Zielgroupies

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Der werberelevante Zuschauer altert: aus „14-49“ könnte „20-59“ werden.

Jetzt will es natürlich keiner gewesen sein. Die werbungtreibende Industrie erklärt, sie hätte sich noch nie auf die Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen fixiert. Die Agenturen, die die Fernsehspots buchen, erklären, sie würden sich ohnehin je nach Auftraggeber ganz spezielle Zielgruppen ansehen. Und große private Fernsehsender wie RTL erklären, sie machten ohnehin Programm auch für die Zuschauer jenseits der fünfzig – würden sie sonst bei einer Sendung wie „Let’s Dance“ auch Kandidatinnen wie Heide Simonis oder Katja Ebstein einladen? Also.

Dabei war und ist „14-49“ das Maß aller Dinge; der Gott, dem das Programm als Opfergabe dargebracht wurde. Ungezählte Fernsehmenschen beginnen ihren Arbeitstag damit, morgens auf dem Blackberry oder mit zitternder Fernbedienung im Videotext nachzuschlagen, welche Marktanteile in dieser Altersgruppe ihre Sendungen am Tag zuvor erzielten. Mediendienste erstellen täglich Hitlisten, die auf diesen Werten basieren, küren danach Quotensieger und Flops. Die Sender schicken Pressemitteilungen in die Welt, in denen sie kunstvoll aus den Werten und Veränderungen hinter dem Komma Erfolgsmeldungen stricken. Bei RTL 2 richtete sich früher sogar der Preis des Essens in der Kantine nach dem Marktanteil von „Big Brother“ am Vortag.

Rational erklären ließ sich diese Fixierung noch nie. Es war eine Konvention – so wie die Verabredung, das Gewicht von Gegenständen in Kilogramm zu messen, der Masse von einem Liter Wasser, oder die Länge in Meter, einem willkürlich bestimmten Bruchteil des Erdumfangs. Die Einheit „14-49“, die in Deutschland vor allem von RTL-Gründungschef Helmut Thoma propagiert wurde, diente vor allem einem Ziel: den im Gesamtpublikum noch schwachen Sender im Vergleich zu ARD und ZDF gut dastehen zu lassen. Womöglich ließ sich damals, Ende der achtziger Jahre, auch noch erklären, warum Über-Fünfzigjährige so anders sein sollen als die darunter: Es war grob die Grenze zur Nachkriegsgeneration.

Heute hat die Altersgruppe der Fünfzig- bis Sechzigjährigen viel Geld, ist flexibel und aufgeschlossen für Werbung. Und der einzige Grund, sie nicht in die zentrale Vergleichsgröße des Fernsehens einzubeziehen, ist der, dass man das bislang auch nicht gemacht hat.

Die Beharrungskräfte des Systems sind enorm, und über die Sinnlosigkeit der Größe „14-49“ ist schon oft folgenlos diskutiert worden. Doch diesmal könnte es anders sein. Diesmal ist nämlich RTL eine treibende Kraft. Der Sender und seine Vermarktungstochter IP schlagen eine Verschiebung der „werberelevanten Zielgruppe“ vor: 20 bis 59 soll die neue Einheit sein.

Bei der ARD-Werbung freut man sich. „Es ist durchaus gerechtfertigt, dass diejenigen, die diesen Unsinn in die Welt geschafft haben, ihn auch wieder beseitigen“, sagt ihr Geschäftsführer Dieter Müller auf RTL gemünzt. Die neuen Altersgrenzen seien aus Sicht der Werbeindustrie auch einigermaßen logisch zu erklären: Teenager haben zumeist nur Taschengeld zur Verfügung, und ab sechzig steigt schnell der Anteil derjenigen, die auch nur über ein reduziertes Einkommen verfügen.

Die Verschiebung der Einheit, auf welcher „der komplette vergleichende Wettbewerb basiert“, wie Müller sagt, wäre nur eine überfällige Anpassung an die demographische Realität. Sie ist deshalb auch im Interesse des Mediums: Die Zahl der 14- bis 49-Jährigen nimmt von Jahr zu Jahr ab. Die schönen Prozentzahlen entsprechen immer weniger tatsächlichen Fernsehzuschauern, die man den Werbekunden in Rechnung stellen kann.

Das ist vermutlich auch ein Grund, warum RTL sich plötzlich für eine Veränderung starkmacht, von der der Sender selbst oberflächlich gesehen gar nicht profitiert. Gemessen in der neuen Bezugsgröße wäre der Sender zwar immer noch mit großem Vorsprung Marktführer, würde aber Anteile verlieren (siehe Tabelle). Noch erheblich mehr schrumpft aber Pro Sieben – eine Folge davon, dass der Sender zwar erfolgreich junge Zuschauer anspricht, aber auch nur die. Plötzlich erschiene ein breiter aufgestellter Sender wie Vox, der nach bisheriger Rechnung in einer anderen, kleineren Liga spielt, in Reichweite. Der Effekt wäre vor allem ein psychologischer: Pro Sieben würde sich mit Sicherheit auch in Zukunft auf die Ansprache junger Zielgruppen konzentrieren. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung und den täglichen Quotenauswertungen würde die Bedeutung des Senders auf ein realistischeres Maß als Beinahe-Spartenkanal schrumpfen.

