchen und persönliche Worte:

„Orhan, du bist impulsiv, hast sehr viel Energie, und manchmal weißt du gar nicht, wohin damit.“

„Sascha, ich weiß, dein Humor ist sehr speziell. Und du magst es manchmal, unbequem zu sein. Du bist du, konsequent und willensstark. Und das ist gut so.“

Bevor er geht, schlägt der Weihnachtsmann den leer ausgegangenen Höllenbewohnern vor, sich „mit dem kleinen Wörtchen Danke“ zu beschenken.

Endlich Bescherung. Zwei Wochen sind die Bewohner von zuhause weg, aber schon ein Bild der Liebsten reicht, dass sie völlig die Fassung verlieren. Einer nach dem anderen heult Schnotten und Rotz. Die anderen heulen aus Solidarität mit.

Sascha hat eine große Fahne bekommen:

„Super-Geschenk. Viele Leute haben unterschrieben. Hier haben viele Leute unterschrieben, die ich teilweise einmal im Jahr sehe oder bis jetzt auch nur einmal gesehen habe.“

Vermutlich hätte man ihm eine noch größere Freude gemacht, wenn noch Leute unterschrieben hätten, die er noch nie getroffen hat.


Cathy, aufgelöst, mit Geschenk. Screenshot: RTL 2

Cathy wird von „Big Brother“ vor die Wahl gestellt, ob sie ihre Geschenke von zuhause haben will oder stattdessen ihr Herzblatt Beni aus der Hölle zu sich holen. Cathy entscheidet sich für ihn. Beni sagt, sie darf das nicht tun. Cathy entscheidet sich für die Geschenke. Sie heult. Sie bekommt ein Foto von ihrer Schwester. „Sie was das wunderschönste Baby, das ich je gesehen habe“, erklärt Cathy den anderen fassungslos. „Ja, danke. Ich liebe euch. Und vermisse euch ganz doll. Frohe Weihnachten.“

Der Tisch ist festlich gedeckt für das Weihnachtsessen. Aber nur für die Bewohner des Himmels. Großer Aufruhr. Die Himmelsbewohner beschließen, wenn die anderen nichts kriegen, auch nichts zu essen. Das sind zwar eigentlich die Spielregeln, aber jetzt ist Weihnachten. Und Weihnachten ist, wie Madeleine sagt, „ein anderer Tag“.

Der Sprecher stabreimt etwas vom „Bankett-Boykott“ und „festlichem Fasten“:

„Mit den Herzen sind die Himmels-Bewohner ganz nah bei ihren höllischen Nachbarn; mit dem Magen… naja. (…) Lieber ein gutes Gewissen als ein festlicher Bissen. (…) Stullen-Nacht statt Stiller Nacht?“

Immerhin hat der Weihnachtsmann den Sascha glücklich gemacht.

„Die ersten Worte, wo alle gelacht haben, ob sie meinen Humor verstehen oder nicht: So bin ich, so bin ich auch draußen. Aber als er meinte, weisse was: Du bist dir treu. Was schöneres… klar: Brief wichtig, Fahne wichtig, aber dass du dir selber treu bist, das hat sonst keiner gehört. Weisse? Dieses Ding ist für mich das wichtigste, weisse?“

Es gibt dann noch ein paar Diskussionen, ob man sich nur normal küssen lassen muss, wenn man unter dem Mistelzweig durchgeht, oder auch mit Zunge, und dann ist Heiligabend vorbei im „Big Brother“-Haus. Am nächsten Tag wird „Big Brother“ die Grenzen zwischen den Bereichen aufheben, das gibt ein großes Hallo.

Komisch, dass das keiner sehen wollte.

