3000 Euro für die beste Web-Reportage

Geld verdienen mit Qualitätsjournalismus im Internet? Nichts leichter als das. Das „Reporter-Forum“ bietet 3000 Euro für eine einzige Reportage. Sie muss nur herausragend sein.

Das habe ich vergangenes Jahr schon geschrieben, als der „Reporterpreis“ zum ersten Mal verliehen wurde. (Nur dass es damals noch 5000 Euro waren, aber diesmal gibt es insgesamt acht statt vier Kategorien, und die beste StrickWeb-Reportage ist nur eine davon.) Anscheinend ist die Zahl der Einreichungen in der Online-Kategorie bisher sehr überschaubar, was natürlich umgekehrt bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, Geld und Ruhm abzustauben, besonders groß ist.

Aber noch sind zwei Wochen Zeit, gelungene Reportagen vorzuschlagen. In der Jury sitzen u.a. Katrin Passig und ich. Alle weiteren Details stehen hier.

Sarrazin bei Stuckrad-Barre

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Zum Sinn von Parteiausschlussverfahren sagt Thilo Sarrazin dies: „Jeder Verein hat ja Ziele. Wenn jemand in einem Verein Handball spielen will, und es ist ein Fußballverein, und er will den Ball immer mit der Hand anfassen, dann gehört er nicht in einen Fußballverein, dann soll er in einen Handballverein gehen.“ Was für ein schöner, treffender Vergleich. Was für ein angenehmer Kontrast zu all den Hysterikern und Demagogen, die behaupten, die Meinungsfreiheit sei bedroht, wenn Worte Konsequenzen haben, und damit in Wahrheit gegen das Recht kämpfen, Sarrazin zu widersprechen.

Als Sarrazin den Vergleich machte, hatte er gerade das erste und, wie er damals noch glaubte, einzige Ausschlussverfahren aus der SPD hinter sich. Es war Juni, und er war Gast in der Versuchssendung einer Late-Night-Show mit Benjamin von Stuckrad-Barre, die vom nächsten Jahr an auf ZDFneo laufen soll. Ein kurzer Ausschnitt, in dem beide „Wer bin ich?“ spielen und Sarrazin Stuckrad die Rolle des Joseph Goebbels zugedacht hatte („der Mann war sehr gut mit Worten, ein Menschenverführer“), war bei YouTube aufgetaucht. Das ZDF ließ ihn löschen und veröffentlichte stattdessen dankenswerterweise die ganze Sendung. Es ist ein erstaunliches Dokument – auch dafür, wie unterhaltsam und erkenntnisstiftend eine solche Show mit dem ununterbrochen zwischen sinnloser Albernheit und genialer Wachheit flackernden Stuckrad-Barre sein kann.

Die beiden Protagonisten wirken einander auf merkwürdige Weise ähnlich: ungelenk, faszinierend unberechenbar, süchtig nach Aufmerksamkeit. Stuckrad angriffslustig, hyperaktiv, der mitten im Small-Talk einfach mal die Frage verschießt: „Sind Sie ein Rassist“ (und nach dem kurzen Knalleffekt natürlich sofort wieder vergisst), Sarrazin bedächtig, vorsichtig um die aufgestellten Fallen herumtänzelnd (obwohl die größte schon die war, überhaupt in eine solche Show zu gehen). Und obwohl Stuckrad an den Inhalten am wenigsten interessiert ist, entlockt er Sarrazin kluge Sätze – wie den, auf den ironisch-naiven Vorhalt, dass er seine ausländerkritischen Thesen doch einfach auch „netter“ formulieren könnte: „Sage ich es anders, sage ich auch etwas anderes.“ Das ist auf so selbstblinde Weise hellsichtig und treffend, das es beim Angucken wehtut.

Neue Sackgassen für alle!