Die Sendergruppe Pro-SiebenSat.1 tut sich deshalb schwer mit dem Vorschlag, die angeblich „werberelevante Zielgruppe“ nach oben zu verschieben. Dabei würde Sat.1 als älterer Sender davon sogar im Gegensatz zu RTL profitieren. Senderchef Andreas Bartl hatte kürzlich erst öffentlich beklagt, dass die 50- bis 59-Jährigen, die Sat.1 erreicht, den Werbekunden „fast geschenkt“ werden, und gab als Ziel aus, diese Reichweiten „besser zu kapitalisieren“.

Trotzdem erklärt ein Sprecher des Vermarkters Seven One Media, das Thema sei erledigt – ohne einen der beiden großen Privatsenderblöcke ließe sich so eine Änderung nicht durchsetzen, und man sei halt dagegen. Bei einer Sprecherin von Pro-Sieben-Sat.1 klingt es etwas weniger harsch: Eine Neudefinition sei im Moment kein Thema. Aber das könne in zehn Jahren anders sein. Oder in fünf. Oder nächstes Jahr.

Es scheint also nur jetzt gerade irgendwie ein schlechter Zeitpunkt zu sein; vielleicht liegt’s am Wetter.

Die großen Gewinner einer Umstellung wären scheinbar ARD und ZDF. Aber die Berechnung nach „20-59“ legt auch offen, wie überaltert das Publikum der Öffentlich-Rechtlichen wirklich ist. Auch in einer solchen Währung, die den breiten Kern der arbeitenden Bevölkerung abbildet, landen ARD und ZDF abgeschlagen hinter RTL, Sat.1 und Pro Sieben auf den Plätzen. Denn die Masse der öffentlich-rechtlichen Zuschauer ist nicht Mitte fünfzig, sondern weit über sechzig. Anders als bisher ließen sich diese Werte nicht einfach abtun als Ausdruck einer bizarren Verengung auf eine künstlich geschaffene junge Zielgruppe. Es würde deutlich, wie wenig es den öffentlich-rechtlichen Sendern, die von allen bezahlt werden, gelingt, ein Programm zu machen, das auch alle anspricht.

Der Mythos „14-49“ ist nicht zuletzt für diejenigen ein psychologisches Problem, die diese Altersgruppe verlassen und darunter leiden, dass der Schock, fünfzig zu sein, noch dadurch verstärkt wird, dass sie glauben, nun würde nicht einmal mehr Fernsehen für sie gemacht! Doch auch wenn ihr Zuschauerverhalten plötzlich in den täglichen Standardauswertungen enthalten wäre, würde sich das Programm nicht radikal ändern. So groß unterscheiden sich die Mittfünfziger und ihr Fernsehkonsum nämlich gar nicht von den Mittvierzigern – genau diese Ähnlichkeit im Verhalten spricht ja paradoxerweise dafür, sie mit in die Zielgruppe aufzunehmen. Das Interesse an amerikanischen Serien wie „CSI“ oder „Monk“ auf RTL zum Beispiel reißt relativ abrupt erst ab 60 oder 65 Jahren ab; und eine Show wie „Wer wird Millionär“ kommt in allen Altersgruppen an.

Eine Revolution bliebe aus, und doch würde die Macht des Faktischen in einer Branche, die ununterbrochen auf Zahlen starrt und ihre Entscheidungen davon abhängig macht, zu Veränderungen führen. Auf Dauer würden Programme stärker belohnt, die ein breites Publikum ansprechen; Sendungen mit jungem Altersdurchschnitt, wie „Deutschland sucht den Superstar“, würden die täglichen Erfolgsmeldungen etwas weniger dominieren. Dennoch sieht man auch bei der Ufa Film- & Fernsehproduktion, die unter anderem diverse Daily Soaps herstellt, einer Änderung gelassen entgegen – obwohl deren Marktanteile sänken. Man brauchte dann nur eine Ansage der Sender, ob die Serien auf die neue Zielgruppe optimiert werden sollen, sagt Ufa-Forschungschef Rainer Hassenewert – dann könne man auch entsprechend „breiter“ produzieren. Oder es ließen sich gezielt die als Trendsetter begehrten Jungen ansprechen.

Ein Gremium, das „20-59“ formal beschließen könnte, gibt es nicht – die großen Sender und ihre Vermarkter müssten sich bloß absprechen und auf die neue Standardwährung verständigen. Ein Sender von der Größe wie RTL könnte aber auch einfach damit anfangen. Die Argumente hätte er eh auf seiner Seite.

Peter Hahne

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Das wäre mal ein innovatives Konzept gewesen: dass Peter Hahne seine Gesprächspartner auf Gleis 15 des Berliner Hauptbahnhofs trifft, mit all den heiteren Verständigungsproblemen, wenn die S75 nach Wartenberg einfährt. Es stellt sich aber heraus, dass das ZDF den Mann nur für den Film hierhin gestellt hat, mit dem es für seine neue Talksendung wirbt. „Direkt aus Berlin und mitten aus dem Leben“, ruft er glücklich in die Kamera. „Wir sehen uns! Damit der Zug nicht ohne Sie abfährt.“ Hinter ihm schiebt sich eine Lok ins Bild.

