Ein „Stern“, der seinen Namen trägt…

Erst hatte ich gedacht, dass eine Wahlbroschüre von Karl-Theodor zu Guttenberg an Berliner Kiosken ausliegt, aber dann war es doch nur der aktuelle „Stern“.

Man muss, um die Haltung der Hamburger Illustrierten zum Bundeswirtschaftsminister in all ihrer Differenziertheit und Distanz zu erfahren, sich gar nicht mehr ansehen als das Cover und das Foto, das schon so merkwürdig unjournalistisch und wahlplakathaft daher kommt. Doch man verpasst etwas, wenn man nicht auch die dazugehörigen Texte im Heftinneren liest.

Am besten ist das Editorial von Chefredakteur Thomas Osterkorn. Es beginnt mit den Worten:

Guttenberg ist kein Obama, aber …

Das ist die hohe Kunst des Nicht-und-doch-Vergleichs. Osterkorn weiß, dass er ausgelacht würde, wenn er Guttenberg mit Obama vergliche. Also gibt er zu, dass der Vergleich abwegig ist, macht ihn aber doch. Man teste den Effekt mit Formulierungen wie: „Thomas Osterkorn ist nicht Gott, aber…“.

(Der vollständige Satz lautet übrigens: „Guttenberg ist kein Obama, aber der Effekt ist durchaus vergleichbar: Da tritt eine junge, unverbrauchte Figur auf die politische Bühne, gibt sich aufrichtig und unbequem, zeigt Selbstbewusstsein und Manieren, trägt gut geschnittene Anzüge und sagt ein paar ganz vernünftige Sachen – und schon sehen die Platzhirsche auf der Lichtung zwischen Bundestag und Kanzleramt verdammt alt aus.“ Man muss froh sein, dass der „Stern“ auf die Zeile „Yes, he can“ auf dem Titel verzichtet hat.)

Osterkorns Editorial trägt die Überschrift: „Dieser Freiherr ist wirklich ein freier Herr“. Das ist natürlich ein bisschen arg intellektuell für die Leserschaft des „Stern“. Deshalb macht der eigentliche Artikel mit einer Reihe von Werbefotos auf, die beweisen, dass Guttenberg in jeder Lebenslage eine gute Figur abgibt: im Hubschrauber, zwischen schönen Frauen, mit Kindern, am Klavier, mit Journalisten und beim Rockkonzert. Über jedem Foto steht ein Schlagwort:

  • Der Überflieger
  • Der Liebling
  • Die Lieben
  • Der Vorleser
  • Der Gefragte

Dann fiel den Werbeleuten, die ja auch nur „Stern“-Redakteure sind, nichts mehr ein und sie machten weiter mit den Begriffen:

  • Fingerspitzengefühl
  • Optimisten
  • Kunstfreunde
  • Glamourfaktor

(75 Seiten weiter hinten im selben Heft sieht Guttenberg nochmal gut aus, da fühlt er sich „sichtlich wohl“ in der Gesellschaft der Unternehmer, die er mit dem Deutschen Gründerpreis auszeichnen durfte — eine Veranstaltung, ach ja: des „Stern“.)

Von den 2723 Wörtern des Porträts ist ziemlich genau eines kritisch gegenüber Guttenberg. Es lautet „Schachtelsätze“. Zum Glück hat der Satz, in dem es steht, ein Happy End: „Als [Guttenberg] im Interconti seine Schachtelsätze mit einigem Erfolg aus dem grammatikalischen Niemandsland geführt hat, erheben [die Zuschauer] sich zu Standing Ovations.“

Man erfährt in diesem Text nichts über Karl-Theodor zu Guttenberg, aber viel darüber, wie toll „Stern“-Autor Axel Vornbäumen ihn findet. Wofür dieser Shooting Star steht, was er erreichen will, das hat er nicht herausgefunden oder es hat ihn nicht interessiert, denn es ist ja höchstens halb so spannend wie die Premieren-Meldungen, vor denen sein Artikel strotzt:

  • In seinen wenigen Amtswochen hat der junge Polit-Aufsteiger aus Oberfranken den Politikbetrieb in Berlin aufgemischt wie lange kein anderer mehr.
  • Ein Adliger ohne Allüren, millionenschwer, mit einer Familientradition, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, verheiratet mit der Ururenkelin von Bismarck. Ein Aufsteiger, der von oben kommt. Das gab es noch nie.
  • So schnell war schon seit Langem niemand mehr so beliebt.
  • 61 Prozent der Deutschen haben Vertrauen in den jüngsten Wirtschaftsminister, den dieses Land je hatte (…).

Und Guttenberg ist nicht nur Wirtschaftsminister, sondern wird offenbar auch schon als Kanzlermaterial gehandelt. Schreibt Osterkorn in seinem Vorwort: „… der schon als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt wird.“ Steht im Inhaltsverzeichnis: „Schon fragen die ersten: Kann er auch Kanzler?“ Und über dem Artikel: „Schon fragen die ersten: Kann er auch Kanzler?“

Und wer sind diese „ersten“, wer ist es, der Guttenberg als möglichen Kanzlerkandidat handelt (außer dem „Stern“ selbst natürlich)? Die Antwort, die der Artikel als Beleg liefert, ist etwas ernüchternd:

„KAY-T-Free for Bundeskanzler“ fordert einer bei Facebook im Gästebuch.

Wow, „einer bei Facebook“. Stop the press.

Man darf nun aber nicht denken, wie es Laien tun könnten, dass Deutschlands Ober-Illustrierte dem Guttenberg mit dieser Hymne einen Gefallen tut, oh nein. Der „Stern“ schreibt:

Kritisch wird beäugt, wie einer da die Leiter emporstürmt – auch ein stern-Titelbild ist da schon ein Problem.

Ja, ganz bestimmt. Nur gut, dass Guttenberg wegen der Weltwirtschaftskrise eh schon nicht schlafen kann, da kann er sich für das Drama, zwei Monate vor einer Bundestagswahl groß und positiv auf dem Titelbild einer Zeitschrift mit Millionen Lesern abgebildet zu sein, gleich mit die Haare raufen.

Natürlich darf der „Stern“ Wahlwerbung machen, für wen er will und so plump er will. Aber das muss man erst einmal wollen wollen.

Ijoma Mangold

Ich habe Angst vor den Augenbrauen von Ijoma Mangold. Das ist, zugegeben, nicht die fundierteste Kritik an der neuen ZDF-Büchersendung und ihrem Moderator, aber es ist wahr. Ijoma Mangolds Augenbrauen können Dinge, die Augenbrauen nicht können sollten. Sie können hoch oben auf der Stirn einen kleinen Tisch mit exakten rechten Winkeln bilden und sich nur einen Moment später in Form von F-Löchern einer Geige ganz dicht über den Augen kringeln. Sie können zwei strenge Dreiecke bilden und asymmetrische Muster, und manchmal korrespondiert das mit den Händen, die unentwegt schrauben und wischen, winken und fächern — einmal pumpen sie sogar abwechselnd, als würden sie eine Heiße-Luft-Matratze aufblasen.

Es schien, als hätten Mimik und Gestik beschlossen, auf eigene Faust den Versuch zu unternehmen, die Blutleere in Mangolds Sprache zu kompensieren. Er hatte, vermutlich aus der Redaktion der „Zeit“, wo er arbeitet, das Wort „Assoziationsechoraum“ mit ins Fernsehen gebracht. Er sprach von einem Mann aus „prekären Lebensverhältnissen, der am Rande dieser Bürgerlichkeitswelt situiert ist“, freute sich, das alte Dresden „in seinem Glanz illuminiert“ zu sehen, und erklärte: „‚Cool‘ ist eine Eigenschaft, die auch ästhetische Valeurs haben kann.“