Die Medien sind für mehr getötete Kinder

Gestern morgen gab die Nachrichtenagentur ddp eine alarmierend klingende Pressemitteilung heraus:

Kriminalistenverband: Deutlich mehr gewaltsam getötete Kinder

Berlin (ddp). Die Zahl der durch Gewalt und Vernachlässigung getöteten Babys und Kleinkinder ist polizeilichen Erhebungen zufolge in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt deutlich gestiegen. Wie der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) unter Berufung auf die Polizeistatistik berichtet, kamen im vergangenen Jahr 173 Jungen und Mädchen unter sechs Jahren gewaltsam ums Leben. In 20 Fällen gingen die Ermittler im Jahr 2007 von Mord aus, in 91 Fällen von Totschlag und in 62 von fahrlässiger Tötung, sagte der stellvertretende BDK-Bundesvorsitzende Bernd Carstensen der Nachrichtenagentur ddp in Berlin. Vor zehn Jahren waren Schätzungen des Kinderhilfswerks UNICEF von bundesweit rund 100 gewaltsam gestorbenen kleinen Kindern jährlich ausgegangen. (…)

Angesichts dieser Zahlen sprach sich der Kriminalistenverband für Veränderungen beim Datenschutz im Interesse des Kinderschutzes aus. (…)

Außer dem vagen Vergleich mit irgendwelchen älteren Unicef-Schätzungen findet sich in der ganzen Meldung kein Beleg dafür, dass die Zahl gewaltsam getöteter Kinder deutlich gestiegen sei. Die Behauptung widerspricht zudem den von Kriminologen seit Jahren geäußerten Hinweisen, dass die Zahl der Gewaltdelikte gegen Kinder in Deutschland — anders, als es die Berichterstattung der Medien glauben macht — nicht zu-, sondern abnimmt. Erst am Samstag hatte die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen gemeldet: „Trotz zahlreicher aufsehenerregender Fälle in diesem Jahr ist die Zahl der Kindstötungen in Deutschland nach Einschätzung von Forschern stabil.“

Gründe genug, gegenüber der Meldung skeptisch zu sein.

Sollte man denken.

„Zeit Online“ übernahm die Meldung wie gewohnt vom „Tagesspiegel“, der sie ebenso wie der „Kölner Stadtanzeiger“ unbesehen von ddp übernommen hatte. „RP-Online“ deklarierte die Meldung („Wöchentlich sterben drei Kinder gewaltsam“) wie üblich zum Eigenbericht um. Die „Welt“ machte aus der „deutlichen“ Zunahme gleich eine „dramatische“ (und fügte reflexartig hinzu, die Dunkelziffer sei vermutlich „noch viel höher“ — was auch sonst). Und das „Panorama“-Ressort von „Spiegel Online“ unterbrach sogar seine Krisenberichterstattung und meldete:

Zahl gewaltsam getöteter Kinder steigt

173 Jungen und Mädchen unter sechs Jahren kamen 2007 in Deutschland gewaltsam ums Leben. Experten warnen, dass die Zahl der Kinder, die durch Vernachlässigung und Gewalt sterben, stetig steige — und fordern Veränderungen beim Datenschutz. (…)

Sie alle sind der PR und dem politischen Kalkül des Bundes Deutscher Kriminalbeamter auf den Leim gegangen. Denn die Angaben, wie sie ahnungslos von ddp verbreitet werden, sind doppelt falsch. Der BDK gibt nicht die Zahl der getöteten Kinder an, sondern zählt auch die versuchten, aber vereitelten Fälle hinzu. Das tut er aber nur bei den Zahlen von 2007 — nicht denen von vor zehn Jahren. Kein Wunder, dass sich so eine Zunahme ergibt.

Man muss aber ohnehin nicht auf irgendwelche Schätzungen zurückgreifen, um die Entwicklung nachzuvollziehen. Die konkreten Zahlen werden jedes Jahr in der Polizeistatistik des Bundeskriminalamtes veröffentlicht. Sie stehen in Tabelle 91 [pdf], „Aufgliederung der Opfer nach Alter und Geschlecht“:

Ja, das wird den Berichterstatter von ddp verwundern, der in seine Meldung den Satz geschrieben hatte:

In der offiziellen Kriminalstatistik werden Kindstötungen nicht extra ausgewiesen.