Peter Hahne, der Frühvergleiste. Was genau uns der Sender damit sagen will, bleibt offen. Und doch ist die sinnlose Szene ein wunderbares Symbol für das, was diesen Mann noch mehr ausmacht als sein in freudiger Erregung eingerastetes Kasperlegesicht: Schmerzfreiheit.

Nicht weniger als viermal hat er in den vergangenen Jahren an Pfingsten in seiner „Bild am Sonntag“-Predigt fast wortgleich dieselben Absätze über das Wunder des Heiligen Geistes geschrieben. Zu Joachim Gauck, dem Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, sagte er in dieser Woche: „Mit siebzig noch mal so gefragt zu sein – sind Sie da nicht auch ein bisschen das Opfer Ihrer eigenen Eitelkeit?“ Und: „Haben Sie keine Angst, die Fragen der jungen Generation nicht mehr zu verstehen? Christian Wulff hat noch junge Kinder!“ Und: „Ihr Lebensthema ist die Freiheit. Sind Sie da im Augenblick wirklich der richtige Mann für diese Republik, die doch ganz andere Themen hat? Sind Sie vorbereitet, auf die komplizierten Fragen der Finanzpolitik?“ Horst Köhler hätte aus seiner Kompetenz in diesen Fragen heraus Unterschriften unter Gesetze verweigert, erklärte Hahne, der sich bis zum vergangenen März stellvertretender Chef des ZDF-Hauptstadtbüros nennen durfte, in frappierender Unkenntnis der Tatsachen.

Die „Was nun?“-Sendung mit Gauck war in ihrer Unverfrorenheit und stolz zur Schau gestellten Dummheit der Fragesteller ein Skandal. Aber auch Christian Wulff musste den Moderator zwei Tage zuvor korrigieren, dass die Abstimmung geheim sei – er tat dies sachte, wie mit einem kleinen Kind. (Er hat da Übung, Sie erinnern sich.)

Nun bekommt Hahne also seine eigene Gesprächssendung. Premierengast heute um 13 Uhr ist Margot Käßmann, die bei Hahne, wie Hahne meint, ihr Schweigen über die Vorgänge in der „Schicksalsnacht“, wie er zweimal begeistert sagt, bricht. Im Sinne von: noch einmal bricht, vermutlich.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Was vom Oslog übrig blieb

Es ist ein verstörender Blick hinter die Kulissen. Erstmals wird die ganze grausame Wahrheit hinter der glatten Fassade einer „lustigen“ Videoproduktion sichtbar: all die Witzleichen und abgebrochenen Pointenversuche, der Wahn, der Rausch, die Gier, notdürftig kaschierte menschliche Abgründe, die sich zwischen den Protagonisten auftun, endlose Wiederholungen und immer wieder: Schweigen.

In der ersten Folge der neuen Reality-Reihe „Oslog: The Outtakes“ sehen Sie:

  • wie Lukas mir was hustet
  • warum wir die Siegfried & Roy des deutschen Internet-Fernsehens sind
  • wie man eine Fähre verschwinden lässt
  • warum Lena Meyer-Landrut in Oslo nicht ausschlafen musste und Sie das im Zweifel auch schaffen
  • wieviel Lukas mit den Beinen baumelt
  • wie eine zwielichtige Gestalt am Bahnhof uns unsere Kamera (fast) und unsere Konzentration (ganz) raubt
  • warum Lukas und ich bald verwandt sein werden
  • was sich alles Schlechtes über Dinslaken sagen lässt
  • was Stefan Raab von RTL-Zuschauern hält
  • und vieles mehr

Andererseits besteht das Filmchen überwiegend daraus, dass wir sinnlos vor uns hin kichern, was bekanntlich für andere nie so lustig ist, wie man selber glaubt.

Bedenken Sie also, dass es jeweils gute Gründe gab, all das, was da zu sehen ist, nicht in einer der regulären Oslog-Folgen zu zeigen. Und beschweren Sie sich hinterher nicht, dass Sie die knapp zehn Minuten Ihrer Lebenszeit zurückhaben wollen. Ich habe Sie gewarnt!

Ist Merkel noch zu retten?

Gerade zufällig auf der „Spiegel Online“-Startseite den Link ins Archiv zu einer alten „Spiegel“-Ausgabe entdeckt:

Helmut Kohls Kanzlerschaft steht zur Disposition.

(…) Beklagt werden Kohls mangelnde Entscheidungskraft und Verläßlichkeit, das Fehlen einer Konzeption, Mißmanagement in der Regierungszentrale. Die Diskussion spitzt sich, nach dem CDU-Wahldebakel an Rhein und Ruhr, bei Christ- und Freidemokraten auf die Frage zu: Ist mit Kohl 1987 die Bundestagswahl noch zu gewinnen? Ist die Koalition aus CDU und den sich bekriegenden kleinen Partnern CSU und FDP überhaupt noch regierungsfähig? (…)

Das Deutsche Fernsehen verbreitete letzten Freitag neueste Zahlen des Infas-Instituts, wonach nur noch 38 Prozent Kohl als Kanzler sehen wollen – ein Prozent weniger als den letzten SPD-Bewerber Hans-Jochen Vogel. Und die CDU/CSU würden heute nur noch 43 Prozent wählen – 5,8 Prozent weniger als am letzten Wahltag und ebensoviel wie jetzt die SPD (1983: 38,2 Prozent). (…)

Weizsäcker könnte Kanzler werden. Der Schwenk der „Bild“-Zeitung von der Kohl-Wahlhilfe zur Anti-Kohl-Kampagne.