Mangold hat in der Sendung den Part, neben der eher gefühligen Amelie Fried den Intellektuellen zu geben. Das ist eine ohnehin undankbare Aufgabe, die nicht leichter dadurch wird, dass sein Verhältnis zur Literatur ein ausschließlich akademisches zu sein scheint. Er freute sich, wenn ein Buch „tolle Rollenmodelle gegenüberstellt“ oder „von der Komposition erstaunlich“ war, und als der Gast Walter Sittler gerade so etwas wie Leidenschaft für Erich Kästner und sein Werk „Als ich ein kleiner Junge war“ versprüht hatte, warf Mangold ein, dass ihn so begeistert hätte, in dem Buch Motive wie die „enge Sohn-Mutter-Beziehung“ aus „Emil und die Detektive“ wieder gefunden zu haben, und die Magie war dahin.

Natürlich darf so eine Bücherwerbesendung, wie sie „Die Vorleser“ sein will, auch ohne die Kaufaufforderungsrhetorik einer Elke Heidenreich auskommen. Aber die erste Sendung wirkte tatsächlich wie vorgelesen und aufgesagt. Sie vermittelte das Gefühl, dass Bücherlesen doch etwas für sehr spezielle Leute ist, die sich für merkwürdige Dinge begeistern und zu selten aus ihren Assoziationsechoräumen rauskommen.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Was (nicht mehr) zu beweisen war

Die „Westfälischen Nachrichten“ schreiben über mich:

Niggemeiers Coup, in Wikipedia Wirtschaftsminister Guttenberg den falschen Vornamen Wilhelm unterzujubeln, war ein kleiner Medienskandal. Verdeutlichte es doch die Bequemlichkeit mancher Journalisten bei ihren Recherchen.

Das ist auf eine faszinierende, fast rekursive Weise treffender, als wenn es wahr wäre.

(Aber im Vergleich mit Sascha Lobo hab ich noch Glück gehabt. Sein Mini-Porträt beginnt mit den Worten: „Sascha Lobo ist mittlerweile selbst eine Riesenmaschine.“)

Und es reimt sich nicht mal!

Das Lästige an Klickstrecken, so schön sie zum Hochtreiben der „Page Impressions“ sind, ist für die Online-Medien ja, dass sie für sie immer noch irgendeine Form von Inhalt produzieren müssen, durch den die Menschen sich klicken müssen.

Geht aber auch ohne, wie die „Hamburger Morgenpost“ jetzt beweist. Sie veranstaltet auf ihren Internetseiten ein „Gewinnspiel“, das im Kern daraus besteht, ihr 13 Klicks zu schenken und einen Lösungssatz zu „sammeln“. Bei jedem Klick auf „zum nächsten Wort“ wird eine andere Seite aus dem, *hust*, journalistischen Angebot der „Mopo“ aufgerufen, weshalb die Abrufe in der Statistik der IVW als redaktionelle Abrufe und nicht unter „Spiele“ ausgewiesen werden:

Screenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.deScreenshot: mopo.de

(Vermutlich schenkt man der „Mopo“ übrigens durch die Teilnahme nicht nur die Inflation der „Page Impressions“, sondern auch eine E-Mail-Adresse zum teuren Weiterverkauf an Leute, die Geschäfte mit solchen Daten betreiben. Es fehlt nämlich auf der Seite jeder Hinweis, was das Blättchen mit den eingegebenen Adressen anstellen darf und was nicht.)

Understanding Dieter

Als ich Dieter Gorny zum ersten Mal traf, war ich gerade Redakteur bei der Fachzeitschrift „werben & verkaufen“ geworden. Er hatte ausrichten lassen, dass er gerne zu einem Gespräch in der Redaktion vorbei kommen wollte, und so saßen wir da in einem ungemütlichen, viel zu großen Konferenzraum und ich war sehr aufgeregt, weil ich keine Ahnung hatte, welche Botschaft an die Medienwelt er über mich wohl übermitteln wollte. Das Problem war, dass ich es auch nach dem Gespräch noch nicht wusste. Er hatte viel erzählt, und so wie er es erzählt hatte, mit dieser atemlos-erregten Gornysprechweise und dieser knarzigen Gornystimme, gab es keinen Zweifel, dass das meiste davon wichtig, wenn nicht bahnbrechend war. Mit markigen Worten beklagte er, dass die wahren Zusammenhänge in der Musikfernsehbranche fast nie richtig verstanden würden, und ich war stolz, dass er sie mir erklärte, und ein bisschen besorgt, weil ich sie nicht verstand.