Gut, dass eh gerade keine größeren Debatten laufen, die ich medienjournalistisch in diesem Blog begleiten könnte, so kann ich in Ruhe die Gewinner meines kleinen Hauck-&-Bauer-Gewinnspiels bekanntgeben. Gesucht war ein Text zu dieser Zeichnung:

Und die Gewinnzahlen lauten: 1, 14, 46, 57 und 132. Oder konkret:

  • „Endlich abwärts.“ (reizzentrum)
  • Der Traum, an dessen Ende Ludwig P. tot vorm Schlafzimmerschrank gefunden wurde. (haekelschwein)
  • Bis zu exakt diesem Punkt konnte man jeden von Jörgs Sprüngen als ausgesprochen grazil bezeichnen. (Timo)
  • Dass der Verein Piranhas e.V. sich ebenfalls gegen die geplante Schließung des Freibades engagierte, hatte Bürgermeister Müller noch nicht in vollem Umfang realisiert. (Torsten)
  • http://twitpic.com/2kidil (sapere aude)

Diese fünf sind die Favoriten von Elias Hauck und Dominik Bauer. Sie gewinnen jeweils eine Ausgabe des gerade erschienenen Buches von Hauck & Bauer, „Hier entsteht für Sie eine neue Sackgasse“. (Falls es einen ersten Preis gäbe, ginge er an Timo.)

Um das schlechte Karma auszugleichen, geht ein weiteres Exemplar an den „Agnostiker“ für seinen Kommentar:

  • Ich hatte befürchtet irgendwann behaupten zu müssen, dass Mario Barth lustiger ist als irgendetwas. Heute ist es soweit, leider.

Kein Buch, aber eine lobende Erwähnung, gibt es für den Vorschlag:

  • Der Frost kam früh im letzten Jahr, bracht’ Eis – nicht nur auf Wegen.
    Finanzrat Dückler lebt nicht mehr – für manche war’s ein Segen. (hadron)

Das ist einer meiner persönlichen Favoriten. Er musste leider mangels Eis im Bild disqualifiziert werden.

Die mit einer Million Euro dotierte Aufgabe, den Original-Text des Cartoons zu erraten, wurde nicht gelöst. Die richtige Antwort hätte gelautet:

  • „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich eigentlich alle Leute erotisch finde.“

Die Autoren legen Wert auf den Hinweis, dass sie das auch selbst nicht lustig finden.

Allen Teilnehmern vielen Dank fürs Mitmachen!

Henryk M. Broder

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Auch Henryk M. Broder ist ein Opfer von Thilo Sarrazin. Seit Jahren müht er sich, Oberprovokateur der Republik zu werden, stapelt unermüdlich Polemik auf Polemik, arbeitet sich am Islam und anderen echten oder imaginären Tabus ab und wettert in den reichweitenstärksten Medien des Landes gegen den Medien-Mainstream, und dann kommt so einer daher und lässt ihn mit einem Mal wie einen Waschlappen aussehen. So bleibt ihm als Fluchtpunkt nur der Nihilismus. In den Talkshows war lange schon sichtbar, dass Broder ungleich mehr an der nächsten Pointe gelegen ist, als an einem inhaltlichen Streit. Das ist nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Talkshowgast, aber auf Dauer in ihrer Fruchtlosigkeit oder genauer: ihrem demonstrativen Desinteresse an jeder Form möglicher Fruchtbarkeit ermüdend.

Am Donnerstag bei Maybritt Illner hatte er sich vollkommen in einen bunt schillernden Mirdochegal-Anzug aus Teflon zurückgezogen. Mit wissenschaftlichen Argumenten zum Beispiel muss man ihm gar nicht kommen, denn Broder weiß: „Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse verjähren spätestens nach fünf Jahren und werden durch gegenteilige Ergebnisse ersetzt.“ Bezieht sich jemand auf das Selbstbild Deutschlands zur Weltmeisterschaft, sagt er: „Fußball geht mir sowieso am Arsch vorbei.“ Macht ihn jemand auf einen möglichen Widerspruch zu früheren Positionen aufmerksam, erwidert er reflexartig: „Ich bin älter geworden. Vielleicht auch reifer.“

Es ist sinnlos, mit ihm zu diskutieren – es sei denn, der Sinn bestünde bloß darin, Sätze zu provozieren wie den über einen Möllemann-Vergleich: „Das ist ein Vergleich, den können sie runterfallen lassen aus 4000 Metern Höhe, ohne Fallschirm, es würde nichts passieren.“ Tatsachen, auch nur der bloße Versuch, herauszufinden, wie etwas ist – das interessiert ihn nicht. Er muss nur den Namen eines interkulturellen Projektes hören, um die Augen zu rollen: Das kann nichts sein.