Das Bundeskriminalamt bietet auf seiner Internetseite sogar eine Zeitreihe an, die die Entwicklung der Opferzahlen nach Delikt, Geschlecht und Alter sortiert über die Jahre dokumentiert [pdf] — da hätte man gar nicht den komischen Herrn Carstensen fragen müssen.

Und so sieht die angebliche deutliche Zunahme von Fällen gewaltsam getöteter Kinder in Wahrheit aus:

Es ist übrigens relativ egal, ob man die versuchten Tötungen mit in die Rechnung hineinnimmt oder die fahrlässigen Tötungen (die zum Beispiel auch Kinder mitzählen, die vom Balkon gestürzt sind, weil die Aufsicht fehlte) aus der Rechnung herausnimmt: Der Trend bleibt immer der gleiche. Es gibt keine Zunahme, schon gar keine dramatische.

Darauf wies gestern auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen noch einmal hin (was es ja bereits in der vergangenen Woche getan hatte) und widersprach dem BDK deutlich. Mit Erfolg? Wie man’s nimmt. Diejenigen Berichte, die sich nicht auf die falschen Angaben von ddp und BDK verlassen, tragen Überschriften wie: „Kindstötungen: Experten sind uneins über Zahl der Todesfälle“ oder „Opferzahl bleibt ungewiss: Wie viele Kindstötungen gibt es wirklich? Forscher und Kriminalbeamte streiten“.

Auch die „Rheinische Post“ erwähnt die Zweifel an dem Anstieg der Kindstötungen in Deutschland. Ihr Artikel trägt die Überschrift: „Mehr Kindstötungen in Deutschland“.

Nachtrag, 18:20 Uhr. „Spiegel Online“ hat seinen Artikel geändert und eine Erklärung und Entschuldigung hinzugefügt. Von einer Zunahme der Fälle ist nun nicht mehr die Rede, aber nach wie vor heißt es: „173 Jungen und Mädchen unter sechs Jahren kamen 2007 in Deutschland gewaltsam ums Leben.“ Das ist, wie gesagt, falsch. Die Zahl 173, die der BDK und ddp verbreiten, beinhaltet neben den tatsächlichen auch die versuchten Tötungsdelikte. Das heißt, ein Teil dieser Kinder ist glücklicherweise nicht tot. Wie erkläre ich das so, dass „Spiegel Online“ es versteht?

Nachtrag, 2. Januar. „Spiegel Online“ hat noch einmal nachgearbeitet. Jetzt heißt es: „173 Jungen und Mädchen unter sechs Jahren wurden 2007 Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten.“

Nachtrag, 3. Januar. ddp hat gestern eine Art Korrektur veröffentlicht:

Nach der Veröffentlichung von Zahlen der durch Gewalt und Vernachlässigung getöteten Babys und Kleinkinder in Deutschland hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) seine Aussagen relativiert. „Tötungen, Misshandlungen und Vernachlässigungen finden aus unserer Sicht auf gleichbleibend hohem Niveau statt“, sagte BDK-Vize Bernd Carstensen am Freitag.

In der Folge darf Carstensen dann wortreich und offenkundig uneinsichtig die Tatsache verschwurbeln, dass seine Aussagen sowohl konkret als auch in der Tendenz schlicht falsch waren.

Schnee von gestern

Ein schepperndes Vibrieren geht durch den Hubschrauber. Nach kurzer Zeit stehen wir so über der Autobahn, dass sich eine Zentralperspektive im modellierenden Gegenlicht ergibt, die die dramatische Situation der versunkenen Autos in den Schneewellen deutlich macht. Ich belichte dieses Motiv alternativ noch eine Blende unter bevor wir endgültig abdrehen und weiß, dass ich die Szene der Schneekatastrophe im Kasten habe.