(…) Entsetzt sichteten Kohl-Helfer harte Kritik von der „FAZ“ bis hin zu Springer-Blättern wie der „Welt“ und dem „Hamburger Abendblatt“, das am Mittwoch mit der Schlagzeile erschien: „Kohl hat die Erwartungen nicht erfüllt“. Der „Abendblatt“-Kommentar begann mit dem vernichtenden Satz: „Des Kanzlers betuliche, oft selbstgefällige Art kommt nicht mehr an.“

Als geradezu katastrophal werten Parteistrategen die radikale Wende, die Axel Springers „Bild“ vollzog. Das Boulevard-Blatt, mit zwölf Millionen täglichen Lesern bislang wichtigste publizistische Stütze Kohls, verfolgt den Oggersheimer neuerdings ähnlich gnadenlos wie einst den SPD-Kanzler Brandt. (…)

Dem Wahlschock in der Westregion folgte Dienstag letzter Woche die „schreckliche Umfrage“ („Bild“): Fast 60 Prozent der Bevölkerung seien, so Emnid, mit Kohls Leistung unzufrieden. „Bild“-Schlagzeile: „Kohl – der Riese wankt“.

Zugleich machte sich „Bild“-Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß über Kohls Entschlußlosigkeit lustig. Kohl habe zwar begriffen, „daß er etwas gegen seinen rapiden Ansehens-Verlust tun“ müsse, sei aber nicht in der Lage, „etwa ruckzuck“ zu handeln: „Er sitzt die bisher schwerste Krise seiner Kanzlerschaft wieder aus.“

Das Heft ist von 1985. Helmut Kohl regierte danach noch 13 Jahre.

Eine Umverpackungsindustrie

Am vergangenen Samstag veröffentlichte die „Berliner Morgenpost“ einen Text von Julien Wolff über Fabio Capello, den italienischen Trainer der englischen Nationalmannschaft. Derselbe Artikel erschien am selben Tag leicht gekürzt in der Schwesterzeitung „Welt“.

Auf den Online-Seiten der „Berliner Morgenpost“ kann man denselben Artikel zweimal lesen, einmal kostenpflichtig unter der Überschrift „Für mehr italienische Momente im Leben“, einmal kostenlos und mit Foto unter der Überschrift „Capello verpasst seinem Star Rooney einen Maulkorb“.

Auch auf den Online-Seiten der „Welt“ ist derselbe Artikel ebenfalls zweimal veröffentlicht, einmal für das Internet aufbereitet mit Foto, einer 33-teiligen und einer 32-teiligen Bildergalerie sowie einer siebenteiliger Textklickstrecke („Capello verpasst seinem Star Rooney einen Maulkorb“), und einmal als Text pur („Für mehr italienische Momente im Leben“).

Auf den Online-Seiten des „Hamburger Abendblattes“ hat die Axel Springer AG den Artikel ein weiteres Mal veröffentlicht, hier unter Überschrift „Ein Trainer als Hoffnungsträger“.

Und vermutlich weil es schade wäre, wenn ein solcher Artikel nur fünfmal fast wortgleich im Netz stünde, hat den Text auch der Online-Ableger des „Stern“ auf seinen Seiten veröffentlicht, hier unter der Überschrift „Capello verpasst Rooney Maulkorb“. Der „Stern“ erscheint nicht im Springer-Verlag, sondern bei Gruner+Jahr. Die vermeintlichen Konkurrenten „Welt Online“ und stern.de haben aber vereinbart, zur Feier der Fußball-Weltmeisterschaft Artikel „auszutauschen“.

Vielleicht steckt dahinter eine große Qualitätsoffensive, mit der die Verlage all denen, die im Internet nur Inhalte kopieren, mal zeigen, was Vielfalt bedeutet.

Zwischenfrage für Schriftnerds

Vermutlich hat es jeder niemand bemerkt, aber seit ein paar Tagen sehen die Überschriften hier im Blog anders aus. Die Schrift ist eine andere, nicht mehr die „Tagesschrift“ von Yanone, sondern die „IM FELL DW Pica“.

Vor allem aber hat sich die Methode hinter der Darstellung geändert. Bislang generierte ein WordPress-Plug-in aus dem Text eine Grafik — das war die eher mittelelegante Notlösung, um nicht nur Standardschriften benutzen zu können, die auf fast allen Computern installiert sind. Inzwischen ist das nicht mehr nötig: Die meisten modernen Browser beherrschen die Möglichkeit, eingebettete Schriftarten anzuzeigen. Dadurch ist der Text tatsächlich Text und keine Grafik (und lässt sich zum Beispiel kopieren), und es gibt eigentlich keine Ausrede mehr für die große typographische Monotonie im Netz.