Dass die Kanzlerin Sarrazins Buch als „nicht hilfreich“ bezeichnet hat, „grenzt an die übelste Tradition der Reichsschrifttumskammer“, sagt er noch. Er erntet dafür drei Sekunden Empörung, aber dann diskutieren alle wieder über Sarrazins Entgleisungen und nicht über Broders.

Fast kann er einem leidtun.

Mit Hauck & Bauer Hauck & Bauer gewinnen

Eigentlich hätte dieser wunderbare Cartoon der Titel der neuen Sammlung von Witzbildchen von Hauck & Bauer sein sollen. Aber dann kam etwas dazwischen, und nun heißt das Buch „Hier entsteht für Sie eine neue Sackgasse“. Es ist ein Werk, das ich rundherum empfehlen kann, ich habe nämlich das Vorwort dafür geschrieben.

Es war mein erstes Gast-Vorwort, eine große Ehre und eine kleine Last, denn eigentlich weiß ich gar nicht, was die Menschen von so einem Vorwort erwarten, und zweitens soll es, wenn man die Leute und ihre Kunst schon mag (und ich mag Hauck & Bauer und vor allem ihre Strips „Am Rande der Gesellschaft“ am Rande des Gesellschaftsteils der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sehr), ja auch gut werden und treffend. Ich habe es aber dann doch geschafft, den Abgabetermin nur um wenige Wochen zu überziehen.

Immerhin erspart mir der fertige Text jetzt die Mühe, zu versuchen, die Witzigkeit von Hauck & Bauers Cartoons zu erklären — ich verweise da einfach auf das Standardwerk zum Thema und komme gleich zur Sache.

Ich habe nämlich die Freude, fünf Exemplare von „Hier entsteht für Sie eine neue Sackgasse“ verschenken zu dürfen. Und damit das nicht nur so eine olle Verlosungsaktion wird, habe ich mir zusammen mit den jungen Herren Künstlern einen kleinen Wettbewerb ausgedacht. Es geht um folgenden, unveröffentlichten Cartoon:

Und hier nun die beiden Gewinnmöglichkeiten:

(A) Erraten Sie den Originaltext.
(B) Denken Sie sich einen lustigen Text aus: Was denkt der Mann?

Wer die richtige Antwort bei (A) errät, gewinnt 1 Mio Euro. ((sicherheitshalber muss er außerdem im richtigen Moment die richtige Leitung getroffen haben, aber ich bin zuversichtlich, darauf nicht zurückgreifen zu müssen.))

Wer zu den fünf lustigsten Einsendungen von (B) gehört, bekommt das Buch. Antworten einfach in die Kommentare oder an hauckbauer@stefan-niggemeier.de. Einsendeschluss ist der kommende Freitag, 3. September; die Jury besteht aus Elias Hauck, Dominik Bauer und notfalls mir.

Alle, die nicht gewinnen, müssen sich halt das Buch kaufen. Es enthält neben ausgewählten Cartoons und Comics aus der „FAS“, der „Titanic“ und der Witzrubrik von „Spiegel Online“ auch einzelne zuvor unveröffentlichte Werke und ist ab heute im gut sortierten Fachhandel erhältlich.

Hauck & Bauer

Vorwort zum Buch „Hier entsteht für Sie eine neue Sackgasse“.

Ich finde die Cartoons von Hauck & Bauer total lustig.

In einer perfekten Welt würde dieser Satz reichen. Man würde ihn einfach aufs Cover schreiben, und die Leute in den Buchhandlungen würden beim Vorbeigehen stutzen und zueinander sagen: „Kuck mal, Ulla, ich weiß zwar nicht, wer dieser ‚Niggemeier‘ ist, aber der kennt sich bestimmt aus; lass uns doch ein Buch mitnehmen oder besser gleich zwei, weil Lustiges kann man ja nie genug haben“, und allen wäre gedient: mir, den amüsierbereiten Käufern, dem Verlag und nicht zuletzt den sympathischen jungen Herren namens Elias Hauck und Dominik Bauer.