Damals stand für mich fest, dass das an mir liegen musste, meiner Unerfahrenheit, meinem fehlenden Hintergrundwissen. Dieter Gorny wusste alles, und ich war zu dumm, es zu verstehen.

Gut zwölf Jahre später bin ich mir nicht mehr so sicher.

Dieter Gorny, der Gründer von Viva, hat inzwischen den zweittraurigsten Job Deutschlands: Er ist Cheflobbyist der Musikindustrie. (Der traurigste war der Grüßonkelposten, auf den man ihn bei MTV nach dem Kauf von Viva gesetzt hatte.) In dieser Funktion ist er eine Mischung aus Hass- und Witzfigur für internetaffine Menschen — was einerseits fast zwangsläufig aus seiner Job-Beschreibung folgt und ihm andererseits sicher egal ist, solange die Politik ihn ernst nimmt, wovon man, fürchte ich, ausgehen muss.

Seine Forderungen sind gefährlich, seine Schuldzuweisungen sind abenteuerlich, sein Selbstmitleid ist rührend — aber was mich wirklich fasziniert, ist, dass seine Interviews immer noch so sind wie früher. Die schlimmste Aufgabe hat nicht der Interviewer. Während man dabei ist, hat man das Gefühl: Das wird gut, der Mann sagt markige Sachen. Die schlimmste Aufgabe hat der Redakteur, der aus dem Interview eine Nachricht machen muss, eine Überschrift und einen Vorspann finden, und dabei merkt, dass all diese großen Wörter Scheinriesen sind. Je genauer man sich die Sätze anguckt, umso weniger schaut zurück. Beim Versuch, einen konkreten Inhalt zu erfassen, bleibt von den schillernden Sprechblasen nur ein feuchter Fleck.

Nehmen wir das aktuelle Interview, das Dieter Gorny dem „WAZ“-Internetangebot „Der Westen“ gegeben hat.

Herr Gorny, Sie haben im Zusammenhang mit der Popkomm einmal gesagt, dass man sich über andere Formen der Messe Gedanken machen müsse. Wie kann man sich so etwas vorstellen in Zeiten des Internets?

Gorny: Der Musikindustrie wird immer vorgeworfen, die Digitalisierung verschlafen und keine vernünftige Musik veröffentlicht zu haben. Das sei der eigentliche Grund der Krise. Wenn aber so viel schlechte Musik auf dem Markt wäre, würde sie auch keiner klauen.

Haaaaalt, da geht’s schon mal los. Dass viele Menschen Musik ohne Bezahlung mitgehen lassen, aber kein Geld dafür ausgeben wollen, ist ein Beweis für die Qualität dieser Musik?

Aha. Weiter.

Gorny: Wir haben ein Strukturproblem, wir haben ein Vertriebsproblem aber wir haben kein Musikproblem. Dem muss eine solche Veranstaltung Rechnung tragen. Es geht darum, spannende, zukunftsfähige und damit auch umsatzfähige neue Musik vorzustellen und erlebbar zu machen. Ob das dann noch eine Messe sein wird, muss man sehen. Im Grunde muss man nicht viel neu erfinden. Deshalb wird man sich jetzt zusammensetzen und überlegen, wie man dem gerecht werden kann.

Testfrage: Wie stellt sich Gorny eine zeitgemäße Popkomm vor? Richtige Antwort: Irgendwie anders, aber nicht viel.