Ich habe allerdings ein Problem: Die Schriften sehen auf dem Mac anders aus als auf dem PC. Das hier ist die Darstellung auf meinem MacBook:

Auf meinem PC im Büro (Windows 7) aber sehen dieselben Buchstaben unabhängig vom verwendeten Browser furchtbar abgemagert aus:

Im Oslog, wo die Überschriftentype „Clarendon Text Pro Bold“ auf dieselbe Art dargestellt wird, fand ich die PC-Ansicht mit ihrer fehlenden Glättung so unansehnlich, dass ich versucht habe, mit einem Schatten für Linderung zu sorgen. Aber das kann doch auf Dauer auch keine Lösung sein.

Weiß ein typophiler Leser vielleicht Abhilfe?

Farbe!

[für SvenR]

Um zwischendurch das Karma-Konto dieses Blogs wieder ein bisschen aufzuladen, ein herzerwärmendes Video (auch wenn es nur Werbung ist):

Der Regisseur des Filmes ist Adam Berg, die Musik „Go Do“ von Jónsi, und angeblich ist all das, was da zu sehen ist, echt: Mit dem „Let’s Colour Project“ hat Dulux Menschen in Rio de Janeiro, Paris, London und Jodhpur ihre Straßen und Häuser farbig anstreichen lassen.

Was für eine einfache, schöne Werbeidee.

Unter Nazi-Content-Produzenten

Auf „Welt Online“ ist in der Zwischenzeit ein gutes halbes Dutzend Artikel über die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und ihre Formulierung vom „inneren Reichsparteitag“ produziert worden, routiniert angereichert mit einer 53-sekündigen Videodokumentation „So begann der zweite Weltkrieg“, einer 22-teiligen Bildergalerie über Leni Riefenstahl und einer 52-teiligen Klickstrecke „Etappen des Krieges in Europa“.

An einer anderen Stelle musste „Welt Online“ seine Nazi-Content-Produktionsmaschine allerdings stoppen. Aus dem Artikel „Müller-Hohenstein spricht von ‚Reichsparteitag'“ wurde klammheimlich ein ganzer Absatz entfernt, nämlich dieser:

Die Löschung ist nicht überraschend, denn so, wie das da steht, hat sich Eva Herman nicht geäußert. Die frühere Fernsehmoderatorin hat dem Springer-Verlag bereits früher eine ähnliche Formulierung gerichtlich untersagen lassen und Schmerzensgeld erwirkt.

(Das würde mich an der Stelle von Katrin Müller-Hohenstein am meisten wurmen: Dass sie sich ausgerechnet von solchen Leuten einen gedankenlosen Umgang mit Sprache und dem Dritten Reich vorwerfen lassen muss.)

Das Schwesterangebot morgenpost.de hatte den Artikel von „Welt Online“ wie üblich übernommen — dort erscheint jetzt nur noch eine Fehlermeldung.

Erstaunlicherweise hatte auch das Online-Angebot des „Stern“ den „Welt Online“-Artikel auf seinen Seiten republiziert — und irgendwann noch der außerordentlich dämlichen und irreführenden Formulierung aufgepeppt: „Selbst die BundesRegierung schaltete sich ein.“ (In Wahrheit hatte ein Sprecher auf Nachfrage gesagt, dass man sich nicht einschalten werde.)

Müller-Hohenstein und Kloses "Reichsparteitag" Im Alltag hat sich die unselige Sprachwendung gehalten, nun ist ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein darüber gestolpert. Einen "inneren Reichsparteitag" habe Miroslav Klose nach seinem Tor gegen Austalien gefeiert. Mit dem Spruch brachte sie die Internet-Gemeinde in Rage. Selbst die Regierung schaltete sich ein.

Jedenfalls ließ auch stern.de den Absatz über Eva Herman ohne ein Wort der Erklärung oder Entschuldigung unauffällig verschwinden. Meine Fragen, warum das korrigiert wurde und warum stern.de solche Korrekturen nicht transparent macht, ließ die Redaktionsleitung trotz einer ausführlichen Antwortmail offen — ebenso meine Erkundigungen, was stern.de dazu bewogen hat, diesen „Welt Online“-Artikel wiederzuverwerten und ob es nicht möglich gewesen wäre, ihn vorher zu redigieren oder zumindest die Fehler zu korrigieren. Redaktionsleiter Frank Thomsen teilt mir allerdings mit, stern.de habe „für die Dauer der WM auch mit Welt Online verabredet, gegenseitig einzelne Stücke auszutauschen, wenn es passt und die jeweiligen Leser etwas davon haben.“

stern.de hat die Zahl seiner festen Mitarbeiter kürzlich reduziert. Ein Beispiel für einen Text, den „Welt Online“ im Rahmen dieses „Austausches“ von stern.de übernommen hat, hat mir Thomsen bislang nicht genannt.