Dass es keine perfekte Welt ist, merken Sie schon daran, dass dieser Text nicht auf dem Cover steht, sondern sich im Buch versteckt. Und nun weiß ich zwar weder, was das für Menschen sind, die sich in einem Buch mit Witzbildchen ausgerechnet den witz- und bildlosen Text durchlesen, noch, was sie sich davon versprechen, aber ich fürchte: jedenfalls mehr als einen Satz.

Ich habe mir deshalb Gedanken gemacht, was die Cartoons von Hauck & Bauer so lustig macht. Ich bin dafür nicht besonders prädestiniert, ich bin ja kein Experte, sondern schreibe nur zufällig eine Fernsehkolumne in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, in der am Rande des Gesellschaftsteils die wunderbare Reihe „Am Rande der Gesellschaft“ erscheint (wenn Sie die Wirtschaftsteile unauffällig entfernen, liegen sie direkt aufeinander, meine Texte und deren Cartoons). Aber ich bin Fan, und nach längerem Grübeln ist mir eine Erklärung eingefallen: Diese gezeichneten Szenen funktionieren wie Stenographie, wie eine Kurzschrift auf das Leben. Im Geist ergänzen wir die dürren Linien zu kompletten Portraits und die kargen Dialoge zu vollständigen Geschichten.

Ich weiß nicht, wie sie das machen, und ich will nicht ausschließen, dass es nur meine Einbildung ist, aber das Schaf zum Beispiel, das da auf einem Hügel steht und versuchsweise „Mööh“ sagt, bis es vom Schäfer zur Ordnung gerufen wird – ich bin überzeugt davon, dass es mich im vierten Panel mit hochgezogenen Augenbrauen anguckt, wie ein Komiker, der am Ende eines Sketches stumpf in die Kamera schaut. Nun haben nicht nur Schafe keine richtigen Augenbrauen, sondern das Zeichenschaf auch nicht einmal ein Gesicht. Nur einen Kreis mit einem Blumenkohlkringel als Flauschkopf. Und trotzdem guckt es mich provozierend an.

Zwei, drei Striche auf einem Kopf identifizieren wir sofort als einen Scheitel, und den Mann, der ihn trägt, als eine typische Figur aus der Nachbarschaft. Die Leute, die die Cartoons von Hauck & Bauer bevölkern, sehen natürlich selten so aus wie wir oder unsere Freunde, sondern wie die etwas komischen Leute, die im Supermarkt vor einem stehen oder in der Bahn hinter einem sitzen. Es sind keine Karikaturen von Extremen: Der größte Teil des Personals, das in der Welt von Hauck & Bauer lebt, sind mittelalte, unauffällige, ein bisschen spießige Menschen. Aber sie haben Charakter, sie scheinen auch außerhalb der Umrandung der Zeichnung zu existieren, man kann sie wieder erkennen: Sie sind lebensecht. Das ist erstaunlich angesichts der minimalistischen, flüchtig hingeworfen wirkenden Art, in der sie gezeichnet sind. Aber die paar Striche sind alles, was wir brauchen, um die Figuren im Kopf selbst auszumalen.

Jener Mann zum Beispiel, der vor der Seminartür steht und feststellen muss, dass der Kurs „Positiv denken“ leider ausfällt. Der Witz lebt nicht zuletzt von der echten Tragik, die sich in in seinen Augen spiegelt und dadurch noch verstärkt wird, dass er ganz offenkundig seine Hausaufgaben gemacht hat: Worin auch immer sie bestanden haben mögen, er trägt sie als Stapel brav unter dem Arm. Sie sind Papier gewordenes Symbol für die Hoffnung, die sich dieser Mann gemacht hat, und für die unverschuldete Enttäuschung, die sicher Spuren hinterlassen wird. Wir wissen ungefähr nichts über diese traurige Figur, aber wir ahnen alles.

Die Cartoons sind Alltagsbeobachtungen, mal böse, mal tragikomisch. Die Geschichten, die Dominik Bauer sich ausdenkt und Elias Hauck zeichnet, schaffen das Kunststück, gleichzeitig wahr und abseitig zu sein.