Super ist aber auch sein Geraune von irgendeiner Art, wie man interessante neue Musik vorstellen und „erlebbar“ machen kann. Hmm. Musik erlebbar machen. Wie könnte das gehen? Vielleicht müsste jemand so etwas erfinden wie öffentliche Auftritte, bei denen Musiker spielen und andere Leute zuhören. Aber wie könnte man so etwas nennen? Konzert??

Sie haben in der Vergangenheit mehrfach die Politik aufgefordert, im Bereich des Urheberrechts zu handeln. Was heißt das konkret?

Gorny: Es geht nicht darum, das Urheberrecht zu verschärfen. Es geht darum, es auch im digitalen Bereich durchzusetzen. Ich stelle mich da ganz hinter den Kulturstaatsminister. Bernd Neumann hat sehr deutlich gesagt, dass Dinge in Frankreich gehen, die hier vielleicht nicht gehen. Aber es kann nicht sein, dass hier gar nichts geht.

Da steht er etwas unglücklich, der Herr Gorny. Vermutlich verstellt ihm der Kulturstaatsminister (in Sachen sprachlicher Präzision und Aktionismus ein Bruder im Geiste) einfach die Sicht auf die aktuellen Nachrichten, dass das, was in Deutschland nicht geht, auch in Frankreich nicht geht.

Und, wohlgemerkt, das war seine Antwort auf die Frage, was er „konkret“ will. „Konkret“ will Gorny also, dass irgendwas geht. In Wahrheit ist sein Verband übrigens durchaus der Meinung, dass das, was in Frankreich (nicht) geht, in Deutschland geht.

Gorny: (…) Es geht darum, dass die Auffassung, illegales Kopieren sei doch nicht so schlimm, aus den Köpfen verschwinden muss. Dabei hat das Modell in Frankreich einen besonderen Charme. Das ist die Präambel. Was dort geschrieben steht, ist nach meiner Auffassung der Zukunftsweg — in einer digitalen Welt gehören Hochtechnologie und Kultur zusammen und bedingen einander.

Weiß irgendjemand, was er mit „Präambel“ meint? Und inwiefern ist Hochtechnologie in der digitalen Welt eine Voraussetzung für Kultur? Ist nicht die Hochtechnologie schon eine Voraussetzung für die digitale Welt?

Gorny: Technologiebetreiber müssen lernen, dass sie ohne die entsprechenden Inhalte ihre Technologien nicht vermarkten können. Und die Content-Anbieter müssen lernen, dass sie die Technologien brauchen, um ihre Angebote optimal zu verbreiten. Diese Bedingtheit muss konstruktiv diskutiert werden.

Hilfe. Ich versuche mal eine Interpretation: Als T-Online und AOL kann ich einpacken, wenn es im Internet nichts gibt, was die Leute überhaupt sehen wollen. Und als Musikindustrie kann ich einpacken, wenn ich das Internet nicht als Verbreitungsweg nutze. Und darüber soll irgendwer reden, aber so, dass auch was bei rauskommt.

Womöglich will Gorny damit sagen, dass es auch im eigenen Interesse der Internetprovider sei, der Musikindustrie zu helfen, gegen Raubkopierer vorzugehen, weil ohne Musikindustrie niemand mehr Musik produziert, die er auch über das Internet verbreitet, wofür sich Menschen Internetanschlüsse zulegen. Liegt das jetzt an meiner Interpretation oder ist das ein sehr abwegiger Gedankengang?

Gorny: Hier sehe ich die wichtige Rolle der Politik: die Kontrahenten an einen Tisch zu holen.

Welche Kontrahenten? Musicload und iTunes? Universal und Virgin? T-Online und AOL? Alle zusammen?

Was ist mit der Generation, die sich noch nie eine CD gekauft hat, für die es selbstverständlich ist, sich Sachen aus dem Internet herunter zu laden, sei es legal oder illegal? Meinen Sie, Sie kriegen diese Generation je wieder?