Übrigens ist auch im Online-Ableger der „Süddeutschen Zeitung“ ein Absatz über Eva Herman verschwunden. Ursprünglich stand dort in einem Artikel über das bizarre Comeback Hermans als Internet-Nachrichtensprecherin für Verschwörungstheoretiker auf den Seiten des Kopp-Verlages:

Zum anderen, viel schlimmer, werden bei Kopp auch die Bücher von rechtsextrem-esoterischen Verschwörern wie Jan Udo Holey verlegt. Holey gilt dem Verfassungsschutz als Rechtsextremist, er wurde wegen Volksverhetzung vor Gericht gestellt. Bei diesen Autoren hat Herman ihren Platz gefunden…

In Wahrheit bewirbt Kopp die Bücher Holeys zwar und hat sie in sein Vertriebssortiment aufgenommen — sie erscheinen aber nicht bei Kopp, sondern in Holeys eigenem Verlag. In der gedruckten Ausgabe musste die „Süddeutsche Zeitung“ eine Korrektur drucken. Auf sueddeutsche.de wurden einfach, ohne jeden Hinweis auf die falsche Berichterstattung, die entsprechenden Sätze entfernt.

Kommt halt alles nicht so drauf an. Außer, was eine unbeliebte Sportmoderatorin unbedacht im Fernsehen sagt, natürlich.

Nachtrag, 20.25 Uhr. Der Ursprungsartikel von „Welt Online“, „Müller-Hohenstein spricht von ‚Reichsparteitag'“, scheint jetzt ganz gelöscht worden zu sein.

Ein innerer Reichsparteitag

Das ist jetzt nicht wahr, oder? Dass es eine mittelgroße Empörungswelle gibt, weil ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein in der Halbzeitpause eines Fußballspiels, das offenbar gerade stattgefunden hat, gesagt hat, für Miroslav Klose müsse sein Treffer doch „ein innerer Reichsparteitag“ sein?

Für mich ist das eine alltägliche Redewendung, um einen besonderen Triumph zu beschreiben, ein Gefühl von Schadenfreude oder die Genugtuung, es allen gezeigt zu haben. Von mir aus können wir gerne darüber diskutieren, ob das eine besonders passende oder geschmackvolle Redewendung ist — aber doch nicht ernsthaft darüber, dass der öffentliche Gebrauch der Formulierung einen Nazi-Skandal darstellt?

Oh doch. Die immer um billige Aufmerksamkeit heischenden Klickstreckenproduzenten von „Welt Online“ begannen sofort zu hyperventilieren:

Der Artikel wurde offenbar hektisch auf- und umgeschrieben. Anfangs hieß es in sicher irgendwie bedeutungsvoller Ausführlichkeit:

Diese Redewendung bezieht sich auf die Reichsparteitage der NSDAP in den 1930er Jahren, die mit ihren Aufmärschen, Paraden, Appellen, Totengedenken und Wehrmachtsvorführungen in ihrem Repräsentationsgebaren den Charakter einer offiziellen Staatsfeier trugen. Sie dienten der Demonstration des absoluten Machtanspruches der NSDAP und der Ideologie des NS-Staates: Disziplin und Ordnung, die Unterwerfung des Individuums unter einen gemeinsamen Willen.

(Den wesentlichen Teil davon hat der diensthabende Content-Produzent sicherheitshalber von den Seiten des Deutschen Historischen Museums kopiert.)

Später verunglückte ein neuer Formulierungs- und Skandalisierungsversuch so:

Reichsparteitage beziehen sich auf die Veranstaltungen, bei denen Adolf Hitlers NSDAP besonders ab 1933 ihre verhängnisvolle, menschenverachtende Propaganda im großen Stil ausbreitete.

Offenbar ist der Gebrauch der Redewendung für die „Welt“ ein schlimmer Tabubruch, wobei… nö:

„Welch innerer Reichsparteitag muss es jenem englischen Journalisten gewesen sein, dem damals die Bezeichnung „Bum-Bum-Boris“ einfiel (…).“
(„Welt“, 15. Dezember 2000)

„Dort überall kreuzt nämlich die ganze Julian-Clique auf (…) – bis sie dann alle Mann hoch ihren inneren Reichsparteitag in Gorleben, als Gegner der Castor-Transporte natürlich, erleben. “
(„Welt“, 19. Februar 2005)

„Tja, der vergangene Sonntag war den ehemaligen SED-Politikern, die sich heute in der Linken versammeln, ein innerer Reichsparteitag.“
(„Welt“, 30. Januar 2008)

Schlimm scheint es vor allem zu sein, wenn Frauen eine solche Formulierung gebrauchen. Denn Frauen machen beim Fußball, wie „Welt Online“-Autor Jörg Winterfeldt weiß, immer Fehler:

Traditionell haben Frauen es im medialen Fußball-Umfeld schwer. Das haben gerade im ZDF immer wieder leidvoll Frontfrauen erfahren müssen von Carmen Thomas, die bis heute noch gelegentlich auf ihren Fauxpas „Schalke 05“ aus dem Juli 1973 reduziert wird, bis zu Christine Reinhart, die ab 1993 zwei Jahre lang im Sportstudio moderieren durfte.