Es sind Miniaturen, die die Natur des Menschen und die Komplexität der modernen Welt als Resonanzkörper…

Nein, Moment. Das ist Unsinn. Vermutlich tut man Hauck & Bauer und ihren Cartoons damit Unrecht. Auch ein Strichmännchen hat ein Recht darauf, einfach Strichmännchen zu sein und ein Witz nur ein Witz.

Denn auch und vor allem das zeichnet die Werke in diesem Buch aus: Die hemmungslose Lust am Unfug. Eine bekloppte Situation zu schaffen, einen Kalauer auszureizen, eine billige Pointe zu veredeln – herrlich albern zu sein. Sie schaffen das mit einem traumwandlerischen Gespür für das Absurde, das im Normalen steckt und nur einen winzigen Millimeter neben dem Bekannten liegt, und einer bewundernswerten Leichtigkeit.

Aber ich fürchte, ich bin damit dann doch wieder bei dem Satz: Ich finde die Cartoons von Hauck & Bauer total lustig.

Frank Plasberg

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn man den Moderator einer politischen Talkshow nach Betrachten seiner Arbeit fragen möchte, ob er unser politisches System verstanden hat. Ob er weiß, dass es auf einem Wettstreit von Ideen und Personen beruht. Und es darum merkwürdig ist, einen Politiker wie Norbert Röttgen, der den CDU-Mitgliedern in Nordrhein-Westfalen durch seine Kandidatur um den Parteivorsitz die Möglichkeit gibt, eine Wahl zu treffen, fast als eine Art selbstmörderischen Irren darzustellen. Die Redaktion hat sogar eine fiktive „Bild“-Schlagzeile vom Tag nach der möglichen Niederlage Röttgens gebastelt, damit Plasberg ihn fragen kann, ob er sich das auch gut überlegt hat.

Oder der Einspielfilm, in dem gezeigt wurde, dass auch gegen umweltverträgliche Arten der Energiegewinnung immer irgendwo Naturschützer demonstrieren – als sei das keine Binse, als bestünde Politik nicht immer daraus, Abwägungen zu treffen, als belege der Protest gegen ein Wasserkraftwerk irgendwo, dass die Technik auch nicht verträglicher ist als Atomkraft.

Man müsste mal die Eierlikör-Vorräte in der Redaktion von „Hart aber fair“ kontrollieren, oder welche Drogen auch immer zu der Idee geführt haben, dem Umweltminister drei Landschaftsaufnahmen von Brücken zu zeigen, damit er auswählt, welche seiner Vorstellung vom Einsatz der Atomenergie als Brücken-(!)-Technologie entspricht (Plasberg: „A, B oder C, Herr Röttgen!“).

Es war eine lächerliche einhundertste Sendung im Ersten, die wie eine doppelte Karikatur wirkte. Eine Karikatur auf eine Berichterstattung über Politik, die nur noch daraus besteht, Haltungsnoten zu verteilen. Jeden der erstaunlich zahlreichen Versuche seiner Gäste, über Inhalte zu reden, blockte Plasberg ab und führte die Diskussion auf Stilfragen zurück. Und eine Karikatur auf das, was aus „Hart aber fair“ geworden ist: Die Karnevalsversion einer politischen Talkshow, bestehend nur aus Mätzchen und einer endlosen Abfolge von Tä-täääs. Plasberg stellte Röttgen mit ernster Sinnlosigkeit Fragen wie: „Welche Note würden Sie sich in Rhetorik geben“ und: „Können Sie Kanzler“ – und legte dann treuherzig nach, warum es „politischer Selbstmord“ für einen Politiker wäre, die Frage zu beantworten, als wäre seine Redaktion nicht die erste, die ein entsprechend selbstbewusstes Bekenntnis einem Gast in einem lustigen Einspielfilm immer wieder als selbstmörderische Hybris vorhalten würde…

… was zufällig ein Begriff ist, der einem einfallen kann, wenn man die Interviews liest, die Plasberg zur Jubiläumsshow gegeben hat. Natürlich entspricht es dem üblichen Medienzyklus, dass viele Kritiker den Mann nach Jahren des Lobs jetzt nicht mehr gut finden. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht stimmt.