Im Ressort „Eines Tages“ auf „Spiegel Online“ erzählt der Fotograf Kai Greiser, wie er seine spektakulären Aufnahmen von der Schneekatastrophe in Norddeutschland vor 30 Jahren machte. Unterwegs war er damals im Auftrag von „Spiegel“ und „Geo“, aber auch der „Stern“ wollte hinterher seine exklusiven Fotos haben — das von der Autobahn sogar für seine Titelseite.

Das entsprechende „Stern“-Cover sieht bei „Spiegel Online“ so aus:

Aber das muss eine Fotomontage sein. In der Bildergalerie mit den Fotos von Greiser sieht dieselbe Autobahn-Szene nämlich so aus:

Es fehlen die beiden Menschen im Vordergrund. Die tauchen stattdessen auf einer anderen Aufnahme von Greiser auf:

Legt man beide Bilder übereinander, bleibt kein Zweifel, dass jemand die Menschen aus dem eingeschneiten Dorf ausgeschnitten und auf die Autobahn verfrachtet hat:

War dem „Stern“ damals das dramatische Autobahn-Bild nicht dramatisch genug? Brauchte die Illustrierte den gestikulierenden Mann im Vordergrund, um die menschliche Dimension zu zeigen? Hat man sich damals beim „Stern“ routinemäßig Fotos zur Effektmaximierung zusammengeklöppelt? Ging das damals, ohne Photoshop und die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung, so einfach? Oder hat Greiser selbst im Labor schon aus zwei Bildern eins gemacht? Und warum ist die Manipulation bei „Spiegel Online“ niemandem aufgefallen — obwohl sogar ein Leser schon darauf hingewiesen hat? Ist das womöglich gar nicht das Original-„Stern“-Titelbild, sondern eine nachträgliche Collage? Aber warum sollte jemand die anfertigen?

[mit Dank an Cédric Menge!]

Nachtrag, 30. Dezember. „Spiegel Online“ berichtet nun:

Der „Stern“ hat vor dreißig Jahren ein Titelbild getürkt – unbemerkt, bis einestages-Mitglied Dennis Winckler aufdeckte, dass die Illustrierte zwei Fotos der Schneekatastrophe von 1978/79 zu einem besonders dramatischen montiert hatte. Jetzt stürzen sich auch Medienblogs [sic] auf den Fall. (…)

„Ja, das ist so“, gibt der heutige „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn gegenüber einestages unumwunden zu, nachdem er zwei Negative aus dem Archiv auf den Schreibtisch bekommen übereinandergelegt hat. Und betont, dass beim „Stern“ nicht gekennzeichnete Bildmanipulationen heute „tabu“ seien – auch wenn das früher offenbar „etwas laxer gehandhabt“ worden sei. (…)

Chefredakteur Osterkorn schwört Stein und Bein, dass ein ähnlicher Schnitzer heute nicht möglich wäre. Im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung sei man längst hochsensibilisiert für mögliche Manipulationen – schon, weil sie heute so viel einfacher herzustellen und so viel schwerer zu entdecken seien als damals, als mit Schere und Klebestift getrickst wurde. „Wann immer wir feststellen, dass in einem Foto rummontiert wurde, fliegt das Bild raus“, erklärt Osterkorn kategorisch.

Fotograf Greiser sieht den Fälschungsfall von vor dreißig Jahren entspannt. „Ich habe das damals erst beim zweiten Hingucken gemerkt“, sagt der heutige Yachtfotograf. Den Retoucheuren beim „Stern“ ist er jedenfalls nicht Gram: „Das war so minimal in der Dramaturgie, ich habe das einfach hingenommen.“

Was „Spiegel Online“ nicht weiß, aber Alexander Svensson: Die Szene, die es später manipuliert auf den „Stern“-Titel schaffte, war als Bewegtbild am 1. Januar 1978 sogar in der „Tagesschau“ zu sehen (bei 1:10 Min.).