Doch Müller-Hohenstein hatte sich vor der WM sehr aggressiv zu vermarkten versucht und nun gleich bei ihrem ersten großen Auftritt schwer gepatzt (…)

Die „sehr aggressive“ Vermarktung muss mir irgendwie entgangen sein, was bei meinem Desinteresse an Fußball natürlich nicht ausgeschlossen ist — aber ist es nicht interessant, dass vermeintliche „Patzer“, die Frauen machen, von Quatschmedien wie „Welt Online“ immer mit ihrem Geschlecht in Verbindung gebracht werden? Wo bleibt, wenn Johannes B. Kerner wieder einmal Unsinn verzapft hat, die Bildergalerie zum Thema „peinliche Fehltritte von Männern“?

Besonders niedlich ist der Nazifizierungsversuch von „Welt Online“ aber auch in seiner Ahnungslosigkeit über das Kommunikationsverhalten der Menschen bei „Twitter“:

Der Fehltritt geriet so folgenschwer, dass viele Fans sich in der zweiten Halbzeit schon vor den Computer setzten, statt sich ganz der zweiten Halbzeit von Deutschlands erstem WM-Auftritt in Südafrika zu widmen.

Man sieht sie förmlich, die Massen, die sich vor dem geistigen Auge des Autors mit den Armen in den Hüften vom Platz vor dem Fernseher erhoben oder empört von der Public-Viewing-Party nach Hause stapften, um dort erst einmal vor lauter Ärger den Computer hochzufahren — als hätten die Leute, von denen da „gewettert, getwittert und in sozialen Netzwerken online diskutiert“ wurde, nicht ohnehin vor dem Computer gesessen.

Und dann holt „Welt Online“ auch noch Eva Herman aus der Kiste:

Besonders erstaunlich scheint Müller-Hohensteins Entgleisung vor dem Hintergrund, dass erst unlängst eine Moderatorinnenkollegin mit Vergleichen zu Hitlers Herrschaft für einen Skandal und in der Folge ihre Entlassung gesorgt hatte: Die frühere Nachrichtensprecherin Eva Herman hatte den Umgang der Nationalsozialisten mit Werten wie Kinder, Mütter, Familien und Zusammenhalt, „als das, was gut war“ charakterisiert.

Sehen wir einmal von den falschen Anführungszeichen und dem angestrengten Versuch ab, eine nicht vorhandene Parallele zu konstruieren und dem Wörtchen „unlängst“ auch noch eine mehrjährige Zeitspanne aufzubürden — dass Eva Herman mit ihrem inzwischen berüchtigten Worthaufen den „Umgang der Nationalsozialisten“ mit diesen Werten als positiv einstufte, ist mindestens umstritten, und das Oberlandesgericht Köln hat dem Axel-Springer-Verlag untersagt, Herman so zu zitieren, als habe sie den Nationalsozialismus in Teilen gutgeheißen.

Und die ganze Aufregung, das ganze schlimme „Welt Online“-Gemurkse, weil Katrin Müller-Hohenstein von einem „inneren Reichsparteitag“ gesprochen hat? Weiß jemand, ob die in Südafrika Autobahnen haben?

PS: Leider haben sich auch die Freunde von „11 Freunde“ in für mich unfassbare Rage geschrieben („Katrin Müller-Hohenstein bettelt um ihre Entlassung“), aber mein Empörungsempörungspotential ist nun erschöpft.

Angela Merkel findet keine Worte mehr

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Man müsste die Menschen inzwischen davon abhalten, versehentlich Sender wie Phoenix einzuschalten. Nicht auszudenken, welchen Einfluss es auf die Politikverdrossenheit im Land hat, wenn eine größere Zahl von Bürgern häufiger die Bundeskanzlerin im ungekürzten Original reden hören würde – wie neulich nach der Sparklausur der Bundesregierung vor der Bundespressekonferenz: „Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2011, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Finanzplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: Dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unseres Landes. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.“

Man sehnt sich fast nach abgegriffenen Bildern wie einem enger zu schnallenden Gürtel, nach irgendeinem Appell, nach etwas Scheinkonkretem, einem Substantiv, an dem man sich festhalten könnte anstelle der ganzen dürren „das“ und „dieses“ und „diese Dinge“. Selbst ihr vermeintliches „Machtwort“, das sie Tage später sprechen wird, mündet in die hilflose Formulierung, es gehe jetzt darum, „dass wir das jetzt Realität werden lassen“.

Das einzig Konkrete, auf das sich Merkel einlässt, ist die Dauer der Verhandlungen. Die siebzehn Stunden müssen den Ernst der Lage symbolisieren und die Ernsthaftigkeit des Lösungsversuches beweisen. Sie dienen als Scheinbeleg dafür, dass es unvernünftig wäre, jetzt noch über den Inhalt des beschlossenen Paketes zu streiten.