Wie der „Focus“ Thilo Sarrazins „Ehre“ rettet

Olaf Wilke ist Redakteur beim „Focus“. Das ist kein Job, um den ihn viele beneiden werden. Aber einer muss ihn ja machen, und Wilke ist immerhin „Redakteur für besondere Aufgaben“ im Berliner Korrespondentenbüro der Illustrierten.

Joachim Baier ist Korrespondent der Nachrichtenagentur dpa in Darmstadt. Er hat keinen schillernden Titel und vermutlich hat er auch noch keine Aufmachergeschichte über den anscheinend zukünftigen Bundeskanzler Karl-Theodor zu Guttenberg geschrieben. Baier schreibt Meldungen wie die, dass ein Mann in Grasellenbach-Wahlen seinen Nachbarn mit einer Motorsäge angegriffen und schwer verletzt hat. Aber er berichtet auch bundesweit über den Prozess gegen die Sängerin Nadja Benaissa, der in Darmstadt stattgefunden hat.

In dieser Woche hat Olaf Wilke einen Artikel über Joachim Baier geschrieben. Er hat ihm eine tragende Nebenrolle in einem Stück über den Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin gegeben. Der „Focus“-Redakteur nennt den dpa-Mann einen „Lokalredakteur“, und vermutlich ist das geringschätzig gemeint. In der süffisanten Schilderung von Wilke ist Baier ein kleiner Schreiberling vom Land, der sonst „acht Zeilen für die bunte Seite“ produziert, und als Sarrazin sich am 10. Juni zu einem Vortrag im „Alten Schalthaus“ einfand — einem „drögen Pädagogentreff in der Provinz“, wie Wilke schreibt — die Chance witterte, mal richtig Schlagzeilen zu machen.

Die großen Schlagzeilen sollte er bekommen. Baier meldete am Abend des 10. Juni, dass Sarrazin bei den Arbeitskreisen Schule-Wirtschaft der Unternehmerverbände Südhessen gesagt habe: „Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer.“

Zuwanderer „aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ wiesen weniger Bildung auf als Migranten aus anderen Ländern, dozierte der Bundesbank-Vorstand aus Berlin und bemühte dazu umfangreiche Zahlen.

Einwanderer bekämen auch mehr Kinder als Deutsche. Es gebe „eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz“, sagte Sarrazin. Intelligenz werde von Eltern an Kinder weitergegeben, der Erbanteil liege bei fast 80 Prozent.“

Der „Focus“-Redakteur bezweifelt, dass Sarrazin das so gesagt hat. Er suggeriert, dass der „Lokalreporter“ sich das ausgedacht hat. Sein Artikel beginnt mit dem Satz: „Manche Tage starten gemächlich und geben unversehens Gas, sodass man Gefahr läuft, aus der Kurve zu fliegen.“ Das bezieht sich auf den 10. Juni und Joachim Baier. Später schreibt Wilke:

Es gibt Momente, da werden Lokalreporter zu Helden. Wenn sie eine Exklusivnachricht erbeuten, die zur Spitzenmeldung wird. Wenn sie den Chefs im fernen Berlin zeigen, dass ein Darmstädter Außenposten mehr kann als läppische Berichte über durchgeknallte Sensemänner. In solchen Momenten wäre es fast schade, wenn ein Knurrhahn wie Sarrazin nur einen zahlengespickten Langweilervortrag ablieferte. Baier ist der einzige Journalist im Saal.

Zwischen den letzten beiden, scheinbar harmlosen Sätzen steht unsichtbar, aber unmissverständlich der Vorwurf, der „Lokalredakteur“ Baier habe die Gelegenheit genutzte, sich einen bundesweiten Skandal zurechtzuschnitzen. Der „Focus“ schreibt, Sarrazin habe in einem Brief an „ausgewählte Zeitungsredaktionen“ beteuert, die dpa-Meldung sei falsch.

Die Nachrichtenagentur dpa weist das auf meine Anfrage zurück und hält nachdrücklich an ihrer Darstellung fest: Sarrazin sei korrekt zitiert worden.

Der „Focus“ bietet als Zeugen dagegen Reinhold Stämmler auf, den Gastgeber der Veranstaltung, der sich nicht an ausländerfeindliche Sprüche von Sarrazin erinnern könne, im Gegenteil: Der Bundesbank-Chef habe sich „ausdrücklich wertschätzend über fremde Kulturkreise geäußert“, zitiert der „Focus“ Stämmler.

(Das klingt ein bisschen wie die Beteuerung, nichts gegen Ausländer zu haben, die man doch eher selten von Leuten hört, die tatsächlich nichts gegen Ausländer haben, mal ganz abgesehen davon, dass Sarrazin ganz dezidiert etwas gegen den Islam hat, aber wer weiß, über welche „fremden Kulturkreise“ er sich wertschätzend äußerte, wenn überhaupt.)

Doch „Focus“-Redakteur Wilke geht es mit seinem Artikel in der Illustrierten nicht darum, vor den Gefahren zu warnen, die drohen, wenn kleine Lokaljournalisten über Dinge schreiben, die besser großen „Focus“-Journalisten überlassen blieben. Ihm geht es um die „Medienkultur in unserem Land“, um „politische Korrektheit“ und um die „Medienmühle“, in die Thilo Sarrazin geraten sei, weshalb er nun als „Volksverhetzer“ dastehe.

Zu schreiben, Wilke schätze Sarrazin und seine Ansichten, wäre eine Untertreibung. Der Journalist nennt den Politiker in seinem Artikel in dieser Woche einen Mann „mit Hang zur Provokation, der irrtümlich annimmt, dass seine messerscharfen Argumente allein deshalb jeden Gegner überzeugen, weil sie stimmen“. Wilke hält sich nicht damit auf, das angebliche Zutreffen Sarrazins steiler Thesen in irgendeiner Weise zu belegen, und er stellt nicht die Frage, ob das Problem, das viele Menschen mit seinen Thesen haben, mit der verletzenden, spaltenden Rhetorik zusammenhängen könnte, mit der er sie vorträgt. Wilke stellt fest: Was Sarrazin sagt, stimmt. Wer anderer Meinung ist, muss Unrecht haben.

Schon 2005 beschrieb Wilke Sarrazin im „Focus“ als „Berlins kantiger Finanzsenator mit dem Hang zur unbequemen Wahrheit“. 2008 nannte er ihn „Genosse Tacheles“ und sprach von Sarrazins „Wahrheitsdrang“. Ein Portrait Sarrazins von ihm aus dem April 2010 trug einfach die Überschrift „Der Recht-Haber“.

Dagegen ist selbst die Methode der „Bild“-Zeitung subtil, Sarrazin Recht zu geben. Sie verbrämt seine Rhetorik als „Klartext“ und nennt ihn den „Klartext-Politiker“. Wer dem SPD-Mann öffentlich widerspricht, so ist das wohl zu verstehen, traut sich bloß nicht, die Wahrheit zu sagen. (Der Dienstwahnsinnige Franz Josef Wagner schreibt Sarrazin heute: „Ihr Frevel ist, dass Sie die Wahrheit nicht sanft schreiben.“)

Die „Bild“-Zeitung veröffentlicht in diesen Tagen längere Auszüge aus Sarrazins am Montag erscheinendem Buch „Deutschland schafft sich ab“. Sie tragen Schlagzeilen wie: „Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt und Terrorismus so fließend“ (gemeint ist der Islam), „Wir werden Fremde im eigenen Land!“, „Deutschland wird immer ärmer und dümmer!“ Auch das andere deutsche Leitmedium, der „Spiegel“, wirbt für Sarrazins Buch mit einem Vorabdruck. Eine mächtigere Kombination von Medienpartnern ist kaum denkbar.

Doch für den „Focus“-Mann Wilke ist Sarrazin ein Opfer der Medien. Sein Artikel trägt die Überschrift „Die verlorene Ehre des Thilo S.“ – eine Anspielung auf Heinrich Bölls Roman über eine Frau, die mit „Bild“-Zeitungs-Methoden zugrunde gerichtet wird. Vielleicht kennt man beim „Focus“ den Inhalt des Buches nicht, vermutlich will Wilke die Rolle Thilo Sarrazins allen Ernstes mit der der Katharina Blum gleichsetzen.