Gorny: Diese nicht, aber die nächste. Ich muss an die Schulen gehen und zeige den jungen Leuten Bibliotheken, zeige ihnen Filme und Musik und sage ihnen dann: Das gibt es in Zukunft alles nicht mehr, wenn die Raubkopiererei nicht aufhört.

Mal abgesehen davon, dass Gorny in seiner Antwort implizit den Quatsch der Frage bestätigt, dass auch diejenigen jungen Leute für seine Branche verloren seien, die sich legal „Sachen“ aus dem Internet herunter laden. Ich möchte bitte dabei sein, wenn er den Schülern die Bibliothek zeigt und wartet, bis sie weinend zusammenbrechen und versprechen, nie wieder… öh… ein Buch runterzuladen?

Gorny: (…) Das geht nur nicht sofort, indem Sie alle Ampeln auf rot stellen – es ist ein Prozess. Und man muss dabei deutlich machen, dass es dabei nicht um ein Kavaliersdelikt geht.

(Natürlich hätte der Interviewer an dieser Stelle fragen müssen, wie hoch der Anteil an roten Ampeln denn idealerweise sein soll und ob die anderen auf gelb oder grün oder ganz was anderes stehen sollten. Ich kann aber irgendwie verstehen, dass er sich nicht getraut hat.)

Wie könnte ein sinnvolles Zusammenspiel zwischen Musikindustrie und Internet aussehen?

Gorny: Alle Content-Anbieter müssen erkennen, dass der Vertrieb über das Internet eine enorm wachsende Rolle spielt.

Aber echt. Enorm wachsend. Bald geht’s los mit diesem Internet.

Gorny: Also muss man gemeinsame Geschäftsideen entwickeln.

Ob ihm mal jemand iTunes zeigen könnte?

Gorny: Diese gemeinsamen Geschäftsideen nutzen aber nichts, wenn beim Anbieter nebenan alles umsonst ist.

Ob ihm mal jemand iTunes zeigen könnte?

Gorny: Also brauchen wir auch gemeinsame Regeln. Die könnten so aussehen: Konsens ist, im Internet gibt es spezielle Warenhäuser, und wir sorgen dafür, dass der Anbieter da vernünftig verkaufen und der Kunde vernünftig kaufen kann.

Ob ihm mal jemand iTunes zeigen könnte? Oder Amazon? Oder Musicload? Oder Saturn?

Gorny: Das heißt nicht, dass man die Piraterie auf Null kriegt. (…) Das Geschäftsmodell ist ganz simpel: Ich biete etwas an im Internet und dafür wird etwas bezahlt. Der Marktpreis richtet sich nach dem Bedürfnis, und wenn jemand etwas klaut, kriegt er eins auf die Nase.

Ja, bravo. Und wie erreichen wir das? Also, das mit der Nase? Oh, hallo, DerWesten!:

Das genau ist die Frage, wie möchten Sie das schaffen?

Gorny: Indem Sie die Warenhäuser regulieren und schützen.

Er will die Warenhäuser regulieren? Warum? Und wie?

Man muss bei der Debatte über die Musikindustrie immer bedenken, dass ihr Produkt ja gewollt ist. Das heißt, die Leute wollen Musik. Die Nachfrage ist da, es gibt aber noch keinen Konsens, wie man Angebot und Nachfrage in ein ökonomisches Gleichgewicht bringt.

Okaaaay… Und was hat das mit der Frage zu tun, wie wir demjenigen, der Musik klaut, ohne dafür zu bezahlen, was auf die Nase geben?

Gorny: Und was mir bei der Debatte die größten Sorgen bereitet, ist, dass die Vermarktungskrise derzeit nicht nur die großen Künstler trifft…

Nein, da kommt keine Antwort mehr auf die Frage.

Was würden Sie einem jungen Künstler, der in Zukunft Geld verdienen möchte, raten?

Gorny: Er muss sich erstmal rechtlich absichern. Im Zweifelsfall sollte er zusehen, dass er alle Rechte möglichst gebündelt hat.