Merkel sagt: „Wir haben uns vorgenommen, Deutschland zu einer Bildungsrepublik zu entwickeln. Wir wissen, dass wir auf einem guten Niveau aufbauen können. Aber wir wissen auch, dass noch eine lange Strecke zurückzulegen ist, bevor wir unser Ziel erreichen können.“ Merkel sagt: „Wir wollen das Zeitalter der erneuerbaren Energien erreichen.“ Merkel sagt: „Wir haben im Rahmen der Neujustierung von Sozialgesetzen vor allem darauf geachtet, wie wir die Arbeitsmarktpolitik auch effizienter gestalten.“ Merkel will „die Arbeitsvermittlung zielgerichteter ausrichten können, und wir veranschlagen auch durch diese zielgerichtetere Arbeitsmarktpolitik ausgerichtet auf bestimmte Gruppen dann, dass wir in den Jahren 2013 und 2014 dann auch sichtbare Erfolge sehen in Form von geringeren Leistungen für Hartz-IV-Empfänger“. Merkel will „nach der Bewältigung der Krise in die Exit-Strategie einsteigen“. Und Merkel will „die Bundeswehr zukunftsfähig machen. (. . .) Hier werden wir natürlich auch in den nächsten Monaten sehr intensiv darüber sprechen müssen, was das bedeutet und welche notwendigen Strukturänderungen hier vorgesehen sind.“

Das ist das Äußerste, das man von dieser Bundeskanzlerin erwarten kann: dass man „sehr intensiv“ über etwas spricht. Es ist auch ihr Trick, wenn sie selbst zu ahnen scheint, dass ihre Sätze so abgemagert und blutleer sind, dass womöglich selbst die abgestumpftesten professionellen Beobachter sie nicht mehr als berichtenswert oder nachrichtentauglich akzeptieren würden: Sie streut Wörter wie „wirklich“ oder „konkret“ oder gar „sehr praktisch“ über ihre Sätze. Dann schaffen es selbst ihre Sprachhülsen wie die über ihre Gespräche mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew in die „Tagesschau“: „Deshalb ist die Zeit gekommen, hier wirklich in eine Phase einzutreten, wo wir sehr konkret sagen, was müsste gemacht werden . . .“ Oder: „Ich hoffe, dass wir auf einem sehr praktischen Pfad dazu kämen, unsere Zusammenarbeit auf eine neue Stufe zu heben.“

Als die Regierungsparteien im Reichstag ihren Präsidentenkandidaten Christian Wulff vorstellten, erklärte die Bundeskanzlerin der Nation diese Wahl damit, dass er „in einer Zeit, in der es um die Zukunft Europas geht, Verantwortung für unser Land übernimmt und bereit ist, auch mit den Menschen einen Weg zu gehen, der sicherlich nicht immer auch in den nächsten Jahren einfach ist, aber auch ein Land zu repräsentieren, das ein wunderbares Land ist, und in dem wir natürlich auch eine gute Zukunft gestalten wollen“.

Man muss davon ausgehen, dass sie das genau so meint, in aller Formelhaftigkeit, die man trotz des Bildes vom gemeinsamen Wandern des Volkes mit dem Bundespräsidenten nicht einmal mehr blumig nennen mag.

Die Sprache der Angela Merkel wirkt längst nicht mehr so, als würde die Kanzlerin bloß, wie es Politiker immer schon getan haben, vage formulieren, um keine Angriffsflächen zu bieten. Es scheint, als habe sich diese hohle, technokratische, abstrakte, phantasielose Sprache, umgekehrt, längst des Denkens bemächtigt. Als sei sie kein Mittel zum Zweck mehr, sondern Ausdruck einer tatsächlichen Beschränktheit. Ohnehin sind die Zeiten vorbei, in denen die alten Verschleierungs- und Beschönigungstaktiken sinnvoll erscheinen könnten – und, wie Merkel, nicht vom Senken von Ausgaben zu sprechen, sondern vom „Verstetigen von Ansätzen“ und vom „Austarieren von Lücken“.

Das Beschreiten von Wegen und das Gestalten von Zukunft sind die beiden Metaphern, die Merkels Sprache dominieren. Vor allem letztere korrespondiert dabei mit einer echten Sorge der Menschen: Ob Politik heute und morgen überhaupt noch die Möglichkeit hat, die Lebensverhältnisse entscheidend zu bestimmen. Umso verheerender ist es, dass Merkel ausgerechnet daraus ihre Lieblingsleerformel geschnitzt hat – es aber natürlich dabei belässt, zu fordern, dass die Zukunft gestaltet können werden muss, ohne zu sagen, welche Gestalt sie denn nach ihren Vorstellungen haben soll.

Tragisch ist es allerdings, wenn der interessierte Bürger nicht einmal mehr in den Journalisten Verbündete hat im Kampf gegen die erschütternde Sprachlosigkeit der Mächtigen. Nach der traurigen Präsentation von Wulff als Präsidentenkandidaten, die weniger als vier Minuten dauerte, an deren Ende die routiniert vorgetragenen Leerformeln schon wieder vergessen waren, zeigte sich die Hauptstadtbüroleiterin des ZDF sehr angetan. „Dieses war, wie es sein sollte“, kommentierte Bettina Schausten direkt im Anschluss, „nämlich eine würdige Präsentation. Alle haben dies kurz und knapp, aber durchaus mit Freude im Gesicht absolviert.“ Als „würdig“ müsste man demnach ungefähr jeden öffentlichen Auftritt bewerten, der ohne Einsatz von Furzkissen auskommt.