Denn auch Sarrazin werde gejagt, von „Meinungswächtern, die Andersdenkende mit dem politischen Strafrecht würgen“. Wilke meint die Menschen, die aufgrund der dpa-Berichterstattung Sarrazin wegen Volksverhetzung angezeigt haben. Wilke schreibt über sie:

Kein Absender einer Strafanzeige war am 10. Juni in Darmstadt selbst dabei. Jeder von ihnen beruft sich auf die dpa-Meldung oder darauf basierende Medienberichte. Die Anzeigeerstatter empören sich gewissermaßen aus zweiter Hand.

Man kann selbstverständlich darüber streiten, ob und in welchen Fällen eine solche Anzeige eine angemessene Reaktion auf eine Meinungsäußerung ist. Aber ich möchte mir keine Welt vorstellen, in der sich Menschen nur über Unrecht empören, das sie unmittelbar selbst erlebt haben.

Wilke stellt die Menschen, die Sarrazin angezeigt haben, als Querulanten dar. Namentlich erwähnt wird unter anderem Klaus-Henning Bähr, ein Beamter aus Oldenburg. Bähr hatte das Zitat Sarrazins bei „Zeit Online“ gelesen und dort kommentiert:

(Es geht hier) um die Frage, ob es hingenommen werden kann, wenn Sarrazin gegen ethnische Minderheiten mit Argumenten polemisiert, die durchaus in das Konzept nationalsozialistischer Rassenhygiene passen. (…) Was ist aus diesem Geschwurbel anderes herauszulesen als die Behauptung, die fraglichen Migranten seien vergleichsweise geistig minderbemittelt, vererben diesen Mangel an ihren vergleichsweise zahlreichen Nachwuchs, der wegen des genetisch bedingten Mangels an Möglichkeiten, diesem „Nachteil“ durch Bildung abzuhelfen, für den statistischen Zuwachs an Dummheit“ verantwortlich ist. (…) Dieser Mann ist eine wandelnde Zeitbombe für unseren inneren Frieden, den man vermutlich nur noch nicht aus dem Verkehr gezogen hat, weil man sich scheute, ihm zum Märtyrer seiner rechtsradikalen Bewunderer zu machen. Der Preis dafür ist hoch: Er schadet dem Ansehen unseres Landes, dem er als Beamter gesetzestreu zu dienen verpflichtet wäre (…).

Sarrazin hält es nicht für nötig, darauf zu antworten. Der „Focus“ schreibt, seine „Streitlust scheint erlahmt“ und zitiert ihn mit den Worten, er wolle den Absendern der Strafsanzeigen nicht durch eine Stellungnahme „zu viel Ehre“ erweisen.

Sarrazin, wir erinnern uns, der Mann, der laut „Focus“ „irrtümlich annimmt, dass seine messerscharfen Argumente allein deshalb jeden Gegner überzeugen, weil sie stimmen“.

Super-Symbolfotos (81)

Gestern versehentlich das „Rundschau-Magazin“ im Bayerischen Fernsehen gesehen. Ich schwöre, der Moderator hat versucht, mich zu hypnotisieren.

Trotzdem schaffte es eine Frage, zu meinem Bewusstsein durchzudringen. Sie lautete: Hä?

Oder genauer: Was möchte uns die „Rundschau“ mit dieser Grafik sagen? Die FDP lastet als tonnenschweres Gewicht auf Guido Westerwelles Schulter? Der Außenminister hat mit seiner Partei echt richtig was an der Backe? Der kleine Westerwelle scheint dem Moderator jedenfalls mit nachvollziehbarer Genervtheit zuzurufen: Hey, Augen-Man, kannst du mal den Mist hier wegmachen?

Weitere Illustrationen des Themas im folgenden Filmbeitrag waren im Vergleich immerhin von erfrischender Klarheit:


(Natürlich könnte man fragen, warum König Guido ein Ortseingangsschild hält und ob damit Geschwindigkeitsbegrenzungen in der Partei verbunden sind, aber, nun.)

Das „Rundschau-Magazin“ ist die Hauptnachrichtensendung des Bayerischen Fernsehens und läuft um neun Uhr abends.