Das ist ja mal eine Super-Idee. „Hallo Jungs, willkommen bei Gorny Records, wir bringen Euch ganz groß raus, sogar mit der Option, Geld zu verdienen. Eine Frage noch: Wollt Ihr die Rechte lieber lose oder gebündelt?“ — „Gebündelt, bitte. Wegen der Raubkopierer.“

Es kann natürlich sein, dass es immer noch an mir liegt, dass ich Gorny nicht verstehe. Und dass mir meine ganzen überheblichen Anmerkungen hier auf die Füße fallen, weil sie nur meine Ahnungslosigkeit demonstrieren.

Vielleicht ist es aber auch so, dass dieses vage, wirre Wortgeklingel genau das Richtige ist, um bei Politikern und anderen Verantwortlichen ein ähnliches Gefühl zu wecken wie bei mir als junger Redakteur damals: Dass ein Mann, der so überzeugend so unverständliche Sachen sagt, sich richtig gut in der Materie auskennen muss. Man muss dann seinem Appell unbedingt folgen, etwas zu tun, um die Musikindustrie zu retten, und zwar 1.) irgendetwas und 2.) ohne Rücksicht auf Verluste.

[Bitte beachten Sie auch das schöne Symbolfoto im Text.]

Giulia Siegel

Die Wahrheit ist hart, aber einer muss sie sagen: Das Problem mit Giulia Siegel ist, dass sie einfach nicht peinlich genug ist.

Sie hat wirklich alles gegeben: ihren Vornamen „Julia“ ändern lassen, sich für den „Playboy“ ausgezogen, das Sommerloch 2005 mit der Frage gefüllt, ob sie ihren damaligen Mann oder er sie geschlagen hat, an einer dramatisch misslungenen RTL-2-Realityshow mit Claudia Effenberg und Maja von Hohenzollern mitgewirkt, sich vor den Kameras von RTL die Kopfschmerzen von den Augenlidern wegoperieren lassen, ins Dschungelcamp gegangen; schon 1999 nutzte sie einen Auftritt bei „TV Total“, um sich plumpst zu produzieren, kam erst als Hippie verkleidet und zog sich dann um, also: aus. Ja, das war sehr peinlich, aber kann sich irgendjemand noch daran erinnern?

Man muss fast Respekt haben vor diesem Lebenswerk, einem aufopferungsvollen Kampf um die Aufmerksamkeit der Nation, diesen anhaltenden Schrei „NEHMT MICH ZUR KENNTNIS“, aber irgendwie ist er jenseits einer süddeutschen Stadt namens München verhallt. Giulia Siegel hat weder breite Anerkennung für ihre Arbeit gefunden (worin auch immer sie bestehen mag), noch es geschafft, für mehr als eine Saison in die Trash-Bundesliga mit Verona Pooth, Jürgen Drews und Jürgen Drews‘ Frau Ramona aufzusteigen.

Neulich hat sie sich ein „Kellerduell“ (Stefan Raab) mit ihrer Beinahe-Stiefmutter Naddel geliefert. Und es war zwar ganz schön peinlich, wie sie ihre Möchtegern-DJ-Konkurrentin öffentlich provoziert hat, aber Naddel war so betrunken und dumm und überfordert und kindisch, kurz: in einer ganz anderen Liga von Peinlichkeit, dass Giulia Siegel daneben fast besonnen und vernünftig wirkte und also langweilig und egal.

Seit dieser Woche versucht sie es mit einer Casting-Show auf Pro Sieben, in der sie angeblich einen neuen Mann sucht und an der das beste die Satzzeichen sind. „Giulia in Love?!“ klingt nach einer zweifelnden Frage des Senders, ob man das wirklich sehen will, die viele zu Recht mit nein beantworteten. Man merkt Frau Siegel darin an, dass sie gleichzeitig versucht, aufzufallen und normal zu wirken, und das kann nichts werden. Es ist keine gute Show, dafür ist sie einfach nicht schlecht genug.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung